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Entre act 2

TUTOU geht in sein Abteil; wo die Leselampen brennen. Er hockt-flätzt sich hin. Der Rucksack fällt ihm ein. Er holt ihn runter, wobei wieder einige Äpfel kullern, die er aufhebt. Er untersucht den Schaden am Rucksack, macht das helle Licht an.

DER SCHAFFNER kommt durch den Gang.:

„Ich wittere Morgenduft.“

TUTOU:

„Sie können gerne einen haben.“

DER SCHAFFNER beißt rein:

„Oh, vielen Dank. Ist der Rucksack kaputt?“

TUTOU:

„Ja hier – da ist – ich weiß auch nicht…“

DER SCHAFFNER:

„Warten Sie, ich helfe Ihnen, obwohl das nicht zu meinen Obliegenheiten gehört. Aber für einen Morgenduft tu ich alles.“

Er untersucht den Schaden und bemüht sich um Reparatur.

TUTOU:

„Sagen Sie, muss man eigentlich umsteigen nach Europa?“

DER LOKOMOTIVFÜHRER ruft schon vor dem Auftritt:

„Otto?“

DER SCHAFFNER:

„Ja?“

DER LOKOMOTIVFÜHRER kommt durch den Gang:

„Otto, stell dir vor: ich habe ne Bude entdeckt, da können wir duschen, heiß duschen! Komm, ich zeig sie dir.“

DER SCHAFFNER, müht sich gerade mit dem kaputten Rucksack:

„Prima! Gleich – ich muss hier nur noch – „“

DER LOKOMOTIVFÜHRER, erkennt den Schaden und holt eine schöne Kombizange aus der Tasche:

„Warte mal, ich hab ne Zange, – so kriegt ihr das nicht.“

Er repariert mit geschickten Griffen.

TUTOU, einigermaßen erstaunt:

„Entschuldigen Sie, Sie sind doch der Lokomotivführer?“

DER LOKOMOTIVFÜHRER:

„Ja, ausgebildeter Schlosser. Was glauben Sie, wie ich mich freue, nach Jahren mal so was anpacken zu können?!“

TUTOU ist missverstanden:

„Jaja, aber – müssen Sie denn nicht auf der Lokomotive stehen?“

DER LOKOMOTIVFÜHRER:

„Bei unserem Halt auf freier Strecke kann ich doch nicht dauernd da rumhocken, das steigert ja nur den Frust.“

TUTOU, horcht etwas verwundert nach draußen:

„Was denn? Fahren wir denn gar nicht?“

DER LOKOMOTIVFÜHRER:

„Ach wo, es ist doch dauernd was los! Erst stehen die Raketen auf der Strecke, dann das Museum mit den ganzen Bildern. Wir sind ja schon seit Jahren unterwegs. Deswegen freue ich mich ja so über die heiße Dusche.“

TUTOU:

„Ich denke, wir fahren gar nicht?“

DER SCHAFFNER:

„Ja, aber unterwegs sind wir.“

TUTOU:

„Das ist etwas eigenartig, oder?“

DER SCHAFFNER:

„Ja, sicher eigenartig, aber verwickeln Sie mich nicht in Widersprüche…“

DER LOKOMOTIVFÜHRER hat die Reparaturarbeit beendet:

„So, das hält für ne Weile. Komm, Otto, wir gehen duschen.“

Er hat den Rucksack verstaut und will gehen.

TUTOU:

„Oh, vielen Dank! Moment, sagen Sie mir bloß noch eins: Also zuerst standen Raketen auf den Schienen, dann die Bilder. Aber warum fahren wir jetzt nicht weiter?“

DER LOKOMOTIVFÜHRER:

„Weil da lauter Häuser stehen, ne ganze Stadt.“

Er geht mit

DEM SCHAFFNER

weg.

Der Vorhang ist aufgegangen.

Szene 3

OBDACHLOSIGKEIT

Auf der Schräge steht eine Stadt, Innenstadt. Viel Unwirtliches, wenig wirklich Idyllisches, brutaler Beton, kaum Ensemblewirkungen, viel Hohes, irgendwo ein geschmackvoll restaurierter Altbau. Es sind Fassaden, die Straßen bilden, aber einige Tiefe sollte erhalten bleiben. Vielleicht sind einige Fassaden, je nach Beleuchtung, durchsichtig zu machen, die bei anderem Licht kompakt verschlossen wirken. Alle Häuser, oder fast alle, haben benutzbare, wenn auch nicht naturalistische Haustüren.

Bei einem Haus ist die Innenseite der Rampe zugewandt, ein begehbare Treppe führt in den ersten Stock, dort ist eine Wohnungstür, ein Flur, eine Zimmertür, durch die die Darsteller verschwinden können. Tiefe hat diese Innenansicht kaum, es stehen auch keine Möbel da. Aber die Wand ist mit einem Fleckerlteppich bemalt, die Farben deuten verschiedene Räume an, wie das bei Abbrucharbeiten zuweilen zum Vorschein kommt. Ein Treppenfenster im ersten Stock ist angedeutet, ebenfalls der Rampe zugewandt.

Irgendwo ein Alibibaum in prächtig flammenden Herbstfarben. Irgendwo eine Ampel, die die ganze Szene über ihre Farben spielen lässt.

Vorne links läuft eine Rollenbahn aus einer schwarzen Klappe. Sie kommt aus einer Zeitungsdruckerei. Rechts vorne drei Telefone unter Plastikhauben, eines davon mit Drucktasten. Über dem vorderen Rand der Schräge hängt eine Schrift, wie die über Schaufenstern angebracht ist, spiegelverkehrt, als befände man sich im Laden: „Bausparkasse“. Plakate ad libitum, Leuchtreklame. Keine ganz sauberen Straßen.

Erwin Hahs - Eupa und Ro: Die Wohnungssuche - Bühnenbild zu Szene 3

 

Auf der Projektionsfläche ein schöner ferner Sonnenuntergang, nur stellenweise durchschimmernd.

KONSTANTIN betritt von hinten die Schräge und kommt durch einige ‚Gassen’ nach vorne, eilig, eifrig. Er übersieht das Terrain beim Rollenende und ruft sehr erfreut nach hinten:

„Agathe, ach, wie wunderbar, der Platz ist noch ganz leer!“

AGATHE ist ihm rasch gefolgt:

„Wir sind die ersten, Konstantin, dies ist der Freitag, der die heiß ersehnte Wohnung bringt!“

KONSTANTIN:

„Agathe, ach …“

AGATHE:

„Ach, Konstantin …“

Sie dirigiert ihn zum Ende der Rollenbahn, wo er so verharrt, dass er auf keinen Fall die erste Zeitung versäumt:

„Nun mache du das Schlangenmaul und küsse, wenn es so weit ist, aus druckerschwarzem Schlund die erste Zeitung raus. Das Geld parat?“

KONSTANTIN, in williger Erwartungshaltung:

„Parat wie jedes Wochenende. Du geh zum Telefon, das mit den Tasten, das geht schneller, und harre meiner Ziffern. Die Münzen hast du?“

AGATHE geht zum Telefon mit den Tasten, nimmt den Hörer ab, wirft die Münzen ein:

„Schon eingeworfen. Die Finger wählbereit.“

PAAR II kommt von hinten. Der Mann stellt such hinter Konstantin, die Frau besetzt das zweite Telefon. Sie reden beide zugleich:

„Wir Zweiten sind die ersten nicht, doch nur ganz kurz die Letzten. Zur Schlange fehlt noch manches Glied, doch sieh nur dort und dort: Schon strömen sie herbei, die Zeitung zu erwarten…“

SECHS PAARE sind von verschiedenen Seiten erschienen. Die Männer reihen sich ein, die meisten Frauen gehen zu den Telefonen, die erste besetzt noch das dritte, die anderen bilden auch dort Ansteh-Schlangen. Mir fällt noch ein: Müssen nicht immer Mann und Frau sein, zwei Frauen können auch eine Wohnung suchen oder Männer. Sie sprechen-verkünden, einzeln der im Chor:

„Wohnen welche Wonne – Milder Herbstfreitagfrühabend – Bald öffnet sich der Wohnungsmarkt – Und ich werde kochen – Und ich werde alle Briefmarken ausbreiten, alle – Und wir werden fernsehen, fernsehen, fernsehen – Tür zu – Schlüssel von innen drehen und stecken lassen – Wohnen welche Wonne…“

/Überlese ich den Text noch einmal, erscheint mir melodramatische, freilich nicht ganz ernsthafte Begleitung wie bei einem Rezitativ willkommen. Sie endet hier./

ALLE verharren ruhig, fast statuarisch.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, erscheinen von hinten und schlendern. Sie sind einige Jahre älter geworden, anders gekleidet.

EUPA zeigt in den Himmel:

„Da oben steht die Venus.“

RO schaut hinauf:

„Ich sehe nichts.“

EUPA:

„Sie ist noch nicht sichtbar. Nachher wird sie als Abendstern am Himmel stehen.“

RO schmiegt sich an ihn:

„Oh, wie wunderbar, einen Geliebten zu haben, der weiß, wo die Venus steht, auch wenn sie niemand sieht.“

EUPA lacht:

„Einen Geliebten, der die Venus im Kopf hat.“

RO stellt sich plötzlich vor ihn und fragt unvermittelt:

„Warum also liebst du mich?“

EUPA sehr nachdenklich:

„Warum ich dich liebe?“

RO:

„Du sollst mich nicht lieben, weil ich klug bin, denn ich könnte eine Dummheit begehen; du sollst mich nicht lieben, weil ich schön bin, denn diese Schönheit könnte bei einem Zugunglück ausradiert werden; du sollst mich nicht lieben, weil du mich gut findest, denn ich weiß von versteckten Bosheiten in mir; du sollst mich nicht lieben, weil das und das, denn ich könnte das und das. Warum also liebst du mich? Wo ist der Grund deiner Liebe?“

EUPA:

„Er bleibt dem Auge ewig verborgen, Herz und Hand können ihn nicht erfühlen. Er gehorcht nicht dem Willen, ist ohne Maß und Gedanken und jenseits der Güte. Der Grund meiner Liebe schaut von Äonen her auf dich. Wie soll ich sein Schweigen brechen?“

RO:

„Ja, Eupa, wir brauchen vier Wände für unsere Liebe. Die Tage gehen so dahin, – “

EUPA:

„Die Vögel haben ihre Nester.“

BEIDE sind nach vorn gekommen und schauen sich die eigenartige Menschenansammlung an. Sie gehen zum Rollenband und tuscheln, und können bei zielgerichteten Zeitungserwartern den Eindruck erwecken, sie wollten sich unrechtmäßig vordrängeln:

RO tuschelt:

„Was bedeutet das?“

EUPA versucht es rauszubekommen, tuschelt auch:

„Sie warten auf irgend etwas. Etwas sehr wertvolles, eine Mangelware…“

RO zeigt verstohlen nach da und dort:

„Aber was kann das sein? Die Frauen am Telefon, die Männer – ?“

DIE SCHLANGE ist unruhig geworden und schiebt die beiden gelinde aber unzweideutig nach hinten:

„He, hinten anstellen! – Sie sind aber später gekommen! – Drängeln Sie doch bitte nicht vor! – Wir warten schließlich alle!…“

EUPA und RO lassen sich keineswegs widerwillig, nur eben mit den Bräuchen unvertraut, ans Ende der Schlange komplimentieren:

„Ja, – entschuldigen Sie, – wir …“

DAS 9. PAAR kommt an.

DER 9. MANN fragt Ro:

„Sind Sie das Ende der Schlange?“

RO, fast erschrocken:

„Sind wir das Ende der Schlange, Eupa?“

DIE 9. FRAU:

„Sind Sie zum ersten Mal dabei?“

EUPA:

„Wir wissen gar nicht, ob wir dabei sind.“

DER 9. MANN holt aus einer Tasche, die die Frau trägt, Thermoskanne und Becher, schenkt Kaffee ein:

„Nur keine Bange! Jeder verspürt irgendwann zum ersten Mal den Drang nach den eigenen vier Wänden.“

Er bietet an:

„Möchten Sie einen Becher Kaffee?“

RO nimmt:

„O ja, vielen Dank!“

EUPA nimmt auch:

„Sehr liebenswürdig!„“

DIE 9. FRAU:

„In Zukunft werden Sie den Kaffee zu Hause trinken.“

DER 9. MANN:

„Die Briefmarken ausbreiten, alle!“

EUPA:

„Ich habe gar keine Briefmarken.“

DIE 9. FRAU:

„Ich werde kochen, zu Anfang mehr, als wir überhaupt essen können. Aber das wird sich einpendeln“

DER 9. MANN:

„Und fernsehen!“

DIE 9. FRAU:

„Ja, fernsehn, jede Menge!…“

RO einfach animiert und sanft hingerissen:

„Ja, Eupa, liebster Eupa, ich möchte auch kochen, ich möchte einkaufen um Supermarkt um die Ecke. Lebensmittel, stell dir vor: Lebens-Mittel, Mittel zum Leben, gegen den Tod! Und fernsehn, viel fernsehn. Ich möchte alles, was die anderen auch möchten…“

EINIGE LETZTE PAARE stellen sich noch an.

DER 9. MANN sammelt ziemlich schnodderig die Becher ein:

„Ja, wir wollen ja dasselbe. Man könnte fast an Solidarität denken. Aber wenn erst die Zeitungen ausgespuckt werden, denkt keiner mehr an Solidarität.“

Er hat die Becher verstaut und schiebt die Frau weg:

„Schnuppi, geh jetzt zum Telefon.“

DIE 9. FRAU geht rüber:

„Ja, Schatz.“

RO:

„Eupa, sage nun zu mir: Schnuppi, geh jetzt zum Telefon. Und ich werde sagen: Ja, Schatz, und gehe.“

EUPA, sehr zärtlich:

„Ro, liebste Ro, ich verstehe überhaupt nichts. Aber zum Wohle unserer vier Wände wäre es sicher gut, wenn du zum Telefon gingest…“

RO geht nach einem Kuss zum Telefon.

EIN ÄLTERER MANN ist zu den Telefonen gekommen:

„Kann man hier nirgends telefonieren? Mein Sohn erwartet uns am Sonntag zum Mittagessen. Wie soll ich ihm denn sagen, dass wir erst zum Kaffee kommen?“

AGATHE:

„Diese Telefone sind am Freitagabend für Wonnesuchende – ich meine, für Wohnungssuchende reserviert. Das nächste Telefon für Zivilisten befindet sich zwei Straßen weiter, links in der Passage..“

DER ÄLTERE MANN geht:

„Danke.“

DER ZEITUNGSVERKÄUFER kommt aus der Klappe links gekrochen und tänzelt über die Rollenbahn, an deren Ende er runterspringt.

ALLE verstummen, erstarren fast in Spannung.

/Mit lautem, maschinenmechanischem Knacken/

kommen die Zeitungen aus der Klappe auf die Rolle.

DER ZEITUNGSVERKÄUFER sollte sich den Spaß machen, die Schlagzeile des Aufführungstages laut auszurufen:

„…“

Im übrigen kassiert er von

DEN WOHNUNGSSUCHENDEN, die alle Zeitungen kaufen, und dann eine Schlacht schlagen. Es interessieren in der dicken Wochenendausgabe nur die Wohnungsannoncen, der Rest der Zeitungen wird sofort weggeschmissen und bauscht sich bald hoch auf der Walstatt. Es geht nicht sanft zu. Vom Folgenden geht viel durcheinander und ineinander.

KONSTANTIN schreit zu Agathe:

„4 – 3 – 1 – 7 – 2 – 5!“

AGATHE tippt sofort

„“

ANDERE MÄNNER schreien dieselbe Nummer, schneller langsamer:

„4 – 3 – 1 – 7 – 2 – 5!…“

DIE 3. FRAU hat am Telefon gewählt:

„Ist schon besetzt!“

DIE 2. FRAU schreit:

„Nochmal!“

DER 2. MANN schreit:

„Was?“

DIE 2. FRAU, lauter:

„Nochmal! Ich hab nicht verstanden!“

DER 2. MANN rennt zeitunglesend zu ihr:

„Ach, die ist schon längst weg. Nimm die: 7 – 6 – 4 – 1 – 3 – 2 – 9!“

AGATHE sollte zwischendurch verständlich sein. Sie haucht sanft, innerlich bebend:

„Ja, ich rufe höflichst an wegen der Wohnung. Mein Name ist Agathe…“

Inzwischen ist kaum mehr etwas zu verstehen, Börsen-Hektik hat den Platz ergriffen. Inzwischen laufen Männer rüber, schauen Frauen in die Zeitungen mit hinein. An den Telefonen gibt es Rempeleien, wenn deren Besetzer zögern oder gar ein zweites Mal wählen. Erste Paare bahnen sich einen Weg durch Leute und Papier zu Häusern, durch deren Türen sie verschwinden.

DER ZEITUNGSVERKÄUFER wiederholt unermüdlich die Schlagzeile des Tages:

„…“

Das Folgende wird zwar verständlich, aber Begleitlärm und Hektik bleiben.

RO hat den Telefonhörer ergattert, ziemlich verzweifelt:

„Eupa, ruf mir doch mal zu!: Zahlen, Eupa, Zahlen!…“

EUPA hat sich schwer getan. Er liest nicht gerade das Feuilleton, aber bis er die Wohnungsangebote aufgeschlagen hat, das dauert. Er stellt sich auch recht separiert.

RO rennt zu ihm:

„Eupa, ich habe schon den Hörer, was ist – ?“

EUPA, kurz vor der Grenze zum Trottel:

„Was du Hörer nennst, könnte genauso gut Sprecher heißen.“

RO, kurz vor der Verzweiflung:

„Ach, Eupa, das ist fein beobachtet, ja, aber – “

Sie ist zurückgerannt, muss um den Hörer kämpfen:

„He, hier war ich, ich musste nur – !“

Sie ergattert das Telefon wieder und schreit rüber:

„Eupa, jetzt! Kochen, fernsehn…!“

EUPA hat was gefunden, schreit zurück:

„Ja, Ro, komm, her, ich hab was!“

RO:

„Aber ich habe den Hörer!“

EUPA:

„Lass den Sprecher baumeln, komm her!“

RO läuft zu ihm, in Not:

„Du machst alles kaputt!“

EUPA, leise, fast verschwörerisch:

„Hier: Eine Anzeige ohne Telefonnummer. Der Vermieter ist von 18 Uhr bis 18 Uhr 15 anwesend.“

RO ist sehr erfreut:

„Was? Das ist ja wunderbar! Du hast das gefunden!“

Sie küsst ihn ab:

„Los, gleich hin, fernsehn!“

BEIDE verschwinden schnell in der Stadt:

DER 9. MANN, die Zeitung studierend:

„Schnuppi, kuck hier: Eine Anzeige ohne Telefonnummer. Der Vermieter ist von 18 Uhr bis 18 Uhr 15 anwesend.““

DIE 9. FRAU schaut auf die Uhr, resigniert:

„Es ist 18 Uhr 3, die ist auch schon weg.“

DER 9. MANN:

„Wir probieren es trotzdem.“

DAS 9. PAAR verschwindet in der Stadt.

Die allgemeine Hektik lässt wesentlich nach. Die meisten sind schon auf Wohnungssuche und hinter Türen verschwunden.

DER ZEITUNGSVERKÄUFER ruft noch einmal verebbend die Schlagzeile:

„…“

und geht dann ab.

EUPA und RO kommen von draußen durch die Tür ins Treppenhaus und schauen sich um.

RO verbeißt sich negative Kritik am Ambiente:

„Ich welchem Stock?“

EUPA entnimmt der Zeitung:

„Im ersten.“

BEIDE gehen rauf, Eupa immer zögerlicher

RO, schniefelt rum:

„Eupa, die Treppe zu meiner Wohnung soll aber nicht so riechen. Haben sie denn alle Kohl gegessen?“

EUPA bleibt sofort stehen. Ihm wäre ein Umkehren lieb:

„Wollen wirs lassen?“

RO geht weiter:

„Bist du verrückt? Ich werde dafür sorgen, dass es hinter meiner Tür nach Thymian und Wachholder duftet…“

EUPA geht immer langsamer.

RO versteht das nicht:

„Was hast du? Warum gehst du so langsam?“

EUPA:

„Als hätte ich Blei in den Schuhen…!“

RO wird ärgerlich:

„Was soll das? Gönnst du mir die Wohnung nicht?“

EUPA geht schneller:

„Doch doch. Wir sind wohl die ersten. Wer klingelt: du oder ich?“

RO, praktisch:

„Ich klingle, du sprichst. Du machst unseren besten Eindruck. Kämm dich aber vorher.“

EUPA verweist auf die Zeitung:

„Aber es steht da: d e r Vermieter. Und du als Frau – schön gekämmt…“

RO weißt das heiter von sich:

„O nein, Eupa, ich als solche Frau, – in der Rolle bin ich schlecht.“

EUPA, mit einem Stoßseufzer:

„Also -: klingle.“

RO will klingeln, zögert aber plötzlich hilflos.

EUPA ist dieses unverständliche Zögern eher unangenehm:

„Was ist? Klingle!“

RO, hilflos:

„Das Klingeln ist ja viel schwerer als ich dachte…“

EUPA:

„Wieso das denn?“

RO, zieht ihn von der Wohnungstür weg zum Treppenhausfenster, ihre Not fast verschwörerisch erklärend:

„Ja, sieh mal: Wenn ich jetzt klingle, dann musst du sprechen. Nun weiß ich aber doch, dass dir das Sprechen so furchtbar schwerfällt, – ich bringe dich doch also durch mein Klingeln in eine ganz schreckliche Situation!…“

EUPA weiß auch keinen Rat:

„Tja, aber – “

RO hat eine Hoffnung:

„Vielleicht ist niemand da?“

EUPA zeigt die Zeitung:

„Aber es steht doch extra hier: von 18 Uhr bis 18 Uhr 15.“

DAS 9. PAAR, ist ins Haus gekommen raufgegangen, klingelt jetzt:

/Es ist eine schmerzhaft laute Klingel./

EUPA und RO erschrecken furchtbar:

„Moment mal – wir – !“

DER 9. MANN:

„Hatten Sie denn schon geklingelt?“

RO:

„Nein, nein, wir wollten gerade – “

EUPA:

„Hören Sie, wir waren zuerst – wir – das geht nicht!…“

DER 9. MANN:

„Wer zuerst klingelt, – “

DIE 9. FRAU:

„ – der wohnt zuerst!“

DER VERMIETER ist erschienen und hat die Wohnungstür geöffnet:

„Ja, bitte?“

DER 9. MANN:

„Einen recht schönen Guten Abend.“

DER VERMIETER lässt sie eintreten:

„Sie kommen wegen der Wohnung, gerade noch rechtzeitig zum Fernsehen.“

RO ruft entgeistert in die sich schließende Tür:

„Aber wir haben doch zusammen Kaffee getrunken!…“

DAS 9. PAAR und DER VERMIETER verschwinden in der Wohnung:

EUPA, recht erstaunt in ein Fettnäpfchen tappend:

„Der war eigentlich sehr nett, – hättest du doch bloß geklingelt…“

RO ist fassungslos:

„Oh, – ich werde wahnsinnig!“

EUPA versteht zunächst überhaupt nichts:

„Wieso? Was hast du denn?“

RO hat einen erschreckend heftigen Zornesausbruch:

„Was ich habe – dich habe ich, dich, dich! Und keine Wohnung! Hätte ich bloß eine Wohnung, – ich könnte auf dich verzichten!“

EUPA sehr betroffen, leider auch indigniert:

„Ro, sag so etwas nicht.“

RO, sehr knapp und laut, Betonung auf dem letzten Wort:

„Ich sage, was ich will!“

Sie rast die Treppe runter.

Die Stadt ist leer, ausgestorben.

EUPA rennt ihr nach:

„Aber Ro, wir suchen etwas anderes, wir schauen in die Zeitung – “

RO reißt ihm die Zeitung weg:

„Niemand sucht mehr eine Wohnung!“

Sie rast, stampft durch die Zeitungen, die gehäuft liegen:

„Hier, die Zeitungen sind da, die Wohnungen sind weg!“

Sie haut gegen einen baumelnden Telefonhörer:

„Da baumelt dein Sprecher! Die Stadt ist leer! Alle sehen fern und kochen! Deine Venus kannst du dir aufs Klo tapezieren! Aber du hast ja nicht einmal ein Klo! Weil deine Finger zu schade sind zum Klingeln!“

EUPA sachlich richtig:

„Du wolltest klingeln, – das war ausgemacht.“

RO auch richtig:

„Wenn du doch einmal was tun würdest, was nicht ausgemacht war!“

EUPA insistiert:

„Aber wir haben das doch extra besprochen!…“

RO:

„Ja, wir quatschen und quatschen und versäumen das bisschen Leben und Liebe!“

EUPA rechthaberisch:

„Ich versäume keine Liebe.“

RO höhnisch triumphierend:

„Nein, du – du – sei du nur deiner Sache sicher! Was ich versäume, das zählt ja nichts! So war das immer! Es ist immer nach dir gegangen, und es ist nie gut gegangen!“

EUPA, sehr getroffen, leise:

„Du bist maßlos ungerecht.“

RO, auch getroffen, aber um so lauter in der wunderbaren Rechtfertigung:

„Ich liebe dich maßlos! Wie soll ich da in meiner Ungerechtigkeit nicht maßlos sein?!“

EUPA hockt sich irgendwo hin, bekennt:

„Ich klammere mich an die Liebe, die maßlose – “

RO, plötzlich still:

„Ich auch. Habe ich dir wehgetan?“

EUPA:

„Ja.“

RO, das darf ruhig eine Pointe sein:

„Gut.“

TUTOU ist zu ihnen gegangen, etwas verlegen:

„Verzeihen Sie, wenn ich sie einfach -, mein Name ist Tutou, – ich hätte zwei Plätze frei.“

RO sofort interessiert:

„Eine Wohnung?“

TUTOU:

„Nicht direkt eine Wohnung, aber – ein Dach, eine Tür, Wände, ein Fenster…“

RO:

„Brauchen wir mehr, Eupa?“

EUPA:

„Es ist jedenfalls mehr, als wir in unseren leeren Händen halten.“

TUTOU:

„Dann kommen Sie mit – ganz unverbindlich, es ist nicht weit.“

Er führt

EUPA und RO zum Abteil, in das sie alle steigen, sich setzen, nicht gerade behaglich.

EUPA, nach etwas verlegener Pause:

„Man sitzt jedenfalls recht bequem…“

RO ist alles wenig geheuer:

„Ja… Und wo – wo kann ich kochen?“

TUTOU:

„Ja, also kochen – “

RO:

„Und fernsehn?“

TUTOU wird immer verlegener:

„Ja, also das geht beides nicht. Aber eine Toilette ist da hinten im Gang.“

RO lächelt sehr säuerlich:

„Ah, ja …?“

Das Lächeln erstirbt ihr. Sie wechselt die hilflosesten Blicke mit

EUPA, der sich auch gar nicht wohlfühlt.

TUTOU merkt und versteht alles. Er steht auf, hebt den Rucksack runter, der prompt kaputtgeht, die Morgendüfte prasseln nieder:

„Ooooooh!, dieser Rucksack!…“

EUPA und RO sind kurz erschrocken, lachen dann, heben jeder einen Apfel auf, reichen ihn

TUTOU, der die Äpfel zurück schiebt:

„Danke, aber darf ich Ihnen die als Abschiedsgeschenk überreichen?“

RO, etwas erstaunt:

„Als Abschiedsgeschenk?“

TUTOU:

„Ja, Sie waren die liebsten Gäste, die ich je hatte. Aber meine Wohnung ist sehr klein. Sie werden froh sein, wenn Sie wieder die Freiheit der großen Stadt atmen.“

RO umarmt ihn, küsst ihn auf beide Wangen:

„Oh, danke, danke, welch liebenswürdiger Gastgeber!“

Sie beißt in den Apfel:

„Oh, ein Morgenduft, Eupa, ein Morgenduft!…“

EUPA, ganz obenauf, souverän, wunderbar, bietet Ro seinen Arm:

„Ro, komm, es beginnt die Eroberung der Stadt durch die apfelessende Kompagnie.“

Das Folgende kann eigentlich nicht ohne Musik auskommen, auch wenn der Text eine große Rolle spielt. Der Begriff Melodram, in des Wortes reiner Bedeutung, bietet sich an./

EUPA und RO gehen zur Schräge, vielleicht in großem Bogen, ein wenig feierlich, aber nicht zu langsam, erinnert an eine Polonaise, die Treppen hinauf, auf die Schräge, in die Stadt.

EUPA:

„Ro, die Stadt gehört dir, sie liegt zu deinen Füßen, du tigerst durch dein Eigentum.“

RO weist auf eine Fassade:

„Die Fenster da,- wie schön!…“

EUPA:

„Ich schenke diese Fassade deinen Augen, nimm sie in dein Herz und schaue hinaus.“

 

RO:

„Das Herz dankt, Eupa.“

EUPA entdeckt die Venus am hohen Himmel:

„Da oben, die Venus!“

RO, mit dem Apfel nach oben weisend:

„Venus, Abendstern! Ich opfere dir mit Morgenduft!“

Sie beißt kräftig rein und hält Eupa auf:

„Warte, die Ampel ist rot.“

EUPA:

„Bei den Römern war an jeder Straßenkreuzung ein kleines Heiligtum, beschützt von irgend einem Gott. Und eine römische Ampel war eine ewige Lampe.“

RO:

„Es ist grün, wir können gehen, aber wir müssen nicht. Eupa, was tut die Venus da oben?“

EUPA:

„Sie schwebt, sie fliegt, genau wie die Erde.“

RO:

„Wenn die Erde schwebt, dann hat die Erde Flügel.“

EUPA:

„Und wir leben, als schwebten wir nicht.“

RO tanzt herum:

„Ich nicht, ich schwebe so weit, dass ich nicht weiß, ob ich noch lebe…“

Sie erschrickt:

„Oh, was habe ich da gesagt?!…“

EUPA, beim Baum:

„Wir könnten hier unter dem Baum wohnen.“

RO:

„Er wird die Blätter verlieren.“

EUPA wühlt in den Zeitungen:

„Ein Haus aus Zeitungen. Der Hundertjährige Kalender sagt einen milden Winter voraus.“

RO unkritisch:

„Eupa, – du spielst.“

EUPA wird alle Einwände Ros verspielen:

„Ja, ich bin im Verein zur Rettung des Spiels mitten im Beton.“

Er weiß, was er sagt:

„Der Vorsitzende heißt übrigens Luzifer.“

RO weiß nicht, wohin mit dem Apfelgriebsch:

„Was tu ich damit? Ich will doch mein Eigentum sauber halten.“

EUPA hält die Hände aneinander wie eine Schale:

„Die städtische Abfallbeseitigung zu deinen Diensten.“

RO lässt lachend den Griebsch in seine Hände fallen.

EUPA isst mit Genuss:

„Hm – die Kerne – wie Marzipan!…“

RO:

„Aber du könntest nicht den ganzen Müll der Stadt schlucken.“

EUPA bleibt weiterhin sehr spielerisch:

„Du hast mich ertappt. Nein, das könnte ich nicht. Ich scheitere schon am Stiel eines Apfels der Sorte Morgenduft. Wohin mit dieser Unverdaulichkeit?“

Er wirft sie durch ein offenes Fenster in eine Wohnung:

„Sie sehen fern. Sie merken nichts. Wenn das Programm zu Ende ist, wächst ein Apfelbaum in ihrem Zimmer!“

RO lacht:

„Doch nicht aus einem Stiel!“

EUPA zieht sie zur Bausparkasse:

„Du hast kein Haus? Schaue die lieblichen Wohnungen. Willst du das da oder das da oder das da? Du bist doch selber alle Häuser der Welt!“

RO:

„Das Haus im Geiste hat keine Heizung. Hält deine Phantasie der Kälte des Winters stand?“

EUPA:

„Natürlich nicht. Aber heute ist nicht Winter. Versäumen wir doch ja nicht den mildesten Herbsttagfeierabend seit Jahrhunderten. Wir sind, Ro, wir sind! Ob wir sein werden – ?, wir wissen ja nicht einmal, ob wir waren…“

RO lächelt:

„Ach, Eupa, ich kann sagen, was ich will, – du hebst alle meine Einwände in die Schönheit der Luft!“

EUPA schreitet einen großzügigen Grundriss ab, spielt mit den Armen Wände, sehr einladend, euphorisch:

„Einwände – zwei Wände, drei, vier Wände, unsere vier Wände in der Schönheit der Luft.“

RO leise:

„Luftschlösser…“

EUPA bestätigt:

„Ja! Lass das kalte Feuer der Erfüllung ausgehen, und schüre die Hitze, die unter aller Sehnsucht brennt!…“

RO jetzt und im Folgenden sehr sachlich und weiterhin ohne Kritik:

„Eupa, du tanzt.“

EUPA, ehrlich:

„Ja.“

RO:

„Auf einem schmalen Grat.“

EUPA:

„Ja.“

RO:

„Du kannst abstürzen.“

EUPA:

„Ja.“

RO:

„Dann nimm mich in deine Arme, damit ich mitstürze.“

EUPA tut das:

„Ja.“

RO:

„Ich schließe die Augen und träume.“

EUPA:

„Du bist mutig, aber der Sturz im Traum ist so hart, dass man davon aufwacht.“

RO:

„Nun tanze weiter.“

/Aus dem Melodram wird die Musik für den folgenden Pas de deux/

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, lösen so schnell und überraschend wie möglich Schauspielerin und Schauspieler ab, die verschwinden. Ro lässt sich mit verschlossenen Augen von Eupa führen, auch und gerade Stufen rauf und runter. Die Liebenden werden – zunächst nur akustisch – gestört von

DEM ZEITUNGSVERKÄUFER, der wiederum auf dem Rollenband erscheinende Zeitungen anpreist, wobei er anreißerisch fehlbetont:

„Die Spätausgabe! 467 000 Wohnungssuchende fanden passende Wohnung. Die Spätausgabe! Fernsehen fesselte Millionen!“

Das wiederholt er ad libitum, wenn auch im Einklang mit der Musik.

DIE WOHNUNGSBEWOHNER, Tänzerinnen und Tänzer, strömen aus allen Häusern und formieren sich zu einem Freitagabendtanz. Der ist nicht ganz so leger, wie er sein könnte und vielleicht propagiert wurde. Es entwickelt sich so eine Art square dance, versteckt aggressiv, auch recht uniform. Ganz unabsichtlich, wenn auch ohne Rücksicht, wird dabei Eupa von Ro – sie tanzt ja immer noch mit geschlossenen Augen – getrennt.

EUPA und RO sind erschrocken, Ro reißt die Augen weit auf. Sie suchen einander in dieser homogenen Masse, in immer atemloser werdender Jagd, sie rennen von der Schräge, wieder rauf, schauen diesen oder jenen genauer an, schlängeln sich durch die Reihen der Menschen, die Häuser. Und es mag ruhig den Anschein haben, als verhinderte die Masse das Wiederfinden der Beiden.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, unsichtbar, rufen  nach einander vom Augenblick der Trennung an in immer kürzer werdenden Abständen:

„Eupa! … Ro!… Eupa! … Ro!…“

/In den pas de deux hat sich längst die Musik die Wohnungsbewohner gedrängt, die ja was von einem Marsch haben kann. Der pas de deux wird dann darüber-daneben zu Trennung und Jagd./

EUPA und RO, Tänzerin und Tänzer, verharren schließlich irgendwo, atemlos, weit getrennt voneinander, in Verzweiflung.

EUPA und RO, Schauspielerin und Schauspieler, rufen so klagend die Namen des Anderen, dass

„Eu – ro – pa…!“

entsteht.

/Die Musik verhält dabei kurz./

DIE WOHNUNGSBEWOHNER erstarren auch.

/Unter abschließendem, eher dissonantem Musikende/

Rascher Vorhang.

 

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