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Inhaltsverzeichnis

Möglichkeiten

Ein Stück Theater

Exposé von Peter Podehl

Der Versuch, die Zukunft in ihren Möglichkeiten zu schildern, bedeutet, dass es von der Gestaltungskraft der Menschen abhängt, wie sie aussieht.

Im Mittelpunkt der Würfelbechermann, der diese Perspektiven durcheinanderwirbelt, ein Feind des Publikums, der es immer wieder aus seiner Trägheit reißt, zum Mitdenken veranlasst, Illusionen zerstört, – etwa eine schöne Liebesszene abrupt abbricht -, ein wenig Mephisto, allerdings will er auch durchaus das Gute. Das Publikum muss ihn sympathisch-unbehabglich empfinden. Vertreter des Autors, frech, listig, böse, lebendig bis akrobatisch. In keiner Weise lieber Gott (wie in “Kleine Stadt”), sondern ein menschlicher Zauberer. Spielt auch mit Jahreszahlen; kann alles sagen, vom Kalauer bis zur Philosophie. Zu überlegen, ob er am Schluss eine Freundin bekommt  und durch sie klein wird; eine Freundin auch des Publikums, die ihm die Schärfe nimmt; eventuell eine Mitwirkende, die er von Anfang an liebt, die sich weigert, was ihn böse macht. Schluss: Eine den Spuk vergessen machende Liebesszene, auch der Würfelbechermann liebt!

Das Stück läuft nicht ab, es wirbelt mit allen Bühneneffekten (dekorativ, beleuchtungsmäßig, akustisch), eventuell ohne Pause, natürlich im Auf und Ab mit Ruhen und Steigerungen, eine “Möglichkeit” nach der anderen wird geschildert, lang, kurz, hintereinander mal die gleiche Situation positiv und negativ, dann eine andere Situation positiv und negativ nicht hintereinander. Alles durch den Würfelbechermann durcheinandergewirbelt, der die Fäden in der Hand hält, fragt, zur Diskussion stellt, erklärt, zuweilen korrigiert. Ruhig bis ins Kabarettistische, mit den berühmten Ohrfeigen. So weit gehen, dass sogar einmal zwei Welten miteinander zu sprechen versuchen, sich aber nur sehr schwer zu verständigen vermögen. Nicht immer Gegeneinanderstellen. Mal nähere mal fernere Zukunft.

Bei den einzelnen Perspektiven darauf achten, dass sie nicht von Mätzchen leben, sondern menschlich bleiben. Also: Wenig Anspielung auf die Vergangenheit (Gegenwart, Hitler, 1947 etc.), keine technischen Utopien, immer vorstellbar, realisierbar bleiben, keine Dominik-Effekte und Spannungen (Roboter, Atome). Davon wissen wir nichts, aber die menschliche Entwicklung ist vorstellbar. So, wie in “Kommen und Gehen” nie abstrahiert wurde, sondern immer Erlebbares geschildert wurde. Die Zukunft als Erlebnis, nicht als Ereignis. Realistische Zukunft in beiden Perspektiven.

Für die negative Zukunft immerwährender Krieg, Qualen, manchmal laut, meistens grau und abgestumpft. Angst, Angst, Angst, keine Spur von Heldentum. Einsamkeit, keine soziale Gemeinschaft. Ruinenhafter Lebensstandard, Namen wie Haus I, II, III. Rebellionen vermeiden, grauenhafte Müdigkeit. “Regens doch nicht so auf!” sagt man einem Verzweifelnden. Gewaltanwendung und -anbetung; grauenhaft phantasie- und humorlos, nervös, hungrig, jedoch immer Menschen, wenn auch (in Bürokratie, Staat, Zwang langsam) absterbende. Wie ein Wasserhahn, der das Leben langsam zudreht. Abtröpfeln. Keine Liebe. Gestorbener Gott. Diese Zukunft kann manchmal sehr nah genommen werden.

Positive Zukunft: Wenn die Liebenden siegen! Nicht geistige Glasperlenspielwelt, sondern humorvolle, lebendige, kräftige Welt voll Liebe, Glaube, Zupacken. Phantasie ist etwas Reales, man gibt den Kindern schöne Namen. Die Möglichkeit des Krieges nicht wegleugnen, nur geringmachen. Alle soziale, kulturelle, politische Reform nur auf Grund der Liebe, hauptsächlich der erotischen Hierarchie der Liebenden. Weisheit, Aufbau, Arbeit, alles aus Liebe. Die Frau in der Politik nicht dem Mann nacheifernde Intellektbestie, sondern – Frau, als Einbeziehung von politischen Möglichkeiten, die bisher noch nicht da waren: “Die Liebe ist die Mutter aller Dinge.” Keineswegs fehlerlose Menschen, sondern gewaltlose, willige, bekennende. Die Möglichkeit des Noch-Nicht-Dagewesenen. Unzählige Elefanten unserer Zeit sind Mücken geworden. In dem Sprichwort liegt etwas unorganisches. Hier ist alles gewachsen, man meidet Vergleiche und Sprichworte. Alles Wort und alle Tat ist neu und ursprünglich. Nie vergeistigen, nie spinnen, immer lebendig-menschlich bleiben. Ohne Skepsis, immer begeisterungsfähig. Keine Spur von bittersüßer Resignation, wenn auch menschliche Regungen, wie Trauer und Verzweiflung vorhanden bleiben müssen. Keine Müdigkeit, Schlafen – Wachen.    Fernere Zukunft.

Die Bühnenbildner müssen ebenso zaubern, wie der Würfelbechermann. Ich halte ein großes, etwas schräges Podest für vorteilhaft, das der Spieler jeweils besteigt, rechts helle Ecke hinten, links graue schwarze, unorganische. Durch Stufen, Möbel, Bögen, Vorhänge (hinter denen umgebaut werden kann) Versatzstücke usw. die Spielmöglichkeiten schaffen, die Stück, Regisseur und Darsteller brauchen. Pars pro toto, nie abstrakt (wie Seiter in “Kleine Stadt”), Illusionstheater mit Wenden von Wänden, durchaus überschaubare Zauberei (Prismen des Goldoni-Theaters). Im negativen Teil alles aufeinander (Wohnküche), im positiven Kultur. Der Versuch, das Bühnenbild, dem Stück und der Aufführung organisch und unentbehrlich zu machen.

Die Frage der Darsteller bis dato (7.4.48) ungeklärt.

Unerlässlich bleibt, dass es sich um durchgehende, abhängige Handlungen handelt.

 

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So schrieb Peter Podehl 1948, so etwa in der gleichen Zeit begann mein winzig kleines Leben. Auch im Bewusstsein von Peter und Charlotte.

Fertig war das Stück 1951, auf einem besonderen Blatt widmet es Peter auch diesmal Charlotte, sie war in Stuttgart gewesen und hatte dort (zum letzten Mal in ihrem Leben) Theater gespielt. Zu ihrer Rückkehr schenkte er ihr das fertige Stück.

Erwin Hahs kritisiert in einem Brief aus eben dieser Zeit, in der er sich an den Entwurf der Bühnenbilder macht – von denen wir bisher leider noch nicht einmal die kleinste Skizze gefunden haben -, dass der Schluss nach den vorangegangen heftigen Szenen nicht stark genug, – nachhaltig genug, würde man heute sagen – sei. Und ich denke, er hat recht.

Ich kann mir aber auch vorstellen, dass Peter diesen Schluss, mit dem rettenden Satz, den er Charlotte in den Mund legt, sich eben nur von Charlotte gesprochen vorstellen konnte, die es so hätte rüberbringen können, dass danach dann eine ganz große Stille, ein Nachdenken, im Publikum hätte folgen müssen.

Claudia Podehl

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