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November 2006

München, am Dienstag, den 28. November 2006, 17 Uhr 30

Ich habe gezählte 51 Schlipse

Wozu? Ich trage zwei oder drei Mal im Jahr einen Schlips. Leider. Ich meine: Leider nicht viel öfter. Ja, ich bedaure das. Schlipse sind doch eine Zierde in unserem schrecklich vernünftigen Alltag. Die 51 Schlipse sind im Laufe des 84-jährigen Lebens zusammengekommen und hängen nun schrecklich unbeachtet innen an den Schranktüren und verstauben. Den letzten von umwerfender dunkelblauer Vornehmheit schenkte mir ein Freund vor ein paar Jahren. Frühe Schlipse stammen noch von meinem Vater, von dem ich sonst kaum was geerbt habe. Vom ersten Schlips sollte man eine Anekdote wissen. Ich weiß keine aus meiner Jugend. Ich bin nie konfirmiert worden.

Wort Schlips entstand 1840 im Niederdeutschen: Slip ist Zipfel, slips ist die Mehrzahl, im heutigen Umgangsdeutsch ohne Unterschied zur Einzahl: der Zipfel, die Zipfel. Die beiden Zipfel werden umeinander geschlungen. ‚Zipfel auch für männliches Glied‘ steht da noch. Krawatte geht auf Kroate zurück, „Ich binde mir einen Kroaten um“, wäre nicht falsch. Die kroatischen Soldaten hatten eine typische Halsbinde. Das Wort ist rumgewandert, war zuerst im Französischen cravate.

Zu vielen meiner Schlipse-Krawatten könnte ich eine Geschichte erzählen. Der schöne Laden in einer kleinen Gasse am Kölner Dom, das brennend rote Mitbringsel des Sohnes aus Sri Lanka, die schwarzen gestrickten Schlipse, die mir über lange Zeit ein so völlig falsches Business-outfit verpassten. Ich habe doch tatsächlich jahrelang als Regisseur im Fernseh-Studio eine wunderbare rot-blaue Strickkrawatte um den Hals gehabt.

Und noch etwas, was die Schlipse so wertvoll macht: Sie sind so völlig unnötig!

Bis bald, Ihr Blogger 84

 

 

München, am Samstag (Sonnabend für die Andersgläubigen), den 25. November 2006, 17 Uhr 30

Korrektur

Ich habe am Mittwoch, den 26. April eine Falschmeldung ins Internet gesetzt: Bei Hitlers Tod habe das Radio Wagner gespielt. Ich sah gestern spät abends im Ersten DER FALL FURTWÄNGLER. Die Nöte des weltberühmten Dirigenten nach dem Ende des Hitlerreiches, seine Entnazifizierung, obwohl er niemals in der Partei war. Ein US-Offizier verhört ihn immer wieder, quälend lange, fragt, wieso er zu Hitlers Geburtstag dirigiert habe, wieso er zum Reichsparteitag gespielt habe, wie er erpresst wurde: Sollte er sich weigern, sagte ihm Goebbels, würde der kleine Kerl dirigieren, gemeint war Herbert von Karajan, eindeutiger Parteigenosse.

Der Vernehmungsoffizier spielt ihm auf einem Grammophon etwas vor. Ich dachte schon, dass wäre der Wagner, den ich am Todestag Hitlers gehört zu haben glaubte. Ob er wisse, was das ist? Ja, natürlich, sagt Furtwängler, das Largo von Ferdinand Bruckner aus einer Sinfonie, deren Nummer ich vergessen habe. Vielleicht war es auch ein Adagio. „Richtig,“ sagt der Offizier, „und wissen Sie, wann das gespielt wurde? Als in den Radio-Nachrichten der Tod Hitlers verkündet wurde.“ Ich weiß gar nicht mehr, wem das Argument dienen sollte, ob diese Radio-Musik Furtwängler belastete oder entlastete. Der Film war insgesamt ein bisschen konfus.

Bruckner also, der etwas katholischere Wagner. Und gleich mein mich bloßstellendes Banausen-Bekenntnis hinterher: Ich kann den genau so wenig leiden wie Wagner. Bombast hat nicht meine Liebe, Mozart hat meine Liebe! Der macht auch manchmal Bombast, aber auf Rokoko-Füßchen.

Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Freitag, den 24. November 2006, 17 Uhr 30

Die tiefstehende Sonne

im späten November macht mir zu schaffen. Alles wird zu schwarzen Silhouetten im Gegenlicht. Ich ziehe eine Fratze und sehe gar nicht mehr schön aus. Pfadfinder lesen aus diesen Worten vielleicht, dass ich mich unter anderen Lichtumständen schön finde. Möchte ich nicht kommentieren.

Wenn ich ein bisschen angeben will, weise ich darauf hin, dass ich manche Zeit meines Berufslebens in Fernsehstudios verbracht habe. Und da baumeln ja bekanntlich die blendenden Scheinwerfer haufenweise von der Decke. Wie weit das als Berufskrankheit der Augen medizinisch geltend gemacht werden kann, möchte ich auch nicht kommentieren.

Ehrenrettung für Frau Mutter Sonne, sofern sie dergleichen überhaupt braucht – sehe ich mir ihre wunderbaren Protuberanzen in rund 150.000.000 Kilometern Entfernung an, dann halte ich mein von ihr Geblendetsein für völlig vernachlässigbar-: und Bitte an sie: Scheine ja weiter über dieses unvorstellbare Entfernung, von ganz oben das ganze Jahr am Äquator, tiefstehend in unseren Breiten im November – na wenn schon…   Du bist die wunderbarste Freundin, die es geben kann: Du schockst mit andauernden Wandlungen, die dennoch einigermaßen berechenbar bleiben, und es wird nie langweilig mit Dir!

Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Freitag, den 17. November 2006, 17 Uhr 30

Fünf aberwitzige Fragen und

eine Antwort, dieselbe nicht aberwitzig:

1.  Wie quuulkst die Qualze?

2.  Weshalb prügelt der Mompf den Husquartsten?

3. Wie erfindet der Pidlwampf den Pazzl?

4. Warum muss Orksinam auf Fempelwalsrtumpel folgen?

5. Wie finden Sie das abrzemplite Istolan im Gegensatz zum intoplinen Gaifestumpelchen?

Zum Kotzen.

 Bis bald, Ihr Blogger 84    

 

München, am Dienstag, den 14. November 2006, 17 Uhr 30

Nach Dienstschluss

erstmal in eine Kneipe. Machen neuerdings viele Etablissements Angebote: nach der Arbeit Schlückchen trinken, Happen essen, Stress abbauen. Ehefrauen lieben das wohl nicht so sehr. Manche Angebote schließen deshalb den Treff mit den Zuhausegebliebenen in die Werbung ein.

Saß ein Junggeselle an der Theke und jammerte: „Mann, denn komm ick nach Hause. Wat finde ick vor? Jenau detselbe, wie ick et am Mojen verlassen habe, einjermaßen Ordnung, allet am selben Platz, auch die abjejessenen Teller, allet… Zum Kotzen.“

Schlängelt sich ein Mädchen in seine Nähe und greift in seine Manteltasche: „Männecken, jib mir deine Wohnungsschlüssel. Die abjejessenen Teller nebent Bett uffn Fußboden, direkt rechts neben de Pampuschen. Und sonst – det bisken Unordnung mach ick dir mit links“

Sie sollen ein Paar geworden sein. Gratulatio!

 Bis bald, Ihr Blogger 84    

 

München, am Montag, den 13. November 2006, 17 Uhr 30

Beschimpfe

nicht die Telecom, wenn dein Telefon nicht klingelt.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Samstag, den 11. November 2006, 17 Uhr 30

Die Alten

pennen viel. Ihr Schlaf sei uns heilig. Sie haben viel zu viel gesehen auf der Welt. Wer zählt die Schubladen ihrer Vergangenheiten? Zu viel gesehen? Nein, aber sehr viel. Sie bleiben stehen und drehen sich um. Und was sehen sie?: Ein nicht enden wollendes Mosaik von farbigen Steinchen, dessen Anfang vor 80 Jahren ist nicht zu erkennen, verliert sich in schlieriger Unschärfe. Und jedes Steinchen will die gleiche Beachtung ihrer geschlossenen Augen. Ja, für den Blick in die Vergangenheit muss man die Augen schließen, jede Farbe der Gegenwart stört da ganz fürchterlich. Und die Ohren kann man nicht schließen. So sehen sie sehr müde aus, wenn sie dastehen und geschlossenen Auges nach hinten blicken. Schritte nach rückwärts sind ihnen nicht möglich. Eben nur die Blicke mit den geschlossenen Augen.

Die Müdigkeit der Alten sei uns heilig.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Dienstag, den 7. November 2006, 17 Uhr 30

Es muss Irgendjemanden geben,

der liest täglich die Süddeutsche Zeitung, und er kann etwas anfangen mit der Zeile unter der Rubrik ‚Börse und Finanzen‘:

SCA Hygiene Pr. gs/F 8,77 – 311,00 bG 311,00 – 359,00 – 309,00

Warum sage ich ‚Irgendjemanden‘?, – rund 40 Leute (geschätzt) zwischen Bad Tölz und Erlangen-Süd stürzen sich jeden Morgen vor dem Frühstück und noch ehe sie von Ortegas Wahlsieg in Nicaragua gelesen haben, auf diese Nachricht und reiben sich die Hände oder fluchen.

Nun ist mein Witz natürlich wohlfeil: Als Nichtbörsianer habe ich – und ich vermute viele andere Leser auf meiner Seite – nicht die geringste Ahnung von den Vorgängen und amüsiere mich über diese Zeile, die für mich in einer zentralafrikanischen Buschsprache verfasst zu sein scheint.

Ich weiß genau, dass ich mich da kundig machen könnte und dann ‚gs/F‘ verstünde und mit diesem Wissen viel Geld scheffeln könnte.

Will aber nicht.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Montag, den 6. November, 17 Uhr 30

Entsetzliche Vorstellung:

Der Kugelschreiber ist erfunden. Aber es fällt wahnsinnig schwer, ihm einen Plastikmantel zu verpassen. Die Technik ist halt noch nicht so weit. Vor allem: Der Klicker-Rausholer macht wahnsinniges Kopfzerbrechen.

Es werden Filme gedreht, mit allen nur erdenklichen Raffinessen. Aber das Telefon ist noch nicht erfunden.

Und da steht die Karosserie des neuesten Mercedes SMS600/Turbo-Switch und wartet: Das Rad ist noch nicht erfunden…

                                 Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Sonntag, den 5. November 2006, 17 Uhr 30

Ein Mann

hat ein T-Shirt an mit Rundausschnitt. Das mag er nicht. Also nimmt er eine Schere, stellt sich vor den Spiegel im Badezimmer und will ein V vorne in das Hemd schneiden. Kleine Schwierigkeiten, weil die Schere nicht sehr scharf ist. Da kommt seine Frau ins Badezimmer. Sie sieht den Mann mit der Schere an der Halsschlagader operieren und schreit: „Nein! Nicht! Ja, ich bekenne, ich habe dich mit dem Hemdenmacher betrogen, aber nur zwei Mal, nur zwei Mal! Ich schwöre! Und es war gar nicht so schön wie mit dir!“ Der Mann hat das nicht gewusst, nicht mal geahnt. Nun stößt er die Schere seiner Frau mitten ins Herz.

Mein Gemüt schreit danach, dies abzumildern. Aber wie? Dieser Mord ist so konsequent, so folgerichtig, so unersetzbar, man kann diese Dramaturgie nicht kippen. Man müsste die ganze Geschichte ins Klo schmeißen. Was mache ich bloß mit meiner Phantasie, wenn sie solche Geschichten beenden will? Ich bin auch entsetzt über mich, dass ich so einer blutrünstigen Geschichte auch noch etwas Humor unterrühre. Und im Hinterkopf spukt der Satz: Du hast eine neue Dimension dazugewonnen. Trauer aber über solchen Gewinn. Und det mit vierunachzich. Tod eines Moralisten. Oder was?

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Freitag, den 3. November 2006, 17 Uhr 30

Ich sitze vor der Glotze

und sehe Nachrichten und kriege erzählt, dass zwei Millionen-Städte dato um sehr traurigen Ruhm wetteifern: Wo wird mehr gemordet? Ziemlich eindeutig wohl in Bagdad. Dort trifft es unverhältnismäßig viele Unschuldige. In Neapel killen die Gauner einander gegenseitig wegen Millionen Euro aus Drogengeschäften. Die Unschuldigen in Neapel hören es nur knallen und sehen das Blut auf dem Pflaster fließen, und sind fassungslos, dass die Mafia ganze Straßenzüge, ja Wohnviertel unter ihrer Kontrolle hat.

Wer kann eigentlich nach solchen Nachrichten noch ein oder zwei Krimis sehen? Ich nicht.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Mittwoch, den 1. November 2006, 17 Uhr 30

Nun hat er angefangen,

der Monat, den ich liebe. Wie kann man denn bloß den November lieben? Ich kann ja auch die Normalität der Sommerzeit nicht leiden. Einkaufen, wenn die Straßenlaternen angehen, am Schreibtisch sitzen, Schreibtischlampe schon um 17 Uhr 30 an, die muss aber gemütlich sein, alle Außenaktivitäten eingeschränkt, Innenaktivitäten zentralgeheizt. Nö, Glühwein ist gar nicht nötig. Nüsse ja, ich liebe es, Walnüsse zu schälen, aber das ist ja im November schon vorbei.

Und dieser wunderbare Wetterbericht: Orkan-Böen, Kälteeinbruch, Regen, Schnee. Wer tut mir Leid? Bauarbeiter, Müllmänner… Wird auch Lügen gestraft, scheint manche Sonne.

Ist natürlich allles eurozentrisch. In Nigeria sieht das ganz anders aus, in Thailand auch. Ich liebe also den November als ehemaliger Kolonialist, nunmehr reicher Mann auf der nördlichen Halbkugel. Nee, det Märchen, det et uns jutjeht, bloß weil wa die Naturvölker ausjebeutet ham, det is mia zu simpl.

 Bis bald, Ihr Blogger 84

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