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Januar 2006

München, am Mittwoch, den 11. Januar 21006, 17 Uhr 30

Schwarz-weiße Katze,

tiefhängender weißer Bauch, schwanger vielleicht, schleicht über den Schnee der nachbarlichen Wiese auf mich am Fenster zu und bricht bei jedem vierten oder fünften Schritt ein – der Schnee hat eine harsche Kruste. Als sie dann näher unter meinem Fenster schleicht, stelle ich mit Erstaunen fest, dass sie ihre weißen Pfoten genau in ihre schon vorhandenen Spuren oder die Spuren einer Kollegin setzt, um nicht mehr einzubrechen. Tierpsychologen mögen darin nichts Erstaunliches sehen, – ich schon.

                                      Bis bald, Ihr Blogger 84  

 

München, am Montag, den 9. Januar 2006, 17 Uhr 30

Vorsicht bei Erinnerungen!

Warum? Erinnerungen können doch etwas sehr Schönes sein! Stimmt. Aber Psychologen betonen immer wieder, wie überaus unzuverlässig sie sind. Max Frisch sagt irgendwo – ich zitiere sinngemäß, nicht wörtlich: „Fast jeder Mensch fängt mit etwa 35 Jahren an, einen Roman zu erfinden, den er später als seine Erinnerungen ausgibt.“

Ich habe mal ein Gedicht geschrieben, nachts in einem steiermärkischen Hotelzimmer, nachdem ich die Rolle des guten Prinzen Pao in Klabunds Stück DER KREIDEKREIS in einem sehr schönen Theater – ich glaube, es war in Bruck an der Mur – zum ersten Mal gespielt hatte. Es war eine Tournee, 1946, mein Kollege Walter Gnilka, der den Prinzen Pao ursprünglich spielte, konnte nicht mitfahren. So wechselte ich von der Rolle des bösen Mandarins Ma, den in Bruck der Direktor mit zart sächselndem Tonfall spielte – alle Voraussetzungen zur Edelschmiere à la Striese waren gegeben -, zum guten Prinzen Pao.

Hier ist das Gedicht:

NACH DER VORSTELLUNG

Ein Engel hat in mir gewohnt

In den vergangenen zwei Stunden.

Weil ich gesucht hab‘ und gefunden,

Hat er mich wunderbar belohnt.

Das Leben läuft im alten Gleis.

In weiten Fernen, Geisterreichen

Lebt wieder er bei seinesgleichen.

Die blauen Flügel wehen leis‘…

Ich bin so leer und ungeschont!

Und nur die Hoffnung füllt mich an,

Dass ich einst wieder sagen kann:

Ein Engel hat in mir gewohnt.

Eines Tages schaute ich mir etwas genauer das Datum an, das da auf dem Manuskript links unten steht:  6. Dezember 1942 und dazu in sehr zartem Bleistiftstrich: Wien. Hm. Da war ich gerade Soldat geworden bei den Kraftfahrern in St.Pölten bei Wien. Da bekam ich einen kleinen Urlaub und spielte für einen Kollegen, der wohl auch Soldat geworden war, im wunderschönen Schlosstheater Schönbrunn, das gelegentlich von uns Studenten der Schauspielschule des Burgtheaters bespielt wurde, in einer alten, stehenden Inszenierung nach kurzer Stellprobe den Thomas Schnauzer im SOMMERNACHTSTRAUM, den Rüpel, der am Ende die Wand spielt:

„So hab‘ ich Wand nunmehr mein Part gemacht gut,

Und nun sich Wand hinwegbegeben tut.“

(Wand, Pyramus und Thisbe ab), Wand in die St.Pöltener Kaserne, nix fernöstliche Klabund-Romantik im nächtlichen steirischen Hotelzimmer. Und ich hätte geschworen… Vorsicht mit Meineiden bei Erinnerungen!

                                       Bis morgen, Ihr Blogger 84

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