Feed on
Posts
Comments

WENN ER AUFWACHT UND LÄCHELT …

Online ab 8.2.2007, 17.30

 

WENN ER AUFWACHT UND LÄCHELT

Liebesgeschichte von Peter Podehl

Bleistift gleitet über Papier, zieht Spuren. Schrift als Übereinkunft seit Tausenden von Jahren, übrigens gar nicht so sehr viele Tausende. Immer sind Wunder zu registrieren bei der Einrichtung der Welt durch den Menschen. Das obere Bleistiftende schreibt in die Luft, das fortschreitende Gewackel schräg in den Himmel. Alles anders am Computer. Finger, die Tastaturen betätigen, – auch was Feines. Das Schreibmittel ist halt viel komplizierter als das bisschen Graphit, das ununterbrochen Schnörkel malt. Andere werden die Schnörkel lesen können. Oder keiner. Wunder über Wunder. Beim Pinkeln macht er vorher die Clobrille hoch, hinterher runter. Warum? Ich möchte, dass er das für mich macht und weiß doch genau, dass er es ganz allgemein für Frauen tut. Ich will Besitz, ihn besitzen – haben wir heute Nacht gespielt, ich besaß und besetzte ihn – war schnuckelschön. Ich bin jetzt schon eifersüchtig auf Phantome. Wenn es Phantome wären, – es sind andere Frauen, die ich wegfegen werde mit einem kräftigen, heftigen, borstigen Besen. In den Abfall! Raus! Weg! Die Fakten, Hannelore, die Fakten auf den Tisch. So wie er in dem Lokal mit dir geflirtet hat, so flirtet Einer nicht, der fest gebunden ist. Hast du ne Ahnung. Ja, habe ich. Herz von Anderen auch raus. Gehirn auch. Weg! Gehirnwäsche, Herzwäsche. Bremse. Ich könnte quietschen vor Vergnügen. Ordnung. Wer bläst mir denn diese Vokabel ein? Mephisto? Oder ein Schlimmerer? Hingabe an den Bleistift – hat doch nichts mit Ordnung zu tun. Ordnung hat was zu tun mit Vorbeugen über Pläne. Ich will zurücklehnen bis zur Horizontalen, Beine breit, kein Buch griffbereit, Himmel vor Augen, auf die Wasser von oben warten.
Ich als Bleistiftführer gebe dem, der Ordnung fordert, nochmal ein bisschen Graphit: Zugegeben, es geht sich leichter, es sind keine beblätterten Pflanzen zwischen mir und dem Ziel, das ich ansteuere; für die Nacht eine Taschenlampe in der Hosentasche; überhaupt: der Nacht das Grauen nehmen; viele Uhren, sehr viele Uhren, immer eine im Blick; schmal bleiben, dem Essen das Gewicht nehmen, dennoch Genuss erlauben; Zeichen nicht von der Tafel wischen; Kampf, tapfer, Mut.
Dusche von oben. Hingabe, feige.
Lass mich ein Spiel spielen, Amor: Wenn er aufwacht und lächelt, dann bleibe ich. Aber wenn er aufwacht und muffelt, dann – wäre ich gerne schon weit weg. Aber so geht das ja gar nicht. Wenn ich mich davonschleiche, ohne etwas von seinem Aufwachen zu sehen, – das Spiel kann ich doch gar nicht spielen. Amor, schaff Rat! Die Rechnung ist einfach, sagt Amor, – mit dem man ja eigentlich keinerlei Spielchen spielen sollte; er ist so unzuverlässig, hat die halbe Woche den Laden zu, plötzlich zieht er am Sonntag, nachmittags, die Gitter hoch und immerzu Nachtdienste… Wie einfach ist denn die Rechnung, kleiner Gott? Die Chance auf ein Lächeln ist mehr wert, als die Angst vor dem Muffel. Also: bleiben. Ich könnte mich anziehen und in den Sessel da kuscheln. Aber das veränderte ja die Spielregeln! Anlächeln soll er die Nackte, die Verheißungsvolle, die Verzweiflungsvolle. Nein, das darf ich so nicht sagen. Das ist Lästerung, verlogen. Einige wenige winzige Verzweiflungssplitter vielleicht im Augenhintergrund. Ob er die erkennt? Was bildest du dir eigentlich ein, Frau Ingenieur? Ein einigermaßen wohlproportioniertes Stück Fleisch bist du, gibt Millionen solche wie dich. An allen Stränden rund um den Globus zu besichtigen. Und Millionen jüngere Stücke Fleisch. Was gibt es da anzulächeln? Jetzt würde ich gerne noch mal schlafen. Und den ganzen Murks ihm überlassen. In der Nacht nach unserer Reiternummer ist er schnell eingeschlafen, hat aber noch nach mir gegrabscht. Ich wollte gar nicht schlafen, mich ganz schnell davonschleichen, sans laisser l’adresse, sagen die Franzosen für ‚Unbekannt verzogen‘. Scheiß auf Lächeln oder Muffel! Ich wollte mich ganz bald davon- Ich habe wunderbar geschlafen, trotz der zwei Espresso, Espressi, Espressos, was weiß ich, was da für ein Plural richtig ist. Wenn ich eben das Spiel mit Amor nicht gespielt hätte, könnte ich schon im Bus sitzen. Spuren peinlich, morgens ins Hotel zu kommen und den Schlüssel zu verlangen. Quatsch, Oma! Er liegt so verquer auf meinem BH, den kriege ich gar nicht raus, ohne ihn zu wecken. Wenn er aufwacht und muffelt, kann ich nicht mehr davonschleichen. Dann muss ich gehen, mich anziehen und gehen. Und Gehen am fahlen Morgen, wenn Beide wach sind – da fehlen alle Worte. Wenn er aufwacht und lächelt, dann bleibe ich – zum Frühstück und – Dann gibt es viel zu erzählen. Amor, einverstanden: Keine Chance auf Lächeln durch Wegschleichen verspielen. Und ich murmle mit heißem Atem ins tiefste Kissen: Vielleicht beginnt Kapitel zwei meiner Weltgeschichte. Oh nein!, wer oder was macht denn da eine Kitschnutte aus mir!? Der Knall war fürchterlich. Halbnackt hat er sich an seinen süßen kleinen Flügel gesetzt, mittendrin von irgendwas losgespielt, „Beethoven“ gemurmelt, irgendeine Opus-Nummer und „Finale“. Bei mir standen sämtliche Türen und Fenster ganz weit offen, und die Musik gurgelte in mich rein und haute mich hin und her und um. War, als ob ich nicht mit den Ohren, sondern mit dem offenen Mund höre. Ich hätte losschreien müssen. Statt dessen frage ich ihn, ob er die Originalkadenzen von Beethoven spiele. War sicher nicht sehr kulturell. Man kann in der Wut alle Türen der Welt knallen, aber den Klavierdeckel auf Beethoven – Ich schrie gellend auf, so weh tat das. Ich spiele nicht Klavier. Das mit den Kadenzen stammt aus dem Vokabular meines Vaters, alter Bildungskonzertgänger, ich als Mädchen, als viel zu kleines Mädchen an seiner Seite, ziemlich weit hinten im großen Konzertsaal. Er sagte: „Man hört auch hinten gut.“ Ich assoziierte Finale, letzter Satz mit Kadenz. Und – ja, ich wollte Bildung hervorkehren. So ein Quatsch! Er ließ den Fuß auf dem Pedal. Sein Knall und mein Schrei hallten lange über alle Saiten, vielleicht auch noch ein paar Fetzen Beethoven. Als absolut nichts mehr zu hören war – ich hatte mein Ohr auf das schwarze Holz gelegt und erstaunt festgestellt, dass am Ende, wenn man schon denkt Vorbei – dass da immer nochmal winzig leise Nachbeben der Töne die Saiten schwingen machen – o, wer mir verbindlich sagen könnte, wo Töne bleiben – je älter man wird, desto schwieriger wird es, die einfachsten Fragen zu beantworten. Dann bin ich gegangen und habe meine Sachen zusammengesucht. Er blieb am Flügel sitzen und redete, redete, redete – hat viel von seiner Seele ausgebreitet, um sich zu entschuldigen. Schöne Seele. Nein, hat er extra gesagt, gibt keine Entschuldigungen, nur Erklärungen und Bitten um Vergebung. „Ich kann mich nicht entschuldigen. Aber du kannst mir vergeben.“ Schöne Seele. „Beethoven-Sonaten haben keine Kadenzen, verwechselst du mit Klavierkonzerten, da ist Orchester dabei, das große Solo kurz vor Schluss des ersten und des letzten Satzes.“ Jaja, ist ja gut, hätte ich bei einigem Nachdenken auch noch gewusst. Aber Nachdenken – Ich kam mit meinem Kleiderhaufen zum Flügel zurück und hob mit der Hand, an der der BH baumelte, den Deckel ein wenig an: „Ich hoffe, du bleibst sanft, wenn ich deinen Redeschwall unterbreche – hier klebt Blut, dieser zusammengequetschte Beethoven ist der Anfang vom Ende. Das ist dir doch klar.“ Er hasst die Formulierung. Hab ich gesagt: „Aber sie markiert manchmal sehr genau den Stand der Dinge.“ Er: „Stimmt. Trotzdem: nicht so kurz nach dem Anfang vom Ende reden. Bitte schlüpf jetzt nicht in deine Sachen, bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht –“ Dreimal – dann hat er den BH um seinen Hals geknotet und ganz ernst weitersalbadert: „Wenn ich spiele – ich spiele nicht mit den Fingern, sondern mit den Nerven im ganzen Körper, und die liegen blank, alle, ganz blank, auf den Fingerkuppen, ich stürze mich da rein – in diesen Kosmos. Ich spiele ja gar nicht besonders gut, leidenschaftlicher Dilettant. Und dann eine Stimme, die fragt –“ Ich habe es nicht geschafft, den Mund zu halten: „Ich habe dich ja nicht gefragt, wie spät es ist.“ Er: „Egal, egal, egal – Kadenzen – wie spät – Wort in diese Musik, das verkrafte ich nicht.“ Und ich habe völlig unkokett, völlig – ich schwöre! – ohne die geringste bewusste Nebenabsicht – übers Unbewusste reden wir später, aber darüber kann man ja gar nicht reden – habe ich gesagt: „Ich werds lernen.“ Da hat er gelächelt – Wow! – und gesagt: „Wie schön du die Zukunft benutzt, ich meine: das Futur benutzt.“ Er lächelt, ich schmeiße meine Plünnen weg, Gründe zum Küssen. Dann die Reiternummer. Ich nahm mir den Mut, darum zu bitten. Schnuckelschön. Meine panische Angst, nicht genug Papier zu haben. Ich neige eigentlich auf keinem anderen Gebiet zu Panikreaktionen, aber hier beim Papier – ja, reicht wirklich in panische Urbezirke. Der Hunger in Weimar November 1946 war nie panisch.
Winterfeldplatz, Berlin, 1939. Das ist über 60 Jahre her, der Nebel über der Erinnerung erlaubt nur Sichtweiten unter zwei Meter. Ich hamstere Papier. Willy Birgel küsst Frau Graeber die Hand im großen und feinen Feinkostladen in der Nürnbergerstraße. Meine Mutter regte das ziemlich auf, dass der höchst populäre Filmschauspieler, der auch irgendwann einmal ihr Tischherr war, der Kaufmannsfrau die Hand küsste, weil er sich von ihr lebensmittelkartenfreie Sonderrationen aus der Schwarzmarktecke versprach. Bei Graeber kauften wir noch eine Zeit lang markenfreies Jus, gelierte Rinderbrühe in sehr kleinen Gläsern. Trotz Erinnerungsnebeln würde ich das Etikett, das fast die ganze Fläche des Glases bedeckte, als dunkelblau mit goldener Schrift deklarieren. Oder silberner Schrift? Jedenfalls dunkelblau. Nicht ganz zuverlässiger Zeitzeuge.
Mir ging es um Papier. Es müssen da am nördlichen Winterfeldplatz einige Papierläden nah beieinander existiert haben. Ich konnte das eigentlich nur wissen von meinem Schulweg mit dem Fahrrad von der Würzburgerstraße zur Steiner-Schule in der Großbeerenstraße in Kreuzberg. Auf dem Stadtplan lässt sich das ziemlich genau verfolgen. Aber 1939 wohnten wir doch schon im Eichkamp, und ich ging auf die Waldschule. Die Steiner-Schule existierte nicht mehr. Sie schloss, als ihr staatlicherseits auferlegt wurde – der Staat war inzwischen nationalsozialistisch geworden, ein entsetzlicher Staat -, den Unterricht mit dem Hitlergruß statt wie bisher mit einem Gebet zu eröffnen. Es muss für die Schulleitung, ein wie immer geführtes Kollektiv aller Lehrer, eine sehr schwere Entscheidung gewesen sein. Verrat doch auch an den ihnen anvertrauten Kindern. Und sie gefährdeten sich selbst: eine eindeutige Entscheidung gegen den Führerkult. Also doch wohl auch großer Mut. Der Lateinlehrer nahm sich bald darauf das Leben. Aufbrausend war er bis zur Krankhaftigkeit, kein guter Lehrer, Sachse, nicht beliebt, in psychischen Nöten; die Schließung der Schule stieß ihn in eine Einsamkeit, die er nicht ertrug. So jedenfalls stellt sich mir das dar.
Einige Jahre vorher war die Steiner-Schule noch umgezogen, von der Großbeerenstraße in die Berliner Straße in Charlottenburg, nahe dem Knie. Das Knie heißt heute Ernst-Reuter-Platz. Die heutige Straße des 17. Juni, ehemalige Ost-West-Achse, nannte man gelegentlich Oberschenkelstraße: vom Knie zum Lustgarten. Ich mochte den Namen Knie, obwohl er im Grunde unsinnig war, denn auf den Platz mündeten fünf große Straßen. Das eigentliche Knie war der spitze Keil aus Berliner- und Bismarckstraße, ein deutlich angewinkeltes Knie also. Wie ich einem Fotobuch vom alten Berlin entnehme, das mir Inge mal zum Geburtstag schenkte. Da ist übrigens auch ein Foto vom Winterfeldplatz drin, gesehen von der Nordwestecke, wo die Papierläden waren, 1905. Am jetzigen Ernst-Reuter-Platz stand das Grand-Hotel Knie. Keil ist richtig, oder? Ein spitzer Winkel war das von außen, oder? Nein, Ecke. Manchmal gehen mir einige Sprachselbstverständlichkeiten verloren. Das unartige Kind wurde in die Ecke gestellt und so vom Umfeld isoliert. Die Kneipe ist an der Ecke, ja geradezu Eckkneipe. Also dasselbe Wort für innen und außen, nur die Präpositionen in und an signalisieren den Unterschied. Das unartige Kind tut mir Leid. Den Eckensteher Nante habe ich geliebt.
1940 zog ich in die Schauspielschule des Deutschen Theaters, Sitz im Theater Die Tribüne am Knie. Ein Übungsraum zwei Häuser weiter war die Aula meiner ehemaligen Steiner-Schule, wo wir einige Jahre vorher Shakespeares STURM in Englisch aufgeführt hatten. Justament. Wiederkehr.
Später, im Krieg war ich als Soldat 1943 oder 1944 kurze Zeit in Subotica, deutsch-österreichisch Maria Theresiopel, ungarisch Szabadka, sehr idyllisch, lächerlicher Ausflug der Deutschen Wehrmacht wegen einer Ungarnkrise. Ich kam aus Slavonisch Brod. Wir fuhren mit einer kleinen Straßenbahn zu einem ebenso idyllischen oder noch idyllischeren Kurort, dessen Name mir entfallen – Shell-Atlas soll leben: Palic, wo wir im See badeten. Im Frühherbst 1955, als ich man grade die DDR hinter mir gelassen, und mir in München ganz schnell einen Reisepass der Bundesrepublik besorgt hatte, fuhr ich als Regieassistent von Kurt Hoffmann – ICH DENKE OFT AN PIROSCHKA – zu Außenaufnahmen nach Palic. Justament. Wiederkehr. Mein Tennislehrer bei Blau-Weiß in Berlin, wo ich mich nie wohl gefühlt habe – wohlhabendes Großbürgertum ist bei den Erwachsenen schon schlimm, um wie viel schlimmer bei den Junioren -, hieß Rott, Vorname weiß ich nicht mehr. Mein hochgeschätzter Lehrer an der Schauspielschule des Burgtheaters in Wien war Adolf Rott. Justament. Wiederkehr.
Winterfeldplatz, Berlin, 1939. Ich hamstere Papier, gehe in etliche Papierläden und kaufe größere Mengen. Um die Mengen zu verdoppeln, geht meine Geliebte – aber kann man die fast zwanzig Jahre ältere Freundin des 17-Jährigen Geliebte nennen? – auch in die Läden und kauft jede Menge weiteres Papier für ihren schreibenden Geliebten, der in Panik war, Papier könnte ihm ausgehen. Abtransport nach Eichkamp. Mit Auto oder Fahrrad? Durften wir das Auto denn noch benutzen? Aber der Papiertransport mit dem Fahrrad klappert in der Erinnerung. Es war wohl doch noch das Auto, BMW-Cabriolet, milchkaffeebraun. Wir hatten vor ein paar Jahren mal einen Citroën von sehr ähnlicher Farbe. Justament. Wiederkehr.
Das Cabriolet überführte ich dann ein halbes Jahr später an die Wehrmacht. Zu einem Sammelplatz in Charlottenburg, dann im Konvoi, ich glaube, nach Tempelhof. Ich als Einziger nochmal zurück nach Charlottenburg, das war mit den Beschlagnahmern so ausgemacht. Fahrt quer durch Berlin ohne den roten Winkel auf den Nummernschildern, die alle Autos, die noch fahren durften, von Amts wegen hatten. Die freundliche Mahnung eines Polizisten – Schupo – in Erinnerung, weil ich ohne den roten Winkel fuhr. Ich habe dann einen zweiten Konvoi nach Tempelhof geführt. In der amtlichen Aufforderung zur Überstellung des Wagens die Anmerkung, der Fahrer könnte gegebenenfalls gleich dabeibleiben, kein Befehl. Und ich – jetzt kommt der Knaller! – spielte doch tatsächlich mit dem Gedanken, auf so ein Fahrerabenteuer zu gehen. Das passt so überhaupt nicht zu mir, der ich, zumindest nach innen, bekennender Pazifist war. Aber es muss so gewesen sein, denn meine Eltern, denen ich das angedeutet hatte, gaben mir meine vorerwähnte Geliebte mit, die aufpassen sollte, dass ich da keinen schiefen Helden-Quatsch anstellte. Als ich den zweiten Konvoi holte, wurde sie ein wenig nervös, aber sie hat erfolgreich aufgepasst, diktiert gewiss auch vom Eigeninteresse, vom eigenen Liebesinteresse.
Die Panik von damals existiert in sehr abgeschwächter Form immer noch. Große Reise – zu wenig Papier? Vor solchem Aufbruch sorge ich für ausreichenden Vorrat. Dabei Angst vor zu wenig Papier von bestimmter Farbe oder Konsistenz. Durchschlagpapier weiß, rosa, blau, grün, gelb für die Bleistiftfassungen (die Papiertsorte stirbt übrigens aus oder ist schon ausgestorben). Dato schnörkele ich auf rosa, zweite Fassung wird weiß. Festeres Papier, am liebsten geleimtes, für den Füller, der das Tagebuch schreibt. Neulich ging mir vor Norwegens Küste das grüne festere Tagebuchpapier aus, ich behalf mich mit grünem Durchschlagpapier, das ich auch noch beidseitig beschrieb, was die Leserlichkeit etwas beeinträchtigte.
Maler, wie ist das bei euch? Farben, Kreiden, Skizzenblock, Stifte, Pinsel, Staffelei, Leinwand auf Leisten gezogen? Sperrig, nicht wahr?, für den Ausflug nach Nordafrika vor dem Ersten Weltkrieg, Macke, Klee, den übrigens auch Erwin unternahm.
Winterfeldplatz, Berlin, September 1939.

Ich muss wissen, mit wem ich geschlafen habe. Das wirst du nie erfahren, nicht mal, wenn du am Morgen deiner Silbernen Hochzeit das Frühstücksei aufschlägst. Toi-toi-toi! Möge es so lange halten. Wir alle heiraten das Risiko pur, immer, jeder, und lebenslang. Oder wir müssen zum Rechtsanwalt. Oh Schreck, lass nach! An eine Ehe denken nach zehn Stunden Kennen, auch nur denken. Was ist in dich gefahren, Hannelore? Genau: es ist etwas in mich gefahren – schnuckelschön. Nur: Was hätte eine Ehe damit zu tun? Dieser verstaubte Oldtimer, Dinosaurier-Skelett im Museum. Die meisten meiner frühen Freundinnen, die jung geheiratet haben, sind schon wieder geschieden. Manche froh darüber, manche denn doch verhalten unglücklich. Am schlimmsten: die traumatisierten Kinder. Kein Erfahrungsaustausch mit Frauen, die heiraten, wenn sie schon älter sind. Ich wollte einen One-night-stand. Wollte ich den? Jetzt denke ich an einen One-life-stand. Ja, ich will, ich will irgendwann mit Jemandem eine gemeinsame Vergangenheit haben. Jetzt anfangen. Ist denn das ein so vermessener Wunsch, verdammt nochmal?! Die Haut von Säuglingen sei eine einzige Wonne, sagt meine Schwester. Der Nagel auf dem kleinen Finger – zum Verrücktwerden. Ha, unser Baby wird ja seine Fingerkuppen haben, unsere. Die Federn auf dem Kopf, die Seide, wenn die Zeit der ersten Glatze vorüber ist. Beim ersten Lächeln ist meine Schwester fast ohnmächtig geworden, hat nach Luft geschnappt und längere Zeit gequiekt. Man kann noch so schön vögeln, – das Elementare kommt erst, wenn Kinder auf die Welt purzeln. Aber ich kann mich doch mit meinen 35 Jahren nicht in diese Hormonsuppe stürzen! Doch! In dieses Gebrodel von stinkigen Sekreten. Doch! Kommt noch die gemeinste aller Erpressungen dazu: entweder jetzt oder die Show ist zu Ende. Nie Großmutter? Ist das auszuhalten? Aber neun Monate dreckige Biologie, Leibesverunstaltung. Ich doch nicht! Doch ich! Warum denn um Himmelswillen? Liebe. Das ist eine dürftige Antwort. Quatsch, die einzige! Und die Frage, was die Liebe denn sei, bleibt ein Welträtsel. Wer sie zu besitzen glaubt, hat sie verloren. Er spielt schön Beethoven, dass es mich rumwühlt. Die Nerven blank außen auf den Fingerkuppen. Ja, die Fingerkuppen – auch sonst. Wie soll es im Leben weitergehen ohne diesen Beethoven, ohne diese Fingerkuppen? Ich habe sie in der Nacht alle geküsst, einzeln, nacheinander, alle zehn. Wie schön spielt er Computer? Er sagt: „Ich bin gut im Erfinden von Programmen auf dem Computer. Das ernährt mich.“ Ihn. Und mich? Und unser Kind? Er kann das Kind nicht kriegen! Nie lässt sich die Natur austricksen. Manchmal vielleicht ein bisschen, beim Kinderkriegen nie. Mir brummt sie die neun Monate auf, der Herr geht seiner Wege. Wehe! Ich verlasse diese Stadt – Ich verlasse diese Stadt? – mit einem dicken Deal, sechsstellige Summe mit einer Drei davor, vielleicht sogar eine Vier, meine Provision steuerfrei gesichert. Die Computerei da hinten in der Morgendämmerung – wenn er so gut verdient, wie sie pompös schimmert. Ich brauche als Ingenieur, Fachrichtung Tribologie, diesen Klavierspieler. Aber ob der Klavierspieler mich braucht – vielleicht als Ingenieur. Wenn ich doch ein bisschen genauer wüsste, was Musik zu tun hat mit Sexualität. Ich weiß nur: Viel, sublim viel. Was mit Spannungen und Entspannungen – und pianissimo und Höhepunkten und Schlussseufzer. Die Tribologie ist, sehr kurz gesagt, Schmierungstechnik, etwas ausführlicher laut Duden ein sehr geeignetes Feld für schlüpfrige Gespräche. Haben wir gestern im Bus geführt, gekichert, gelacht, schallend, da war der Andere noch dabei. Meine längste Bindung war die mit Ede, hielt drei Jahre, war ja schon beinah eine Ehe und wurde am Ende schrecklich porös, brüchig, widerlich. Ging endgültig auseinander, als er eine Zicke anschleppte, ganz offen und schamlos. Er sagte: „Wir sind doch nicht verheiratet.“ Unbeantwortbar die Frage, wie ich einen Mann, der noch dazu Ede hieß – natürlich eigentlich Eduard -, wie ich den drei Jahre ausgehalten habe. Der Freundeskreis mutierte – in keine gute Richtung. Wir gifteten uns dauernd nur noch an, manchmal wars die Grenze zur Gewalt. Sicher habe ich am Anfang Vieles an ihm geliebt, ich weiß nur nicht mehr, was, dann nur noch Manches, schließlich gar nichts mehr. Und ganz sicher hab ich auch Fehler gemacht. Ich ging sehr plötzlich, wohnte eine Weile bei Elke, kaufte mir dann meine Wohnung. Ich muss an meinen BH kommen, muss mich anziehen und schleichen. Ich darf meine Ringe nicht vergessen, wenn ich gehe. Wenn ich gehe. Hat er mir gestern vom Finger gezogen, recht unvermittelt, aber sanft, in einer Schale gesammelt. Beim ersten, beim Opal, war ich denn doch etwas konsterniert. Hat er gesagt: „Ich fange an, dich auszuziehen. Irgendwas dagegen?“ Nichts, nein, kein bisschen mehr konsterniert. Wie kommt der Kerl eigentlich dazu, länger zu pennen als ich? Hat ja auch was Schamloses, ihn so lange anzuschauen. Dass er davon nicht aufwacht. Hannelore, sei froh. Wenn er aufwacht, gehen die Uhren schneller und Entscheidungen fürs Leben fordern dich. Sei froh! Die Stunde kommt nicht wieder: so – davor. Davor? Wir sind doch schon mittendrin. Wodrin? Pianissimo: Im Glück. Er schnarcht nicht, aber sein Schlafatem ist süß hörbar und zittert durch die Morgenluft und beglückt mich. Steckt irgendwo ein Urvertrauen drin. Sichtbar ist das Atmen auch. Ein paar Haare mehr auf der Brust könnten nicht schaden. Da hatte Ede mehr Matratze zu bieten. Ich habe genau gespürt, wann er eingeschlafen ist: als sein Grabschgriff sich lockerte. Dass er im Nachthemd schläft. Hat er im Moment nicht an, liegt hier. Ob ich das auf Dauer verkrafte? Wer spricht von Dauer? Ich! Ich hasse Dauer – ich will Dauer. Dauer ist teuer, Liebe ist billig, one-night-stand, spottbillig, Ausverkauf, Ramsch. Ich nehme das Textil hoch, halte es gegen das Licht, wühle mein Gesicht rein, gut für die Nase. Heute noch kaufe ich ihm einen superschicken Pyjama. Aber ob er den verkraftet? Bloß nicht ihn ändern wollen! Der ist zugeschnitten und vernäht, Kettenstich. Nehmen wie er ist oder wegschmeißen, nichts dazwischen. Das Schlimmste wäre erziehen. Hoffentlich denkt er genauso. Der denkt nicht, der pennt. Nachthemd ist schön! Wenn er heute so lächelt wie gestern, bin ich verloren. Er auch. Es von einem Lächeln abhängig machen! Bist du noch zu retten, Hannelore? Wenn er lächelt, ist nichts gewonnen, außer fünf Minuten Freude, vielleicht. Naja, darüber lässt sich reden. Vielleicht ist was fürs Leben gewonnen, hängt irgendwie mit Hoffnung zusammen. Sowas wage ich kaum zu denken. Vielleicht sieht er nicht die geringste Notwendigkeit, sein Lächeln in eine Ehe einzubringen. In dieser Sekunde kann er noch alles sein, auch Zuhälter. Quatsch! Wenn Billionen und Billionen und Billionen Sekunden vergangen sind, steht fest, was er ist, wer er ist, aus welchen Vergangenheiten er angelatscht kommt, steht sehr oberflächlich fest. Das Foto von ihm als Knabe am Mittelmeerstrand wird auftauchen. Ich werde obligatorisch sagen: „Süß.“ Warum obligatorisch, wahrscheinlich war er ja ein süßer Schnuckel. Zack! Wie ein Blitz zischen alle Nöte einer gemeinsamen Zukunft herunter. Grell! Der Verschleiß der Phantasie, wenn die Zärtlichkeit nur noch Magersuppen kocht, das Erzählen der einsamen Vergangenheiten hat sich erschöpft, ich wiederhole, wie ich viel zu klein mit meinem Vater im Konzert saß. „Man hört auch hinten gut,“ was er ja längst, längst, längst weiß, die Routine der Liebe klappert wie die Mühle am rauschenden Bach. Es gibt nicht mehr viel zu erzählen. Es gibt immer massenweise zu erzählen. Die dicken Nöte einer gemeinsamen Zukunft – die Alternative? Das einsame Alter. Schauer-Schauder. Eines Tages wirst du ihn umbringen wollen. Nein! Doch! Das macht mich lautlos wimmern. Besser jetzt dran denken. Eines Tages könnte es zu spät sein zum Denken und du tust es. Der Sache ihre Plötzlichkeit nehmen. Jetzt schon. Du tust es nicht, sondern erstickst ihn mit deinen Küssen. Auch nicht besser. Soll Frauen geben, die erdrosseln ihre Männer mit den Oberschenkeln. Auch gut. Garotte aus Fleisch statt Eisen. Sex ‚n‘ crime, brrrrhhhhh! Bist du noch Hannelore? Bei dem, was ich hier mache, ist auch eine ganz schöne Portion Gemeinheit dabei. Mit solcher Lust in ein schlafendes Gesicht schauen. Diese Wehrlosigkeit so schamlos ausnützen. Ich wollte ja schon längst über alle Berge sein. Ich achte auf seine Atemzüge. Vielleicht lauern da Antworten. Vielleicht weiß er Sachen, die ich nirgendwo anders erfahren kann. Plötzlich die leise Frage: Vielleicht schläft er gar nicht mehr, vielleicht tut er nur so und sammelt seine Gedanken hinter geschlossenen Lidern in den Morgen hinein. So ähnlich wie ich. Ich sitze regungslos, sehr bequem übrigens, das Bett hat eine gute hohe Lehne. Nein, glaube ich nicht, dass er wach ist und Schlaf spielt. Ich denke an Ehe, und er schläft. Ehering ist Gefängnis für einen Finger, und mehr, Hand, ganzer Körper, und ganze Seele erst. Und da soll ich rein? Reim: Nein! Kein Reim: Doch! Wenn er mir zuvorkommt, wenn er mir zu verstehen gibt, dass er sich selbst großartig findet – wäre schlimm. Kann aber frühestens passieren, wenn er aufgewacht ist. Ich will, dass er endlich aufwacht und lächelt. Was bildet dieser Traumtänzer sich eigentlich ein?! Er hätte mich zu wecken mit einer Tasse Kaffee vom Feinsten, die er unter meiner Nase hin- und herzieht, Und wenn ich die Augen aufmache, lächelt er und fragt: „Sahne? Zucker?“ Noch besser: „Ich weiß, du nimmst nur drei Tropfen Sahne in den Kaffee,“ weil er sich an gestern erinnert. Statt dessen. Dass er nach mir aufwacht, dass er nicht schon längst meine Blicke in seinen Schlaf hinein spürt, keine Sehnsucht hat, seinen neuen Bettschatz zu beäugen. Pennt einfach. Wurmt etwas, nicht viel. Ich hätte diesen schönen Anblick nicht, die Welt in einem Gesicht, beinah hätte ich Antlitz vorgekramt. Bisschen zu hochgeschraubt, oder? Mit Jemandem schlafen und auf sein Lächeln warten, wenn er aufwacht. Naja. Ich kenne sein Lächeln, damit hat er gestern Abend Alles geschafft. Ich zweifle, dass er weiß, wie schön er lächelt. Aber ich zweifle auch an meinem Zweifel. War Alles meine Nutten-Initiative. Nicht ganz. Seine Rose kam sehr früh. Ich schmeiße eine Fensterscheibe ein mit dem Leuchter hier, ich knalle den Klavierdeckel zu, den Flügeldeckel. Ich rüttle ihn, ich schlage ihn. Ich habe keine Zeit zu verlieren, und es dauert, wenn er mir seine Herkunft, sein Angelatschtkommen, seine Zeit ohne mich erzählt. Nein, kein Bäng komme über meine Lippen oder in meine Fäuste. Wäre ja geradezu Garantie für Nichtlächeln. Diesen Schlaf zu behüten – hat doch nichts mit Zeitvergeuden zu tun. Da ist doch irgendwas heilig. Eingriffe gewalttätiger Art frühestens später. Ich würde mich um diese Morgenstunde, um diese Morgensekunden bringen. Das fahle Licht auf seinem Gesicht. Er ist schön. Jeder Mensch ist schön. Nein, nicht jeder. Ein schöner Mann hat Weiber, Hannelore. Mich seit allerneuestem, unter anderen, wie vielen anderen? Denk an seinen Umgang mit der Clobrille. Ja, mit Wonne denke ich an die liegende Clobrille. Irgendwann sterbe ich. Wird mein Witwer nach dem Pinkeln immer weiter die Clobrille runterklappen? Für wen dann? Oder nur aus alter Gewohnheit? Wer weiß, ob der Alte noch so ohne Weiteres pinkeln kann. Ich habe schreckliche Dinge erlebt mit meinem Großvater, den ich so sehr liebte. Mein Witwer klingt komisch – kann nur eine Tote sagen. Oder im Futur: „Eines Tages wirst du mein Witwer sein.“ Jaja, ich weiß: meistens sterben die Männer früher, war ja nur so eine kleine Vermessenheit. Die Wohnung sieht nicht aus, als ob er hier viele Weiber durchschleust. Bad auch nicht. Aber die Wohnung eines Don Juan muss ja nicht aussehen wie die Wohnung eines Don Juan. Ob er auch ein Machtgauner ist? Muss ich ihn nachher ganz vorsichtig ausquetschen. Kann ich aber nur, wenn er lächelt, sonst werde ichs nie erfahren. Ich weiß nichts, nichts, nichts. Schöne Liebesspiele. Ende. Gute Liebesspiele. Mehr weiß ich nicht. Die meisten Männer sind Machtgauner. Und Drogen. Die Männer sind Drogenstengel. Liebe is ne Droge! Er ist ein gutaussehender Mann in den besten Jahren. So möchtest du das doch, nicht wahr? Ja. Dann musst du auch möchten, dass er nicht damenabstinent lebt. Doch, das möchte ich auch, das soll er, damenabstinent leben soll er. Aber du selbst bist doch der Gegenbeweis. Hör auf! Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, ihn zu fesseln: Dich! Wenn ich ihm einen Heiratsantrag mache, wird er denken: ‚Schon wieder. Aber so dreist war noch keine.‘ Schmeiß deine Träume weg, Hannelore, sie verkleistern alle Wirklichkeit. Aber Träume wegschmeißen, heißt Liebe wegschmeißen – oder jedenfalls immer Gefahr, die Liebe mit auszukippen. Aufwachen! An Muffel denkst du wohl gar nicht mehr, was?

Ich schreibe große Teile dieses Textes unter dem Bullauge der Kabine 318 an Bord M/S Vesterålen, ein Schiff der Hurtigruten, Reederei Ofoten og Vesterålens – jetzt kommt ein geliebtes Wort: – Damskipsselskab, das die lange Westküste Norwegens abklappert, rauf bis Kirkenes und wieder runter nach Bergen. Die sehr schmale, aber ausreichend große Kabine erweist sich als ideal für den schriftstellernden Vagabunden. Ich schreibe weiter bei konstanter Erfolglosigkeit, ins Leere, ins Blaue, evolutionsbiologisch gesehen völlig unnütz. Welchen evolutionsbiologischen Stellenwert hätten Freude und Gelingenslust? Und Onanie? Las irgendwo, dass dem Erfinder der Onanie – der mit dem alttestamentarischen Onan ja keineswegs identisch sein kann, denn der erfand vielmehr den schwangerschaftsverhütenden coitus interruptus – las, dass dem Erfinder der Onanie, wer immer es war, der Friedensnobelpreis gebühre.
Ein wenig stört mich die Kante am mir zugewandten Rand der Holzfläche, auf der ich schreibe. Sie soll bei Seegang Dinge am Absturz hindern, eine kleine Hilfe bei leichten Dingen, eine Bierflasche würde bei leichtem Seegang dennoch stürzen, ein Blatt Papier allenfalls aufgehalten. Ich muss an den armen Einwanderer Charlie Chaplin denken, der bei beachtlichem Seegang mit vielen Anderen auf einer Bank am Tisch hockt, auf dem der Napf mit Essen immer hin- und herrutscht. Beim Wellenkamm isst Charlie einen Löffel Eintopf, beim Wellental rutscht der Napf rüber, und Charlies Gegenüber isst einen Löffel voll, beim nächsten Wellenkamm rutscht er zurück, so dass Charlie wieder einen Löffel essen kann.

Direkt ins Bullauge scheint der Vollmond, der eine lange weißglitzernde Schleppe aufs Meer zaubert. Bei jeder Kursänderung wandert die Schleppe dem Mond hinterher. Hinterher? Gibt es da eine Zeitverzögerung zwischen Mond und Schleppe auf dem Wasser? Winzigst, nicht registrierbar, wenn überhaupt, was für Quantenrechner, nicht zu vergleichen mit einem Flamenco-Rock, der einem weiblichen Beinschlenker nachfolgt.
Ich habe die Marquise von Øksfjord gesehen. In vielen Hafengegenden habe ich meine kleinen Spaziergänge nördlich vom Polarkreis gemacht. Ein paar hundert Festlandmeter ins Innere. Ich habe ja auch immer den Spleen, ich müsste das Anlegen und Ablegen, die Entladungen und Zuladungen überwachen, die durchweg per Gabelstapler erfolgen, sehr wendige und schnelle kleine Gefährte, die beachtliche Lasten transportieren ohne zu wackeln. Hat mich gefreut, dass ein mitreisender Tischgenosse aus Güstrow demselben Spleen frönte, ein Stück unerwartete Solidarität. ‚In jedem ächten Manne ist ein Kind versteckt, das will spielen. Auf, ihr Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne.‘ Erstaunt viele Leute, wenn man ihnen sagt, dass das ein Nietzsche-Zitat ist. Ob ich ganz genau zitiert habe, weiß ich nicht.
Und immer der kleine Kitzel, man könnte von so einem Landgang nicht rechtzeitig zurückkommen, könnte das Heck der Vesterålen samt Kabine 318 davonrauschen sehen. Das Ablegen in Hammerfest beobachtete ich von der kleinen Brücke über dem Bug, da war ich sehr oft. Die hinter Hammerfest aufgenommene Route schien mir nach einer Weile sonderbar. Ein Rundkurs? War es vielleicht doch was nütze, dass ich aufpasste? Ja, wir legten in Hammerfest noch einmal kurz an, um einen Landgänger, der sich verspätet hatte, an Bord zu nehmen. Ich hatte also richtig aufgepasst, aber natürlich keine Meldung erstattet. Immer am Ende solcher Landgänge das Gefühl, wieder geborgen und zu Hause zu sein.
Die Marquise von Øksfjord lächelt nicht, nie. Sie ist nicht eine im hohen Norden Norwegens in bürgerlicher Ehe verhärmte französische Adlige, auch Oberhaupt der französischen Gemeinde von Øksfjord, die es gewiss nicht gibt, ist sie keineswegs. Sie ist ein Schuss ins Gehirn, ein rechtschreiblich fragwürdiger dazu. Es handelt sich um die Markise über der Terrasse eines Hauses in Øksfjord, ordentlich aufgerollt, die Fransen flattern im golfstromwarmen Oktoberwind. Impression von sommersonntäglichen Nachmittagskaffeerunden, in Erwartung der wochenlangen Dunkelheit, wenn die Sonne um die Mittagszeit den Horizont nur kratzt.
Wie war das genau gestern Abend? Illusion: Genau lässt sich keine Vergangenheit in der Erinnerung abspulen, auch die jüngste nicht. Lokal an einem See am Stadtrand. Ziemlich lange Holztische ohne Tischdecken, bunt gewürfeltes Publikum, Atmosphäre sehr sympathisch, leicht mit wildfremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Der Eine hier ist nun gar nicht mehr wildfremd. Naja, stimmt so nicht ganz, fremd schon noch, sehr, gäbe es ja gar nichts mehr zu erzählen. Das Fremde abbauen – das dauert. Sehr gutes Essen, angemessene Preise, achte ich immer noch darauf, als käme es immer noch auf jede Münze an, die Speisekarte studieren und schauen: Was kostet die Suppe? Ich war von meinem dicken Deal euphorisch, trank von einem kräftigen Roten ein bisschen zu viel. Ich gelte als reizvoll, wenn ich einen kleinen Schwips habe. Meine zwei Kerle hielten mit. Wir saßen am Ende so eines langen Tisches. Der Penner hier saß links von mir, der Andere gegenüber. Das war ein ziemlich unangenehmer Sprücheklopfer, Angeber. Nicht ohne Charme, er machte mich lachen, mir sehr wichtig. Wir Frauen fallen ja manchmal leicht auf Sowas rein, siehe Ede. Kenne Männer, die über dergleichen Ausrutscher von unsereinem ganz fassungslos sind, irritiert ihr Weltbild von Damen. Er hatte irgendwas mit Konzertmanagement zu tun. Nicht weit vom Lokal war ein riesiges Open-Air zugange, das er arrangiert hatte. „Und da sitzen Sie hier und prepeln?“ fragte ich ihn. Er: „Ich habe geschuftet bis zuletzt, aber nach dem ersten Akkord kann Unsereiner nichts mehr tun, die Musik kenne ich in- und auswendig, der Vorhangzieher kann essen gehen und eine sehr reizvolle Lady treffen.“ Sprücheklopfer. Als der Blumenverkäufer kam, war der hier schneller und schenkte mir eine Rose, stand der Andere auf, kam zu mir rüber, sagte: „Ich habe es nicht nötig, Rosen zu verschenken, ich dufte selber,“ stellte sich unverschämt nah an mich ran und forderte: „Riechen Sie mal.“ Ich hab ihn so brutal zurückgeschubst, dass er fast hinfiel. Er marschierte aber unbeeindruckt weiter auf der Siegesallee – oder was er dafür hielt: „Ich habe bessere Chancen als Einer, der neben Ihnen sitzt. Schau mir in die Augen –, Kleines verschluck ich.“ „Ihr Glück,“ sagte ich. Kontert er sofort: „Wie schön, dass Sie von Glück reden im Zusammenhang mit mir!“ Allgemeiner Aufbruch. Ach nee, da war ja noch die Sache mit den Espressi – weiß immer die Mehrzahl nicht, deutsch Espressos. Ich sagte Espressi, macht sich immer gut: „Zwei Espressi, bitte.“ Verwunderung. Sage ich: „Einer ist mir immer zu wenig.“ Sagt mein Gegenüber: „Könnte ich nicht, so spät abends, mache ich die ganze Nacht kein Auge zu.“ Ich provoziere: „Woher wissen Sie, dass ich schlafen will?“ Er grinst: „Hoho. Gibt Leute, die schlafen nachts. Sind natürlich Weichduscher und Warm- äh – Sie wissen schon.“ Der Kellner bringt mir einen Espresso: „Der zweite kommt gleich.“ Ich bitte um ein kleines bisschen Sahne. Mein Gegenüber bestellt auch einen Espresso. Nanu? Sehr unverschämtes Grinsen: „Wer sagt Ihnen, dass  i c h  schlafen will.“ Grinsen verfängt bei mir nicht, Lächeln muss sein. Der neben mir sitzt – jetzt liegt er neben mir –, steht auf, geht um den Tisch rum, setzt sich neben den Angeber, mir schräg gegenüber. Ich kucke erstaunt. Sagt er: „Ich möchte Sie für den leider kurzen Rest des Abends anschauen. Darf ich?“ – „Vollendete Tatsachen, und dann ‚Darf ich?‘ fragen. Ich bin ein eitles Weib. Mir gefällts.“ Genau da hat mich sein Lächeln zum ersten Mal umgehauen. War doch eigentlich Alles gar nicht so nuttig. Das ist es, glaube ich: Er kann ironisch lächeln, aber nicht nur. Dem ist es manchmal ganz ernst mit seinem Lächeln. Dann nach den Espressi der Aufbruch. Der Freche sagt zu mir: „Darf ich mir erlauben, Sie einzuladen?“ – „Das dürfen Sie nicht, ich mag keine Abhängigkeiten.“ Er blieb guter Laune, was mir wiederum gefiel. Drei Taxis? Zwei? Eins? Der Freche: „Kommt darauf an, wie wir uns für den Rest der Nacht schichten.“ Ob der etwa an einen flotten Dreier dachte? Ich habe wieder provoziert: „Niemand zu mir. Ich bin im Hotel.“ Rührend dann wieder, dass ausgerechnet der Freche mir die Rose nachtrug. Ich hatte sie vergessen, der hier auch. Taxistreik von 23 bis 6 Uhr. Drei Taxis im ganzen Stadtgebiet, nur für Krankenfahrten und Notfälle. Das Rock-Konzert zu Ende. Autobus. Ein Bus ausgefallen. Ziemliche Traube an der Haltestelle. Viel Druck, um in den nächsten Bus zu kommen. Lautes After-Rock-Konzert-Gezwitscher. Dem Schnuckel hier drückte es den Arm zwischen meine Brüste. Vielleicht hat er auch ein bisschen nachgeholfen, hoffentlich. Was ich vom Anderen an meiner Hüfte spürte, weiß ich nicht. Ich ahne es natürlich, will aber nicht darüber nachdenken. Er sagte: „Wenn Sardinen in der Büchse noch was empfinden können.“ Meiner hier fragte ihn: „Wo steigen Sie aus?“ – „Hinterm Bahnhof.“ Ich wurde ganz leise ganz direkt zu meinem Lächler: „Wo steigen wir aus?“ Wonniges Lächeln: „Vorher.“ Der Freche hatte meine Frage nicht ganz mitbekommen: „Fein. Ab da habe ich Sie schon mal ganz allein für mich.“ Der Lächler: „Sie sind im Hotel? Sind Sie geschäftlich hier?“ – „Ja, ich habe einen piekfeinen Abschluss eingefahren. Ich bin Ingenieurin, Fachrichtung Tribologie.“ Kommt immer und unweigerlich die Frage: „Wasn das?“ Hätte ich ein Glas weniger getrunken, hätte ich gesagt: ‚Schmierungstechnik. Produktmanagerin für synthetische Schmiermittel.‘ Gestern im Bus sagte ich: „Tribologie – von griechisch tribein – reiben. Wissenschaft von –“ Soweit klingt das ja immer sehr seriös, aber dann kommt der Hammer. War mir eine Lust, es ein bisschen spannend zu machen: „Nein, ich kann das jetzt nicht sagen.“ Der Freche natürlich: „Warum nicht? Bitte: – Wissenschaft von -?“ Mir diktierte der Wein: „- von Reibung, Verschleiß und Schmierung gegeneinander bewegter Körper.“ Der hier lächelte in süßem Mix, der Andere prustete los, lachte brüllend. „Steht so im Duden,“ hab ich noch, auch lachend, gesagt, „wörtlich!“ Unter Prusten: „Nochmal, brauch ich für meine nächste Nummer! Wer weiß, wie bald. Aber Ihnen würde das ja nichts Neues sagen.“ Der Bus bremst. Der hier sagt: „Ich muss raus,“ drückt den Türknopf, greift nach mir, zieht mich, verliert meine Hand im Gedränge, aber wir kommen beide raus. Drin blieb der dumme Dritte, der unser Aussteigen gar nicht so schnell schaltete. Die schließende Bustür verschlang sein Jaulen. Der hier war auf der Hut: „Gehen wir ein Stück um die Ecke, der kriegts fertig und steigt an der nächsten Haltestelle aus und sucht uns.“ – „Schreckliche Vorstellung,“ sagte ich. Da war schon ein bisschen Verlegenheit: „Ja. Und jetzt?“ Ich beendete die Verlegenheit, ich war gut in Fahrt und gut geschmiert: „Was macht Ihre Vorhaut?“ Habe ich noch nie einen Mann gefragt, Ede schon gar nicht. Und ihn habe ich noch dabei gesiezt. Ihm verschlugs die Sprache, er schaute mich fassungslos an, aber in seinen Augen funkelte und glitzerte es schon. „Meine – äh – “ stammelte er. Ich legte nach, sehr sachlich und deutlich: „Vorhaut. Spreche ich Chinesisch?“ Er fing sich wunderbar schnell und hörte auf, mich zu siezen: „Nein. Sie kräuselt sich vor Vergnügen. Und wenn du so weiterschwätzt, und ich meinen Arm noch einmal an deine Hügel pressen kann, wird sie wohl die Ärmel aufkrempeln.“ Was für eine Liebeserklärung! Naja, Lusterklärung. Nein, schon ein bisschen mehr, für Leute, die Zwischentöne hören. Ich nahm seine Hand und legte sie auf meine Brust: „Warum Arm? Hand ist besser. Wo wohnst du?“ Er griff behutsam kräftig zu, dann bot er mir seinen Arm. Meine Wonne, mich darein zu schmiegen. Ich ließ ihn wieder viel Brust spüren. Zu viel Busento? Ach was, ich glaube, die Kerle können nie genug davon kriegen; ich meine nicht an Bio-Masse, sondern an Lang-Zeit. Wir gingen in der Querstraße, dann in der Paralellstraße zwei Haltestellen weiter. Er war ausgestiegen, weil er den Kerl nicht mehr ertragen konnte: „Der war ja dauernd zwischen uns – irgendwie, schrecklich!“ – „Und hattest du Angst beim Aussteigen, mich zu verlieren?“ – „Ja.“ Muss man mal zu Ende denken: Wenn ich nicht aus dem Bus rausgestolpert wäre – nur ein Detektiv hätte uns helfen können, keine Namen, nicht mal Vornamen. Es dauert lange, bis er aufwacht. Dauer ist teuer, die Liebe gibt’s umsonst, die liegt auf der Straße und wird überfahren.

Wenn man mich, leicht abfällig, Einzelkind schimpft, weise ich darauf hin, dass meine Mutter mich ersehntes Geschöpf 42-jährig auf die Welt brachte. Und das im Jahre 1922, als Mutterwerden für Frauen über 40 gewiss recht seltene Ausnahme war. Wie sollten da noch Geschwister kommen? Heute sollen ja Frauen mit 60 noch Kinder kriegen können. Das gehört doch aber wohl in die Riesenkiste Hybris; wenn das Kind sie braucht, ist solche Mutter 75 Jahre alt.
Warum bin ich denn nicht früher auf die Welt gepurzelt? Traurige, viel zu späte Frage; es gibt ja Niemanden mehr, den ich noch fragen könnte. Irgendwann im höheren oder hohen Alter werden wir alle Vollwaisen, dann sterben auch alle Onkel und Tanten weg, Busenfreundinnen und andere Gewächse.
Meine Mutter war es wohl, die mich dazu erzog, die Frauen zu lieben, zu achten und ehren. Ich sehe ab von einem grauenvollen emotionalen Schrotthaufen in der Pubertät, den auch sie nicht verhindern konnte, und dem sie, gewiss zutiefst erschrocken, wenig geschickt mit moralischen Argumenten zu begegnen versuchte. Ich hatte meine Sadismen nämlich aufgeschrieben. Da meldete sich früh der Umgang des Schriftstellers mit den Emotionen. Und sie fand sie. Sie blieben virtuell, Gottes Gnade sei Dank. Wenn ich ein bisschen gründele, kann ich heute jedes Verbrechen auf diesem Gebiet als von einem Bruder begangen erkennen.
Heute bin ich entzückt, dass es diese Geschöpfe gibt, die so wunderbar anders sind als ich. Naja, manchmal sind sie auch schrecklich anders. Der olle, heißgeliebte Martin Buber sprach vom ‚Ungetüm der Anderheit‘. Und neulich las ich: ‚Frauen sind selbst das größte Rätsel, sie können die Rätselhaftigkeit der Welt ertragen.‘ Ja. Es könnte sein, dass ich ihrem Verlangen nach mir nicht immer die gebührende Gegenliebe erwiesen habe. Das ist ein weites Feld mit sehr vielen Gräsern: Sehnsucht, Sturheit, Erfüllung, Treue, Enttäuschung, Demut, aber auch Demütigung, Gewöhnung, Gewährung, Jubel und Absturz, Entkleiden, Verkleiden, Angst natürlich auch, und Bock, Körper, Seele und Geist. Aus jedem dieser Worte ließe sich eine eigene Geschichte machen. Und da war immer mein Wunsch, Treue konsequent zu wagen. Großartig – und wie oft sicher nur schmerzhaft für den Anderen, die Andere. Als ich meine Haltung mit ‚preußischer Steinbock‘ zu definieren versuchte, sagte Eine: „Preuße allein genügt wohl nicht.“ Wie kann ich vermeiden, dass ich mit diesen Äußerungen nicht auch ekelhaft wirke? Wahrscheinlich gar nicht, außer ersatzlos streichen.
Als ich las, dass unser kleines barockes St.Anna-Kirchlein um die Ecke hoch über dem Fluss auch den Namen Frauendreißiger trägt, – so benannt nach dreißig Andachten im Herbst zu Ehren der Heiligen Anna -, da hatte ich den nicht so ganz heiligmäßigen Wunsch, dreißig Frauen zu haben, nacheinander, nebeneinander, übereinander, zugleich, zwischendurch. Hoho, ich ein Frauendreißiger! Naja, was Steinböcke manchmal so spinnen.
Das Ende dieser Geschichte ließ sich überaus wunderbar an: Das Erste, was die genauestens Beobachtende gewahrte, war ein Lächeln! Noch bevor er überhaupt die Augen aufschlug und sie ansah. Dabei hatte sie nicht die geringste Bewegung gemacht, keinen Mucks, nur lautloses Klappen der Augenlider und sehr behutsames Atmen. Nun durfte sie also hoffen auf Kapitel zwei ihrer Weltgeschichte. Pst! Was ist das für eine zarte und überaus gefährdete, fast nicht wahrnehmbare Hoffnung.

Leave a Reply