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7 – TSCHITSCHIKOW FÄHRT FORT

Online 22.3.2007 17.30 Uhr

TSCHITSCHIKOW FÄHRT FORT

Liebesgeschichte von Peter Podehl

Nikolaj Gogol schrieb viele Jahre lang am II. Teil seines Romans DIE TOTEN SEELEN ODER TSCHITSCHIKOWS ABENTEUER. Immer wieder hat er Fassungen verbrannt, eine letzte Fassung wenige Tage vor seinem Tod. Was wir heute lesen können, sind Reste, die von alten Fassungen übrig geblieben sind, in denen immer wieder mit Sternchen und Fußnote auf eine „Lücke im Manuskript“ hingewiesen wird. Dieses Roman–Fragment endet mit den Worten des Generalgouverneurs: „…Ich fordere Sie auf, sich der Verantwortung Ihrem irdischen Beruf gegenüber tiefer bewusst zu werden, weil diese uns nur unklar vorschwebt und weil wir kaum…“
Ein letztes Mal steht da „Lücke im Manuskript“. Hier folgt meine etwas rüde Vermessenheit einer Fertigstellung.

„…und weil wir kaum hoffen dürfen, Licht in die Finsternisse zu bringen, die menschlicher Verstand, und immer wieder menschlicher Verstand, der doch eigentlich geschaffen und aufgerufen ist, menschlichem Aberglauben aufzuhelfen, – wie dieser Aberglaube sich ausbreitet über unser geliebtes Vaterland, das heilige Russland, das wahrhaftig verdiente, mehr von der Liebe seiner Bürger zu spüren als von ihrer abgrundtiefen Bosheit, die um sich frisst wie ein finsterer, nachtschwarzer Waldbrand, den zu löschen ich ausgezogen bin, ich allein solchen Mächten trotzend, – das kann nicht gut gehen…“
Nur wenige Zuhörer spürten, dass mit diesem Bekenntnis die Wende eingetreten war. Die Klügsten horchten auf, das waren die gerissensten Gauner. Sie witterten zumindest Aufschub, wenn nicht gar völlige Entlastung. Kein Heiliger kann so frühe die Morgenröte der Gnade erkennen wie ein erfahrener Schuft das Schwachwerden des Anklägers. Der Generalgouverneur hatte mit diesem „Das kann nicht gut gehen…“ die Unentwirrbarkeit des Betrugsnetzes, das sie so emsig geknüpft hatten, anerkannt, seine Seele hatte den erwünschten Schaden genommen, der die Gauner allesamt schonen würde.
Zwar fuhr er in seiner Rede mit ruhigem und entschiedenem Tone fort, als habe er nicht den leisesten Zweifel an seiner vaterländischen Mission merken lassen, als habe er nicht von nachtschwarzen Bränden gesprochen. Und die meisten Zuhörer standen auch weiterhin mit hängenden Köpfen da in demütiger Erwartung eines schrecklichen Gerichtes über ihre Bosheit. Umso erstaunter waren sie, als der Generalgouverneur mit den Worten „Und darum wird man nun…“ in die Knie brach, zusammensackte, ohnmächtig ausgestreckt lag auf dem Parkett des großen Saales. Tschitschikow erging es nicht viel anders: Auch er wurde krank. Freilich, die äußeren Umstände waren gänzlich verschieden, geradezu entgegengesetzt: Tschitschikow ereilte es nicht im Palast eines Provinzgouverneurs, – er war wieder auf der Landstraße. Eine wunderbarere Befreiung war kaum vorstellbar: Vor zwei Tagen noch eingesperrt im Gefängnis, heute wieder in Bewegung, die er so sehr liebte. Er fragte noch weniger nach dem Ziel als früher, nur weg, weit, weit weg von dieser Stadt der Jahrmärkte und Messen, der rechtverdrehenden Rechtsanwälte und gefälschten Testamente… Den Gedanken, dass er dies alles bis zu seiner Verhaftung sehr genossen hatte, ja, dass er an der Fälschung des Testamentes kräftig mitschuldig geworden war, schob Tschitschikow behende in die geräumige Öde seiner Seele, in der schon so manches Ereignis ähnlicher Art ablagerte.
Wie viel schöner ist das Reisen mit dem Schlitten! Der Schnee füllt all die unzähligen Löcher in den Landstraßen, in die im Sommer die Räder unweigerlich stürzen, die langen Kufen tun ein Übriges an Ausgleich. Es ist falsch, dachte Tschitschikow, zu sagen, man fahre mit dem Schlitten, man gleitet doch, schwebt, fliegt. Wie der Vogel da, ein prächtiges Tier, Raubvogel auf Beutesuche, gleich wird so eine vorwitzige, hungernde Feldmaus dran glauben müssen. Den Namen des Vogels wusste er nicht.
„Man hat sich um Vieles zu wenig gekümmert,“ räsonnierte er, „man ist Tausende von Werst über russische Landstraßen gefahren und hat oft solche Vögel gesehen. Dass man den Namen nicht weiß, nichts über die Gewohnheiten solcher Tiere…“
Endlos schien sich die Landstraße hinzuziehen – oder war sie endlos? Die Frage beschäftigte Tschitschikow, das gehörte zum Beginn seiner Krankheit. Es konnte weder möglich sein, auf solcher Straße fortzufahren, fortzufliegen und den Erdball zu umkreisen, vielleicht gar nichts zu merken, wenn man an den Ausgangsort zurückkehrt und also endlos, – noch konnte man auf solcher Straße je den Himmel erreichen, der doch am Horizont greifbar nahe schien. Nein, sie war nicht endlos. Obgleich es so schien. Es gab doch immer wieder Veränderungen. Nicht immer tauchten die Zwiebeltürme einer Kirche so und nicht anders am Horizont auf, die Holzveranda an dem Haus links hat große Ähnlichkeit mit der an dem Hause rechts, aber alle Holzveranden an allen Häusern Russlands zusammengezählt, ergibt eine endliche Zahl, so groß Russland auch immer sein mag, nicht endlos…
So kroch die Krankheit in Glieder und Gemüt, Tschitschikow ungewohnt, da er nie ernsthaft krank gewesen war. Als der Schlitten zum Stehen kam, rief er verdrossen: „Was hältst du an ohne Befehl?“ Selifan fragte über die Schulter: „Herr, ist es nicht Zeit, etwas zu essen?“ Tschitschikow war im Augenblick aus allen Zeitbezügen gestoßen, auch wusste er nicht, ob er eigentlich Hunger hatte, sehr eigenartig bei seiner sonst so ausgeprägten Liebe zu seinem Magen. „Schau meinetwegen nach,“ brummte er, „ob sie Krautwickel haben und süße Beeren im Steintopf.“
Selifan und Petruschka liefen in den Gasthof, vor dem Selifan die Pferde zum Stehen gebracht hatte. Es schien Tschitschikow eine Ewigkeit zu dauern, – Kutscher und Diener kamen nicht wieder. Er ärgerte sich über das unaufmerksame Pack. Mit einer raschen Bewegung riss er sich die Decke von den Beinen und stellte sehr überrascht fest, wie wenig gut es ihm tat, eine so rasche Bewegung zu machen. Ihm wurde schwindlig, unwillkürlich schloss er für einen Augenblick die Augen. Er mochte das nicht an sich spüren. Auch das Aussteigen fiel ihm unerwartet schwer. Kaum konnte er die wenigen Schritte zum Gasthof tun. Noch ehe er die Veranda erreicht hatte, kamen Selifan und Petruschka aus der Tür. Tschitschikow musste sich an einem Verandabalken festhalten.
„Herr,“ erklärte Selifan, „es sind alle krank in dem Gasthaus, Wirt und Familie, Kellner, Diener, Magd.“ Tschitschikow fühlte sich durch dieses Kranksein beleidigt. „Das wollen wir doch sehen!“ rief er und stürmte in das Haus, um die zur Rechenschaft zu ziehen, die ihn nicht bedienen wollten, unfähig sich vorzustellen, dass sie ihn vielleicht nicht bedienen konnten. Seine Schwäche war wie verflogen.
Tschitschikow ging von Raum zu Raum, in Zimmer, die er sonst nie betreten hätte. Er berührte einige der heißen Stirnen, eigentlich nicht willentlich, es war wie ein Austausch: Er hätte sich ohne diese Berührungen noch hilfloser in den Zimmern gefühlt, und es war ihm auch, als wölbten sich die Stirnen ihm entgegen. „Die Grippe,“ sagte eine alte Frau, die in der Küche auf dem Ofen lag, „es kommt und geht vorüber. Aber dass es uns alle traf, so gleichzeitig und so hartnäckig. Dass der gnädige Herr sich nicht anstecken.“ Daran hatte der sonst so vorsichtige Tschitschikow sonderbarerweise nicht gedacht. Mit einer abrupten Handbewegung nahm er die Hand von der heißen Stirn der Alten, sprang von der Ofenbank und lief rasch hinaus. „Wir fahren in den nächsten Ort,“ befahl er, „solange werden die Mägen noch warten können.“
Dann stürzte er in den Schnee. Er hatte den kleinen Absatz übersehen, der von der Veranda in den festgetretenen schmutzigen Schnee führte. Er stieß sich, wie es ihm schien, empfindlich an allen Knochen. Als seine Diener ihm aufhelfen wollten, fluchte er lauthals: „Doch nicht so grob, ihr Halunken! Es ist ja alles gebrochen. Nicht in die Kutsche! Ins Gasthaus zurück! Wir bleiben!“
In dieser Nacht wütete ein mächtiges Feuer in Tschitschikows Leib und Seele. Der Leib widerstand. Von der Seele blieb übrig ein Häuflein Asche, die gegen den Morgen hin langsam erkaltete.
Tschitschikow wachte auf. Nicht als ob er in den vergangenen siebzehn Stunden nicht auch immer mal wieder aufgewacht wäre, aber es war da eine säuberliche Trennung von Wachen, Schlafen, Träumen, wüstem Phantasieren inmitten Schweiß und Schüttelfrost gar nicht möglich gewesen. Jetzt war es ein Erwachen wie nach einer Schlacht. Es ging sehr langsam vonstatten. Er kroch wie eine Schnecke in den Tag, der seinerseits behutsam über die Schneefelder angekrochen kam. Aus den unteren Räumen war von Zeit zu Zeit das quälende Husten eines Schwerkranken zu hören. Das erleichterte Tschitschikow das Aufwachen.
Bei erstem Blinzeln fiel die Orientierung schwer. Die Erinnerung durchraste alle Räume, in denen er schon einmal geschlafen hatte. Das brauchte Zeit, es waren sehr viele. Dann klebte sich sein Blick an die Schatulle, die er oben auf dem Schrank beim Fenster entdeckte. Von diesem Blick aus erforschte, eroberte er langsam den ganzen Raum. Dann wagte er es, sich ein wenig aufzurichten, ein Bein etwas anzuziehen. Aber erschrocken hielt er in der Bewegung inne. Auf dem Bein lag etwas, schwer wie Blei, auf dem anderen auch: Wadenwickel. Jemand hatte ihn gepflegt. Tschitschikow war sehr erstaunt darüber, dass er in den vergangenen siebzehn Stunden nicht allein gelassen worden war. Da war sicher die alte Magd gekommen, die gestern auf dem Ofen gelegen hatte. Der schreckliche Husten war wieder zu hören.
„He!“ rief Tschitschikow. „Bedienung! Petruschka, Selifan!“ Es war, als habe er über die verschneiten Felder gerufen, nichts rührte sich. Tschitschikow schob die Beine aus dem Bett, die noch etwas warmfeuchten Wickel blätterten von den Waden. Er zog sich an, machte sogar ein wenig Toilette, denn er fand seinen neuen Frack schöner denn je und wollte nicht in liederlicher Wäsche darin stecken.
In einem Verschlag unter der Treppe entdeckte er Selifan, schlafend. Ärgerlich weckte er ihn auf. Als der Kutscher das fordernde Gesicht seines Herren so nah vor seinen Augen sah, schnellte er von seinem Lager hoch. Aber eine halbwegs aufrechte Haltung konnte er nur für eine Sekunde einnehmen, dann klappte er zusammen wie ein Taschenmesser und lag wieder auf seiner Pritsche. Einen Wadenwickel hatte er bei dem Manöver verloren.
„Ich bin krank, Herr, bitte etwas Wasser,“ murmelte er. Tschitschikow stutzte nur einen Augenblick über die Umkehrung der Verhältnisse, dann macht er sich auf die Suche nach Wasser. Dabei stolperte er fast über Petruschka. Der lag auf einer alten Matratze und starrte Tschitschikow mit großen fiebrigen Augen an. „Wasser, Herr, bitte nur etwas Wasser,“ flüsterte er so leise, dass Tschitschikow mehr ahnte als verstand, was er wollte.
In seinem Zimmer füllte er ein großes Glas aus einer Karaffe mit Wasser. Einen Augenblick musste er lächeln über den Gedanken, der ihm durch den Kopf schoss: ‚Wie gehört es sich denn nun? Hat der Herr erst den Diener zu bedienen oder erst den Kutscher?‘
Er gab Petruschka zu trinken, der ihn müde, sehr müde und matt anlächelte. Selifan schlief schon wieder, als Tschitschikow zu ihm kam. Er weckte ihn. Selifan trank, gierig, hastig. „Nicht doch so schnell trinken“ mahnte Tschitschikow. „Nun können wir weiterfahren, Herr!“ sagte Selifan. Aber seine Augen straften Lügen, was er sagte.
„Nichts dergleichen können wir,“ sagte Tschitschikow, „Petruschka ist krank, du bist es, und ich bin’s auch.“ Selifan schlief schon wieder. Tschitschikow ging die Treppe hinunter und ohne Suchen und Zögern in die Küche.
Dort stand am Tisch vor dem Fenster ein Schaukelstuhl, wie er in keine Küche gehört, und wippte kaum merklich vor und zurück. Jemand musste vor sehr kurzer Zeit in dem Stuhl gesessen haben. Tschitschikow blickte zum Ofen. Da lag die Alte und verzog alle Falten ihres runzligen Greisinnengesichts zu einem breiten Grinsen.
„Jetzt bist du dran, Alter,“ sagte sie. Tschitschikow nahm diese respektlose, vertrauliche Anrede mehr sachlich zur Kenntnis, als dass er sich verwunderte. Nur ein wenig zuckten seine Augenbrauen. Der Alten entging das nicht: „Keine Sorge, Alter, wenn wir alle wieder gesund sind, werde ich auch wieder Gnädiger Herr zu dir sagen.“
Wieder war das beängstigende Husten zu hören. Tschitschikow wandte den Kopf. Die Alte erklärte: „Das ist Koljaschin.” – „Was meinst du, wenn du sagst: Jetzt bist du dran?“ wollte Tschitschikow wissen. „Setz dich erst und trink ein Glas Tee. Der Samowar ist der einzige Gesunde im ganzen Hause.“
Tschitschikow bediente sich, setzte sich in den Schaukelstuhl und schaute durch das kleine breite Fenster auf die stille Straße: „Also, warum hast du gesagt: Jetzt bist du dran?“ – „Ich habe du zu dir gesagt, weil du mir im Fieber so viel anvertraut hast. Ich habe dir kalten Tee gegeben und Wadenwickel gemacht, ich habe dich aus dem Bett genommen und bin ein paar Schritte mit dir auf- und abgegangen. Die Ärzte sind allesamt Hornochsen! Sie lassen die Öfen heizen in den Stuben der Kranken. Dabei ist, wer die Grippe hat und Fieber, selber ein Ofen. Kälte braucht er und Bewegung, dass er wieder ein Mensch wird.“
Das Schöne am Schaukelstuhl kostete Tschitschikow genüsslich aus. Sein Kopf beschrieb winzige Bögen durch die Luft. Er sah einen Popen in das Haus gegenüber gehen und fragte: „Was habe ich dir anvertraut?” – „Dass du ein schlechter Mensch bist!“ sagte die Alte lachend. Tschitschikow war auf der Hut: „Was?“
„,Ja, ja, ja, ja,‘ hast du gesagt. Wohl tausendmal hast du Ja gesagt. ,Ja, ja, ja, ja,‘ hast du gesagt, ,Ja, ich bin ein schlechter Mensch und tue alles!‘ Das ist mir so ein rechtes Fieberbekenntnis! Was heißt denn das, he? Tust du alles Schlechte, um schlecht zu bleiben, oder alles Gute, um gut zu werden? Das werden wir nun nie erfahren. Tschitschi, du glaubst nicht –” – „Woher weißt du denn meinen Namen?“
„Weil du mich auch angesprochen hast, als ob ich ein alter Lehrer von dir wäre oder weiß der Himmel was. ,Ich bin es doch,‘ hast du gesagt, ,Pawluscha, Pawel Iwanow Tschitschikow, erkennen Sie mich denn nicht? Ihr bester Schüler, nicht an Klugheit vielleicht, aber was den Ordnungssinn anging und das geschlossene Mäulchen, wenn die anderen schwätzten. Tschitschikow bringt Ihnen für zwanzig Kopeken Tee und für dreißig Kopeken Konfitüre. Es ist ein alter Rest.‘ Ja, das hast du Alles gesagt. Tschitschi, ob du es glaubst oder nicht,“ fuhr sie übergangslos fort, „ich habe das Haus voller Kranker versorgt, gestern und die Nacht hindurch. Jeder hat bekommen, was er brauchte, auch deine Diener, Treppe rauf und runter. Wenn keiner kriechen kann, kann ich’s, und keiner merkt mir meine 77 Jahre an. Oder sind es 78 oder – äh, 76? Aber in dem Augenblick, wo ich dich vorhin oben rumoren hörte, wurde mir doch so schwach, dass ich gerade noch auf den Ofen klettern konnte.“
Sie machte keinen gar so schwächlichen Eindruck, wie sie da auf dem Ofen lag und grinste und genüsslich schwätzte. Aber Tschitschikow kümmerte das wenig. Sie fuhr fort: „Wer so rufen kann, dachte ich, der ist nicht mehr krank, der kann mich pflegen und die anderen.“
Tschitschikow wollte sich vergewissern: „Als ich also oben ,Bedienung!‘ rief, hast du hier im Stuhl gesessen und geschaukelt und gegrinst und Tee getrunken.” – „Ja.“
Der Husten des Schwerkranken drang in die Küche. Beide horchten auf. „Das ist Koljaschin,“ erklärte die Alte, „der Tod hat zwei Finger auf seinem Herzen. Wenns drei sind, hört es auf zu schlagen. Pass auf, Tschitschi, sie haben alle dieselbe Krankheit und brauchen alle dieselbe Medizin: Kalten Tee oder Wasser, nichts zu essen, und wenn sie noch so jammern, – wenn sie sich gar nicht beruhigen wollen, ein paar Beeren aus dem Steintopf, einige Schritte gehen, du musst sie unter den Arm nehmen oder ihren Arm um deinen Nacken legen. Aber vergaff‘ dich nicht in die Frau Wirtin! Sie könnte dir gefallen. Aber du bist Krankenpfleger. Lüfte die Zimmer, kalte Luft ist gut. Erfrieren muss die Grippe. Und alle kriegen immer wieder frische Wadenwickel.“
„Du tust nichts dergleichen,“ sagte Tschitschikow, der aufgestanden war und sich vor dem Ofen postiert hatte, den Kopf ein wenig geneigt und zu ihr erhoben; eine Haltung, die er noch oft an diesem Tage einnehmen sollte, und bei der ihm zunehmend Genick und Schultern schmerzten. Mit heiterem Vorwurf sagte er: „Du trinkst heißen Tee und hast es schön warm, und wer weiß, was du alles naschst. Und zeig mal deine Wade!“ Die Alte lachte und schob ein dickbestrumpftes Bein unter der Decke hervor.
„Ich bin doch der Doktor!“ rief sie. „Und auch viel zu alt für solche Kuren. Ich werde anders gesund. Komm mal her, lass deinen Frack befühlen.“ Tschitschikow stieg auf die Ofenbank. Die Alte strich mit den Fingerspitzen über die Revers. „Wie heißt die Farbe?“ wollte sie wissen. „Der Schneider in – in – na…!“ Tschitschikow fiel doch der Name der Stadt nicht ein, in der er viele Wochen gewohnt, und die er erst gestern früh verlassen hatte. „Egal wo,“ sagte die Alte, „wie heißt die Farbe?” – „Navarinoer Pulverdampf mit Feuerglanz.“
„Möchtest du nicht Wasser trinken?“ fragte die Alte unvermittelt und holte eine Flasche hinter ihrem Kopf hervor. „Nein, danke,“ sagte Tschitschikow etwas verwundert. Die Alte hielt ihm die Flasche hin und sagte mit lustigen Augen: „Ich möchte aber so gerne, dass du einen Schluck Wasser trinken möchtest.“
Tschitschikow musste lächeln über diesen eigenartigen Wunsch. So saß er ihrer Hinterlist auf und tat einen kräftigen Schluck. Es war der schärfste Schnaps, der je durch seine Kehle geflossen war. Er schüttelte sich und prustete und fiel fast von der Ofenbank. Die Alte lachte mächtig. „Das ist mein Feuerglanz!“ rief sie immer wieder. „Das ist mein Feuerglanz!“
In einer Atempause, die sie notwendig brauchte, war wieder das Husten zu hören. „Jetzt geh aber,“ sagte die Alte, „deine Kranken warten. Und nimm dein Herz zusammen, wenn du zu Koljaschin reingehst. Er ist der schönste Jüngling im ganzen Russland. Aber ich glaube, du hast nur ein kleines Herz, die haben’s leichter. Nur Koljaschin kriegt außerdem einen Löffel Sirup, es ist nicht mehr viel davon da. Geh.“
Tschitschikow tat seinen Dienst wie in einem Rausch, er hätte ihn sonst gewiss nicht tun können. Ein sehr nüchterner Rausch freilich, der nichts mit dem hochgradigen Schnaps zu tun hatte, den er schlucken musste. Es war wohl die ihm völlig unbekannte und ungewohnte Tätigkeit des Dienens, die ihn auf so eigenartige Weise berauschte.
Er versorgte zuerst den schönen Koljaschin, der sehr hoch fieberte, und dem der dicke Sirup den Husten tatsächlich ein wenig lockerte, so dass er ausspucken konnte. Tschitschikow wischte den Auswurf vom Fußboden auf und sorgte für ein Gefäß am Bettrand.
Wenig später legte die Wirtin ihren schönen weißen Arm um seinen Nacken und spazierte mit ihm vor dem Bett auf und ab. Sie gefiel ihm sehr, wenn sie auch nicht die geringste Ähnlichkeit hatte mit den zarten blutjungen Geschöpfen, die sonst gelegentlich seine Phantasie belagerten. Eine kräftige Person in den besten Jahren… Aber er war eben nicht in dem Rausch, irgendetwas über die Krankenbehandlung hinaus sich auszumalen.
Als er, nachdem er schon fast alle Kranken versorgt hatte, die Treppe hinaufging, um nach Selifan und Petruschka zu sehen, dachte er: Es ist doch gut zu wissen, dass man ein winziges bisschen zur Gesundung dieser Menschen beigetragen hatte. Als er aber die Treppe wieder hinunterging, schoss es ihm durch den Kopf – sein Blick hatte die Schatulle auf dem Schrank in seinem Zimmer gestreift – : Tote Seelen, wenn sie alle sterben in diesem sonderbaren Spital, könnte ich leicht mein Hab und Gut vermehren. Er machte nicht einmal Halt vor dem Einfall, dass er ja als Krankenpfleger sein Teil beitragen könnte zu solchem Ausgang, und schämte sich auch nicht solcher Gedankenmorde. Auch dass er die Wirtsleute unversehens zu Leibeigenen gemacht hatte, bedachte er nicht. Und die Alte schloss er überhaupt aus. Er trat zu ihr in die Küche.
Es wurde ein unvergesslich wunderbarer Wintertag für Tschitschikow und die Alte. Sie tranken und aßen, und nicht nur süße Beeren, sie schwätzten, ließen den Ofen nicht ausgehen, legten so viel Holz nach, dass Tschitschikow gelegentlich den Frack über die Lehne des Schaukelstuhls hängen konnte; sie hörten Koljaschin husten, sein Spucken setzte ein Zeichen der Hoffnung, der Samowar sang den ganzen Tag vor sich hin, in gut bemessenen Abständen gab es ein wenig Feuerglanz für die trockene Kehle.
Tschitschikow schwamm in einem Ozean nie gekannten Vertrauens, auf Wogen endlich möglich gewordener Unvorsichtigkeit. Es war nicht mehr die geheimnisvolle Rede davon, dass er in eigenen Angelegenheiten reise, dass er Seelen zu Ansiedlungszwecken erwerbe, auch wenn sie sich schon in einem irgendwie toten Zustand befanden. Nein, Tschitschikow bezeichnete sich am Nachmittag gegen fünf Uhr, als ein letzter Schein Tageslicht die Holzveranda des gegenüberliegenden Hauses einhüllte, lachend als kleinen Gauner.
„Aber“, rief er aus, „das ist ja das Falsche an der Meinung der Leute, die redlich sind oder sich redlich dünken, dass sie glauben, ein Gauner, er mag so groß oder klein sein, wie er will, sei ein Faulpelz. Nichts da! Er muss seinen Kopf anstrengen wie jeder Beamte im Ministerium oder der rechtschaffenste Kaufmann, ja, er muss sogar mehr arbeiten, um zu seinem Geld zu kommen. Der Eine bringt Brabanter Spitze in Kisten und Koffern über die Grenze und zahlt eine Menge Rubelchen Zoll dafür. Nun gut, dazu braucht er nicht viel Hirn. Ein Anderer aber zerbricht sich den Kopf, wie er die schöne Spitze über die Grenze schafft, ohne dass riesige Zollgebühren in die Staatskasse fließen. Er nimmt nicht alles hin, wie es ist. Er will das Geld lieber guten, lebendigen Menschen zukommen lassen, sich selbst nicht ausgenommen, das soll gar nicht verschwiegen werden. Endlich kommt ihm die Erleuchtung! Da ist eine riesige Herde spanischer Hammel an der Grenze, die gehen beim Weiden hin und her, mal nach Polen, mal nach Russland. Eines Tages fressen sie mal wieder polnisches Gras. Da wickelt man ihnen die Brabanter Spitze um die Leiber, dass sie kaum noch atmen können. Und dann, was dann? Was ist der Witz? Hör zu: Man stülpt eine zweite Hammelhaut über die Spitze, und dann führt der Hirte mit seinen Hunden die dicken Hammel über die Grenze auf das russische Gras. Das nennt man Brabanter Spitze auf Hammelbeinen. Aber das will doch alles ausgedacht und ausgeführt sein!“
Die Alte lachte ausgiebig über solche Geschichten. Und Tschitschikow lachte mit und fühlte sich wohl wie nie in seinem Leben. Nur augenblicksweise schwappten an die Schwelle seines Bewusstseins Gedankenfetzen wie: Unschicklich, einer Magd die Geschichte eines Herren zu erzählen, der doch eigentlich ein Schelm ist; und auch: Was war denn an diesen Histörchen eigentlich Erzählenswertes? Aber er sprach es doch nicht nur aus für sie, sondern auch für sich. Wann hatte er dergleichen je erzählt? Es war erlebt worden und seitdem nie wieder zur Sprache gekommen.
„Tschitschi, wo bist du zu Hause?“ wollte die Alte wissen. Tschitschikow antwortete ohne Zögern, lachend: „Nirgends. Überall. Nein, hier.“ Da lachte die Alte nicht mehr.
„Ja,“ sagte Tschitschikow dann, „ich will mal wieder nach meinen Schäfchen sehen. Übrigens: es fällt mir nicht schwer, zu Koljaschin reinzugehen. Er braucht mich doch am nötigsten.“
„Tschitschi,“ sagte die Alte fröhlich, „wärst du hier nur durchgereist, – wer weiß, ob wir ein Wort miteinander gesprochen hätten. Ich hätte dir gewiss nicht sagen können, wie erfreut ich bin, dich kennengelernt zu haben. Es wird mir doch schwerfallen, Gnädiger Herr zu dir zu sagen, wenn wir alle wieder gesund sind. Tschitschikow, du hast eine kleine Seele, aber du kannst gut sein.“
Ohne ein weiteres Wort ging Tschitschikow an die Arbeit, die er seit diesem Tage hatte. Der letzte Satz der Alten tat seiner Aschenseele wohl, sie erinnerte sich des Feuers, das sie verzehrt hatte; und des alten Murasow, der gesagt hatte: „Sie lieben das Gute nicht, – so zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben.“
Tschitschikow ging über den Flur und murmelte vor sich hin, etwas unbeholfen denkend: „Damit müssen die Dinge zusammenhängen, aber in diesem Spital ist ja gar kein Zwang. Die Krankheit macht doch alles notwendig.“
Es war am späten Abend, als die Schmerzen in Tschitschikows Genick und Schultern sich so unangenehm bemerkbar machten, dass er auf Abhilfe sann. Kein Wunder, hatte er doch lange Zeit des Tages immer wieder vor dem Ofen gestanden, den Kopf immer ein wenig zur Seite geneigt und erhoben. Er wurde auch etwas verdrießlich, weil er immer hinaufsprechen musste und von oben herab zuhören. Er nahm ein Licht und ging zur Tür.
„Wo gehst du hin?“ wollte die Alte wissen. „Ich hole mein Bettzeug, werde es mir da oben neben dir bequem machen.“ Tschitschikow ging raus und hörte die Alte sagen: „Gut, dann sparen wir auch das Talglicht.“
Wenig später war Tschitschikow auf dem Ofen. Das Gespräch kam nicht wieder in Gang. Tschitschikow lag lange wach im Dunkeln mit offenen Augen. Gänzlich ungewohnt solcher Lage beschäftigte er sich hauptsächlich mit der Frage, was von der neben ihm schlafenden Alten sein Handrücken da berührte. Es konnte eigentlich auch nur ihr Handrücken sein oder das Gelenk oder der Unterarm. Tschitschikow hatte nie in seinem Leben so viel Gedankenzeit an die Anatomie eines Mitmenschen gewandt.

• 1 – WENN ER AUFWACHT UND LÄCHELT …
• 2 – GESCHICHTE OHNE ENDE
• 3 – NEIN – VERHAFTEN
• 4 – DER HALBIERTE MANN
• 5 – SCHWÄNE STERBEN ANDERS ALS SPATZEN
• 6 – REQUIEM FÜR EINE TSCHERKESSENFÜRSTIN

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