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Peters Durcheinander

Weder Opti- noch Pessi- also gar kein -mist.

München, Sonntag, 6.8.2005

 

Im wunderschönen Biergarten

der Gaststätte zum ‚Wildpark‘ in Strasslach kläfft ein Hund jede umherfliegende Wespe an. Was denkt, was fühlt eine solchermaßen angekläffte Wespe oder Wespin? Naja, ob es klug war, diese Frage zu stellen? Wespe – hat sie ein Hirn zum Denken, hat sie ein Herz zum Erschrecken, hat sie Ohren, um Hundegekläff zu hören?

Der vor dem Bildschirm sitzende Blogger weiß nur, dass sie einen Stachel hat zum Stechen. Und insofern – jetzt kommen Lesefrüchte aus der Lektüre des Brockhaus: – gehört sie zur Unterordnung Stechimmen der Insektenordnung der Hautflügler mit etwa 100.000 bekannten Arten. Manno! Die Insekten wiederum bilden mit mehr als 600.000 Arten die artenreichste Tierklasse auf dieser wunderbaren blauen Kugel, die durch den Kosmos rast. MannoManno!! Blätterst Du dann noch im dtv-Atlas Biologie, weißt Du vollends nicht mehr, ob Du ob (OBDUOB gefällt mir!) ob Du ob der Fülle nur den Atem anhalten, oder die Bücher wütend zuschlagen sollst. Der liebe Gott – oder wie immer wir einen Schöpfer nennen wollen – ist ein Verschwender, und die Wissenschaftler sind seine treuen Diener, die 585 Seiten Biologie-Atlas vollschreiben. Wer soll denn det lesen?

Übrigens zu den Fragen da oben nach Herz und Hirn einer Wespe oder Wespin: Haben die alles! Auch Darm und Nervensystem (strickleiterartig) und Hoden und Eierstöcke! MannoMannoManno!!! Bloß über Ohren habe ich nichts rausgefunden. Doch, da steht: schallauffsaugende Apparate wie Trommelfell… Ach, ist das schön, dass ich nun schreiben kann: die Wespen haben das Kläffen des Hundes im Biergarten in Strasslach gehört, sich aber in ihren eleganten Flügen unter den Kastanien nicht beirren lassen.

 

Da sitzste uffm Bettrand

und denkst nach, was Alles nicht mehr jeht.

Setz dich doch mal woanders hin und überlege, was Alles noch geht.

 

Nicht mehr

auf Italienisch unterbrochen zu werden in meinen Selbstgesprächen. (Gedanken bei der Abreise aus)

Porto Pino, Mittwoch, 14.9.2005

 

Die Doris hatte Geburtstag

Gestern. Ich bot ihr an, per Telefon Bachs Preludio ex C zu spielen. Sie wollte es hören. Das ist immer noch ein Familien-Ritual. Als ich geendet hatte, sagte Doris, sie habe doch tatsächlich ein wenig feuchte Augen bekommen.

Der Grund, warum wie leben.

München, Donnerstag, 18.8.2005

 

Eine sehr voluminöse Dame

läuft über einen italienischen Bahnsteig, karottengefärbte Haare, ein Schlumpsackkleid, Karos darauf, auch in Karottentönen und blau. Wunderbarerweise, weil man sie so besser studieren kann, läuft sie ein paar Mal hin und her, was suchend? Einen so winzigen Hund an der Leine, dass man dessen Erstickungstod nachts im Bett der Dame durch Zerquetschen befürchten muss. Ich bin nicht nett…

 

Womit Sie nicht

angeben können:

Meine Hose von Ikea

Die blauen Trauben von Hewlett-Packard

Mit dem Haargeel von Sony

Mit dem Schnee von gestern

Mit Laubsägearbeiten von Daimler-Chrysler

 

Sollten Sie, gnädige Frau,

sich über einen Baby-Schreihals aufregen, genügt es, wenn Sie einen kurzen Augenblick sich daran erinnern, wie Sie selbst als Baby geschrieen haben.

 

Plötzlich tickt die Uhr

Wenn ich das Hörgerät ins Ohr drücke. Vorher tickte die Uhr ja auch. Es ist, wie oben beschrieben: Das Universum ist nur, sofern das Auge es sieht. Nee, ist anders: die Uhr tickt, auch wenn das Ohr des Schwerhörigen sie nicht hört, sie ist hörbar für alle Gesundohrigen. Mit dem Eindrücken des Hörgerätes wird die Welt sehr viel lauter. Das Uhrticken ist eine feine kleine Wohltat, Claudias Küchengeklapper kommt bedrohlich nahe ans Ohr. Meine Schritte, das Messer beim Brotschneiden auf dem Brett, das Stühlerücken auf den Steinen der Terrasse.

Und dann das Sprechen der Hausbewohner: gar nicht so viel besser! Weil es nämlich nicht nur um eine Verstärkung der Akustik geht! Sondern auch um mentale Fragen: Wie schnell reden die Kerle und Kerlinnen da draußen? Wie schnell fasse ich, was sie da so schnell reden? Ich muss auch das Gemeinte erfassen! Und wenn das holterdipolter ausgesprochen wird, mit keinen oder falschen Pausen, mit geringen Modifikationen, dann wirds halt schwer verständliches  Kauderwelsch.

Ist denn das schon wieder für ein Wort?: Kauderwelsch. Welchen Geschlechts? Maskulin oder sächlich? Letzteres: Das Kauderwelsch. Sehr schönes Wort! ‚Welsch‘ dürfte mit Welsch gleich Französisch zusammenhängen. Wieder im Bereich, wo ich in meinem Paul/Betz nachschlagen kann, eine unerwartete Überraschung: Kauder steht für Chur, Churwälsch für Rätoromanisch, das die benachbarten Tiroler beim besten Willen nicht verstehen konnten. Schöner Reiz, an Andeer erinnert zu werden.

Wenn mir die Hörgeräte im Ohr stecken, verwandelt sich die Welt: sie bringen mich in ein Gefängnis. Freiheit sollte ich erwarten, tatsächlich ist es ziemlich schreckliche Vereinsamung, Isolation. Aber die Kommunikation wird doch erleichtert. Wird sie das? In meinem Stadium der Schwerhörigkeit gehts auch ohne Geräte. Ein bisschen schwieriger, lauter, aber es geht. Jaja, nennt mich nur ein Sensibelchen. Darauf bin ich ja auch noch stolz!

Mandela, Sonntag, 10.7.2005

 

Oh Gott,

was mach ich bloß, dass ich nicht zynisch werde?

 

In großer Handtasche

klingelt ein Telefönchen mit ‚Carmen‘-Musik. Das Wühlen der wohlfrisierten und wohlproportionierten (ironisch) Dame im ICE Rom-München will kein Ende nehmen. Und immer wieder ‚Auf in den Kampf, Torehoro!‘

Nietzsche liebte Bizets ‚Carmen‘. Lebte er heute, würde er den Tango lieben? Kaum vorstellbar, dass ein Nietzsche heute lebte…

 

Müsste man nicht einen Schreck kriegen,

wenn die Tochter sagt, sie mache noch zwei Jahre und gehe dann in Pension?

 

Die Vorstellung,

dass der Erwerb praktischer Möbel zum Aufbewahren von Dingen der Ordnung zugute kommt, dürfte eine unumstößliche Illusion sein.

Porto Pino, Dienstag, 6. 9. 2005

 

Manchmal

fände ich einen kleinen Urlaub vom Gebiss sehr angenehm.

 

„Mein Schnuppen ist weg.“

„Wo ist er hin?“ Krankheiten gehen meist weg. Wohin eigentlich? Da, wo die Töne hingehen, und die Farben. Der Tod nie. Der kommt nur, gehen tun wir dann.

 

Liebeserklärung einer Dame:

„Du hast so oft eine Antwort, über die ich lächeln kann.“

 

Hans Christian Andersen

legte Abend für Abend einen kleinen Zettel auf seine Bettdecke. Darauf stand: ‚Ich bin nur scheintot.

In Belgien lag ein Mann, aufgebahrt im geschlossenen Sarg. Da klingelte sein Handy durch das Sarg-Holz. Ein Plot für Nestroy.

 

Die Logik

ist runtergefallen. Und die Mühen des Aufhebens im Alter sind bekanntlich groß. Und nun? Ja, wie ohne Logik weiterleben? Och, naja, da wabern doch irgendwo Chancen. Da müsste doch, da könnte doch… Was? Die Logik ist sone furchtbar strenge Braut. Also doch willkommen, dass sie runtergefallen ist. Naja, wie ratterts denn so ohne Logik? Logik ist eine Zu-Tat, die man auf das wirkliche Leben klacksen muss, sie gehört zum Spintisieren, zum Erwägen, zum Räsonnieren, zum Philosophieren, zum Zurechtrücken. Erst ist doch mal die Tat. Und die ist doch keineswegs immer gleich logisch. Nö. Also Tat, und dann die Zutat, die Zu-Logik. Je filigraner die Fäden der Wirklichkeit zusammenlaufen, desto verwirrender ist sie doch, ich meine: die Wirklichkeit. Ordnung – das Wort, das ich eigentlich hasse – muss der Gehirnkasten da herstellen. Rums! Alles zurück auf Anfang: Tat: Zum Beispiel: Kuss, oh mei, was Unlogischeres hätte mir ja nicht ins Gehirn schießen können. Kuss fällt für den Witwer seit fast sechs Jahren aus. Feuchte Lippen auf süße Wangen-Haut. Was könnte das mit Logik zu tun haben? Ich bin oft so verwundert, wie wahnsinnig schnell heutzutage junge Liebende im Kino oder im Fernsehen Zungenküsse vorführen. Langsam, langsam doch, möchte ich rufen! Aber sie zischen ab in die Erforschung der oberen Nasszellen des Anderen, die jungen Höhlenforscher. Was bleibt denn da noch? Genau das. Das Wunderbare, das so banal ist.

 

Unser Gebet,

am letzten Tage meines Lebens ins Netz zu stellen:

Vater im Himmel, lieber Gott;
Jesus Christus,
Gottes Sohn und unser Erlöser;
Heiliger Geist;
Heilige Dreieinigkeit,
Wir danken dir
Für diesen Tag/für den Frieden der Nacht
In Demut.
Beschütze uns und alle Wesen
Und vergib uns unsere Schuld.
Du bist der Herr über die Kraft,
Die Thomas und seine Lieben
Und Claudia und Gianni und ihre Lieben
Brauchen.
Bitte wende sie ihnen zu.
Wir bitten um unser Leben und unsere Liebe.
Lass uns erkennen, dann lass uns lehren und lieben.
Herr Jesus Christus,
Hilf du uns vom Kreuz zum Auferstehen.
Alle Not in dieser Welt
Befehlen wir deiner Gnade.
Amen.

In dreiundfünfzig Jahren täglich zwei Mal gebetet, nein, nicht mit größter Regelmäßigkeit, auch oft vergessen oder versäumt, den Geist dieser Zeilen aber nie verleugnet. Die Hände von Charlotte und mir überkreuz ineinander gefaltet. Noch einmal: Händefalten ist Fassung in des Wortes Bedeutung. In Köln oft morgens knieend, mit den drei Enkelsöhnen in beachtlichem Arm- und Ärmchen- und Finger-Salat. Als Charlotte auf dem Totenbett lag, kam Lavinia als erste Anverwandte aus Mailand geflogen und sagte: „Ich glaube nicht daran, aber lass uns euer Gebet beten.“ Das taten wir in Gegenwart der Toten.

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