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REQUIEM FÜR EINE TSCHERKESSENFÜRSTIN

Online ab 15.3.2007 – 17,30 Uhr

REQUIEM FÜR EINE TSCHERKESSENFÜRSTIN

Liebesgeschichte von Peter Podehl 

In der Geschichte ist die Fürstin sehr jung. Nun starb sie hochbetagt, daher Requiem. Nichts für Kameltreiber und -kenner; Logiker, Realisten und Historiker seien gewarnt. Es gilt nur die Liebe. Das Pferd Pegasus geht durch. Sitz auf, Leser.

DER KAMELDIEBSTAHL

Ja, die Morgensonne im Rücken, die heiße Mittagssonne steil von links und immer dem Sonnenuntergang entgegen, – da musste Griechenland liegen, Hellas, geliebte Heimat. Sechs Tagereisen noch, oder zwanzig oder hundert. Aber sie trauen sich noch fünf Tagereisen zu oder zwei.
Ein abgesprengter Haufen von sieben marodierenden Soldaten einer ehemals großen griechischen Armee, die sich im Kaukasus zu weit vorgewagt hatte, abgeschnitten wurde von aller Versorgung, demoralisiert, und ihrer kolonisierenden Mission völlig verlustig gegangen.
Nun also auf dem hoffnungslosen Heimweg, die linke Gesichtshälfte stärker gebräunt als die rechte. Die Abwehrkräfte gegen die seelischen Nager schwinden. Die Erinnerung an den Hermarsch auf flinken Pferden und mit üppigem Tross ist eine einzige Qual.
Da stoßen sie eines Nachmittags in einer Mulde unter einem kleinen Hügel auf sechs Kamele, angepflockt an langen Leinen, grasend. Die Erregung der Sieben ist groß: Menschen also in unmittelbarer Nähe. Sie verstecken sich im Buschwerk und senden einen Kundschafter aus. Die Wartenden malen sich mit heiser flüsternden Stimmen den Heimweg auf den Kamelrücken aus, obwohl ihre Erfahrungen mit Kamelen, vor allem mit einem Ritt auf ihnen, ganz unzulänglich sind. Und: Sechs Kamele für sieben Griechen? Der Einwand wird weggewischt: So wird ein Kamel zwei von ihnen tragen.
Der Kundschafter kommt zurück und meldet, er habe eine stattliche Zahl von Zelten gefunden, ziemlich sicher ein Tscherkessen-Stamm, aber kaum Menschen, keine Waffen, kein Rauch und – nein, er selbst sei gewiss nicht erkannt worden.
Die Sieben stürzen zu den Kamelen, hauen die Leinen mit ihren Schwertern durch und wollen aufsitzen, als seien es Pferde. Aber Kamele besteigen – das erweist sich für die Unerfahrenen doch als äußerst schwierig.
Da erscheint auf dem Hügel ein Mann und schreit gewaltigen Alarm, singt über drei Oktaven. Sehr rasch stürmen zwanzig Männer mit Krummschwertern und Speeren von der jenseitigen Mulde auf den Hügel und runter zu den Kameldieben. Fünf Griechen schaffen es, mit fünf Kamelen davonzujagen. Der sechste will ihnen nachsetzen, aber bei ihm versucht der siebente verzweifelt und mit letzter Kraft auch aufzusitzen. Das Kamel schlägt heftig aus und trifft ihn ins Gesicht, dass er aufschreit und niederstürzt. Das sechste Kamel jagt den anderen nach.
Die Tscherkessen können den Kameldieben nicht folgen und halten sich an den Verunglückten im Gras, gegen den sie Schwerter und Speere richten.
Da ruft vom Hügel ein alter Mann mit kräftiger Stimme: „Haltet ein! Tötet nicht den einzigen, der uns nicht beraubt hat!“
Die Männer schauen zu dem großen Kerl unter ihnen, der unschwer als ihr Anführer zu erkennen ist. Der sagt knapp: „Ich bin der Kommandant! Nehmt ihn gefangen!“
Schnell wird der Grieche an den Gelenken von Händen und Füßen gefesselt, die Arme auf dem Rücken. Der Kommandant prüft den festen Sitz der Fesseln. Schmerzhaft schneidet das harte spröde Rohr ins Fleisch des Gefangenen. Der Kommandant befiehlt: „Zu den Zelten mit ihm!“
Die Tscherkessen schieben und schubsen den Gefangen unsanft zu den Zelten. Er kann nur hüpfen, hügelan und drüben wieder runter. Nicht weit vom Feuerplatz stellt man ihm ein Bein, so dass er stürzt. Sie lassen ihn liegen und verschwinden in ihren Zelten.
Leonidas, so heißt der junge Grieche, ist nur nebenbei Soldat. Er hat das ursprüngliche Heer auf diesem Feldzug nur begleitet, weil er Sprachforscher ist und das Tscherkessische versteht und einigermaßen gut sprechen kann. Jetzt hat er so viel verstanden, dass die tscherkessische Rotte Sorgen hat, wie der Kameldiebstahl der fürstlichen Obrigkeit zu gestehen sei, ohne dass Versäumnisse der Bewachung strengstens geahndet würden. In den Zelten fühlen sie sich erst einmal vor peinlichen Nachfragen sicher.
Der Grieche hat eine schreckliche Nacht, nachdem die Sonne da untergegangen ist, wo er die Heimat weiß. Es wird empfindlich kalt, er leidet Hunger und Durst, das verwundete Gesicht schmerzt, und die Fesseln tun auch mörderlisch weh.
Ein Schakal kommt angelaufen und beschnuppert ihn aufmerksam. Mit einer jähen Körperdrehung verjagt ihn Leonidas. Eine kleine Feuerzunge aus den Resten des Lagerfeuers leckt sich an einem langen Strohhalm immer näher an ihn heran. Er muss fürchten, dass sie ihn anzündet, und er wälzt sich weg. Er landet in Briketts aus Kamelkot, die zum Trocknen ausgelegt und noch einigermaßen feucht sind. Zusätzliche Qualen des Sprachforschers. Aber er schläft irgendwann ein.
Tief in der Nacht verlässt eine schöne junge, prächtig gekleidete Frauensperson das Zelt eines Pferdeknechts. Fast stolpert sie über den gefesselten Gefangenen. Das Häufchen Elend weckt gute Schwestergefühle in ihrem Herzen. Sie taucht einen ihrer weiten Ärmel in einen Trog mit Wasser und wäscht das geschundene Gesicht behutsam ab. Sie enthüllt dabei einen schönen edlen Griechenkopf. Sie verweilt mit der Hand auf seiner Wange, sie liebt ihre eigene unverhoffte Zärtlichkeit. Plötzlich küsst der Geschundene inbrünstig ihre Hand. Der Pferdeknecht war ein guter Rammler, kein Handküsser. Die Schwestergefühle sind weg, und ganz andere Gefühle sind da.
Da schreit ein Käuzchen in nächster Nähe. Die Frau erhebt sich rasch und läuft davon. „Die Götter wollen es nicht …“ murmelt sie.

LEONIDAS LIEGT IM KAMELMIST

Leonidas erwacht unter den Blicken einer Frau mittleren Alters von sehr kräftiger Statur. Sie ist bezaubert von seiner fremdartigen Schönheit und zutiefst betroffen von den frischen Narben in seinem Gesicht. Sie lächelt, er lächelt etwas schief zurück. Sie spricht ihn an. Er hält es für opportun, den Fremden zu spielen, der nichts versteht und sich nicht in ihrer Sprache ausdrücken kann.
In einem entfernten Zelteingang erscheint der Kommandant und ruft: „Mira, komm her!“ Mira schreckt aus dem Anblick ins Gesicht des Fremden auf: „Komm du zu mir!” – „Ich bin der Kommandant!“ Die Frau geht hin und verschwindet im Zelt. Leonidas bleibt im Kamelmist liegen.
„Sprich nicht mit dem Fremden!“ befiehlt der Kommandant. „Mit dem kann Niemand von uns reden,“ erklärt Mira. „Er versteht unsere Sprache nicht.“
Sodann wird mit gedeckten Stimmen beraten, wie man der Fürstin den Kamelsiebstahl beibringen könne. Mira, die Zofe der Fürstin soll es tun. Aber die weist das empört zurück: „Was?! Ihr lasst unsere Kamele klauen, und ich soll dafür sterben? Nie und nimmer!“
„Mira!“ hört man die Fürstin aus einem anderen Zelt rufen. „Wir ziehen weiter. Die Kamele brauchen neue Weideplätze. Du musst packen!“ Mira ruft zurück: „Ich komme, Hoheit!“ Sie rennt raus und zischt: „Ich sage nichts und packe, als wären die lieben Viecher noch immer da unten angepflockt, dass ihr das wisst!“
Jeder andere, der die Schreckensbotschaft überbrächte, wäre genauso des Todes. Da meint der Alte: „So lasst uns alle zusammen ein Lied singen, des Inhalts, dass leider, leider, leider unsere Kamele gestohlen worden seien.“ Der Kommandant stimmt sofort zu: „Das ist gut. Sie wird nicht uns alle töten. Vielleicht will sie es, aber sie befiehlt es nicht und lässt uns leben.“ Der Alte ordnet an: „Ich will den Vorsänger machen. Ihr begleitet mit ein wenig Chorgesang. Wir sollten alle dabei weinen.
Die Fürstin liegt auf weichem Pfühl und lässt die Zofe packen: „Ich freue mich, wenn wir für unsere Kamele neue Weiden suchen. Ich reite gerne durch die Wüste. Verstau nur Alles gut, die Kamele schleppen viel…“ Mira hütet sich, vom Verlust der Kamele auch nur ein Wörtchen zu erwähnen. Das sollen die Männer machen.
Die Fürstin lächelt in Erinnerung: „Mir träumte, es läge ein schöner Mann nicht weit vom Lagerfeuer, gefesselt und blutig im Gesicht. Ich habe ihn gewaschen.” – „Ja. Wo kamt ihr her?“ will die Zofe wissen. Die Fürstin verweigert die Auskunft und wedelt mit Tüchern, die sie stets in Händen hält: „Flippe-flappe-floppe! Es war ein Traum. Wie war er schön!…” – „Ja,“ schwärmt auch Mira. Die Fürstin ist etwas ungnädig: „Warum sagst du dauernd Ja, da ich das doch geträumt habe?” – „Manchmal träumt die Dienerin wie die Hoheit.“ Aber das weigert ihr die Fürstin: „Es ziemt sich nicht, dass die Zofe so viel Schönheit träumt wie die Fürstin. Pack weiter.“
Leonidas liegt im Kamelmist und lächelt in Erinnerung an einen Traum, in dem eine junge Frau ihren Ärmel mit Wasser netzte und ihm das Gesicht wusch. Er hat ihre Hand geküsst. Im Traum.
Die Gruppe zieht an Leonidas vorbei zu einem etwas entfernten Zelt in der Mitte der Ansiedelung. Sie biegen um eine Ecke, so dass Leonidas sie nicht mehr sehen kann. Vor dem Zelteingang stellen sie sich auf, und der Alte hebt an zu singen:

„Hochgeliebter, hochgelobter
Herrscher aller Herrscher!
Unsere Kamele sind weg, weg, weg,
Geraubt vom übelsten
griechischen Pack,
das nun zur Hölle reitet.
Ach, wir Armen, Armen, Armen,
Welch ein Unglück
Ist über uns hereingebrochen.“

Die anderen haben mitgesummt und manches Wort oder nur Silben wiederholt. Und sie haben geweint. Jetzt schluchzen sie: „Brochen, brochen, brochen…“
Die Fürstin erscheint im Zelteingang und bedankt sich für das schöne neue Lied, das Märchen vom Kameldiebstahl. Die Männer schauen einander ratlos an und knuffen den Alten. Der singsangt also:

„Kein Märchen,
o hochgeliebter, hochgelobter
Herrscher aller Herrscher,
Sondern krasseste Wahrheit –
Von gestern.“

Die Augen der Fürstin werden ganz schmal. Die Männer fragen sich, ob sie überhaupt noch etwas sehen kann, und ob ihr Zorn sie noch lange am Leben lassen wird. Endlich sagt sie bedrohlich: „Führt mich zu dem Platz, wo die Kamele angepflockt sind.” – „Welche Kamele?“ wagt einer zu fragen, den sie abfertigt: „Du Sattel-Trottel! Unsere Kamele!“ Der Alte meint milde: „Da sind keine Kamele mehr.” – „Führt mich hin!“ befiehlt sie.
Die Fürstin, umringt von der Männerschar geht zum Hügel über dem Weideplatz.
Leonidas liegt im Kamelmist und versucht, etwas zu erkennen. Da strebt die Rotte von Männern, die gesungen haben, zum Hügel, Frauenkleider dazwischen. Tücher wirbeln durch die Luft und eine helle Frauenstimme ruft laut: „Flippe-flappe-floppe!“
Aber diese geringe Anstrengung fällt dem Leonidas schon so schwer, dass er bald wieder zurücksinkt und die Augen schließt.
Die Zofe hat die Gruppe verlassen und packt den Verwundeten unter den Schultern und zieht ihn an eine Zeltwand, die ihm Schatten spendet. Wenigstens das. Sie wagt nicht, die Fesseln zu lösen. Das ist Männersache. Sein Dankeslächeln tut ihr wohl.
Oben auf dem Hügel stehen sie und schauen in die leere Mulde, nur die abgeschlagenen Stricke liegen da, und die Pflöcke künden vom einstigen Reichtum. „Eins,“ fängt die Fürstin an zu zählen, „zwei, drei, vier, fünf, sechs weg…!“ Wieder so eine Pause, in der sich keiner seines Leben sicher fühlt, am wenigsten der Kommandant neben ihr, und der Alte auf der anderen Seite. Dann fragt sie sehr sachlich: „Werden die Kinder schreien, weil sie keine Kamelmilch kriegen?“ Der Kommandant kann beruhigen: Es sei ein Vorrat da an gesäuerter Milch. „Und die Brüste der Mütter tun ein Übriges.“
Eine weitere Pause, dann dreht sich die Fürstin um und schreit: „Zofe!, hör auf zu packen! Wir ziehen nicht weiter! Wenn die Kamele weg sind, müssen wir keine neuen Weiden für sie suchen.” – „Jak-jak-jak!“ schreien alle und rennen zurück. Die Fürstin geht am Wassertrog vorbei, wo die Kamelbriketts trocknen. Ihr Verwundeter liegt da nicht – also war es ein Traum.
Im fahlen Morgenlicht vor Sonnenaufgang erwacht Leonidas davon, dass ihm ein Kamel mit seiner langen Zunge das Gesicht abschleckt, eine Zärtlichkeit von etwas zweifelhaften Reizen, die zudem heftig kitzelt, aber er kann sich ja nicht rühren. Leise fragt er das Kamel:
„Wen von meinen Kumpanen hast du getragen? Bis nach Griechenland? Nein, nicht wahr? Du hast ihn abgeworfen. Und wie geht es Demjenigen? Läuft er zu Fuß weiter nach Westen?“
Zu viele Fragen für ein Kamel. Es stößt ein heiseres Wiehern aus und trottet zum alten Weideplatz.
Das Wiehern weckt viele Männer, die aus den Zelten stürzen und freudig „Jak-jak-jak“ schreien. Einer rennt sofort mit einem Eimer zur Kamelstute – der Euter droht ja zu platzen, die Diebe haben sie nicht gemolken!
Der Alte kommt ein wenig später und langsamer zum Vorschein. Er geht zu Leonidas und lässt sich Alles bringen, was er braucht, um die Wunden zu versorgen: „Sollst eine Belohnung haben, weil ein Tier wiedergekommen ist.“
Leonidas hütet sein Geheimnis, dass er ihn versteht, er nickt und lächelt. Und es tut ihm so wohl, was der Alte da mit feuchten weichen Tüchern und einer kühlenden Salbe Gutes an ihm tut.
Als der Melker mit dem Eimer voll frischer Kamelmilch vorbeigeht, ruft der Alte ihm zu, sogleich einen Becher für den Gefangenen zu bringen. Und er flößt ihm behutsam die Milch ein, die dem Leonidas ein Himmelsgetränk dünkt.
Die Sonne hat den Mittagspunkt im Süden noch nicht erreicht, da kommt sehr gelassenen Schrittes ein zweites Kamel zu seinen Tscherkessen zurück. Wieder will Leonidas wissen, wen es getragen oder etwa abgeworfen habe. Wieder natürlich keine verständliche Antwort, nur das heisere Wiehern.
Der Tscherkesse mit dem Milcheimer läuft zu dem zweiten Kamel. Aber mit dem Melken gibt es wohl Schwierigkeiten. Er kommt grinsend mit dem leeren Eimer zurück.
Ein anderer Tscherkesse kommt mit einem Dolch, dreht Leonidas auf den Bauch und schneidet seine Handfesseln auf. Das sei die Belohnung für die Wiederkehr des zweiten Kamels, sagt er und besinnt sich dann: „Ach, du verstehst mich ja gar nicht.“ Mit Gestikulationen erbittet Leonidas den Dolch und will seine nach wie vor heftig schmerzenden Fußfesseln aufschneiden.
Aber da kommt der Kommandant vorbei, reißt ihm den Dolch aus den Händen und setzt ihn ihm unmissverständlich an die Kehle. Er zeigt auf sich, dann auf Leonidas und bellt: „Ich Kommandant! Du Sklave!“
Leonidas versteht das und erschrickt, aber er zuckt die Achseln und lächelt und nickt wohl ein bisschen mit dem Kopf. Ein älterer Tscherkesse, überladen mit allem möglichen Werkzeug und Gerät – Reisig, ein stinkiger Holzkübel, ein kaputter Dreibeinhocker, Gestrüpp mit Bohnen dran zum Auspuhlen, Gefäß dazu, – lässt Alles vor Leonidas fallen und weist ihn heftig gestikulierend an, den Kübel zu putzen, die Bohnen auszupuhlen, den Hocker zu reparieren. Leonidas macht sich an die Arbeit.
Eine junge Frau mit viel Bettzeug im linken Arm und einem Baby auf dem rechten, gibt Leonidas das Baby und fordert ihn auf, ihr zu folgen. Leonidas verweist auf seine gefesselten Füße. Aber das lässt sie nicht gelten: Anmutig hüpft sie herum, als seien auch ihre Füße gefesselt. Leonidas tut es ihr nach mit dem Baby auf dem Arm. Beide lachen herzlich und hüpfen zu einem weiter entfernt stehenden Zelt. Dort nimmt sie Leonidas das kleine Geschöpf ab und verschwindet lachend im Zelt. Leonidas hüpft zum stinkenden Kübel zurück und versucht, ihn mit einem Reisigbündel zu säubern.
Ein Mann kommt mit verheddertem Zaumzeug: „Armer Hund, kannst ja nicht gehen. Hier bring ich dir Arbeit.“ Er wirft das Zaumzeug in die Luft, aber es saust unverändert verheddert zu Boden. Der Mann zeigt auf Leonidas und macht mit Händen und Armen sehr tänzerische Enthedderungsgesten und lacht und geht davon.
Ein oder zwei Stunden nach Mittag kommen die Kamele drei und vier zurück. Die Freude ist groß. Der Mann mit dem Dolch löst dem Gefangenen die Fußfesseln. Leonidas schreit auf vor Freiheitslust und rennt, rast, taumelig etwas, einmal um das Zelt.
Dann wird ihm befohlen, die Kamele unten in der Mulde an die Pflöcke anzuleinen. Leonidas geht und fragt die Kamele, wen sie getragen und wohl abgeworfen haben. Aber er fragt natürlich wie vorher Löcher in die Luft. Das nennt Leonidas Tscherkessen-Art: Sie schicken den Gefangenen, die Kamele anzupflocken, und erst nach einer Weile kriegen sie einen dicken Schreck, dass sie ihn damit ja geradezu auffordern, mit den Kamelen zu fliehen. Der Kommandant rennt sehr behende auf den Hügel. Aber Leonidas denkt nicht an Flucht. Er denkt an die schöne junge Frau, die ihm in der ersten Nacht das Gesicht gewaschen hat. Aber das war ja ein Traum. Er geht zu den Zelten zurück.
Man überhäuft ihn mit Arbeit. Aus Kamelkot Briketts formen und zum Trocknen in die Sonne legen. Bereits geformte Briketts umwenden, damit sie auch auf der anderen Seite trocknen. Aus stinkigem Zeug muss er Fackeln drehen, weitere Kübel stehen rum und warten auf Säuberung, eine Hundemeute ist zu füttern, Pferde sind zu striegeln, die Latrinen zu säubern.
Da kommt Kamel fünf. Leonidas spricht Griechisch mit dem Kommandanten, es müsse nun weitere Erleichterungen und Zuwendungen für ihn geben. Aber der wiederholt nur: „Du Sklave! Sollte Kamel sechs noch kommen, befehle ich neu.“
Kamel sechs lässt auf sich warten. Leonidas arbeitet missmutig und ohne Eifer, vor allem, weil ihm immer mehr Zeug zum Reinigen und Reparieren vor die Füße geschmissen wird. Er geht auf den Hügel und schaut nach Kamel sechs. Da kommt es in der späten Abenddämmerung aus der Ferne angetrottet. Leonidas rennt zurück, packt den Kommandanten am Arm und zerrt ihn auf den Hügel:„Eins – zwei –drei – vier – fünf – sechs!“ zählt er auf Griechisch. „Du kein Sklave, du Knecht!“ sagt der Kommandant, „du heute Lagerfeuer!“
Leonidas freut sich und rennt zu seinem Platz zurück. Er packt dem Mann, der ihn morgens mit Arbeit und Werkzeug eingedeckt hat, alles auf die Arme und schiebt den Übelgelaunten weg. Die Kübel, das Zaumzeug und alles andere verteilt er nach bestem Wissen an die, die es ihm gebracht haben. Er genießt den leergeräumten Platz und seine Freiheit.
Aber – was ist denn das für eine Freiheit?: Knecht in der Tscherkessen-Einöde. Nur am Ende einer sehr riskanten Flucht könnte die ganze Freiheit des Griechen sich wieder auftun. Da entlang, wo oben die zarte Mondsichel über dem Abendhimmel schaukelt. Aber hieße es nicht auch: den Traum entlassen?

DAS LAGERFEUER

Da hocken sie um den brennenden Kamelkot, der nicht gerade lieblich in die Nase steigt.
Zu Beginn wird vom Kommandanten die Geschichte zum Lachen erzählt: „Die Kamelstuten haben ein Euter. Wenn es voll ist, ist Milch drin. Sie müssen gemolken werden. Auch bei den Hengsten hängt da unten was, aber da ist niemals Milch drin. Landomir war heute so aufgeregt und eifrig, dass er den Hengst melken wollte.“ Das gibt ein riesiges Gelächter: einen Hengst zu melken!… Auch Leonidas lacht.
Der Kommandant befiehlt „Ruhe!“ und fragt in die Stille hinein: „Grieche, warum lachst du? Leonidas verplappert sich und sagt lachend auf Tscherkessisch: „Es ist sehr komisch!” – „Du verstehst also unsere Sprache?“ Leonidas kann sich nicht rausreden: „Äh… Ja, ein wenig – ich bin kein Soldat, sondern Sprachwissenschaftler.“
Die Wenigsten, die um das Lagerfeuer hocken, können damit etwas anfangen. Für sie funktioniert die Welt mit nur einer Sprache: Tscherkessisch. Ein klein wenig lächerlich ist es schon, wie der Fremde in ihrer Sprache spricht:
„Welches ist Euer Häuptlingszelt?“ Es sei das große Zelt da hinten mit einem Wimpel auf der Spitze und der immer brennenden Fackel. Leonidas ist besorgt: „Die Fackel könnte das Zelt anzünden.” – „Das könnte sie,“ wird ihm bestätigt. „Erzählt von eurem Fürsten,“ bittet Leonidas. Er erntet Grinsen. „Ist er komisch?“ Er erntet Lachen. „Wie wählt ihr euren Fürsten?“ will Leonidas wissen.
Der Kommandant wollte zuletzt selber Fürst werden, aber… Das ist ein sehr großes Fest. Die Bewerber müssen mit Pfeil und Bogen schießen, auf weit entfernte Ziele, erst im Stehen, dann zu Pferde, sie müssen mit einem Krummschwert eine Feder in zwei Teile spalten, die der Alte in die Luft wirft.
Leonidas will vom Kommandanten wissen: „Und wieso seid ihr nicht Fürst geworden? Welcher Kerl war euch über?“ Wieder Gelächter der Umsitzenden. Leonidas will es wissen: „Er ritt am besten, er schoss am besten, er spaltete mit dem Krummschwert eine Feder. Und ihr lacht ihn aus?” – „Dich lachen wir aus!” – „Warum?” – „Weil du unwissend bist.” – „So macht mich wissend.“
Der Kommandant fällt in einen Singsang und berichtet:

„Es waren zehn, und Alle
Wollten Fürst werden.
Ich auch.
Und meine Hoffnung war groß
Wie die Wüste.
Aber Einer war dabei
In einem weiten, schweren Mantel,
Eine Mütze
Tief in die Stirn geschoben.
Er sah nicht aus wie ein Sieger.
Niemand kannte ihn.
Aber Alle dachten:
Irgendwer wird ihn schon kennen.
Er ritt als Letzter
Und siegte, siegte, siegte…
Er ritt tollkühn
Wie der Teufel,
Traf mit dem Pfeil
Auf Fingerbreite das Ziel,
Im Stehen,
Im Reiten.
‚Zwei Federn!‘
Forderte er mit heller Stimme,
Solle der Alte
In die Luft werfen,
Er werde sie beide spalten.
Und so geschah es.
Großer Jubel Aller.
Er reißt sich den schweren
Langen Mantel vom Leib,
Wirft die Mütze
Hoch in die Luft
Und – “

„Und?“ fragt Leonidas gespannt. „War ein Mädchen. Aïndra, Tochter des Erzschelms Hosni aus Zelt fünf.“ Leonidas findet: „Ein schönes Märchen habt ihr da erzählt.“ Der Kommandant klärt auf: „Kein Märchen. Ein Mädchen!“ Alle lachen.
Leonidas spürt einen schmerzhaften Stich im Herzen, als reiße da eine Lyra-Saite. Die eine Seelenhälfte trennt sich von der anderen und galoppiert zutiefst verliebt zur Fürstin Aïndra. Und also wars kein Traum: Die Hand auf der Wange. Die andere Seelenhälfte – wie das so geht – tut so, als wüsste sie nichts von der davongaloppierenden einen Hälfte. Er fragt verwundert:
„Und Aïndra wurde wirklich eure Fürstin?“ Jetzt gibt der Alte Auskunft: „Wer sonst? Doch nicht Einer, der danebenschoss oder nur eine Feder spaltete.“ Leonidas‘ Weltbild gerät ins Wanken: „Bei uns würde nie ein Weib ein so hohes Amt bekleiden.” – „Bei uns auch nicht.” – „Aber ihr habt doch vor allen Männern ein Mädchen zur Fürstin gemacht.” – „Aber das Mädchen war besser als alle Männer zusammen.“
Der Alte erklärt: „Ein Sieg ist ein Sieg.“ Aber das kann Leonidas nicht gelten lassen: „Unmöglich. Wäre bei uns in Griechenland unmöglich.” – „Bei uns auch. Unmöglich.“ Leonidas ereifert sich: „Aber ihr habt doch eine Fürstin!” – „Ja.” – „Wo bleibt da die Logik?” – „Was ist Logik?“
Der Alte erzählt: „Wir mussten die Fürstin dem Kommandanten abtrotzen. Er wollte Fürst werden, denn er hatte in den Wettkämpfen als bester Mann gesiegt. Ich sagte ‚Das Mädchen wird Fürstin!‘ Er sagte: ‚Alter!, das ist gegen Tscherkessen-Brauch. Kein Weib! Ich bin der Kommandant!‘ Ich sagte: ‚Ja, aber meine Weisheit hast du nicht.‘ Da sagte der Kommandant: ‚Der Alte hat gesprochen. Aïndra soll Fürstin werden. Ich werde sie lieben und teilhaben an der Macht.‘ So geschah es.“
Die verliebte Leonidas-Hälfte kommandiert ihn. Er springt auf und wendet sich zum Zelt mit der Fackel, und die andere Hälfte kann sachlich argumentieren: „Die immer brennende Fackel ist sehr gefährlich! Wie leicht könnte das Zelt der Fürstin Feuer fangen.“ Sehr gefährlich, wird ihm bestätigt, es habe schon einige schlimme Zeltbrände gegeben. Leonidas wird es ganz heiß: „Das Zelt der Fürstin hat gebrannt?” – „Lichterloh!” – „Und die Fürstin?” – „Hat nicht gebrannt.“
Leonidas geht ein paar Schritte zum Zelt, das so viel Geheimnis birgt, steht neben dem Kommandanten – und offenbar doch wohl Nebenbuhler: „Aber das kann heute Nacht wieder geschehen!” – „Willst du sie anzünden?“ Leonidas ist empört: „Nein!, schützen!“
Er hat das Gefühl, als brenne er selbst. Er liebt die Fürstin zum Erschrecken seines Herzens. Er will zum Zelt gehen, drängelt am Kommandanten vorbei. Der hält ihm einen Fuß fest, so dass er stürzt, in die Arme des Alten. Alle lachen schallend.
Der Alte flüstert ihm mahnend zu: „Lass dein Herz hinter den Rippen, Grieche!“ Leonidas richtet sich rasch auf, Gesicht und Mund dem Fürstinnen-Zelt zugewandt, den Rücken zum Kommandanten. Und er singt.
Leonidas kennt genau den unwiderstehlichen Zauber, den sein Gesang auslöst. Er kommt aus den Gefilden, wo Orpheus seine Stimme erhob. Alle rund um das Lagerfeuer verstummen halbgeöffneten Mundes.

IM ZELT DER FÜRSTIN

„Zofe, hol mir die Stimme ins Bett, augenblicklich.“ Mira fühlt sich zunächst gänzlich überfordert: „Wie soll ich das denn machen? Am Lagerfeuer sitzt auch der Kommandant und – „
„Still!“ faucht die Fürstin, „mit deiner Krächz-Stimme zerstörst du das Griechen-Lied!“ Als Leonidas endet, befiehlt sie erneut: „Zofe!, hol mir den Sänger ins Bett, augenblicklich!” – „Das geht nicht einfach so! Was wollt ihr mit dem Sänger?” – „Mit ihm schlafen, was sonst?” – „Aber sonst schlaft ihr mit dem Kommandanten. Was soll ich dem denn sa-“
Leonidas beginnt erneut zu singen.
„Still!“ faucht die Fürstin wieder, „wer so ein Lied mordet, mordet den Sänger!“ Mira findet, dass der Knecht in ihr Bett gehört, nicht ins fürstliche. Müßiger Gedanke der Liebe. Sie hat einen Einfall und flüstert ihn der Fürstin ins Ohr: „Vielleicht als Wache vor eurem Zelt?“ Aber die Fürstin argumentiert: „Wir haben nie eine Wache vor meinem Zelt.” – „Aber jetzt – nach dem Kameldiebstahl? Am Ende stehlen die nächsten Diebe die Fürstin selbst!“ Die Fürstin schiebt Mira aus dem Zelt: „Als Wache, augenblicklich!“
Mira fühlt sich trotz ihrer eigenen Argumentation gar nicht wohl mit ihrem Auftrag. So zweifelnd bringt sie den Befehl der Fürstin vor, dass der Kommandant leicht widersprechen kann: „Den Feind bewaffnen? Wir haben nie Wachen aufgestellt.“ Mira bekommt Überlegenheit: „Hätten wir Wachen aufgestellt, wären die Kamele noch da!” – „Die sind doch da!” – „Aber sie waren weg!” – „Also gut,“ willigt der Kommandant ein, aber dann kommt ihm ein anderer Gedanke in den Kopf: „Warum den fremden Sänger? Ein guter Wächter muss nicht singen können.“
Er ruft nach „Landomir!“ Mira schießt scharf: „Wenn du einen anderen schickst, fürchte um dein Leben.“
Der Alte fragt leise: „Ist es so schlimm?“ Mira antwortet auch leise: „Ja, so schön ist es.“ Das tut dem Kommandanten weh in der Herzgegend, um so mehr, als er nichts daran ändern kann. „Grieche,“ sagt er resignierend, „geh zum Zelt der Fürstin und bewache es.“
Leonidas geht sofort los. „Warte!“ ruft der Kommandant. Er staffiert ihn mit einem alten, viel zu langen Mantel aus, setzt ihm etwas Helmartiges auf den Kopf und gibt ihm eine Hellebarde in die Hand. Leonidas, dermaßen deformiert, geht zum Zelt der Fürstin, stellt sich davor auf, Blick und Ohr neugierig dem Zelt zugewandt.
Der Kommandant kommt mit zwei Trommlern nachgelaufen: „Wir müssen dich noch vergattern. Trommelwirbel!“ Martialisch dröhnen die Trommeln durch die stille Nacht. „Dreh dich um!“ schreit der Kommandant. Leonidas gehorcht mit eifrigem Schwung und verliert den Helm, den er gleich wieder aufzusetzen versucht.
Auch die scharfe Stimme des Kommandanten passt nicht in die stille Nacht: „Der Helm bleibt auf dem Kopf! Von außen kommt der Feind, nach außen schaut der Wächter. Untersteh dich reinzugehn! Mit deinem Fleisch und Blut schützt du das Leben der Fürstin! Trommeln!“ Noch einmal Trommelwirbel.
Der Kommandant will ins Zelt, wird aber gleich wieder rausgeschoben. „Geh schlafen!“ hört Leonidas die Fürstin sagen. „Du weißt, ich schlafe schlecht, wenn ich nicht bei dir liege,“ wendet der Kommandant ein. „Geh und liege wach oder schlafe schlecht, aber geh!“
Der Kommandant fühlt sich bloßgestellt und befiehlt den Trommlern: „Weg hier!“ Und zu Leonidas: „Du bleibst – außen! Wehe, die Fürstin wird gestohlen!“ Er und die Trommler ziehen ab.
Leonidas steht sehr nahe am Zelt und versucht, Geräusche oder Stimmen im Zelt wahrzunehmen. Da!, Musik setzt leise ein. Die Fürstin operiert bei aller erregten Erwartung äußerst behutsam. So öffnet sie ganz vorsichtig eine Klappe in der Zeltwand, direkt neben Leonidas, der aber noch nichts merkt. Sie erkennt ihren Traum, dessen Wunden sie gewaschen hat. Und eine einzige Wonne durchrüttelt sie: Ihr Traum!, handgreiflich nahe!
Weiterhin sehr behutsam streckt sie eine schöne Patschhand aus der Öffnung und will Leonidas die Nackenhaare kraulen. Er hält die Finger für eine Mücke und schlägt zu. Und hat ihre Hand in der seinen, die sie sofort küsst und abschleckt. Endlich wendet Leonidas den Kopf und hat ihr Gesicht ganz nahe vor dem seinen. Lange ist dieses Aug-in-Auge und Hand-in-Hand nicht auszuhalten.
Fast unmerklich, dennoch unmissverständlich ist die winzige Kopfbewegung bei kurz geschlossenen Lidern, mit der sie ihn ins Zelt fordert. Zögert er? Ein kleines bisschen. Und dieses kleine bisschen ist zu viel. Die Fürstin verschwindet von der Klappe und erscheint vor dem Zelt, geht stracks zu Leonidas und packt mit der einen Hand seinen langen Mantel im Genick, mit der anderen am Gesäß und schiebt ihren Wächter ins Zelt. Sie lockert den Griff und hält den Mantel in Händen, den sie ihm mit einer raschen Bewegung von den Armen zerrt und auf den Boden wirft. Dabei fällt auch die Hellebarde zu Boden.
Leonidas‘ Abwehr ist schwach: „Aber ich soll euer Zelt bewachen – von außen.“ Die Tücher der Fürstin schießen jetzt von hinten vor Leonidas‘ Gesicht: „Flippe-flappe-floppe!“ Der junge Gelehrte für Tscherkessisch kennt dieses Wort nicht. So reagiert offensichtlich eine Tscherkessen-Fürstin auf Einwände, die ihr nicht passen. Interessant. Buchenswert fürs Wörterbuch.
Leonidas schaut sich um. Die Musiker sind nicht zu sehen, sie spielen hinter einem hängenden großen Teppich. Drei Fackeln flackern und gefährden die geliebte Fürstin, wie Leonidas sogleich folgert. Ein Kater auf einer Ottomane säubert höchst eifrig seinen Genitalbereich.
Plötzlich hat Leonidas eine Schale mit stark duftendem Öl ganz nah vor seiner Nase, das mit kleiner blauer Flamme sanft brennt. Die Fürstin steht vor ihm, hält die Schale an einem Griff, führt sie nach rechts, weit weg von ihm, wieder zurück, wartet Sekunden bewegungslos, wechselt die Schale in die andere Hand, führt sie nach links, wieder zurück. Sie lässt dabei kein Auge von Leonidas‘ Gesicht. Der hält dem Blick stand, schielt höchstens einmal ganz kurz nach dem weiter entfernten Flämmchen.
Und das Wort „Bräutchen“ schießt in sein Gemüt. Eine, die er heiraten soll und will – wollte, wartet da auf ihn. Bisher firmierte sie stets als „Braut“. Ganz deutlich steht jetzt die Erinnerung vor ihm: Sie saßen in der Abenddämmerung am Erechthaion; zwei Tage später musste der Sprachwissenschaftler zu den Waffen und auf diesen unglückseligen Feldzug ins Tscherkessische… Nun wäre sie zum Bräutchen mutiert?
Die Fürstin geht langsam rückwärts von ihm weg, hält die Ölschale in der Hand des sich ausstreckenden Armes möglichst lange unter seine Nase. Dann stellt sie sie ab und streichelt den Kater, lädt Leonidas mit einer Geste ein, das Gleiche zu tun. Leonidas streichelt den Kater.
Ein Knall reißt ihn aus der Idylle. Die Fürstin fuhrwerkt mit einer Peitsche wild durch die Gegend. Dann gibt sie ihm die Peitsche. Aber der Grieche bringt keinen Peitschenknall zustande. Grund genug, dass sie ihren Arm an seinen schmiegt, ihre Hand auf seine legt. Aber auch diese gemeinsamen Versuche lassen die Peitsche stumm.
Immer wieder und überall Einladungen zur Teilhabe, lauter, lauter, lauter Sehnsucht nach Gemeinsamkeiten…
Die Fürstin schmeißt die Peitsche in eine Ecke und stellt sich mit zur Seite ausgestreckten Armen vor Leonidas auf. Sie ist schön angezogen in allen nur erdenklichen Rot-Schattierungen von Blass-Rosa bis Tief-Violett. Ärmel, wie sie Leonidas noch nie gesehen hat: Wenn sie so die Arme seitwärts ausstreckt, fällt golddurchwirkter feiner Stoff bis zum Boden, die Person wird sehr breite Fläche.
Und die Fläche fängt an zu tanzen, ganz langsam erst, ein Zittern nur des Stoffes, ein Schwingen und Drehen dann, ein Ruf schließlich: „Rascher, rascher!“ Die Musiker gehorchen augenblicklich.
Sie tanzt furioser, immer enger um Leonidas herum. Dann stellt sie ihm ein Bein, dass er hinfällt. Das ist offenbar Tscherkessen-Art, denkt er. Sie lacht begeistert.
Sie nimmt exotische Früchte, bricht sie auf und packt sie Leonidas aufs Gesicht, schmiert ihn damit ein, dass die Säfte fließen, klebrig, süß, den Hals hinunter, die Arme, wohlig, nicht nur wohlig. Seine linke Ellenbogenbeuge leckt er ab, über die rechte schleckt ihr Mund, den Arm rauf bis zum Hals.
Sie will wissen: „Kannst du auch leise singen?” – „Ja.” – „Dann tus.“ Sie ruft zur Musik: „Leise, langsam, Liebeslied!…“ Sofort gehorcht die Musik. Die Fürstin reicht Leonidas beide Hände und zieht ihn voller Kraft und Geschmeidigkeit auf die Füße, lässt ihn wieder los und sagt: „Schmeiß den Helm an die Zeltwand.“
Leonidas gehorcht. Die Fürstin nimmt seinen Kopf in beide Hände und nähert seinen Mund ihrem Ohr, tanzt dabei behutsam mit ihm: „Sing – leise…“
Er tut es, verträumt, zärtlich. Er küsst ihr Ohr, ihr Ohrläppchen, als wollte ers verspeisen, was sie stöhnen macht. Sie dreht seinen Kopf so, dass sie ihm ins Gesicht sehen kann, lächelt sinnlich betört, glücklich, dann dreht sie seinen Mund zum anderen Ohr: „Weiter, zweites Ohr – beißen.“
Leonidas gehorcht, sehr behutsam beim Beißen. „Hört einen Traum,“ singt er leise, „eine hat mich gewaschen, als ich mit Wunden im Kamelmist lag…” – „Ja,“ flüstert sie, „ein kein Traum…“ Sie tanzen noch ein paar Drehungen.
Die Fürstin hält sein Ohr an ihren Mund: „Wirst du mich lehren, Griechisch zu sprechen?” – „Ja,“ flüstert er auf Griechisch. Dann fordert sie unvermittelt: „Hör auf zu beißen!“ Leonidas ist ganz erstaunt: „Ich beiße nicht.” – „Es fehlt mir.“ Als er noch einmal zubeißen will, dreht sie wieder seinen Kopf und befiehlt: „Zeig mir deine Zunge.“
Leonidas leidet wie unter einem lästigen Eingriff in seine Intimität. Sein halbherziges Zungezeigen erlischt kläglich: „A-er,“ was Aber heißen soll.
Plötzlich sinkt die Fürstin seufzend auf eine Ottomane und jammert sehr unecht theatralisch: „Ach ich bin so schrecklich dreckig!“ Eigentlich wollte der weiterhin sehr erstaunte Leonidas „Wie bitte?“ sagen, aber ihm entfährt nur ein „Hä?” – „Du musst mich ablecken, abschlecken. Oh, wenn dein Zungenpelz über mich kommt!…“ Sie öffnet eine Schließe, die einiges Fleisch freigibt, schönes Fleisch.
Dem Griechen geht das Fremdartige zu schnell. Viel vom Tier ist dabei, denkt er, ja, viel von einem Tier. Und ganz schnell fällt ihm noch ein: Kein Gedanke je an ein Abschlecken des Bräutchens.
Der Fürstin geht Alles zu langsam: „Du sollst mich abschlecken wollen!” – „Hoheit kann mir doch nicht befehlen, was ich wollen soll!“ Sie schnellt hoch, fasst mit beiden Händen in seinen Mund, zieht seine Zunge weit, weit raus, was ihm empfindlich wehtut: „Ahgrrr…!“ Und sie zieht seine Zunge einige Male über ihre Schulter: „Wie die Katzen, du dummer Kameldieb!“ Sie klatscht in die Hände: „Musik raus, raus, raus! Instrumente raus!“ Die Musik bricht ab.
Die Fürstin macht eine Drehung, die Arme hocherhoben. „Jak-jak-jak!“ ruft sie, lässt die Arme nach beiden Seiten sinken und steht plötzlich fast barbusig da.
Und Leonidas – beim Zeus! – schaut weg.
Die Musiker kommen hinter dem Teppich vor und stolpern zum Zeltausgang. Die Fürstin bedeckt augenblicklich ihre Blöße und faucht: „Ihr hättet den Hinterausgang nehmen sollen!“ Ein Musiker hebt sein großes Instrument: „Die Bass-Balalaika geht da nicht durch. Der Hinterausgang ist zu schmal.” – „Raus!“ Sie verschwinden eiligst.
Die Fürstin rennt in eine Zeltecke, stellt sich mit dem Rücken zum Zeltinneren, breitet die Arme aus und ruft: „Komm zu mir, feiger Sänger, feiner Sprachlehrer!…“ Leonidas kommt so langsam, dass sie mit einigem Misstrauen über ihre Schulter schaut: „Schlüpf mit deinem Kopf unterm Ärmel ins Paradies. Untersteh dich, nicht zu gehorchen, lahmer, lauer Knecht!“
Leonidas bückt sich und rührt mit dem Kopf an den Ärmel. Da reißt sie den Kopf in einen sehr schmerzhaften Schwitzkasten. „Ahhh!…“ schreit er. Sie doziert: „So geht es allen Griechen, die nicht freiwillig mein Fleisch kosten wollen.“
Er versucht vergeblich, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wobei er tunlichst vermeidet, sie anzufassen und in einen Ringkampf zu verwickeln. Er doziert seinerseits: „Ich kann das nicht! Einen freien Griechen kannst du nicht so urplötzlich zur Liebe zwingen!” – „Ich kriege jeden Pferdeknecht, den ich haben will! Und dich Knecht sollte ich nicht kriegen?“
Nun sagt Leonidas das Kläglichste: „Morgen vielleicht. Oder in einer Woche.” – „Was ist eine Woche?” – „Sieben Tage.“ Mit größter Verachtung schimpft die Fürstin los: „Sieben Tage?! Ohhh!, ich hasse deine Wotsche, Wocke, Wosche, Wolle, Wolke! Freier Grieche, sei auf der Hut! Jetzt ist der Augenblick. Jetzt oder nie!…“
Sie hat ihn losgelassen, er ist in die Zeltmitte geschlüpft. Sie bleibt in der Ecke stehen. Da lässt sich nichts einrenken.
Der Kommandant tritt ins Zelt und donnert los: „Wache!, tust du so deinen Dienst? So?“ Er hebt den Mantel und die Hellebarde auf. Die Fürstin lässt die Arme fallen und rennt zum Kommandanten: „Er wollte mich böse angehen wie ein geiler Hengst!“
So schnell geht das, Leonidas, so schnell schlägts um, so schnell verbündet sie sich gegen den, den sie liebt, mit dem, den sie nicht liebt. „Was?“ stammelt er, „Nein, ich liebe sie doch. Sie ist schöner als alle Sterne.“ Zu spät. Sie fuchtelt mit Ärmeln und Tüchern vor seinem Gesicht: „Flippe-flappe-floppe!“ Und Leonidas lernt, dass sie das auch sehr böse und hart aussprechen kann.
„Strafe, Strafe!“ fordert sie. „Mit dem Tode!“ fordert der Kommandant prompt. „Ja!“ schreit sie. „Nein!“ schreit sie, „nicht mit dem Tod!“ Sie streichelt ihre Schulter: „Hier hat er seinen Zungenpelz reingewühlt. Es brennt noch jetzt wie Teufel!” – „Die Zungenfolter!“ fordert der Kommandant. „Ja,“ ruft sie begeistert, „Das ist gut! Ihm die Zunge aus dem Maul ziehen, kurz hacken, gleich morgen früh! Raus!“ schreit sie Leonidas an.
Leonidas geht und denkt: Ich habe ein Loch in die Liebe gerissen. Nun reißt man mir die Zunge aus dem Hals. Ich hätte nicht singen sollen… Müßige Gedanken.
Schon draußen hört er noch den Kommandanten fragen: „Wie geil ist die Stute?” – „Jak-jak-jak!“ schreit sie. „So springe ich ein.” – „Ja, spring rein!“
Leonidas hörts mit größtem Schmerz und entfernt sich schnell vom Häuptlingszelt. Er geht zu den Kamelen, zutiefst verwundert, dass er so angstfrei bleibt. Jetzt könnte er fliehen, zum Bräutchen. Die Fürstin fliehen? Unmöglich. Aber wäre denn nicht jede Flucht besser als die Zungenfolter? Nein. Leonidas geht zu seinem Platz an der Außenwand des Zeltes und legt sich nieder. Nein, denn er liebt. Entfernung wäre der Tod der Liebe. Alles andere – ja, nur das nicht.
Diese Tscherkessen sind wunderbar, findet Leonidas. Da fällen sie ein schreckliches Urteil gegen ihn und lassen ihn dann frei herumlaufen und schmeißen sich in die Arme der Liebe. Liebe? Doch wohl nicht der Liebe. Er könnte fliehen oder sich bewaffnen und den Kommandanten töten. Mit der Hellebarde. Oder mit der Fackel das Fürstinnen-Zelt anzünden.
Als ein Rudel Schakale in der Einöde jault, stürzt mit einem Riesengepolter das ganze seelische Hygiene-Kartenhaus des Leonidas zusammen, und er bricht in hemmungsloses Weinen aus. Dann fällt ihm Orpheus ein und er tut, was er morgen vielleicht nicht mehr kann: Singen, klagend, überirdisch schön.
Das hört die Fürstin. Ihr Beisammensein mit dem Kommandanten endet kläglich im Schlamassel. Erst hat ihre Seele den Hals des griechischen Sängers gestreichelt, und nun singt er auch noch, als habe ihre Seelen-Zärtlichkeit die Töne gelöst. Da muss sie den Kommandanten wegstoßen, wegschubsen, wegschmeißen. Nun weint auch sie, begleitet vom Gesang des Liebsten und dem fernen Heulen der Schakale.

DIE ZUNGENFOLTER

Leonidas schlief in den hellen Morgen hinein. Der Alte, der die Operation vorzunehmen hat, musste ihn wecken: „Du weißt, was dir bevorsteht?” – „Ja.” – „Ich tue es meiner Liebe entgegen. Aber ich bin ein Sklave der Fürstin.“
Dann fiel ihm noch etwas ein, und er wandte sich an den Kommandanten: „Begleite mich zur Fürstin. Sie soll es mir befehlen.” – „Ich bin der Kommandant.” – „Ja, aber meine Weisheit hast du nicht. Komm.“ Sie gehen zum Zelt der Fürstin.
Aber Zofe Mira lässt sie gar nicht rein: „Hoheit haben Migräne, sie liegen nach sehr schlechter Nacht im ersten Tiefschlaf. Wer Hoheit jetzt weckt, hat nie mehr was zu lachen.“
In Wirklichkeit liegt sie hellwach auf der Ottomane und weiß sich keinen Rat in all ihrer Mächtigkeit.
Auf dem Rückweg zum Tatort befiehlt der Kommandant einen kleinen Zungenschnitt. Der Alte wundert sich: „Ein knapper Schnitt ist meinem Herzen sehr genehm. Aber wieso? Gnade ist sonst des Kommandanten Sache nicht.” – „Das hat nichts mit Gnade zu tun, nur mit Flippe-flappe-floppe.” – „Wieso das?“
„Bei leichter Bestrafung wird der Grieche noch singen können. Wenn er durch die Pein nicht mehr singfähig sein sollte, wird mir die allerwankelmütigste Hoheit für den Rest meines Lebens vorjammern, ich hätte den Sänger ermordet. Und wenn ich entgegne, dass ich nur dafür gesorgt habe, ihren Befehl auszuführen, dann wird sie mir mit ihren Lappen über den Mund fahren und Flippe-flappe-Floppe schreien.”
Die Zofe rennt ihnen mit weit ausgestreckter Zunge nach und schreit kaum verständlich: „Nehmt meine Zunge! Ich krächze nur! Es ist nicht schade um mein Krächzen. Aber die Welt geht unter, wenn er nicht mehr singt.“
Das ist, wie zu erwarten, ein aussichtsloses Flehen. Die Zofe flieht zum Zelt der Fürstin zurück, als die Gehilfen des Alten dem Leonidas die Zunge aus dem Mund ziehen, und der Alte das Messer wetzt und glühend macht. Dann trennt er mit raschem, geschicktem Schnitt ein wenig mehr als die Zungenspitze ab. Leonidas schreit über die ganze Zeltstadt.
Die Fürstin springt von ihrer Ottomane und rast aus ihrem Zelt, stößt mit der Zofe zusammen, die stürzt bei dem Zusammenprall schreiend zu Boden. Am Tatort reicht ihr der Alte auf der Messerspitze das blutende Stückchen Fleisch. Sie dreht sich entsetzt um. Der Kommandant bekennt, in festem Glauben, der Fürstin gute Nachricht zu sagen, man habe nur ein sehr kurzes Stück Zunge abgeschnitten, man habe den Übeltäter mit der Gnade der Fürstin überschüttet.
Aber sie kontert: „Wer gab dir solche Freiheit und Frechheit?! Keine Gnade für den Kameldieb, der Nein sagte.“ Der Kommandant ist denn doch reichlich verwundert: „Nein hätte er gesagt? Ihr klagtet, er sei euch zu nahe getreten wie ein geiler Hengst, und jetzt behauptet ihr – “ Die Fürstin stopft dem Kommandanten ein Tuch in den Mund: „Flippe-flappe-floppe!“
Der Kommandant ist beleidigt, er zieht das Tuch aus dem Mund und wird förmlich: „Befehlen Fürstin, auch noch den Rest der Zunge aus dem Mund zu schneiden?” – „Ja!“ schreit sie. „Ja?“ fragt der Alte. „Nein!“ schreit sie.
Und ganz leise spricht sie ihn an, weiterhin mit dem Rücken vor ihm stehend: „Alter?” – „Fürstin?” – „Wird er noch singen können?” – „Das müsst ihr ihn selber fragen. Aber er wird es an diesem Morgen nicht wissen.” – „Alter?” – „Fürstin?“ Weiterhin ganz leise fragt sie: „Liegt das Stück Fleisch noch auf dem Messer?” – „Ja.“
Ohne sich umzudrehen, greift die Fürstin hinter ihren Rücken und nimmt mit äußerster Behutsamkeit, ja: Zärtlichkeit das Fleisch vom Messer und rennt weg.
Der Alte versorgt den frisch Operierten sehr umsichtig. Leonidas geht es nicht gut, kann es nicht gut gehen. Drei Tage kann er nichts essen und nur mit größter Mühe trinken bei heftigem Durst. Etwas Fieber hat er sicher auch, und Schüttelfrost.
Der Alte sorgt sich um ihn. Tagsüber kommt die Zofe und legt ihm die Hand auf die heiße Stirn. Nachts kommt die Fürstin, lauert in einer Zeltnische, bis sie genau spürt, dass er schläft, und legt ihm die Hand auf die Stirn und die Lippen und verschwindet, wenn sie spürt, dass er aufwacht. Drei Nächte lang schläft sie wenig.

DAS NEUE LICHT UND DIE BRENNENDE FÜRSTIN

Es vergeht etwas Zeit. Leonidas lernt sprechen und macht rasche Fortschritte. Es gibt solche Münder, die sind da sehr geschickt bei der Sache. Er hatte ja im stotternden Demosthenes, der ein hochberühmter Redner wurde, ein klassisches Vorbild. Jeden Tag geht er zweimal zu den angepflockten Kamelen, nimmt zwei Kiesel in den Mund und deklamiert Verse des Homer. Er singt kein einziges Mal.
Die Fürstin versteckt sich zweimal am Tag hinter dem Gebüsch und lauscht verzückt. Kaum verstehen kann sie einen Satz, den er täglich mehrmals jenseits des Homer übt. Sie wünscht sich glühend, ihn richtig verstanden zu haben: „Viel Platz in meinem Mund für deine Zunge.“ Leidenschaftlich umschließt ihre Faust das Ledersäckchen, das sie an goldener Kette um den Hals trägt, in dem sie die immer mehr schrumpelnde Zungenspitze des Sängers als geliebte Reliquie verwahrt.
Die Bewohner der Zelte lassen Leonidas in Ruhe. Sie achten ihn wegen seiner Verstümmelung und wegen der Würde, mit der er sie trägt und ungeschehen zu machen versucht. Darein mischt sich freilich auch ein wenig Grauen vor dem solchermaßen Gezeichneten.
Leonidas bastelt eine Öllampe für das Zelt der Fürstin, weil ihm die Fackel immer wieder Schauer der Angst vor einem Brand über den Rücken jagt. Besonders, wenn ein etwas kräftiger Wind über das Land der Tscherkessen fegt.
Bei der Auswahl der Materialien ist er sehr heikel. Für die Fürstin nur das Schönste. Endlich hat er eine Lampe fertig: tönernes Gefäß, das er ausgiebig saubergeschruppt hat, Docht aus Bambusblättern, den er selbst gesponnen hat, Öl mit duftenden Gewürzen, aufzuhängen an drei Bronzeketten. Freilich: die Fackel brennt dreimal so hell, dafür ist das Öllicht überaus sicher.
Behutsam geht er zum Zelt der Fürstin und stellt sich auf einen Bock, um die brennende Lampe aufzuhängen. Er hat die Fürstin seit der Zungenfolter nicht mehr gesehen. Sie haben einander, Sehnsucht im Herzen, gemieden. Nicht gerechnet ihre nächtlichen Zärtlichkeiten und ihr Lauschen im Gebüsch.
Er hantiert so leise, dass sie ihn nicht hört. Sie riecht ihn, durch die Zeltwand. Sie stellt sich – unsichtbar – ganz nahe zu ihm, ihre Sinnenausstattung erlaubt ihr tiefen Geruchgenuss. Dann summt er, das Lied, das er neulich am Lagerfeuer gesungen hat. Er summt wie beiläufig, dennoch in aller Absichtlichkeit. Er weiß, welchen Zauber er auslöst.
Nur mit größter Mühe hält sich die Fürstin zurück, die Öffnung der Zeltwand zurückzuschlagen. Das tut ein Windstoß. Da stehen sie einander zum Küssen nahe gegenüber.
Erschrocken flüchtet Leonidas ins Sachliche: „Der Wind hat meine Lampe nicht gelöscht.” – „Es ist die schönste Lampe der Welt!” – „Eine Funzel. Die Fürstin liebt das Flackern der Fackel.” – „Was weißt du von der Liebe der Fürstin?” – „Aber diese Lampe bewahrt euch vor Zeltbrand.“
Die Fürstin kommt zu ihm rausgelaufen: „Liebster Grieche, was frage ich nach flackernder Fackel? Wo du sorgst, dass ich nicht brenne.“ In Leonidas Replik ist natürlich auch wiederholende Provokation: „Es tut mir so leid, dass die Fackel schöner flackert.“ Sie hebt die Tücher und lässt sie mit großer Zärtlichkeit vor seinem Gesicht flattern: „Flippe-flacke-flocke!“
Ein Tuch fängt Feuer, ein anderes löst die Lampe aus der von Leonidas noch nicht gesicherten Halterung. Sie fällt runter und zerbricht. Das auslaufende Öl brennt und zündet sofort das lange Kleid der Fürstin an. Sie brennt und schreit.
Leonidas achtet sein Leben nicht, nimmt die brennende Frau auf den Arm und rennt zum Trog, wirft sie ins Wasser, stürzt, da auch seine Kleider brennen, nach.
Feuertaufe, Wasserbett. Die nassen Kleider machen die Fürstin sehr schön. Sie lachen. Leonidas steigt klitschnass aus dem Trog, hält seine Arme der Fürstin entgegen. Sie legt sich wieder rein. Er trägt sie zum Zelt zurück: „Nass liebe ich dich mehr als brennend.“ Und sie lallt selig: „Bruder, du bist wie dicker Wein. Ich bin ganz besoffen!…“
Unter dem Zelteingang bleibt er stehen und flüstert: „Viel Platz in meinem Mund für deine Zunge.“ Sie presst ihre Lippen auf die seinen. Er stolpert ins Zelt.
Der Kommandant hat sich gekümmert, dass das Zelt nicht abbrennt, hat mit Sand das brennende Öl gelöscht. Jetzt schließt er den Eingang. Von außen. Und geht davon.

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