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Alles mögliche über und von Charlotte.

Alles mögliche von Claudia

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Bedingungslose Liebe

Er kommt forschen Schrittes durch den Garten, Einstein mit glatten Haaren, 90 Jahre alt, drückt mir kraftvoll die Hand und wurschtelt aus seiner Plastiktasche ein großes Blatt heraus, ärgert sich, weil es etwas verschrumpelt ist, glättet es liebevoll. Eine Fotokopie, schwarzer Grund, darauf auf rotem Grund Nophretete im Profil, Postreklame, daneben ein ebensolches Profil der blutjungen Charlotte, ein Foto, dessen Rändern man auch auf dieser Fotokopie ansieht, dass es jahrzehntelang wie ein Schatz gehütet, aber doch auch viel Tausend Mal herausgeholt und wieder hineingesteckt worden ist.

Er hat es eilig, mir zu erklären, dass er herausgefunden hat, dass Nophretete im Jahr 1912 entdeckt wurde, eben Charlottes Geburtsjahr.

Seines von Umwelteinflüssen unabhängigen Zustands des Glücks noch nicht gewahr versuche ich, die Zeit zu überbrücken, bringe ihm Kaffee, wir reden von diesem und jenem. Er ist gut beieinander, fast schlagfertig.

Peter kommt, auch ihm wird sofort die Charlotte-Nophretete-Komposition mit allen Erklärungen vorgestellt, dann kommt Charlotte, allgemeines Begrüßen, nochmals Nophretete.

Peter: “Warst du denn schon mal hier?”

Er: “Ja! Hier war eine Treppe,” und schaut sich um, obwohl wir ja eigentlich im Flügelzimmer sind.

Wir: “Was? Naja, natürlich, da draußen, eine ziemlich enge …”

“Ja,” nimmt er sich den Mund voll, “da bist du heruntergekommen, eingehüllt in einen großen roten Schal mit tollen Fransen”, erklärt er Charlotte.

Arno Schüler war einer der vielen Namen, die zuhause  manchmal fielen, wie Kurt Schulz, Staudte und alle möglichen anderen, die ich nie so recht auseinander zu halten versucht habe. Jurastudent, wie viele andere in die junge Schauspielerin verliebt. Charlotte gefiel aber der Medizinstudent viel besser, während der wohl von einem anderen Medizinstudenten geliebt wurde, von dem er natürlich nichts wissen wollte, der aber wiederum auch Charlotte nicht so ganz missfiel.

Nun ist er zur Urlesung von Peters “Komödie der Welt in der Erwartung des Menschen” gekommen. Er hat sich den besten Platz ausgesucht, direkt vor Charlotte. Sitzt da, kerzengerade, 2 Stunden lang unbeweglich lächelnd in der Gewissheit, dass seine bedingungslose Liebe nochmals erfüllt werden wird. Charlotte beachtet ihn nicht, sieht ihn überhaupt nicht, ist um Generationen verjüngt versunken in die Rolle des scharfsinnigen Wurms in einem Apfel im Gespräch mit dem lieben Gott, dem chaotischen Schöpfer, der den Menschen erschaffen will.

Hätte er je auch nur 1 mg Feed-back von ihr bekommen, dann wäre seine Bedingungslosigkeit dahingewesen. Und damit auch die Liebe. Sie enttäuscht ihn nicht.

© Claudia Podehl

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