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Oktober 2006

München, am Sonntag, den 28. Oktober 2006, 17 Uhr 30

Na, Leute,

wie alt sind wir denn nun? Stunde älter, Stunde jünger oder was? Stunde mehr, Stunde weniger oder was? Erstmal klare Antwort: An unserem Alter hat sich nicht das Geringste geändert, wir sterben nicht früher, nicht später. Die biologische Uhr will gar nichts wissen von Sommer- oder Winterzeit.

Das waren ja ulkige Straßenbefragungen im Fernsehen: Da wurde gefragt: „Müssen wir denn die Uhr eine Stunde vor oder eine Stunde zurückstellen?“ Und, kurz hintereinander geschnitten, purzelten die Antworten: „Vor.“ „Zurück.“ Wenig Zweifel: „Ach nee – Moment…“ Jedes Jahr zweimal in fast ganz Europa diese Volksverwirrungen:

„Gute Nacht.“ „Gute Nacht, Junge. Vergiss nicht, die Uhr umzustellen.“ „Alles klar. Nee, also – Stunde vor oder  was?“ „Ja, also – morgens ne Stunde früher hell.“ „Abends ne Stunde früher dunkel.“ „Ächz.“ „Wieso ächz?“ „Zeit eingequetscht. Die Wirklichkeit sieht so aus: Morgens ne Stunde früher hell, abends ne Stunde früher dunkel.“ „Stunde Knutschzeit im dunklen Park geschenkt.“ „Stunde länger schlafen.“ „Knutschzeit wird uns im März 2007 wieder geklaut.“ „Kann man sich da nicht irgendwie ausklinken?“ „Kann man nicht. Auch im letzten Fischerdorf auf den Hebriden…“

                                       Bis bald,  Ihr Blogger 84

 

München, am Freitag, den 27.Oktober 2006, 17 Uhr 30

Vom Lager ins Lager

Sowjetische Kriegsgefangene in Hitler-Deutschland waren in der Hölle. Nach Kriegsende galten sie in der Sowjetunion als Feiglinge, die sich selber die Kugel hätten geben müssen. Man steckte sie in der Heimat in Lager, die die Hölle waren.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Donnerstag, den 26. Oktober 2006, 17 Uhr 30

Die kleinsten Vögel

haben sie schönsten Singstimmen. Je größer die Arten werden, desto mehr krächzen sie. Krähen zum Beispiel, oder Schwäne sind ja wunderschön anzuschauen, aber was sie akustisch äußern, ist kein Ohrenschmaus. Hingegen eine Amsel, die am Sommerabend ihr Revier mit den wunderbarsten Melodien markiert… Was sagt die Holde denn genau?: „Wehe, wer hier in mein  Revier eindringt. Wird unbarmherzig verfolgt und bekämpft. Hier herrsche ich! Hau ja ab!“

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Mittwoch, den 25. Oktober 2006, 17 Uhr 30

Ja, das rührt mich

zu Tränen, wenn Imma Spoelmann, amerikanische Millionärstochter, in Thomas Manns KÖNIGLICHE HOHEIT der Königlichen Hoheit die Hand küsst, die linke, die versehrte, verkrüppelte, die er mit viel Geschick und auch Erfolg zu verbergen weiß. Das ist ein Geständnis der Liebe, das weit über alle Worte hinausgeht. Rührt mich zu Tränen? Nein, das geht ohne Wasser ab, das ist ein Aufbäumen der Sentimentalität, ein Aufseufzen, eine Brust-, ja Herz-Bewegung, ein Gefühl des wunderbaren Einverständnisses mit dem, was dieser Autor schrieb. Mehr kann ein Autor nicht erreichen!

Ich frage mich, wie Ruth Leuwerik diese Imma spielen konnte. Habe keine genaue Erinnerung, ob ich den Film überhaupt gesehen habe. Die Leuwerik war doch viel zu viel Frau für das, was Thomas Mann da schildert: kleine Person, fast Mädchen noch, mit schwarzen Haaren und äußerst lebendigen Augen. Dieter Borsche als Titelheld kann ich mir gut und leicht vorstellen. Das waren ja zu Lebzeiten des Dichters sehr aufwändige Veranstaltungen. Tochter Erika wurde vom Vater mit viel Kompetenz ausgestattet, um die Verfilmung zu überwachen, und kriegte doch wohl auch ein beachtliches Honorar, das ihr gegönnt sei, und hockte kontinuierlich bei den Dreharbeiten am set. Wenn sie in einigermaßen guter Verfassung war, ging es sicher vornehm und gesittet zu. Aber Erika konnte ja auch ein ziemlich unberechenbares Biest sein, wenn ihr die Krankheit zu schaffen machte, genauer: Drogen, oder ihr Lesbischsein. Thomas Mann beschreibt im letzten Tagebuch-Band viel von dem Kummer, den die Älteste ihnen machte.

 

München, am Montag, den 24. Oktober 2006, 17 Uhr 30

Gespräch

in der HNO-Praxis:

„Herr Doktor, ich kann nur mit meinem linken Nasenloch riechen. Können Sie mir dazu verhelfen, dass ich wieder mit beiden Nasenlöchern riechen kann?“ „Das könnte ich. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam: das zahlt die Kasse nicht.“

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Montag, den 22. Oktober 2006, 17 Uhr 30

Der Heidegger, der Philosoph,  

soll gesagt haben: „Das Volkstum ist die Wurzel des Geistes.“ Nein, das hat ein blonder Hitlerjugend-Holzkopp zu seiner Mutter gesagt: „Ich will dir mal was sagen: Die Wurzel des Geistes ist das Volkstum.“ Aber doch nicht ein Philosoph von Heideggers Graden und Gnaden! Oder doch? Leider finde ich den Beleg nicht mehr, wo das stand. Der Text ist von beachtlicher Banalität und spielt mit Worten, die allesamt der Definition bedürften: Was ist Volkstum, was ist Volk, was Tum, was Wurzel und vor allem: Was ist Geist?

Immer wieder gibt es Wirbel um Martin Heidegger, immer wieder in Frankreich, viel Ablehnung, viel Zustimmung. Ich neige eher zu den Beschimpfern. Weil die Argumente der Verteidiger eher bläßlich – ja: faschistisch klingen. Und was mich am meisten traurig-böse macht: Keine Worte des Mitempfindens mit denen, die er an der Nase herumgeführt hat. Genau wie der Günter Grass: kein Bedauern mit den Opfern, kein „Tut mir Leid, dass ich euch so lange um wesentliche Fakten betrogen habe.“ Bei Heidegger kein Wort zu den mörderischen Irrtümern, immer nur Rumreden und Rausreden. Naja.

Nun sind die Briefe erschienen, die er zwischen 1915 und 1970 (also 55 Jahre lang!) an seine Braut und spätere Frau, Elfriede Petri, geschrieben hat. In der Rezension fällt das Wort Kitsch! Und da steht der Satz: ‚Worunter Heideggers Ehefrau allerdings unsäglich gelitten hat, ist seine Untreue gewesen. Denn zum Leidwesen dieser misstrauisch und eifersüchtig gewordenen Frau hat es der Gemahl durchaus nicht bei dem Seitensprung mit Hannah Arendt belassen.‘ 1970 erlitt er auf einer Reise zu einem sehr späten – spät im Leben – Rendezvous einen Schlaganfall. Wie unerquicklich ist das zu lesen! Sechs Jahre hat er noch gelebt, als Pflegefall, von Frau und Tochter umsorgt… Von der Frau ist ein einziger Brief erhalten, darin steht: ‚Hast Du einmal darüber nachgedacht, was leere Worte sind – hohle Worte?‘ Leider erfährt der Leser nicht, aus welchem Jahr – des Zusammenlebens – ihr Brief stammt.

So,  jetzt lande ich meinen überaus despektierlichen Coup: Ich habe gelegentlich versucht, in Heideggers philosophischen Schriften zu lesen. Vergebens. Und ich kam mir sehr dumm vor. Aber wie, wenn nicht ich daran Schuld wäre, sondern der Heideggersche Text??? Wie, wenn er Mumpitz geschrieben hat und Quatsch und Bla-Bla??? Ja, das ist allerdings sehr starker Toback von einem absolut laienhaften Leser. Ich lasse es bei den drei (sechs) Fragezeichen und werde mich hüten, irgendwelches Fachgeplauder zu intonieren!

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am, Donnerstag, den 19. Oktober 2006, 17 Uhr 30

„Ja, aber -“

als Antwort ist oft schlimmer als ein „ Nein“.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Mittwoch, den 18. Oktober 2006, 17 Uhr 30

Die Süddeutsche

liefert mir dankenswert viel Stoff für meine kleinen Exkurse. Da steht heute was über den wohl sehr üblen Statthalter Russlands in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, er nennt sich tschetschenischer Ministerpräsident. Wie er es schafft, die Welt mal ganz schnell auf den Kopf zu stellen. „Eine verfluchte Frau,“ nennt er die ermordete Journalistin Politkowskaja, an deren Ermordung er möglicherweise Mitschuld trägt. Er wollte sie bestechen, einen Artikel nicht zu veröffentlichen, und war fassungslos, als sie ablehnte: „Sie ist so dumm, dass sie nicht einmal den Wert des Geldes kennt. Ich bot ihr Geld und sie lehnte es ab.“

Herr über wie viele Untertanen ist dieser Tyrann?

Ich muss noch schnell den Gegen-Satz loswerden (nicht von mir): „Es gibt keine heile Welt. Aber es gibt viel Heiles in der Welt.“

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Dienstag, den 17. Oktober 2006, 17 Uhr 30

Ich hab was gegen

Millionäre. Hab ich was gegen Millionäre? Eigentlich nicht. Der Sozialismus hat bei mir ausgedient. Aber…

Wie ist das eigentlich, wenn bei Ackermanns am Ultimo die 700.000 Euro oder die gerüchteweise 966.666 Euro und 66 Cent (diese Zahl hat mein Taschenrechner ausgerechnet) aufs Konto fließen? Sagt er dann?: „Schätzchen, jetzt können wir uns das schöne Schloss in Andalusien kaufen.“ Nein, sagt er wahrscheinlich nicht. Aber was sagt er? Wo lässt man jährlich garantierte 8,2 Mio Euro oder die gerüchteweisen 11,9 Mio? Gut anlegen, ja, das ist eine völlig unverbindliche, feine Antwort. Kann es denn sein, dass die Arbeit eines Mannes so viele Millionen wert ist? Ich kann das nicht beantworten, aber Einiges in mir sträubt sich heftigst gegen diese Annahme. Der reine Neid? Nein, irgendwas anderes. Ich bin überzeugt, dass die Ackermanns ihr Hilfspersonal gut entlohnen und Niemanden schwarz beschäftigen, auch, dass sie viel, viel spenden, an Leute, die keine Millionen haben und auch an arme Leute.

Justament in der heutigen Süddeutschen Zeitung steht auf Seite 17 Einiges über die oberwähnten Top-Verdienste der Ackermänner, die im vergangenen Jahr 11% mehr Gehalt bekamen und im Jahre 2006 auch nicht leer ausgehen werden. Und auf Seite 2 steht heute viel über die neue deutsche Armut. Und wupps ist ein neues Wort in unsere Sprache geschlüpft: ‚Unterschicht‘. Ganz neu? Im Duden-Wörterbuch von 1981 stehts drin. Ich unterstelle, dass Kaiser Wilhelm es auch schon benutzt hat in Unterhaltungen mit seinem Kanzler Bismarck. Einige Jahrzehnte wars dann weniger aktuell, und nu is es wieda da. Gefolgt vom ‚abgehängten Prekariat‘. Das nennt die Süddeutsche selbst eine ‚wenig klare Neuschöpfung‘. Präkariat steht nicht im Duden-Wörterbuch, Wort Prekär ist in der Nähe. In Ostdeutschland sind 25% der Bewohner arm, in Westdeutschland nur 4%. Nur?

Nicht verdrängen, bitte, dass das Sprengstoff ist, der uns alle in die Luft pusten kann. ‚Pusten‘ ist schönmalerisch, es könnten viele tot ankommen beim Sturz in die Tiefe.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

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