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April 2006

München, am Sonntag, den 30. April 2006, 17 Uhr 30

Das Telefonat zu dritt

kostet immer viel Nerven. Es telefonieren A mit dem Hörer in der Hand und B, ebenfalls mit dem Hörer in der Hand, aber in einem anderen Land. Und C sitzt im selben Zimmer wie A und telefoniert ohne Hörer mit. Und immer, wenn A eine Pause macht, um B zuzuhören, hält C die Gelegenheit für gekommen, auch etwas zu sagen. Das nervt A, der auf zwei Ohren zwei verschiedene Wortfolgen hört. Aber keine von beiden richtig versteht. Die schöne Regelmäßigkeit, mit der C in die Zuhörphasen von A reinquatscht, steigert natürlich A’s Nervosität, bis er schließlich bellt: „Moment mal, C: bitte rede nur dazwischen, wenn ich dich dazu auffordere, ich kann nicht B lauschen und zugleich deinen Zwischenrufen. B, sei bitte mal einen Augenblick still – C, was wolltest du sagen?“ Aber C ist durch das ungewohnte Bellen von A so schockiert, dass ihr die Worte fehlen. Deshalb herrscht nun Schweigen zwischen A, B und C. Es ist anzunehmen, dass sie alle Drei nach kurzer Stille wieder zu reden anfangen.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Samstag, den 29. April 2006, 17 Uhr 30

Jakopp & Elisabett

planten eine größere Autoreise nach Spanien. Als sie hörten, dass es dort nur wenige und wenig zuverlässige Wegweiser gibt, nahmen sie eine Menge Wegweiser im Kofferraum mit.

Beim Besuch von Barcelona und Madrid erwies sich überdies die Mitnahme eines Parkplatzes als sehr vorteilhaft. Auch wenn er den Platz im Kofferraum sehr beengte.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Freitag, den 28. April 2006, 17 Uhr 30

Ich muss meine Stadtromane (>>)

aus dem Netz nehmen und in Särgen vergraben. Ein Sarg würde genügen. Ich bin als Schriftsteller so gänzlich jenseits aller Moden. Was hat die wunderbare blonde Susanne, in die ich so sehr verliebt bin – was hat der wackere Ferdinand, der so mutig auf Kuba gelitten hat – was haben diese herrlichen Liebenden auf einer Welt verloren, auf der so entsetzlich gefoltert wird, im wirklichen Leben, in Spiel-Filmen (Wort ‚Spiel‘ wäre zu streichen. Oder zu unterstreichen?), in der Buchstaben-Literatur (was ja wohl ein Pleonasmus ist), auf Bildern in Öl und Wasserfarben.

Susanne ist sehr schön – weg! Ferdinand sieht gut aus und kommt bei Mädchen an – weg! Liliane, Susannes Schwester, tanzt zum Entzücken einer großen Fan-Gemeinde in der Staatsoper – weg! Alle weg! Her mit den Opfertypen, denen ich die Zigarette auf der Wange ausdrücke, denen ich die Haut abziehe, die ich vierteile und erstmal zum Schein hinrichte, bevor ich sie echt  hinrichte. Ich muss doch die Martyrien nicht alle aufzählen, stehen doch täglich in der Zeitung…

Was? Wer meldet sich denn da? Wer? Lavinia, und fragt, ob ich vergessen habe, dass auch sie meine liebliche Erfindung ist. Die kann doch noch gar nicht sprechen. Doch! Ist doch drei Jahre her! Ach so. Also:

Rums! Rum und mit dem Kahn zurück, zurück, zurück! Alle ‚wegs’ da oben weg! Her, Her, Her!, dass ich sie alle wieder umarme und küsse und liebe und knuddle. Und her mit Tausenden von neuen Lesern!

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Donnerstag, den 27. April 2006, 17 Uhr 30

Beim Zusammenbau

der Anna Netrebko hat sich der liebe Gott sehr viel Mühe gegeben. Dankgebet wäre fällig. Ich liebe sie seit der LA TRAVIATA des Vorjahres in Salzburg. Nein, sie fiel mir zum ersten Mal schon im Jahr davor auf beim Wiener Opernball. Wie sie da im tief ausgeschnittenen knallroten Kleid viele viele Meter über das leergefegte Parkett schritt, diesen hässlichen schwarzen Tontechnikkasten über dem Hintern, und hinreißend schön eine klassische Wiener Schnulze sang. Und nun lese ich, dass ihre ehemalige Lehrerin Tamara Nowitschenko am Konservatorium in St.Petersburg sagt: Anna sei von Gott bevorzugt, was ihre Schönheit betrifft. Was ihre stimmlichen Qualitäten anbelangt, so gebe es in jedem Jahrgang etwa fünf, die genausogut singen. Aber eben, füge ich hinzu, nicht genausoschön den Tontechnikkasten überm Hintern spazieren tragen. Das ist es doch, was ich mit dem Zusammenbau meine, bei dem sich der liebe Gott so viel Mühe gegeben habe. Dankgebet also.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Mittwoch, den 26. April 2006, 17 Uhr 30

Wenn eines Tages

mein Leben zu Ende gehen wird, wird es ein Leben ohne Richard Wagner gewesen sein.

Nein, das stimmt nicht. Noch war Krieg, in dem Dorf Sankt Jakob am Ende des Pfitschertales in Südtirol, östlich von Vipiteno/Sterzing waren wir, ein Haufen Landser, übriggeblieben von einem Divisionsstab, erstmal gestrandet. Wir  hatten eine Menge Gerät auf einem Lastwagen und stellten daher sicherheitshalber nächtliche Wachen auf. Wir waren im Pfarrhaus untergekommen, schenkten dem Pfarrer dann Fotokopiermaschinen und dergleichen und zogen zu Fuß weiter ins Zillertal.

Ich schob eine Runde Wache und kam in den Schlafraum zurück, weckte meine Ablösung, die rausging, und hörte Wagner-Musik aus dem Radio dudeln. Pardon: Wagner-Musik dudelt nie. (Oder immer?) Wagner mitten in der Nacht? Es kam die Nachricht, dass Hitler in Berlin gefallen sei, was ja, wie man weiß, nicht im geringsten stimmte. Selbstmord – Feigheit oder Mut? Ich weckte einen Kameraden und teilte ihm den Hitler-Tod mit. Aber der wollte nur weiterschlafen. So lag ich allein da mit dieser Nachricht und der Wagner-Musik.

Heute denke ich: Hatte der Diensthabende im Sender die Musik schon griffbereit? Mit dem Ableben des Gröfaz musste ja gerechnet werden. (Gröfaz? Größter Feldherr aller Zeiten.) War der, der das Wagner-Band auflegte, ein Nazi? Oder freute er sich? Ja, alle Anti-Nazis freuten sich natürlich. Trauer über diesen Tod? Nicht bei mir. Wagner passte da gut. Stets konnte ich über seine Musik, mehr noch über seine Texte lachen. Mit solcher Diffamierung ernte ich bei etlichen Leuten keine Liebe.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Montag, den 24. April 2006, 17 Uhr 30

Da ist diese Geschichte

von der absolut hysterischen Lucia mit ihrer Liebe zu Roger. Neulich hörte ich Jemanden Roger sagen, das g wie im deutschen Rogen ausgesprochen. Gibt es eine Beziehung zwischen Rocher und dem Namen Roger? Roger war ein Fels. Ja, unter Liebe hätte man das abheften müssen, aber es war eine so überaus bösartige Liebe dieser Lucia! Sie schrie ihn an, Rogers Frau Sophia war dabei, sollte wohl, ganz in Lucias Sinne dabei sein: „Du elender Heuchler! Du Lügner, du Betrüger, du behandelst deine Frau, als wärest du nicht mit mir ins Bett gesprungen, als hätten wir in Helsinki nicht die ganze Nacht gevögelt, dass das Bett fast zusammengekracht wäre. Und mich behandelst du, als hätten wir ein Leben lang immer nur shake-hands gemacht. Warum verleugnest du mich derartig infam?! Warum drückst du mich an die Wand, dass ich mich nur mit diesem Schreianfall retten kann? Bekenne, gestehe, jetzt, hier, vor den Ohren deiner armen Frau. Dem gemeinen Feigling musste ich es abnehmen, was mir schwer genug gefallen ist. Aber jetzt ist es raus! Jetzt lasse ich euch alleine, seht zu, wie ihr klarkommt!“ Damit rauschte sie davon.

Die Fakten: Lucia liebte intensiv diesen Roger. Sie war nicht die Einzige. Er war ein Womanizer. Nein, das war er nicht. Er war erfolgreich in der Versicherungsfirma, Lucia war eine seiner Mitarbeiterinnen, eine sehr gute übrigens.  Er hatte auch viel Erfolg bei Frauen. Aber nicht, weil er sie eroberte, sondern weil er sie liebte, ganz pauschal. Der schlimmste Fakt: Nichts von dem, was Lucia ihm vorwarf, entsprach der Wahrheit. Nie war es einen Schritt über shake-hands hinausgegangen, auch bei dem meeting in Helsinki nicht, wo sie im Hotel Mariott Zimmer an Zimmer übernachteten. Und nun diese Schreitirade vor den Augen und Ohren von Rogers Frau Sophia. Hysterikerinnen brauchen eine Ohrfeige, Roger war nicht der Mann dazu. Felsen bewegen sich äußerst langsam.

Lucia hatte eine ganz schlimme Zeit hinter sich. Sie war von einem schmierigen Mann, mit dem sie im Alkoholrausch geschlafen hatte, schwanger geworden, hatte sich dennoch auf das Kind als Ablenkung von diesem Roger gefreut, war allerdings immer ein wenig in Sorge, ob ihr Rausch bei der Zeugung das Kind geschädigt haben könnte. Dann gab es im fünften Monat einen Abgang, zu dem sie nichts getan hatte (außer vielleicht den Rausch bei der Zeugung). So eine Fehlgeburt ist, unter welchen Umständen auch immer, eine schwere Belastung. Schon das Wort Fehlgeburt ist ja nicht gerade tröstlich.

„Was war in Helsinki?“ fragte Sophia, nein, nicht bänglich, sondern sehr zuversichtlich.

Roger zuckte die Achseln und gab knappeste Antwort: „Shake-hands.“

Sophia zog den Schlussstrich: „Sie muss zum Arzt.“

Dieses Händeschütteln unter Kollegen war durchaus unüblich. Es ging von Lucia aus, sie ließ es nicht zu, dass es aus der Welt fiel. Es war eine Hoffnungsgeste, jeden Morgen, jeden Nachmittag bei Büroschluss. Sie war ziemlich fest überzeugt, dass Roger ihre Liebe erwiderte. Nein, das tat er nicht, er fühlte sich, wie Männer das tun, geschmeichelt, anstatt auf der Hut zu sein. Aber was heißt das? Die Firmenhierarchie klebte sie aneinander, mal mehr, mal weniger. Wie soll man da auf der Hut sein? Zumal nichts ausgesprochen wurde. Doch nun war Lucia geplatzt, lebte in der Hoffnung, das Sophia das Feld räumen könnte und schämte sich, ja, Hoffnung und Scham auf einmal; die Scham überwog, je länger das Ereignis in die Vergangenheit zurückfiel.

Das Heikelste war die erste Wiederbegegnung nach diesem Schreianfall.

Roger musste das Thema anpacken: „Solltest du Hoffnungen gehabt haben, dann hast du sie getötet, mit Stumpf und Stiel ausgerissen. Ich schätze dich sehr, als Person und als Mitarbeiterin, wir sind ein gutes Team, gut und erfolgreich.“ Die Worte ‚Person‘, ‚Mitarbeiterin‘, Team‘ und ‚erfolgreich‘ kränkten Lucia. Aber was sie erwartete, konnte Roger nicht sagen, weil er nichts über das Gesagte hinaus fühlte.

Die Geschichte nahm ein Ende: Lucia kündigte und heuerte bei der Konkurrenz an. Sie stieg sogar in der Hierarchie auf. Ein gutes Ende, dem freilich ein Fragezeichen angefügt werden muss: Ein gutes Ende?

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Sonntag, den 23. April 2006, 17 Uhr 30

Braucht

der Mensch eine Brillenputzbrille?

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

München, am Samstag, den 22. April 2006, 17 Uhr 30

Auch in den unordentlichen Verrichtungen

muss Ordnung sein. Jedenfalls für das städtische Steueramt in München, das sich außerstande sah, Angaben über Umsätze oder Steueraufkommen der Münchner Bordellbetriebe insgesamt zu machen, weil sie nicht als solche ausgewiesen werden, sondern in Verbindung mit – jetzt kommts: Astrologen, Spiritisten, Schuhputzern und Hundesalons aufscheinen. Wann beschweren sich Spiritisten über solche Nachbarschaft? Wann beschweren sich Huren, weil ihre Tätigkeit mit der von Schuhputzern gleichgestellt wird?

     Ordnung muss sein. Muss Ordnung sein?

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

 

München, am Donnerstag, den 20. April 2006, 17 Uhr 30

So, jetzt hole ich mir

vielleicht ein paar Freunde und Gleichgesinnte, aber jedenfalls viele Feinde ins Nest, wenn ich trompetenlaut verkünde, dass ich Krimis abgrundtief hasse, ich finde sie abscheulich, widerwärtig, gemein, final, zynisch, zynisch, zynisch.

Krimis erziehen zu Misstrauen, Lüge, Argwohn, Hinterhältigkeit, Gewalt… Sie animieren zur Verschwendung.

„Mammi, Mammi, warum wird denn bei uns nie geschossen? Und nie liegt ‚ne Leiche bei uns rum. Und wann kommt denn mal ‚n Kommissar zu uns?“

Bitte Liebe statt Mord.

Lese von einem französischen Autor, dessen Bettgenossin (oder wer?) entsetzt wäre, läse sie den Anfang seines neuesten Romans: da werde detailliertest ausgemalt, wie ein Mädchen mit schier unvorstellbarer Grausamkeit zu Tode gefoltert wird. Ich bin erstmal fassungslos, aber das darf ein Blogger nicht sein.

Lese, dass auf den Festplatten sehr vieler Handys (ich wusste noch gar nicht, dass jetzt Handys auch Festplatten haben oder hatten sie die immer schon?, meine Ignoranz in diesem Punkt ist sträflich), die Jugendlichen gehören, die extremsten Gewaltdarstellungen und härtesten Pornos gefunden wurden. Es ist eine Art von Mutprobe unter den (männlichen!) Schülern geworden, sowas anzuschauen. Und – – – die Polizei ist machtlos, das sei ein rechtsfreier Raum.

Lese, dass es einen Wettbewerb für Kinder von 9(!) bis 14 Jahren gibt, den besten Krimi auf drei Seiten zu schreiben.

Lese, dass der Mord dazugehört. Das ist mir das Schlimmste, die Auslöschung eines Lebens. Der Schuss in die Brust, kürzer als ein Lidschlag. Lese darüberhinaus, dass das Morden möglichst spielerisch zu geschehen hat, die blaue Zunge beim Würgen sei nicht wichtig. Wie überaus erfreulich.

Gestehe, dass ich öfter mal hängen bleibe bei einem Krimi, abends im Fernsehen. Nein, lesen tu ich keine.

So. Es geschehen weltweit Verbrechen. Doch bloß nicht so tun, als gäbe es irgendwo einen gewaltfreien Raum, bis hin zu der Frage, ob er überhaupt erstrebenswert wäre. Es muss auch möglich und erlaubt sein, Verbrechen zu schildern. Was ich einfordere, ist die Krimi-Inflation zu beenden (Donnerstagabend nach dem Krimi Trailer vom ‚Freitagskrimi‘ und gleich darauf Trailer vom ‚Samstagskrimi‘) und ich fordere: Ehrfurcht vor dem Menschenleben und dem Tod. Mehr nicht – weniger nicht.

                                       Bis bald, Ihr Blogger 84

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