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Entre act 3

DER SCHAFFNER kommt mit einem Brief aus den Gang zum Abteil, macht die Tür auf:

„Sie sind doch Herr Tutou?“

TUTOU:

„Ja?“

DER SCHAFFNER überreicht den Brief:

„Ein Brief für Sie.“

TUTOU nimmt ihn erstaunt, schaut gleich auf den Absender, freut sich:

„Von meinen Eltern! Aber – wieso sind Sie jetzt Briefträger?“

DER SCHAFFNER:

„Keineswegs. Ich bin weiterhin der Schaffner dieses verdammten Zuges. Post und Bahn Hand in Hand.“

TUTOU hat den Brief geöffnet, gibt dem Schaffner ein Trinkgeld aus dem Portemonnaie:

„Aber dass er einen im fahrenden Zug erreicht, dass soll ein Trinkgeld wert sein.“

DER SCHAFFNER nimmts, wendet aber ein:

„Danke. Wie kommen Sie darauf, dass der Zug fährt? Er steht seit fünf Jahren.“

ZWEI JUNGEN und EIN MÄDCHEN drängen ins Abteil, lachend, schwatzend, kaugummikauend, bei flüchtigem Hinsehen wenig vertrauenserweckend, bei näherem Hinsehen eigentlich netter, aber –

JUNGE 1 ist ein bisschen dicklich:

„Ist doch frei, oder?“

TUTOU:

„Ja.“

Er verstaut den kaputten Rucksack, dass die Äpfel kullern, die er dann aufhebt.

DER SCHAFFNER:

„Ist der Rucksack wieder kaputt? Leider kann ich Ihnen jetzt bei der Reparatur nicht helfen.“

DAS MÄDCHEN hält Tutou sehr lächelnd einen Apfel hin, das es aufgehoben hat.

TUTOU schiebt ihn zurück:

„Kannst du behalten, wenn du willst.“

Er bietet auch

DEN JUNGS Äpfel an, aber die wehren lachend ab, holen Dosenbier aus der Tasche, setzen sich, trinken, rauchen.

DAS MÄDCHEN hat den Kaugummi ausgespuckt:

„Danke.“

und beißt in den Apfel. Es steht ziemlich eng in Tutous Nähe, die eine Hand oben im Gepäcknetz, was der Intimität zu Tutou förderlich ist.

TUTOU, der sich schon länger gesetzt hat, zum Schaffner:

„Ich versteh das nicht: Wieso steigen hier Leute ein. Sie sagten doch, der Zug steht seit fünf Jahren…“

DER SCHAFFNER hat die Fahrkarten der Zugestiegenen kontrolliert:

„Das ändert doch nichts an der Hoffnung.“

Er schließt die Tür und geht ab.

TUTOU nimmt die Nähe des Mädchens zur Kenntnis und liest den Brief.

JUNGE 2 hat einen Stock in der Länge eines Wandersteckens mitgebracht, er schaut aus dem Fenster:

„Klasse Krankenhaus ist das da. Sieht gut aus.“

JUNGE 1, der in der Mitte und neben Tutou sitzt:

„Willst du rein? Ich brauch bloß mal zuschlagen, – bist du schon drin!“

JUNGE 2 hebt aggressiv den Stock:

„Oder du!“

DAS MÄDCHEN haut den Stock runter:

„Macht kein Scheiß!“

JUNGE 2:

„Den Sie da in den Wagen gehievt haben, – war der tot?“

JUNGE 1:

„Glaub ich nicht.“

DAS MÄDCHEN:

„Ich kannte den.“

JUNGE 1 boxt mit der Hand auf den Oberschenkel:

„Du kennst alle. Du lässt doch keinen aus.“

DAS MÄDCHEN:

„Stört dich was?“

JUNGE 1:

„Mich doch nicht.“

JUNGE 2:

„Wann fährt denn der Zug?“

JUNGE 1 böse:

„Wenn der Heimo heute wieder keinen Stoff hat, kipp ich ihm die Boxen vom Buffett.“

DAS MÄDCHEN:

„Mann, Dicker, du kannst aber wirklich nur noch Randale machen.“

JUNGE 1 sehr anzüglich:

„Nee, ich kann noch was anderes.“

DAS MÄDCHEN, darauf eingehend, grinst:

„Nimm die Flossen weg, ich will sitzen.“

Es setzt sich auf seinen Schoß, den schönen Rücken Tutou zugewandt, schaukelt hin und her, wenig, aber eindeutig.

JUNGE 2 schaut wieder aus dem Fenster:

„Da fahren sie den zum Krankenhaus, – der war nicht tot.“

JUNGE:

„Könn ihn ja nicht gleich auf den Friedhof karren.“

DAS MÄDCHEN:

„Wenn der Heimo die neue Chick-Platte hat, haust du keine Boxen runter. Ist das klar, Dicker?

JUNGE 1:

„Alles klar, Puppe.“

JUNGE 2:

„Mensch, dieser Arsch von Zug fährt heute wieder nicht.“

JUNGE 1:

„Wolln wir gehen und den da machen?“

Er macht die Anhalter-Geste.

DIE GRUPPE geht raus, gleich durch den Gang links weg, die Bierdosen schmeißen sie nicht absichtlich runter, aber als sie poltern, heben sie sie such nicht auf. Der Stock wird vergessen.

DAS MÄDCHEN beugt sich im Rausgehen nah zu Tutou:

„Danke für den Apfel. Tschüss!

Vorhang auf

Szene 4

MASKENBALL

Der politische Graben zwischen Ost und West trennt zwei Maskenbälle voneinander. Links ist Schickeria mit viel Geld und allen dekorativen Finessen zugange, Tische und Stühle haben den nostalgischen Charme des Wertvollen. Das kalte Buffett ist exquisit, man trinkt Sekt.

Rechts ist alles viel schmuckloser, unbeholfener, heller, nicht unbedingt ehrlicher. Aber man kann sich schwerer verstecken. Das Mobiliar gediegen aber ohne Pfiff. Da gibt es auch Sekt, aber auch Bier und Korn, man isst so was wie Tellergerichte.

Auf der Projektionsfläche links ein ‚echter’ Watteau oder so was, rechts heroischer sozialistischer Realismus, scharf aneinanderstoßend.

Die Mitte bleibt für eine Tanzfläche frei.

Vor der ganzen Szene hängt zunächst eine Wand, eine Fassade mit vielen Fenstern, durch die man Teile der Szenerie schon sehen kann. In der Mitte der Wand eine zweiflügelige Pendeltür, die ziemlich schnell und schnappig pendelt.

Zwischen der Schräge und dieser Wand steht ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, weißes Tuch drauf und eine Vase mit künstlichen Blumen.

Erwin Hahs - Eupa und Ro: Der Maskenball - Bühnenbild zu Szene 4

DIE MASKIERTEN sind Tänzerinnen und Tänzer. Links tragen sie das tief ausgeschnittene Abendkleid neuester Mode und Frack. Alle haben uniformierte Masken vor dem Gesicht. Bei den Frauen sind sie von porzellanenem Ebenmaß und aufwendig-dezenter Kosmetik, die Männermasken von unerschütterlicher Wohlgenährtheit und Selbstbewusstsein.

Rechts dominiert der nicht gerade gut sitzende Zweireiher, bei den Frauen Konfektionskostüme und –fähnchen. Die Masken rechts unterscheiden wenig zwischen männlich und weiblich, es sind hagere, eher unzufriedene als revolutionäre Züge.

Zunächst verharren die Maskierten bewegungslos mit dem Rücken zur Rampe, so dass noch keine Maske sichtbar ist.

TUTOU macht die Szenerie neugierig, er schlendert zur Pendeltür, versucht, durch die Fenster zu schauen.

DER GENERAL kommt durch die Pendeltür raus, einen Packen Flugblätter in der Hand. Er ist mit Zuhälter-Eleganz gekleidet. Die in Szene 1 eher nur angedeutete Massigkeit ist sehr verstärkt, in seiner Disproportion hat er erschreckende Ausmaße angenommen. Er haut gleich Tutou an:

„Was kosten Sie die Stunde?“

TUTOU, zunächst etwas verblüfft:

„Oh, ich bin eigentlich nicht darauf angewiesen. Geld zu verd- “

Er hat auf seine Hosentasche geklopft und kriegt einen mächtigen Schreck:

„He!, mein Portemonnaie! verdammt!“

Er klopft alle Taschen ab, dann zum General:

„Moment mal!“

Er rennt ins Abteil sucht fieberhaft unter der Bank, in den Polstern, reißt den kaputten Rucksack runter, untersucht dessen Taschen, holt das Kreuz an der Kette aus der Tasche:

„Ich kann ja nicht das Kreuz aufs Leihhaus bringen“

Er steckt es wieder ein.

DER GENERAL brummelt:

„Millionen Arbeitslose, aber wenn du einen Schlepper suchst, – Fehlanzeige…“

TUTOU ist alles klar:

„Diese Mistbiene!…“

Er gibt den Bierdosen einen scheppernden Tritt. Dann überlegt er nicht lange, rennt mit dem Kaputten Rucksack zum General:

„Hallo! Moment mal!“

 DER GENERAL wollte gerade wieder durch die Tür gehen:

„Na? Doch Hunger, was?“

TUTOU:

„Nee, aber – ja, das Portemonnaie geklaut.“

DER GENERAL, ohne das geringste Mitleid:

„Na also. Hier.“

Er gibt ihm die Flugblätter.

TUTOU, ist wieder etwas unbeholfen mit dem kaputten Rucksack:

„Was soll ich denn überhaupt machen?“

DER GENERAL:

„Reklame für mein Etabilssement. Maskenball! Wenn ich sehe, dass Sie etwas leisten, – feste Anstellung als Reklamechef!“

TUTOU:

„Beim Maskenball eine feste Anstellung? Geht denn der so lange?“

DER GENERAL, sehr geschäftstüchtig, sicher:

„Das Ganze europäisch aufgezogen. Ist doch grade wieder die große Masche. Keine Sorge! Wenn einer seit 20 Jahren Generalunternehmer ist und riecht den Braten nicht – “

TUTOU:

„Ach, jetzt erkenne ich Sie erst wieder.“

DER GENERAL fährt ihm ziemlich eklig in die Parade:

„Keine plumpen Vertraulichkeiten, junger Mann, wenn Ihnen die Stellung lieb ist. Von wegen –entlarven und so: – ist nicht! Bei einem Maskenball gibt’s nur Mitmachen oder Aussperrung, nichts dazwischen. Also: 3-20 die Stunde, auf Probe.“

TUTOU hat keine Wahl:

„OK.“

DER GENERAL:

„Aber nicht bloß die Zettel einfach verteilen, – laut ausrufen, was draufsteht! Und wenns Herrschaften gehört und gelesen haben und gehen nicht gleich rein, – Werbung durch persönlichen Kontakt in direktem Beschuss: Reden, Dreinredn, Überreden! Die Europäer sind schwerhörig!“

Er geht durch die Tür.

TUTOU liest leise und eher ängstlich von einem der Zettel ab:

„Hereinspaziert! Hereinspaziert zum europäischen Maskenball! Garantiert exekutive Sensationen! Europa verschwindet hinter Masken! Jeder nimmt sich was vor! Keiner kennt den Anderen! Das wird ein Mordsspaß!“

Die letzte Silbe ist fast untergegangen, denn er sieht Jemanden kommen:

„Für die Zwei ist das nichts…“

Er versteckt den Zettel und verhält sich möglichst unauffällig.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, kommen von der Seite und gehen über die Bühne. Sie haben die Lebensmitte erreicht, sind elegant dunkel gekleidet, Mantel, Hut.

RO:

„Die Welt muss rund sein, Eupa, hier waren wir schon einmal.“

EUPA:

„Ja, eigentlich kann man sich gar nicht verlaufen auf der Welt.“

RO ein wenig säuerlich:

„Ich kann solche Sätze von dir nicht mehr leiden.“

Sie ist an Tutou vorbei, dreht sich um:

„Wir kennen uns doch…?“

TUTOU, eher verlegen:

„Ja –

RO, erfreut:

„Oh, ich erinnere mich, Eupa: Das ist doch Herr Tutou mit dem kleinen Obdach, – wie lange ist das schon her? – und mit dem Apfel.“

TUTOU:

„Sorte Morgenduft, ja.“

EUPA:

„Und der Rucksack noch immer kaputt. Sie sehen auch keine Spur älter aus.“

RO:

„Sind wir denn älter geworden?“

EUPA:

„Mein liebes Kind, wir haben schließlich die Lebensmitte überschritten.“

RO, doch etwas erstaunt:

„Schon die Mitte? Dann solltest du nicht immer mit diesem Ton ‚mein liebes Kind‘ zu mir sagen.“

EUPA reagiert nicht darauf; jovial zu Tutou:

„Ich glaube, Sie nehmen Ihren Job nicht ganz ernst, – sonst hätten Sie uns doch schon längst so ein Stück Papier in die Hände gedrückt.“

TUTOU möchte das gar nicht:

„Ja, also – bitte erlauben sie mir, dass ich Ihnen vorlese, was da daraufsteht.“

RO:

„Ich finde, dass er seinen Beruf sehr ernst nimmt.“

TUTOU tut so, als läse er vor, nicht gerade flüssig:

„Es sollen alle wissen, dass die Angst umgeht, als eine schleichende, ansteckende Krankheit. Als – als Folgekrankheiten treten Augenerkrankungen auf – und Gewalt. Der Zustand des Erdteils ist besorgniserregend. Wer dies liest oder vorgelesen bekommt, ist gewarnt. Wer zuhört und steht an der Seite des einen Geliebten, – hat Hoffnung, davonzukommen…“

DER GENERAL schnellt durch die Tür und schwadroniert geflissentlich:

„Mein Reklamechef in Aktion. Es ist soweit. Wenn ich bitten dürfte.“

Er öffnet dienernd die Tür.

TUTOU, in großer Sorge:

„Gehen Sie nicht da rein!“

DER GENERAL haut ihm die Zettel aus der Hand, zischt:

„Halten Sie das Maul! Es ist von mir gekauft.“

EUPA, zu Tutou:

„Wenn dies Ihr Chef ist, dann stammt das Vorgelesene von ihm?“

DER GENERAL:

„Von mir, selbstredend. Mein Etablissement zu Ihrer Verfügung.“

Er dienert wieder an der Tür.

EUPA:

„Wie kommen Sie dazu, so etwas drucken zu lassen?“

TUTOU:

„Aber es steht ja etwas ganz anderes drauf!“

DER GENERAL schiebt ihn weg:

„Zu spät. Sie sind entlassen! Scheren Sie sich von meinem Portal!“

RO:

„Eupa, ich fürchte, wir können den Angestellten mit seinem Chef nur versöhnen, wenn wir da reingehen.“

EUPA, zum General:

„Was sagen Sie dazu? Feuern Sie ihn dann nicht?“

DER GENERAL lässt sich nicht festlegen, dienert wieder:

„Europäischer Maskenball, exekutive – Sensationen!…“

EUPA, zu Ro:

„Also komm.“

RO:

„In ein Etablissement geht der Herr zuerst.“

EUPA und RO gehen durch die Tür.

TUTOU hat versucht, es zu verhindern:

„So hören Sie doch! Sie helfen der Sache gar nicht! Sie opfern umsonst!…“

DER GENERAL wendet sich scharf an Tutou, ehe er auch verschwindet:

„Wenn ich Sie noch einmal beim Hochverrat ertappe!…“

TUTOU:

„Und irgendwann wird irgendeiner anfangen von Schuld zu reden…“

/Ein schöner, etwas schmalziger Salontango, nur der letzte Refrain./

Die Wand mit der Pendeltür fährt hoch, sie braucht nicht ganz zu verschwinden.

DER GENERAL geht innen weiter ab.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, stehen reglos vor der Schräge.

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, ohne Hut und Mantel, tanzen Tango, wie er im Buche stand und mancherorts wieder steht. Sie geraten auseinander, verlieren den Körperkontakt und merken es nicht. Sie tanzen Figuren, als seien sie nah beieinander, halten die Arme, als hielten sie den Anderen noch.

/Musik endet./

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, applaudieren, nur sie, und gehen zum kleinen Tisch vor der Schräge.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, kommen auch zum Tisch, ziehen die Mäntel aus.

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, ziehen die Mäntel an und gehen unter leutselig-seriösen Verbeugungen.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, mögen den anderen in den Mantel geholfen haben. Sie machen mancherlei Verbeugungen und setzen sich.

EUPA, gähnt nach einer Pause fast beängstigender Stille etwas verstohlen.

RO:

„Die Erfüllung hat der Sehnsucht die Augen verschlossen. Man darf ungeniert gähnen.“

EUPA:

„Entschuldige, aber – es ist ja nichts los.“

RO:

„Wollen wir nicht gehen?“

EUPA:

„Es ist egal ob wir hier sitzen oder gehen und wissen nicht, wohin.“

RO, nach einer Pause:

„Ich will deine Gedanken wissen.“

EUPA nimmts heiter:

„Als marschierte die Inquisition.“

RO, sehr ernst:

„Die Inquisition wollte die Liebe retten.“

EUPA, betroffen:

„Aber – “

RO:

„Ich weiß, die Inquisition blieb nicht heilig.“

Sie macht eine fahrige Bewegung oder schlägt ein Bein über das andere, stößt an den Tisch. Die künstlichen Blumen fallen zu Boden.

DIE MASKIERTEN, wenden sich mit einer raschen Bewegung lautlos um und starren auf:

EUPA und RO, die zu ihnen hinaufstarren.

DER GENERAL kommt zur Rampe gelaufen:

„Musik! Musik! Was soll diese Leichenschauhausstille?!“

/Musik zum Tanzen, Populärschlager, karikiert schief, wenn auch mit einigem Schmiss, die Dialoge nicht übertönend./

EINIGE MASKIERTEN tanzen, aber der Graben bleibt.

DER MASKIERTE, von der rechten (also politischen linken) Seite kommt zum Tisch, hebt die Blumen auf:

„Die Menschen werden eingeteilt in Klassen und betreiben Klassenkampf. Künstliche Blumen verdienen in höherem Maße ihre Achtung als natürliche, denn Arbeiterhände haben sie produziert.“

Er reicht Ro die Blume.

RO, freundlich überlegen:

„Wenn es Sie versöhnt, werde ich so tun, als dufteten sie sogar.“

DER MASKIERTE, unerwartet zurückweisend:

„Von Versöhnung kann kein Rede sein, solange Sie nicht unser Gesicht tragen.“

RO:

„Welche Bescheidenheit, guter Freund, mein Gesicht hat bisher gereicht zum Lachen und zum Weinen.“

DER MASKIERTE verbeugt sich linkisch und sagt mit falscher Bescheidenheit:

„Dürfte ich um diesen Tanz bitten, oder bin ich Hungerleider Ihnen nicht gut genug?“

RO, etwas hilflos vor so viel Direktheit:

„Eupa, wie soll ich da Nein, sagen…?“

EUPA:

„Tanze. Es kann nicht schaden.“

DER MASKIERTE und RO tanzen und verschwinden auf der Schräge.

DIE MASKIERTE, im Abendkleid, ist von der Schräge gekommen. Sie stellt sich vor Tutou und schaut ihn von oben bis unten an:

„Es fehlt Ihnen an Geld, Sie haben nichts an.“

TUTOU:

„Es fehlt mir an Geld, aber ich habe mehr an als Sie.“

DIE MASKIERTE:

„Und die Augen, das Kinn, Mund, Wangen, Stirn?“

TUTOU:

„Trage ich gerne nackt.“

DIE MASKIERTE, stets cool:

„Shocking! Scham ist eine Kulturerrungenschaft. Wenn Sie mich Gnädige Frau nennen, bekommen Sie einen Frack und ein Gesicht von uns.“

TUTOU wendet sich ab:

„Die passen mir nicht, selbst, wenn sie die richtige Größe haben.“

DIE MASKIERTE äußert kaum Enttäuschung und wendet sich an Eupa:

„Ihre Frau tanzt mit dem Feind. Jedes seiner Worte ist ein Schlag ins Gesicht der freien Welt. Kommen Sie, mein Mann wartet auf Sie.“

Sie streckt ihm einen schönen Arm entgegen.

EUPA ist beeindruckt, steht auf:

„Ich kenne Ihren Mann nicht.“

DIE MASKIERTE:

„Oh, er ist zwei Direktoren und sieben Aufsichtsräte in einer Person. Wenn er stirbt, werden eine Witwe und neun Firmen in 23 Zeitungen der Weltwirtschaft seinen Tod schwarz umrandet verkünden.“

EUPA:

„Und solch ein Mann wartet auf mich? Was kann er von mir wollen?“

DIE MASKIERTE:

„Mitwisserschaft. Er sucht Teilhaber und Nachfolger.“

EUPA:

„Mir fehlt die Kenntnis.“

DIE MASKIERTE:

„Man glaubt an die Börse, man kennt sie nicht, Armut ist Sünde, Zinsen sind erhörte Gebete. Kommen Sie, unsere Masken sind von innen mit Geldnoten aller Währungen beklebt.“

EUPA:

„Sie werden dementsprechend teuer sein.“

DIE MASKIERTE:

„Sie sind umsonst zu haben. Werbung und Wohltätigkeit können bei guten Umsätzen gar nicht hoch genug veranschlagt werden.“

Nach kurzer Pause plötzlich aggressiv:

„Ihr Zögern ist beleidigend!“

EUPA, erstaunt:

„Verzeihen Sie, aber …“

DIE MASKIERTE:

„Aber die Beleidigung hinterlässt keine Spur auf meinen Zügen. Aber die Ihren sind verletzlich, und meine Nägel sind lang.“

Sie fährt ihm mit roten Krallenfingern ins Gesicht.

EUPA packt erschrocken ihre Handgelenke:

„Was fällt Ihnen ein?“

DIE MASKIERTE, lasziv:

„Es fiel mir ein, Sie zu fesseln.“

EUPA wills heiter nehmen:

„Sie mich? Ich würde sagen, ich habe  S i e  gefesselt.“

DIE MASKIERTE:

„Dann zünden Sie sich eine Zigarette an.“

EUPA fällt darauf rein:

„Damit Sie mir mit Ihren roten Nägeln wieder ins Gesicht fahren?“

DIE MASKIERTE landet lässig ihren Coup:

„Wer also ist gefesselt?“

EUPA weiß nicht gleich zu antworten, rutscht-weicht aus:

„Wie eine Zaubergeige spielt Ihr Puls unter meinen Fingern.“

DIE MASKIERTE zieht ihn langsam in einen Tanz, zärtlich:

„Von Freiheit singt sie, von Wohlstand, Recht und Glück in ganz Europa…“

EUPA ruft zu Tutou:

„Trösten Sie meine Frau, ich bin gleich wieder da.“

DIE MASKIERTE und EUPA verschwinden tanzend auf der Schräge.

DER MASKIERTE und Ro werden auf der rechten Seite auf exponierter Stelle sichtbar und kommen zum Sitzen.

RO:

„Es ist nicht gut, dass wir tanzen bei solchem Gespräch.“

DER MASKIERTE:

„Bildung für jeden! Großgrundbesitz in Bauernhand! Tod den Konzernen!“

RO:

„Schlagworte. Aber sie gehen durchs Trommelfell und treffen das Gewissen.“

DER MASKIERTE:

„Das Elend in Europa ist wichtig. In jedes unserer Gesichter meißelt die Ausbeutung dieselbe Entschlossenheit.“

Er hat Ro eine Maske seiner Gruppe hingehalten:

„Vor dieser Internationalen zittert die Welt.“

RO:

„Die Sehnsucht zu wissen, wo man steht, ist groß, und nirgends dürfte es sein als auf der Seite der Entrechteten. Aber die Angst, das Herz könnte versteinern, wie diese Züge – “

DER MASKIERTE, eifrig:

„Lege sie an, setze sie auf, – und es ist die letzte Angst deines Lebens gewesen!“

RO nimmt zögernd die Maske:

„Sie sollte so leicht zu verlieren sein? Die Maske stinkt“

DER MASKIERTE beeilt sich zu versichern:

„Nur nach innen. Draußen merkt keiner was. Jeder hat nur den Gestank seiner eigenen Maske in der Nase!“

RO probiert die Maske mir einigem Widerwillen.

/Die Musik endet schlagartig./

DIE MASKIERTEN erstarren in atemloser Stille:

EUPA springt auf den Tisch auf der Schräge, ein gefülltes Sektglas in der Hand. Er ist offensichtlich beschwipst und high:

„Ro!, dieses Glas Champagner schütte ich über dein Herz!“

Er vergießt den Sekt in weitem Bogen:

„Ich sehe, du hast die Verwandlung schon hinter dir. Auf Wiedersehen! Auf welch ein Wiedersehn!“

Er springt vom Tisch und verschwindet unter den Maskierten.

RO konnte die Maske nicht schnell genug wegreißen. Jetzt gelingt es, und sie ruft laut:

„Nein! Eupa! Du sollst mich so nicht wieder sehen! Eupa!“

Sie wirft die Maske weg und stürzt auf die Schräge.

DER GENERAL rast über die Bühne und schreit:

„Alarm!“

/Laute Klingeln, Martinshorn, Sirenen, Alarmtöne jeder Art./

DIE MASKIERTEN bilden, ohne die mittlere Grenze zu überschreiten, eine in ihrer Organisation undurchschaubare, aber wirksame Abwehrfront gegen Ro, die sie von der Schräge drängen, sie vorne hermetisch absperrend.

/Das Geräusch endet./

RO ist fast von der Schräge gestürzt, läuft davor hin und her:

„Eupa! Dein Gesicht! Eupa!…“

Aber sie wird schwächer, die Maskenwand lässt sie resignieren.

Sie setzt sich an den Tisch vor der Schräge.

TUTOU geht zu ihr:

„Ich – soll Sie trösten…“

RO lädt ihn mit einer Geste ein:

„Setzen Sie sich.“

Nach einer Pause:

„Trösten Sie.“

TUTOU hat sich gesetzt, er ist über die Entwicklung besorgt;:

„Fällt mir unheimlich schwer – Eupa ist – er hat gesagt, er sei gleich wieder da…“

RO ist auch sehr besorgt, sie meint die Mauer der Maskierten:

„Planet Eupa hinter der Mauer. Was soll das für eine Zukunft werden?“

TUTOU, sehr liebevoll und behutsam tröstend:

„Jede Zukunft braucht gute Freundschaft mit dem Mut.“

RO knapp:

„Ich bin kein Rennfahrer.“

TUTOU:

„In den Manteltaschen des Muts stecken die Wunder.“

RO, sehr unvermittelt:

„Ist Sterben ein Wunder?“

TUTOU, ehrlich, nach kurzer Pause:

„Du glaubst doch nicht, dass ich darauf eine Antwort weiß?“

RO:

„Man muss ja Fragen nicht immer beantworten.“

TUTOU:

„Gut. Ich habe angefangen, vom Mut zu reden, und von Wundern – “

RO, nicht eine Spur wehleidig:

„Ich vom Tod. Weiter? Was fehlt?“

TUTOU:

„Liebe.“

RO erblickt etwas Imaginäres und steht auf:

„Da steht der Mut vor mir, von dem du gesprochen hast. Was soll ich tun?“

TUTOU:

„Hak dich bei ihm ein – nein: besser gleich umarmen.“

RO tut das in einer sehr anmutigen Pantomime.

TUTOU:

„Und vergiss nicht, die wundervollen Taschen zu leeren.“

RO versucht, auch das anzudeuten, verharrt dann in kontemplativer Stellung.

EUPA kommt von der Seite nach vorne. Er ist auf eine grausam symmetrische Weise zweigeteilt: Links trägt er einen halben Zweireiher mit halber Mütze und einem groben Schuh, rechts zum halbe Zylinder den erstklassig sitzenden Frack mit einem Frackschoß; auch Frackschleife, Hemd und Maske sind halbiert. In der glacébehandschuhten Rechten hat er einen Revolver. Er verändert sich im Laufe der folgenden Szene: Zunächst wirkt er unbeholfen und fahrig, in Kostüm und Maske gar nicht heimisch. Durch die ungleichen Schuhe hinkt er etwas. Der Revolver erregt mehr Furcht durch unbedachte als durch zielsichere Bewegung. Aber ziemlich rasch wird er sattelfester, selbstgefälliger, eleganter. Zunächst tappt er herum, bis er nahe zu Ro zu stehen kommt.

RO schrickt aus ihrer Versunkenheit auf und flieht an den Tisch, setzt sich, als könne sie unbeteiligt scheinen.

EUPA folgt ihr:

RO, lehnt rasch den unbesetzten Stuhl schräg an den Tisch.

EUPA verbeugt sich, hat einige Mühe die Kopfbedeckung zu ziehen, zuckt die Achseln, kippt den Stuhl zurück und setzt sich.

RO:

„Dieser Platz ist nicht frei.“

EUPA:

„Er wartet auf Eupa, nicht wahr?“

RO spring auf und starrt ihn an.

EUPA:

„Was ist? Ich sah dich doch vorhin von weitem, schon maskiert?“

RO hat große Mühe, das Gespräch zu führen:

„Es war – nur zur Probe.“

EUPA, generös:

„Das regeln wir, Ro, das machen wir dauerhaft.“

RO, entsetzt, leise:

„Nein!…“

EUPA, voluminös, theatralisch:

„Welch ein Wiedersehn, Ro!…“

RO:

„Wieder? Ich sehe niemanden wieder. Ich höre eine Stimme, die von fern an Eupa erinnert.“

EUPA:

„Ein wenig hohl, naturgemäß. Die Maske muss sich erst gewöhnen“

RO:

„Sich zu gewöhnen ist das Los der Gesichter.“

EUPA schwadroniert:

„Das ganz große Los ist auf mich gefallen!: Als Mann in den besten Jahren hat man mir den Lauf der Welt übertragen. Willst du mal den Lauf der Welt sehen?“

RO,

„Du sprichst, als hättest du das Räderwerk in der Tasche.“

EUPA hält ihr den Revolver dicht vor das eine Auge:

„Hier!  D a s  ist der Lauf der Welt.“

RO rührt sich nicht.

EUPA etwas enttäuscht:

„Du hast keine Angst?“

RO:

„Nicht die Angst, die du erwartest.“

EUPA:

„Das Lied der Angst wird sowieso erschossen.“

RO:

„Es hat mehr Strophen, als die schnellste Waffe meucheln kann.“

Sie schlägt mit einer raschen Bewegung die Waffe von ihren Augen weg.

EUPA hebt sie auf und ist sofort bemüht, Ro zu versöhnen:

„Verzeih, Ro, verzeih mir bitte, die Waffe ist mit keiner Patrone für dich bestimmt.“

Er geht zu Tutou und will ihm den Revolver geben:

„Hier, junger Mann, das verschafft Ihnen Arbeit und Brot bis zur verdienten Pensionierung.“

TUTOU wehrt entschieden ab:

„Ich gehöre gar nicht zu diesem Etablissement.“

EUPA bedroht ihn plötzlich mit dem Revolver:

„Nehmen Sie oder ich schieße!“

TUTOU nimmt den Revolver und richtet ihn sofort auf Eupa:

„Nehmen Sie zurück oder ich schieße!“

EUPA ist zunächst erschrocken, nimmt dann den Revolver und richtet ihn wieder auf Tutou:

„Was? Nehmen Sie wieder oder ich schieße!“

TUTOU wiederholt das Spiel:

„Nehmen Sie oder ich schieße!“

EUPA wiederholt das Spiel:

„Nehmen Sie oder ich schieße!“

TUTOU rührt sich nicht.

EUPA:

„Sie wollen nicht mehr spielen?“

TUTOU:

„Nein. Schießen Sie. Ich mache ernst.“

EUPA:

„Aber ich nicht. Ich sehe, das Schießeisen macht auch keinen Spaß.“

Er steckt den Revolver in die Frackgesäßtasche.

RO, in großer Sorge, die sie sich nicht merken lassen möchte:

„Eupa, wollen wir nicht gehen? Man soll in einem Etablissement nicht das Ende des Vergnügens abwarten.“

EUPA:

„Tanzstundenweisheit. Das Etablissement ist die Welt.“

RO, beängstigt:

„Aber, es muss doch einen Ausgang geben?!“

DER GENERAL belehrt sie im Vorübergehen:

„Pendeltüren, gnädige Frau, Sie pendeln von einem Maskenball in den anderen.“

RO könnte man jetzt beinahe hysterisch nennen:

„Einen Notausgang, wenn es brennt?“

DER GENERAL, im Abgehen:

„Nur in den Fahrstuhlschacht.“

RO klammert sich an Eupa:

„Lass mich nicht fallen, Eupa.“

EUPA, ihre Nähe auskostend, dringlich werbend:

„Erheben will ich dich. Ro, zu mir emporziehen auf den höchsten Thron! Mein Amt wird eine Frau brauchen. Man wird uns trauen. Es wird Ziele geben, Pläne, Kraft, Macht, Ruhm, elektrische Küche, Stühle, eine Himmelbett, ein Haus hier, ein Haus da, ein Haus überall.“

RO, befremdet:

„Wie leicht dir die Worte von den neuen Lippen gehen.“

EUPA:

„Du sollst meine Hausfrau werden. Hausfrau hier, Hausfrau da, Hausfrau überall.“

RO:

„Nimm einmal die Maske ab.“

EUPA, plötzlich ganz eklig:

„Hör mit deinen albernen Forderungen auf! Sie sitzt fest für ein gesichertes arbeitsreiches Leben.“

RO, erschrocken:

„Und abends – legt ihr die Masken nicht ab?“

EUPA, anzüglich, nahe bei ihr:

„Nur die Kleider, Ro, nur die Kleider …“

DER GENERAL kommt zu Eupa, irgendein pompöses Feldzeichen in der Hand, das zu seiner Zuhälter-Kleidung in krassem Gegensatz steht, und sagt leise, servil, verschwörerisch:

„Exzellenz, es ist do weit“

EUPA rafft sich, strafft sich:

„Jawohl!“

Vollendet höflich zu Ro:

„Du entschuldigst mich bitte. Ich muss zu meinem ersten Einsatz.“

DER GENERAL gibt der Musik ein Zeichen.

/Musik. Sie ist so böse wie alles Folgende: pompös, monströs, sie lässt nichts aus, um Ohr und Gemüt zu malträtieren. Es beginnt mit einem schrecklichen Tusch. Dann Untermalung der Bewegungen auf der Szene./

DIE MASKIERTEN treten in zwei langen Reihen zur Seite, Angelpunkte sind die vorderen Ecken und die Schräge. Sie geben den Blick frei auf ein scheußlich albern dekoriertes Rednerpult mit vielen Mikrophonen, das mitten auf der Grenzlinie steht.

DER GENERAL ‚schreitet’ auf die Schräge zum Rednerpult, vor dem er stehen bleibt.

EUPA folgt ihm, holt den Revolver aus der Tasche, geht hinter das Pult, wo er sehr erhöht steht.

DER GENERAL macht ein schreckliches faschistisches Bla-bla:

„Heißer Koordinationswille hat endlich die Macht produziert, die uns einer einheitlichen besseren Zukunft entgegenführen wird!“

Er hebt das Feldzeichen:

„Jubel und Beifall!“

DIE MASKIERTEN heben jetzt und bei jedem ‚Jubel und Beifall’ die Arme, deuten Klatschen an.

/Die Musik hat dafür jetzt bei jedem folgenden ‚Jubel und Beifall’ einen Akzent./

EUPA schießt in die Luft. Seine Stimme kommt gewaltig verstärkt über den Lautsprecher:

„Der Startschuss zur Verbrüderung ist gefallen!“

/Rauschende Musik./

DIE MASKIERTEN stürzen stumm über die Grenze und fallen einander in die Arme.

EUPA:

„Das Ganze – Halt!“

/Die Musik pausiert./

DIE MASKIERTEN verharren regungslos.

EUPA:

„Planmäßige Verbrüderung im Gleichschritt – Marsch!“

DER GENERAL:

„Jubel und Beifall!“

/Musik: Marsch, Landsknechtstrommeln./

DIE MASKIERTEN marschieren paarweise und nunmehr bunt gemischt, wie auch immer, um das Pult herum, böse Verquickungen von Marsch und Tanz, unziemlich, vulgär und – ohne Plattheiten! – obszön.

EUPA, rhythmisch, vielleicht mit sinnlosen Betonungen und Sprechmelodien:

„Not, Pest, Krieg, Hunger, Elend, Kälte machen einschneidende Maßnahmen erforderlich, damit Glück, Brot, Geld, Freiheit, Frieden, Wohlstand aufblühen können!“

DER GENERAL:

„Jubel und Beifall!“

EUPA:

„Erstens: Militarisierung der Friedens!“

DER GENERAL:

„Jubel und Beifall!“

EUPA:

„Zweitens: Verstaatlichung der Anarchie!“

DER GENERAL:

„Jubel und Beifall!“

EUPA:

„Dann werde ich den Erdball aus den quietschenden Angeln heben!“

DER GENERAL:

„Jubel und Beifall!“

EUPA:

„Die Waffe ist das Maß aller Dinge!“

DER GENERAL:

„Jubel und Beifall!“

EUPA:

„Europa erwache!“

Unerwartete Stille.

RO:

„Jeder Morgen in Europa liegt im Schatten des Kreuzes von Golgatha. Willst du auf Schatten schießen?“

EUPA hat nicht gehört:

„Hätte ich sie frei, würde ich in die Hände klatschen. So benutze ich die neue Akustik, um die Hochzeitsfeierlichkeiten einzuleiten.“

Er schießt in die Luft.

/Attacca verhunzter Hochzeitsmarsch nach Mendelssohn oder Wagner oder beiden./

ZWEI MASKIERTE FRAUEN, von jeder Sorte, tragen feierlich je eine Hälfte Frauenkleidung und Maske auf die Schräge: links das halbe Abendkleid, rechts das halbe Konfektionskostüm, auf Gestellen schön drapiert.

ZWEI MASKIERTE MÄNNER, von jeder Sorte, kommen zu Ro, die unverwandt auf die Schräge starrt, verneigen sich tief vor ihr, packen sie dann plötzlich brutal unter den Armen, ihre Gesichter (Masken) sind der Richtung Ros Gesicht entgegengesetzt, was Ro beim folgenden Getragenwerden sehr hilflos macht. Die Männer drehen sie um und tragen sie – Ros Gesicht also nun zur Rampe – auf die Schräge, genau auf die Trennungslinie.

RO wehrt sich kurzem Überrumpeltsein, muss auch oben von den Männern festgehalten werden.

DIE FRAUEN tragen die Kostüm- und Maskenhälften feierlich zu Ro, setzen sie direkt vor ihr behutsam zusammen, sie verdeckend.

RO haut mit ein paar Schlägen Kostümteile und Gestell zusammen, dass die Fetzen fliegen.

/Die Musik bricht ab./

DIE MASKIERTEN fliehen an die äußersten Ränder der Schräge, stehen geduckt, gespannt.

RO, auch in größter Spannung:

„Die Angst blitzt geläufig aus den geduckten Leibern. So begrüßt man Bomben. Seid ruhig, liebe Kinder: keine unbekannte Seele soll von mir beleidigt werden. Nur dem will ich Schmerz antun, den ich liebe.“

Sie wendet sich zum Pult.

EUPA versucht, die Spannung abzubauen, weicht ihr aus, geht auf Distanz, wird pompös-miekrig:

„Schmerz antun ist deines Amtes nicht! Als Frau hast du sanft zu sein, milde zu lindern, was der Mann in harter Pflichterfüllung etwa Grausames zu vollstrecken hat.“

RO wird hart:

„Wird Sanftmut und Milde von deinem Gesicht die grausame Verpuppung entfernen?“

EUPA:

„Mit ihr habe ich das Jahrhundert geflickt! Auch du schuldest mir Jubel und Beifall!“

RO:

„Ich will dein Schuldner nicht bleiben. Lass mich die lebendigen Lippen dankbar küssen.“

Sie geht mir ausgestreckten Armen auf ihn zu.

EUPA:

„Du drohst mir mit Liebe? Hilfe!“

RO bleibt Stehen, lässt vielleicht die Arme sinken:

„Liebe ist wie Krätze in diesem Etablissement. Ich bin aussätzig. Keiner wird dir helfen, keiner mir. Wir gehen auf Messers Schneide. Jeder Schritt ist von tödlichem Ernst.“

EUPA könnte jetzt einlenken, aber die Angst sitzt so abgrundtief, dass er mit der Waffe – noch etwas unsichtbar – auf Ro zielt:

„Du wirst den Schritt zurück machen. Wir werden aufatmen. Du wirst das Leben nicht dem Gesicht opfern.“

RO streckt ostentativ wieder die Arme aus und geht langsam auf ihn zu.

EUPA, jetzt deutlich die Waffe anlegend:

„Hände hoch!“

RO geht weiter.

EUPA:

„In letzter Sekunde werfe ich die Waffe fort.“

Er wirft den Revolver gegen die Rampe, zieht den Handschuh aus, wirft ihn weg:

„Mit nackten Händen werde ich mich deiner erwehren, bis du um Gnade winselst!…“

Er packt sie, die immer näher gekommen ist, mit schnellem Griff an der Gurgel und hält sie sich vom Leibe.

RO versucht, ihm die Maske abzureißen, vermag sie jedoch nicht zu erreichen.

EUPA und RO verharren fast regungslos in der Unentschiedenheit des schrecklichen Kampfes.

TUTOU hebt den Revolver auf:

„Ich bitte um Gnade!“

Er schießt in die Luft.

EUPA lässt tödlich erschrocken in der Abwehr nach und schreit geängstigt:

„Wer schießt da?“

RO kann ihm in diesem Augenblick die Maske vom Gesicht reißen.

EUPA schreit auf vor Schmerz und presst Ro, die Hände noch immer um ihren Hals, an sich, schüttelt sie. Er ist unter der Maske aschgrau eingefallen.

RO sinkt leblos zusammen.

EUPA hält sie mit größtem Eifer und viel Kraft hoch:

„Ro, du bist so schwer mit einem Mal. Komm, wir wollen tanzen, es ist doch Hochzeit, Hoch-Zeit!…“

Er umarmt die Leblose mit Tanzgesten:

„Und nun drehen, drehen – La-lala, La-lala!…“

/Keine Musik./

EUPA scheitert bei diesem Totentanz: Bei seiner Drehung am oberen Ende der Schräge fällt Ro ihm aus den Armen. Sein Kostüm zerreißend, rollt sie die Schräge hinunter. Eupa sinkt nach kurzer Pause wie vom Schlag getroffen auf die Knie, bewegt sich auf den Knien auf sie zu, fast tonlos:

„La-lala, La-lala…?“

DER GENERAL tritt an exponierter Stelle auf, schreit:

„Polizeistunde!“

Blackout.

Vorhang.

Licht im Zuschauerraum.

Pause.

 

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