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August 2006

München, am Freitag, den 18. August 2006, 17 Uhr 30

„Hast du Angst vor dem Sterben?“

fragte mich meine sehr reizende geliebte Freundin Biggy im November 1942, als ich zu Hitlers Wehrmacht eingezogen wurde. „Nein,“ antwortete ich, „aber vor dem Töten.“ Sie hieß nicht Biggy, nicht einmal Brigitte, sondern Eleonore, aber so sah sie nun wirklich überhaupt nicht aus. Wir waren Kollegen auf der Schauspielschule des Burgtheaters in Wien und heftig verliebt ineinander.

Angst vor dem Töten. Zufällig blätterte ich im Buch des Psychoanalytikers Arno Gruen DER FREMDE IN UNS und las, dass viele Soldaten im Gefecht ihre Waffen nicht benutzen, früher, heute, Amis, Deutsche. Sehr kurz und krass gesagt: Sie morden nicht. Das Morden auf Befehl – letztendlicher Inhalt jeglichen Soldatenseins im Krieg – ist also keine selbstverständliche Folge von, auch psychologischer, Ausbildung. Diese Ausbildung muss sehr hart sein, um Erfolge fragwürdigster Art – nämlich Leichen – zu haben. Ich mutmaße, dass alle Armeen der Welt da nicht sonderlich auskunftsfreudig sind.

Das widerspricht der Auffassung, dass der Mensch böse sei von Anbeginn: Wenn es bei militärischer Ausbildung beachtlicher Anstrengungen bedarf, um die Tötungshemmung bei „normalen“ Menschen auszuschalten, dann muss er doch gut sein von Anbeginn.

Ich will mich vor Pauschalierungen tunlichst hüten: Wir wissen heute von schrecklichen  Verrohungen unter jungen Leuten – auch Mädchen! -, so dass alle Pädagogik und Psychologie eingesetzt werden muss, damit sie am Ende nicht töten.

Ich will noch ein wenig von meinen Erfahrungen berichten: Als ich meine Soldatenzeit bei den Kraftfahrern in St.Pölten in Niederösterreich antrat, rauschten sieben bezaubernde Schutzengel herunter und geleiten mich durch die schlimmste Hölle des vorigen Jahrhunderts bis in den Mai 1945 und sorgten dafür, dass ich in meiner etwas skurrilen Soldatenlaufbahn sowohl vom Sterben als auch vom Töten verschont blieb. Es waren sieben, weil weniger das nicht geschafft hätten. Die Frage, warum Andere nicht einen einzigen Schutzengel hatten und elendiglich krepieren mussten, kann ich nicht beantworten. Ich weiß nur: Es gibt sehr gravierende Unterschiede zwischen himmlischer und irdischer Gerechtigkeit. Ich sagte früher oft: „Wer weiß denn, wie Gott schützt?“

Wieso – wenn die Soldaten, wie gesagt, so schießfaul sind – gibt es denn überhaupt Tote und Verletzte bei Bodenkämpfen? So schrecklich es klingt, – die Antwort könnte lauten: Das macht die Gewöhnung. Über Jahre auf dem Schlachtfeld, da findet der Zeigefinger der rechten Hand schon mal den Abzug, und der Feind fällt. Und nochmal. Und nochmal. Und der Satz: „Ich lebe, der nicht,“ ist dann der böse Triumph. Das ist wie bei der verstörten Hure, die Mühe hat, nach dem ersten Mal Geld zu fordern. Aber der Zuhälter wird ihr solche Flausen austreiben.

Und die Folgen für die Veteranen, die getötet haben? Heute auf der Titelseite der Südddeutschen Zeitung einer dieser eingerahmten Kurz-Essays: Sie werden es ein Leben lang nicht los, psychische Nöte, entsetzliche, immer wiederkehrende Albträume, zerrüttete Ehen und Scheidung, Versagen als Vater, Alkohol, Drogen, Selbstmord.

Wie liest das ein Ausbilder, der seinen Rekruten die Parole „Kill! Kill! Kill!“ eingebläut hat?

Nun sind wir in der Finsternis, in der das Gewissen nicht mehr zu erkennen ist.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Dienstag, den 15. August 2006

Das Semikolon 

sollte nicht aussterben, weder als Sache noch als Wort. Ebensowenig wie die Pandabären in Asien. Das Semikolon trennt mehr als ein Komma, weniger als ein Punkt. Trennt weniger als ein Punkt, hat aber ein Komm dazu. Weniger – mehr. Nicht logisch hadern.

Das Wort mal eben auf der Zunge zergehen lassen: Semikolon. Übersetzung offiziell: Strichpunkt; lassen Sei das mal auf der Zunge zergehen. Ist ja auch gar keine Übersetzung. Semikolon heißt: halber Doppelpunkt, der auch nicht auf der Zunge zergehbar ist. Kolon heißt außer Doppelpunkt auch Dickdarm (weshalb die Übersetzung Halbdickdarm nicht falsch, aber gänzlich sinnlos wäre, und weshalb es auch in manchen Arzneinamen gegen Hartleibigkeit vorkommt), Wurst, auch Glied, Bein, Knie, auch Absatz. Naja.

Warum schreibe ich immer erst das Komma, dann den Punkt drauf? Weiß ich nicht. Ist so ähnlich wie beim i, da schreibt man ja auch erst den Strich, dann den I-Punkt darüber. Könnte aber Leute geben, die machen erst den Punkt, dann den Strich drunter. Die haben ein ganz anderes Seelenleben als ich.

Wer benutzt bei der Abfassung von Texten noch das Semikolon? Ja, richtig: professionelle Schreiber. Es ist ein vornehmes Satzzeichen, nicht Jedermanns Sache.

Lassen wir es nicht aussterben. Es ist so erhaltenswert wie die Panda-Bären, die rätselhaften Asiaten.

Kleine Weisheit des Tages: Schuhe, die man nicht liebt, halten am längsten.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Montag, den 14. August 2006

Himmel auf Erden -

ganz, ganz selten; am ehesten noch über Verlieben.

Hölle auf Erden – an der nächsten Straßenecke; nein: darunter.

Wichtig!: Gibt Beides! Also: verliebt euch!

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

 

München, am Sonntag, den 13. August 2006, 17 Uhr 30

Meine Kritik an Bertolt Brecht

ist eigentlich ganz simpel: Seine Figuren wissen viel zu viel und viel zu genau Bescheid. Und: Alle seine Hoffnungen sind politisch. Ich erinnere mich an den KAUKASISCHEN KREIDEKREIS im Berliner Ensemble mit Ernst Busch als Richter Azdak. Wenn er seine Chansons sang, gab es nie einen Zweifel. Er überwältigte die Zuschauer mit seinen unanfechtbaren Gewissheiten. Und das machte mir – bei aller Bewunderung für den Schauspieler E.B. – die Sache so völlig suspekt.

Wort Zweifel hat natürlich mit Wort Zwei zu tun. Es braucht Zwei für ein Gespräch oder ein Geschwätz oder ein Gezänk. Der Andere ist nicht der Feind, vielleicht der Gegner, jedenfalls der Partner, der Redegeselle.

Ach Gott, was ist das für ein gutgemeintes Gewäsch eines Gutmenschen! Es könnte sein, dass wir Alle ohne dieses Gewäsch morden und sterben.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

                             Zusicherung meiner Liebe, die es nicht

                             zulassen wird, wieder so lange zu 

                                        schweigen.     

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