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3 – NEIN – VERHAFTEN

NEIN – VERHAFTEN

Online ab 22.2.2007, 17.30 Uhr

NEIN – VERHAFTEN

Liebesgeschichte von Peter Podehl

 

Am frühen Abend des 13. Oktober 1950, einem Freitag, zwei Tage vor der Wahl zur Volkskammer, wurde Anne Trabert in ihrem Elternhaus, wo sie wohnte, Werftstraße 7 in Anklam, Bezirk Neubrandenburg, von zwei Volkspolizisten verhaftet. In Handschellen. Handschellen sind eine schwere Demütigung für einen Menschen, der sich nicht der geringsten Schuld bewusst ist; jedenfalls keiner Schuld im Sinne des Strafgesetzbuches, möge es noch so sozialistisch geworden sein.
Das schoss ihr durch den Kopf: Freitag, der 13.; ein Zeichen des Himmels, weil sie mit zwei Männern so eng verbunden war, so intim, Umstände, die sie schon lange ändern, bereinigen wollte; die Kartoffeln, die sie in der späten Abenddämmerung von dem übervollen offenen Güterwaggon in ihre Tasche gefüllt hatte. Aber Handschellen. Das mit den Kartoffeln war glatter Unsinn, Erinnerung an die Jahre des Mangels, als die Mutter mit Anne so manchen Kartoffelklau organisiert hatte. Aber im Herbst 1950 kellerte man Kartoffeln ein, es gab ausreichend Grundnahrungsmittel, nur gelegentlich nochmal einen Engpass bei der gleichmäßigen Versorgung der Bevölkerung.
Anne war zunächst nur verwundert, als sie das Auto vor dem Haus halten sah. Es war ein geschlossener Wagen zum Gefangenentransport. Zwei Polizisten stiegen aus und klingelten.
Sie stand an ihrem großen Tisch und bastelte an Weihnachtsgeschenken. Typisch Anne – so früh damit anzufangen. Sie war die pünktlichste Krankenschwester der Republik, die zuverlässigste und freundlichste. Ihren Charme spröde zu nennen, träfe es nur ungenau, denn er war zugleich – ja: lieblich und bezauberte Patienten und Ärzte; genau deshalb nicht immer alle Kolleginnen. Sie verbreitete immer hellen Himmel. Ihre gelegentlichen Nöte gingen Niemanden etwas an, so fand sie, weil Niemand diese Nöte verstand.
Basteln – nun ja: Tante Maude hatte ihr aus Westberlin 20 Fotos geschickt, Kunstpostkarten mit einem Bild, in das Anne sich verliebt hatte: Les trois mages, die Heiligen Drei Könige, in Stein gehauenes Relief an der Kathedrale von Autun in Frankreich, Département Saône et Loire. Das Bild nahm sich im Anklam des Jahres 1950 vergleichsweise exotisch aus.
Die Heiligen liegen unter einer sehr fein ziselierten Decke. Sie hat was von einer gehäkelten Decke mit einem Spitzen-Abschluss für einen runden Tisch. Als Zudecke für drei Könige wirkt sie eher ungewöhnlich. Der obere außen liegende König – man kann ihn Melchior nennen – hat Arm und Hand auf der Decke. Ein Engel mit Heiligenschein und unverhältnismäßig großem Flügel weist mit dem Zeigefinger seiner linken Hand auf den Stern von Bethlehem, der über den Königen wie eine Blumenrosette steht – der Betrachter wäre geneigt zu sagen: leuchtet. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand berührt der Engel den kleinen Finger des Melchior und weckt ihn. Melchior hat gerade die Augen aufgeschlagen, Balthasar und Kaspar schlafen noch.
All dies mit größter Könnerschaft ungemein zierlich in Stein gehauen von einem anonymen Meister des 12. Jahrhunderts, für den kein spätes Lob zu enthusiastisch wäre. Allein die steinernen offenen Augen des Melchior, die geschlossenen der beiden anderen gekrönten Häupter – alle Drei haben am Vorabend die Kronen zum Schlafen nicht abgelegt. Anrührender, anheimelnder Gruß aus weiter Ferne und Vergangenheit.
Das Bild wurde dann in den 50er Jahren im Westen sehr populär, war in allen Formaten erhältlich und zierte viele christliche Traktate und Kalender.
Anne hatte diese 20 Fotos erbeten, nachdem Tante Maude ihr bei einem Besuch eins geschenkt und sie sich darein verliebt hatte. Sie klebte sie in kleine selbstgeschnittene Passepartouts ohne festen Rahmen – die waren damals noch Mangelware – und freute sich aufs Schenkenkönnen. Um weitere Passepartouts schneiden zu können, brauchte sie aber jetzt die Schere; die hatte Jens mittags zum Schleifen mitgenommen. Abends wollte er sie wiederbringen.
Anne ging zur Tür ihres Zimmers, öffnete sie nicht gleich, hörte die Haustür aufgehen. Ein Polizist fragte: „Wo ist das Zimmer, wo das Schild steht?“ Die Stimme der Mutter fragte: „Wo was steht?“ Der andere Polizist fragte mit etwas rauer Stimme: „Wer wohnt in dem Zimmer, wo das Nein im Fenster steht?“
Anne öffnete die Tür: „Ich.“
„Sie sind verhaftet.“
„Was? Wieso?“
Der Vater mischte sich sofort ein: „Haben Sie einen Haftbefehl?” – „Können wir gar nicht haben. Wir ermitteln ja gegen Unbekannt, wenn Sie verstehen, was das heißt.“ Der andere Polizist ergänzte: „Haftbefehl liefern wir nach. Es besteht akute Verdunkelungs- und Fluchtgefahr. Unser Staat ist bedroht.” – „Wenn das Frolleinchen erstmal in Westberlin ist, ist es zu spät, und wir haben die Mütze voll Scheiße.“
Nach kurzem Augenkontakt waren beide Polizisten hinter Anne getreten und hatten der völlig Überraschten die Handschellen angelegt. Die Manipulation verriet erfolgreiches Training in einem Fortbildungskurs für Volkspolizisten. Die hatten ja damals erst wenig Erfahrung, ein sehr bunt zusammengewürfelter Haufen aus Altkommunisten, Opfern des Faschismus, sehr jungen Leuten, die die sozialistische Weltanschauung einigermaßen einte, deren Ausbildung jedoch noch sehr unzulänglich war. Je weiter weg von Berlin, desto unzulänglicher. Und Anklam war sehr weit weg von der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik.
Annes empörtes „Nein, lassen Sie das!“ kam viel zu spät.
Die Mutter rief: „Doch nicht Handschellen! Mein armes Kind! Was hat sie denn verbrochen?“
Die Polizisten gingen in Annes Zimmer, machten sich dort kurz zu schaffen und kamen wieder in den Flur. Der eine verstaute was in seiner Umhängetasche, der andere zog den Schlüssel innen ab und verschloss die Zimmertür von außen: „Haben Sie einen Reserveschlüssel?“
Der Vater war verwirrt: „Was? Ja, vielleicht.” – „Dann händigen Sie uns den aus.” – „Ich weiß gar nicht, wo ich den auf die Schnelle suchen soll.“
Der Polizist klebte ein Siegel auf die Ritze zwischen Tür und Rahmen: „Dass das ja nicht beschädigt wird. Keiner geht hier rein, bevor Sie nicht weitere Weisung erhalten.“
Der andere Polizist fährt fort: „Gehn wir. Sie leisten keinen Widerstand, Frolleinchen. Widerstand ist nämlich zwecklos.“ Frolleinchen – das hatte er nicht im Fortbildungskurs gelernt.
Er ging voraus, Anne folgte in der Mitte, der andere Polizist hinterher. Sie verstauten Anne in dem Gefangenentransporter und fuhren weg. Nach drei Stunden Vorhölle war Anne wieder frei und kam nach Hause zurück.
Die Eltern waren, nachdem Anne abgeführt worden war, wie gelähmt. Nach einer Weile sagte der Vater, er wolle zum Rechtsanwalt gehen, aber sie kannten keinen; oder zu den Nachbarn, aber sie wussten ja nicht, ob Anne nicht irgendwas getan hatte, wo es besser war zu schweigen. Deswegen ging der Vater auch nicht aufs Revier, wo er eigentlich Krach schlagen wollte.
Nach einer knappen halben Stunde kam Horst und wollte zu Anne. Ihr Elternhaus war eine ebenerdige Kate, klein, daher nicht mit Flüchtlingen belegt, nicht beengt, vom Vater sorgsam gepflegt. Das fiel ihm vergleichsweise leicht, weil er Polier war, Vorarbeiter auf der großen Baustelle am Hafen.
Wie gewohnt stieg Horst auf die kleine gemauerte Baumeinfassung ziemlich genau vor Annes Fenster. Der Vater hat sie aufgezogen, weil der Baum krepelte. Sie schützte das Erdreich, und es hatte ganz den Anschein, als ob es dem Baum besser ginge.
Horst schaute nach dem Schild in Annes Fenster. Aber da stand weder das Ja noch das Nein. Horst warf dennoch einen Kieselstein an Annes Fenster. Als sich nichts rührte, warf er ein zweites Steinchen. Auch darauf rührte Anne sich nicht. Schließlich klingelte er.
Die Eltern standen noch im Flur, hatten sich kaum bewegt. Das Klingeln riss sie in einen großen Schreck. Sie mochten Annes Freund nicht so sehr. Er war ein armer Kerl, Sohn ehemals reicher Großgrundbesitzer, denen man allen Besitz genommen hatte. Bodenreform hieß das. Zudem hatte man sie in ein Lager gesperrt, weil sie einflussreiche, hochrangige Funktionäre der NSDAP gewesen waren, beide, Vater und Mutter. Ob sie noch lebten, war äußerst fraglich. Man hörte Entsetzliches aus diesen Lagern. Aber auch irgendeine Todesnachricht war nie gekommen.
Zynischer konnte kein Zeichen gesetzt werden für die enge Verwandtschaft der Diktaturen. Die Bolschewisten übernahmen die Lager der Nazis, bruchlos, Buchenwald, Oranienburg; das Wegsperren, das Foltern und Krepierenlassen der Gegner war der gemeinsame Nenner. Ob sie überhaupt alle Gegner waren, ob viele nicht nur – was ist das für ein schreckliches Nur – Opfer böswilliger Denunziationen waren, blieb offen.
Horst war blond und sah eigentlich gut aus. Eine Schreiner-Lehre hatte er abgeschlossen. Er arbeitete nicht weit von Vater Trabert auf der großen Baustelle am Hafen. Bei seiner Großmutter war Horst untergekommen, die aber mit den Jahren immer gebrechlicher geworden war, auch mental.
Annes Eltern wussten, wie sehr Horst an ihrer Tochter hing. Die Nachricht von ihrer Verhaftung traf ihn wie ein Schlag, regelrecht, er musste sich setzen. Aller Abscheu und Hass gegen diese Obrigkeit, die ihm seine Eltern genommen hat, wüteten in seiner Seele, bis er fast nicht mehr Luft bekam. Nun auch Anne.
„Was kann sie bloß verbrochen haben?“ fragte die Mutter. „Ja, nichts,“ schnaubte Horst, „nichts, das ist es ja.“„Es war irgendwas mit einem Schild.“„Ja,“ sagte Horst, „deswegen habe ich ja geklingelt. Wenn Anne nicht wollte, dass ich komme, stellte sie das Schild ins Fenster, da stand Nein drauf.“ Die Mutter fragte: „Und warum sagte sie dir Nein?” – „Das weiß ich nicht. Das war ihr Geheimnis, hat sie mir nicht verraten. Meist stand Ja im Fenster.“
„Ich gehe jetzt aufs Revier,“ sagte der Vater. „Kommst du mit, Horst?“ Horst quälte sich: „Nein, ich möchte nicht, – mit diesen – Vopos.” – „Ich verstehe das,“ sagte der Vater, „vielleicht gehe ich besser auch nicht.“
Für Anne begann die Tortur der Verhaftung mit dieser Fahrt im geschlossenen Gefangenentransporter durch Anklam. Sie sah nichts. Milchglas im hohen Dach spendete Licht. Sie schloss die Augen und setzte alle konzentrierte Aufmerksamkeit ein, um die Fahrt zu verfolgen. Kinder halfen ihr. Sie schrien wild durcheinander: Sportplatz und Pausenhof der Rosa-Luxemburg-Schule. Sie spielten wahrscheinlich noch Fußball, bis es dunkel wurde. Der Wagen hielt: Die Ampel an der Baustraße. Aber dann spürte sie eine lange Rechtskurve, die sie nicht orten konnte. Wohin? Eine Umleitung vielleicht, so hoffte sie. Noch ein Ampelhalt. Als sie schon glaubte, die Orientierung verloren zu haben, half ihr ein großes Gerumpel weiter: Karl-Marx-Allee, da waren noch viele Löcher vom Krieg im Pflaster, und es roch nach Teer, weil die eine Fahrbahnhälfte erneuert wurde. Sie schaute nach oben und sah Baumkronen über das Milchglas ziehen. Dann die große Kurve um St.Marien. Ziemlich eindeutig: Sie fuhren zum Polizeirevier.
Eine große Angst wich von Anne: Sie fuhren also nicht ins Gefängnis oder gar an einen ihr unbekannten Ort. Seit dem Frühjahr gab es dieses Ministerium für Staatssicherheit, mit einer Außenstelle auch in Anklam, davon hatte sie in einem Gespräch mit einer Patientin erfahren. Mit denen wollte sie nichts zu tun haben. Aber andrerseits: Wenn es nicht um Staatssicherheit ging, – was um Himmelswillen konnte man ihr ernsthaft vorwerfen?
Der Wagen hielt, die Tür wurde geöffnet, Anne sprang raus und erkannte sofort das Revier. „Da rein,“ sagte der eine Polizist.
Anne ging ins Revier. Sie sah noch das Schild ‘Staatsministerium für Sicherheit – Außenstelle Anklam’. Ach, das war also auch in diesem Gebäude! „Sei wachsam!“ murmelte Anne fast unhörbar.
Das Schild hing übrigens nur kurze Zeit. Es war eine Firma, die suchte und schnüffelte, kein Unbefangener wollte oder musste sie finden; Denunzianten wussten sie allemal zu finden.
Das Revier war in einer sehr großen, alten Parterrewohnung untergebracht. Anne wurde durch ein Berliner Zimmer geführt, in dem mit viel Geschrei ein Verkehrsunfall protokolliert wurde. Man sperrte sie in eine Kammer, die früher das sogenannte Mädchenzimmer, die enge Bleibe für das Dienstmädchen war. Sie sagte noch: „Machen Sie bitte die Handschellen ab.“ Aber der Beamte war offenbar nicht dazu befugt, beschied sie mit einem „Später“ und schloss sie ein.
In dem kleinen Raum standen nur drei Stühle. Vor dem Fenster ein Gitter, ursprünglich gegen von außen vielleicht einsteigende Diebe oder Defloranten angebracht, nun der Volkspolizei gegen Fluchtversuche von innen dienend. Anne setzte sich. Mit Handschellen ist das Sitzen eine Qual, wenn die Rückenlehne bis an den Sitz runtergeführt ist. Anne zog mit dem Fuß einen Stuhl von der Wand weg und setzte sich rittlings darauf, die Lehne vor sich, die Arme konnten hinten runterhängen.
Anne wusste sehr genau, dass sie jetzt nicht heulen durfte, dass sie alle Gedanken konzentrieren musste, um diesen bösen Angriff abzuwehren. Ihre Geistesgegenwart war gefordert, mehr, viel mehr als bei einem schweren Fall im Krankenhaus. Sie wusste, dass sie mit Händefalten die Handschellen nicht sprengen konnte, aber kaum waren die Finger ineinander verschränkt, schossen die drei Magier in ihr Gemüt, der Stern, der Zeigefinger des Engels, der kleine Finger des Melchior. Drei Könige waren mit Anne in die Enge dieser Kammer gesperrt.
Dann stieg eine große Wut auf: Es war ihr nun vollends ein Rätsel, dass sie mal mit diesem Regime geliebäugelt hatte. Ja, es war wohl ein leichtfertiges Kokettieren gewesen mit den wunderbaren Ideen des Sozialismus, von der Gleichheit aller Menschen, von der gerechten Verteilung aller Güter, vom Sieg der Arbeit über das Geld. Der Vater war Proletarier, Polier und Vorarbeiter, ein Jahrhundertmann, Jahrgang 1901, geprägt von den damals schon zur Legende werdenden 20er Jahren, von den sozialdemokratischen Ideen, keine Kämpfernatur, kein organisierter Genosse, leise murrend und sich anpassend durch die Hitler-Jahre gekommen ohne Schaden zu nehmen. Und nun hoffte er nur, wieder leise murrend, diese Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – man sollte genau sein: Ostdeutschlands, im Schatten der russischen Kanonen – auch sie zu überleben ohne Schaden zu nehmen und vor allem, ohne Jemandem Schaden zuzufügen.
Die Mutter – auf die Mutter musste Anne sich konzentrieren. Sie war so traurig geworden über Annes Verliebtheit in den Sozialismus. Sie wetterte nicht dagegen, sie predigte nicht. Nur einmal nahmen Mutter und Tochter sich Zeit und Muße, um lange zu sprechen. Da verhehlte die Mutter nicht den Grund ihrer Trauer. Es war anfangs nur, um sie wieder fröhlicher zu machen, dass Anne diesen sozialistischen Idealen abschwor, und plötzlich hielten die Standardbeglückungen den Wirklichkeiten nicht mehr stand, wurden leere Hülsen, getretener Quark. Sie hatte diesen getretenen Quark in der Schule sehr lustig gefunden, hatte irgendwas mit Goethe zu tun.
Die Mutter hatte den Glauben gefunden. Oder hatte der Glaube sie gefunden? An dieser Frage konnte Anne sich festbeißen, die konnte sie durchkneten, gleichgültig, wie formal sie schien, bei ihr konnte sie verweilen, sie in alle Richtungen drehen, ihr auf die Schliche kommen, nicht hopplahopp durchgehen lassen. Ein Engel wäre jetzt gut, so einer, der auf den Stern zeigt, damit der Melchior sieht, was los ist, wohin die Reise geht. König müsste man sein. Königin ist man auch in Handschellen.
Ein Polizist kam in die Kammer, nahm ihr die Handschellen ab und ging wieder: „Sie müssen noch ein bisschen warten.“
Zwei Sekunden hielt Anne den Polizisten für einen Engel. Aber gleich war sie wieder vorsichtig: Wie, wenn diese Freundlichkeit sie in der Sicherheit wiegen sollte, es sei Alles auf bestem Wege? Und in Wirklichkeit wollten sie ihr einen Strick drehen? Das Wort Strick erschreckte Anne. Aber wieder ermahnte sie sich sofort: Bangemachen gilt nicht! Ein Satz, den sie im Krankenhaus oft benutzten. Nein, so schnell steht man auch in der DDR nicht unter dem Galgen. Sie wollen dich hilflos und unsicher machen, sie wollen, dass du heulst, damit sie dich erpressen können. Zeige keine Zähne und keine Zunge, stütze die Fassade. Machte Anne sich klar, wie präzise ihre Gedankenketten den Dialektik-Forderungen des theoretischen Sozialismus folgten? Kaum.
Zurück zu den Engeln! Nein, Anne war nicht einig mit der Mutter in allen Glaubensfragen. Ein paar Mal war sie mit ihr in den Sonntagsgottesdienst in St. Marien gegangen. Der junge Pfarrer Kniepholz hatte nie ihre Glaubensfröhlichkeit verletzt. Da war also Einer, der die Welt erschaffen hatte. Und vielleicht war da auch ein Sohn, der die Seele freisetzte. Ist eigentlich zum Lächeln schön, fand Anne. Wenn es so ist, dann musste er hier anwesend sein, der Vater oder der Sohn oder beide. Er musste immer anwesend sein, auch wenn sie mit Jens ins Bett ging. Oder mit Horst. Es machte ihr Spaß, mit Jens mehr als mit Horst. Irgendwelche Lustfeindlichkeit war ihr sehr fremd. Was sie mit Christus auszuhandeln gedachte, war das Heimlichtun, dass Jens nichts von Horst wusste, und Horst nichts von Jens. Untreue – oder?
Sie wollte die Sache mit Horst beenden. Aber er tat ihr so Leid. Ja, Mitleid hatte sie in diese Beziehung gerissen. Anne war weit davon entfernt, ihr Mitleid zu verachten. Horst, ohne Eltern, vaterlos, als er den Vater so dringend brauchte, gefangen bei einer alten Frau, für die er nur eine Beute zu sein schien. Oft schmiegte er nur einen ganzen Abend lang seinen Kopf in ihren rechten Arm. Er schlief nicht, sprach nicht, stand dann unverhofft auf und sagte: „Nun geht es wieder.“
So lernte Anne früh, was das bedeuten konnte: den Kopf in ihren rechten Arm legen zu dürfen. Sie hatten es mal mit dem linken Arm probiert, aber das funktionierte nicht. Und einmal hatte Anne gesagt: „Wenn ich nun mal deinen Arm brauche, meinen Kopf reinzulegen?” – „Brauchst du nie,“ hatte Horst gesagt.
Und da sollte sie Schluss machen? Den Pflegevertrag kündigen? Jens war so ganz anders, fröhlich, hilfreich, sehr liebevoll. Es war verrückt: sie brauchte den einen Liebhaber, um den anderen Liebhaber auszuhalten. Das war es: Anne ertrug Horst, das war nicht sonderlich gut für die Liebe.
Wann wurde sie denn nun zum Verhör geholt? Das lange Warten war bestimmt kalkuliert, um sie mürbe zu machen.
Im Revier war der Verkehrsunfall erledigt. Martin, ein älterer, ziemlich beleibter Innendienstler in schmuddeliger Uniform fragte seinen jüngeren, eher adretten Kollegen: „Da wartet doch noch wer?” – „Lass die mal ruhig noch ein bisschen warten.“ Martin machte geltend: „Ich protokolliere das, dass das klar ist. Ich brauche Pluspunkte, sonst schickt mich der Stasi-Genosse noch an die Grenze in die Baracken.” – „Kannst du ruhig protokollieren.” – „Deine Beförderung ist so gut wie sicher, aber ich – Weißt du, was ich manchmal denke? Je mehr Strafen im Dienstbuch, desto besser, umso eher werde ich im Westen als politisch Verfolgter anerkannt,- wenn ich mal rüber gehe.“ Der jüngere Vopo war damit aber gar nicht einverstanden: „Genosse Martin!, sowas solltest du nicht mal denken!” – „Hol das Mädchen.” – „Noch ein bisschen schmoren lassen.“

Jens kam zu Annes Haus. Auch er bestieg die Baumeinfassung und schaute nach dem Schild, aber es war keines da, was ihn irritierte. Er warf ein, zwei Steinchen kurz hintereinander ans Fenster. Aber Anne zeigte sich nicht. Es konnte sein, dass sie mit den Eltern in der Küche beim Essen saß. Obgleich: Sie aßen eigentlich immer pünktlich um 18 Uhr 30. Und höchst selten mal nahm sich die Familie längere Zeit zum Abendessen. Jens zögerte. Die Mutter war eine herzensgute Frau und hätte ihn zum Essen eingeladen. Und genau das wollte er nicht so gerne. Seit zwei Jahren gab es in den HO-Läden fast Alles zu kaufen – zum Renner war die HO-Buttercremetorte geworden. Aber es waren sündhaft teure Läden. Und es gab nach wie vor Lebensmittelkarten. Aber Jens war auch ein wenig beunruhigt, weil das Schild nicht im Fenster stand. Anne hatte ihm nie verraten, welche Gründe es haben könnte, dass da Ja oder Nein im Fenster stand. „Es ist etwas Schlimmes,“ hatte sie gesagt, „aber du musst mir vertrauen.“
Viel hat Jens schon über den Satz gegrübelt. War Anne in irgendwelche Machenschaften gegen die DDR verwickelt? Hatte ihre Tante Maude in Westberlin was damit zu tun? Es konnte ja auch ganz harmlos sein. Nein, – dann hätte Anne doch kein so großes Geheimnis daraus gemacht.
Jens hatte Sehnsucht nach Anne. Er klingelte. Ganz unerwartet schnell öffnete die Mutter, als habe sie hinter der Tür gestanden und auf das Klingeln gewartet.
„Guten Abend, Frau Trabert,“ begrüßte Jens sie, „ich wollte Anne nur die Schere bringen, die ich ihr geschliffen habe.“ Er wollte ins Haus. Aber es war, als stellte sie sich ihm entgegen: „Anne ist nicht da.“ Es schoss ihr in den Kopf: Hier kann nur die Wahrheit helfen: „Horst ist da.“
Eine Auskunft, die Jens sehr irritierte: „Wer ist Horst?“ Der Vater fragte erstaunt: „Kennt ihr euch nicht?” – „Nein,“ sagten die jungen Männer.
Jens trat in den Flur. Die Mutter schloss die Haustür und sagte: „Es ist man so: Ihr seid beide Freunde von Anne.“
Horst war völlig verdattert. Jens ahnte kaum spürbar einen Zusammenhang mit dem Nein. „Wo ist Anne?“ fragte er. „Verhaftet.” – „Was? Wieso?“ Der Vater ging zur Tür von Annes Zimmer: „Haben die nicht gesagt. Hier – versiegelt.“ Er drückte die Klinke: „Abgeschlossen, den Schlüssel haben sie mitgenommen.“
Jens wollte wissen: „Hatten sie einen Haftbefehl?” – „Nein,“ sagte der Vater, „den wollten sie nachliefern.“ Die Mutter ergänzte, was ihr so völlig unverständlich war: „In Handschellen. Es sei akute Gefahr – für den Staat.“
Jens verließ rasch das Haus: „Ich geh zu ihr. Ich hol sie da raus.“
Sehr zögerlich folgte Horst: “Dann will ich mal auch da hin.“ Er ging langsam durch die Straßen, die vollgepflastert waren mit Wahlplakaten: Ja! Ja! Ja! Zur Einheitsliste!
Anne saß an der Schmalseite des einen Schreibtisches, traditioneller Platz für Arme Sünder, Bittsteller, Einzuvernehmende, Angeklagte. Es ist stets ein demütigender Platz, man sitzt im Winkel eingeengt, nicht gegenüber, hat keine Beinfreiheit. Der an der Breitseite sitzt, hat die Macht. Es war Martin, der ältere Beamte:
„Entschuldigen Sie, Fräulein, wir mussten erst einen Verkehrsunfall –“ Der jüngere Beamte saß an einem zweiten Schreibtisch und mischte sich mit unangenehm schnarrendem Ton ein: „Warum entschuldigst du dich bei der?“ Aber der Alte wurde ärgerlich: „Mach mir keine Vorschriften!“
Anne schaute beide Beamten an: Nein, keiner von denen hatte sie verhaftet.
„Name?” – „Anne Trabert.“ Martin tippte sehr unbeholfen: „Trabert Anne. Geboren?” – „24. Oktober 1930.“ Der junge Beamte rief schnarrend rüber: „Dann sehen Sie mal zu, dass Sie an Ihrem Geburtstag nicht im Knast sitzen.“
Anne erschrak. Was war denn bloß passiert? Hatte sie geplappert? Hatte einer aus dem Krankenhaus sie denunziert?
Der protokollierende Beamte hatte eine sehr ennervierende Art zu tippen. Wohl um Professionalität und Schnelligkeit vorzutäuschen, tippte er zwei Tasten jeweils sehr rasch hintereinander mit den Zeigefingern der beiden Hände. Es schien ihm aber auch große Erleichterung zu verschaffen, wenn er zwei Buchstaben auf das Papier bugsiert hatte. Immer wieder mal, oft genug, verhedderten sich dabei die Typenhebel. Ihre Enthedderung machte den Beamten nervös, Farbreste vom Farbband wischte er an seiner Uniform ab, die eine ähnliche Farbe hatte. „Wohnhaft?“
‘Haft’ hörte Anne mit wachsendem Horror. „Werftstraße 7.” – „In Anklam? Ja, klar in Anklam. Horst-Wessel-Straße hieß die früher.“ Es gelang Anne, die ganz Unbelastete zu spielen: „Und ganz früher, als ich geboren wurde, hieß sie schon mal Werftstraße.“ Der Beamte litt unter der Doppelbelastung, zuhören und tippen zu müssen: „Jaja. Nummer?” – „Sieben.“ Leicht für den Beamten, einfach auf die 7 zu drücken. „Beruf?” – „Krankenschwester.“ Ein langes Wort, das zu tippen viel Zeit braucht. „Religion?“ Irgendeine Vorsicht warnte Anne: „Muss ich das angeben?“
Der junge Beamte meldete sich wieder mit seinem schnarrenden Ton: „Die Fragen stellen wir!“
Der ältere Beamte ärgerte sich jedes Mal, wenn der Kollege seine Einwürfe machte: „Keine Religion – Strich.“ Das war Anne nicht recht: „Nein, ich bin protestantisch.“ Das verkraftete der Beamte nur schwer: „Warum sagen Sie das nicht gleich? Jetzt muss ich – was mach ich denn? Evangelisch heißt das, abgekürzt ev.“ Er tippte dreimal ‘ev.’ über den Strich, wobei sich einmal mehr die Typenhebel verhedderten. Aber dann war er doch zufrieden: „So. Also: -“
Anne fragte: „Was also?” – „Schildern Sie mal den Vorgang. Aber langsam, schön der Reihe nach. Ich bin nämlich behindert. Ich war nämlich bei euch im Knast.“ Da glaubte Anne denn doch behutsam widersprechen zu müssen: „Bei mir doch nicht.“ Genau solche Antwort hatte der Beamte erwartet und schoss nach: „Waren Sie im BdM?“ Also ging es doch um irgendwas Politisches. Anne antwortete klar: „Ja, waren wir doch alle, mussten wir ja.” – „Also war ich bei euch im Knast. Aktives Mitglied der KPD.“ Anne war etwas irritiert: „Aber doch nicht bei m- So habe ich das noch nie gesehen.” – „Sollten Sie aber manchmal.“
Da war es wieder: Annes Mitleid, das den alten, unansehnlichen Mann in der bekleckerten Uniform einschloss: „Das tut mir sehr Leid.” – „Was?” – „Dass Sie – im Knast waren.“ Der Mann lächelte, beinah beschämt: „Das hat mir noch keiner gesagt. Also: den Vorgang – “ – „Welchen Vorgang?“ fragte Anne.
Wieder mahnte der jüngere Beamte an: „Die Fragen stellen wir.“ Wieder schaute ihn der ältere verärgert an, sagte aber: „Ja,“ wandte sich dann an Anne: „Weshalb sind Sie hier?” – „Das weiß ich nicht .” – „Was?” – „Ich –“
Der jüngere Polizist verfolgte eine gemeine Strategie, heute nennt man das Mobbing: „Martin, Fräulein Trabert wurde in Handschellen eingeliefert.“ Das wirkte prompt. Kaum zu verstehen war das „Was – ?“ des Älteren. Der Jüngere geruhte zu ergänzen: „Sie ist verhaftet.” – „Warum sagst du mir das denn nicht? Du behandelst mich wie den letzten Dreck. Wo ist der Vorgang? Das Verhaftungsprotokoll?“
Der jüngere Beamte kam mit einem großen Umschlag rüber. Er holte den Schlüssel raus und legte ihn hin: „Der Schlüssel zu Fräulein Traberts Zimmer. Die Tür ist versiegelt.” – „Ja. Und?“ Der Alte wollte den Umschlag greifen.
Aber der jüngere Beamte entzog ihn ihm und schoss: „Lass mich das Protokoll machen.“ Zu früh: „Nein! Ich tippe! Du willst dich bloß vordrängeln wegen deiner Beförderung. Aber ich muss mich bewähren, sonst komme ich an die Grenze in die Baracken.“ Der andere war indigniert über solche Offenheiten: „Wenn du doch einmal denken könntest, bevor du den Mund aufmachst.” – „Du bist sehr frech. Ich könnte dein Vater sein!” – „Genosse –” – „Wenn du schon Genosse zu mir sagst.” – „Wir sollten unseren Streit nicht vor allen Leuten – “ – „Hier sind nicht alle Leute. Was ist da noch drin?“
Der jüngere Beamte schaute ins Kuvert und holte eine der Postkarten von den Heiligen Drei Königen raus, zeigte sie dem Kollegen: „In Fräulein Traberts Zimmer beschlagnahmt.“ Der Alte schaute sich das sehr verwundert an: „Was ist das?“ Er hielt die Karte Anne hin: „Was ist das?” – „Les trois mages,“ erklärte Anne, während sie fieberhaft überlegte, was denn die Beschlagnahmung der Postkarte bedeuten könnte. Der jüngere Polizist schnarrte: „Sprechen Sie Deutsch!“ Anne beeilte sich zu erklären: „Die drei Magier, die Heiligen Drei Könige, eine -“
Der Alte unterbrach: „Moment mal! Wie war das? Was ist das?” – „Was?” – „Das Ausländische da.” – „Das ist französisch: Les trois mages.” – „Wie schreibt man das?“
Der jüngere Beamte witterte eine zweite Chance: „Lass mich das protokollieren.” – „Als ob du Französisch kannst! Du tippst das nicht! Das Fräulein erledige ich. So ein hübsches Mädchen. Könnte meine Tochter sein und ist verhaftet, mit Handschellen. Also: Was ist noch in dem Umschlag?“Aber der Jüngere wandte sich an Anne: „Erst mal die Frage an die Verdächtige: Es lag ein ziemlicher Haufen solcher Postkarten auf dem Tisch bei Ihnen zu Hause -“ Fein, wie der Alte ärgerlich wurde: „Woher weißt du das?” – „Das steht im Verhaftungsprotokoll.” – „Warum gibst du mir das nicht? Du bist ein ganz fieser Möps!“
Der jüngere Beamte überhörte das und fragte Anne: „Was bedeuten diese vielen Postkarten auf Ihrem Schreibtisch?“ Anne fragte, und es klang etwas provokativ: „Ist der Umgang mit Engeln in der DDR verboten?“
Jetzt sagte der Alte: „Die Fragen stellen wir. Also?” – „Das sind Weihnachtsgeschenke.“ Der Jüngere schnarrte: „Erzählen Sie keine Märchen! Mitte Oktober Weihnachtsgeschenke. Wer macht denn sowas?” – „Ich.” – „Da steckt eine Verschwörung dahinter.“
Annes Seele flog in den Himmel: „Ja, die Verschwörung des Glaubens an die Schönheit und Wahrheit dieses Bildes, an Gott und die Geburt seines Sohnes Jesus Christus unter dem Stern am Nachthimmel von Bethlehem.“ Das floss Anne wie eine Predigt aus dem Herzen in den Mund ohne Absicherungen im Kopfe.
Aber für den tippenden Volkspolizisten war es natürlich die Hölle: „Moment, Moment, langsam, habe ich extra gesagt! Also nochmal: -?“ Der jüngere Polizist meinte: „Martin, da müssen wir das Amt für Kirchenfragen einschalten.” – „Werner, jetzt halt du doch mal den Mund!” – „Wieso? Verschwörung in der evangelischen Kirche -“
Anne bekam einen großen Schreck: „Um Gottes willen, – nein!“ Der jüngere Beamte klammerte sich an seine Spur: „Zu welcher Gemeinde gehören Sie?” – „Sankt Marien.” – „Pfarrer Kniepholz. Kennt er das Bild?” – „Nein! Der hat mit den Bildern nicht das Geringste zu tun! Vielleicht kriegt er eins zu Weihnachten geschenkt.“ Anne war fassungslos, welche Kreise das jetzt zog, wie völlig Unschuldige in den Strudel gerissen wurden. Sie fühlte sich ja selbst völlig unschuldig. Was konnte denn bloß die Anklage gegen sie sein?
Der jüngere Polizist schaute dem älteren beim Tippen über die Schulter auf das Protokoll: „Martin!, nicht doch Beschuldigte! Du musst tippen: die Befragte. Wenn Anklage erhoben ist vom Staatsanwalt, dann kannst du Beschuldigte schreiben.“ Der Alte brummte: „Geh mir ausm Rücken.“ Er stierte auf das Protokoll. Werner tippte ihm auf die Schulter. Gereizt reagierte der Alte: „Was ist denn?” – „Komm mal’n Moment.“ Wie gegen seinen Willen gehorchte der Alte. Beide gingen in den Erker am Fenster.
Anne dachte ganz kurz an Flucht, ermahnte sich aber sofort, wie erfolglos das wäre. Sie glaubte aus dem verschwörerischen Flüstern der Beiden zu verstehen, dass der Junge nun protokollieren, der Alte aber am Ende verantwortlich zeichnen würde.
Die Beiden kamen zurück, Werner schlüpfte hinter die Schreibmaschine. Der Alte sagte noch, wieder ohne zu denken: „Und wenn nicht – ist auch egal. Geh ich eben an die Grenze in die Baracken.“
Diese gemeine Versetzungspraxis an die Grenze, wo sie in Baracken leben mussten und Flüchtlinge abfangen sollten, war eine dauernde Drohung für alle Vopos in der ganzen Republik. Martin Schreiber hatte da böse Ahnungen. Ziemlich sicher waren seine Vorgesetzten mit seinen Leistungen im Revierdienst wenig zufrieden. Er lebte mit einer Kriegswitwe zusammen, die ihn gut versorgte. Die Vorstellung, an der Grenze in Baracken leben zu müssen, machte ihn fertig. Und mehr als einmal dachte der alte KP-Mann: Dann lieber gleich rüber in den Westen, das mit der Kommunistenvergangenheit muss man den Amis ja nicht auf die Nase binden.
Werner hatte das Protokoll seines Kollegen überflogen und dann das Papier rausgezogen, zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Er spannte ein neues Blatt in die Maschine und wiederholte die Einvernahme: Name, Adresse, Alter, Beruf. Dann forderte er auf, den Vorgang zu schildern.
„Welchen Vorgang?“ Wieder dieses Schnarren: „Ich wiederhole: Die Fragen stellen wir.” – „Ich weiß von keinem Vorgang.“ Werner schüttelte den Kopf: „In der DDR verhaften wir Niemanden ohne Grund.” – „Das will ich glauben. Aber ich wüsste keinen Grund.“
Werner schaute aufmerksam in das Kuvert, holte aber nichts raus, fragte schließlich: „Wie stehen Sie zur DDR?” – „Ja gut, was denn sonst? Entschuldigen Sie, dass ich schon wieder gefragt habe, gut, solange sie nicht Unschuldige verhaften.” – „Sie fühlen sich unschuldig?” – „Absolut. Also – nicht als Mensch oder so – aber als Staatsbürgerin absolut unschuldig.” – „Was ist übermorgen?“ Worauf wollte der Kerl denn bloß hinaus?: „Sonntag.” – „Was machen Sie da?” – „Wir wollten endlich mal wieder zur Ruine Landskron rausfahren – mit dem Rad.” – „Wer ist wir?” – „Mein – Freund und ich.“
„Zur Wahl gehen Sie nicht?“ Jetzt wurde es eng für Anne, trotzdem ahnte sie noch nicht das Ziel: „Doch, ja, natürlich.” – „Und was wählen Sie?” – „Ich wähle ‚Ja‘, die Einheitsliste, ist doch klar.“ Mit einem Mal ging das Lügen eigentlich ganz gut. Dabei wars nicht einmal eine echte Lüge. Sie würde ihr Ja-Kreuzchen machen, sie verachtete den ganzen Wahlrummel.
Jetzt schnarrte er wieder besonders kräftig: „Warum machen Sie dann antifaschistische Propaganda für unsere imperialistischen Feinde?“ Jetzt war Anne äußerst verblüfft, aber auch äußerst gespannt: „Was mache ich? Ich meine: Ich mache doch überhaupt keine Wahlpropaganda. Ich meine: ich -“
Der Polizist holte das Pappschild aus dem Kuvert: „Und was steht hier drauf?“ Anne musste auflachen: „Ach Gott, ist es das?!“ Dass ihr das aus dem Hirn gefallen war!: Mit dem Schild, von dem die Polizisten im Flur gesprochen hatten, war ja die ganze Höllenfahrt der Verhaftung losgegangen.
„Was steht auf dem Schild?“ Anne las ihr Ja auf der Rückseite des Schildes: „Ja.” – „Wollen Sie mich verarschen?” – „Wenn Sie es mal umdrehn -“
Ein Mann kam von draußen ins Revier, offenbar ein Vorgesetzter, in Zivilkleidung. Die Atmosphäre veränderte sich schlagartig. Der protokollierende Beamte saß bewegungslos, der ältere stand beinah stramm. Hier war der Zuchtmeister aufgetreten, vor dem sie Angst hatten. Anne registrierte es genau.
Der Neuankömmling schaute über Werners Schulter auf das Protokoll in der Schreibmaschine, fand dann das Nein-Schild: „Ach, Sie sind das also.“
Er schaute Anne mit einem Blick an, den sie nicht einschätzen konnte. Spielte da gar ein Lächeln? Er fragte weiter: „Was ist mit dem Bild hier?“
Werner antwortete eifrig: „Das wurde auch beschlagnahmt, lag in vielen Exemplaren in Fräulein Traberts Zimmer auf dem Tisch. Die Heiligen Drei Könige.“ Martin ergänzte geflissentlich: „Französisch, Genosse.“ Und Werner: „Vielleicht das Amt für Kirchenfragen einsch-“
Aber der Mann in Zivil unterbrach: „Genossen, wenn es einen Fall gibt, der vor die Staatssicherheit gehört, dann ist es dieser. Fräulein -“ Er las den Namen vom Papier in der Schreibmaschine ab: „- Trabert, ich habe Ihre Verhaftung veranlasst.“
Anne spürte eine Erleichterung: „Dann werde ich also endlich erfahren, was man mir vorwirft.“ Der Mann schaute sie durchdringend an: „Kein Unrechtsbewusstsein?” – „Nicht das geringste.“
„Wir werden sehn. Genosse, schaff mir meine Schreibmaschine rüber, lass das Protokoll gleich drin, und gebt mir die Beweisstücke. Wird euch vielleicht freuen zu hören, dass ihr nächste Woche eure eigene Schreibmaschine für den Revierdienst bekommt. Fräulein Trabert, kommen Sie.“
Werner packte die Schreibmaschine, Martin eilte hinzu, griff die Beweisunterlagen und öffnete die Tür zu einem anderen Zimmer, Werner stellte die Schreibmaschine dort auf einen Tisch. Anne folgte. Das Zimmer war sehr dunkel, das Fenster mit Stoff verhängt. Der Mann knipste seine Schreibtischlampe an und sagte zu den hinausgehenden Beamten: „Ach, noch was: Genosse Schreiber, für dich kommt die Versetzung an die Grenze.“
Martin fuhr entsetzt rum: „Nein!“ Schneidend scharf kam die Replik: „Was soll das heißen?: Nein.” – „Nicht in die Baracken!” – „Das ist doch wohl das geringste Opfer für die große Ehre, die Republik an der Grenze verteidigen zu dürfen. Raus jetzt!“ Die beiden gingen und schlossen die Tür.
„Setzen Sie sich,“ sagte der Mann. Das tat Anne. Hier saß sie dem wirklichen Feind gegenüber. Plötzlich hatte sie das grelle Licht der Lampe voll im Gesicht. Es erschreckte und blendete. Dass man diesem Manne das Gesicht zeigen muss. Er soll keine Angst in meinen Augen sehen, nicht die Tränen, die hinter der Pupille lauern.
„Muss das sein?“ konnte sie leise fragen. „Die Fragen stellen wir.” – „Ich weiß.” – „Nein, das muss nicht sein.“ Er drehte die Lampe wieder runter und redete los: „Heute Mittag gehe ich durch die Werftstraße. Im Haus Nummer 7 sehe ich im Fenster ein Schild, da steht Nein drauf. Es stand im Fenster Ihres Zimmers?” – „Ja.” – „Wollen Sie mir bitte erklären, was es bedeutet?“
Anne suchte noch immer Aufschub: „Man sieht das doch nur, wenn man auf die Baumeinfassung steigt.” – „Das habe ich getan. Mein Beruf ist Wachsamkeit. Ich habe das Schild von der anderen Straßenseite entdeckt.“ Anne konnte nicht anders und wagte eine ironische Gegenattacke: „Und mein Nein war also für die vielen, vielen Leute gedacht, die sich auch auf die Steine stellen.“
„Werden Sie nicht zynisch, Fräulein Trabert. Dazu sind Sie zu hübsch.“ Hatte er solche Floskel auf einem Fortbildungskurs gelernt? Wenn ja, dann auf einem für Fortgeschrittene. Anne musste lächeln: „Danke.“
Der Mann redete: „Was Sie sagen, klingt einleuchtend, aber so leicht schlüpfen Sie mir nicht aus der Falle. Das Nein ist von der anderen Straßenseite deutlich zu lesen. Ich wiederhole: Wollen Sie mir bitte erklären, was es bedeutet?“
„Nein.” – „Warum nicht?” – „Es ist ganz privat.” – „Das können Sie Ihrem Großvater erzählen. Ich werde Ihnen sagen, was es bedeutet: Ein Geheimzeichen für eine faschistische Verschwörung.“
Da war er wieder, dieser schreckliche, unsinnige Verdacht, den Anne nur unter Preisgabe ihrer Intimität entkräften konnte. Sie starrte ihr Gegenüber an.
Das grelle Licht schoss ihr wieder ins Gesicht: „Habe ich Sie erwischt?” – „Nein.“ Der Mann spielte mit dem Schild: „Sehr dilettantisch, kindlich, aber eindeutig. Während das Wahlvolk der DDR in kräftiger Bewegung aufsteht und dem imperialistischen Feind sein einmütiges Ja als Bekenntnis zu unserem ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden entgegenschleudert, – sagt Anne Trabert, 20 Jahre, in der Werftstraße 7 in Anklam ‚Nein‘. Wahrscheinlich die einzige Gegenpropaganda in der ganzen Republik.“
„Wenn Sie das Schild umdrehen, steht Ja drauf.” – „Aber heute Mittag war deutlich Nein zu lesen – zwei Tage vor der Wahl.“ Anne wand sich: „Ja, da war – Es hat überhaupt nichts mit der Wahl zu tun.” – „Womit sonst?” – „Es ist – ganz privat.” – „Das sagten Sie schon einmal.“
Der Ton wurde gefährlicher: „Fräulein Trabert!, wenn Sie den Verdacht auf staatsfeindliche Umtriebe bis hin zum Hochverrat nicht entkräften können – oder wollen, glaubwürdig entkräften, dass das in keinem Zusammenhang mit anderen staatsfeindlichen Verbrechen im Bezirk steht, – dann kommen Sie in Untersuchungshaft und haben Montag die Anklage der Staatsanwaltschaft am Hals. Und vor Gericht – das kann ich Ihnen versichern – sieht das Alles sehr viel ungemütlicher aus. Ich kann Ihnen nur raten: Packen Sie aus, reden Sie – hier, im Hinterzimmer des Reviers.“
Anne sah keine Möglichkeit für Ausflüchte mehr. Schweigen war ausgeschlossen; sie musste reden, um dieser Hölle zu entkommen. Hölle? Ja, auch wenn Sie noch nicht brannte. Sie wandte den Kopf, schaute in eine dunkle Ecke: „Ich habe -“
Das grelle Licht wurde weggedreht. „Sie haben -?” – „- zwei Freunde.” – „Zwei Freunde? Jungs?” – „Ja. Sie wissen nichts – einer vom anderen. Und wenn der Eine bei mir ist, soll der Andere nicht kommen. Da stelle ich das Schild mit dem Nein ins Fenster.“ Jetzt floss der Redestrom erleichternd: „Ich will das beenden, schon lange, aber – Den Einen liebe ich, der Andere tut mir Leid. Er ist ein ganz armer Kerl, also – arm in der Seele. Ich habe großes Mitleid mit ihm.“
„Das ehrt sie.“ Das kam sehr unerwartet für Anne: „Danke.“ Sie fragte sich erstaunt, warum sie so ausführlich geworden war. Vielleicht war es gut für sie – gegen die Verhaftung.
Der Mann fragte: „Sie sind mit beiden Männern intim?“ Es dauerte, bis Anne ihr „Ja“ gestand. „Was passiert, wenn ich mich da als Dritter anmelde?“ Anne reagierte spontan: „Pfui Deubel!, – nein!” – „Sie gehen sehr sorglos mit sich selber um, Fräulein Trabert.” – „Entschuldigen Sie, aber -” – „Prostitution ist genau so strafbar wie Faschismus. Nicht unbedingt ist das Staatsministerium für Sicherheit mit Prostitution befasst. Obwohl – Werden Sie von Ihren Freiern bezahlt?“ Anne musste auflachen: „Ha! Die kriegen eher mal was von mir. Sind beide arme Schweine.“
Der Mann hatte noch Einiges auf Lager: „Einer Ihrer Freier muss über eine beachtliche Potenz verfügen. Der, den Sie lieben oder der, mit dem Sie Mitleid haben? Abends stand immer noch Nein im Fenster. Oder war mittags der eine bei Ihnen und abends der andere?“
Anne litt Höllenqualen unter diesem Gespräch mit einem Fremden: „Abends stand Ja im Fenster.” – „Sie verwickeln sich in Widersprüche, Fräulein Trabert,“ sagte der Stasi-Mann, auch wenn das so nicht stimmte. „Die Beamten, die ich mit Ihrer Verhaftung beauftragt hatte, haben mir im Verhaftungsprotokoll bestätigt, dass sie das Nein im Fenster beschlagnahmten.” – „Dazu hätten sie auf die Baumeinfassung steigen müssen.” – „Sie hatten Befehl dazu.“
Anne freute sich, überlegen werden zu können: „Ich habe sie aussteigen sehn. Sie haben gleich geklingelt. Auf der Baumeinfassung war keiner von ihnen. Befehlsverweigerung. Wenn Ja von außen zu lesen ist, liest man Nein von innen. Der Beamte hat in meinem Zimmer das Nein aus dem Fenster geholt, das nach außen Ja signalisierte. Denkfehler bei der Polizei. Schlampig, schlampig. Wenn ich mir im Krankenhaus sowas -“ Anne bremste sich, Übermut ärgert den Beamten, dachte sie.
Aber der sagte freundlich: „An Ihnen ist eine Kriminalbeamtin verlorengegangen.” – „Danke, ich bin gerne Krankenschwester.” – „Sie leugnen also jeden Verdacht auf verdeckte Prostitution?” – „Also alles, aber -, da kriege ich ja Magenkrämpfe.“
Der Mann grinste, fragte dann: „Sie wissen, wo Sie hier sind?“ Anne nickte und hauchte: „Stasi.” – „Die Abkürzung macht sich in letzter Zeit breit, aber wir hören sie nicht so gerne. Die bessere Abkürzung ist MfS, Ministerium für Staatssicherheit. Ein äußerst wichtiges Ministerium. Könnten Sie sich vorstellen, als Informantin für uns zu arbeiten?“
Sehr rasch kam Annes „Nein.” – „Manchmal sind Sie sehr langsam, aber manchmal auch sehr schnell. Eine Krankenschwester hört viel, Patienten, Ärzte, Personal, Kolleginnen, sie weiß Namen, Adressen, Krankheiten, Verhältnisse. Ich denke, es wird viel Gutes über die Fortschritte in der Deutschen Demokratischen Republik geredet. Aber ich weiß sehr genau, dass es auch Gerüchte und Verleumdungen gibt. Und es gibt im schlimmsten Fall Hochverrat. Helfen Sie mit, die jungen Füße der DDR zu stabilisieren. Wie wärs?“
Anne war ganz klar im Kopf: „Ich weiß, dass ich mir damit schade, aber – ich möchte das nicht.“ Dann sehr entschieden: „Nein, ich kann das nicht.“ Der Beamte blieb gelassen, was Anne sehr erleichterte: „Wie Sie wollen.“
Plötzlich rutschte das Bild von Otto Grotewohl, Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik mitsamt dem Haken von der Wand und fiel runter. Das Glas splitterte und schepperte.
Der Mann war höchlichst irritiert: „Was ist denn das?“ Er ging hin: „Einfach der Nagel aus der Wand.“ Anne richtete behutsam die Lampe zu dem Unfall: „In Frankreich heißen die Heiligen Drei Könige Les trois mages, die drei Magier. Die liegen hier, auf der Postkarte. Vielleicht sind die irgendwie Schuld…?“
Der Mann wusste nicht, wie weit Anne ihn verspotten wollte: „Quatsch!“ Er lehnte den Rahmen an die Wand und kam zum Tisch zurück. Eine kleine Unsicherheit war jetzt in seiner Stimme: „Den Verdacht auf staatsfeindliche Umtriebe durch faschistische Wahlpropaganda lasse ich fallen.” – „Danke.” – „Sie sagen oft Danke. Der Verdacht auf verdeckte Prostitution bleibt. Den könnten Sie durch Mitarbeit bei der Staatssicherheit ausräumen -“
„Nein – danke,“ lächelte Anne, wenn auch etwas gequält. Der Mann gab noch nicht auf: „Sie wissen, es ist eine hohe Ehre für das MfS zu arbeiten.” – „Ja, aber trotzdem -” – „Ich gebe Ihnen eine letzte Chance: -“ Der Beamte wippte auf seinem Stuhl und machte eine endlos lange Pause.
Jens war ins Revier gestürmt: „Wo ist Anne?” – „Wer sind Sie?” – „Ich suche Fräulein Trabert!” – „Nehmen Sie erst mal Platz.” – „Kommt nicht in Frage. Wo ist sie?“ Jens ging durch die Tür zum Korridor. „Kommen Sie da raus!“ Werner zerrte ihn in den Raum zurück. Jens machte sich los und lief zu der anderen Tür. Der Stasi-Beamte sagte zu Anne: „Ich lasse Sie laufen, wenn jetzt die Tür aufgeht und einer Ihrer Freier kommt ins Zimmer und Sie stürzen in seine Arme -” – „Das ist -“ ‚gemein‘ wollte Anne sagen.
Da stürzte Jens ins Zimmer und schrie: „Anne!“ Sie stürzte in seine Arme: „Jens!…“ und fing an zu heulen, dass Gott erbarm’. Der Stasi-Beamte grinste: „Also so prompt habe ich mir das nicht vorgestellt. Das ist ja wie im Kino. Hängt vielleicht doch mit Ihren Magiern zusammen. Herr Jens – Sowieso, wissen Sie, was dieses Schild bedeutet?“
Jens wurde sehr ernst: „Ich ahne etwas – und das tut sehr weh.“ Anne streichelte ihm zärtlich übers Haar, weiterheulend: „Ach Jens, du Guter…“
Der Beamte musste wieder grinsen: „Sie würden mir also bestätigen, dass Sie bei Fräulein Trabert nicht der einzige Rammler im Bett waren.“
Jens schloss die Augen und löste einen Arm von Anne. Der Beamte setzte hinzu: „Ihre Bestätigung würde Fräulein Trabert entscheidend entlasten.“ Jens ließ auch den anderen Arm fallen und sagte, trocken im Mund: „Ja.“
Der Mann trug seine Blamage mit erstaunlicher Gelassenheit: „Fräulein Trabert, Ihr Zimmerschlüssel. Sie kriegen baldmöglichst eine schriftliche Erlaubnis, die Tür zu entsiegeln. Sie können es natürlich heute schon machen. Das Bild mit den drei Trotteln – ist eigentlich ein schönes Bild, – ich nehme Trottel zurück.” – „Ich schenke es Ihnen!“ freute sich Anne. „Danke, aber ich wüsste gar nicht, wohin damit.“ Er gab ihr Bild und Pappschild: „Und das Nein hier stellen Sie frühestens am Sonntag um 18 Uhr wieder ins Fenster, wenn die Wahl gelaufen ist. Auf Wiedersehn.“
Jens verließ das Zimmer, Anne folgte. Da griff der Beamte ihre Schulter und hielt sie noch einmal auf: „Das mit dem MfS bleibt unter uns.” – „Ja,“ sagte Anne. „Und sollten Sie Ihre Meinung ändern, -“ Anne konnte schon wieder heiter reagieren: „- komme ich zu Ihnen ins Hinterstübchen.“ Er grinste: „Wir verstehen uns.“ Anne hatte Mühe, ein “Nein” zu unterdrücken. Der Mann schloss: „Auf Wiedersehn.“
Auch dieses Grußwort zu erwidern, brachte Anne nicht über sich. „Atschö,“ murmelte sie.
Nachdem Anne und Jens das Revier verlassen haben, raunzt der Stasi-Beamte seine zwei Leute an:
„Wie konnte der Junge so unangemeldet in mein Zimmer stürmen?“ Martin bestätigte, – und er hatte schon klügere Sätze gesagt: „Ja, der ist einfach hier durchgestürmt.” – „Und genau das darf nicht sein.“
Werner schlug vor: „Wir brauchen hier eine Absperrung, so einen Tresen.” – „Richtig. Ich werde für so eine Absperrung sorgen.“Draußen trafen Anne und Jens auf Horst, der unschlüssig vor dem Revier stand. Anne gab ihm das Schild: „Hier Horst, ich brauche das nicht mehr. Zur Erinnerung.“ Er schaute sie an mit Augen, dass sie gleich wieder losheulen wollte. Er drehte das Schild zum Ja: „Das – ist die Erinnerung.“ Eine unerwartete Tapferkeit machte ihn sehr liebenswert: „Danke, Anne. Es war schön mit dir. Atschö.“ Und ging.
Aber Jens ging auch. Anne war sehr irritiert: „Jens, was ist?“ Er drehte sich um, stand drei Schritte entfernt von ihr: „Anne, ich schaffe das nicht. Ich bin so gebaut, dass ich dich auch verlassen muss, weil du dich geteilt hast.“ Ein Leben lang wird er zu leiden haben unter diesen geraden falschen Worten zur Unzeit. Jetzt aber drehte er sich um und ging weiter.
Anne war fassungslos über die Ruhe der Liebe in ihrem Herzen, mit der sie in seinen Rücken rief: „Komm ja wieder, Jens! Du weißt, wo ich wohne.“

Authentisch – soweit Einzelheiten einer solchen Anekdote authentisch sein können – sind das Schild NEIN und die Verhaftung, sowie die Vopo-Meinung, wonach ein Dienstbuch voller Strafen Vorteile bringt bei einer möglichen Flucht in den Westen. Auch die Drohung mit einer Versetzung in die Baracken an der Grenze ist authentisch.

 

 

 

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