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Mai 2006

München, am Donnerstag Christi Himmelfahrt 2006, 17 Uhr 30

Hölderlins Hyperion

zu lesen, kostete mich große Kraft und Ausdauer. Ich tat es vor vielen Jahren, als ich unseren Hölderlin-Abend vorbereitete. Es ist ein sehr kriegsunwilliges Stück Literatur mit vielen Stellen von abgrundtiefer Schönheit und ebenso abgrundtiefer Melancholie. Und von langen Passagen, an denen der moderne Leser wohl mächtig zu arbeiten hat. Heute blätterte ich darin und fand am Ende einen Satz, der mich sehr bewegte und tröstete: ‚Versöhnung ist mitten im Streit.‘

Und ich dachte, wie übrigens öfter in letzter Zeit, an Südafrika, genauer: an die Menschen in der Republik Südafrika und ihre gigantischen Anstrengungen, im Volk eine Versöhnung zwischen den Tätern und den Opfern der wahrlich sehr blutigen Vergangenheit zustande zu bringen. Meine Tochter schenkte mir da unten eine Postkarte mit dem ‚African Saying‘: ‚To forget a wrong is the best revenge.‘ ‚Ein Unrecht zu vergessen, ist die beste Rache.‘ 80% aller Horrormeldungen in der Zeitung oder im Fernsehen ließen sich auf diese Weise völlig entschärfen. Da wäre überall die Luft raus. Ja, ich weiß: ich darf jetzt nicht freudetrunken simplifizieren. Es ist sehr sehr schwer und kompliziert.

Nein, es ist ganz ganz einfach: Versöhnung ist mitten im Streit.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

 München, am Dienstag, den 23. Mai 2006, 17 Uhr 30

Das Rätsel

von den 96 Stück: Jeden Tag kriegt Jedermann 96 Stück geschenkt; jeden Tag muss Jedermann 96 Stück wieder hergeben. Man kann sie nicht sehen oder hören, auch nicht schmecken, nicht riechen oder tasten. Aber man kann sie messen. Was ist das? (Die Kategorie ‚Stück‘ mag ein wenig irreführend sein.)

Wenn Sies wissen, schreiben Sies in mein Gästebuch.                        

                         Auflösung bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Sonntag, den 21. Mai 2006, 17 Uhr 30

Muss man denn

sowas in der Erinnerung behalten? Diese Winzigkeit im  Gripskasten: Sie ehrt meine Mutter. Rund 70 Jahre ist das nun her: Hans Albers und Heinz Rühmann in dem Film BOMBEN AUF MONTE CARLO. Ein Titel, der mir nie gefallen hat. Darin der sehr bekannte Schlager: ‘Das ist die Liebe der Matrosen‘. Darin die Zeilen:

„Man kann so süß im Hafen schlafen,
doch heißt es bald Aufwiedersehn.
Das ist die Liebe der Matrosen,
von dem kleinsten und gemeinsten Mann bis rauf zum Kapitän.“ 

Nein, das konnte meine Mutter gar nicht leiden: der gemeinste Mann. Aber das war Militär-Deutsch. Der Gemeine war im früheren Deutsch ein Soldat ohne jeden Rang, vor dem Beginn einer militärischen Laufbahn oder ganz einfach: der Einberufene. Meine Mutter fand einen Ausweg und sang, bekennend:

„Von dem kleinsten, allerkleinsten Mann bis rauf zum Kapitän.“

Ja, man muss. (Das in der Erinnerung behalten.)

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Freitag, den 19. Mai 2006, 17 Uhr 30

Der liebe Gott

ist ein Verschwender. Und wir Geschöpfe tun es ihm nach, aber ohne Lizenz. Deshalb ist Seine Verschwendung so unfassbar schön, und unsere so armselig unmoralisch.

Könnte ja einer oder mehrere kommen und sagen, der liebe Gott sei doch gar nicht lieb. Stimmt! Er ist auch grausam und ungerecht. Ich habe versucht, mich in schlauen Büchern kundig zu machen mit diesem Adjektiv ‚lieb‘. Sehr kompliziert – jedenfalls für mich und sehr viele Zeitgenossen. Ich zitiere aus dem Deutschen Wörterbuch von Hermann Paul: ‚Jetzt denken wir bei lieb immer an die Neigung zu einem lebenden Wesen.‘ Alles weitere Zitieren führt in den Dschungel. Wir nehmen Gott als ein lebendes Wesen, was ich sehr schön finde. Ich liebe also Gott, den Schöpfer. Er soll Verschwender bleiben.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Dienstag, den 16. Mai 2006, 17 Uhr 30

Es ist so Vieles

nicht in Ordnung auf der Welt. Binsenwahrheit, ich weiß. Zeitungslektüre, Fernseh-Nachrichten-Gucken jagen mir Schauer über die Kopfhaut. Völlig ratlos, wie zu reagieren sei. Die Möglichkeiten abschätzen: 1. Tun, 2. Zurückziehen; nicht sehr viel dazwischen. Zu 1.: Mich empören Ungerechtigkeit, Intrige, Lüge, Korruption, Verführung und alle, alle Gewalt.  Die Schwachen sind meinem Herzen nah, Ziele meiner Kusshände. Was aber kann ich t u n? Die abertausend Institutionen nach dem Muster des Roten Kreuzes – nein, ich kann nicht mit gigantisch vergrößerten Schecks vor Kameras posieren. (Naja, müsste ich ja nicht.) Sie bringen so schnell ein Perlen-Lächeln auf die Visage, weil wieder 5 Euro an Nahema im tiefen Afrika überwiesen wurden. Ich weiß, dass ich mit solchen Zynismen ehrwürdige Vereine dem Gespött preisgebe; ich zahle denen ja selber meinen Obulus. Aber man hat doch Informationen, wie finster viele der Kanäle sind, auf denen das Geld zu den Hilfsbedürftigen fließt – oder fließen soll, wer alles daran verdient (und auch verdienen muss).

Nein, ich kann mein Spendieren nicht als Tun klassifizieren. Karl-Heinz Böhm imponiert mir ungemein, aber Blogger 84 kann aus Altersgründen nicht mehr Entwicklungshelfer werden. 2. also: Zurückziehen – aber wohin? Würde ich nicht an allen exotischen Plätzen vom Rückzug nach Deutschland träumen und schwärmen?

3.: Beten. Es hat für mich Qualität und Gewicht. Und die Bitte um Gnade und Liebe ist für mich kein Spiel mit leeren Worthülsen.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Montag, den 15. Mai 2006, 17 Uhr 30

Mein derzeitiges Umfeld

ist derart einmalig und hinreißend schön, dass ich vor lauter tief durchgeatmetem Sein zu nichts Anderem komme.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Samstag,den 6. Mai 2006, 17 Uhr 30

Wer die Macht will,

ist meistens sehr erfinderisch. So Stalin, als es darum ging, das Erbe des verstorbenen Lenin anzutreten. Er hatte einen mächtigen Nebenbuhler: Trotzki. Er schrieb ihm, wann die Trauerfeierlichkeiten stattfinden sollten. Und er schrieb absichtlich ein falsches Datum und falsche Uhrzeit. Das verschaffte ihm Platz, seine Ellbogen auszudehnen. Stalin blieb in Moskau, Trotzki ging ins Exil nach Mexiko, dort ließ Stalin ihn ermorden. Die absurde Vorstellung, dass Trotzki von Mexiko aus Stalin in Moskau ermorden ließ, erhellt die Machtverhältnisse. Der Mörder benutzte, wie bekannt, einen Eispickel.

Das vorige Jahrhundert ohne Hitler, Stalin, Mao und Pol Pott, die Höllenfürsten, die in dem schrecklichen Wahn lebten, dass sie die Welt zum Paradies machten, wenn sie ihre selbsternannten, vermeintlichen Feinde in Millionenmassen ermordeten… Das Paradies ist ein Ort der Liebe.

(Diese 1 da unten links kriege ich nicht weg. Geneigter Leser ersieht daraus meinen Kenntnisstand, was die Computerei angeht…)

                                  Bin ein paar Tage verreist, bis Donnerstag,   

                      1                        17 Uhr 30, Ihr Blogger 84

 

 

München, am Mittwoch, den 3. Mai 2006, 17 Uhr 15

Die Vorstellung,

dass das Meer aufhört, sprengt alle Dimensionen. Aufhört zu rauschen, zu plätschern, zu glucksen, sich zu bewegen, dass nicht mehr Welle für Welle an den Strand spült, winzig kleine oder riesige Brecher, Brandung. (Wo kommtn das Wort her? Vom Feuer, das diametral entgegengesetzte Element mit ähnlichen Geräuschen und ähnlichem Wirbel, flammende Wellen. Das Wort wird ja aber mit Feuer gar nicht mehr in Verbindung gebracht. Naja, aber wer ist denn da mal am Strand langgegangen und hat gefunden, dass diese prallenden Wellen wie Flammen wirbeln? Und hat daraus auch noch ein Wort gemacht, das in den allgemeinen Sprachschatz eingeflossen ist? Auf solche Fragen gibt kein gängiges Wörterbuch Auskunft.) Ich denke nicht an bizarre Vereisungen, sondern an ein Aufhören. Aber das Meer soll noch da sein, nur gänzlich unbewegt. Recht sonderbare Wünsche oder? Futter für Psychoanalytiker.

Mit dem Meer wird man doch sein Leben lang nicht fertig.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

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