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SCHWÄNE STERBEN ANDERS ALS SPATZEN

Online ab 8.3.2007, 17.30

SCHWÄNE STERBEN ANDERS ALS SPATZEN

Liebesgeschichte von Peter Podehl

Valeria erwachte in den eigenen Tod hinein. Der bevorstehende Abschied stürzte in ihre Seele wie Beton in die Verschalung, füllte sie schwer und lückenlos aus und erstarrte – tödlich.
Nur unter großen Mühen bewältigte sie die Mechanik ihrer Morgenhygiene. Sie setzte sich zum diätetisch ausgewogenen Frühstück, aber sie zerkaute langsam mahlend noch weniger Kalorien, als die ohnehin strengen Grundsätze erlaubten. Das Sesam-Knäcke war ein Leidensverdoppler, sonst nichts, – nichts von dem, was das Fruchtsaft-Etikett versprach, erreichte ihren Gaumen, und diese unerbittliche Reizlosigkeit des Magerjoghurts…
Die Musik aus dem Bauch, die ihr doch sonst immer so widerstandslos zur Verfügung stand, versagte. Einzelne Töne machten keine Melodie. Otto fliegt nach Argentinien – Schlussakkord, nein: kein Akkord, Dissonanzen, Kakophonien, Schluss, Ende, Vorhang, eiserner, kein Applaus.
Valeria hätte heute gerne Proben und Vorstellung gehabt: Sie liebte es, solche Tage, seien es Leidens- oder Freudenstage, im Opernhaus zu verbringen, insbesondere an ihrem Geburtstag freute sie kein Geschenk mehr, als wenn der Beruf sie vom Morgen bis in die Nacht an Ballettsaal und Bühne fesselte. Sie schaffte auch immer wieder eine Dehnung solchen Aufenthaltes, auch wenn sie gar nicht notwendig war. Aber als Otto nach Buenos Aires flog, war ballettfrei.
An ballettfreien Tagen machte sie ihre Exercises zu Hause. An einer Wand in dem karg modernistisch eingerichteten Raum war ein kurzes Stück Ballettstange eingegipst. „Diesem Holz gebe ich am liebsten die Hand,“ pflegte sie Besuchern zu erklären, die sich daraufhin manchmal etwas schäbig vorkamen und verstohlen ihre rechte Hand betrachteten.
Sie ging auch heute an die einsame Arbeit, aber es waren trostlose Windungen und Wendungen, die ihr da in die schönen Glieder fuhren. Inmitten all ihrer Pirouetten kauerte wie ein gebietender Götze die Trennung: in wenigen Stunden, wenige Kilometer entfernt, in der Riesigkeit des Flughafens, wo man einander nichts mehr sagen konnte und die Küsse obligat waren.
Lange stand sie nach einer ersterbenden Drehung bewegungslos mit auseinandergewinkelten Tänzerinnenfüßen, den einen Hacken ein wenig angehoben, – dann entschloss sie sich, Otto anzurufen und ihn zu bitten, es doch bei der Melancholie des gestrigen Abends bewenden zu lassen.
Eine böse, hinterhältige percussion überfiel sie: die Hammerschläge ihres tobenden Herzens gegen die butterweichen Klingelzeichen aus dem Hörer. Eine ohnmächtige Wut stieg in Valeria auf. Ohnedies hasste sie das Gespräch ohne Augen, wie sie es nannte. Selbst die geringfügigsten Dinge vertraute sie höchst ungern dem Telefon an, und ihre monatlichen Zahlungen an die Kundenbuchhaltung der Telekom waren ein besseres Trinkgeld.
Kläglich vertutete ihr Plan in dem cremefarbenen Plastikum und machte sie um ihrer letzte Hoffnung ärmer: Nun musste sie zum Flughafen. Sie weinte nicht. Die großen grauen Augen verloren allen Glanz, als wollten sie vertrocknen.

Betti hingegen weinte seit dem frühen Morgen, ohne sich dadurch im geringsten in ihrer lukullischen Geschäftigkeit stören zu lassen. Sie achtete gar nicht mehr darauf und salzte wohl auch mit mancher Träne den gebackenen Fisch, dessen Zubereitungsdunst die kleine Wohnung rasch gefüllt hatte. Sie schaute nochmal nach dem Knoblauch-Brot, entkorkte eine Flasche Burgunder, machte die Kräutersauce fertig, öffnete das Einweckglas mit Kürbis vom vorigen Jahr – und weinte.
Aus dem Buffet holte sie das alte Geschirr und die Kristallgläser und deckte den Tisch mit aller Liebe wie für ein zärtliches Nachtmahl. Keinen Augenblick kam ihr der Gedanke, gebackener Fisch à la Betti könnte um elf Uhr vormittags vielleicht fehl am Platze sein. Oft genug hatte Otto das Zubereitete zu seinem Leibgericht erklärt. Wenn also sein Flugzeug um die Mittagszeit startete, musste man das Leibgericht zu ungewohnter Stunde servieren.
Es klingelte pünktlich, als Betti gerade fertig war. Sie lief zur Frisiertoilette und schaute in den Spiegel. Die Tränen hatten ein grausames Zerstörungswerk hinterlassen. Ratlos wanderte ihr Blick über die bescheidene Ansammlung von Kosmetika, aber keines wollte ihr geeignet erscheinen, das verheulte Gesicht zu polieren.
So öffnete sie dem Freund mit allen Spuren ihres Jammers, und Otto nahm sie in seine Arme und küsste sie auf die Augen, als wollte er jede um seinetwillen geflossene Träne adeln. Plötzlich hob er den Kopf und schnupperte: „Kaum wage ich meiner Nase zu trauen, Betti -?“ – „Das Küchenfenster ist auf,“ jammerte sie, „aber es zieht trotzdem immer bis hier vor.“ – „Wir wollen die kleinen Fische nicht schmähen, Bettikind. Trag auf. Mehr als eine Käsesemmel hatte ich nicht erhofft.“ „Käsesemmel!“ lachte Betti auf. „Das wäre mir eine schöne Henkersmahlzeit!“
Bei diesem Wort ging ein Zucken über Ottos Gesicht, das er sonst immer so schön und offen lachend in Ordnung zu halten pflegte, – als habe ihn wer geohrfeigt. Er musste sich eine Zigarette anzünden. „Nicht mehr rauchen!“ rief Betti und rannte in die Küche. „Es ist alles fertig.“ – „Nur ein paar Züge!“ rief er ihr in die Küche nach. „Was ich nicht weinen kann, das muss ich rauchen.“ Betti verstand den Satz nicht ganz, fühlte aber all ihre Tränen gerechtfertigt und präsentierte voller Dankbarkeit die Platte mit dem knusprig braunen Fisch. Otto saß schon und entfaltete die Serviette. „Es ist schön hier,“ stellte er fest. „Altmodisch,“ wehrte Betti ab. „Gemütlich, Betti. Den neumodischen Kram –„ Er stutzte einen Augenblick, weil er Valeria auch in Gedanken nicht kränken wollte – „ab und zu ja, aber man kriegts auch über.“
Betti hob ihr Glas. „Auf ein glückliches Wiedersehn!“ sagte er mit voller Front lächelnd. Sie stießen an. Betti trank das Glas aus und füllte es gleich wieder.
Otto suchte in seinen Taschen: „Sie haben mir noch gemailt, dass ich monatlich ein Konzert dirigieren darf.“ Betti war sehr zufrieden: „Na siehst du, nun lohnts doch wirklich. Dass du bloß als zweiter Geiger da hinfliegst, – das hat mir schon die ganze Zeit nicht gefallen.“
Otto fand die Mail nicht und redete heftig gestikulierend in abgebrochenen Sätzen: „Betti, du weißt doch ganz genau, warum ich fliege und – Ich bin glaubwürdig, aber sie glauben mir nicht – Rufmord in reinster Form. Eine Stradivari bleibt eine Stradivari, auch wenn sie gestohlen sein sollte – Und dass diese verdammte Versicherung – Über die Sache muss Gras wachsen, und das Gras der argentinischen Pampas wird sehr hoch, aber – Der Ton macht die Musik beim Geigen… Hätten sie mich dirigieren lassen, wäre nichts passiert. Aber als Aushilfsgeiger musste ich ja verhungern. Und du mit!“
Betti verstand nur Ottos letzte beiden Sätze und wusste trotz Traurigkeit und Rotwein, dass das so nicht stimmte. Sie sang Sopran im Opernchor, sie brauchte viel Geld für ihre arme Schwester Erna im Heim der Karmeliterinnen, aber es reichte immer irgendwie, war sogar genug, um auch Otto durchzufüttern. Warum sprach er von verhungern? Aber er flog in die Pampas, – es lohnte nicht, diese Frage jetzt auch auszusprechen. Viel wichtiger war, dass er ihre letzte Bitte erfüllte: sie wollte mit zum Flughafen.
Aber Otto lehnte das rundweg ab: „Ich habe auch meiner Mutter nie erlaubt, zum Bahnhof mitzukommen. Außerdem ist vielleicht Presse da.“ – „Dann trete ich in den Hintergrund,“ versicherte Betti eifrig, „du brauchst mich nicht zu kennen, aber ich könnte so stolz auf dich sein!…“
Eine Sekunde zuckte es wieder über Ottos Gesicht. Dann holte er seine Schlüssel aus der Tasche und reichte sie ihr über den Tisch: „Hier, pass auf meine Wohnung auf.“ – „Wie ist denn das mit der Miete?“ wollte Betti wissen. Kein Problem für Otto: „Die schicke ich von drüben. Bis Ultimo ist erstmal bezahlt.“ Aber ein Problem für Betti: „Aber heute ist doch schon der Siebenundzwanzigste.“ Otto klammerte sich an die nächste Zigarette: „Naja, das – ich kann – ähm…“
Betti versicherte schnell, dass sie notfalls aushelfen werde, was er mit der Überreichung eines Zettels quittierte: „Hier steht alles drauf. Unten – das ist die Kontonummer, auf die man die Miete einzahlen muss.“ Dann schaute er auf die Uhr und sprang auf: „O je!“ – „Musst du schon gehen?“ „Ja,“ sagte er und küsste ihr die Hand. „Es war wunderschön, toute à la“ – Betonung auf der letzten Silbe: – „Betti. Ich werde bis zum Wiedersehen davon zehren.“ Sie umarmte ihn, presste ihn an sich: „Bleib gesund und – ein bisschen treu.“ Dann brachen die Tränen wieder aus. Er streichelte die Zuckende: „In zwei Jahren dirigiere ich hier ein Philharmonisches – und du sitzt in der ersten Reihe. Versprochen ist versprochen.“
Mit dem erstickten Ausruf „Ach, die Stullen!“ rannte sie in die Küche. Otto rief ihr lachend nach: „Aber Kindchen!, es ist doch Service an Bord!“ Betti hatte keine genaue Vorstellung von einem solchen Service, – die Not mit ihrer Schwester erlaubte ihr keine Ferien mit dem Flugzeug nach jenseits der Grenzen. Aber sie meinte: „Vielleicht wirst du von dem – davon nicht satt.“ Über Ottos Gesicht lief ein weiteres Mal dieses Zucken. Er ließ sich die Stullenpakete in die Tasche schieben, küsste sie und sagte: „Ich nehme sie aus Liebe mit. Wiedersehn, Betti! Halt dich tapfer.“
Er lief die Treppe hinunter. Betti horchte, bis die Haustür mit einem Klack ins Schloss fiel. Dann wusste sie nicht mehr, wohin. Die Fenster ihrer Wohnung gingen alle auf den Hof. Sie heulte hemmungslos auf, kniete am Sofa nieder und barg ihr Gesicht in einem Kissen mit gehäkeltem Bezug in violett und grün.

Sehr elegant, schwarz und schmal, die rechte Hand im engen Handschuh auf den dünnen Schirm gestützt, ein kleines Denkmal gelassener Trauer, so saß Valeria auf einer Bank in der großen Halle des Flughafens, dem Check-In, wie sie es vereinbart hatten, gegenüber. Bei jeder anderen Gelegenheit hätte sie den Ort geliebt, erkannte sie doch in den donnernden Silbervögeln recht eigentlich ihre großen Brüder. Otto war nicht pünktlich.
Und als die Zeiger der Uhr bedrohlich über die Zeit der Verabredung hinausgegangen waren, als die Lautsprecher was von „last call“ und „Buenos Aires“ krächzten, schwand ihre gelassene Trauer. Es kostete sie einige Überwindung, zum Schalter zu gehen. Was sollte sie fragen? Nur „Buenos Aires“ kriegte sie raus. „Ihr Ticket, bitte, gnädige Frau. Sie kommen sehr spät.“ – „Ich will nicht fliegen. Ich – “ Wie sollte sie einem fremden Mädchen den Abschied von Otto erklären? Aber das Mädchen verstand: „Der Check-In ist out. Vielleicht sind noch Fluggäste vor der Passkontrolle.“ Valeria war horrorisiert: „Wo ist die?“ Das Mädchen wies sie hin: „Abflug B, – da hinten links.“
Valerias Rock war eng, die Absätze hoch. Sie trippelte in einem hinreißenden Presto-Staccato zum Abflug B. Vor der Passkontrolle staute sich eine Menschentraube. „Otto!“ schrie Valeria. Wie sie diesen musikfeindlichsten aller Vornamen in diesem Augenblick wieder einmal hasste! Viele Augen wandten sich ihr zu, einige Männer lächelten. Keine Antwort, kein Otto am Telefon, kein Otto hier, die Welt ottolos.
Sie ging zu Fuß nach Hause, weil sie sich außerstande fühlte, jetzt im Autobus irgendwelchen Augen gegenüberzusitzen. Selbst die Begegnung mit einem Taxifahrer war unvorstellbar. Das eigene Auto hatte sie bald nach dem Ersterwerb wieder verkauft, weil sie die Tempolimits – alle – als einen höchst unstatthaften Eingriff in ihre Freiheit verstand. Nein, keine Strafzettel, nichts mit Flensburg, freiwillig.
Es war ein Weg von anderthalb Stunden. Die alte Mahnung ‚Fußgänger gehen links‘ beachtete sie nicht, ebensowenig die Tatsache, dass die Straße laut blauem Schild Kraftfahrzeugen vorbehalten war. An manchen Stellen machten ihr die Leitplanken zu schaffen, die mit engem Rock und Stöckelschuhen zu übersteigen, ihr ganzes Geschick erforderten. Dreimal bremsten Autofahrer beim Anblick des schönen Rückens und luden sie zum Mitfahren ein. Aber Valeria schüttelte nur den Kopf, und den Männern erstarb das begehrliche Lächeln, wenn sie gebeugten Oberkörpers durch das rechte Seitenfenster zu ihr aufblickten.
Zu Hause machte sie das Abpellen der Handschuhe sehr nervös. Auch die Frühstücksreste ärgerten sie. Den Fruchtsaft goss sie in einem Anfall von Verschwendungssucht weg, die Brotbüchse klemmte wie immer, und der halbvolle Joghurtbecher erzürnte sie so, dass sie ihn zum Fenster hinauswarf. Er rauschte im Küchenschacht runter und zerflatschte mit dumpfem Knall auf Fliesen, die nicht für Abfälle gelegt waren.

Betti erwachte spät aus ihrer lähmenden Tatenlosigkeit. Sie hätte viel darum gegeben, heute nicht in ‘Martha‘ singen zu müssen. Gerade noch rechtzeitig erreichte sie Theater und Garderobe. Kaum hatte sie das Kostüm an und war flüchtig geschminkt, als der Chor schon auf die Bühne gerufen wurde.
Betti konnte heute nicht singen. Besonders wenn der Friedrich von Flotow schnellere Tempi vorgeschrieben hatte, hinkte sie hoffnungslos abgeschlagen hinterher. Sie gab es bald auf und bemühte sich nur, die Lippen dem flotten Text entsprechend zu bewegen und ein glasiges Lächeln aufzusetzen.
Sie fuhr nach der Vorstellung zu Otto und schluchzte auf, als ihr klar wurde, dass sie eben nicht zu Otto fuhr… Langsam stieg sie, die geliebten Schlüssel in Händen, die Treppe des großen Mietshauses hinauf. Als sie nach der letzten Wende die Augen erhob, blieb sie wie angewurzelt stehen: Vor Ottos Wohnungstür wartete Valeria und sah ihr mit einer Mischung aus Spott und Trauer in den großen Augen entgegen. Valeria van Eggberten, die den gleichen Arbeitgeber hatte wie sie selbst: die Städtischen Bühnen. Betti ließ rasch die Schlüssel wieder in die Handtasche gleiten.
„Kommen Sie herauf,“ sagte Valeria, „Sie sind gewiss Betti. Otto hat mir von Ihnen erzählt.“ Allerweltspsychologe, der er war, hatte Otto sich gehütet, Betti jemals von Valeria zu erzählen.
Dass Otto nicht treu war, wusste Betti ziemlich genau. Aber auf diese Huppdohle, diese Primaballerina Valeria van Eggberten wäre sie nie gekommen. „Was wollen Sie da?“ fragte sie feindlich von unten herauf. „Schließen Sie auf,“ bat Valeria sanft und bestimmt. „Ist er wirklich weg? Ich habe ihn am Flughafen verfehlt.“ Betti fühlte einen Stich im Herzen. „Lassen Sie mich rein!“ rief sie laut. „Es ist an mir, das von Ihnen zu erbitten.“ Betti rannte die halbe Treppe hinauf und schnaubte: „Gehen Sie weg da! Sie haben hier nichts zu suchen! Ich hole die Schlüssel nicht eher wieder raus, als bis Sie die Treppe runter sind!“ Sie wollte Valeria wegstoßen, aber die Tänzerin war sicher auf den Beinen.
Da ging die Tür der gegenüberliegenden Wohnung auf, und die Nachbarin erschien in warmen Hausschuhen und einem schreiend bunten Hausanzug. „Was gibt’s denn hier?“ fragte sie. „Ach, da können Sie lange klingeln. Der saubere Herr sitzt.“ Valeria war außerstande, sich vorzustellen, dass Otto im kriminellen Sinn des Wortes sitzen könnte: „Sie wissen bestimmt, dass er fort ist?“ – „Na, sicher doch,“ grinste die Frau, „wo ich doch im Zuschauerraum war.“
„Wo?“ fragten Valeria und Betti zugleich, für die das Wort Zuschauerraum zunächst seine Doppelbedeutung nicht preisgab. „Na, ich war dabei, wie der Herr Nachbar verdonnert wurde. Zwei Jahre, sieben Monate hat er gekriegt, ohne Bewährung – Versicherungsbetrug. Irgendwas mit Stradi- mit ner falschen echten Geige.“ – „Stradivari.“ – „Ja, sowas. Ich hab ja nicht alles verstanden. Gleich im Saal verhaftet wegen Fluchtgefahr.“ Sie weidete sich kurz an der Sprachlosigkeit der Damen, dann ging sie in die Wohnung zurück und murmelte: „Jaja, so geht’s, wenn einer nicht reinlich rechnet…“
Nach einer Weile wandte sich Betti an Valeria und fragte nicht ohne Schadenfreude: „Und Sie hat er noch zum Flughafen bestellt?“ – „Nachdem wir beide den Rest bekommen haben, Frau Betti, können Sie nun aufschließen.“
Betti gehorchte widerstandslos. Sie gingen in die Wohnung. Betti machte im Wohnzimmer die Stehlampe an. Neben dem hochauf gefüllten Aschenbecher, den Valeria sofort in die Küche brachte und in den Müll kippte, lag ein Prospekt von der Südamerikaroute einer Fluggesellschaft. Betti fand darin ein Bild mit den delikatesten Speisen. Darunter stand: ‚Von Pol zu Pol ist unser Service immer auf der Höhe.‘ – „Ich habe ihm noch Stullen mitgegeben,“ erzählte Betti, als Valeria wieder ins Zimmer trat, „aber wer weiß, ob er sie jetzt – dort essen darf.“
Sie setzte sich mit einem krächzenden Stoßseufzer auf die Couch. Valeria nahm neben ihr Platz. Einen Augenblick ruhten die Augen der beiden Frauen ineinander. Aber das war nicht lange auszuhalten, Bettis Blick brach zuerst weg. Dann sagte sie in die Stille hinein: „Am schönsten müssen für ihn die Abende gewesen sein, wo er in der Zweiten Geige aushalf und Sie den Solopart tanzten und ich im Chor sang…“
Valeria musste ein wenig lächeln. Plötzlich kippte Betti um, legte den Kopf in Valerias Schoß, wühlte die Arme um ihre schmale Hüfte, zwängte ihr die Handgelenke ein und bettete sich kuschelnd zurecht. Wenig später war sie eingeschlafen. Valeria bekam Lust, sie zu streicheln. Behutsam zog sie eine Hand aus der Umarmung und löschte das Licht.
Ungebeugt saß sie schlaflos bis zum frühen Morgen, von Zeit zu Zeit beschäftigte sie der Gedanke, dass auch Betti mit den Frühstücksvorbereitungen in Ottos Küche vertraut sein dürfte. Ob sie frische Brötchen holen würde? Nein, kein Sesam-Knäcke.

 

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