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Alles mögliche über und von Charlotte

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München, am Dienstag, den 6. Februar 2007

So, geneigter Leser,

dann wollen wir mal wieder. Also, den Blogger 84, den gibts ja nicht mehr. Dafür kommt jetzt Blogger 85. Wieso denn das? Ja, der Kerl hat Geburtstag gehabt. Nehmt also vorlieb mit dem Blogger 85. Er will Euch gut bedienen. Heute erstmal mit einer sehr unaufwendigen Petitesse:

Jochen war beim Friseur. Jetzt fehlt ihm was.

Bis bald, 17 Uhr 30, Ihr Blogger 85

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München, am Freitag, den 9. Februar 2007, 17 Uhr 30

„Wachling!“,

nannte mich meine Frau zuweilen, morgens, früh, wenn ich schon mal mit einiger Geschäftigkeit durch das Schlafzimmer trabte und ins Bad, und wieder ins Schlafzimmer. Sie trabte da noch keineswegs, sondern grummelte ins Kissen: „Wachling!“ Es schwangen geringe Spuren von Bewunderung in diesem Ausspruch mit, aber vor allem doch einige Verachtung. Ich war immer ein Frühaufsteher und Früharbeiter. Und ich will nur gestehen, dass ich sehr darauf achtete, dass ich sie nicht im frühen Morgenschlaf störte. Ich zog mich also sehr geräuscharm an und verschwand leisest aus dem Schlafzimmer. Das hatte nicht nur altruistische Gründe, sondern auch handfest egoistische: Solange sie schlief, störte sie meine Arbeitskreise nicht. Insofern muss ich korrigieren: Wenn ich früh morgens trabte, und sie „Wachling!“ sagte, dann war das eher später, da hatte ich mein Frühpensum Arbeit schon hinter mir und kam ins Schlafzimmer zurück zum allgemeinen Tagesbeginn, sprich: Frühstück.

Es gibt meine Frau nicht mehr; ich bin Witwer. Und es gibt den Wachling nicht mehr. Ich habe einige Mühe, die Morgensdecke abzuwerfen und den Tag zu beginnen. Ja, klar: Ich habe keine Termine mehr, muss nicht das nächste Drehbuch vorgestern abliefern. Ich darf also alle Freiheiten kosten. Und das tue ich. Und weiß nicht genau, ob ich mich deswegen schämen soll. Warum sollte ich? Naja, so ein fein tätiger Mann, das ist doch was, der was schafft, bevor die Hähne krähen.

Weiß mich da eins mit dem geliebten österreichischen Dichter Heimito von Doderer, einem Fremdwortfex, der den Begriff Matinalität entwickelt: „Auf dem Dach des Lebens: so muss der Schriftsteller sitzen am Morgen, ante lucem, und dem Aufgehen des Tages zusehen: der früheste Sommerwind gehört ihm, der brausende, noch finstere Winternebel umgibt, und der erste Straßenbahnzug beschließt seine beste und den Tag entscheidende Stunde.“

Bleiben wir beim Zitieren: H.C.Artmann: „Ein Engel hilft mir früh aufstehn“ (Titel eines Lyrikbandes), Paul Claudel: „Stehe früh auf und du wirst vom geheimnisvollen Fest der Nacht noch ein paar Krümchen mitkriegen.“ Und ein Gedicht von Eduard Mörike:

An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang

O flaumenleichte Zeit der dunklen Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist’s, dass ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Bedarf es irgendwelcher Beweise, dass ich beim Niederschreiben der Überschrift „Wachling!“ nicht im geringsten eine Ahnung hatte, in welche poetischen Weiten der Text mich führen wird?

Bis bald, 17 Uhr 30, Ihr Blogger 85

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München, am Sonntag, den 11. Februar 2007, 17 Uhr 30

Da fällt mir

ein Reclamheftchen in die Hand, kleine 82 Seiten, recht sehr zerlesen: ‚Moreto (kein Vorname), DONNA DIANA, Lustspiel‘, keine Jahreszahl, wie üblich bei Reclam. Rot angestrichen die Sätze der Diana, gespielt von meiner unvergessenen Frau Charlotte: ihr Textbuch.

1950, das ist aber lange her. Und sehr weit weg: Weimar, Deutsches Nationaltheater. Ich als Diener Perin auf dem Höhepunkt meiner Karriere als Schauspieler, genauer: Komiker, und an ihrem Ende. Nicht reparabel. Ja, kleines Bedauern gelegentlich. Ich denke, ich finde Gelegenheit, in weiteren Blogs von dieser hinreißenden Inszenierung des Helmut Spieß zu berichten. Heute und hier nur so viel:

Wie kann man aus 82 Seiten Druckerschwärze dieses herrliche Gebilde von Inszenierung zaubern, das den ersten Szenenapplaus erntete, als der Vorhang aufging, bevor noch ein Wort gesprochen worden war? Denn da hockten drei schöne, herrlich gekleidete Frauen in wunderbaren Gondeln hoch oben im schwarzen Rund der Bühne. Als ich diesen Applaus hörte, dachte ich: „Das kann nicht mehr schiefgehen.“ Und richtig: Der Schlussbeifall dauerte über eine halbe Stunde (ungelogen) und weit über den Eisernen Vorhang hinaus.

Bis bald, 17 Uhr 30, Ihr Blogger 85

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München, am Dienstag, den 13. Februar 2007, 17 Uhr 30

Dreimal im Leben

ist mir die Komödie DONNA DIANA von Moreto untergekommen, ein sogenanntes Mantel- und Degenstück der spanischen Schule um Lope de Vega. Es geht um die Zähmung einer Widerspenstigen. Ich nehme Bezug auf meinen Blog von vorgestern:

Erstens: als Oberschüler – genauer Zeitpunkt wäre nur sehr mühsam auszukundschaften. Wer weiß eigentlich noch, dass es in der Nürnbergerstraße in Berlin, da, wo sie am Ende fast an den Zoo stößt, – dass es da rechts ein schönes klassisch gebautes Theater gab, das zum Gründgensschen Staatstheater gehörte? Sozusagen das Kleine Haus, im Krieg zerstört, nie aufgebaut. Dort inszenierte – wenn mich die Erinnerung nicht täuscht – Jürgen Fehling das Stück mit Maria Bard in der Titelrolle und ihrem Gatten Werner Kraus als Perin, eine hinreißende klassische Dienerrolle. Nur an ihn habe ich eine ganz, ganz vague, undeutliche Erinnerung: stand da irgendwo auf heller hispaniolischer Bühne etwas verloren herum. Ich trau mich, das jetzt auszusprechen: Senkte W.K. damals in meine tiefste Seele einen Sproß: dass ich diese Rolle spielen wollte? Es wurde meine schönste: Höhepunkt meiner Komiker-Karriere. Ich war jedoch, wie gesagt, zunächst mal Oberschüler, die Schauspielschule jedenfalls noch weit weg.

Zweitens: Auf der Schauspielschule des Deutschen Theaters im Theater Die Tribüne, Berliner Straße am Knie (jetzt Ernst-Reuter-Platz) inszenierte der Schriftsteller und Psychologe Dr. Paul Helwig, einer unserer Lehrer, das Stück. Ich wurde Inspizient – der rechten Seite. Das klingt komisch, hatte mit den sehr beengten Umständen der kleinen Bühne zu tun. Auf der linken Seite werkelte mein Freund Thomas Engel in gleicher Eigenschaft. Erinnerung an Letzteres nicht absolut verbürgt. Ich fand das doll und habe mächtig damit angegeben vor Leuten aus alten Vergangenheiten, die das Ganze kaum verstanden. Ich kann den P.P. da im Rückblick gar nicht gut leiden.

Den Perin spielte Ilo von Janko, der mir heute noch aus späteren Geschäftsbeziehungen 12.000 DM Tantiemen schuldet. Wären immerhin rund 6.000 €. Perduti. Egal. Naja – nicht ganz egal.

Drittens: Ab und zu ließ ich in Weimarer Theatergesprächen mit der Intendanz (1946 bis 1950) einfließen, wie gerne ich mal den Perin spielen würde. Da hörte ich ein Gegenargument, das ich nur schwer verstehen konnte: „Nein, für den Perin ist der Podehl nicht böse genug.“ Wie bitte? Was? Der Perin ist doch gar nicht böse – naja, er versetzt ja seine Herrin in ganz schöne Nöte und wagt eine Menge nicht nur Sanftes. Irgendwann erschien das Stück unerwarteterweise am Schwarzen Brett: Rolle Perin mit P.P. besetzt. Und dann sah der Podehl auf einem Foto des seinerzeitigen Weimarer Bühnenfotografen Stefan Moses, inzwischen weltberühmt, – auf einem Foto, das ich sehr liebe, sah ich dann doch ganz schön böse und abweisend aus. Da wehrt er sich so arrogant und hysterisch – wie ich sonst eigentlich nie bin – gegen die schwarzbehandschuhte Floretta der Jola Posthoff.

Gibt noch Einiges zu erzählen.

Bis bald, 17 Uhr 30, Ihr Blogger 85

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München, am Mittwoch, den 14. Februar 2007, 17 Uhr 30

Über zwei Dinge

wäre nun abschließend zu berichten: Damit aus einem Reclam-Heftchen eine dolle Inszenierung wird, muss der Regisseur viel arbeiten. Helmut Spieß arbeitete gern und viel, aber eher unsystematisch und nicht gerade willig, wenn es um Notwendigkeiten ging.

Der hervorragende Szenenbildner Rolf Christiansen sagte: „Helmut, wir müssen ein Buch einrichten für die Bühnenarbeiter, die müssen genau wissen, was wann zu tun ist.“ Also, zum Beispiel: Wann dreht die Drehbühne auf offener Szene – und das tat sie sehr viel – wie rum, wie weit, wie schnell, wann rutscht dieser Vorhang da runter und so weiter. Helmut sagte: „Jaja…“ Und zeigte wenig Lust, sich in diese Fron zu begeben. Die ist ja auch ekelhaft, alle Kreativität fühlt sich geknebelt. „Heute Abend bei mir im Zimmer, 7 Uhr.“ sagte Rolf.

Helmut kam, ja, aber er fand ganz rasch einen Ausschlupf: „Heute läuft meine ‚Kabale und Liebe‘. Ich muss zur Abendregie runter.“ Musste er gar nicht, hätte dem Inspizienten sagen können, er sei oben bei Rolf Christiansen zu erreichen. Abendregie ist eine sehr lockere Funktion: Verantwortung doch nur, wenn wirklich mal was passieren sollte.

„Ihr macht das,“ sagte Helmut und verschwand. Rolf und ich schüttelten die Köpfe und machten. Bei einigen Festlegungen äußerte ich Zweifel, ob das wirklich so präzise festgelegt werden muss. Rolf sagte: „Nur so könnt ihr noch improvisieren. Einmal muss Alles genau durchgeackert sein. Dann kann man Alles umschmeißen, wenn man will. Aber wenn da Reste von Chaos weiterexistieren, kommt nur Chaos raus. Und eine gelungene Komödie ist das genaue Gegenteil von Chaos!“

Wir waren gut, wir schufen alle Voraussetzungen für den sensationellen Riesenerfolg; wussten wir natürlich nicht so genau im voraus.

Und der große Krach, der die ganze Inszenierung ernsthaft gefährdete, stand noch bevor. Von dem erzähle ich morgen.

Bis morgen also, 17 Uhr 30, Ihr Blogger 85

München, am Freitag, den 16. Februar 2007, 17 Uhr 30

Ich habe nie vorher

und nie nachher einen solchen Krach mit solchen Folgen erlebt.

‚DONNA DIANA, ganzes Stück, Probebühne‘ stand am Schwarzen Brett.

Dem Laien seis gesagt: Dies ist wie ein Offenbarungseid. Jetzt muss es hinhauen. Nochmal: eine gute Inszenierung ist mehr als ein Reclam-Heftchen. Wie funktioniert denn nun die Dynamik des Stückes, die nirgendwo schriftlich festgelegt ist? Wo sind die Höhepunkte, wo die Ritardandi? Wo der Witz? Wo vielleicht ein Hauch von Tragik? Es schwante Helmut Spieß bei dieser Probe, dass er das Stück kaum inszeniert, sondern Gag an Gag, Einfall an Einfall gereiht hatte. Der große Bogen fehlte. Was nun? Was tun?

So eine Probebühne ist was ziemlich Schreckliches: Kreidestriche markieren Dekorationen, die riesigen Etuis für Kontrabässe stehen herum und zugedeckte Kesselpauken und gestapelte Stühle vom Sinfonieorchester. Hinter den Kreidestrichen sitzen die Schauspieler und warten auf ihr Stichwort. Vor dem Ganzen sitzt der Regisseur und wartet auf das Stück. aber das kommt nicht. Meine Charlotte hatte gerade eine Szene fertig geprobt und packte das Strickzeug aus. Ja, beruhigt die Nerven, aber nicht die Nerven des von Sekunde zu Sekunde nervöser werdenden Regisseurs, der ja auch hinter die Kreidestriche guckte. Und da saß seine katalanische Prinzessin-Hauptdarstellerin und strickte.

Also gabs Kritik am Strickzeug und der Strickerin, nein, nicht zahm, überhaupt nicht zahm. Äußerst gefährlich, sich mit Charlotte anzulegen, die schlug immer zurück, meistens mit Erfolg. Sie stand auf und sagte mit der ganzen Würde der Maria Stuart, die sie auch spielte, laut und deutlich vor allen Kollegen: „Ich gehe jetzt. Wenn du dich ausgekotzt hast, kannst du mich ja wieder holen lassen.“ Und ging, auch wie die Stuart. Helmut brauchte drei Schrecksekunden, um den Mund zuzukriegen. Dann stürzte er hinterher. Ich ahnte nichts Gutes und raste auch raus.

Am Ende des Ganges lautestes Geschimpfe. Charlotte schrie sehr ungeniert das Götz-Zitat. Helmut schrie zurück: „Waaaas hast du gesagt?“ und stürzte sich auf sie. Ich sprang mit einem Hechtsprung rechtzeitig dazwischen. Wort ‚Hechtsprung‘ war Charlottes Kommentar, wenn sie die Szene später schilderte. Basta. Denkste.

Charlotte konnte nämlich nicht mehr sprechen. Ihr hat es im wortwörtlichen Sinn die Sprache verschlagen. Premiere absagen? Noch nicht. Erstmal HNO-Arzt.

Am nächsten Morgen war die Einrichtung der Bühne für den ganzen Ablauf der Komödie angesetzt., wie ich sie mit dem Szenenbildner Rolf erarbeitet hatte. Und wovor sich Helmut Spieß so folgenschwer gedrückt hatte. Nun war er erbarmungswürdig hilflos, ich mitleidlos und stumm. Fünf Minuten Chaos. Die kleine Truppe der Musiker suchte ein Plätzchen, die Choreografin wusste nicht, wann das Ballett tanzen sollte, alle Darsteller wuselten auf der Bühne durcheinander, desgleichen Requisiteure, Beleuchter, Bühnenarbeiter. Nochmal fünf Minuten Chaos. Dann nahm Rolf mich mit festem Griff beiseite und sagte eindringlich fordernd: „Peter, ich kann die Bühnenarbeiter nicht informieren und motivieren. Wenn du weiterhin so schweigst, platzt die ganze Aufführung mit allem Drum und Dran, und es gibt keine Premiere. Darüber bist du dir doch im Klaren.“ Da hockte ich also im Mittelpunkt der Galaxie. Ich erklärte mich zu reden bereit, aber nur mit ihm oder mit dem Bühnenmeister direkt, nicht mit dem, der sich auf meine Frau gestürzt hatte, um sie zu schlagen.

Und ich wusste wirklich ganz erstaunlich gut Bescheid, die Liebe zum Theater kam wieder über mich. Und dann flog der Heilige Geist über das Nationaltheater Weimar und kippte seine Saucière mit der schönen Friedenssuppe aus. Und ich dachte mir eine kleine moralische Rede aus, die ich nach dem Schlussapplaus halten wollte über die allgemeine Relativität von Spaß und Ernst. Ja, preußischer Steinbock, der ich ja bin.

Hauptprobe: Diana schritt wild gestikulierend über die Bühne und markierte Sprache. Dasselbe einen Tag später zur Generalprobe, so dass der kommissarische Leiter des Theaters sie sehr possierlich nachmachte und sagte: „Bin sehr gespannt, was Diana zur Premiere zu sagen hat.“

Sie sagte, wie alle anderen, die liebenswürdigen Verse des Moreto auf, die Musiker spielten, die Tänzerinnen tanzten, die Gondeln gondelten. Und wir alle versetzten das Publikum in eine derart spendable Beifallslaune, dass wir uns über eine halbe Stunde lang verbeugen mussten. Warum sage ich ‚mussten‘? Wir durften! Immer wieder nochmal holte uns das Klatschen aus der kleinen Tür des Eisernen Vorhangs hervor. Und meine kleine steinbockisch-preußische Rede? Dazu habe ich doch glücklicherweise gar nicht erst Luft geholt…

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Maria Kiihne, Eva Wagner, Charlotte Ulbrich, Dieter Mobius, Gerfried Hohn, Willy Reid1mann, Peter Podehl

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