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DER HALBIERTE MANN

Online ab 1.3.2007, 17.30 Uhr

DER HALBIERTE MANN

Liebesgeschichte von Peter Podehl

WER SIEHT DEN VORHANG AM HIMMEL?

Für diese Geschichte gilt als sicher, dass es Engel gibt. Bekannt, bekannt, dass sie in unzähligen anderen Geschichten nicht vorkommen; ein Beweis gegen ihre Existenz wäre das nicht, ebenso wenig wie diese Geschichte ein Beweis für ihre Existenz ist. Meine Geschichte ließe sich übrigens auch ohne Engel erzählen, aber genau das will ich ja nicht.
Also öffnet sich ein Vorhang am Himmel, der den Blick freigibt auf eine Boten-Station, eine Engel-Absteige. Der Vorhang ist aus schwerem Samt und changiert in allen Himmelsfarben; ungeöffnet also eine unscheinbare Wolke oder gänzlich unverdächtiges Blau. Wer weiterliest, sieht den Vorhang sich öffnen – schräg nach oben werden die beiden Schals weggezogen, die Fülle der gerafften Falten ist eine Augenlust. Manch Kundigem, zu denen ich mich rechnen darf, obwohl ich noch keine seiner Opern zu Ende gehört habe, weiß, dass diese Art Theatervorhang Wagner-Vorhang heißt. Er bleibt ein würdiger Rahmen für die Engel-Absteige, wo sich nun folgendes abspielt:
Ein Engel rauscht von oben in die Station. Er könnte einem Bild von Leonardo da Vinci entstiegen sein. Die mächtigen Flügel erzeugen das Rauschen.
Engel sind bekanntlich Boten. Sie operieren in solchen Stationen mit Wolken-Computern und im himmelgestützten Internet seit einigen tausend Jahren.
Unser Engel ist der Schutzengel der Frau Doktor Kampnagel und hat eine Botschaft für sie, genauer: den Auftrag, seine Schutzbefohlene in den Wachtmeister Gabriel Schrödinger verliebt zu machen. Sinn und Vernunft solchen Auftrags sind Erzengelsache und bleiben für untere Chargen wie land-, nein: himmelläufige Schutzengel geheim. Keine besonderen Schwierigkeiten hat er, die Botschaft zu vermitteln. Engel greifen mit Langarmen in manche irdischen Machtmaschinen hinein.
Der Schutzengel sieht voraus, denn ihm stehen Lichtgeschwindigkeits-Manipulationen zur Verfügung, die ihm Ausblicke in die Zukunft erlauben, – sieht voraus, dass seine Frau Doktor zu spät von zu Hause wegkommen wird, um pünktlich bei ihrer gewichtigen Pressekonferenz im Institut für Ernährungsphysiologie einzutreffen. Also wird sie schneller fahren, als die Polizei erlaubt und im Überholverbot überholen. Wie oft geht sowas folgenlos gut. Hier und heute nicht: Zu spät, und dann noch Polizeikontrolle.
Für die sorgt ihr Schutzengel. Das klingt zunächst etwas paradox: Sollte er nicht eher dafür sorgen, dass sie pünktlich zur Pressekonferenz kommt? Aber wer weiß denn, wie Engel schützen? Er holt sich mit Klick und Klack einen Stadtplan-Ausschnitt auf seinen Bildschirm und malt einen runden Kringel um die Kreuzung Hubertus-Allee – Heinrich-Heine-Straße und notiert dazu ‘Radarkontrolle 19.06. 10,30 bis 12,30 Uhr.‘ Das geht runter an den zuständigen Verkehrspolizei-Boss, der das – wie er meint: aus eigenem Antrieb – anordnet.
Der mögliche Einwand mancher Leser, solche Radarkontrolle bedürfe doch vorbereitender Aktivitäten, gilt da oben nicht. Wer mit Lichtgeschwindigkeit zu operieren versteht, schiebt Zeit-Ebenen ohne Schwierigkeiten in die ihm passende Lage und Abfolge.
So, Leser, jetzt aber runter mit uns.
Kennen alle Autofahrer: das runde Schild mit rotem Rand und schwarzer Schrift ’30 km‘ und das ebenfalls rotgeränderte runde Überholverbot mit dem roten Auto links und dem schwarzen rechts. Und dann die Kelle in Polizistenhand, steht drauf ‘Halt‘, erst hocherhoben, dann mehrfach nach rechts in eine Parklücke oder dergleichen weisend, damit der Verkehrssünder anhalte.
Das passiert auch, wie vom Engel vorausgeplant, Frau Doktor Kampnagel. Sie hat schon das linke Fenster runtergelassen und streckt sehr unvermittelt die rechte Hand raus und sagt mit gewinnendem Lächeln: „Guten Tag, ich bin Dr. Kampnagel, Heidrun. Und wie heißen Sie?“ Das ist ihre Routine bei jeglicher Kontrolle, schafft erstmal freundliche Atmosphäre. Der verblüffte Polizist schüttelt denn auch ihre Hand und sagt: „Gabriel. Guten Tag.“ Sie sagt, weiterhin um Lockerheit bemüht: „Also, Herr Gabriel, -“
Aber es stellt sich heraus, dass er ihr seinen Vornamen genannt hat, er weiß selber nicht, wieso. Und sie weiß auch nicht, warum sie ihm noch einmal ihren Vornamen verrät: Heidrun. Ob man sich nicht gleich duzen solle?
Der Mann, Anfang Dreißig, gefällt ihr ausnehmend gut, viel genauer: Sie hat sich wupps! in ihn verknallt. Und sie gefällt ihm, diese sehr gut aussehende Frau Mitte, Ende Vierzig, die glaubwürdig beteuert, alle Geschwindigkeitsbeschränkungen immer einzuhalten, auch die blödesten, in Italien zum Beispiel, und nie, nie, nie im Überholverbot zu überholen. Und einmal im Leben tut sie es, und schon schnappt diese verdammte Radarfalle zu.
Gabriel weist sie lachend darauf hin, dass direkt vor ihr ein Ranger angehalten wurde, auf dessen außenmontiertem Reserverad steht ‘Fahre nie schneller, als dein Schutzengel fliegen kann‘.
Sehr amüsant, findet Heidrun, aber ärgerlich bleibts trotzdem. Dabei hat sie auf ihrem Telefönchen schon eine einprogrammierte Nummer gewählt und meldet sich nun: Ja, Dr. Kampnagel, sie sei, um ja pünktlich zu sein, zu schnell gefahren, und jetzt sei die Radarfalle zugeschnappt: „Sagen Sie bitte Bescheid. Ich komme so schnell wie möglich, aber ich kann nicht schneller, als mein Schutzengel fliegen kann. Danke, Tschüs!“
Gabriel klärt sie darüber auf – und er macht das sehr charmant -, dass es sich keineswegs um eine Falle handelt, sonst wären die Polizisten ja lauter Wilderer und die Verkehrsteilnehmer arme Karnickel – oder, verbessert er sich: scheue Rehe. Das lässt Heidrun sehr bezaubert und bezaubernd lächeln, dann bellt sie übergangslos: „Scheißpressekonferenz!“
Gabriel meint, sie sei Journalistin, aber sie ist vielmehr Wissenschaftlerin, auf die 20 Journalisten im Institut für Ernährungsphysiologie der Uni warten. Daraufhin wird der Handel mit der gebührenpflichtigen Verwarnung rasch abgewickelt.
Gabriel bleibt charmant. „Ich würde ja liebend gern Aufwiedersehn sagen, aber – “ – „Warum tun Sies nicht? “ – „Manche Leute mögen vielleicht so ein Wiedersehn mit der Polizei nicht.“ Aber Heidrun schüttelt den Kopf und sagt lächelnd: „Ich fänds wunderschön. Aufwiedersehn, Gabriel!“ Sie streckt noch einmal die Hand raus, die er freundlich schüttelt: „Auf Wiedersehn also.“ Heidrun stellt fest: „Ich habe ein ganz neues Polizeigefühl. Mögen alle Engel im Himmel dich beschützen…!“
Erst jetzt löst sie den Händedruck und fährt davon, nicht schneller als 30 Kilometer pro Stunde und ohne zu überholen.

Oben in der Engel-Absteige erscheint Gabriels Abbild auf dem Bildschirm und kuckt zärtlich lächelnd, aber auch etwas ungläubig aus der Polizistenwäsche, als träume er, tonlos flüstert er: „Dich hat sie gesagt – die Heidrun…“
„Roger,“ sagt der Engel und drückt auf ‘Schließen‘. Seit alters her benutzen Engel das Codewort ‘Roger‘ aus dem Sprechfunkverkehr für Richtig. Der Glanz, der um seine Konturen samt Heiligenschein lag, wird deutlich stärker. Engel, wenn ihnen etwas gelungen ist, reiben sich nicht, wie wir Menschen, die Hände, – sie freuen sich vielmehr an einem kräftig wachsenden Glänzen ihrer Person.
Vorhang zu. Am Juni-Himmel eine unscheinbare Wolke.

PRESSEKONFERENZ

Institut für Ernährungsphysiologie
der
Johann-Gottlieb-Universität
Pressekonferenz
„Unser tägliches Brot“
Chemische Zusätze in Backwaren
und ihre Wirkungen
Referentin: Dr. Heidrun Kampnagel, Labor-
leitung und Verfasserin des im
Herbst erscheinenden Buches
GIFT IN DER NAHRUNG
(Arbeitstitel)
Labortechnik:Dipl.Ing.Karl-Heinz Kampnagel

Institutsleitung: Dr.Dr.h.c. Ewald Stangl

Aula des Instituts für Ernährungsphysiologie
Rottendörferstraße 12, III. Stock

19.06.2001, 10 Uhr 30

Die Uhr an der Breitseite der Aula zeigt 10 Uhr 45. Zwischen fünfzehn und zwanzig Presseleute, Männlein und Weiblein, einige Fotografen stehen und sitzen herum.
Auf dem Podium ein langgezogener Tisch, drei Stühle dahinter, der mittlere mit dem Schild auf dem Tisch ‘Dr. Heidrun Kampnagel, Laborleiterin‘ ist leer. Rechts sitzt ein gutaussehender, robuster Anfangsfünfziger mit dem Schild ‘Dipl.Ing Karl-Heinz Kampnagel, Labortechnik‘, links der etwas jüngere ‘Dr.Dr.h.c. Ewald Stangl, Institutsleitung‘. Der schaut jetzt von seinen Akten auf und beugt sich zu Karl-Heinz: „Woran kanns liegen, dass Ihre Frau noch nicht da ist? “ – „Ich weiß auch nicht. Wir sind getrennt von zu Hause weg. Ich war noch im Labor. Ich ruf mal an.“ Das tut er mit dem Telefönchen.
An den Wänden hängen einige Schautafeln mit Tabellen und Kurven, einige Besucher stehen davor und studieren sie mit größerem oder geringerem oder gar keinem Interesse.
Zwei Herren allerdings, etwas zu seriös gekleidet für Fotoreporter, scheinen geradezu detektivisch interessiert. „Wollen wir uns einen Augenblick draußen unterhalten?“ fragt der eine den anderen. „Ja, gerne.“
Karl-Heinz schaltet sein Telefönchen aus und sagt zu Doktor Stangl hinüber: „Meine Frau meldet sich nicht. Sie ist sicher gleich da. Vielleicht hat sie mit dem Akademischen Viertel gerechnet,“
Ein junger Fotoreporter tritt zum ihm: „Herr Kampnagel -?“ Kampnagel ist sehr nett, weil er ein bisschen verlegen ist: „Wir kennen uns, – aber Ihr Name ist weg. “ – „Rieske.“ Kampnagel schüttelt ihm die Hand: „Richtig, Herr Rieske.“ Der tut ein bisschen verschwörerisch: : „Glauben Sie, dass hier nur Presse in der Aula ist?“ Karl-Heinz schaut sich um: „Schwer zu sagen. Warum fragen Sie? “ – „Die beiden Herren, die da eben rausgehen, knipsen vielleicht manchmal Urlaubsfotos, aber zu unserer Zunft gehören die nicht. Was sagt die chemische Industrie zu den Forschungen Ihrer Frau? “ – „Bestimmt nichts Gutes.“

Das stimmt. Die beiden Herren stehen draußen auf dem langen Gang an einem Fenster. Der eine sagt: „Wie finden Sie den Buchtitel ‚Gift in der Nahrung‘? “ – „Weckt den schlummernden Mörder in mir. “ – „Ich glaube, der Verband muss tätig werden, wenns nicht schon zu spät ist. Weiß man was über den Verlag? “ – „Keine Ahnung. Econ könnte sowas drucken lassen. “ – „Ich halte es für ratsam, dass wir hier nicht auffallen. Also keine provozierenden Fragen und vor allem keine Empörung. “ – „Ganz Ihrer Meinung. Wir telefonieren dann morgen.“
Aus der Tiefe des Ganges stöckelt eiligst eine hochhackige Schöne mit goldblondem Schopf, im offenen weißen Kittel über dem Mini mit einem Zettel in der Hand in die Aula. „Ob sie das war?“ fragt der eine falsche Fotoreporter. „Wer? “ – „Die Kampnagel, unsere geliebte Feindin? “ – „Die bella bionda? Glaube ich kaum. “ – „Jedenfalls müssen wir rein.“
Die bella bionda gibt den Zettel gerade dem Doktor Stangl, der ihn überfliegt und sich dann an die wartenden Journalisten wendet: „Ein Anruf von Frau Dr. Kampnagel: Sie bittet ihre hoffentlich nur sehr geringfügige Verspätung vielmals zu entschuldigen. Sie ist in eine Polizeikontrolle geraten und kann nicht schneller fahren, als ihr Schutzengel fliegen kann… Das verstehe ich nicht ganz. Jedenfalls will sie so schnell wie möglich hier sein. Ich bitte also noch um etwas Geduld.“
Dann wendet er sich leiser an die Blonde: „Frau Häckel, seien Sie nett, gehen Sie runter und führen Sie Frau Dr. Kampnagel rauf, damit wir nicht noch Zeit verlieren, falls Sie nicht gleich das richtige Treppenhaus findet.“
Edita Häckel stöckelt eilig durch den Mittelgang davon, zum Vergnügen der meisten Journalisten, gute Ohren hören ganz leise, freche Pfiffe. Die Häckel dreht sich um und fragt reizend naiv: „Ist was?“ Sie erntet Lachen und einen kleinen Applaus.
In den hinein betritt Heidrun die Aula, gar nicht schlechten Gewissens verhuscht, eher mit einem selig strahlenden Siegerlächeln. Sie meint sehr verwundert: „Oh Auftrittsapplaus, – habe ich am allerwenigsten erwartet und doch wirklich nicht verdient, wo ich Sie so lange habe warten lassen.“
Dr. Stangl ruft ihr entgegen: „Kommen Sie Frau Doktor, wir haben Sie schon entschuldigt.“ Heidrun geht zum Tisch und fragt mit etwas somnambulem Charme, das zweite Wort betonend: „Woher wissen Sie denn, dass ich verliebt bin? “ – „Was?“ fragen Stangl und Karl-Heinz zugleich. Heidrun ist nun doch über sich selbst irritiert: „Ich meine, was mich da aufgehalten hat?“ Ewald Stangl erklärt etwas kopfschüttelnd: „Aber Sie haben doch selber angerufen!? “ – „Ach ja?!…“ ist alles, was Heidrun dazu einfällt. Sie begrüßt Stangl, gibt ihrem Mann einen Kuss, setzt sich mit einem Stoßseufzer.
Auch die Journalisten nehmen Platz. Einer ruft: „Diese Radarfallen schnappen immer im falschen Moment zu!“ Heidrun opponiert liebenswürdig gabrielfixiert: „O, eine Falle war das doch nicht! Sonst wären ja die Polizisten lauter Wilderer und wir armen Autofahrer lauter Karnickel oder gar – scheue Rehe.“ Schön sieht sie aus, als sie sich daran erinnert! „Gabriel hieß der Erzen- äh: der Polizist, der mich da rausgewinkt hat, weil ich viel zu schnell gefahren bin – nur um pünktlich bei Ihnen zu sein.“ Der Journalist murmelt: „Also habe ich schon Recht: Immer im falschen Moment! “ – „Stimmt,“ sagt Heidrun abschließend.
Nun muss aber Dr.Dr.h.c.Stangl das Wort ergreifen: „Und damit können wir wohl zur Sache kommen: Meine sehr verehrten Damen und Herren! Neben mir sitzt das Ehepaar Kampnagel. Frau Dr.Heidrun Kampnagel hat seinerzeit mit einem summa-cum-laude-Abschluss für eine Doktorarbeit über Ernährungsprobleme promoviert. Herr Diplomingenieur Karl-Heinz Kampnagel ist auf Laboreinrichtungen für Forschung im ernährungsphysiologischen Bereich spezialisiert. Beide arbeiten zusammen an einer sehr umfangreichen Arbeit über Chemikalien in unserem täglichen Brot. Frau Doktor – Sie haben das Wort.“
„Ja, also –“ Heidrun kann absehen, dass ihre Studie über die Wirkungen chemischer Zusätze in Backwaren bald abgeschlossen sein wird und hielt es deshalb für gut und richtig, die Öffentlichkeit schon einmal vorzuinformieren, bevor die Studie erscheint und im Spätherbst ihr Buch GIFT IN DER NAHRUNG. Das ist der vorläufige Arbeitstitel.
Er ist ein Hammer, ja. Nur sehr aufwändige, über lange Zeiträume laufende Untersuchungen mit teilweise sehr mühsam zu messenden Ergebnissen erlauben einigermaßen gesicherte Einblicke. Sehr pauschal lautet das Ergebnis: Keine Gründe zur Panik, aber eine Deklarierungspflicht wie sie für fast alle Lebensmittel vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist, müsste auch bei Backwaren eingeführt werden. Es wäre eine große, man kann auch sagen: selbstverständliche Präventionshilfe für alle Allergiker oder sonstwie empfindliche Personen, genauer: Patienten.
Und – es gibt ein Mittel von geringer Schädlichkeit, die bisher toleriert werden konnte, und wohl auch weiter toleriert werden wird, aber keinesfalls weiter toleriert werden sollte. Denn da ist eine sehr merkwürdige Signifikanz aufgetreten: Bei Frauen sind die Werte deutlich schlechter als bei Männern. Das muss mit den bei Mann und Frau denn doch sehr unterschiedlichen Hormonhaushalten zusammenhängen. Ähnliche Erscheinungen sind übrigens vom Alkohol bekannt.
Derzeit wartet Dr. Kampnagel noch auf eine Datenreihe von der Universität Toronto, wo auf ähnlichem Gebiet und teilweise auch gemeinsam geforscht wird; Daten, die ihre Thesen bestätigen oder, was aber kaum anzunehmen ist, widerlegen mögen.
Ein wenig vorlaut jetzt die Frage aus der Menge: „Wie heißt denn diese ominöse Chemikalie?“ Heidrun schaut Karl-Heinz an, der reagiert schnell und genau: „Sie werden verstehen, dass wir uns da im Augenblick noch bedeckt halten. Die Chemie-Lobby will meiner Frau nicht wohl, was mir gänzlich unverständlich ist.“ Jetzt redet Heidrun wieder weiter: „Mir auch. Wir sollten wirklich paktieren, denn es kann den Chemie-Konzernen doch nicht recht sein, wenn bei Frauen Krankheiten auftreten, die dann eindeutig auf künstliche Zusätze in Backwaren zurückgeführt werden. Ich hoffe, dass es da noch Einiges an Einsichten geben wird.“
„Betreiben Sie also feministische Forschung!“ Heidrun wehrt ab: „Also in dem Topf möchte ich nun gar nicht gerne geschmort werden. “ – „Aber Sie können nicht leugnen, dass es im Endeffekt um Herren geht, die Damen schädigen?!“ Heidrun windet sich ein bisschen: „Erscheint mir hochgradig überspitzt, aber – “ – „Sie können es nicht leugnen! “ – „Nein, kann ich nicht rundweg. “ – „Rechnen Sie mit gesetzgeberischen Maßnahmen? “ – „Schwer zu sagen. Ich rechne mit einigem Umdenken auch auf gesundheitspolitischem Terrain.“
Jetzt will Ewald Stangl abwiegeln: „Darf ich mich da eben mal einschalten: Gesetzgeberische Maßnahmen – das hängt erstens von der endgültigen Signifikanz ab, zweitens und vor allem, wie man sie bewertet und drittens vom Gesetzgeber. Das kann bekanntlich lange dauern.“ Heidrun wird ein wenig aufmüpfig: „Das kann natürlich auch sensationell schnell gehen, wenn die Gefährdung der Frauen eindeutig zu hoch ist.”
Jetzt fragt der eine falsche Fotoreporter: „In welchem Verlag wird das Buch erscheinen?“ Dazu erklärt Karl-Heinz: „Das ist noch nicht ausgewürfelt. Irgendwo im Umfeld der Econ-Gruppe.“ Und der andere falsche Fotoreporter fragt: „Wird es ein rein wissenschaftliches Buch oder – sagen wir: mehr populistisch?“ Heidrun erklärt: „Das rein Wissenschaftliche steckt in unserer Studie. Mit einigen Populismen – in Anführungszeichen – kann man in dem Buch schon rechnen.“
Stangl kuckt ein wenig verkniffen in diesen letzten Schlagabtausch. So wenig freundlich fragt er nach weiteren Wortmeldungen, dass sich niemand mehr meldet. Geradezu erleichtert scheint er, als er sich bedankt und die Pressekonferenz beendet.
Heidrun wird noch ein paar Mal geblitzt, wobei sie sich nicht sehr prominentenprofessionell anstellt. Ein Mann, der zu einem Video-Team gehört, bittet um ein Interview, das in einem bekannten Magazin gesendet werden soll, das gleiche tut eine Frau für irgendein Frauen-Format. Heidrun gibt ihre Telefonnummer und nimmt Visitenkarten entgegen. Dann fängt sie an, ihre Schautafeln abzuhängen. Unaufgefordert hilft ihr Edita Häckel dabei. Als die letzten Pressevertreter raus sind, tut Heidrun einen Stoßseufzer der Erleichterung:
„Bin ich froh, dass das einigermaßen glimpflich über die Runden gegangen ist.“ Sie bemerkt Stangls etwas verkniffenen Ausdruck: „Herr Doktor Stangl, Sie sehen nicht ganz so froh aus.“ Stangl gibt zu: „Bin ich auch nicht. “ – „Warum? Was hat sie geärgert? “ – „Die sensationell schnellen Gesetzesinitiativen. Damit wird das Ganze doch schrecklich politisiert. Das fing so harmlos an, und jetzt gerate ich als Leiter eines ernährungsphysiologischen Instituts in die ganze Problematik des Feminismus.“ Heidrun hört das ungern: „Das ist doch ein Schlagwort – ein ziemlich altbackenes dazu.“ Aber Stangl ereifert sich weiter: „Dabei gehts doch nur um Backwaren. Wir sind ein seriöses Forschungsinstitut.“ Jetzt wird Heidrun etwas pampig: „Wollen Sie behaupten, meine Forschungen seien unseriös?“ Das weist Stangl wiederum weit von sich: „Nein, natürlich nicht, aber – ich würde das Institut gerne davor bewahren, auf einen Spiegel-Titel zu geraten. “ – „Warum?“ fragt Heidrun. Karl-Heinz will abwiegeln: „Steht nicht im geringsten in Aussicht.“
Aber Heidrun bleibt aufmüpfig: „Ich fänds hervorragend. Dann wird wenigstens nicht alles unter den Teppich gekehrt. Und die Frauen bekämen Hilfe – mit Nachdruck!“
Unerwartet und nicht gerade geschickt schlägt sich Edita Häckel auf Stangl Seite: „Aber doch nicht auf Kosten von Herrn Dr. Stangl – und das Institut –“ Aber so mags Stangl nun auch wieder nicht, etwas unsanft kanzelt er sie ab: „Frau Häckel, damit sind Sie nun wirklich nicht befasst.“
Man geht nicht in besonders guter Harmonie auseinander. Karl-Heinz wartet, bis die beiden zur Tür rausgegangen sind. Dann fragt er leise, etwas erstaunt: „Warum war denn der Stangl so verbiestert?“ Heidrun weiß: „Er hat was zu verbergen. “ – „Was? “ – „Er ist einer von den halbierten Männern.“ Karl-Heinz ist verwundert: „Der auch? “ – „Ja, deswegen fürchtet er den Spiegel. Seine Frau und die drei Kinder kriegen die eine Hälfte von ihm, und die Häckel, mit der er eben weggewackelt ist, kriegt die andere Hälfte.“ Karl-Heinz, humorig-perplex: „Mich zerreißts.“ Heidrun ist sofort argwöhnisch: „Dich? Wieso dich? “ – „Ich meine: ihn! “ – „Du bist doch nicht etwa auch halbiert? “ – „Nein, mein Schatz, Treue um Treue. “ – „Möchte ich nie erleben.“ Karl-Heinz weiß eine schöne Retourkutsche: „Schwamm über Gabriel…“
Heidrun lächelt und schweigt zu dem Namen. Sie ist ganz schön geschafft, und wenn sie daran denkt, was in den nächsten Tagen alles zu verkraften ist, wird ihr einigermaßen schwummerig. Aber Karl-Heinz weiß Rat: „Bevor du an deinen schönen Fingern abzählst, was da alles auf dich zukommt, lass uns essen gehen – als Stress-Therapie.“ Wo? Im Schloss-Hotel, wo sie das Hochzeitsessen bestellt haben – das Silberhochzeitsessen.

Sie sitzen gemütlich in einer Nische, und Karl-Heinz fragt nach den nächsten 14 Tagen, über die er ja andrerseits nicht ganz uninformiert ist.
Heidrun eröffnet die Rechnung: Also – die Silberhochzeit („Hätten wir die doch bloß klein-klein gehalten, anstatt hier riesig zu tafeln und zu feiern!“); das Klassentreffen zur Erinnerung an Heidruns Abitur vor 30 Jahren („Da hat die zickige Fitness-Katinka in so ein Fitness-Center geladen, und wir haben uns auch engagiert, mit sightseeing am nächsten Tag!“); die endgültige Fertigstellung der Studie, die dann ausgedruckt werden muss („Allein die Literaturliste kostet mich eine Woche, Tag und Nacht – mindestens!“); und dann kommt am Samstag noch die Uraltschulfreundin Albertine aus New York („Die macht in Modeschmuck en gros, aber ihr eigentlicher Beruf war schon immer, alles durcheinanderzubringen!“)
Heidrun resümiert: „Ich wünschte, wir säßen in einem Strandkorb in Ahrenshoop…“ Karl-Heinz versucht, sie zu beruhigen: „Ich steh dir bei. “ – „Ohne dich wärs sowieso zappenduster.“
Karl-Heinz äußert seine Freude darüber, wie die schöne Bedienerin mit den schönen Armen das Essen serviert: „Sie dreht den Teller so, so ganz weit rum, hat man viel von ihrem schönen Arm. Der ist mir schon lange aufgefallen. Zum Reinbeißen!“
Heidrun ist denn doch etwas verwundert, ihn so etwas äußern zu hören. Karl-Heinz bringts in Zusammenhang mit ihrem Geständnis auf der Pressekonferenz, verliebt zu sein, was eigentlich lange nicht mehr vorgekommen sei.
Heidrun lächelt ganz schön verklärt: „Eifersüchtig?“ Karl-Heinz weiß erstmal nicht so recht, dann aber eher Kopfschütteln: “Nein.“ Heidrun sagt unvermittelt: „Es ist mir so peinlich! “ – „Was? “ – „Zum Abschied habe ich gesagt: Mögen alle Engel im Himmel Sie beschützen.“ Wie zur Rechtfertigung fügt sie rasch hinzu: „Aber er hieß Gabriel. “ – „Ich weiß: Der Polizist bei der Radarfalle. “ – „Nicht doch Falle! Ich bin doch kein scheues Reh, und Gabriel ist doch kein Wilderer!“ Karl-Heinz murmelt: „Bin ich nicht so sicher… “ – „Dir hätte er auch gefallen. “ – „Ich bin doch nicht schwul.“ Heidrun kontert trocken: „Du hast auch schon bessere Witze gemacht. “ – „Entschuldige. “ – „Ja, ich entschuldige. Schließlich habe ich dich aus dem Gehäuse gekippt.“ Karl-Heinz beendet das Gespräch voll Wohlwollen, entschieden: „Werden wir ja wohl verkraften.“
Aber Heidrun rekapituliert noch einmal: „Unmöglich! Mögen alle Engel im Himmel Sie beschützen! Zu einem wildfremden Mann! Wenn ich bloß wüsste, wie mir das auf die Lippen gekommen ist! “ – „Wenn man verliebt ist – “ – „Du nimmst es leichtherzig? “ – „Soll ich nicht?“ fragt er, in winzigen Spuren zweifelnd. Heidrun beteuert zutiefst ehrlich: „Doch, doch!…“ Karl-Heinz schließt ein zweites Mal ab: „Ich bin entschlossen, deinen Wunsch mit dem Schutz der Engel für den Polizisten Gabriel wunderschön zu finden.“
Aber Heidrun kann noch nicht Ruhe geben: „Ich muss dir noch etwas gestehen: Ich habe nicht gesagt: Mögen alle Engel im Himmel Sie beschützen –“ Karl-Heinz versteht nicht: „Doch nicht?“ Heidrun sagt sehr leise und kuschelt sich an seinen Hals: „Ich habe gesagt: Mögen alle Engel im Himmel d i c h beschützen.“ Karl-Heinz wiegt kurz den Kopf, aber dann schüttelt er ihn zustimmend: „Hast ihn geduzt. Finde ich ebenso wunderschön.“
Sie küsst ihn behutsam voll großer Liebe, dann fällt ihr ein: „Wir hätten Linda anrufen sollen, dass wir essen gehen. “ – „Wo ist denn Leander? “ – „Der wollte mittags höchstens ganz kurz kommen. Er macht doch diesen Kurs für Katastropheneinsätze.“ Der Vater, mit leisem Spott: „Das Helfersyndrom.“ Die Mutter ist sehr besorgt: „Ja. Hoffentlich jagen sie ihn da nicht in schreckliche Gefahren…“

HEAVY METAL EINES HUNGRIGEN MÄDCHENS

Leander, 22-jähriger Psychologiestudent, kommt in der Mittagssonne nach Hause und hört schon von weitem wüsten Heavy Metal/Techno-Sound. „Mein Schwesterherz!“ stoßseufzt er.
Er geht ins Haus, in dem es ohrenbetäubend beatet. Er stürmt ins Zimmer seiner Schwester und reißt den Stecker aus der Wand. Die 15-jährige Linda schreckt aus tiefster Versunkenheit: „Hei!, bist du wahnsinnig?“ Leander spielt nervös mit Schnur und Stecker: „Wer ist hier wahnsinnig?! Linda, dieser Höllenkrach!, – du bist schwer drogensüchtig! Du maschst dich kaputt! Und uns mit!“ Linda kontert argumentativ: „Ich hab ja nicht gewusst, dass du zu Hause bist! “ – „Darum geht’s nicht! Ich will dir doch nur helfen!“ Da reagiert sie sehr empfindlich: „Ich scheiß auf deine Hilfe! “ – „Wer so ‘ne Musik so laut aufdreht –“ Linda wird schön deutlich: „Sieh zu, dass du ne richtige Freundin findest und lad nicht deinen Sex-Frust bei deiner kleinen Schwester ab!“
Leander überhörts: „Das ist der direkte Draht zur Hölle!“ Er fuchtelt mit dem Stecker. Den reißt sie ihm aus der Hand und haut ihm eine Ohrfeige damit. Leander tut das weh, er ist sehr erbost: „Linda!“ Er packt sie an den Handgelenken, die er ihr brutal runterdrückt. „Aua!“ schreit sie.
Kurz stehen sie in heller Wut voreinander. Nach kurzem Versuch freizukommen, spuckt sie ihm ins Gesicht. Ihm verschlägts den Atem, fast will er zurückspucken, aber dann rast er aus dem Zimmer, knallt die Tür, rast aus dem Haus, knallt die Tür, rast im Vorgarten an den heimkommenden Eltern vorbei auf die Straße und weg. Heidruns „Leander, was ist denn?“ hört er gar nicht mehr.
Im Hause setzt die Musik in vollster Lautstärke wieder ein. Den Eltern reißts den Kopf von Richtung Sohn in Richtung Tochter. Sie gehen rein und zu Lindas Zimmer in den ersten Stock. Anklopfen ist bei dem Lärm sinnlos. Türklinke, aber Linda hat sich eingeschlossen. Karl-Heinz hämmert gegen die Tür und ruft nicht wütend, aber sehr kräftig: „Linda, mach bitte sofort auf“!
Die Musik endet abrupt. Linda macht auf. „Was ist denn hier los?“ fragt Heidrun. Linda lenkt rasch und geschickt ab mit der Frage: „Wieso gibt’s denn heute kein Mittagessen?“ Heidrun meint, Linda sei alt genug, um sich mal zwei Eier in die Pfanne zu hauen. Linda: „Aber wenn man nichts weiß…? “ – „Stimmt,“ sagt die Mutter, „wir hätten dich anrufen sollen. Aber die Pressekonferenz hat uns ganz schön geschafft.“
Linda ist sofort einlenkensbereit: „Soll ich uns Spaghetti aglio e olio machen?“ Die Eltern gestehen, Essen gegangen zu sein. Linda nimmts versöhnlich: „Auch das noch! Muss den Alten aber erlaubt sein.“ Heidrun: „Seht zu, dass ihr bis zur Silberhochzeit nicht verhungert. Da gibts was Ordentliches im Schloss-Hotel.“
Die Mutter will wissen, warum denn Leander so wütend abgehauen sei. In Linda steigt der ganze Zorn noch einmal hoch: „Ich wusste ja nicht, dass er zu Hause ist. Kommt rein und haut mir die Musik raus! Zieht einfach den Stecker!“ Der Vater ist gerecht: „Das ist nicht fair. Und du? “ – „Und dann behauptet er auch noch dauernd, mir damit zu helfen! Spielt sich auf, als ob er mir immer noch die Schnürsenkel zubinden muss!“ Heidrun will abwiegeln: „Aber Leander ist doch eigentlich –“
Linda beteuert, dass sie ihn heiß und innig liebe, aber wenn er ihr mit seinem Helfer-Fimmel komme, dann könnte sie ihm glatt ins Gesicht spucken. „Linda!“ mahnt die Mutter. „Ehrlich! So kennst du deine kleine Tochter gar nicht.“ Heidrun, zögerlich: „Nein, aber – man lernt ja nie aus.“
Linda will vom Thema weg: „Bleibt ihr hier? “ – „Ja,“ sagt Heidrun, „die Pressekonferenz muss ich erstmal verkraften.“ Linda ist mitfühlend: „Wars denn so schlimm?“ Heidrun resümiert: „Nein, eigentlich gar nicht, aber – ach ja…“ Karl-Heinz ist nett zu seiner Tochter: „Armes Kind, kein Heavy Metal für den Rest des Tages.“ Aber Linda hat sich neue Kopfhörer gekauft, die sie aufsetzt. Die Mutter macht sich ernsthaft medizinische Sorgen um ihre Ohren. Aber Linda wiegelt ab: „Ich pass schon auf, Frau Doktor.“

GESCHUNDENES PACK

Leander schlendert durch die Junkieszene am Hauptbahnhof, wo man ja eigentlich nicht schlendern sollte. Ein Mädchen fällt ihm auf, hübsch wohl ursprünglich, aber schwer angeschlagen, wer weiß, wie nahe sie vor dem Tod im Bahnhofsabort steht. Es macht ihm ein gar nicht mehr zweideutiges Angebot:
„Na, wie isses? Eine Nummer für zwei Gelbe?“ Leander versteht das kaum und beteuert, ihr gerne anders helfen zu wollen. Aber da zischt sie nur sehr verächtlich: „Du verjagst mir die Freier! Verpiss dich, alter Wichser!“

Wer jetzt mit den Augen dieser Geschichte in den Himmel schaut, sieht den Wagner-Vorhang sich öffnen über einer Art von Balkon, einer Balustrade, über die vier Engel schauen, direkt runter auf den Bahnhof und in das in so vieler Hinsicht skandalöse, ja: zutiefst böse Treiben in der Parkanlage davor.
Sehr hilflose Engel sind das, so gut wie kein Glanz ist um sie. Zwei schalten noch ihre Heiligenscheine aus, die anderen sind schon dunkel. Sie schauen auf das Mädchen, das ‚Verpiss dich!‘ zu Leander gesagt hat. Und reden sehr behutsam:
„Nicht zu retten, oder? “ – „Nur durch den Tod. “ – „Geschundenes Pack…“ Pause. „Auch die Sünden. “ – „Was? “ – „Auch die Sünden, – hat ein Heiligmann da unten mal gesagt.“ Pause. „Was hat der gesagt? Auch die Sünden? “ – „Ja. “ – „Ein Heiligmann? “ – „Ja. “ – „Dann können wir unsere Kringel wieder einschalten. “ – „Roger.“
Alle Vier knipsen ihre Heiligenscheine wieder an. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass sie fast unmerklich unter dem kleinen Disput über diesen Augustinus-Segen – Segen? Doch wohl ja, Leser: Segen – wieder Spuren von engelischem Glanz gewonnen haben.

AUFTRITT ALBERTINE, BITTE!

Familie Kampnagel in einiger Verwirrung im ersten Stock. Heidrun tippt am Computer im Schlafzimmer, Karl-Heinz sitzt auf der Bettkante, Leander und Linda lümmeln an der Tür. Fürs Arbeiten böte sich zwar ein halbwegs großer Raum direkt neben dem Schlafzimmer an, aber er firmiert als das ‘unbetretbare Zimmer‘, das vollgestopft ist mit Krempel, der seit Jahren ‘gelegentlich‘ aufgeräumt werden müsste. Kommt hinzu dass die Kombination Bett-Arbeitsplatz sehr gemütlich ist.
Alle sind mehr oder weniger erkältet, niesen reihum, die anderen sagen reihum „Gesundheit!“, und die geniest haben, wiederum „Danke.“
Und den Leser wird es freuen, dass dieses Ritual auch zwischen Leander und Linda praktiziert wird; Schwester und Bruder sind also wieder versöhnt.
Hauptsächlich herrscht Verwirrung, weil Albertine anrollt. In des Wortes Bedeutung: in einem Leih-Jeep nähert sie sich der Stadt, aber wann, wo, wie kommt sie denn nun genau an? Heidrun erläutert, dass sei typisch für sie: von jeher habe sie ihre Umgebung in Atem gehalten, und oft genug: tyrannisiert. Heidrun besteht darauf, dass ihre Busenfreundin von der Gesamtfamilie herzlich empfangen werde, wenn sie jetzt nach so langer Zeit wieder zu Besuch aus New York kommt.
Linda will wissen, wie ihr Name denn nun ausgesprochen werde. Heidrun erklärt, ihre Freundin habe von einem bestimmten Alter an den größten Wert auf ein französisch verschwebendes Schluss-E gelegt; wenn man sie ärgern wollte, betonte man etwas plumpdeutsch das E. Alle probieren das und müssen ziemlich lachen.
Heidrun niest. Alle sagen „Gesundheit!“ Heidrun sagt „Danke.“

Leander hat eine Idee und geht in sein Zimmer. Er malt mit dickem Filzstift ‘Xundheit‘ und ‘Danke‘ auf ein kleines Pappschild, in das er ein Loch stanzt, durch das er einen Faden zieht. Er niest selber.

Karl-Heinz steht in seiner Tür: „Gesundheit!“ Leander zeigt auf ‘Danke‘. Karl-Heinz merkt noch an: „Pass auf, dass du deine schöne Johanna nicht ansteckst.“ Leander, spurenresigniert: „Keine Gefahr mehr.“ Der Vater hört das nicht gern: „Seid ihr auseinander? “ – „Ja.“ Karl-Heinz entfährt es: „Weil du sie nicht aufs Kreuz gelegt hast!“ Leandern ist das unangenehm: „Paps, bitte…! “ – „Entschuldige, aber – es gibt einfach Situationen, da wollen die Frauen das. Es gefällt mir schon lange nicht mehr so recht, dass du mit deinen Damen immer so – so rücksichtsvoll umgehst, – beinah hätte ich gesagt: so lendenlahm. Haben wir dich falsch aufgeklärt?“ Leander ist verschlossen: „Nein.“
Karl-Heinz niest. Leander zeigt auf ‘Xundheit‘, Karl-Heinz auf ‘Danke‘.
Telefon im Schlafzimmer, Heidrun meldet sich: Mit ihrem Telefönchen signalisiert Albertine ihren Stand-, genauer: Fahrort: rund 30 Kilometer vor der Stadt, von Norden kommend. Nicht auf der Autobahn? „Nein, ich kann auf euren Autobahnen nicht fahren,“ sagt sie.
So entert sie in diese Geschichte: Am Steuer des Jeep mit dem Telefönchen am Ohr, die schöne Frau mit dem großen Strohhut, texasnachempfunden, deren Schönheit den ganzen Glanz hoher Reife ausstrahlt, kurz bevor das Alter seine Furchen ziehen wird.
Heidrun gibt den Hörer Karl-Heinz: er soll ihr erklären, wie sie zu ihnen nach Hause findet. Karl-Heinz erklärt also: „Hallo, Albertine, -“ An der Gefahrengrenze war das deutsche Schluss-E: „sempre diritto, wenn du weißt, was das heißt –“ Aber Albertine will, dass sie sich alle zusammen am Ortseingangsschild ihrer Heimatstadt treffen: „Bei euch ist das schwarze Schrift auf gelbem Grund, bei uns ist das – ach shit, ich weiß gar nicht, wie die bei uns aussehen. Ich brauche einen Lotsen!“ Karl-Heinz hat Einwände, dass das schwierig sei, weil man da gar nicht parken könne. Albertine findet das gerade schön. „Gesundheit!“ sagt sie noch zu den wieder reihum Niesenden. Und „Tschüs!“

Also steigen sie ins Auto, Heidrun am Steuer. Leander hängt das Schild an den Rückspiegel: Wenn einer niest, können die anderen draufzeigen, das erspart das dauernde Gesundheit- und Danke-Sagen.
Sie fahren über eine breite Allee, zwei Fahrbahnen, Grünstreifen in der Mitte. Leander entdeckt auf der Gegenfahrbahn eine Radarkontrolle. Heidrun reißts den Kopf rum, sie gibt wie elektrisiert so heftig Gas, dass die anderen ins Polster gedrückt werden und ihr verwundertes Nichtbegreifen kundtun.
Bei nächster Gelegenheit kreuzt Heidrun auf die Gegenfahrbahn, fährt dort sehr schnell, überholt einigermaßen waghalsig. „Mögen alle Engel im Himmel dich beschützen…“ murmelt sie. Leander macht sie auf Geschwindigkeitsbegrenzung und Überholverbot aufmerksam. Und Linda warnt: „Und da kommt gleich eine Radarfalle. Die halten dich an! “ – „Ich will ja angehalten werden!“ ruft Heidrun. „Aber eine Falle ist das nicht! Gabriel ist doch kein Wilderer!“ Sie wird nicht angehalten und nimmt etwas ruckartig das Gas weg.
Linda fragt etwas verstört, ob Mama total spinnt. Karl-Heinz erläutert: „Nein, sie ist verliebt.“ Heidrun jämmert heiter-ernst: „Aber ich werde nicht erhört. Erzengel Gabriel mit der roten Kelle will nichts von mir wissen. Wahrscheinlich bin ich ihm zu alt.“ Leander, heiter, aber ganz ehrlich: „Mama, ich würde dich erhören und zurücklieben. “ – „Danke, mein Schatz. Was muss ich denn jetzt machen?“ Karl-Heinz, gütig wie ein Psychiater: „Wenden, zu Albertine auf die Nordstraße fahren. Aber hier erstmal mit Tempo 30 und nicht überholen.“
Linda niest, die anderen zeigen auf ‘Xundheit‘ Linda aufs ‘Danke‘.

Natürlich ist das Ortseingangsschild ein denkbar unglücklicher Treffpunkt. Eher ein weiterer Fall für die Verkehrspolizei, die ist aber nicht da. Albertines hoher Jeep hält direkt unter dem Schild. Heidrun auf der anderen Seite im Halteverbot. Die Familie überquert unter einigen Mühen die rege befahrene Ausfallstraße.
Die Freundinnen fallen einander in die Arme, schauen einander an und befinden, die andere sei kein bisschen älter geworden. Karl-Heinz öffnet die Arme, aber Albertine umarmt erst Leander, auffallend liebevoll. So groß – etwa brusthoch – sei er gewesen beim letzten Besuch, und Linda lag noch in den Windeln. Aber Karl-Heinz sei doch etwas gealtert.
„Die Wechseljahre,“ sagt er lachend, welches Wort Albertine ganz kurz tiefernst macht: „Sag das Wort nie wieder!“ zischt sie.
Man könne hier unmöglich stehenbleiben, mahnt Karl-Heinz. Wen sie als Lotsen haben wolle, fragt Heidrun. Karl-Heinz hat keine Zweifel und tritt vor. „Den,“ sagt Albertine und zieht Leander hinter dem Vater vor, schmiegt ihren Arm an den seinen. Karl-Heinz – wie das so geht – wird sich seiner spontanen Eifersucht gar nicht bewusst: „Leander hat doch den Führerschein noch immer nicht geschafft.“ Albertine hört den Unterton genau: „Fahren tu ich.“ Aber Karl-Heinz hat noch eine Kugel im Lauf, wendet sich an Leander: „Weißt du denn überhaupt den Weg? “ – „Klar,“ sagt Linda, „direkt neben dem Hotel spielt er doch immer Tennis.”
Heidrun hat den Winzkonflikt nur am Gemütsrand wahrgenommen: „Gut, lotse sie zum Hotel Rosengarten, Leander. Dann kommt ihr zum Kaffee nach Hause. Albertine, ich freu mich, dass du da bist! “ – „Ich auch. Und ich freu mich auf deinen deutschen Kaffee.“ Nochmals umarmen, Heidrun will gleich Wasser aufsetzen.

Dann sitzt Leander neben Albertine im Jeep. Den hat sie gemietet, weil sie nur mit zwei Schrankkoffern und viel sonstigem Gepäck verreisen kann, sie hat auch ihr halbes Büro mit. Deswegen kann sie auch nicht fliegen. Aber das liebt sie sowieso nicht, Schiff ist viel schöner, da reist die Seele mit, die beim Fliegen immer hinterhecheln muss.
Sie fragt Leander, ob er sich denn noch an sie erinnere? Ganz genau. Sie habe ihn einmal beschützt, als die Eltern ausgeflippt waren: „Sie haben mich ernst genommen – “ – „Was, die Eltern?“ Leander weist auf Albertine: „Nein, Sie. “ – „Sag du, bitte. “ – „Du hast mich ernst genommen, als sie mich verhöhnten.“ Albertine ist sehr erfreut, erinnert sich selbst aber nur recht dunkel.
Leander weiß noch genau die Situation: Albertine saß unten im Flur auf den Treppenstufen, er, Leander, stand neben ihr, die Mutter in der Küchentür, und der Vater höhnte von oben herunter: „Heidi, wenn ich mir die Unordnung in Leanders Zimmer ansehe, – ich wusste gar nicht, dass wir ein Schwein gezeugt haben!“
„Woff!“ macht die jetzige Albertine.

Und Papa grunzte provozierend wie ein Schwein, und Heidrun haute in dieselbe Kerbe: „Fühlt sich nur wohl, wenn er sich im Dreck suhlen kann.“
Die jetzige Albertine ist ziemlich entsetzt: „Nein, sag mal…“ Leander ist eher versöhnlich: „Kanns ja mal geben, dass die Eltern ausflippen und einen hängen. Bloß eins: Ordentlich bin ich nicht geworden von der Hinrichtung.“ Albertine ist nun doch sehr gespannt: „Und ich?“ Leander lotst: „Bei der nächsten Ampel links,“ und kommt auf das Thema zurück: „Du hast mich aufgefangen. Vater sagte noch, ich solle sofort raufkommen und aufräumen. Was mich am meisten geschafft hat, war, dass du dabei warst.“
Albertine will ihn behutsam streicheln, verfehlt ihn aber etwas, weil sie einem Kleinlaster ausweichen muss: „Was habe ich gemacht?“ Als er ganz bedrüpst raufgehen wollte, habe sie ihn auf ihren Schoß gezogen und sehr liebevoll umarmt. Erst habe er sich gewehrt und gefremdelt, aber dann hat es ihm wohlgetan, ein weibliches Fleisch zu spüren, das nicht nach seiner Mutter roch.
Albertine hört alles mit aufsteigender Freude und Lust, meint aber abwiegelnd: „Jaja, an mir ist eine Mutter verloren gegangen…“
„Nochmal links, da ist es gleich.“
Das kleine aparte Hotel ‘Rosengarten‘ ist sehr appetitlich. Es herrscht guter Geschmack. Nur mit den Gepäckmassen der Lady aus New York ist das Haus mit der dünnen Personaldecke am frühen Nachmittag überfordert. Leander greift kräftig zu. Dann stehen und liegen die beiden Schrankkoffer, die vielen Taschen und die Kleidersäcke wüst durcheinander im geräumigen, aber nicht zu großen Zimmer.
Leander geht zur Tür, legt die Hand auf die Klinke: „Fahren wir?“ Albertine fängt an, sanft zu provozieren: „Hast dus eilig?“ Leander erklärt: „Mutter hat Wasser aufgesetzt. Das verdampft. Ich sehe Dampfwolken in der Küche.“ Albertine serviert ihn ab: „Habt ihr Wassermangel?“
Und es beginnt das schönste Spiel der Spiele, das keine Regeln kennt.
Leander nimmt unter denn doch begehrlichem Lächeln die Hand von der Klinke und wendet sich ganz ins Zimmer. „Nein,“ sagt er auf die Frage nach dem Wassermangel. Und: „Sieht schön aus.“ Albertine vermutet falschen Bezug: „Wer?“ Leander ist fein raus: „Der Dampf in der Küche – vor meinem geistigen Auge.“ Albertine verkraftet das spielend: „Ich habe auch eine Wolke für dich – für deine hiesige Nase.“
Sie hat einen Schrankkoffer geöffnet – die Öffnung ist leanderabgewandt – und holt aus einem Fach ein kleines schickes Päckchen mit einer Parfümflasche: „Meine neueste creation: Albertine for men.“ Das gibt sie Leander, der nähergekommen ist, über den Koffer hinweg. Sie pointiert: „Sündhaft – teuer.“ Leander schaut interessiert über den Rand des Koffers: „Ich hab sowas noch nie gesehn. “ – „Neugierig auf mein Innenleben? Aber nicht Zaungast bleiben. Komm rum.“
Er kommt rum, sie macht ihm nicht Platz, er scheut ihre Nähe nicht. Wenn er sich erinnert, wird er sagen: Es knisterte. Albertine öffnet ein größeres Fach mit einer schön aufgereihten Kollektion von geschmackvollster Bijouterie: „Meine Kollektion in diesem Jahr: Asien, Afrika, Südamerika.“ Leander kann sich nicht verkeifen: „Für Hungerlöhne.“ Albertine ist spurenverärgert: „Komm du mir jetzt nicht globalsozial. Wir haben das Thema fast jeden Morgen beim briefing auf dem Tisch. Wer diese Brosche macht, verdient ein Achtel vom Lohn eines Ford-Arbeiters in Detroit, und das Zwanzigfache all der Hungerleider und Tagelöhner um ihn herum.“ Übergangslos wird sie versöhnlicher: „Du darfst auch Fächer aufmachen.“
Dabei stellt sich Leander, überdies noch das Päckchen in der Hand, nicht sehr geschickt an und lacht: „Wer Psychologie studiert, hats nötig.“
Albertine geht zum Telefon: „Wenn die Männer wüssten, wie sehr ich sie begehre, wenn sie so hilflos sind…“ Sie hat sich auf den Bettrand gesetzt und abgehoben, einen Hinweis auf ‘Rezeption‘ gefunden, einen Knopf gedrückt – nun spricht sie fast übergangslos, jedenfalls ohne dem erfreut-erstaunten Leander eine verbale Reaktion zuzugestehen: „Ja, wie lange hat Fau Dr. Kampnagel eigentlich für mich gebucht?“
Die Wirtin am Tresen in ihrer kleinen Lobby kuckt in ihr Buch: „Vier Nächte – zunächst.“ Albertine scheint enttäuscht: „Nur vier Nächte?“ Die Wirtin: „Ja, da war was mit Berlin, glaube ich. “ – „Ach so, ja,“ sagt Albertine, „wegen Berlin. Was passiert, wenn ich dann noch 14 Nächte bleibe?“ “Kein Problem. Ihr Zimmer ist nicht vorbestellt. Frau Dr. Kampnagel sagte, sie seien unberechenbar und würden vielleicht 40 Nächte bleiben.“ Albertine lacht: „Wunderbar. Ich sag Bescheid, wenn ichs genau weiß.“
Sie legt auf und erklärt Leander: „Deine Mutter hat beim booking gesagt, ich sei unberechenbar, vielleicht würde ich 40 Nächte bleiben.“
Leander sieht gut aus, wie er da am Koffer steht, weniger auf ihn als auf Albertine fixiert. Sie sagt: „Dein Hintern gefällt mir.“ Leander, nach sehr kurzer Verblüffung: „Den siehst du doch gar nicht. “ – „Den hab ich auswendig gelernt. “ – „Also das hat mir noch keine gesagt. “ – „Hast du mal als dressman gearbeitet? “ – „Nee, ist das eine Arbeit? “ – „O ja!“ Leander siehts recht kritisch: „Kommt mir immer sehr albern vor.“ Albertine weiß: „Beim Showbusiness ist alles harte Arbeit. Da wird einem nicht so viel geschenkt.“ Sie hat mit dem Finger geschnippt.
Leander hat die Parfümflasche aus dem Päckchen geholt, die er nun öffnen will, anzüglich: „Jetzt bin ich schon wieder hilflos… “ – „Gib her, ich mach dir das auf.“
Er geht zu ihr, stolpert gelinde, fällt fast auf sie, das Fläschchen rutscht ihm aus der Hand auf den Teppich. Bei ihm treffen sich seine und ihre Hände zu einem lustvollen Spielchen. Sie lachen. Sie öffnet das Fläschchen und tut sich einen Tropfen auf den Handrücken, den sie ihm raufreicht.
„Albertine for men…“ sagt sie geschmackvoll kokett. Er riecht: „Wow!“ Er nimmt ihre Hand und küsst sie, er dreht ihre Hand um und küsst auch die Innenseite.
Albertine ist angerührt bei aller Flapsigkeit: „Handküsse… Wo hast du denn das gelernt, du altmodischer Lümmel?“ Etwas abrupt steht sie auf: „Ich muss mich frischmachen und umziehen.“ Leander weiß nicht recht, wie ernüchternd er das verstehen soll: „Das Wasser kocht. “ – „Ich kann nicht in meiner road-Kledage bei euch zum Kaffee erscheinen. Ich will auch nicht.“
Sie veranstaltet ein beachtliches Unordnungsfest, sucht rum, findet das Necessaire, was zum Anziehen, aber das ist falsch, ruppt was anderes hervor, öffnet etwas sinnlos den zweiten Schrankkoffer, kippt eine Hutschachtel aus. Schließlich geht sie vollbepackt zum Badezimmer:
„Hilfst du mir?“ Leander, denn doch etwas konsterniert: „Wobei“? Sie dreht sich in der Badezimmertür um, lächelt sehr liebevoll: „Beim Auspacken. Hier siehts schlimmer aus als in deinem Kinderzimmer.“ Leander, vielleicht spurenenttäuscht: „Lohnt denn das? Für vier Tage?“ Sie belohnt ihn: „Woher weißt du, wie lange ich bleibe? Dienstag, Mittwoch muss ich nach Berlin. Kommst du mit?“ Damit schließt sie die Badezimmertür.
Leander lächelt, stakst über die Unordnung, öffnet Schranktüren und Schubläden der Hoteleinrichtung, hebt was auf, legt es wo hin, hängt was auf einen Bügel, hat ein Seidendessous in der Hand…

Schau aus dem Fenster, Leser, und zum Himmel über dem Rosengarten. Da geht der Vorhang wieder auf über der Engel-Absteige. In der sitzt ein Engel und liest.
Und da stehen die beiden Schrankkoffer in einer gleichsam himmlischen Variante. Ein eher modern gekleideter Engel – an Leander orientiert, aber im Gegensatz zu Leander mit Heiligenschein und Flügeln – zieht Schubladen aus dem Koffer und stapelt sie. Ein Seidenhemdchen baumelt ihm am Finger:
„Das nennen sie Reizwäsche.“ Der lesende Engel fragt: „Weißt du, warum? “ – „Nein, nicht genau.“ Er überlegt, Finger am Mund. Der lesende Engel fragt: „Was ist dein Problem? “ – „Ich brauche einen Riesenkrach, den sie im Badezimmer hört, obwohl dort das Wasser rauscht.“ Der lesende Engel weiß Rat: „Das oberste Fach links im anderen Koffer hat einen Geheimverschluss, den kriegst du nicht so ohne weiteres auf.“
Der Leander-Engel zerrt an dem gewiesenen Fach, bis der Koffer stürzt und den anderen umhaut und alles purzelt, alles sehr laut.
„Roger,“ sagt er.

Dem himmlischen Vorbild entsprechend, stürzt Leander die Koffer um und stolpert selber in ein Meer von Albertinensien aus viel Seide und Bijouterien, Hüten, Parfümfläschchenpäckchen, es ist sogar ein bisschen Bürokram dabei. Albertine kommt, ins lange weiße Badetuch gehüllt dazu und lacht sehr.
Leander wühlt in der Wäsche: „Mir gefällts in deiner Seide. “ – „Beiß dich fest!“ Er tobt weiter. Dann mahnt sie belustigt: „Leander, das Wasser kocht!“ Er beteuert: „Fragt sich, ob nicht auch mein Blut kocht.“ Solche Formulierung macht ihr Spaß: „Hoho! Es fragt sich, sagt er. Entweder es kocht, oder du bist ein Schönquatscher, oder du kannst dich grandios beherrschen. “ – „Man ist verletzlich. “ – „Du? “ – „Ja. “ – „Keine Rede von Verletzungen – so kurz davor…“
Absolute Stille, Bewegungslosigkeit, nur Augen.
Dann bekennt Leander: „Du bist schön.“ Sie weiß nichts anders zu sagen als: „Mach mich nicht traurig.“ Sie stellt ihm noch frei zu gehen, sie habe nicht einmal die Zimmertür abgeschlossen. Aber er schließt ab. Und sie öffnet sehr behutsam zunächst, dann furios schnell die Arme und das Badetuch.

In der Küche im Hause Kampnagel steht die große Thermoskanne, Kaffeefilter drauf, Kaffee drin, und auf dem Herd gluckst das köchelnde Wasser leise vor sich hin.
Im Schlafzimmer sitzt Heidrun am Computer. Das Telefon klingelt, sie meldet sich und kriegt kleine Unmutsfalten auf der Stirn über die Anruferin: “Ja, Frau Häckel?”
Edita Häckel steht allein in einem großen Labor und sagt penetrant höflich ins Telefon: „Frau Doktor, ich wollte Sie nur an Toronto erinnern.“ Heidruns Unmut verstärkt sich: „Aber das weiß ich doch alles. Was haben Sie überhaupt damit zu tun?“ Sie wird reichlich spitz: „Tut mir Leid, dass Ihre Hilfe ins Leere läuft. Tschüs.“ Sie legt auf und arbeitet weiter am Computer.
In der Veranda ist der Kaffeetisch sehr schön gedeckt für fünf Personen. Linda lümmelt auf dem Sofa, liest eine Zeitschrift, die Heavy Metal in Worte zu fassen versucht und mampft Plätzchen. Sie schaut auf die Uhr und schlakst zur offenen Verandatür.
Im Garten knipst Karl-Heinz ein paar Zweiglein aus dem Gebüsch, keine Gärtnerkärrnerarbeit, er ist schließlich citymäßig angezogen.
Linda ruft lauter als schicklich: „Die vernascht unsern Leander!“ Karl-Heinz reißts rum: „Was? Wieso? Der ist doch viel zu –“ Linda bleibt frech: „Warum wirst ‘n da rot? Ist doch ne Superfrau!“
Heidrun schaut aus dem Fenster im ersten Stock, mit scheuem Blick in die Nachbarschaft, empört und belustigt: „Also Linda, ich muss auch schon sagen –“ Linda: „Aber warum sind die dann nicht hier?“ Heidrun gerät in Sorgen: „Da ist was passiert. Mit dem Riesenautobus von Albertine. Ich ruf im Hotel an.“ Sie verschwindet vom Fenster.

Da liegen die Liebenden im stillen Après. Leander streichelt Albertines Schulter, sie brummt ins Kissen: „Du hast gute Hände… Weil ich kein Kind habe, nehme ich das Kind meiner besten Freundin, aber als Liebhaber. “ – „Eine hinreißende Kom- Kombin-“ Er muss niesen: „Entschuldige, Albertine. “ – „Gesundheit. Ich liebe den Schnupfen meines Leander. Ich habe die Schnupfen aller meiner Liebhaber geliebt. “ – „Hat dir das nicht rote Nasen gemacht? “ – „Ich bin ziemlich resistent. Rosengarten – unser Paradies auf Abruf, gestern nichts, heute niest mein Leander, morgen – Was will ich mehr?…“
Das Telefon klingelt. Leander meldet sich: „Ja, bitte?“
Heidrun am Telefon im Schlafzimmer: „Leander, was ist denn? Ist was passiert?“
Leander lächelt ins Telefon: „Oh, Mum. Nein, wieso, passiert ist nichts, eigentlich… Wir kommen gleich.
Heidrun: „Aber es dauert so lange?“ Linda ist reingekommen und hat den Lautsprecher am Telefon angestellt, wodurch Leanders Stimme zu hören ist: „Mama, Albertine ist eine Dame von Welt, und die braucht eben ihre Zeit, die kann nicht in ihrer Road-Kledage meinen Kuchen essen.“ Heidrun will wissen: „Wann kommt ihr? Was ist mit dem Kaffee?“ Leanders Stimme im Telefonlautsprecher: „Kannst anfangen zu brühen. Tschüs.“
Karl-Heinz ist auch ins Schlafzimmer gekommen. Heidrun legt auf: „Also, es ist eigentlich nichts passiert.“ Linda bleibt provokativ: „Und uneigentlich?“ Sie äfft Leander nach: „Eine Dame von Welt – die kann nicht in ihrer Road-Kledage…“ Karl-Heinz möchte die Welt in Ordnung haben: „Also, Linda, er könnte ihr Sohn sein. “ – „Na und? Wie alt ist eigentlich dein Bulle Gabriel?“ fragt Linda die Mutter. Heidrun findet das schrecklich und wunderbar: „Das ist doch ganz was anderes. “ – „Den Spruch kenne ich. Bei einem selbst ist das immer ganz was anderes als bei den anderen.“ Heidrun: “Außerdem ist Gabriel kein Bulle.“ Linda macht sie nach: „Verstehe. Das ist auch ganz was anderes.“ Heidrun bleibt heiter gelassen: „Sei nicht so frech. Brüh den Kaffee auf, die kommen gleich.“ Linda geht.

Heidrun tippt wieder am Computer, Karl-Heinz schaut ihr über die Schulter. Heidrun: „Die Edita Häckel mischt sich dauernd in meine Angelegenheiten. “ – „Die Goldblonde von Doktor Stangl? “ – „Ja, geht sie gar nichts an. Kalle, bitte beschütze mich vor dieser Person! “ – „Ich harke noch mein Zeug zusammen im Garten.“

Albertine hat sich schön gemacht, legt letzte, sehr kundige Hand an vor dem Badezimmerspiegel. Leander steht hinter ihr und bewundert das, ehrlich. Albertine hat Hunger:
„Immer danach. Hat Mama gebacken?“ Leander lächelt: „Ich habe gebacken,“ Albertine hörts mit Freuden: „Du? Bist ein sehr talentierter Knabe.“ Leander mag das nicht so sehr: „Knabe… Du wirst mich noch auf die Wickelkommode legen.“ Albertine nimmts leicht: „Sei nicht empfindlich! Du bist eine Wucht und Wonne und ein Multitalent.“
Leander bewundert einen Anhänger an ihrem Ausschnitt: „Auch aus deiner Kollektion?“ Albertine: „Oh nein! Ich trage meine eigenen Klunkern nicht. Höchstens mal wegen irgendeinem merchandisingevent. Ansonsten behänge ich mich mit Werten.“ Leander weiß: „Eine Studie besagt, dass Reformhausbesitzer gerne mal ein Paar Würstchen essen. “ – „Na, siehst du. Bloß noch meine Schuhe, dann können wir.“ Sie hebt einen großen Packen Seidenwäsche auf. Leander nimmt ihn ihr ab: „Gib her.“ Er wühlt seinen Kopf in die Wäsche. Albertine siehts lachend, schlüpft in Pumps, zieht ein Hemd mit Spaghettiträgern aus dem Packen, den Leander noch hält:
„Willst du mit dem Packen auf die Straße? Schmeiß ihn irgendwo hin.“ Leander lässt ihn in eine Schublade fallen. Albertine stopft ihm das Hemdchen in sein Hemd: „Hier. Spaghettiträger sind schon wieder mal unmodern, aber die Seide ist so haltbar. Fürs einsame Kissen. Zum Wäschefetischisten ist man nicht geboren. Dazu wird man erzogen. “ – „Aber nicht von Mama. “ – „Nein, von Mamas bester Freundin – Busenfreundin.“ Sie legt seine Hand an ihre Brust. Das gefällt ihm: „Albertine…“ Sie freut sich: „Wie wunderbar du Albertine sagst. Daran messe ich meine Liebhaber.“ Leander in kleiner Abwehr: „Du sprichst ein bisschen viel von deinen Liebhabern. “ – „Kränkt es dich? Wie schön. Entschuldige. “ – „Roger. “ – „Was heißt Roger? “ – „Sagt man im Sprechfunk, steht für right oder In Ordnung oder so. Ich lerne das, weil ich irgendwann mal in einem Krisengebiet arbeiten will.“ Albertine umarmt ihn: „Das hat Zeit oder? Leander lacht: „Ja, hat Zeit. Jetzt regiert der Rosengarten.“

Karl-Heinz harkt im Garten seine abgeschnittenen Zweiglein zusammen. Heidrun ruft ihm aus dem Fenster zu: „Ich hab Toronto im Internet. Ich kann unmöglich raus. Empfängst du bitte die beiden? “ – „Klar doch.“
Die beiden schleichen ins Haus, Leander hat ja Schlüssel. Albertine setzt sich auf die unteren Stufen der Treppe, fragt sehr leise:; „So?“ Leander arrangiert sie mit einiger Körperzärtlickeit etwas anders, auch leise: „So.“ Albertine öffnet die Arme: „Und du? “ – „Ich bin zu groß geworden.“
Leser, die genau hinsehen, entdecken ein kleines Stückchen Spaghettiträger, das da aus Leanders Hemd lugt.
Linda quert mit der vollen Thermoskanne: „Hei!, warum sagt ihr denn nichts? Mama, sie sind da!“ Sie geht zur Veranda und ruft: „Paps, Sie sind da!“
Heidrun kommt aus dem Schlafzimmer, schaut von oben runter: „Was macht ihr denn da?“ Albertine erklärt: „Wir stellen eine Szene nach aus Leanders Kindheit. Hier hielt ich deinen Sohn einst in meinen Armen. Aber dazu ist er zu groß geworden.“ Heidrun: „Aber den großen könntest du doch auch in den Arm nehmen!…“ Wie ist Albertine zumute, wenn sie sagt: „Könnte ich, ja…“ Diese ewigen Kuppelinstinkte der Mütter, auch Heidruns: „Jetzt erst recht!“ Albertine muss lachen: „Jetzt erst recht, ja…“
Aus dem Schlafzimmer piepst was. Heidrun stürzt rein: „Das ist Toronto! Entschuldigt!!“
Albertine geht rauf. Leander ist etwas verwundert:; „Ich denke, du hast Hunger? “ – „Bring mir deinen Kuchen rauf.“
Karl-Heinz ist ins Treppenhaus gekommen: „Hallo, Albertine! “ – „Hallo!“
Es entsteht einige Umtriebigkeit. Karl-Heinz setzt sich in der Veranda zur Jause. Leander holt dort Kuchen. Linda meint, den könne Albertine nicht trocken runterwürgen und geht in die Veranda.
„Mein Kuchen trocken?“ kontert Leander und geht mit dem Kuchenteller rauf. Linda kommt dann mit einem großen Tablett nach. Am Ende sind alle fünf im Schlafzimmer, haben Kaffee und Kuchen, der Computer summt leise und wird von Heidrun gelegentlich bedient, Albertine prüft die Matratzen:
„Hier schlaft ihr also.“ Heidrun erklärt: „Hier arbeite ich auch, wenn ich zu Hause bin. Wir hätten zwar nebenan ein Zimmer dafür, aber so ist es gemütlicher. Und wie schläfst du?“ Albertine missversteht: „Gut, im allgemeinen.“ Heidrun stellt richtig: „Nein, ich meine: wodrauf? “ – „Ach so. Drei Ehebetten habe ich durchgelegen. Jedesmal nach der Scheidung habe ich sie auf den Müll geschmissen.“ Heidrun will wissen: „Und jetzt? “ – „Jetzt habe ich so einen japanischen Quatsch, Futon. Das Bett einer Nonne.“ Heidrun ist etwas erstaunt: „Du willst nicht behaupten –“ Albertine: „Nein, Nonne fällt mir schwer.“ Heidrun will wissen: „Und du verhedderst dich nicht in deinen vielen Männer-Fäden und –Fädchen?“
Albertine wiegelt Leanders wegen ab: „Nun wollen wir mich mal nicht schlimmer machen als ich bin.“ Heidrun stochert nach: „Was sagt dir sowas wie Treue?“ Albertine, schnell replizierend: „Wird ganz groß geschrieben.“ Leander mutet sich die Frage zu: „Wie das?“ Albertine bekennt: „Ich bleibe mir selber treu, felsenfest!“
Heidrun, wenn sie wüsste, wo sie da reintappt: „Erzähl von deiner neuesten Eroberung. Auf dem Schiff?“ Albertine vermeidet jedes Blickeschmeißen: „Nein. Ich habe gerade was Junges, sehr Schnuckliges.“ Heidrun: „Warum hast du ihn nicht mitgebracht?“ Oho, Albertine: „Habe ich ja – aber man muss ja nicht alles gleich auf dem Präsentierteller servieren.“ Heidrun: „Man könnte eifersüchtig werden auf dein Schnuckliges.“
Linda meint: „Du hast doch deinen Gabriel. “ – „Der will ich ja nichts von mir wissen.“ Albertine ist erstaunt: „Wer ist Gabriel?“ Heidrun will abwiegeln: „Ein kleiner Polizist.“ Karl-Heinz ist sehr liebenswürdig: „Mach ihn nicht kleiner als er ist.“ Heidrun lächelt ihn an: „Danke, Kalle.“
Sie muss wieder ans Gerät, Karl-Heinz kuckt auch, sagt aber noch, das Schluss-E aussprechend: „Albertine –“ Sie ist sehr geschmackvoll etwas ärgerlich: „Nicht doch Tine. Das klingt so spießig-deutsch. Leander, sag meinen Namen.“ Leander tuts lächelnd, Karl-Heinz registrierts mit Misstrauen, entschuldigt dann die Compouter-Aktivitäten: „Das Gerät ist nämlich mit dem Labor vernetzt, falls du verstehst, was ich meine.“
Albertine verstehts nur am Rande, sie hat für sowas ihre Leute. Heidrun verspricht, das gemütliche treudeutsche Kaffeekränzchen in den nächsten Tagen nachzuholen. Albertine muss Mittwoch/Donnerstag nach Berlin. Heidrun: „Wir holens jedenfalls nach.“
Linda zieht ihren Bruder am Ärmel ins Treppenhaus und flüstert ihm zu: „Das Junge, Schnucklige von der Albertine bist du, oder?“ Leander protestiert heftig und leise. Linda, nicht mehr ganz leise: „Lass die Luft raus. Mit der Wahrheit gehts am besten.“ Leander nickt lächelnd und legt ihr einen Finger auf den Mund. „Wie ein Grab,“ sagt sie und küsst ihn zärtlich auf die Wange: „Gratuliere, großer Bruder…“
Beim Computer sitzt Heidrun, Karl-Heinz schaut ihr über die Schulter und ist ziemlich aufgeregt: „Aber das sind ganz deutlich signifikante Zahlen, Heidrun.“ Heidrun reagiert sehr heiter: „Warum beschimpfst du mich? “ – „Ich schimpfe doch nicht! Das ist dein Triumph! Damit kannst du deine Arbeit abschließen. Vergiss nicht abzuspeichern.“ Heidrun ist etwas besorgt: „Hoffentlich geht alles drauf.“
Karl-Heinz wird misstrauisch: „Entschuldige mal: Ist das immer noch die Zip-Disk?“ Heidrun wird kleinlaut: „Ja.“ Karl-Heinz: „Mit deinen ganzen Daten? Hast du immer noch kein Backup gemacht?“ Heidrun, mit ziemlich viel schlechtem Gewissen: „Mach ich gleich morgen früh.“ Karl-Heinz schüttelt den Kopf: „Mädchen, du bist vielleicht leichtsinnig. Die Toronto-Daten, die kannst du dir zur Not nochmal holen. Aber deine Dateien – sowas speichert man sofort ab. Sonst muss ich dir nochmal zehn Mini-Backöfen bauen.“ Heidrun drückt Tasten und wendet sich dann an die Freundin:
„Entschuldige, Albertine, aber das war jetzt wirklich ganz schön spannend. Wir schreiben nämlich auch noch ein Buch. “ – „Einen Krimi? “ – „Wie mans nimmt. Der vorläufige Titel klingt nach Krimi: Gift in der Nahrung.“
Linda kommt wieder rein: „Ich will mal wieder abräumen.“ Albertine schiebt den letzten Bissen Kuchen in den Mund und sagt zum ebenfalls wieder reinkommenden Leander: „Dein Kuchen, Leander – auch einsame Spitze.“ Warum kann sich Karl-Heinz nicht verkneifen zu sagen: „Was heißt auch?“ Albertine springt zum nächsten Thema: „Heidi, du rauchst nicht mehr? “ – „Seit vielen Jahren völlig aufgegeben.“ Albertine gerät an ihr Thema: „Ich auch. Und wie gehts dir sonst. Was machen die Wechseljahre?“ Heidrun, lässig: „Bis jetzt nicht viel. Und du?“
Albertine wühlt rum: „So von außen auch nicht viel. Aber innen kocht es – wahnsinnig, wahnsinnige Angst vor dem schwarzen Loch, keine Männerpfoten, die sich mir auf die Schulter legen. Schrecklich, ganz schrecklich!“ Heidrun, die Ärztin: „Hysterisch. Fragen wir Leander, woher das Wort kommt. Er ist unser Experte für alles, was mit Sprachen zu tun hat.“
Leandern ist es eine Spur peinlich: „Hystera, griechisch: die Gebärmutter.“ Albertine lacht etwas gequält: „Ach nee, wusste ich nicht. Hilft mir aber auch kein bisschen weiter.“
Karl-Heinz findet es passend, sich zu verdrücken, er winkt mit einer kleinen Kopfbewegung Leandern, auch zu gehen. Der folgt.
Albertine hofft auf Heidrun: „Du bist Ärztin, Heidi – “ – „Auch die beste Ärztin kann dir keinen Mann verschreiben. Man zahlt für alles seinen Preis. Du bist allein geblieben und sehr reich geworden. “ – „Geld zahlt nicht alles, nicht einmal viel.“

In der Veranda stellt Karl-Heinz sein Geschirr, das er mitgenommen hat, auf den Tisch, Leander sucht ein freies Plätzchen für sein Geschirr. Linda bringt gerade ein Tablett raus. Leander will seine Sachen hinterhertragen. Karl-Heinz hält ihn auf:
„Leander, Moment mal, was ist das?“ Er zieht am Spaghettiträger, der aus Leanders Hemd kuckt. Leander ist mit seinen Sachen in beiden Händen etwas hilflos, ansonsten eher heiter und stolz: „Man nennt sowas Spaghettiträger. Sind schon wieder mal unmodern, aber die Seide ist so haltbar.“ Karl-Heinz zieht das Hemdchen vollends raus und ist ganz schön erregt: „Was soll denn das?“
Leander stellt das Geschirr abrupt hin und reißt dem Vater das Hemdchen weg, stopft es in seine Hosentasche: “Das ist nichts für deine Pfoten. Sehr schwer, irgendwas zu leugnen.“ Der Vater meint die Seide und mehr: „Dein Verhalten ist übel, einfach übel!“ Leander kontert: „Vor ein paar Stunden hast du dich beklagt, dass ich meine Damen nicht aufs Kreuz lege, – jetzt trage ich Spaghettiträger am Herzen, – ist es wieder nicht recht.“ Karl-Heinz hat einige Mühe, seine Eifersucht zu verbergen: „Ich nehme an, es ist das – es sind die Träger der Dame da oben. “ – „Ich bewundere deinen Scharfsinn! “ – „Sie könnte deine Mutter sein! “ – „Aber ich bin nicht ihr Sohn!“ Karl-Heinz zischt sehr ausfallend: „Du bist ihr Hurenbock!“ Leanders Augen werden zu Schlitzen, er schaut äußerst verächtlich auf seinen Vater.
Linda kommt rein und räumt weiter ab: „Was habt ihr denn?“ Leander, durch die Zähne: „Lerne einer seinen Vater kennen.“ Linda kuckt beide an und geht.
Leander will versöhnlich sein: „Meine Mutter ist deine Frau, – falls das zur Klärung der Verhältnisse beiträgt.“ Karl-Heinz rutscht ins falsche Mitleid: „Die arme Frau… “ – „Die ist sehr reich!“ Karl-Heinz, beschwörend: „Hast doch gehört, wie sie sich mit den Wechsel- mit ihrem Alter rumschlägt. Du machst sie unglücklich!“ Leander ist sehr überlegen, aber auch sehr liebenswert: „Zunächst einmal habe ich sie, wenn mich nicht alles täuscht, glücklich gemacht.“
Karl-Heinz geht raus, bewegt, schaut auf dem Flur in einen Spiegel, worin er sich wohl recht fragwürdig findet.
Linda geht wieder mit dem Tablett in die Veranda, fragt leise: „Was war denn los?“ Leander: „Was hat Albertine zu Paps gesagt, bei der Begrüßung am Stadtrand?“ Linda erinnert sich: „Er sei gealtert. “ – „Genau,“ bestätigt Leander, „das hört kein Gockel gern.“

KALORIEN RAUF UND RUNTER

Im großen Saal eines Fitness-Centers mit vielen Geräten versammeln sich so rund fünfzehn ehemalige Schülerinnen und Schüler, hauptsächlich Damen, zum 30-jährigen Jubiläum ihres Abiturs, einige mit Ehepartnern. Die denn doch beträchtlich ältere Lehrerin ist auch dabei, sowie, versteht sich, Heidrun, Karl-Heinz und Albertine. Umarmungen und Küsschen, Fragen nach dem Ergehen, aber auch nach dem ungewöhnlichen Treffpunkt. Eine Pummelige findet ihn unmöglich, typisch Fitness-Katinka.
Die rauscht rein, superschick und sehr figurbetont schon für Fitness eingedresst: „Hallo, Mädels!, Guten Abend Frau Doktor Wrede! Ich freue mich wahnsinnig, dass ihr hergefunden habt, Ich hatte ja schon in der Klasse meinen Spitznamen weg: Fitness-Katinka. Dem bin ich treu geblieben. Ich tue sehr viel für Gesundheit und Figur.“
Zwischenruf: „Siehst auch verdammt gut aus!“
Katinka: „Danke! Ich möchte euch animieren mitzumachen: Abiturfeier der Klasse Doktor Wrede im Fitness-Center, – das ist doch mal was anderes. Zum Klöhnen und Snacken findet sich da auch noch Zeit und Gelegenheit. Erstmal raus mit euch, zieht euch um, Leihklamotten hängen überall rum, alle Geräte stehen zu eurer Verfügung. Ich helfe mit Rat und Tat.“
Die Pummelige provoziert: „Gibts hier irgendwo ein Stück Kuchen?“ Gelächter. Katinka ist einigermaßen konsterniert: „Was? Nein, natürlich nicht. An der Bar gibt’s Konditionsriegel und fatburner.“ Die Pummelige haut drauf: „Dann erkläre ich dieses Folterkabinett als Schauplatz unserer Feier zu einer sadistischen Gemeinheit!“ Jetzt schauen alle reichlich verblüfft. Die Pummelige fährt fort: „Kuckt mich doch an. Ich hatte auch meinen Spitznamen in der Klasse: Pummel-Pamela. Glaubt ihr wirklich, ich schweiße mich hier in irgendein Latex-Zeug und kugle vor den diversen Ehemännern rum?! Meine Mikos reagiere ich im stillen Kämmerlein ab!“
Katinka will versöhnen: „Pamela, sei keine Spielverderberin. Ich habe mir das so schön gedacht! “ – „Kann ja sein. Ich protestiere!“ Katinkas Augen werden schmal: „Wie ernst meinst du das? “ – „Ganz ernst. Ich will Kaffee und Kuchen!“
Nun gibt’s Zustimmung, Ablehnung, Unent- schlossenheit, ein Gewoge. Albertine ergreift die Gelegenheit und eine Schmuckschatulle: „Ruhe! Zuhören! Bevor es hier zum Ausbruch offener Feindseligkeiten kommt, möchte ich doch erstmal meine Schatztruhe öffnen. Ich hab euch allen was mitgebracht, meine Damen und Herren: Meine neueste Klunker-Kollektion für die Damen und – Herrenparfüm… Frau Doktor Wrede, Sie fangen an.“ Die meint, sie sei doch viel zu alt dazu. Aber Albertine widerspricht, vielleicht nicht ganz taktvoll, aber sehr liebenswürdig:
„Für meine Klunkern ist keine Frau zu alt. Die kann man noch am Tag vor der Beerdigung anlegen!…“ So wandert sie rum: „Pamela, lass dich versöhnen! Katinka, du auch! Herr – ich weiß Ihren Namen nicht, der Mann von Anna Welfers, die ja nun auch nicht mehr Welfers heißt – “ – „Kunstmann. “ – „Albertine for men, Herr Kunstmann. Anna!, Frau Kunstmann, welches meiner Kunstwerke könnte dich verführen? Wo ist eigentlich Karl-Heinz?“
Mit einem „Hier bin ich!“ kommt er rein und verkündet unternehmungslustig: „Unten im Café werden schon Tische zusammengeschoben. Alle lieben ihren Körper, Katinka. Die einen tun ihm was Gutes mit Fitness, die anderen mit Holländer-Kirsch. Ob schwitzen oder schwelgen, – man ist schließlich mal in eine Klasse gegangen. Viel Vergnügen der Kalorienrunter-Fraktion hier oben, die Kalorienrauf-Fraktion bitte runter ins Café! Pamela, darf ich bitten.“
Er reicht ihr den Arm. Albertine schenkt ihm noch ein Parfümfläschchen: „Hier, Albertine für Karl-Heinz auf den Weg nach unten. Ich komm dann auch runter.“ Karl-Heinz ist erfreut: „O, danke!“ Sie macht noch weitere Geschenke.
Heidrun ruft noch: „Katinka, seid bitte vorsichtig! Wer sowas nicht regelmäßig macht, -“ Aber Katinka beruhigt sie: “Keine Angst, Frau Doktor, ich kenne mich aus. Und im Notfall wissen wir ja, dass da unten eine hochberühmte Ärztin sitzt.“ Sie macht sich an die Fitness-Arbeit, weist andere, die sich umgezogen haben, ein.

Es ist wunderbarerweise ein sehr gemütliches Café da unten. Pamela doziert:
„Ich weiß ganz genau, dass das nicht gut für mich ist, was ich da bestellt habe. Aber mein Behagen ist doch auch ein medizinischer Faktor, von meinen Nerven ganz zu schweigen.“ Sie spricht Heidrun an, die gerade reinkommt: „Heidrun, wie hoch schlägt Behagen zu Buche, aus medizinischer Sicht? “ – „Gar nicht hoch genug anzurechnen!“ Das hört Pamela gern: „Na also. Und Stress?“ Heidrun wiegt ein wenig den Kopf: „Dosiert. Kleine Dosen können hilfreich sein.“ Pamela schließt zufrieden ab: „Die kleinen Dosen muss ich mir nicht im Fitness-Center holen.“
Heidrun setzt sich zu einer ziemlich großgewachsenen Mitschülerin: „Vera, du hast diesmal deinen Mann nicht mitgebracht?“ Heidrun hat da eine heikle, schmerzhafte Stelle berührt. Vera wollte eigentlich auch nicht kommen, lebt in ehelichem Unfrieden, der Mann kann die Techtelmechtel mit den Sekretärinnen nicht lassen, es sei so unwürdig und beschämend. Sie redet sonst nicht darüber, „aber vielleicht, weil du Ärztin bist.“
So kommt das Thema Treue auf den Caféhaustisch, an den übrigens dauernd angebaut werden muss: Die Kalorienrauf-Fraktion kriegt immer mehr Zulauf, im Fitness-Center dünnt es aus. Auch Albertine ist gekommen.
Heidrun und Karl-Heinz meinen, auf ihre Treue angesprochen, sie sei weder Programm noch Vorsatz gewesen, sondern Selbstverständlichkeit – geworden, mit den Jahren und Jahrzehnten. Nun hassen sie Wegwerfehen. Eine stichelt: „Aber irgendwann muss er doch mal einen Weiberhintern sehen, der ihm gefällt?!“ Heidrun lacht: „Neulich wollte er einer Kellnerin in den Arm beißen.“ Karl-Heinz ergänzt lachend: „Sie hatte sehr schöne weiße Arme. “ – „Aber Armbeißen ist doch kein Ehebruch!“ Karl-Heinz stellt richtig: „Armbeißenwollen, ich hab ja nicht wirklich zugebissen.“ Heidrun bekennt: „Ich komme mir richtig schlecht vor, weils mir so gut geht.“

Eine Frau wendet ein: „Aber so ganz allein steht ihr ja gar nicht. Die Ansprüche sind einfach viel zu hoch geschraubt. Als ob eine Ehe was vereinfacht. Sie macht alles zweifach und kompliziert. Aber auch herrlich unkompliziert. Wenn man mich fragt, was denn Glück sei, antworte ich: Mit meinem Mann morgens frühstücken – das ist Glück. Basta!“
Die Glücklichen könnten bei den Ehemiseren gar nicht mitreden, wird ihnen beschieden. Vielleicht liege es bei Heidrun und Karl-Heinz auch daran, dass sie zusammen arbeiten. „Spielt sicher eine große Rolle,“ sagt Karl-Heinz, „weil ich meiner Frau lauter Mini-Backöfen baue. “ – „Mini-Backöfen? “ – „Ja. Oder sagen wir: habe ich ihr gebaut. Unsere große Studie über Backwaren geht zu Ende.“ Er bekleckert seine Jacke. Heidrun verzieht das Gesicht, sanft genervt: „Ach, Klecker-Kalle!…“ Einige Damen wollen hilfreich sein, aber Karl-Heinz wehrt lachend ab: „Danke, danke, das mach ich schon selber, bin ich sehr geübt.“ Heidrun: „Da habt ihr unser Eheproblem!“ Pamela ist denn doch reichlich verwundert: „Du nennst ihn Klecker-Kalle?“ Und Vera befindet: „Wenn das euer Problem ist, dann seid ihr einsame Spitze.“

Karl-Heinz will vom Thema weg: „War eine aufregend schöne Zeit in Heidruns Labor. “ – „Und was baust du ihr als nächstes?“ fragt Albertine. Heidrun wünscht sich: „Einen Strandkorb in Ahrenshoop.“ Karl-Heinz: „Das ist eine Frage nach meinem Frust. Ich hänge im Augenblick ein bisschen rum.“

Pamela will wissen: „Und wo ist dein Labor, Heidrun? “ – „Institut für Ernährungsphysiologie der Universität. “ – „Adresse? “ – „Rottendörferstraße 12.“ Pamela folgert: „Und genau da besuchen wir dich morgen.“ Sie fragt in die Runde: „Oder ist jemand an dem blöden sightseeing interessiert?“ Wenig Interesse am sightseeing.

Heidrun will abwimmeln: „Da gibts nicht viel zu sehen. Ihr werdet enttäuscht sein.“ Aber Albertine weiß es besser: „Der Arbeitsplatz von zwei Treuen ist immer sehenswert.“

Im Fitness-Center schwitzt eine einsame Katinka an einem Gerät. Als sie merkt, dass sie mit ihrem Spiegelbild allein ist, schreit sie: „Oh nein!“ und schmeißt sich auf einen Haufen Matten, physisch ebenso erschöpft wie psychisch.

WIR ESSEN NATRIUMPHOSPHAT UND ASPARTAME

Schau am nächsten Tag zum Himmel, Leser, zum Vorhang, der sich öffnet.

Übrigens: Ein Engel, befragt, was denn durch sein Dazutun besser gelaufen sei auf der Welt, sagte: „Besser? Nichts.“ Was er denn bewirkt habe, wurde er weiterhin gefragt, da sagte er: „Alles.“

Auf einem Tisch liegt eine Zip-Disk ziemlich kipplig am Rand. Ein weiblicher Engel hat eine große Basttasche an langer Schnur auf der Schulter und versucht, die Diskette unabsichtlich und unauffällig in die Tasche zu befördern. Sie fällt zweimal runter.

„Wie kriege ich die Diskette in die Tasche von Albertine?“ Er hat das Schluss-E ausgesprochen. Ein lesender Engel hats gehört: „Ich hörte, die Dame lege Wert auf die verschwebende Aussprache ihres Namens Albertine…“ Der weibliche Engel wird etwas ungehalten. „Ich hab das nur gesagt, weil ich nervös bin, weil ich die Diskette nicht in die Tasche kriege. “ – „Was hat sie an?“ fragt der lesende Engel.

Der weibliche Engel holt Albertine auf einen Bildschirm, die gerade in ihrem Hotelzimmer in ihre Oberbekleidung schlüpft, der andere Engel schaut sich das an und legt dem weiblichen Engel einen Schal um den Hals: „Damit schupfst du die Diskette in die Tasche.“ Das gelingt dem weiblichen Engel auf Anhieb, ohne eigenes Dazutun, es wirkt ganz als unauffällige Panne: „Roger.“

Albertine vor dem Spiegel im Hotelzimmer, fragt Leander: „Wie seh ich aus?“ Leander wirft ihr einen Schal zu, der deutlich an den Engelsschal erinnert: „Perfekt und schön, aber hau dir das noch um.“ Albertine knüpft das Tuch und nimmt eine Basttasche: „Wir können gehen.“ Leander erinnert sich: „Berlin war schön.“ Albertine küsst ihn zärtlich-flüchtig: „Mit dir ist es überall schön.“ Im Rausgehen sagt Leander: „Ich hol dich nachher vom Labor ab. “ – „Danke.“

Da sitzen, hocken, lümmeln, stehen sie im Kampnagel-Labor im Institut. Heidrun zitiert aus der Zeitschrift COLORS von Benetton, No.6:

„In der ganzen Welt arbeiten Wissenschaftler unermüdlich daran, Substanzen zu entwickeln, die besser aussehen, sich länger halten und billiger sind als Essen. Hat den schönen Namen food-design.“ Natürlich kommt der Einwand: „Aber Essen ist doch Essen!“ Heidrun: „Irrtum. Es ist oft genug Natriumphosphat, Aspartame, Fumarsäure oder enzymatisch modifizierte Zusätze, künstliche Farbstoffe, Natriumglutamat…“ Pamela schüttelt sich: „Hör auf! Ich verhungere ab sofort!“ Heidrun lacht: „Keine falsche Panik, meine Damen! Die meisten Zusätze sind ganz harmlos!“ Vera will nun wissen: „Und was ist eure Arbeit?“

Heidrun legt die Zeitschrift weg: „Wir arbeiten – ja, eigentlich am Gegenteil von food-design. Was wird unserem täglichen Brot alles zugesetzt an künstlischen Stoffen? Und alles ohne Deklarationspflicht. Auf keinem Brot steht was von Backtriebmitteln, Geschmacksverstärkern, von Diacetylweinsäureester zur Volumenvergrößerung und so weiter. Wir wollen wissen, welche natürlichen, lebensnotwendigen Enzyme werden dabei geschädigt oder gar vernichtet, welche künstlichen Enzyme werden zugefügt und vor allem, wie schädlich sind möglicherweise einzelne Chemikalien, und – wie viel schädlicher für Frauen als für Männer.“
Albertine steht ein bisschen abseits und fragt Karl-Heinz: „Und dafür baust du ihr solche Mini-Backöfen?“ Karl-Heinz: „Habe ich gebaut, ja, die sogenannte experimentelle Phase ist eigentlich beendet, und ich hänge ein bisschen rum.“
Heidrun am Computer: „Unsere Arbeit steckt jetzt hauptsächlich hier drin.“ Sie wedelt mit einer Diskette: „Hier ist die Hälfte meiner Arbeit drauf.“ Karl-Heinz glaubt, nicht richtig gehört zu haben: „Du willst nicht behaupten, dass du da noch immer kein Backup hast?!…“ Sie beeilt sich zu versichern: „Morgen, Kalle, ganz bestimmt. “ – „Meine Frau ist wahnsinnig leichtsinnig!“ Heidrun erklärt weiter: „Mein armer Mann hat leider Recht. Außer meinen eigenen Forschungen habe ich hier noch ganz wichtige Daten aus Toronto drauf, die ich ab morgen integriere, – das alles kann man dem Wert nach mit der Handschrift von Goethes Faust verglei-“
Pamela ist über Kabel gestolpert und reißt was aus einem Anschluss: „Oh!, hoffentlich habe ich jetzt nicht den Urfaust vernichtet.“ Heidrun legt ihre Diskette recht achtlos an den Tischrand und verkabelt wieder: „Nein, nein, ganz so schnell geht das nicht.“
Vera fragt aus anderer Ecke. „Kannst du uns solche Enzyme zeigen? “ – „Nein,“ sagt Heidrun. Vera will wissen: „Sind die so wertvoll?“ Heidrun erklärt: „Nein, gar nicht. Man kennt 700 oder 800, wahrscheinlich gibts 8000. Das ist alles noch viel terra incognita, viel Arbeit für eure Kinder, wenn sie Biologie oder Chemie studieren. “ – „Aber wie kriegt mein Sohn solche Enzyme zu sehen?“ Heidrun: „Die stecken in irgendwelchen Präparaten oder Auszügen, lassen sich teilweise nur sehr schwer rein kristallisieren. “ – „Und was sind Enzyme? “ – „Kuppler, Standesbeamte, Priester. Ununterbrochen werden in unseren Körpern chemische Ehen geschlossen, wahnsinnig viele!”
Pummel-Pamela lacht: „Merkt ihr?: die glückliche Heidrun hats mit Eheschließungen.“ Heidrun muss auch lachen: „Gibt dafür das schöne, sehr plastische Wort: Stoff-Wechsel. Nur mit Hilfe der Enzyme können diese Stoffwechsel ablaufen, deren Summe man kurz und schlicht – Leben nennt.“
Albertine steht mit Karl-Heinz vor einem der Mini-Backöfen: „Und mit sowas habt ihr richtig Brot gebacken?“ Karl-Heinz freut sich, erklären zu können: „Ja. Mein Problem war, dass wir in diesen kleinen Dingern genau dieselben Konditionen haben mussten wie in den großen, damit wir die Backvorgänge möglichst identisch simulieren konnten. Sonst hätte unser Brötchenbacken gar keinen Sinn gemacht. Wir haben manchmal auch mit größeren Bäckereien zusammen gearbeitet. Das war aber immer ein bisschen heikel und geheim.“
Albertine ist der Schal von der Schulter gerutscht. Er haut – freundlicher Leser weiß das aus der Engel-Absteige – die Diskette in ihre Basttasche. Das merkt niemand. Karl-Heinz hebt den Schal auf, kommt dabei Albertine zuvor, eine ganz flüchtige Intimität entsteht. Er legt ihr den Schal auf die Schulter, lässt die Hand eine Spur länger liegen als notwendig. Albertinen sind Berührung und Geste ungemein sympathisch, sie würde sie gerne verlängern.
Leander steckt vorsichtig den Kopf zur Tür rein. Heidrun freut sich: „Komm rein, Leander. Unser Sohn Leander, wers noch nicht wusste. Wir haben alle Enzyme durchgehächelt, die Sitzung löst sich gerade auf.“
Pamela will wissen: „Moment, Leander, sag uns, was die Harmonie deiner Eltern ausmacht.“ Leander überlegt kurz: „Die Harmonie meiner – Dass sie nicht immer einer Meinung sind und trotzdem viel miteinander zu reden haben – oder gerade deshalb.“ Heidrun küsst ihn. Spontaner kleiner Applaus der alten Schülerinnen. Pamela will noch wissen: „So wenig, Leander? “ – „So wenig, ja. Vom Zeitaufwand ist es sehr sehr viel.“
Dann Auflösung, Abschiede, Danksagungen, Umarmungen, Küsschen: „Bis zum nächsten Mal – in zehn Jahren – wer weiß, wie wir dann aussehen…“

Auf dem Gang geht Heidrun zwischen Leander und Albertine, sie fragt Leander:
„Paps sagt, du hast eine neue Freundin?“ Etwas verblüfft ist Leander in Albertines Gegenwart: „Stimmt – ja… “ – „Willst du mir nicht beichten?“ fragt die Mutter. Leander, was soll er da sagen: „Nein, tut mir Leid.“ Heidrun zu Albertine: „Er hat eine neue Freundin.“ Albertine spielt die Heiter-Nachdenkliche: „Der Vater weiß es, die Mutter nicht? Ist es denn eine Sensation?“ Heidrun schaut Leander liebevoll an: „Sensation nicht, aber – er wechselt sie nicht wie die Hemden. Holen wir morgen unser Kaffeekränzchen nach? “ – „Gern. Wann? “ – „Sagen wir: vier Uhr. “ – „Gut.“
Weitere Auflösung auf dem Parkplatz. Heidrun fragt Leander: „Kommst du mit uns mit?“ Aber er kann nicht: „Ich muss nochmal zu Freddie, unser Einsatz ist möglicherweise schon sehr bald.“ Karl-Heinz überkommt wieder diese dumme Vaterstrenge: „Gehst du überhaupt noch in die Uni?“ Leander antwortet leise genervt: „Keine Sorge, Paps, ich mach uns allen keine Schande. Tschüs.“ Er geht zu Albertines Jeep, legt seine Tasche rein, geht dann mit ihr vom Parkplatz weg.
Heidrun macht eine große Parkplatzkurve, sieht die beiden weggehen: „Was wackeln die denn da noch zur Uferpromenade runter?“ Karl-Heinz mit gut verdecktem Grimm: „Das ist ihr Geheimnis, nicht meins.“ Heidruns Sorge: „Dass der Leander da in so eine Katastrophe fährt…“ Karl-Heinz‘ Thema: „Mit Albertine?“ Das irritiert Heidrun kurz: „Was? Nein, ich meine seinen Einsatz in Tschetschenien oder sonstwo. “ – „Er will helfen und lindern. Ich mache mir Sorgen wegen seines Studiums. “ – „Ich mache mir Sorgen um sein Leib und Leben. “ – „Das natürlich auch…“

Albertine ist mit Leander auf dem Weg zum Flussufer. Als spüre sie Heidrun im Rücken meint sie: „Deine ahnungslose Mama…“ Leander: „Dabei ist sie sonst so helle und so schnell. “ – „Aber wieso weiß dein Vater was? “ – „Von mir.“ Albertine schaut ihn etwas kritisch an: „Musste das sein?“ Leander lacht: „Ja. Ein Stück Spaghettiträger kuckte aus meinem Hemd hier vorne. Hat er gefragt, woher ich das habe.“ Albertine lacht kurz auf, dann ist sie wieder nachdenklich. Leander: „Ich hab gar nichts gesagt. Aber das war auch nicht nötig.“
Sie haben sich auf eine Bank gesetzt. Sie krault seine Nackenhaare, er legt den Kopf auf ihre Schulter.
Das Mädchen aus der Junkieszene vom Bahnhof hockt sich hinter sie: „Einen Grünen oder ich sags Mama.“ Leander reagiert nicht böse, aber deutlich: „Verpiss dich!“ Albertine ist denn doch etwas schockiert: „Leander!“ Das Mädchen: „Freut mich, dass der Leander was bei mir gelernt hat.“ Albertine will wissen, was denn ein Grüner sei. „Hundert Eurili,“ sagt das Mädchen. Albertine holt einen Hundert-Euro-Schein aus der Tasche und hält ihn dem Mädchen hin.
„O, lesbisch, gnädige Frau? Wie hättens Sies denn gerne?“ Sie greift nach dem Schein, den ihr Albertine blitzschnell wegzieht, ihn aber weiterhin hochhaltend, zu Leander: „Sags nochmal. “ – „Verpiss dich, Goldkind.“ Das Mädchen nimmt den Schein und geht rasch weg, setzt sich, nicht ganz ohne Provokation, auf die nächste Parkbank.
Albertine betrachtet sie: „Oder hättest du sie gerne gerettet? “ – „Ich will immer helfen, aber – “ – „Du bist ein ernsthafter junger Mann, – das sind die schlimmsten. Dein Goldkind wird in die Hölle stürzen. Die ist am Bahnhof gleich um die Ecke.“ Leander will in die Leichtigkeit ausweichen: „Erlauben wir ihr eine kleine Ruhepause so kurz vor der Hölle.“
Albertine ist unvermittelt ernst: „Wann stürzen wir in die Hölle?“ Dem ist Leander nicht gewachsen: „Berlin war sehr schön. “ – „Du wiederholst dich. New York ist auch schön. Willst du als mein Prinzgemahl aufs New Yorker Partyparkett? Cocktails, business, Flirts, meine mörderische Eifersucht?“ Leander kann gut ausweichen: „Ich gehe nach Tschetschenien.“ Albertine weiß weitere kleine Quälereien: „Soll ich als Studentenbraut durch die Altstadt tippeln und auf die Rückkehr des Helden warten?“
Leander mag solche Gespräche nicht und verbreitet Jugendweisheit. „Lass die Dinge sich doch entwickeln, Albertine, schauen, was trägt. Du machst dir so viel Frühsorgen!“ Albertine lacht schmerzhaft auf: „Früh? Du bist gut! Bei mir ist es sehr spät. “ – „Soll ich dich ins Hotel bringen?“ Albertine bleibt abweisend: „Ich sitze am Steuer.“ Leander will nicht aufgeben: „Ich komme wenigstens nach Mailand mit.“
Albertine steht auf: „Wenigstens ist mir zu wenig.“ Und geht. Nicht zu leugnen, dass der Alleingelassene einen Blick riskiert, ob das Mädchen noch auf der nächsten Bank sitzt. Gerade noch rechtzeitig dreht er sich zurück, als auch Albertine stehenbleibt und sich umwendet, sie lächelt wehmütig, streckt die Arme aus: „Komm – wenigstens ins Hotel…“ Leander rennt zu ihr.

HEIDRUNS HÖLLENFAHRT

Heidrun bietet Albertine noch ein Stück Kuchen an, aber Albertine kann nun wirklich nicht mehr. Sie holen das Willkommenskaffeekränzchen nach. Karl-Heinz mampft noch.
Albertine: „Hat Leander den auch gebacken? “ – „Nein, Karl-Heinz.“ Albertine ist sehr unvermittelt lobensvoll: „Auch das noch!“ Was sie damit meine? „Naja, da baut er dir lauter Mini-Backöfen und dann kann er auch noch selber exzellent backen.“
Sie schaut ihn so anhimmelnd, aber auch ernsthaft verführerisch an, dass Karl-Heinz doch etwas verlegen wird: „Machts euch was aus, wenn ich draußen weitermähe.“ Albertine ist sofort einverstanden: „Nein! Ja, lass die Damen allein.“ Er geht raus.
Albertine eröffnet eine schwere, harte Partie: „Heidrun, ich glaube, ich habe ein Mittel gefunden, wie ich mit dem Schwarzen Loch der Wechseljahre fertig werden kann.“ Heidrun wird fast ärgerlich: „Sie sind kein Schwarzes Loch, Albertine! “ – „Doch das sind sie. Für mich jedenfalls. Bis an die Grenze zum Selbstmord.“ Heidrun kontert sehr nüchtern: „Als Erpressung.“ Albertine gerät in Nöte: „Auch als Erpressung, aber auch echt. Da verwischen sich die Grenzen. Die Angst, ohne Mann, ohne Partner da zu verschwinden, macht mich wahnsinnig! “ – „Ein dunkles Tor vielleicht, aber dahinter liegt doch der Herbst, die ganze Ernte des Lebens. “ – „Deine Poesie reißt mich zu Boden! So kannst du nur reden, weil du deinen Kalle hast, wenn er sich auch manchmal bekleckert.“ Heidrun lacht: „Ja, ich weiß, ich bin privilegiert, trotzdem: Du kannst die Wechseljahre nur akzeptieren, du kannst keine griechische Tragödie aus ihnen machen.“ Albertine schleicht sich an ihr Thema: „Ich brauche ein ganz seltenes Tier. “ – „Willst du dich mit einem Bernhardiner trösten? “ – „Nein, mit einem treuen Mann.“
Heidrun holt weit aus: „Das kann ich verstehen, aber den kriegst du in keinem Laden. Treue hat sehr viel mit Zeit zu tun, mit vielen Jahren, sehr vielen Jahren. Es ist ein Mosaik, ein puzzle, das man 25 Jahre lang spielt oder legt oder – dran arbeitet, wie mans nennen will. Und selbst dann ist es natürlich noch nicht fertig. Treue ist nicht, Treue wird, work in progress. Da gibts keinen Schnellkurs. Irgend so ein Klugmann hat mal gesagt: Die Erfahrungen, die man in 25 Jahren macht, kann man nur in 25 Jahren machen. Man kann so leben, wie du gelebt hast, und es war sicher beneidenswert schön, – streckenweise jedenfalls. Du kannst ein Leben lang auf die Treue pfeifen, aber du kannst sie nicht hinterher einfordern, wenn du plötzlich vor dem Schwarzen Loch stehst – oder zu stehen glaubst.“
Albertine wird nervös: „Hör auf! Du kannst mir keinen Mann verschreiben. “ – „Nein. “ – „Hast du neulich gesagt. Aber du könntest mir einen leihen.“ Heidrun wird argwöhnisch: „Einen Mann leihen? Leander?“ Jetzt verliert Albertine Sympathien: „Nein, nicht das Jüngelchen.“ Heidrun überhörts und fragt massiv: „Wen?“ Albertine bleibt sehr lässig: „Erraten.“
Beide Damen verfolgen den Rasenmähenden im Garten. Heidrun will flapsig bleiben: „Machst du Witze? Wird sind doch hier nicht auf dem Pferdemarkt. Rent a horse oder was?“ Jetzt sprudelt Albertine los: „Warum soll ich dich um diesen Mann beneiden? Warum kann ich ihn nicht haben? Er hat doch gestern geklagt, dass er nichts mehr zu fummeln hat. Jetzt kriegt er mich. Was will er mehr?“ Heidrun verschließt sich immer deutlicher: „Du spinnst, echt.“ Albertine lässt nichts aus: “Heidi, sind wir moderne Frauen oder spießige alte Hutschachteln? “ – „Wahrscheinlich gehen unsere Auffassungen über spießige alte Hutschachteln weit auseinander. “ – „Gib ihn mir, bitte, nach den Wechseljahren kriegst du ihn wieder.“ Heidrun findets ziemlich eklig: „Ich habe keinen Männerverleih, wovon redest du?!“
Albertine insistiert weiter: „Du brauchst ihn nicht mehr. Ein Mann gehört der Frau, die ihn braucht. Er hat dir zwei Kinder gemacht. Sie sind aus dem Gröbsten raus und gedeihen prächtig. Du wirst mit deinen Backöfen riesigen Erfolg haben und publicity. Mit deinen Giften in der Nahrung wirst du Geld scheffeln. So what? Wozu brauchst du den Kerl da noch?“
Heidrun sitzt regungslos, springt dann auf, rennt zur offenen Tür, ruft: „Kalle!“ Albertine schiebt sich ganz schnell dazwischen, ruft zu Karl-Heinz: „Heidrun hat zu früh gerufen. Mäh weiter, Kalle.“
Sie schließt die Tür, lehnt sich daran: „Lass mich das machen!“ Sie setzt massiv auf weitere Verunsicherung Heidruns: „Wie ist er denn als lover? Aber das werde ich ja selber – Euch wird das guttun, Heidi. Ihr seid eingeschweißt ins Paradies wie die steaks in der Kühltruhe im Supermarkt. Raus mit euch!“ Heidrun zwingt sich zur Ruhe: „Von unsrem Paradies hast du keine Ahnung, keine!“
Wahnsinnig lautes Heavy Metal stampft aus Lindas Zimmer. Heidrun schreit: „Linda!“ Die Musik bricht ab. Linda steckt den Kopf aus ihrem Zimmer und ruft: „Entschuldigt!“ und verschwindet wieder.
Stille. Dann fängt Albertine wieder an: „Gestern hat er mir den Schal aufgehoben und um die Schulter gelegt. Drei Ehemänner, zig Liebhaber, aber nie hat mir ein Mann so die Pfote auf die Schulter gepackt – da ist es passiert.“ Heidrun geht nahe zu ihr und sagt sehr dezidiert: „Albertine, da ist gar nichts passiert.“ Albertine hält solcher Nähe nicht stand und retiriert etwas. Heidrun wird dadurch etwas gnädiger: „Als ob wir blöde Teenager wären!…“ Albertine ist keineswegs besiegt: „Seit 25 Jahren bist du versorgt, mit Händen auf der Schulter und anderswo. Es ist passiert. Vielleicht bei ihm noch nicht. Bei mir ja. Ich hab euch gesehn, wie ihr Arm in Arm vom Hotel weggegangen seid.“ Heidrun wird fuchtig: „Und jetzt soll ich meinen Arm aus seinem ziehn und deinen drunterschieben und sagen: Seid fruchtbar und mehret -? Was soll der ganze Quatsch?!“
Albertine will etwas sagen. Heidrun schneidet ihr das Wort ab: „Lass mich ausreden! Vielleicht reden wir so bald nicht mehr miteinander!“ Nach kurzer Pause wird ihr klar: „Ich habe nichts mehr zu sagen. Ich nehme das nicht Ernst.“ Albertine kontert hart: „Das solltest du aber.“ Heidrun tritt die Flucht nach vorne an und geht rasch weg: „Das Labor schreit nach mir!“
Karl-Heinz klopft an die geschlossene Verandatür. Albertine macht lächelnd auf. „Wo ist Heidrun?“ fragt er. Albertine erklärt: „Das Labor schreit nach mir, hat sie gesagt.“ Karl-Heinz will hinterher, brabbelt: „Ohne mir was zu sagen –“ Albertine wird überlegen: „Die erwischst du nicht mehr, hatte ein irres Tempo drauf.“ Karl-Heinz argwöhnt: „War was? “ – „Nein, gar nichts.“ Karl-Heinz gibt für den Moment auf: „Naja, sie braucht mich im Labor eigentlich gar nicht mehr. Ich bin arbeitslos.“
Das hört Albertine gerne, ebenso gerne setzt sie dieses Missverständnis in die Welt: „Mein Mann in Mailand –“ Karl-Heinz reagiert erwünscht erstaunt: „Dein Mann?“ Albertine lacht: „Mein Manager in Mailand ist eine Nappsülze, eine Flasche.“ Karl-Heinz will wissen: „Deutscher? “ – „Schweizer. “ – „Die sind doch sonst so tüchtig. “ – „Der nicht. Vielleicht, weil er aus dem Tessin ist, Welschschweizer. Und in der New Yorker Zentrale gäbe es auch manches zu tun.“
Karl-Heinz ist liebenswürdig spröde: „Aber doch nicht für mich – kaum,“ fügt er allerdings an. Albertine knüpft woanders weiter: „Ein Paradies habt ihr hier. “ – „Komm, ich zeig dir den Garten.“

Heidrun steigt auf dem Institutsparkplatz aus dem Auto, etwas enge Parklücke, sie taumelt ein wenig, muss sich festhalten, geht einige Schritte zum Institut, bleibt stehen, geht rasch zurück, steigt ins Auto, startet, denkt verbiestert nach, steigt aus, steht regungslos in der Enge der offenen Autotür.
Ihr Chef, Ewald Stangl, ist auch angekommen, zwei oder drei Plätze entfernt, er ruft: „Stellen Sie doch den Motor ab, Frau Droktor Kampnagel!“ Heidrun schaut ihn recht verständnislos an. Er ruft: „Oder wollten Sie wegfahren?“ Heidrun zieht den Zündschlüssel: „Nein, nein!“ und schließt zu.
Sie treffen sich auf dem Weg zum Institut. Er fragt: „Was macht die Arbeit?“ Heidrun braucht viel Kraft, den Alltag zu bestehen: „Ich denke, dass ich in zwei Wochen endgültig mit allem fertig bin.“ Stangl fühlt sich gar nicht so wohl in seiner Haut: „Ich hege größte Hochachtung für Ihre Forschung. Aber ich mache mir auch große Sorgen.“ Heidrun hat viel Grund zu sagen: „Ich auch. “ – „Sie wissen, dass Sie Feinde haben?“ Der Doppelsinn macht ihr zu schaffen: „Ja. An unserem täglichen Brot verdient die Chemie beachtlich. Ich rüttle an Tabus. “ – „Es lässt sich nicht leugnen, dass Sie Arbeitsplätze in der chemischen Industrie gefährden.“
Heidrun wird ärgerlich: „Ich hasse dieses Argument! Vor allem, wenn es leichtfertig vorgebracht wird. Das heißt doch in meinem Falle nichts anderes als: Lasst die Frauen ruhig krank werden, wenn nur die Chemiearbeitsplätze erhalten bleiben und die Chemie-Werte an der Börse nicht in den Keller sausen. “ – „Jetzt übertreiben Sie! “ – „Geben Sie mir eine andere Erklärung. Am liebsten würden sie mich abknallen.“ Stangl verwahrt sich energisch: „Ich doch nicht!“ Heidrun fällt plötzlich wieder Albertine ein: „Wär auch nicht schade.“ Jetzt wird Stangl freundlich-väterlich: „Nicht doch, Frau Doktor! Machen Sie Ihre Arbeit in Ruhe zu Ende. Ich stehe dazu, ohne Wenn und Aber. Die Freiheit der Forschung gilt hier uneingeschränkt , dass das klar ist!“
Sie sind einen Korridor langgegangen. Aus einem Quergang kommt Edita Häckel, was Heidrun zusätzlich irritiert. Stangl mimt Gleichgültigkeit: „Guten Tag, Frau Häckel.“ Sie grüßt zurück und geht weiter. Stangl, leise, der Davongehenden nachschauend: „Ich wollte Ihnen noch Frau Häckel ans Herz legen. Das wäre sicher eine sehr gute Mitarbeiterin für Sie.“ Heidrun ist sachlich abweisend: „Jetzt in der Schlussphase brauche ich wirklich niemanden mehr.“ Stangl: „Vielleicht später einmal. Wenn Sie Sorgen haben, Frau Doktor, – ich bin für Sie da. Tschüs.“ Heidrun geht in den Quergang: „Danke. Tschüs.“
Sie kommt ins Labor, versucht Ruhe zu bewahren, schaltet Computer und zwei andere Geräte ein, zieht den weißen Laborkittel an, murmelt: „Ich muss jetzt erstmal die Toronto-Daten auswerten.“
Sie sucht die Zip-Disk, zunächst genau an der Stelle, von der sie Albertine beim Schalverlieren in die Basttasche gerutscht ist. Sie schaut sich irritiert um, dann unter den Tisch, dann auf den Schreibtisch, findet eine Diskette, aber die ist es nicht. Sie schließt den Diskettenbehälter auf, sucht zunehmnend nervöser, geht noch einmal zu der Stelle vor dem Schreibtisch, dann wählt sie am Telefon.
Albertine riecht an einer Rose. Karl-Heinz will wissen: „Und wie wohnst du in New York?“ Albertine lässt nicht das geringste aus: „Du musst mich besuchen. Das genaue Gegenteil, nur Wände, aber schön, ein Loft im 32. Stock in der –“
Das Telefon klingelt, der ziemlich laute Außenwecker. Karl-Heinz geht rein: „Entschuldige.“ Er meldet sich: „Kampnagel?“ Heidrun telefoniert sehr erregt: „Wo kommst du her? Ist Albertine noch da? “ – „Ja. Wieso?“ Heidrun: „Karl-Heinz, die Diskette ist weg!“ Karl-Heinz schaltet nicht gleich: „Welche Diskette? “ – „Die Zip-Disk mit den Sachen aus Toronto. Und gut die Hälfte meiner Dateien.“ Karl-Heinz ist sehr irritiert: „Was heißt weg?“
„Weg heißt weg! Sie ist nicht da. Ich habe überall gesucht.“ Ihr fällt was ein: „Jetzt weiß ich: die Häckel hat sie gestohlen, die Edita Häckel! Die kam grade aus dem Gang, als ich ins Labor wollte. Na, die kriegt was zu hören!“ Karl-Heinz beschwört sie: „Heidrun, mach keinen Quatsch! Ich komme sofort. Die Häckel war auf der Toilette! Hattest du die Daten denn noch immer nicht auf der Festplatte? Versprich mir, dass du keinen Mist baust, bis ich da bin. Kein Risiko! Tschüs!“
Er legt auf. Sehr knapp zu Albertine, die reingekommen ist: „Ich muss sofort zu Heidrun. Die Diskette ist weg, vielleicht gestohlen. Entschuldige! Tschüs!“
Und weg ist er. Albertine ist nachdenklich, holt die Autoschlüssel aus der Basttasche, gräbt nach etwas, das sie gefühlt hat, holt zur ihrer größten Verwunderung die Diskette raus, liest, was darauf steht, murmelt: „Die sucht Heidrun,“ ein triumphierendes Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht, kein rundweg sympathisches.
Leander kommt von draußen, Begrüßung mit etwas lässigem Küsschen: „Wie schön, dich hier zu treffen!“ Albertine ist mit den Gedanken ganz woanders: „Dein Vater kann auch sehr gut backen.“ Leander sieht die Diskette: „Was hast du denn da?“ Albertine steckt sie schnell weg. „Die Dis- äh: eine Diskette. Ich weiß gar nicht, wie die in meine Tasche kommt.“ Leander lacht: „Du willst nicht behaupten, dass da Engel am Werk waren. Du hast doch dein halbes Büro mit. “ – „Jaja, das wird’s sein. “ – „Wieso bist du allein hier? “ – „Dein Vater hat mich sitzen lassen. Na warte!“ Sie geht. Leander bietet sich an, sie zum Hotel zu lotsen. Aber Albertine verschwindet, wild entschlossen: „Ich brauche keinen Lotsen mehr!“

Heidrun sucht verzweifelt die Zip-Disk, immer wieder an denselben Stellen, die Vergeblichkeit macht sie wahnsinnig. Sie tut drei Disketten nacheinander in den Computer, in irrer Eile, kuckt, schmeißt raus, findet natürlich nichts.
Telefon. Heidrun meldet sich genervt: „Kampnagel?“ Am anderen Ende ist der eine TV-Journalist von der Pressekonferenz: „Guten Tag, Frau Doktor Kampnagel. Wagner.“ Heidrun kann mit dem Namen nichts anfangen: „Wer? “ – „Wagner von TV-Global. “ – „Kenne ich nicht. “ – „Wir haben uns auf Ihrer Pressekonferenz kennengelernt. Ich habe Ihnen meine Karte gegeben. Ich würde wahnsinnig gern einen Interviewtermin mit Ihnen vereinbaren.“
Heidrun ist sehr nervös: „Nein, bitte nicht, kein Interview! Jetzt nicht. Rufen Sie in drei Tagen nochmal an, es ist im Moment denkbar ungünstig. “ – „Gut, aber sagen Sie uns in drei Tagen bestimmt einen Termin, möglichst vor dem 20. Wir richten uns nach Ihnen.“ Heidrun ist gequält froh: „Ja, danke, Wiedersehn.“ Sie legt auf, kuckt wieder Disketten an, sehr hoffnungsarm und unaufmerksam.
Plötzlich rennt sie raus, in das Labor, in dem Edita Häckel und andere Laborantinnen an Mikroskopen sitzen oder Versuchsanordnungen überwachen. Heidrun ist aufs äußerste erregt, die Erregung steigert sich durch die ihr wie Leugnen vorkommenden Reaktionen der Edita Häckel: „Geben Sie die Zip-Disk raus! “ – „Was? “ – „Sie haben in meinem Labor eine Diskette gestohlen! “ – „Was habe ich? “ – „Ich habe gesehen, wie Sie aus dem Gang kamen! “ – „Ich war auf der Toilette. “ – „Wieso gehen Sie auf meine Toilette?“
Jetzt wird Edita pampig: „Wieso ist das Ihre Toilette? “ – „Sie können auf jede andere Toilette gehen! “ – „Also, das ist doch wohl lächerlich! “ – „Soll ich die Polizei einschalten?“ Edita kriegt ein wenig Überlegenheit: „Bevor Sie solche Sachen sagen, sollten Sie erstmal gründlich suchen!“
Institutsleiter Stangl kommt rein: „Was ist denn hier los?“ Edita flieht zu ihm: „Herr Doktor! Frau Doktor Kampna- “ Heidrun überschreitet Grenzen: „Sagen Sie nicht Herr Doktor zu ihm. Im Bett sagen Sies doch auch nicht!“
Nach allerkürzestem Schock stürmt Karl-Heinz rein: „Heidrun, was ist los?“ Heidrun will aber nur wissen: „Was war mit Albertine?“ Das irritiert Karl-Heinz: „Wieso mit Albertine? “ – „Ja, mit Albertine und dir? “ – „Ich hab ihr den Garten gezeigt. Heidrun, was ist hier los? Ich hab dir extra gesagt –“
Stangl hat seine Fassung einigermaßen wieder: „Herr Kampnagel, Ihre Frau scheint mir doch sehr angestrengt und überarbeitet. Bitte kümmern Sie sich um sie.“ Karl-Heinz wills leicht nehmen, fasst Heidrun um die Schulter: „Ich habe nie aufgehört, mich um sie zu kümmern und werde nie damit aufhören.“ Heidrun fällt das Lächeln schwer. Er führt sie raus.

Heidrun insistiert beim Gang über die Korridore, mit gedämpfter Stimme: „Die Häckel hat die Diskette geklaut! “ – „Heidrun, streich das aus deinem Hirnkasten! Was hätte sie denn für ein Motiv? “ – „Der Stangl wollte sie mir heute noch andienen. Sie ist eifersüchtig auf meine Arbeit und will mir schaden, “ – „Quatsch! Lass uns die Diskette suchen! “ – „Wo sie doch gestohlen ist!“
Sie sind im Labor. Heidrun fragt unvermittelt: „Du hast ihr den Garten gezeigt?“ Karl-Heinz hat kleine Mühe umzuschalten: „Wem? Ach so, Albertine, ja. Was fragst du dauernd?“ Heidrun, was soll sie sagen: „Bloß so.“
Karl-Heinz geht zu der Stelle, wo er gestern mit Albertine stand: „Hier hat sie gelegen.“ Heidrun bestätigt: „Genau hier. Da habe ich sie hingelegt, als Pummel-Pamela den Kabelsalat gemacht hat. “ – „Und ich hab hier gestanden, – “ – „- und hast ihr die Hand auf die Schulter gelegt.“
Karl-Heinz erinnert sich mit einem winzigen Anflug von Sympathie: „Was? Ach ja. Ihr Tuch war runtergefallen.“ Heidrun ist jetzt wieder bei ihrem anderen großen Kummer: „Wie war das?“ Karl-Heinz versteht überhaupt nicht: „Was? “ – „Die Hand auf ihrer Schulter.“ Karl-Heinz kann und will nicht: „Wie soll das gewesen sein?“
Heidrun hat die nächste Attacke: „Albertine hat die Diskette gestohlen.“ Karl-Heinz wird leise ungehalten: „Jetzt hör auf, dauernd Weiber zu beschuldigen, dass sie dir Disketten klauen. Die hat doch nur Wert für dich.“ Heidrun, nicht ganz abwegig: „Wenn man ihren Wert für mich kennt…“
Telefon. Karl-Heinz meldet sich: „Kampnagel?“
Am anderen Ende ist Albertine im Dessous, in ihrem Hotelzimmer, ganz schön in Fahrt: „Kein Wort zu Heidrun, wer hier mit dir spricht: Albertine.“ Karl-Heinz schaltet schnell: „Ja, Frau Häckel? “ – „Gut. Komm zu mir. Ich habe was für dich. Komm unbedingt allein. Wenn du nicht allein kommst, -“ Karl-Heinz lügt sehr flüssig und elegant: „Gut, Frau Häckel, ich warte, jaja, – ich warte, auch wenns etwas länger dauert. Wiedersehn.“
Er legt sehr konsterniert auf: „Die Häckel hat wahrscheinlich die Diskette. “ – „Ich habs gewusst. Wir holen sie. “ – „Nein, ich alleine. Sie besteht darauf. “ – „Will die dich auch vernaschen? “ – „Ich bin doch kein Drops. Wieso auch? “ – „Hol die Diskette, schnell. “ – „Sie sagt, es kann dauern. Klingt alles sehr merkwürdig. Ich soll auf jeden Fall warten. “ – „Wo denn überhaupt?“
Weitere flüssige Lüge: „Am Fußende der Nottreppe beim Transformatorenhäuschen. “ – „Klingt allerdings merkwürdig. Aber Hauptsache, wir kriegen die Scheibe zurück. Geh und komm schnell wieder. “ – „Heidrun, bitte Geduld! Sonst kommen wir nie wieder in den Strandkorb nach Ahrenshoop.“ Er umarmt sie kurz, herzlich, geht zur Tür, dreht sich um: „Ich muss dir was gestehen: -“ Heidrun wehrt entsetzt ab: „Nein, nicht jetzt, bitte nicht!“ Karl-Heinz ist etwas erstaunt: „Es ist ein schönes Geständnis – eine Liebeserklärung.“ Da ist Heidrun ganz schnell bereit: „Ach so. Ich wäre jetzt sehr glücklich über eine Liebeserklärung von dir. Los!“
„Als ich hörte, dass die Diskette weg ist, dachte ich spontan in den unteren Etagen meiner Seele: Vielleicht muss Heidrun jetzt nochmal ran, vielleicht musst du ihr nochmal einen Ofen bauen, vielleicht gibt’s nochmal ein paar Wochen Nachklang an unsere wunderschöne heiße Arbeitsphase.“ Heidrun rennt zu ihm und küsst ihn sehr zärtlich: „Holst du mir trotzdem meine Diskette?“ Er geht rasch.

EIN TREUER IST NICHT ZU HABEN

Albertine im Negligé, nicht albern verführerisch, aber reizvoll, kippt einen Whiskey, denkt einen Augenblick nach, kippt noch einen. Es klopft. Sie stellt Flasche und Glas schnell in die Minibar zurück: „Herein.“
Karl-Heinz kommt rein. Albertine, sehr liebenswert doch auch: „Herein, mein Lieber.“ Karl-Heinz ist nur leise vom Negligé irritiert. Er sieht die Zip-Disk auf dem Tisch, geht hin: „Ah, da ist sie ja.“
Aber Albertine kommt ihm geschmeidig zuvor und hält die Diskette in hocherhobener Hand. Karl-Heinz wird es zusehends mulmiger, aber doch auch aufgeheizter: „Hast du die geklaut?“ Albertine lügt glatt: „Ja.“ Karl-Heinz geht zum Telefon: „Darf ich schnell Heidrun anrufen?“
Albertine legt die Diskette im Bad auf die Klobrille: „Ein Wort mit Heidrun, und ich mache hier so.“ Sie schnippt mit dem Finger, als wolle sie die Diskette ins Klo befördern. Karl-Heinz will ins Bad, die Diskette retten: „Mach keinen Quatsch! Du weißt nicht, was die wert ist!“ Albertine verstellt ihm den Weg: „Das weiß ich ganz genau: die Handschrift vom Urfaust!“ Karl-Heinz wird dauernd gebremst und verunsichert: „Warum hast du sie geklaut?“ Albertine wird langsam immer deutlicher: „Wie hätte ich dich sonst in diese Absteige gelockt? Doch nicht mit dem Duft von Albertine for men.“
Sie stehen einander gegenüber. Albertine lächelt: „Nun bist du da und stolz, dass du Heidi einen riesigen Dienst erweist. Und hast keine Ahnung, was das kostet.“ Karl-Heinz will aus der Falle raus, ist aber wenig geschickt: „Was sollte das kosten?“ Albertine, nett: „Kalle, spiel nicht den Trottel, das mag ich nicht.“
Sie dreht sich rasch um, nimmt die Diskette vom Klorand, legt sie auf den Tisch, zieht sich lauernd, abwartend zurück. Karl-Heinz wendet sich zum Tisch, ist sehr zögerlich und irritiert. Albertine flüstert fast: „Ich liebe hilflose Männer…“ Karl-Heinz sucht dauernd Schlupflöcher: „Ich bin vielleicht nicht ganz so hilflos, wie du hoffst.“
Er steckt die Diskette in die Tasche und geht zur Tür. Albertine umarmt und küsst ihn, zunächst sanft und zärtlich, dann fordernder. Sie zieht ihm die Diskette aus der Tasche, als er gerade die Umarmung erwidern will. Sie legt sie wieder auf die Klobrille: „Ich kanns nicht dir überlassen. Ich muss dich erpressen.“ Sehr leichthin fragt sie: „Wie haben dir meine Küsse geschmeckt?“ Karl-Heinz lächelt, ehrlich: „O gut, sehr gut, aber – du hast mich ja nur geküsst, um die Diskette nochmal zu klauen.“ Albertine verrät sich, aber das fällt gar nicht auf: „Wieso nochmal?“ Karl-Heinz schüttelt hilflos den Kopf: „Albertine, du bist wahnsinnig.“ Albertine sagt sowas beinah nüchtern: „Ja, wahnsinnig scharf auf dich.“
Karl-Heinz lächelt, ein bisschen gequält, aber doch auch geschmeichelt. Albertine triumphiert: „Ah, der Treue lächelt!…“ Karl-Heinz will ins Bad: „- und denkt sich sein Teil.“ Albertine geht zur Zimmertür: „Bevor du Dummheiten machst – du bist gefangen.“ Sie schließt ab und steckt den Schlüssel ins Decolleté: „So hat Katharina die Große auch Gefangene gemacht. Jetzt kannst du die Diskette nehmen.“ Karl-Heinz, eher treuherzig: „Aber ich komme nicht raus.“ Albertine: „Doch. Kannst dir auch den Schlüssel nehmen – suchsuch…!“
Karl-Heinz gewinnt nun Überlegenheit: „Ein Gefangener geht immer im Kreise herum und tut, was die Obrigkeit von ihm verlangt. Er bestimmt nicht, er wird bestimmt.“ Albertine klappt zusammen, ganz ehrlich, oder fast ganz ehrlich: „Ich will keine Obrigkeit sein!… Oh, Kalle, wenn du wüsstest: – ich spiel die Überlegene und tu so, – und es ist mir nur zum Heulen…“
Karl-Heinz geht zu ihr, mit ein bisschen Hoffnung, ungeschoren davonzukommen: „Kann ich dir helfen?“ Albertine, naiv und umso verführerischer: „Ja. Leg mir deine Hand auf die Schulter und erklär mir das mit den Mini-Backöfen nochmal.“ Karl-Heinz legt ihr die Hand auf die Schulter. Sie hebt die Hand hoch, hebt den Schulterteil des Morgenrocks: „Drunter.“ Karl-Heinz sieht was: „Ah, Spaghettiträger!“ Sie legt seine Hand darauf: „Sind ja gar nicht mehr modern, aber –“ Karl-Heinz ergänzt kundig: „- die Seide ist so haltbar.“
Albertine schaut ihn spurenverärgert an: „Das hat dir Leander verklickert, und der hats von mir. Was hat er dir noch alles verraten? “ – „Nichts. Er war sehr verschwiegen, hat meiner Neugierde kein Futter geliefert.“ Albertine hakt sehr aufmerksam ein: „Ah!, warst du neugierig?“ Karl-Heinz zuckt etwas hilflos die Achseln: „Ja… “ – „Was wollte der Treue denn alles wissen? Vielleicht wie meine Küsse schmecken?“
Sie dreht sich ihm ganz zu, unausweichlich. Karl-Heinz kann nur noch sagen: „Albertine –“ die drei Worte sind sehr doppeldeutig: „- es ist gut, ich bin nicht aus Holz.“ Sie umarmt ihn: „Nein, du bist ein treues Fleisch, das ich verkosten will…“ Sie legt den Kopf an seine Schulter und sucht Rettung aus ihrer Not, und die ist gewiss nicht nur gespielt: „Ach, Kalle, es ist schon so spät. Keine Zicken mehr, keine Faxen, schmeißen wir alle Scham zum Fenster raus in den Rosengarten, wenig Vorspeisen, bitte, den Hauptgang, bitte, bitte!…“

Schau noch einmal aus dem Fenster, Leser, nicht, um zu sehen, wo die Scham hinfällt, nein, zum Himmel über dem Rosengarten, wo sich der Vorhang öffnet. Der Heidrun-Engel schaut runter und sagt „Roger.“ Dann setzt er sich an den Computer und haut ein Game rein, bei dem dauernd ein Männeken kreuz und quer und rauf und runter rennt, dazu die lächerlichen Piepsgeräusche.
Ein anderer Engel moniert: „Was hast du denn da für einen uralten Kram auf deinem Bildschirm?“ Der spielende Engel erwidert: ‘‘Ist mir im Moment egal. Mit dem komm ich gut hin.“
Es gibt also Engel, die sagen bei einem Treuebruch erstmal Roger. Aber wer weiß denn, wie Engel schützen? Es könnte zum Gegenbruch kommen, weil dieser wunderbare Engel soeben den Polizisten Gabriel von der Verkehrspolizei zu der Stelle versetzt, wo er per Notruf irgendwie zu erreichen ist: 1-1-0.
Die 110 erscheint auf dem Bildschirm, das Männeken wird von der 0 verschlungen. „Roger,“ sagt der Engel, „Gabriel versetzt.“ Der andere Engel moniert: „Du kannst doch den Chef nicht versetzen. “ – „Doch nicht den Erzengel! Einen kleinen Polizisten da unten, Gabriel Schrödinger.“

Heidrun sitzt in ihrem Labor, fast regungslos, nur die Augen wandern sehr unruhig. Ganz unvermittelt steht sie auf, sucht Geld in der Tasche, geht raus, kuckt sich beinah verschwörerisch um, zieht aus einem Automaten eine Packung Zigaretten, huscht zurück, die Packung ungeübt öffnend, sucht im Labor Feuer, eine Zigarette in der Hand, findet keins.
Telefon. Heidrun erschrickt und meldet sich: „Doktor Kampnagel? Was? Wer spricht denn da?“ Sie ist sehr beunruhigt.

Edita Häckel ist allein im dunklen Labor, silhouettig gegen eine Außenlampe, versucht dilettantisch, ihre Stimme zu verstellen: „Schalten Sie den Lautsprecher ein, damit Ihr Mann mithören kann.“ Heidrun reagiert prompt: „Aber mein Mann ist doch bei Ihnen.“ Edita fällt fast aus der Rolle: „Woher wissen Sie, wer ich bin? “ – „Edita Häckel.“
Edita lacht hysterisch auf: „Die bin ich nicht! Und wenn Ihr Mann bei Edita Häckel ist, dann ist er sicher bei Edita Häckel, aber nicht bei mir. Hören Sie zu, Klartext!: Die chemische Industrie lässt nicht mit sich spaßen! Wir werden Ihre Tochter Linda in unsere Gewalt bringen und erst wieder freilassen, wenn Sie, Frau Doktor Kampnagel nachweislich alle Daten Ihrer Studie über chemische Gifte im Brot vernichtet haben. Wagen Sie nicht, die Polizei einzuschalten! Ende! “ – „Frau Häckel, Frau Häckel!…“
Heidrun rast los. Ihr Telefon klingelt. Sie rast zurück, weiß einen Augenblick nicht, ob sie sich melden soll. Dann tut sie es: „Was ist denn?“
Die TV-Journalistin von der Pressekonferenz meldet sich: „Hier ist TV-Margherita. Frau Doktor Kampnagel?“ Heidrun in äußerster Spannung: „Ja. Wer ist da? “ – „Cornelia Schittenhelm, TV-Margherita.“ Heidrun fasst das alles nicht mehr und wird sehr ärgerlich: „Ich habe Ihnen doch eben gesagt – “ – „Ich habe Sie noch nicht angerufen.“ Cornelia Schittenhelm versucht aufzuklären, was Heidrun noch mehr verwirrt: „Das waren Sie nicht? Ich kann nicht! Meine Tochter – Später! Bitte!“
Sie knallt den Hörer hin und rast los, im weißen Kittel, greift ihre Autoschlüssel, ihr Telefönchen, wählt eine programmierte Nummer, rast durch leere Gänge, telefoniert im Rennen:
„Linda?! Sie wollen dich entführen. Schließ alles ab, kein Licht, versteck dich, im Keller, auf dem Boden. Ich bin in fünf Minuten da. Wehr dich, Linda! Mama kommt!“
Sie steigt ins Auto, startet, fährt los, wählt auf dem Telefönchen 110: „Gabriel sofort zu Heidrun. Menschenraub, Semperstraße 11! Ende!“

Linda schließt rasch zu, macht alle Lichter aus, schafft es, in einem Besenschrank zu verschwinden. Heidrun rast die Semperstraße lang, bremst scharf, rennt zum Haus, schaut sich kaum sichernd um, schließt auf: „Linda! Linda! Ich bin da!“ Sie geht ins Haus, lässt die Tür offen: „Linda!“ Sie rast durchs Haus. Linda kommt aus dem Besenschrank: „Mama!“, was Heidrun wahnsinnig erschreckt.
Mutter und Tochter fallen einander in die Arme. Linda will wissen: „Was war denn?“ Heidrun tatscht sie überall an und ab: „Du bist da, und heil, nichts passiert, o, Linda!…“ Linda ist um einiges kühler: „Villeicht machen wir die Haustür zu.“
Sie gehen zur Tür, dabei sagt Heidrun: „Vollkommen idiotisch! “ – „Was? “ – „Ich rufe die Polizei an und belle nur: Gabriel sofort zu Heidrun “ – „Dieser Herr Gabriel ist bei der Verkehrspolizei, wenn ich das einigermaßen richtig verstanden habe. “ – „Eben, absolut idio –“
Ihr bleibt der Mund offen stehen, denn durch den Vorgarten kommt Gabriel, aufmerksam sichernd. Heidrun sinkt auf die Treppenstufen: „Gabriel – ! Ich kann nicht mehr!…“ Linda sucht Klärungen: „Verzeihen Sie, Her Gabriel –“ Gabriel ist sehr nett: „Ich heiße Schrödinger, Gabriel Schrödinger. “ – „Ach so. Ich denke, Sie sind bei der Verkehrspolizei? “ – „Ich bin versetzt worden.“
Heidrun ist spurenerfreut: „Allen Engeln im Himmel sei Dank.“ Gabriel setzt sich zu ihr: „Worum geht’s denn?“ Heidrun will wissen: „Warst du wirklich am Telefon? “ – „Nein, ich fuhr Streife, ich bin alarmiert worden.“ Heidrun hält ihm die Handgelenke hin: „Leg mir Handschellen an, Gabriel, ich bin 90 gefahren. “ – „Vieleicht erklärst du mir mal, warum du die Polizei gerufen hast.“
Heidrun steht rasch auf, geht ins Haus: „Sie wollen Linda entführen. Die Gefahr ist ja gar nicht gebannt, bloß weil Gabriel da ist!“ Gabriel folgt ihr: „Mit unserem Wagen da draußen kommt hier so schnell kein Entführer ins Haus.“ Heidrun schließt die Tür, nimmt seine Hand, einfach bezaubert: „Aber einen Verführer habe ich mir jetzt ins Haus geholt. Dass du da bist…“
„Wieso duzt ihr euch eigentlich?“ will Linda wissen. Heidrun: „Weiß ich nicht. Weißt dus, Gabriel?“ Gabriel meint sachlich: „Wer das mal anfängt, kann nicht wieder aufhören.“ Heidrun bestätigt: „Ja, es ist eine Droge.“ Linda ist ein bisschen aus den Lumpen geschüttelt: „Wo ist eigentlich Paps?“
Heidrun löst sich aus der Verzauberung: „Gabriel, fahr uns bitte zu meinem Mann, mir haben sie eine Zip-Disk geklaut, eine Diskette mit wahnsinnig wichtigen Daten, Unikate – und den Mann – auch geklaut. Und die Erpressung. Drei Krimis auf einmal.“ Gabriel ist schließlich im Dienst: „Kannst du mir dazu jetzt mal Genaueres sagen?“ Heidrun versucht es: „Ich trete mit einer großen wissenschaftlichen Arbeit der Chemie-Lobby furchtbar auf die Füße. Erst haben sie mir meine wichtigste Diskette gestohlen, dann dieser anonyme Anruf: Sie wollen Linda entführen und erst freigeben, wenn ich alle meine Daten vernichtet habe.“
Gabriel findet: „Klingt ein bisschen nach Schauermärchen.“ Heidrun lächelt schmerzlich: „Ist es vielleicht, – vielleicht… Ich habe nur eine Linda. “ – „Hast du einen bestimmten Verdacht? “ – „Ja. Da fährst du uns jetzt hin. Linda, komm mit.“

Beim Institutsleiter Stangl brennt die Schreibtischlampe. Eine völlig aufgelöste und verheulte Edita klammert sich an Stangl: „Hilf mir, Ewald, du musst mir helfen!…“ Er ist sehr bereit dazu: „Editalein, hör auf zu heulen. Ich kann das nicht sehen. Es ist ja nichts passiert. “ – „Ich hab gesehn, wie sie weggerast ist, im weißen Kittel. Die hocken da jetzt zu Hause und warten auf die Gangster. “ – „Ich rufe an. Wo habe ich die Privatnummer?“
Er telefoniert. Edita sinniert: „Beim ersten Klingeln zucken sie zusammen und wissen nicht, was sie tun sollen!…“ Ewald sagt nach einer Weile: „Meldet sich niemand.“ Edita schreit auf: „Selbstmord!…“ Ewald legt auf: „Edita, du hast einen furchtbaren Mist gebaut. Aber beruhige dich. Wir werden das aus der Welt schaffen.“ Edita heult wieder auf: „Wie denn?“
Telefon. Edita reagiert mit einem weiteren Schrei. Ewald meldet sich: „Stangl?“ Die die andere Hälfte von Ewald Stangl beansprucht, etwas älter als Edita, aber fast genauso blond, fragt: „Ewald, wann kommst du denn? “ – „Ach Hertalein, ich weiß nicht, nicht abzusehen im Moment. Hier läuft eine saublöde Erpressungsgeschichte mit Entführungsdrohungen.“ Herta regt sich auf: „Ewald, um Gotteswillen!“ Aber er kann sie ja beruhigen: „Nein nein, nicht ich, die Tochter von Frau Doktor Kampnagel.“ Wie locker der geteilte Dr.Dr.h.c. damit argumentieren kann: „Wahrscheinlich die Chemie-Lobby. Ich hab sie immer gewarnt, aber – ich weiß nicht, wie ernsthaft das gemeint ist, höchstwahrscheinlich ein dreckiger Spaß.“
Herta will wissen, ob denn die Kampnagel im Institut sei. „Nein, die ist zu Hause, beziehungsweise – da meldet sich niemand. Hertalein, bevor das nicht ausgestanden ist, kann ich hier nicht weg. Gib den Kindern einen Kuss und leg dich schon hin und lies was Schönes.“ Herta fragt noch etwas bänglich: „Wird’s wieder Mitternacht? “ – „Glaube ich nicht. Tschüs, Hertalein.“ Er legt auf.
Edita hat noch während des Gespräches die Lampe ausgemacht, weil ein Polizeiauto mit Blaulicht auf den Hof gefahren ist. Verwundert fragt Ewald: „Was ist denn?“ Edita hält ihm den Mund zu, zeigt nach draußen, flüstert: „Ich hab extra noch gesagt: keine Polizei!“
Aus dem Auto steigen Heidrun, Gabriel, Linda und gehen zur Nottreppe hinter dem Transformatorenhäuschen, ganz nah unter den Fenstern der Institutsleitung. Gabriel sichert aufmerksam. Heidrun erläutert: „Hierher hat sie Kalle bestellt.“ Gabriel: „Wer ist Kalle?“ Linda erklärt: „Karl-Heinz, mein Vater.“ Heidrun schaut überall rum: „Hier wollte sie ihm die Diskette zurückgeben.“ Linda schüttelt den Kopf: „Mum, das klingt alles irgendwie merkwürdig.“ Heidrun fängt an, Zusammenhänge zu ahnen: „Sollte das nicht stimmen, dann hat dein Vater so brillant gelogen, dass – aber nein…“
Gabriel hat echten Informationsbedarf: „Was hat das alles mit dem Menschenraub an Linda zu tun?“ Heidrun ist wieder auf der alten Spur: „Das kam von derselben Frau.“ Gabriel will wissen: „Von der Chemie-Lobby?“ Heidrun: „Nein, ganz persönlich, der pure Neid auf meine Arbeit, dass sie nicht in meinem Labor arbeiten konnte. Ein böser, ganz übler Spaß, fürchte ich – hoffe ich…“
Die Stimme Ewald Stangls aus dem dunklen Fenster im ersten Stock lässt sie alle zusammenfahren: „Sie haben Recht, Frau Doktor!“ Er macht Licht: „Hier steht die Sünderin. Sie werden nicht erkennen können, wie sie in Tränen badet. Edita, sag was.“ Edita ist hilflos: „Was denn? “ – „Ich nehme doch an, dass es dir leid tut.“ Edita jammert: „Ach so, ja. Bitte, verzeihen Sie mir, Frau Doktor Kampnagel!“ Heidrun, klar bekennend: „Das tue ich, Edita Häckel, ich habe Sie böse provoziert.“
Gabriel: „Friede, Freude, Eierkuchen. Ich bin im Dienst. Guten Abend!“ Aber Heidrun hält ihn auf: „Moment! Der erste Krimi ist zu Ende, der schlimmste, aber keine Entwarnung: Wo ist meine Zip-Disk, Frau Häckel?“ Edita beteuert: „Die habe ich wirklich nicht!“ Heidrun wird es zur Gewissheit: „Und wo ist mein Mann?“ Edita will schon wieder losheulen: „Den habe ich auch nicht!“ Heidrun bleibt zunächst am Ball: „Sie haben mit ihm telefoniert, und ihn hierher bestellt.“ Edita fühlt sich endgültig überlastet: „Was? Nein, das habe ich nicht! Warum quälen Sie mich denn noch weiter?“
Heidrun tut sich schwer: „Nun hat man mir auch noch meinen Mann gestohlen…“ Gabriel, mit ganz kleiner Ironie: „Für solche Diebstähle ist aber die Polizei nicht zuständig.“ Heidrun ist ganz ruhig, sachlich: „Gabriel, fährst du mich zu meiner Diskette und zu meinem Mann. Ohne Blaulicht. Bitte.“
Gabriel wendet sich zum Auto: „Wenn du weißt, wo er ist?“ Die Damen folgen. Heidrun: „Das weiß ich.“ Linda fragt erstaunt: „Woher denn, Mama?“

ROSENGARTEN BEI NACHT

Da liegen sie après im Hotelbett und schauen zur Decke. Albertine lächelt ein wenig und fragt: „Denkst du an eine Fortsetzung?“
Karl-Heinz ist sehr auf- und umgewühlt, rührt sich nicht, schweigt, denkt, lächelt nicht, bis Albertine, ohne ihn anzuschauen, sagt: „Ich auch nicht.“ Nun holt er Luft, um sich zu rechtfertigen, aber sie bescheidet ihn: „Spar dir deinen Atem, keine Banalitäten, bitte. Mir geht es gut. Mailand gehört mir, nicht dir, New York auch. Ich hab mir das nicht überlegt. Ich wollte dich, weil du treu bist. Jetzt hab ich dich, weil du untreu bist. So schnell geht das. Hau ab! Untreue Männer gibts wie Sand am Meer. Line up in the queue of the unfaithful!“
Karl-Heinz fasst das nur bruchstückweise: „Sagtest du Hau ab?“ Albertine ist sehr gefasst: „Sagte ich, ja.“ Karl-Heinz kann nicht anders reagieren: „Was bist du für ein frivoles Aas!“ Albertine weist ihn sanft zurecht: „Kalle, pass auf deine Worte auf. Aas mag ja sein, aber frivol ist vom Mond. “ – „Gibt Situationen, da habt ihr Weiber ein Affentempo drauf. “ – „Wenn die Hoffnung raus ist, geht immer alles ganz schnell. “ – „Ich brauche Zeit.“ Albertine wird versöhnlicher gestimmt: „Lass dir Zeit. Ich habe Hunger. Immer hinterher.“ Karl-Heinz steht auf und geht zu seiner Jacke: „Ich habe was Feines für dich, was ganz Feines!“
Albertine fällt ein Schrecken ein: „Mensch, die Diskette!“ Sie steht hastig auf und will ins Bad. Karl-Heinz versteht noch nicht: „Was? “ – „Die Diskette auf der Klobrille!“
nbsp;   Mit großer Energie stürzt er ihr nach, reißt sie von der Badezimmertür weg und stößt sie recht brutal in einen hölzernen Paravant, der krachend splittert. Sie schreit: „Aua!“ Er hat die Diskette gegrapscht und kommt aus dem Badezimmer: „Ein nackter Mann hat keine Taschen.“
Albertine resümiert mit Galgenhumor: „Dass meine Liebe in diesen Holztrümmern endet…“ Sie hat nicht wirklich Schmerzen: „Du hast mir weh getan.“ Er ist voll Mitleid, kniet sich zu ihr: „Entschuldige. Es tut mir sehr leid. Wo?“ Albertine zeigt aufs Schulterblatt: „Da.“ Er küsst sie aufs Schulterblatt: „Wo noch?“ Albertine zeigt: „Da.“ Er küsst. Sie zeigt in die Ellenbogenbeuge: „Da.“ Karl-Heinz küsst und moniert heiter: „Also da habe ich dir bestimmt nicht weh getan. “ – „Das ist doch völlig egal. Es werden sowieso nicht mehr viele Küsse.“
Karl-Heinz küsst noch einmal die Ellenbogenbeuge, steht dann auf und holt aus seiner Jacketttasche ein großes eingewickeltes Praliné: „Du hattest Hunger. “ – „Ich habe immer noch Hunger.“ Er bringt ihr das Praliné: „Aus meiner Geheimkonfiserie, gibts nicht in Mailand und nicht in New York.“ Albertine fordert: „Füttere mich.“ Er wickelt die Süßigkeit aus und steckt sie ihr in den Mund: „Kauen musst du alleine.“ Sie kaut genüsslich: „Hm. Man vernichtet, was man vernascht. Ich hab einen Treuen gekostet – “ – „Und vernichtet. “ – „Trauerst du der Treue nach?“ Karl-Heinz ist ganz ernst, aber nicht wehleidig: „Ja.“ Sie streichelt ihn: „Du bist ein Guter.“
Dann fällt ihr ein: „Aber auch ein ganz Böser. “ – „Hä? “ – „Was zum Teufel ist eigentlich in dich gefahren, mich so hinreißend wunderbar brutal in diesen Paravant zu schmeißen?!“ Karl-Heinz: „Ja, ich war wohl etwas –“ Er stutzt: „Hast du hinreißend wunderbar gesagt?“ Sie lächelt ihn an: „Ja. Deine Brutalität und dein Praliné, alles wunderbar.“
Er versucht zu erklären: „Ich weiß auch nicht, was mit mir los war. Ich habe mich geirrt.“ Albertine denkt an anderes: „Ich auch. “ – „Ich dachte, jetzt schnippt sie die Diskette ins Klo und alles war umsonst. Völlig bescheuert! “ – „Dabei hast du doch deinen Preis bezahlt – mit guter Münze.“ Sowas hören Männer immer gern: „Du wolltest einen Treuen verkosten, – wie hat er geschmeckt? “ – „Ranzig.“ Das hat Karl-Heinz nicht erwartet und wohl auch nicht verdient: „Was?“ Albertine wird sich nach und nach ganz klar: „Nichts verdirbt schneller als Treue. Ich habe mich geirrt. “ – „Was? “ – „Soll vorkommen. Es war ein schöner Irrtum… “ – „Was?“ Albertine wird ungehalten: „Sag doch nicht dauernd Was!“
Mann Karl-Heinz hat jetzt einigen Informationsbedarf: „Entschuldige mal: Ein schöner Irrtum, der ranzig schmeckte?“ Albertine, sehr unbekümmert: „Ja, ranzig oder floppig oder nitschewo… “ – „Kannst du mir das mal erklären? “ – „Nein. “ – „Aber – “ – „Ihr Männer wollt immer Erklärungen. Das ist doch das Irre am Irrtum! Da nimmst du einen Treuen zur Brust, und schon ist er nicht mehr treu, nur weil du ihn zur Brust genommen hast. Wenn ein Treuer zu haben ist, ist er kein Treuer mehr, oder er ist nicht zu haben. Basta! Heidrun hatte recht. “ – „Womit? “ – „Mit allem.“
Karl-Heinz ist jetzt sehr hilflos: „Ihr geht mir auf die Nerven!“ Albertine ist so überlegen, dass sie sehr heiter sagen kann: „Lass dich versöhnen, Kalle. Dein Dampfer aus lauter Treue hat ein Leck bekommen, ein winzig kleines, der säuft nicht ab. “ – „Ich brauche Zeit. “ – „Du wiederholst dich. Lass dir Zeit.“
Sie steht auf und zieht den Morgenrock an: „Die Treuen laufen vor mir her und von mir weg. Im Cirque du soleil habe ich mal einen Clown gesehen, der hatte einen Draht am Hut und eine Blume vorne dran. Aber der Draht war länger als sein Arm. Er konnte die Blume nicht einholen und pflücken. Er jagte durch die ganze Manege. Die Blume immer vor ihm her und von ihm weg. Er erreichte sie genausowenig wie ich dich Treuen.“
Karl-Heinz wendet ein: „Aber du hast mich doch erreicht.“ Albertine meint das nicht abwertend: „Ja, am Rande habe ich irgendwas gepflückt. Aber die Treue war das nicht. Die kriege ich nicht. Du hast mit deiner Treue bezahlt, dein Vermögen ist futsch. Treue braucht 25 Jahre, und mehr, da hat Heidrun völlig recht.“
Karl-Heinz steht auf: „Die muss ich anrufen. Darf ich doch jetzt, oder?“ Er telefoniert. Albertine ist ein wenig bang: „Jetzt ja. Was wirst du ihr sagen?“ Das ist für Karl-Heinz fraglos: „Die Wahrheit.“ Das tut Albertine weh: „Aber nicht gleich und nicht alles –“ Karl-Heinz lächelt beschwichtigend: „Die Wahrheit, dass ich die Diskette habe und schon auf dem Weg bin.“
Er ist irritiert: „Da meldet sich niemand. Ich versuchs im Labor.“ Er telefoniert nochmal: „Das ist schon komisch: Linda müsste zu Hause sein…“ Nach einer Weile legt er auf: „Im Labor ist sie auch nicht.“ Albertine will beruhigen: „Wahrscheinlich ist sie unterwegs.“
Karl-Heinz zieht sich rasch an: „Ja, wahrscheinlich. Aber wohin unterwegs?“ Albertine meint vernünftigerweise: „Ruf sie doch auf dem Handy an. “ – „Sie hat seit vorgestern eine neue Nummer, die weiß ich nicht. Der Diskettendiebstahl hat sie sehr durcheinander gebracht. Und dann dein Anruf.“ Albertine ist argwöhnisch: „Du hast ihr doch nichts gesagt? “ – „Nichts. “ – „Gut. “ – „Ich habe sie so hahnebüchen belogen, – ich bin über mich selbst erstaunt – nein, nicht erstaunt – wahnsinnig erschrocken. Deswegen beeile ich mich jetzt so.“ Albertine mit freundlicher Ironie: „Willst das arme Opfer nicht zappeln lassen. Bist ein guter Ehemann.“
Karl-Heinz schaut einen Augenblick unbeweglich: „Nun ja… Einer, der seiner Frau die Diskette vor der Wasserspülung rettet – gegen Bezahlung.“ Er zieht die Strümpfe an.
Albertine siehts amüsiert: „Du ziehst die Strümpfe stehend freihändig an?“ Karl-Heinz versteht nicht: „Wieso? Ich benutze doch beide Hände.“ Albertine, anerkennend: „Ich meine, ohne Setzen, ohne Anlehnen. Respekt. Gehört zu meinem Männertest. “ – „Was hast du für Männer? “ – „Lauter falsche. Einer hat mal die Strümpfe gleich anbehalten. Ein Mann mit nichts an als dunkelgrauen Söckchen mit lauter bunten Punkten. Ein Graus für Albertine. Ein Mann ohne sexuellen Ehrgeiz – da schüttelts mich. Merks dir! Ach, das ist ja für dich nicht mehr relevant…“
Karl-Heinz steckt die Diskette ein: „Ein angezogener Mann hat wieder Taschen. Lässt du mich bitte raus?“ Das will Albertine tun, aber: „Wo ist der Zimmerschlüssel?“ Karl-Heinz lacht: „Zuletzt hast du ihn da versteckt, wo auch Katharina die Große –“ Albertine spielt noch einmal ein Spiel: „Wo?“ Karl-Heinz zeigt: „Da. “ – „Wo genau? Fass mich an.“ Karl-Heinz legt die Hand auf ihr Decolleté: „Genau da.“ Sie nimmt die Hand und küsst sie: „Du hast vielleicht ein Glück, dass ich dich gehen lasse.“
Karl-Heinz wird etwas fordernder: „Zunächst nichts dergleichen. Wo ist der Zimmerschlüssel? Du willst mich nochmal erpressen.“ Albertine ist erstaunt: „Habe ich dich schon mal erpresst? “ – „Ja, mit dem Diskettendiebstahl.“ Albertine bekennt: „Die Diskette habe ich nicht geklaut. “ – „Hast du aber gesagt. “ – „War gelogen. Ein Engel muss mir das Ding in die Tasche bugsiert haben. Sag sofort, dass du mir das glaubst!“ Karl-Heinz zögert erst etwas: „Also, mit Engeln habe ich eigentlich – aber – Ja!, ich glaube dir. Vielleicht kannst du den Engel auch nach dem Zimmerschlüssel fragen.“
Albertine greift sich an den Busen, lächelnd erinnernd: „Also hier hängt er längst nicht mehr. Es ging ein bisschen wüst zu…“ Karl-Heinz: „Ruf unten an, dass du nicht rauskannst. Die haben ein Passepartout.“ Albertine geht zum Telefon: „So schmeiße ich alle meine Erpressungszärtlichkeiten weg…“

In der schön gedämpft erleuchteten Lobby des Garni Rosengarten sitzen wartend Heidrun, Linda und Gabriel. Die Frau Wirtin hockt hinter der kleinen Theke und fragt nach einer Weile behutsam: „Soll ich nicht doch anrufen?“ Heidrun fragt: „Gabriel?“ Gabriel ist sehr liebevoll: „Ich halte es noch länger hier aus. “ – „Danke,“ sagt Heidrun.
Telefon. Die Wirtin meldet sich: „Ja, Frau Milton?“ Sie versteht die Panne: „Ich komme.“ Sie legt auf und nimmt einen Schlüsselbund, geht zur Treppe, erklärt leise: „Sie finden den Zimmerschlüssel nicht. Ich muss sie befreien.“ Heidrun muss kurz auflachen: „Sagen Sie bitte nichts von uns – dass er erwartet wird.“ Die Wirtin verschwindet nach oben: „Nein nein.“
Im Zimmer steht Karl-Heinz erwartungsvoll der Tür zugewandt. Es klopft. Albertine hält ihm von hinten mit der Handinnenfläche den Mund zu: „Ja? Frau Wäcker?“
Deren Stimme von draußen: „Ja. Ich schließe auf.“ Albertine ruft: „Danke.“ Karl-Heinz flüstert ihr zu: „Sie soll mich rauslassen, aus dem Haus.“ Albertine findet sehr zufällig den Schlüssel auf dem Boden: „Hier ist der Schlüssel. Hätten wir uns sparen können. Ich lass dich raus.“

Die Wirtin kommt die Treppe runter in die Lobby: „In meinem Rosengarten sind die Nächte sonst ruhiger.“
Von oben kommen Karl-Heinz und Albertine die Treppe runter, und es hat schon einige Komik, wie ihre Schritte immer langsamer werden. Heidrun, Linda und Gabriel stehen nacheinander auf, weiß niemand genau, warum. So stehen sie eine Weile konfrontiert, durchs Treppengeländer getrennt. Dann holt Karl-Heinz die Diskette aus der Tasche:
„Hier, die Diskette zurück.“ Albertine schiebt Karl-Heinz die Treppe runter, zu Heidrun: „Und Kalle auch. Er schmeckt ranzig.“ Heidrun umarmt ihn sofort beschützend, sie ist empört: „Was? Mein Kalle ranzig?“ Albertine erklärt: „Ich nahm einen Treuen in den Schoß und hatte einen Ungetreuen im Schoß. Treue braucht 100 Jahre, der Bruch dauert zwei Sekunden – oder drei…“ Damit verschwindet sie nach oben.
Heidrun ruft ihr nach: „Albertine, ich liebe dich. Komm morgen zur Silberhochzeit ins Schlosshotel!“ Albertine bückt sich nochmal und wirft eine Kusshand durchs Geländer: „Danke! Ich werde nie in meinem Leben meine Silberhochzeit feiern! Ich danke dir!“ Damit ist sie weg.
Die stumme Umarmung der Eheleute dauert an. Karl-Heinz fragt ganz leise: „Du hältst mich fest?“ Heidrun, ebenso leise: „Was sonst? “ – „Warum hast du die Polizei geholt? Treuebruch ist kein Straftatbestand!“
Aus Heidrun brichts nun hervor. „Oh, Kalle!, du Ahnungsloser! Wir kommen direkt aus der Hölle! Fass Linda an, sie lebt, das ist das Wunder!“ Gabriel will einwenden: „Also Heidrun, die Hölle –“ Aber Heidrun weist ihn zurecht: „Gabriel, was weißt du von der Hölle?! Ein Polizist darf nichts von der Hölle wissen!“ Sie wendet sich an Karl-Heinz und wird heiter förmlich: “Übrigens: darf ich dir Wachtmeister Gabriel vorstellen? Den Nachnamen vergesse ich immer wieder. Gabriel, das ist mein Mann, Diplomingenieur Karl-Heinz Kampnagel.“
Die Männer schütteln einander die Hand. Gabriel redet: „Schrödinger heiße ich. Guten Abend, Herr Kampnagel und – Aufwiedersehn. Ich bin im Dienst.“ Er setzt die Mütze auf und geht zur Tür, Blicke der Unsicherheit auf Heidrun werfend. Linda schubst die Mutter hinter ihm her, zischt zwischen den Zähnen: „So kannst du ihn nicht gehen lassen!…“
Heidrun rennt zu ihm: „Gabriel!…“, dreht ihn an der Schulter um und umarmt ihn, dass die Mütze runterfällt, küsst ihn leidenschaftlich, dann hält sie seinen Kopf: „Es bleibt dabei: Mögen alle Engel im Himmel dich beschützen!“ Sie gibt ihn frei, er hebt die Mütze auf und geht schnell.
Heidrun kommt von der Tür zurück, spricht schnodderig und heult ein bisschen: „Kalle, nur so zur Information: Dies war nicht unser letzter Kuss, sondern der erste und einzige. Gabriel reimt sich auf virtuell, – da hast du meinen ganzen Ehebruch. Das kann ich bedauern oder nicht…“ Karl-Heinz, angenehm unzerknirscht: „Ich hab auch breitere Schultern, die Sünde zu tragen.“ Heidrun opponiert entschieden: „Kein Wort von Sünde! Die lassen wir im Apothekenschrank. Ich meine – du deine. Das Reklameflugzeug schreibt Liebe an den Himmel.“
Dann fällt ihr aber ein: „Nur eins: Wie du mich angelogen hast!… Das war doch nicht die Häckel am Telefon, sondern Albertine? “ – „Ja. Es hat mich selber erstaunt – “ – „So elegant und so brillant!“ Karl-Heinz ergänzt: „Und so gemein! “ – „Ich hab die Häckel vor mir gesehn wie sie dich zur Nottreppe bestellt und dir die Diskette gibt. Donnerwetter: ein ganz neuer Karl-Heinz.“ Karl-Heinz muss aufklären: „Nur eins: -“ Heidrun unterbricht liebenswürdig aber streng: „Halt die Schnut!“ Aber Karl-Heinz insistiert: „Nein, das muss ich dir sagen: So habe ich dich noch nie angelogen.“ Heidrun ist denn doch etwas misstrauisch: „Aller Anfang ist schwer… “ – „Und alle Fortsetzung soll der Himmel verhüten.“
Linda bekennt lächelnd: „Der Gabriel hat mir gefallen.“ Heidrun lacht: „Das Früchtchen fällt nicht weit vom Stamm.“ Linda muss nun doch mitteilen: „Wisst ihr eigentlich, dass Leander morgen Mittag nach Tschetschenien fliegt?“
Heidrun triffts wie ein Schlag: „Was? Nein!…“ Karl-Heinz ist auch betroffen: „Morgen Mittag schon?“ Linda bestätigt: „Ja, hat er mir vorhin gesagt.“ Karl-Heinz: „Aber morgen ist Silberhochzeit.“ Heidrun: „Die müssen wir absagen!“ Karl-Heinz stellt richtig: „Ganz sicher nicht die Hochzeit, aber die Feier.“ Heidrun fällt ein: „Linda, du hast eine Band bestellt. “ – „Die kann ich zurückpfeifen. “ – „Und das Essen für zwanzig Leute?“
Die Wirtin mischt sich ein: „Das bringen die im Schlosshotel auf die Tageskarte.“ Karl-Heinz: „Kommt, wir fahren im Schlosshotel vorbei.“ Heidrun will wissen: „Was machen wir mit der Torte?“

WIE SILBERN IST DIESE HOCHZEIT?

Karl-Heinz sitzt da, nachdenklich, die Tasse in der Hand. Heidrun kommt zurück und fragt: „Was denkst du?“ Karl-Heinz, nach wie vor nicht wehleidig, dennoch Schuld erkennend: „Ich stricke an meiner Sünde.“ Heidrun sagt aus tiefer Einsicht: „Lass das.“ Karl-Heinz beharrt: „An meiner Schuld, meinem Bruch…“ Sie fordert: „Lass das alles.“ Karl-Heinz kann das nicht so simpel: „Ich zerfetzele mich vor Reue, ich mache Salto mortale mit meinem Bruch, – und du schiebst das einfach beiseite.“
Heidrun ist nachdenklich: „Da ist dir ein gutes Wort eingefallen: Beiseiteschieben. Am Rand stehen lassen, als Denkmal meinetwegen.“ Karl-Heinz lacht bitter auf: „Da mache ich schöne Figur. “ – „Eitler Affe! “ – „Ja, ich wollte ohne Makel meine Lebensspur ziehen…“
Heidrun wirds ein bisschen zu viel: „Du jammerst, als hätte ich dir Hörner aufgesetzt.“ Karl-Heinz rutscht ins Plane: „Könntest du jetzt, aus lauter Rache.“ Heidrun, abweisend: „Du hast nichts verstanden.“ Karl-Heinz bittet ehrlich: „Hilf mir. “ – „Das tue ich ununterbrochen. “ – „Danke. “ – „Quatsch! Was da passiert ist, ist doch uns beiden passiert. “ – „Hab ich dein Beiseiteschieben Gabriel zu verdanken?“

Heidrun wendet sich an die Tochter, die dem Gespräch sehr aufmerksam gefolgt ist: „Linda?“ Linda antwortet sehr klar: „Ja. Der Gabriel ist mit seiner Radarfalle ganz schön über Mamas Herz gesurft.“ Heidrun kontert entschieden: „Doch keine Falle, Linda!“ Aber Linda besteht darauf: „Aber claro eine Falle! Was denn sonst?“ Heidrun will noch etwas erwidern, sagt aber nur: „Hast Recht.“
„Meine Radarfalle hieß Albertine,“ sagt Karl-Heinz. Er muss kurz auflachen: „War schon ganz schön irre, wie ich die Treppe runterkomme von meinem tiefsten Sturz, und unten wartet die Polizei auf mich.“
Heidrun stellt entschieden richtig: „Ich habe auf dich gewartet, – Linda und ich. Ja, ich weiß: Ich müsste jetzt sehr traurig sein, verbiestert, verbittert oder sowas. Aber mir ist die Zeit zu schade. Vielleicht sollte ich nachdenklicher sein. Ich bins nicht. Hoffentlich holt mich das nicht eines Tages ein.”
„Hoffentlich nicht.“ Karl-Heinz küsst Heidrun leger und sehr liebevoll die Hand: „Du trägst es mit wunderbarer Gelassenheit. Mir machts zu schaffen.“ Heidrun schließt ab, keine Spur zynisch: „So muss es sein.“ Karl-Heinz missversteht: „Sei nicht zynisch.“
Heidrun rutscht runter auf die Knie, gänzlich unpathetisch, auch in der Körperhaltung: „Kalle, ich knie vor dir, beinah so wie damals vor dem Altar. Ich schwöre: es wird nie ein zynisches Wort über meine Lippen kommen in dieser Angelegenheit, niemals Fragen der Neugier. Ich habe einfach keinen Platz dafür. Du kannst angstfrei mit mir weiterleben. Versprochen.“
Karl-Heinz rutscht auch runter, mehr hockend und auf den Stuhl gestützt: „Jetzt weiß ich, warum ich von 25 Jahren Ja gesagt habe.“ Ein Tortenteller kippelt bedenklich und droht ihn zu bekleckern. Er fängt das geschickt ab: „Nichts passiert – ich war auch schon mal besser als Klecker-Kalle…“

Leander, reisefertig mit großer Tasche und Aluminiumkoffer kommt mit einem Kellner um die Ecke. Der Kellner weist auf die Eltern. Leander bedankt sich.
Heidrun bittet den Kellner um etwas Papier: „Wir schaffen die Torte nicht alleine. Linda, schneidest du bitte Tortenstücke zum Einwickeln?“ Das tut Linda. Der Kellner geht. Leander fragt: „Wieso hockt ihr da unten?“ Karl-Heinz: „Das gehört zur Feier unserer Silberhochzeit.“ Er und Heidrun stehen auf. Leander erklärt noch: „Ich hab euch überall gesucht.“
Heidrun fragt sehr direkt: „Leander, hast du Angst vor Tschetschenien?“ Leander bekennt unverschnörkelt: „Ja.“ Heidrun umarmt ihn: „Ich auch. Es ist wunderbar, was du machst, Leander, dein Mut… Mir reißt es das Herz in Stücke.“ Leander kommt ihr mit großer Einfühlsamkeit zu Hilfe: „Gib her, gib her! Was da abreißt von deinem Herzen, das nehme ich mit und behüte es. Und es beschützt mich.“ Heidrun lächelt kopfschüttelnd unter Schmerzen: „Unverbesserlicher Poet…“ Leander lacht: „Alter Grieche weiß: Poet kommt von poiein, heißt machen. Starke Mütter haben starke Söhne, auch wenn ich manchmal nicht so aussehe.“
Schöner Auftritt von Albertine in ihrer Road-Kledage, den großen Hut auf dem Kopf, nicht wie Leander hinten um eine Ecke, sondern höchst dekorativ in einer Tür: „Da seid ihr ja!“ Sie stürzt zu Heidrun und umarmt sie heftig: „Heidrun, ich reise glücklicher ab als ich angekommen bin. Frau Doktor, du bist eine gute Ärztin, danke! Ich habe die Wechseljahre nicht hinter mir, aber die Angst davor.“ Heidrun: „Kein Schwarzes Loch mehr? “ – „Nein, ich weiß gar nicht mehr, was das ist.“ Leise, spurenbänglich fragt sie: „Wie stehst du mit Kalle?“
Heidrun lacht: „Ich bin dabei, meinen halbierten Mann wieder zusammenzuflicken. Narben erhalten die Freundschaft – und die Liebe.“ Karl-Heinz, in ungebrochenem Erstaunen: „Ihr seid zwei unheimlich wunderbare und schnelle Frauen. Mir gehts gut.“
Leander schaut auf die Uhr: „Leute, ich glaube, wir müssen.“ Albertine möchte: „Ich bring ihn zum Flughafen. Darf ich? Bitte.“ Karl-Heinz, sehr versöhnlich anspielend: „Er ist, soviel ich weiß, ein hervorragender Lotse. Heidrun, darf sie?“ Heidrun, in großer Zerrissenheit: „Ja – gut – es ist alles schrecklich…“ Albertine fragt: „Aber wer lotst mich dann vom Flughafen nach Mailand?“ Karl-Heinz weiß Rat: „Immer geradeaus, Albertine, sempre diritto, kannst du nicht verfehlen.“
Albertine zieht Leander zu sich: „Leander, lass dich umarmen, auf dem Flughafen geht das nicht.“ Und sie schiebt Hände und Arme unter seinen Anorak und unters überfallende Hemd und presst ihn an sich, der heftig erwidert. Dann schaut sie ihn an und flüstert zärtlich: „Kriegst den besten Platz in meiner Vitrine.“ Sie küssen nochmal.
Heidrun ist denn doch sehr verwundert: „Hehehe! Was tut sich denn da?“ Linda: „Hast du das nicht gewusst? “ – „Keine Ahnung. Du hast es gewusst?“ Linda bekennt: „Klar, vom ersten Tag an.“ Heidrun erinnert sich: „Als das Kaffeewasser verkochte. Kalle, hast du es gewusst? “ – „Auch vom ersten Tag an.“ Heidrun ist heiter empört: „Und Muttern habt ihr doof rumlaufen lassen?! Albertine!, du hast ganz schön abgesahnt bei meinen Männern! Jetzt gib mir mal meinen Sohn.“
Leander löst sich von Albertine und nimmt den Kopf seiner Mutter in beide Hände: „Vergiss es nie, Mum: Von dir habe ich meinen ganzen Mut.“ Aufschluchzend stürzt sie in seine Arme.
Irgendwann ist der Kellner mit Papier gekommen, hat Linda sorgfältig Torte verpackt. Jetzt verteilt sie sie: „Hier, Torte für Mailand.“ Und nicht ganz so schnoddrig versorgt sie den Bruder: „Leander, Torte für Tschetschenien.“ Leander verstaut den Hochzeitskuchen der Eltern.
Heidrun will es hinter sich haben: „Keine zehn Pferde kriegen mich da raus auf den Parkplatz. Tschüs!“ Karl-Heinz: „Ich bleibe bei Heidrun. Tschüs!“ Linda heitert ein wenig auf: „Ich bleibe bei den Eltern. Tschüs!“
Leander nimmt sein Gepäck, hat aber einen Arm frei, den er Albertine um die Schulter legt: „Immer dran denken: Tschüs heißt: Gott befohlen.“ Er geht mit Albertine ins Hotel: „Tschüüüüs…!“
Heidrun liegt heulend in Karl-Heinz‘ Armen. Linda hebt eine Vogelfeder auf: „Kuckt mal!“ Karl-Heinz: „Eine Vogelfeder.“ Heidrun, von Tränen gestoßen: „Bist du sicher, dass sie nicht von einem Engel ist?“ Karl-Heinz, schön behutsam: „Nein, bin ich nicht sicher – ja, sie könnte gut von einem Engel sein…“ Linda: „Sie könnte auch von einem Dichter sein.“
Heidrun nimmt die Feder, hebt sie senkrecht in den Himmel und sagt mit geschlossenen Augen: „Mögen alle Engel im Himmel dich beschützen, mein Leander!…“ Karl-Heinz: „Mein Leander!…“ Linda: „Mein Leander!…“ Der Saxophonspieler steigert sich zum höchsten Ton auf seinem Instrument, bleibt aber leise.
Ein letzter Blick zum Himmel, lieber Leser: Steil aufwärts startet ein Flugzeug, das nach Russland ist es sicher noch nicht. Ein wenig höher öffnet sich der Vorhang vor den vier Engeln, die jetzt recht professionell mit Flügeln und Heiligenscheinen versehen sind. Sie schauen runter und antworten alle auf Heidruns flehentliche Bitte: „Roger!…“

 

 

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