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Szene 5

PROZESS

/Gong./

Das Licht im Zuschauerraum erlischt.

/Gong./

Vorhang auf

Gefängnis, eine Zelle auf der Schräge mit Tür und Schloss, aus Gitterstäben ringsherum mehr ein Käfig, ein Dach drauf, das bei geringem Anliften die Gitterstäbe freigibt, so dass sie laut polternd zusammenstürzen. Ein gewaltiger Sessel, mit Emblem der Justitia geschmückt, ein Stück massiver Gerichtstheke daneben; beide Stücke zum Demolieren präpariert.

Umgebung und Projektion vermitteln engen, gänzlich schmucklosen, hohen Gefängnishof, so düster wie möglich.

Erwin Hahs - Eupa und Ro: Der Prozess - Bühnenbild zu Szene 5

EUPA, der Tänzer, kniet in der Zelle, sich kaum bewegend.

TUTOU kommt von rechts vorne, den reparierten Rucksack auf dem Rücken. Im Anblick der Szene bleibt er wie erschrocken stehen.

LAUTSPRECHERDURCHSAGE, technisch nicht so einwandfrei wie die am Anfang:

„In diesem Innenhof fängt sich die ganze Kälte des Morgens nach der Tat. Nur wer Notwendigkeit im Sinne von Notwendigkeit erwünscht, ist noch begierig auf den Fortgang der Geschichte und besteigt wieder den Zug. Tutou, der Turnschuh-Tourist mit seiner Bitte um Gnade, dem Startschuss zum Mord, ist tief verstrickt. Ende der Durchsage.“

TUTOU ist auf die Aufforderung einzusteigen, losgegangen, hat aber bei Erwähnung seines Namens angehalten; jetzt geht er etwas zögerlich ins Abteil, hebt den Rucksack ins Netz, setzt sich.

DER SCHAFFNER, seine große Tasche umgehängt, vielleicht hat er jetzt einen Mantel an, kommt mit einem dienstlichen Schreiben in der Hand aus dem Gang, will das Neonlicht anmachen, das funktioniert nicht, er probiert die Leselampen, eine brennt:

„Die letzte Lampe, die in diesem Zug noch brennt, wirklich.“

Er studiert den Brief.

TUTOU:

„Gibts denn überhaupt noch Hoffnung, dass der Zug Europa erreicht, – jetzt, wo Ro nicht mehr lebt?“

DER SCHAFFNER:

„Wenig, wenig. Ich bin zum Stationsvorsteher von Europa befördert worden.“

TUTOU, fast schon beleidigt:

„Aber Sie sind doch der Schaffner dieses Zuges!?“

DER SCHAFFNER:

„Der Zug steht seit zwanzig Jahren. Der braucht keinen Schaffner.“

TUTOU stößt an die Bierdosen:

„Der ganze Zug stinkt nach Bier. Überall klebt Kaugummi. Und übrigens: Ich bin bestohlen worden!“

DER SCHAFFNER, einen Augenblick wieder in Funktion:

„Was? Da muss ich ja Protokoll aufnehmen! Wann war das?“

TUTOU lacht:

„Nach Ihrer Zeitrechnung vor ungefähr fünf Jahren.“

DER SCHAFFNER schlafft gleich wieder ab:

„Dann ist das doch längst verjährt!…“

TUTOU:

„Es ist auch egal, ob man Geld hat, wenn Ro tot ist.“

DER SCHAFFNER:

„Ja, dann werde ich mal losgehen und meine neue Dienststelle suchen.“

Das entnimmt er dem Brief:

„Europa ist jetzt eine Grenzstation. Unterschrift Generaldirektor.“

TUTOU:

„Wie wollen Sie denn Europa erreichen? Fährt da noch ein Bummelzug?“

DER SCHAFFNER:

„Nein, nein, – “

Er entdeckt den Stock:

„Gehört der Ihnen?“

TUTOU:

„Nein, Andenken an die Taschendiebe.“

DER SCHAFFNER:

„Dann kann ich ihn ja nehmen, ich muss zu Fuß dahin. Absurd, nicht wahr? Bahnbediensteter zu Fuß. Schlimmer als ein Landbriefträger.“

Nett vertraulich:

„Hätten Sie denn noch einen Morgenduft für mich?“

TUTOU:

„Tut mir leid, die sind alle.“

DER SCHAFFNER:

„Muss ich trocken gehen. Naja. Also Tschüss dann und – Gute Reise kann ich Ihnen nicht wünschen, alle Gute jedenfalls.“

Er geht, den Stecken ausprobierend, nach rechts ab.

TUTOU:

„Danke, Tschüss!“

Ihm fällt ein:

„Mensch, ich könnte doch gleich mitgehen, – nach Europa…“

Er holt den Rucksack runter und geht dem Schaffner nach. Er wird aufgehalten durch das Erscheinen

DES GENERALS, der von hinten auf die Schräge kommt.

/Von pompöser Musik begleitet./

DER GENERAL ist ein überdimensionaler Staatsanwalt. Unter dem lässig wallenden Talar trägt er eine hochkarätige Uniform mit einer Unzahl von Orden. Er hat den Umfang des Todes in Szene 1. Auf und an diesem Koloss wirken Kopf und Hände scheinbar klein, ebenso das Aktenfaszikel, das er mitbringt. Die Kopfbedeckung ist ein Barett vorn, hinten eine Generalsschirmmütze. Seine Verpackung wird seine Bewegungen sehr fremdartig machen; alles tun, dass sie fatal wirken und böse. Er stöhnt und ächzt viel. Er plumpst in den Sessel , schmeißt die Akten auf die Theke.

/Die Musik endet mit einem provozierenden grellen Halbschluss./

DER GENERAL steht auf, ordnet so viel Talar um sich, wie möglich, achtet auf den richtigen Sitz der Kopfbedeckung und plädiert schwülstig:

„Ich eröffne den Prozess ohne Beispiel und erteile mir das Wort: Ich als Generalmenschheitsstaatsanwalt kann kurzen Prozess machen. Es liegt Mord vor ohne die geringsten mildernden Umstände. Selten konnte der Generalmenschheitsstaatsanwalt mit solcher Entschiedenheit die Todesstrafe fordern und vollstrecken lassen.“

Er plumpst wieder in den Sessel.

TUTOU sehr spontan:

„Moment mal!: – noch ein Mord? Das darf doch wohl nicht wahr sein!?“

DER GENERAL, irritiert, aggressiv:

„Was? Die von mir verhängte Todesstrafe ist doch kein Mord!“

TUTOU, höhnisch:

„Und der Henker ist kein Mörder!“

DER GENERAL setzt scharf dagegen:

„Der Henker ist ein Saubermann“

TUTOU:

„Bis auf das bisschen Blut. Aber die aktuellen Waschmittel holen sicher auch Blut fasertief aus dem Gewebe.“

DER GENERAL beruhigt sich:

„Wer redet da überhaupt? Sie haben hier nicht Sitz und Stimme!“

TUTOU, ruhig mit einer Geste in den Zuschauerraum:

„Der Prozess ist öffentlich!“

DER GENERAL:

„Aber die Galerie schweigt!“

Er klatscht in die Hände:

„Was ist? Todesstrafe! Wo bleiben die vollstreckenden Organe?“

TUTOU gerät in Angst um Eupa:

„Wo bleibt der Verteidiger?“

DER GENERAL:

„Wer soll sich bei diesem widerwärtigen

 Fall von Strangulation hergeben für das Amt des Verteidigers? Sie vielleicht?“

TUTOU, betroffen abwehrend:

„Ich doch nicht! Ich bin der Turnschuh-Tourist!“

DER GENERAL:

„Na also! Verdrücken Sie sich mit Ihrem anarchistischen Geschwätz! Wir brauchen keine Verteidigung des Mordes!“

TUTOU:

„Nein nein, nicht den Mord – den Mann!“

DER GENERAL:

„Für so was ist hier kein Platz! Sehn doch selbst: Mein Sessel ist der einzige weit und breit für ein hohes Gericht, das nennt man kurzen Prozess. Wir brauchen Abschreckung! Das darf nicht wieder vorkommen, dass mitten im heiteren Maskentreiben, mitten im tiefsten Frieden ein Privatkrieg ausbricht, ein Mord den kontinentalen Frohsinn erwürgt!“

TUTOU, sehr abfällig:

„Kontinentalen Frohsinn!… Das glauben Sie doch wohl selber nicht! Ihre miese Fete hat doch den Mann erst zum Mörder gemacht!“

DER GENERAL steht auf, ereifert sich:

„Das ist doch wohl der Gipfel! Da veranstaltet man ein Fest, – “

TUTOU:

„M a n  hat nichts veranstaltet, das war ein Generalunternehmer!“

DER GENERAL:

„Na und? Zum Vergnügen der Einwohner! Mit Tanz, kein Gedeckzwang, zivile Preise. Und jetzt ist plötzlich dieses harmlose Milieu an allem schuld! Und der hier – “

Er geht um den Käfig herum, widerlich ironisch:

„ – völlig unschuldig. Ein Opfer, ein Lamm, genauso wie die Tote.“

TUTOU:

„Nein, unschuldig ist er nicht, aber – “

Er zögert.

DER GENERAL:

„Ich höre!: Aber aber aber – “

TUTOU hat es etwas schwer zu argumentieren:

„Ja, sehn Sie mal: Erst locken Sie den Mann in Ihr Etablissement. Und jetzt verraten Sie ihn, jetzt wollen Sie seinen Tod.“

DER GENERAL:

„Aber dazwischen liegt doch was! Ich habe ihn doch nicht ins Etablissement komplementiert, damit er mordet!“

TUTOU muss einsehen, wird unsicher, hilflos:

„Ja sicher, – aber – “

DER GENERAL kriegt Oberwasser:

„Ich höre! Aber aber aber – Was unterhalte ich mich hier mit Zuschauern?! Gehen Sie vors Fernsehen. Die Nachrichten quellen über von diesem Prozess!“

TUTOU stellt den Rucksack ab:

„Nee, das ist kein Prozess für die Ferne.“

DER GENERAL wird ärgerlich:

„Nehmen Sie Ihr Gerät auf und verschwinden Sie! Den Prozess handeln wir zwei aus, dialektisch: Ankläger und Angeklagter.“

TUTOU geht auf die Schräge zum Käfig:

„Hat Eupa denn was gesagt?“

DER GENERAL:

„Nicht ein Wort. Seit der Tat schweigt der Angeklagte.“

TUTOU:

„Was soll er sonst tun?“

DER GENERAL:

„Sein Schweigen ist ein einziger unüberhörbarer Hochmut!“

TUTOU, betroffen:

„Hochmut? Wenn Sie da recht haben, aber – “

DER GENERAL:

„Ich höre: Aber aber aber – “

TUTOU:

„Ich glaube das nicht…“

DER GENERAL:

„Lassen Sie den Glauben aus dem Spiel!“

Aus den Akten nehmend:

„Hier sind die Fakten: In 26 Verhören hat der Angeklagte den Mund nicht aufgemacht. Immer wieder habe ich ihm das Wort erteilt.“

TUTOU wächst durch die Nähe Eupas in seine Aufgaben:

„Welches Wort? Welches Wort reicht da rein? Wir haben keinen Schlüssel zu diesem Gesicht.“

DER GENERAL:

„Verlassen Sie augenblicklich den innersten Gerichtsbezirk. Hier ist doch kein Zoo!“

TUTOU bleibt:

„Eupas Nähe tut mir gut.“

DER GENERAL notiert:

„Diesen Satz mache ich aktenkundig: Nähe des Mörders tut ihm gut.“

TUTOU:

„Der Mann muss leben. Endstation Friedhof, – dazu habe ich mein Ticket nicht gelöst. Ich bin ganz entschieden gegen die Todesstrafe!“

Über sich selbst verwundert:

„Jetzt rede ich schon wie ein Verteidiger…“

DER GENERAL, böse und gefährlich, nahe bei Tutou:

„Sie reden wie einer, dem man gleich nach Eupas Hinrichtung auch den Prozess machen wird. Sie haben in die Luft geschossen und um Gnade gewinselt, ohne Waffenschein. Alles aktenkundig. Sie wären nicht der erste Verteidiger, der auf der Anklagebank landet.“

TUTOU weicht nicht:

„Meinen Mut knöpfen Sie mir nicht ab, den habe ich von Ro geerbt. Ich weiß inzwischen, dass er das Leben kosten kann.“

DER GENERAL macht einen Rückzieher:

„Warum hört mich denn keiner?!“

Er klatscht in die Hände:

„To-des-strafe…! Die Schergen!“

/Sehr sensible Auftrittsmusik für/

Erwin Hahs: Eupa und Ro - Der Tod - Figurine

DEN TOD, er ist nun ein eleganter älterer Herr mit einiger Vorliebe für ein gutes Lächeln. Er kommt langsam von hinten auf die Schräge.

DER GENERAL, gestört:

„Wer sind Sie denn?“

DER TOD:

„Ich bin einer ohne Ausweis.“

DER GENERAL:

„Wie sind Sie durch die Kontrollen gekommen?“

DER TOD:

„Von unten.“

DER GENERAL:

„Was soll das hießen?! Sie haben hier nicht Sitz und Stimme!“

DER TOD klatscht einmal in die Hände und zeigt nach oben.

Von oben kommt, an einem langen Seil, ein Stahlrohrsessel herunter

DER TOD hakt ihn aus, setzt sich:

„Ich habe Stimme – und Sitz.“

Das Seil verschwindet nach oben.

DER GENERAL versteht nichts und jammert rum:

„Was soll denn das alles? Ist das eine Revision oder was? Warum denn noch einmal alles neu aufrollen und kompliziert machen? Die Menschheit ist doch einig in globalem Abscheu!“

TUTOU:

„Was ist denn das nun wieder? Woher wissen Sie was von globalem Abscheu?“

DER GENERAL, von tiefster Überzeugung erfüllt:

„Die gigantischen Institute der Demoskopie haben den Durchschnitt der gesamten Menschheit befragt. Die überwältigende Mehrheit von 87 Prozent will nicht mit dem Frauenmörder Eupa auf einem Globus leben.“

DER TOD:

„Die gigantischen Institute haben vergessen, die Schüler zu fragen, die gerade unter den Bänken was suchten, die Penner, die saufen statt zu wohnen, die Kaufleute, die immer zu viel abwiegen und trotzdem auf ihre Rechnung kommen…“

DER GENERAL, unzugänglich:

„Die paar Leutchen schmälern mir doch nicht meinen demoskopisch abgesicherten Durchschnittsabscheu! Ich will den Prozess heute über die Runden kriegen. Ich will nicht noch einmal aufwachen mit der Angst, dass der Mörder immer noch lebt.“

TUTOU:

„Aber Eupas Tod kann nicht das Ende der Geschichte sein. Er braucht den Rest seines Lebens, um seine Hände zu waschen.“

DER GENERAL, höhnisch:

„Den Makel kriegt er nicht los. Die Zeiten, wo Seife geholfen habt, – die sind vorbei!“

DER TOD:

„Schuld braucht Zeit, wenn ich das richtig sehe…“

DER GENERAL wills wissen:

„Mann ohne Ausweis, wer sind Sie?“

DER TOD:

„Das haben Sie mich schon einmal gefragt.“

DER GENERAL:

„Kann mich nicht erinnern. Und – was haben Sie geantwortet?“

DER TOD zitiert sich selbst:

„Der General kennt mich nicht. Ich bin der Tod.“

DER GENERAL, zunächst ganz perplex:

„Ach nee…!“

TUTOU, sehr ernst:

„Ach so … Ja, dann kann ich wohl wirklich gehen…“

DER GENERAL sieht noch keinen Zusammenhang:

„Was? Wieso denn mit einem Mal?“

TUTOU, geht eine Treppe runter:

„Gegen  d e n  Vollzugsbeamten gibt es keine Verteidigung mehr.“

DER GENERAL kippt ins übereifrig Beflissene, zum Tod:

„Menschenskind, Gevatter, können Sie mir noch einmal verzeihen?! Wie konnte ich denn bloß so begriffsstutzig sein. Sie kommen zur Vollstreckung des Urteils.“

Er schließt den Käfig auf:

„Höchstpersönlich. Sie sollen nicht mit leeren Händen wieder gehen. Bitte sehr.“

DER TOD:

„Schließen Sie wieder zu.“

DER GENERAL, äußerst frivol:

„Eupa, raus! Das letzte Stündlein!“

DER TOD:

„Lassen Sie den Angeklagten in Gewahrsam und schließen Sie wieder zu.“

DER GENERAL tut das:

„Was? Wieso?“

Ihm fällt ein:

„Ach, wahrscheinlich wegen der Henkersmahlzeit. Aber der isst sowieso weniger als ein Spatz.“

DER TOD:

„Es geht nicht um Essen.“

TUTOU wird zornig:

„Ihr seid wohl wahnsinnig geworden, hier solches Zeug zu reden! Bloß weil der Angeklagte schweigt. Schließlich hat er Ohren! Da kann man sich doch nicht übers letzte Stündlein und Henkersmahlzeiten unterhalten! Jetzt plädiere ich für den kurzen Prozess!“

DER GENERAL:

„Sehr richtig! Was wollen Sie mehr, als die Todesstrafe?“

DER TOD:

„Ich bin keine Strafe.“

TUTOU, sehr verblüfft:

„Was?!“

Aber er versteht sofort und stürmt auf die Schräge:

„Hurra! Eins zu null für mich! Eupa, du hast Ohren!“

DER GENERAL hat dagegen die Tragweite nicht verstanden:

„In einem Mordprozess schreit man nicht Hurra! Sie verletzen andauernd die Würde des hohen Gerichts.“

TUTOU:

„Sie kapieren aber auch gar nichts! Ihre Strafe ist persönlich anwesend und – “

DER GENERAL unterbricht:

„Als ob ich das nicht verstanden hätte, – zur Abholung des Verurteilten.“

TUTOU:

„Eben nicht! Unmissverständlich hat er gesagt: Ich bin keine Strafe.“

DER GENERAL wittert Gefahren:

„Soll ich das wirklich so verstehen, Gevatter? Als wir uns das letzte Mal sahen, hatten Sie einen riesigen Appetit.“

DER TOD:

„Der Tod hat viele Gesichter und einen schwankenden Appetit.“

DER GENERAL:

„Aber das ist Anarchie! So können wir nicht leben!“

DER TOD:

„Wenn sie so nicht leben können…“

TUTOU:

„Dann ziehen wir die Konsequenz! Aber der hier bleibt leben und arbeitet an seiner Schuld.“

DER GENERAL:

„Und die Folgetaten? Es ist gesellschaftlich nicht zu verantworten, dass so ein Frauenmörder lebt.“

TUTOU:

„General, seien Sie vorsichtig, wir könnten nach den Mördern im Generalstab fragen!“

DER GENERAL, knapp abweisend:

„Meinen Beruf lassen Sie aus dem Spiel.“

TUTOU, vehement:

„Ich lasse gar nichts mehr! Ich packe jeden Strohhalm, um den hier in die Freiheit seiner Gefangenschaft zu führen. Ich bin jetzt Generalverteidiger!“

DER GENERAL:

„Ein Jüngelchen im Generalsrang!, – das ist Amtsanmaßung!“

TUTOU:

„Das ist die erste Liebe im Generalsrang! Zum ersten Mal in der Militärgeschichte. Liebe zu Ro! Die Liebe zwischen Eupa und Ro kann nicht vom Generalstaatsanwalt gelöscht werden. Seit dem Tod von Ro hinkt der Erdteil. Soll er ganz zu gehen aufhören? Das wäre die Bombe, die den Kontinent ausradiert, da läuft kein Märchen mehr. Halb zerstört ist er schon.“

DER GENERAL:

„Weil eine Frau diesem Schlappschwanz die Maske abgerissen hat, – eine Frau!“

TUTOU:

„Aus Liebe, – alles aus Liebe!“

DER GENERAL:

„Liebe! Liebe! Ich versteh immer Liebe! Ich liebe meine Frau auch nicht mehr, aber ich bringe sie deshalb nicht gleich um?!“

TUTOU:

„Nicht doch ihr Fehlen, – ihr Vorhandensein! Die Liebe, die nicht schmilzt, die unten rauskommt aus den Hochöfen von Verbrechen und Schuld, die glitzert in all der Schlacke…“

DER GENERAL ist längst überfordert mit seinen Verständniskapazitäten:

„Na also, na also! Mit meiner Strafe befördere ich den Angeklagten doch direkt in das Reich, wo er seine Geliebte schon hinexpediert hat. Da können sie sich doch umhalsen und turteln bis zum jüngsten Gericht!“

TUTOU rennt erregt rum:

„Er kapiert nichts, überhaupt nichts! Er kann nur Krieg denken. Wie kann man ihm nur das Maul stopfen, dass er aufhört dieses verdammte Zeug zu krähen?!“

DER GENERAL, sehr empört:

„Ich lasse den Saal räumen!“

DER TOD, mit einer Geste zum Zuschauerraum:

„Den Saal lassen Sie nicht räumen, General, Sie nicht.“

DER GENERAL berappelt sich, nur mit Mühe gefasst:

„Herrschaften, jetzt seid doch mal vernünftig!: Wie soll ich die Gesellschaft denn schützen gegen den Gesetzesübertreter, die Gewalttäter? Herr Verteidiger – hä?“

TUTOU:

„Mann, ich hab nur meinen Schulabschluss, – fragen Sie mich was Leichteres!…“

DER GENERAL kriegt wieder Oberwasser:

„Na also. Gesetz und Ordnung! Das kalte Grausen kommt mich an, wenn ich mir vorstelle, dass die Unterwelt so voll wird von Mördern und Räubern und Zuhältern, dass sie nach oben schwappt, ans Tageslicht, in den Stadtpark, sich auf die Bank setzt neben meine Tochter. Wir müssen die Lüsternen abschrecken, indem wir die Täter bestrafen.“

DER TOD:

„Ich – bin keine Strafe.“

TUTOU steht in großer Freude vor dem Tod:

„Hier passiert was ganz Dolles!: Hier sagt mal einer seine Meinung, der sonst nie auftritt und immer alle stumm in sich hineinfrisst. Auf den müssen wir hören!“

DER GENERAL steht hinter dem Tod, leise, suggestiv, beschwörend:

„Tod, Herr Tod, Gevatter, Exzellenz, die Jurisprudenz braucht Sie. Unterlaufen Sie nicht den Vertrag, der seit Menschengedenken gilt: Sie sind die Müllkippe für das, was uns zerstören will. Das gilt im Krieg, – das gilt im Frieden.“

Er weist auf Tutou:

„Der will das Unkraut wachsen lassen, bis wir alle dran ersticken. Wenn die totale Anarchie ausbricht, werden Sie sich auch überfressen und rülpsen, keine geregelten Mahlzeiten. Lassen Sie sich rühren: Tod im Namen des Gesetzes ist besser. Nehmen Sie die Strafe an, Gevatter, ich beschwöre Sie.“

DER TOD:

„Ich bin keine Strafe.“

DER GENERAL wendet sich wütend ab, umkreist den Tod:

„Sie sind doch vielleicht ein Scheißkerl! Ich bin keine Strafe, ich bin keine Strafe!… Ihre Selbstsicherheit über das, was Sie sind, kann uns völlig egal sein! Hören Sie auf zu lächeln! Wir wollen Angst! Und Sie fallen uns da nicht in den Arm!“

DER TOD ist aufgestanden und fällt dem General steif in den Arm:

DER GENERAL hält ihn mühsam, sehr erschrocken:

„Was soll denn das jetzt wieder?! Der Tod spielt Ohnmacht oder sich selbst. Warten Sie, ich führe Sie ab.“

Er führt in ans obere Ende der Schräge. Dort stürzt er mit dem Tod ab, schreiend.

/Ein riesiger Krach./

TUTOU rennt nach hinten:

„General, den Schlüssel, wir brauchen den Schlüssel!“

DER TOD erscheint auf irgendeinem Podest in strahlendem Licht:

„Der General verfügt über keinen Schlüssel mehr.“

Er verschwindet im Dunkel.

TUTOU:

„Aber wie kriege ich meinen Mann da raus?“

/Eine wüste Rock-Musik./

EINE HORDE anarchischer junger Zerstörer stürmt über die Schräge und zertrümmert den Käfig, die beiden Möbelstücke und rast wieder ab. Manche reißen sich noch Masken von Maskenball ab und spielen damit Fußball. Der Stahlrohrsessel des Todes bleibt dabei unversehrt.

Wieweit und wie viel dies noch Tanz ist, sei dahingestellt. Das Hochgefühl der Anarchie muss vielleicht noch choreographiert werden.

DIE DREI JUNGEN LEUTE aus dem früheren entre act waren dabei und sitzen plötzlich im Eisenbahnabteil.

/Die Anarchie der Musik verebbt und lässt übrig, was nun Eupa begleitet. Das ist gewiss alles andere als Ruhe nach dem Sturm. Es ist der Anfang eines Neuen, aus dem Chaos geborenen und immer noch chaotisch genug: Schuld in der Freiheit, eine kaum zu ertragende Spannung./

EUPA, der Tänzer, tanzt; ja, er tanzt, ein anderes Ausdrucksmittel ist kaum vorstellbar, auf den Knien, auf den Füßen, wieder zusammenbrechend, momentweise regungslos am Boden, dann momentweise strahlend aufgerichtet, auch in Dankeskorrespondenz zu Tutou, – tanzt in seine, wie Tutou es nannte: Freiheit der Gefangenschaft. Er verlässt die Bühne.

/Musik endet./

LAUTSPREHERDURCHSAGE, defekt, von Rauschen begleitet, Silben, Laute sind gekappt, wie Querstriche im folgenden Text andeuten:

„Zum Nahver-ehrszug nach Eu-opa bitte –nsteigen und Tü-n schließen –icht selbsttät-“

TUTOU stolpert über die Trümmer der Schräge, schnappt sich seinen Rucksack und rennt zu seinem Abteil.

Vorhang.

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