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Beim Aufräumen gefunden

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Was man beim Ausmisten so alles findet – oder: Peter und die Schreibutensilien

Wie viele Schreibwerkzeuge, Stifte, Bleistifte, mit Radiergummi oben, oder ohne, beidseitig gespitzt,  mit Bindfaden, weil einst an irgendeinem Block befestigt, mit harten Minen, mit weichen, Kopierstifte (das sind Bleistifte, die man nicht ausradieren konnte), Farbstifte in erstaunlichster Farbenvielfalt, solchen Farben, die man seltener anwendet, weshalb sie also ewig überleben, Bleistifthalter, aus Metall, aus Holz, Federhalter, Federn dazu, Füllfederhalter, Patronenfüller, Patronen dazu, Tintenfässchen, volle, leere, halbleere, Filzstifte, feine, fette, Collimarker, Minenstifte, einfarbige, mit zwei verschiedenen Minen,  auch drei oder vier, mit Radiergummi oben drauf, oder ohne, Kugelschreiber, einfarbige, zweifarbige, mit drei oder auch vier verschiedenen Minen drinnen,  oder mit Bleistift- und Kugelschreiberminen, oder nur Minen ohne Hülle, Tintenkulis, mit Uhu und anderen Utensilien, zum Beispiel Heftklammern, verklebte Kompositionen, ich gefunden habe, weiß ich nicht, wohlgemerkt, hier in Mandela, also nachdem Peter in München beim Umzug schon einmal ausgemistet hatte. Beim dritten oder vierten Ausmisten meinerseits habe ich dann etwa 30 noch gut verwendbare Bleistifte mit vier oder fünf noch gut funktionierenden Spitzern auf Touren gebracht, und damit kritzeln nun die Enkel. Es sind aber immer noch zwei Schubladen voll mit Stiften aller Art. Das Ausmisten wird also weitergehen.

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Dann gibt es eine ganze Reihe von schönen Heften feinster Machart, die Peter geschenkt bekam, weil er doch ein Schreiber war. Sie sollten als Inspiration dienen. Den meisten war natürlich auch gleich noch ein schöner Stift beigelegt. Eines dieser Hefte ist handgearbeitet, ein fester Deckel aus Karton mit hellem angenehmem Papier, drinnen lauter handgefertigte Papierseiten, schön anzufassen. Auch eine Postkarte der Schenker:

Pst – Noch ist dieses Buch leer. Es wartet auf Deine Gedanken, Gedichte und Geschichten. Leicht genug um mitgenommen zu werden – wohin Du willst. Denn: Einem Autoren ein leeres Buch zu schenken ist Aufforderung genug…
Alles Liebe und Gute zum „Christmas in New York“ wünschen Dir
Doris und Julian.

Nach unserer Hals-über-Kopf-Rückkehr aus New York – für den 31.12., unseren Abreisetag, war ein fürchterlicher Schneesturm mit voraussichtlichem Stillstand auf allen Flughäfen vorhergesagt, weshalb wir 24 Stunden früher abflogen, auf ganz anderer Route nach hause kamen und uns dann im Fernsehen die Skilangläufer auf dem Broadway ansahen – schrieb Peter auf die erste Seite des Büchleins:

Dieses Wort Dieses.
Geheimnisvoll.
Derder könnte ich,
nach dem deutschen Wörterbuch,
schreiben.
Schreibe ich nicht.
Fülle des Geschriebenen
überwältigt mich.
Nachdenken
Übers Schweigen.

München, 31. 12. 2000

Alle anderen Seiten sind leer geblieben.

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Einen Brief an Charlotte von ihrer Schwester Hilde könnt ihr hier lesen.

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Lulu

Eine Mappe aus tadellos erhaltenem rotem Leder, ein Ringbuch mit 8 Löchern.

Auf dem ersten vergilbten Kartonblatt steht:

Willst Du Freude haben immerzu,
schreib im Ringbuch von
„LuLu“
Patent angem. D.R.G.M.
Alleinhersteller
Ludwig Georg Lumpe
Lederwarenfabrik
Berlin
Zionskirchstraße 33
(Ersatzeinlagen DIN A 4)

Unter solchem Vorzeichen finde ich in der Mappe selbst uralte Ideen von Peter:

1555
9.8.50

Ort:     Frauenwald in Thüringen
„1555. Die Reformation zieht ein. Wolfgang Doll, der letzte Mönch, zog ab.“ Das ist 63 Jahre vor Ausbruch des dreißigjährigen Krieges, der 1631 auch Frauenwald schwer heimsuchte und einen Großteil  seiner Häuser vernichtete.

Ich sehe den letzten Mönch packen und mit großer Demut auf Wanderung gehen. Und sehe einen böhmischen Fortschrittler und dessen Frau, der die katholischen Räume bezieht.

1798
Sommer
30.6.1948

Einer der 48
Ort:     Revolutionsausschüsse in Paris
Personen: Familien aus den besseren Ständen
Ausschuss (in Quellen nachsehen)

Schreckensherrschaft. Philosophische Maximen eines Rousseau durch eine aufgehetzte, unverständige Menge verballhornt, verdreht, umgedeutet. Terror. Übelster Portierausschuss und Andere, die aus Angst dabei sind, obwohl ihnen das Ganze sehr zuwider ist. Robespierre: „Wer zittert, ist schuldig.“
Eine Familie wird vorgeführt und verurteilt.

1948
Sommer
30.6.1948

Ort:     Krankensaal in Berlins Ostsektor
Personen: Kranke
Zuckerkranke (Krankheitsbild genau nachlesen)
Arzt
Schwester

Quelle: Radio-Nachrichten Norddeutscher Rundfunk vom 28.6.48

Inhalt: Die Russen haben die Lieferung von Arzneimitteln in die westlichen Sektoren eingestellt. Die Amerikaner haben nichts anderes zu tun, als daraufhin kein Penicillin in die Ostsektoren zu senden. Daran hängen Menschenleben. Beim Umtausch sollen in Karlshorst 8 Personen erdrückt worden sein. Die grauenerregende Unsachlichkeit der Politik, die so Menschenleben aufs Spiel setzt.
Zeitung statt Verbandspapier.

 

12.7.1536
25.10.48

Ort:     Basel
Quelle: Erasmus von Rotterdam von Stefan Zweig
Inhalt: Der Sterbetag des Erasmus, des weitsichtigen humanistischen Denkers, des großen Philosophen. Er, der sein Leben lang lateinisch gesprochen hatte, sagt auf dem Sterbebett: „ De lieve God.“  Sein Leben ist undramatisch! Er war ohne Eros! Seine Einwirkung auf die Menschen gering. Im Hause nebenan, während dieser große Geist stirbt. Reformation, Renaissance, Pazifismus (!)
Thomas Morus
Froben
Hohlbein
Zeitgenossen

Einiges über Peters Papiermanie könnt ihr in Wenn er aufwacht und lächelt erfahren.

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