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Entre act 1

Licht im Abteil, ein eher gemütliches.

TUTOU holt Schreibpapier aus dem Rucksack, legt es auf das Comics-Buch, nimmt Kugelschreiber, setzt sich und schreibt. Es liegt ein Charme darin, dass er schon unter den Vorbereitungen den Text spricht:

„Liebe Eltern! So früh habe ich euch noch von keiner Reise geschrieben. Es ist die erste Nacht. Aber ich habe nach allem, was los war, keine Lust auf Donald und Goofey. Ich tue sie als Unterlage unter dieses Papier. Es ist tiefe Nacht. Ich kann nicht schweigen, nicht denken, nicht für mich allein sein. Es ist einsam, die nächsten Mädchen sind im Lazarett. Ich sitze allein im Abteil, aber der Zug steht, ob im Stehen geheizt wird, weiß ich nicht. Vor Europa hängt eine dicke Gardine, vor dem afrikanischen Fenster kohlpechrabenschwarze Nacht. Sucht nicht nach Fotos in den Falten des Briefumschlags, – es liegen keine bei. Es gab so viel zu sehen, dass ich nicht fotografieren konnte.“

/Etwas Umbaulärm hinter dem Vorhang./

TUTOU:

„Hört ihr das?“

Er geht zur Bühnenmitte, schaut durch den Vorhang, wird aber gleich wieder vor den Vorhang geschoben. Er zeigt mit dem Daumen nach hinten:

„Entrüstung, echt! Der ganze Ramsch von Ramstein wird verschrottet!“

Er geht ins Abteil zurück und schreibt weiter, spricht aber schon im Gehen:

„Da habe ich geschrieben: Hört ihr das? Aber durch einen Brief hindurch kann man ja nicht hören. Ja also: sie entrüsten, entstationieren, hoffentlich gleich bis Null! Prima! Ich hatte schon Angst, ich würde für meine 450 Mark Schimmel ansetzen in diesem Abteil. Wir stehen vor der großen Einzugskurve nach Europa.

Na, Paps, das Geld für mein Tramper-Ticket hast du gut angelegt. Denk doch nur: Dein Aussteiger-Sohn ist eingestiegen, und zwar voll!

Und sag Mam, die Morgenduft-Äpfel sind ein großer Erfolg. Der Rucksack übrigens weniger. Und sag Mam auch, sie soll die europäische Landkarte nicht nach Drogen-Szenen absuchen, in die ich stolpern könnte. Hier gibt’s auch Raketen und Bandmaße und ein hinreißend schönes Mädchen, das heißt Ro. Aber die werde ich mir wohl verkneifen müssen, die gehört nämlich dem Eupa. Ein bisschen fröstelt es mich jetzt doch. Ich habe auch nur ganz wenig geschlafen.“

Vorhang auf.

Erwin Hahs - Eupa und Ro: Im Museum - Bühnenbild zu Szene 2

 

Szene 2

BILDENDE KUNST

Über der Schräge hängen und stehen Bilderrahmen verschiedenster Art, alle leer von Bildern. Dabei ist die gewisse Ordnung und Übersichtlichkeit einer Ausstellung gewahrt; Wände erscheinen nicht vonnöten, könnten eher stören.

Vor der Projektion hängt ein riesiger, reich verzierter Goldrahmen, wie er Schlachtengemälden in den Museumssälen alter, meist niederländischer Meister ziert. Auf der Projektionsfläche, also in dem Rahmen, ein riesiger Atompilz. Aber dass dies ein Atompilz ist, wird erst am Ende der Szene ersichtlich. Vermutlich entsteht er durch sehr langsames Schärferziehen, vielleicht hilft auch das Projektionslicht mit. Auf jeden Fall ist von Anfang an ein zwar nicht erkennbarer Rahmeninhalt da, mehr also als weiße milchige Fläche.

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, sitzen genau in den Positionen wie am Ende von Szene 1. Sie könnten touristische Accessoires hinzubekommen haben – auf jeden Fall die Kurzfassung des Museumsführers – sollten aber wohl unverändert gekleidet sein. Sie wirken wie lässig sitzende Ausstellungsbesucher aus Gips.

DIE TOURISTEN verdecken sie zunächst teilweise beim Aufgehen des Vorhangs. Es sind Tänzerinnen und Tänzer. Sie versammeln sich offenbar in Erwartung einer Führung. Sie machen den Eindruck, als müssten sie auch dieses Museum ‚machen’, keine Versammlung echter Kunstfreunde also. Kleine Verstiegenheiten der neuesten Mode sind erstaunlich oft vertreten und wirken beinahe uniformierend. Sie haben alle die Kurzfassung des Museumsführers in Händen. Den benutzen sie schon mal gelegentlich, schauen dieses oder jenes nicht vorhandene Bild in diesem oder jenem Rahmen an. Sie stehen auch rundum und schwätzen leise.

TUTOU gewahrt das Aufgehen des Vorhangs und fährt im Briefkontinuum fort, aber er schreibt nicht mehr, sondern er geht zu den wartenden Touristen und schließt sich ihnen an:

„Es wird Tag. Kunst, liebe Eltern, steht auf dem Programm. Bilderrahmen jede Menge. Da warten sie auf die Führung. Will mich mal gleich anschließen. Bleibt gesund, euer Tutou!“

Nach einer kleinen Weile entdeckt er Eupa und Ro, die durch das Arrangement der Touristen nun auch allen Zuschauern sichtbar werden. Er hockt sich hocherfreut zwischen die Beiden:

„Hallo, da seid ihr ja. Freut mich unheimlich, euch wiederzusehen, Eupa, Ro…“

Dass sich die Beiden nicht rühren, irritiert ihn:

„Was ist? Wir wollten doch das Gespräch suchen?!“

DER GENERAL, als Generaldirektor der Museums, kommt von hinten auf die Schräge. Er ist durchaus seriös angezogen. Aber er wirkt auf fast geheimnisvolle Weise etwas zu kompakt in seinem Kostüm; nicht einfach zu dick wattiert, eher könnte man es eine Disproportion zum Kopf nennen. (Der General wird am Ende seiner Rolle die Ausmaße haben, die der Tod in der Szene 1 hatte. Das beginnt hier.) Er ruft freudestrahlend im Anblick Tutous:

„Triumph der Kunst! Jedenfalls solcher Kunst: Junger Mann spricht mit Gips! Wunderbar!“

TUTOU, einigermaßen verwundert

„General? Sie hier?“

DER GENERAL:

„Direktor des Museums. Na und? Ich konnte schon als Leutnant einen Velasquez von einem Goya unterscheiden. Man muss mich nicht zu enge sehen.“

TUTOU:

„Ja, – aber ist denn richtggehend abgerüstet worden?“

DER GENERAL:

„Europa ist nie zu Ende aufgerüstet worden, – es wird nie zu Ende abgerüstet sein. Sie sind ein freundlicher junger Mann, – Sie dürfen von Frieden reden.“

TUTOU wills wissen:

„Wie nennen es die anderen, die unfreundlicheren?“

DER GENERAL, knapp, nicht mal zynisch:

„Pause.“

Er möchte vom Thema weg und wendet sich an alle:

„Pause – und schon blühen die Museen an alle Straßenrändern. Keine Kreisstadt ohne Museum! Europa, Monarchie und Malerei! In den Depots braucht man Platz für die Raketen. Also raus mit der verlagerten Bildenden Kunst! Die Kunst dem Volke! Rein mit den Raketen. Nicht allzu viele Generäle sind nötig, um die Raketen in den Depots zu putzen. Aber man braucht Generaldirektoren für die Kunst in den Museen, haufenweise neue nackte Hängefläche!“

Er wendet sich an Tutou, immer freundlich und ein klein wenig arrogant:

„Und Sie wollten also mit dem Gips hier reden?“

TUTOU:

„Die sind doch nicht aus Gips!“

DER GENERAL:

„Berühren verboten! Aber Sie dürfen den Beiden ausnahmsweise mal leicht auf die Nasenspitze tippen“

TUTOU tut das behutsam:

„Aber das sind doch Eupa und Ro!“

DER GENERAL:

„Oh, ich gratuliere!: Sie sind ja geradezu auf dem Laufendsten über die moderne Kunst. Dies sind in der Tat Eupa und Ro.“

TUTOU:

„Aber wieso sind die mit einem Mal aus Gips? Die haben doch mit mir gesprochen!“

DER GENERAL:

„Das kann aber nur im Traum gewesen sein“

TUTOU, einigermaßen verwirrt:

„Ja, vielleicht im Traum – gestern. Oder war das vor zehn Jahren?…“

DER GENERAL reißt die Sache wieder ins Allgemeine:

„Meine sehr verehrten Dame und Herren! Herzlich willkommen zur Führung durch unser Museum. Es ist gewiss nicht üblich, dass ich als Generaldirektor höchst persönlich selbst die so gewöhnliche 10-Uhr–Vormittags-Führung übernehme. Aber!: dies ist kein gewöhnlicher Vormittag! Sie haben die große Ehre, diese beiden Neuersterwerbungen des Hauses als erste Besucher betrachten, ja bewundern zu dürfen.“

Zwischen nett und hochnäsig zu Tutou:

„Vielleicht lüften Sie jetzt mal ein bisschen Ihr Fleisch und Blut.“

TUTOU springt etwas verlegen auf:

„Ja, natürlich.“

DER GENERAL:

„Gestern Abend wurden sie aufgestellt. Der Sekt floss in Strömen. Heute raunt hier schon wieder der Alltag durch die Säle. Aber: ein reicherer Alltag als gestern und vorgestern, Eupa und Ro, das Märchen des Kontinents, der Name aufgespalten in zwei Figuren, ganz gewiss schmerzhafte Spaltung, Eupa, der Mann ohne Mitte, Ro, das Mädchen, die Mitte ohne Schutz.

Wie sagte der junge Künstler gestern Abend?“

Er hat einen Zettel aus der Tasche gefieselt und liest:

„’Figuren zum Leben und Lieben des Kontinents’. Der Künstler kann sich vor Aufträgen kaum retten, die Karriere geht steil aufwärts – in den Gipshimmel.“

TUTOU kapiert einfach nicht:

„Aber die können doch nicht bis zum Ende ihrer Tage hier so vergipst hocken bleiben?…“

DER GENERAL:

„Was sollten sie sonst tun? Aus Gips wird nichts.“

TUTOU, hilflos:

„Leben – ich weiß auch nicht, – reden…“

DER GENERAL bleibt nett und etwas hochnäsig:

„Der junge Mann träumt von Multi-Media-Spektakel. Die Zwei in der Disko oder im Schwimmbad – Ich höre Pygmalion husten. Wir Museumsgeneraldirektoren sind nicht unbedingt konservativ, aber Konservatoren sind wir allemal. Leute, die aus Bildern steigen oder bewegter Gips, – so was hat unsere Zunft gar nicht gern. Unser Alptraum ist der Diebstahl der Mona Lisa!“

Er schaut auf die Uhr und kriegt einen kleinen Schreck:

„Oh! Jetzt habe ich mich schon viel zu lange bei Eupa und Ro verplaudert. Meine sehr verehrten Damen und Herren Kunstfreunde, bitte haben Sie Verständnis, wenn ich bei der nun folgenden eigentlichen Führung an den Bildern vorbei das Tempo ein wenig anziehe. Sie müssen zu Ihrem Bus, ich an meinen Schreibtisch. Ich garantiere Ihnen die volle Führung, wenn auch auf die schnelle Tour.“

Er rennt zu einem Rahmen, zeigt gebieterisch darauf. Er hat in sanfter Reminiszenzen an die Szene 1 einen kleinen Zeigestock.

/Musik. Die weitere Führung ist non-verbal. Rhythmisch akzentuiert, grotesk, witzig, auch schmissig begleitet die Musik den General und die Touristenmasse von Bild zu Bild, vielleicht akzelerierend, Quickstep oder Paso doble oder Rock, jedenfalls Tanzmusik./

DIR TOURISTEN, TUTOU mittendrin, rennen sehr homogen und exakt werdend zu den Rahmen, glotzen durch ihn ins Publikum. Der General erklärt gestenreich, großmäulig. Die Touristen schauen alle zur gleichen Zeit zu ihm, dann in den Kunstführer, dann wieder ins Bild. Dann rennt der General zu einem Bild diagonal schräg gegenüber. Die Touristen folgen ihm wie Schafe, schauen, lassen sich gestenreich erklären. So läuft der General noch so viele Rahmen ab, wie es einer verehrten Choreographie Spaß macht. Der noch nicht deutlich erkennbare Atompilz im Riesenrahmen findet dabei keinerlei Beachtung. Natürlich schauen die Touristen auch mal von der anderen Seite in die Bilder, Profil oder Po zum Publikum. Ein ziemlich kleiner, etwas tief hängender Rahmen müsste Groteske zeitigen. Das wird auch immer schneller, sollte aber den Witz des Exakten nicht verlieren. Mit einer großen Schlussgeste beendet der General seine Führung.

/Musik endet./

DER GENERAL:

„Ich danke Ihnen für Ihre schnelle Aufmerksamkeit. Selbstverständlich kein Trinkgeld für den Generaldirektor!“

DIE TOURISTEN sind mit Musikende weder Individuen geworden. Etliche geben Trinkgeld.

DER GENERAL nimmts mit der einen Hand, wehrt mit der anderen ab:

„Aber nein – danke – nicht doch – Aufwiedersehen – danke – aber nein…“

DIE TOURISTEN gehen seitlich ab.

DER GENERAL geht nach hinten ab, das Geld murmelnd zählend

„10 – 20 – 25 – -28 – 31 – 32 …“

TUTOU ist in sein Abteil geklettert, nimmt einen Apfel, geht auf die Schräge, den Apfel an mehr oder weniger Textilien an seinem Leib polierend, umspielt Eupas Nase mit dem Apfel, Ros Nase, dreht-bricht den vielleicht präparierten Apfel auseinander, hält die Hälften mit langen Armen den Beiden unter die Nasen. Und – sie atmen wieder tief ein und erwachen. Tutu freut sich, springt von der Schräge, hockt-legt sich davor und schaut zu, vielleicht einen Apfel essend.

/Musik. Gewiss viel Wiedererkennen der vorigen Musik. Aber statt einer Schafherde tanzen Eupa und Ro ihr Kennenlernen. Also sicher andere Instrumentation. Poesie. Poiein ist griechisch Machen, Schaffen, Herstellen, der Poet ist nicht weniger als ein Macher. Wenn ich also die Musik auf die Poesie verweise, dann steht das für Anmut, Schönheit, Witz, Kraft, Grazie. Auch Unsinn und Quatsch./

Und natürlich operiert auch die Choreographie mit Reminiszenzen an das Vorangegangene. Bei jedem Museumsbesuch gibt es zweierlei zu sehen: die Exponate und die anderen Besucher. Für Eupa und Ro werden die Bilder bald genug zu Vorwänden, den anderen zu sehen. Was heißt: Sehen? Den anderen zu suchen, zu umgarnen, zu ängstigen durch Entzug oder Bedrängung, zu fangen, zu ignorieren, zu lassen, zu – lieben. Man quert diagonal schnell zu den Rahmen, schaut in den Museumsführer, schielt aber bald genug schon wieder über ihn hinweg nach den Augen des Nächsten.

Poesie, ja, aber sie schließt doch nicht aus, dass man Schmerzen ahnt, und Nöte, und Angst um den anderen hat und vor ihm. Martin Buber spricht so schön zwanzigerjährig vom ‚Ungetüm der Anderheit’. Darum geht es doch auch.

Der Tanz, der ja vermutlich wie sein Vorläufer akzeleriert, endet mit einem heftigen Zusammenstoß. Irgendwie springen sie mit großen Ballon seitlich weit-hoch und rammeln mit den Schultern aneinander und stürzen ab und bleiben liegen. Beide Reiseführer hats ihnen aus den Händen gehauen.

Die folgenden Aktionen sehe ich immer mit dem Rücken der Akteure zum Publikum, wahrscheinlich wegen des folgenden Wechsels: Hinterköpfe sind leichter einander anzugleichen als Gesichter.

/Die Musik ist auch abgestürzt. Sie gibt dem Folgenden sinnige kleine Akzente./

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, treten auf, stellen sich nebeneinander an einem Rand der Schräge auf, sind vollkommen identisch gekleidet mit Tänzerin und Tänzer.

 

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, stehen auf. Zwei einander sehr gleichende Paare stehen auf der Schräge.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, gehen mit kleinen Trippelschritten oder diesem Buffo-Querpass Hacke-Sohle-Hacke-Sohle zu Tänzerin und Tänzer, wichtig ist die Querbewegung. Sie bleiben direkt vor den Tänzern stehen.

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, entschwinden sofort nach der anderen Seite, die Querbewegung zweier Personen reißt also nicht ab. Am Rand der Schräge halten-verhalten sie kurz.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, stürzen in die Positionen, in denen die Tänzer gelegen haben nach dem Sturz.

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, laufen ab.

/Die Musik endet ganz./

EUPA und RO erheben sich von dem Sturz, halten sich an die angeschlagenen Stellen, lachen mehr als dass sie jammern. Sie sprechen gleichzeitig, wobei wichtig ist, dass die so grundsätzlich verschiedenen Formulierungen trotz Gleichzeitigkeit verständlich bleiben.

EUPA:

„Haben Sie sich weh getan?“

RO:

„Habe ich Ihnen weh getan?“

BEIDE lachen:

„Nein, nein, gar nicht – verzeihen Sie – entschuldigen Sie…“

Sie bemerken die entflogenen Museumsführer, er hebt ihren auf, sie seinen:

„Das ist ja wohl Ihrer. – Ah, ja, meiner – Oh, danke – bitte, bitte…“

EUPA will mehr:

„Aber mit Bitte und Danke ist nicht alles gesagt, oder?“

RO bekennt spontan:

„Oh nein!, es sich die Auftaktworte von Jahrhunderten!“

EUPA, vielleicht eine Spur zu plump-direkt, aber natürlich ist auch alle Hoffnung und alle Angst in den drei Worten:

„Sind Sie sicher?“

RO macht seine Frage verlegen. Sie fühlt sich fast ertappt. Schüttelt den Kopf:

„Nein, nicht sicher, – gar nicht sicher …“

Sie sucht und findet Ablenkung am immer noch nicht ganz deutlichen Atompilz:

„Wissen Sie etwas über das riesige Bild ha hinten? Im Museumsführer finde ich nicht eine einzige Zeile darüber.“

EUPA:

„Tut mir leid, da weiß ich nichts.“

RO läuft zu dem kleinen Rahmen, schaut in den Museumsführer, eifrig:

„Über dieses kleine Bild redet die halbe Seite 67…“

EUPA ist ihr gefolgt, schaut mit ihr in ihr Buch, die intime Nähe ihres Haares auskostend:

„Richtig, die halbe Seite 67 …“

RO war die Nähe schon recht, aber auch irritierend. Sie rennt wieder nach hinten:

„Und über dieses Breitleinwand nicht ein Wort.“

EUPA ist ihr gefolgt, schaut wieder in ihr Buch, mit allen Folgen:

„Nicht ein Wort…“

RO nach kleiner deutlicher Pause, ohne sich zu rühren:

„Theoretisch könnten Sie Ihren Kopf auch in ihr eigenes Buch stecken oder?“

EUPA löst die Intimität auf, geht ein paar Schritte weg, behält Ro im Auge.

RO, wiederum ohne sich zu rühren:

„Das Bild ist nicht fertig. Es verändert sich. Es ängstigt mich. Es riecht nicht gut. Ich wollte, ich könnte den Blick davon wenden.“

EUPA geht zu ihr, fasst sie gerne und behutsam an den Schultern und dreht sie nach vorne, Gesten und Bewegungen von Eleganz.

RO, hat ein Bein etwas angezogen und lässt sich auf der Stelle drehen. Sie hat glücklich geschlossene Augen:

„Oh, ich habe es gewusst.“

EUPA

„Was?“

RO:

„Dass Sie ein Zauberer sind – mich von diesem Bild zu befreien….“

EUPA, mit netter Skepsis:

„Von welch beglückendem Alter sind, Sie, dass Sie an Zauberer glauben?“

RO, sicher:

„Heute so jung wie Sie und morgen so alt wie du.“

EUPA sorgt sich immer wieder für ein bisschen Unverbindlichkeit:

„Dann darf ich also am Ende einer langen, langen Suche meine Zwillingsschwester begrüßen?“

RO hingegen weicht keiner Verbindlichkeit aus:

„Oh nein, unsere Verwandtschaft ist von ganz anderer Art. Begrüßen Sie vielmehr zum guten Anfang das Mädchen Ro.“

EUPA lacht:

„Ro? Sie heißen wirklich Ro?“

RO:

„Hätte ich gewusst, dass Sie über meine Namen lachen, wäre ich verschwiegener gewesen.“

EUPA stellt rasch richtig

„Oh nein, nein, – es ist ja nur, weil ich auch einen fast so kurzen Namen habe wie Sie! Bei Nennung der zwei kleinen Silben bin ich meist etwas verlegen und – “

RO, ungeduldig, fordernd, begierig:

„So nennen Sie doch endlich die zwei kleinen Silben!“

EUPA:

„Eupa.“

RO, mit einem befreiten, glücklichen Ausatmen:

„Ich bin sehr froh, dass ich mit Ihnen sprechen kann. Es gibt so wenig gute Ohren auf der Welt.“

EUPA, ein wenig umständlich:

„Ich weiß nicht, ob Sie sich unter dem Begriff ‚Herzlich’ etwas vorstellen können – ?“

RO:

„Alles, – “

Sie betont beide Silben des folgenden Wortes:

„ – alles! kann ich mir darunter vorstellen!“

EUPA:

„Nun, dann darf ich Ihnen mitteilen, dass mir in Ihrer Gegenwart so herzlich zumute wird.“

RO hat gar nicht richtig zugehört, sondern angefangen, sich höchst interessiert mit einem ihrer kleinen Finger zu beschäftigen, ihn zu bewegen, von allen Seiten zu betrachten, hinter dem Rücken zu verstecken – samt Hand natürlich – wieder vorzuholen …

EUPA:

„Haben Sie was am kleinen Finger?“

RO, eigentlich sehr sachlich:

„Ja, ein Wunder.“

EUPA versteht nicht:

„Wie bitte?“

RO:

„Ich muss mich wundern über meinen kleinen Finger.“

EUPA findet das so merkwürdig, dass er das Fragezeichen vergisst:

„Über Ihren kleinen Finger.“

RO nimmt die Sache sehr – nicht ernst, aber – gewichtig:

„Ja, weil er da ist, wie er an mir dran ist. Ich hatte ihn eine kleine Weile vergessen, wie man Selbstverständlichkeiten vergisst. Aber der Kerl ist doch nicht selbstverständlich! Der ist doch ein Wunder!“

EUPA findet das sehr schön:

„Ich freue mich, dass ich an diesem Wunder partizipieren darf.“

RO fällt prompt in die Fremdwort-Falle:

„Warum sollten Sie nicht daran parzitipitisieren dürfen? Bitte!“

Sie hält ihm den kleinen Finger unter die Nase.

EUPA sehr freundlich belehrend:

„Partizipieren heißt nur teilnehmen.“

RO nimmts herrlich wörtlich:

„Nehmen Sie! Es ist zwar nur ein kleiner Teil, aber – “

EUPA, nimmt den Finger und küsst ihn zärtlich.

RO, entzückt:

„Oh, das nenne ich gut partizipiert. Hören Sie, wie mein Herz lacht?“

EUPA weiß nicht, wie wörtlich er dies nun nehmen soll, auch ist das ‚soll’ in diesem Satz ja doppeldeutig; eine Frage nach der Aufforderung: Soll ich?; oder die Skepsis: Wie soll ich das denn hören?:

„Ich soll hören, wie Ihr Herz lacht?“

RO weiß, was sie sagt:

„Ja, in einem Ihrer guten Ohren.“

EUPA nähert – vielleicht vergewissert er sich vorher, dass sie allein sind – ein Ohr ihrem Herzen:

RO greift seinen Kopf und presst ihn an sich: Liebkosung, Zärtlichkeit, zugleich: Besitzergreifen, zugleich: eine Last auf sich nehmen. Vielleicht senkt sie ihren Kopf auf den seinen. (Vielleicht müssen sie dazu an oder auf der Treppe sitzen.)

Kurze, reglose, atemlose Versunkenheit.

EUPA, eigentlich komisch:

„Ja, – ja, ich glaube, ich höre Ihr Herz lachen…“

RO gibt den Kopf frei, (steht auf), ernst:

„Es lacht schon lange nicht mehr.“

EUPA, ein wenig hilflos:

„Das habe ich gar nicht mitgekriegt, – das Ende des Lachens, – weil mit meinem Herzen – manchmal weiß ich gar nicht, ob ich eines habe. Aber ich suche eins.“

RO, wieder sehr nett und zugewandt:

„Aber Sie haben doch vorhin gesagt, Ihnen sei so herzlich zumute. Wo spüren Sie denn das? “

EUPA

„In Ihrer Gegenwart.“

RO, für Sie ist das sein entschiedenes Bekenntnis:

„Dann ist der kleine Finger zu wenig. Wir können nicht mehr mit Teilen vorlieb nehmen.“

Sie öffnet die Arme, deutlich, schön, um Eupa einzuschließen.

Der Atompilz ist unverkennbar. Das Vorderlicht wird schwächer.

EUPA, ein allerletztes Zögern, er zeigt auf den Atompilz:

„Es zu wagen vor diesem Traueraltar…?“

RO muss gar nicht hinschauen, unpathetisch:

„Der Erdteil steht unter dem Galgen.“

EUPA wendet sich ihr zu:

„Er hat keine Wahl.“

BEIDE, umarmen einander, stehen als Silhouette vor dem Atompilz.

Langsamer Vorhang, vor dem Tutou hocken-liegen bleibt.

 

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