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GESCHICHTE OHNE ENDE

Online ab 15.2.2007, 17.30 Uhr

GESCHICHTE OHNE ENDE

von Peter Podehl

Ich wollte keine Geschichte erleben, damals, etwa dreißig Jahre ist das her oder zehn oder vierzig. Ich weiß es nicht. Man wird am Schluss verstehen, weshalb ich das nicht weiß. Dann wird man auch verstehen, warum mein Stil ein wenig betulich scheinen mag; es könnte sein, dass ich vierzig Stile in vierzig Jahren versäumt habe. Und schließlich die Frage, wie denn dieser Text an dich, Leser, gelangen wird, – ich weiß es nicht.
Ich hatte Urlaub und wollte keine Geschichte erleben. Nicht, dass ich übersättigt gewesen wäre mit Erlebnissen, – die Arbeit, zu der ich angestellt war, wurde ausreichend bezahlt und glitt mir meist wohlgelingend und konfliktlos aus den Fingern. Und für die Freizeit, wie man das übrige Leben ja wohl nennt, waren aus Gewohnheiten einige Regeln erwachsen, die dem Entstehen von Geschichten ebenfalls wenig förderlich schienen.
Bliebe, um genau zu sein, der Schlaf, die Existenz im anderen Bezirk, von dem wir so wenig wissen. Ich träume selten. Alle halben Jahre wache ich einmal schweißgebadet auf aus schwerem Treffen mit Schemen und Drangsalen, denen ich sofort begierig nachjage, um sehr bald zu erkennen, wie jedes Bewusstsein ihnen nur davonläuft. In Bruchteilen von Sekunden bin ich sternenweit vom Kampfplatz entfernt: Ohnmacht der Absichtlichkeit.
Nein, ich wollte keine Geschichte erleben, hatte keinerlei Bedürfnis, mich zu engagieren oder meine Freiheit einzuschränken. Und nun diese hochnotpeinliche Geschichte ohne Ende…
Es war Hochsommer, vor etwa vierzig oder weniger Jahren, wie gesagt. Am späteren Nachmittag kam ich in der fremden Stadt an. Es ist keine übermäßig große Stadt, aber eine bestens renommierte. Ein Hotel-Kofferschild aus dieser Stadt gibt sofort fundiert internationales Ansehen. Der Zug fuhr pünktlich ein. Ein Träger bemächtigte sich meines Gepäcks. Ich sah nach der Nummer an seiner Mütze.
„Sieben,“ sagte er. Meine Glückszahl! Und der Dialekt! Ich habe mir erlaubt, die Freude an den kleinen Dingen des Alltags in mein Erwachsenendasein hinüberzuretten. Der fremde Dialekt freute mich über alle Maßen!
„Wohin bittschön?“ – „Zum Taxi, bitte,“ antwortete ich und ging gemächlich über den Perron, mein unbeteiligtes Feriendasein dankbar genießend.
Da erst merkte ich mit vollem Bewusstsein, dass ich mich ja auf einem Kopfbahnhof befand. Und ich jubelte – still in mich hinein, versteht sich. Denn die Ursache dieses Jubels wildfremden Menschen zu erklären, wäre doch recht umständlich gewesen. Es geht doch Niemanden etwas an, nicht wahr?, dass ich Durchgangsbahnhöfe hasse. Ja, sie sind ohne Anfang und Ende, ohne rechts und links. Man steht – vor allem beim Umsteigen auf unbekannten Stationen – vor leeren Gleisen zwischen zwei Richtungen und weiß nicht, in welcher Richtung eigentlich sich die ersehnte Ferne befindet. Und wo ist denn der Ort zu dieser Station? Ein Kopfbahnhof liegt meist im Herzen der Stadt oder nahe daran. Die Frage nach der Lage der Stadt ist also durchaus gerechtfertigt: bei einem Durchgangsbahnhof weiß man nie. Man rennt wie ein aufgescheuchtes Huhn vor dem herannahenden Ereignis hin und her und überlegt, wo Kurswagen und zweite Klasse halten könnten.
Hingegen Kopfbahnhöfe – diese Ruhe vor und nach der Reise, keine Treppen hinunter und an anderer Stelle wieder hinauf, keine trüben Tunnels, nur gemächliche Endgültigkeit, Trennung zwischen Transport und Aufenthalt, wie sie dem Autofahrer nie zuteil wird. Großstadtstraßen gehen immer weiter, münden bestenfalls. Kopfbahnhöfe setzen Ziele von unbestechlicher Prägnanz.
Oben in den Eisenträgern nisteten Schwalben. Die Sonne schien und verschaffte sich durch viele Öffnungen – Ritzen, hohe Fenster und Luken Eintritt in die hohe Halle über den Geleisen. Es war nicht drückend heiß, keinerlei Sorge um die Kleidung belastete das Gemüt. Der hochsommerliche Kopfbahnhof entließ mich würdig in die große Schalterhalle.
Ich schritt – ja, Gehen kann man das nicht nennen -, ich schritt die Front der Hoteldiener ab. Obgleich ich mein Zimmer in einem kleineren Hotel garni schon vor langer Zeit bestellt hatte, ermunterte ich doch die Uniformierten mit geradezu herausfordernden Blicken ihre wohlklingenden Namen herzubeten: Central, Palace, Royal, Anglegterre, Au lac, Ambassadeur… Das waren ja alles kleine Gratiserlebnisse.
Dann ließ ich mir die Schuhe putzen. Sie waren nicht besonders schmutzig, nein, aber die Schuhputzer auf den Bahnhöfen leben, so glaube ich, nicht zum geringsten Teil vom Ferienübermut gewisser Reisender. Den anderen Teil bestreiten die Geschäftsleute, weil sie immer sehr glänzend bei ihrer Kundschaft auftreten müssen.
Ich saß hoch über dem Fußvolk und kam mir vor wie der König des Bahnhofs. Zu meiner Rechten strömten die Untertanen durchs weite Portal, das den fremd flutenden Verkehr auf dem Vorplatz abgrenzend einrahmte. Einige sattgrüne Baumkronen hingen von oben ins Bild.
Zu meiner Linken war das Schaufenster eines Friseurs. Ganz undeutlich zeichneten sich hinter einem gelben Vorhang die Bewegungen einer Maniküre ab. Von meinem hohen Sitz sah ich zwei- oder dreimal ihren kurzgeschnittenen blonden Lockenkopf auftauchen: eine sehr liebenswerte freie Stirn und unter dunklen, kräftig gezeichneten Brauen die schräggeschnittenen braunen Augen. Das übrige Gesicht verdeckte der gelbe Vorhang wie ein orientalischer Schleier.
Mein Blick wechselte einige Male zwischen dem wachsenden Glanz meiner Schuhe, meinen Fingernägeln und dem halben Mädchenkopf hin und her. Ich liebäugelte doch tatsächlich mit einer Pflege meiner Hände, aber dann fiel mir plötzlich der fremde Gepäckträger Nummero Sieben ein, und ich ließ es bei dem etwas läppischen Luxus eines Schuhputzes von fremder Hand bewenden.
Ich dankte also ab, will sagen: verließ den Thron des Bahnhofskönigs und fand meinen Gepäckträger keineswegs so ungeduldig wartend, wie ich befürchtet hatte. Er verfrachtete mein Gepäck in ein Klein-Taxi. Es war so groß, dass ich annahm, der Taxibetreiber heiße Klein, aber grinsend wurde mir erklärt, dass tatsächlich der Unterschied zu Groß gemeint sei. Ich bat nicht um weitere Aufklärung. Fremde Städte mögen dergleichen Rätselhaftigkeiten für sich behalten.
Ach, so eine fremde Stadt…! Die Farben sind anders, die Pflastersteine, die Autonummern, die Luft, auch die schlechte. Vielleicht kommt das Benzin nicht aus dem Vorderen Orient, oder es wird anders raffiniert. Und Abwässer und Dunstglocke sind eben einfach aus anderem Stoff. Die Straßenbahnen sind anders angestrichen und quietschen anders in den Kurven. Der urlaubende Mensch ist kein gerechtes Tier im Chor der Lebewesen. Er ist leicht geneigt, anders quietschende Straßenbahnen rundweg schöner quietschend zu finden, während Einheimische bei dem hohen Ton nur eine schmerzliche Grimasse schneiden.
Das fremde Zimmer im kleinen Garni war wohltuend kühl und still. Das Zimmermädchen riet mir, das Fenster erst am Abend zu öffnen. Ich inspiziere Schubläden und Schränke und bedaure ein wenig, dass ich sie bei der einen Übernachtung nicht auszunützen in der Lage sein werde. Ich streichle über das Kopfkissen, schaue in jeden Spiegel, prüfe Gardinen und Vorhänge, studiere die Reklamen unter der gläsernen Tischplatte und knipse alle drei Lichtquellen einmal kurz an. Ich packe ein wenig aus: Waschzeug, Hausschuhe, Pyjama.
Als die Sonne ins letzte Achtel ihres Himmelsweges tauchte, ging ich aus. Den Stadtplan hatte ich nach meiner Gewohnheit sorgfältig studiert. Ich schlenderte durch Straßen und Gassen. Ich wurde richtig müde, so lange lief ich umher. Ich las wahllos alles, was mir unter die Augen kam: Reklamen, Zeitungen im Aushang, Arztschilder, ganze Plakatwände, Autobusfahrpläne, Theaterzetttel und Preise.
Bei den letzteren beanspruchte das Umrechnen in die heimische Währung besonders viel Aufmerksamkeit. Ich hatte zwar bei Pelzmänteln und Taschenfeuerzeugen gar keine Vergleichsmöglichkeiten, denn ich bin ein unverheirateter Nichtraucher, aber ich rechnete, bis mir ganz schwindlig wurde.
Dann ging ich essen. Ich fand ein gedämpft elegantes Lokal. Die Speisekarte war so umfangreich, dass ich trotz Zeit und Urlaub nicht die Geduld aufbrachte, sie durchzustudieren. Ich bestellte deshalb das gängige halbe Poulet mit Pommes frites und Salat. Das Essen war ausgezeichnet und teuer.
Auf einer Heizkörperverkleidung schlief eine riesige gelbgefleckte Katze. Von Zeit zu Zeit wachte sie auf und leckte säubernd Einzelteile ihres Körpers, um sich dann wieder in veränderter Lage dem Schlaf hinzugeben. Ihre Existenz in dem immerhin ziemlich feudalen Esslokal erinnerte irgendwie an das große Klein-Taxi.
Ein Fräulein bediente mich, kühl, liebenswürdig, der ich nur nach einigem Zögern ein Trinkgeld anzubieten wagte. Es scheint, als habe man in diesem Land den Adel nur abgeschafft, damit alle nachfolgenden Schichten eins raufrücken dürfen. Billige Ladenmädchen traf ich nirgends. Sie sehen alle aus wie Chefsekretärinnen, diese geben sich ganz wie Damen, und die Damen sind gnädige Fürstinnen.
Als ich wieder auf die Straße trat, war es endgültig dunkel geworden, der Himmel schwarz. Oh, die freundlich erleuchtete fremde Dunkelheit. Absichtlich hatte ich zum Essen nichts getrunken. Ein Glas Bier vor dem Schlafengehen wollte ich noch woanders zu mir nehmen. Aus einem Tanzlokal klang gedämpfte Musik.
Plötzlich sah ich das Elend. Ich verhielt den Schritt. Hinter einem Baum, im Schatten einer roten Neonlichtreklame stand ein alter Mann. Tief gekrümmt der Rücken, schlohweißes Haar, unrasiert, die Hände schwielig mit jenem Schmutz in Linien und Poren, den der etwas unregelmäßige Gebrauch von Wasser und Seife nicht mehr löst. Schuhe und Kleidung waren einigermaßen ansehnlich. An einem Schulterriemen hing ihm eine alte Aktentasche ohne Schloss auf der Hüfte, die offen klaffte mit undefinierbarem Inhalt aus Zeitungspapierfetzen und Bindfäden, darunter vielleicht Werthaltigeres. Er stützte sich auf einen Stock.
Ein Bettler, ich stellte mir einen Augenblick lang vor, wie ich in solcher Lage nie oder nur in äußerster Not den Mund zu einer glatten Bitte aufbrächte. Ich griff in die Jackettasche.
Er sah das und wehrte sofort mit einer unwilligen Geste ab. Etwas beschämt zog ich die Hand wieder aus der Tasche. Der Mann spürte mit der Sensibilität des nicht zum Almosenempfänger Geborenen, dass ich mir nutzlos vorkam und flüsterte schnell: „Ein paar Zigaretten vielleicht.“
Ich fühlte mich meiner Beschämung enthoben und sagte erleichtert: „Ich bin Nichtraucher, aber warten Sie einen Augenblick.“
Ich ging zu einem Zigarettenkiosk auf der anderen Straßenseite. Die Trafikantin hatte einen graumelierten Bubikopf und unterhielt sich angelegentlich mit einem Kunden von stattlichem Aussehen. Die genussvollen Bewegungen, mit denen er die Zigarre zum Munde führte, verrieten den Raucher von Kultur. Ich zögerte, als Käufer aufzutreten und hörte dem Dialekt-Dialog zu.
Trafikantin: „An Rauchwaren ist nichts besonderes zu verdienen, Monsieur, runde Summen. Da weiß man genau, was man einnimmt und umsetzt, da ist nichts abzuwiegen und einzuwickeln. Der Handel mit den Herren geht immer sehr schnell: Blauer Dunst in Cellophan für ein Silberstück.”
Kunde: „Seien Sies zufrieden, Madame, Zigaretten sind ein sichere Sache.“ Trafikantin: „Es ist kein Geschäft für eine Frau.“ Kunde: „Wünschten Sie ein anderes?“
Trafikantin: „O ja, in der Gasse da drüben einen kleinen Laden, vollgestopft mit lauter Sachen für Frauen: Taschen, bunte Tücher, Gürtel, Bijouterien, ein bisschen Wäsche, Seiden, Halbdseiden, Strümpfe, kleine Pullover, Pantöffelchen, Handschuhe. Und als Kunden Mädchen und Damen, ab und zu mal ein verliebter junger Mann, dem ich beistehen muss wie eine alte Hexe, weil ja die blonde Liebste davonlaufen könnte, wenn er ihr einen strohgelben Schal präsentiert, nicht wahr?“ Kunde: „Aber Zigaretten sind ein sicheres Geschäft, Madame.“
Ich hatte den alten Mann warten lassen. Die meisten Menschen kann man warten lassen. Beim Chef sollte man es tunlichst vermeiden. Und Frauen, die man liebt, überschütte man mit Pünktlichkeit. Ich hatte den alten Mann über dem Schicksal der Trafikantin vergessen. Jetzt machte sie eine Pause in ihrem Lied von der Boutiquen-Sehnsucht. Ich trat näher.
Sofort fragte sie: „Was wünscht der Herr?“ – „Ein Päckchen Zigaretten,“ sagte ich. „Welche Sorte?“ – „Das ist egal, irgendwelche, es ist nicht für mich.“
Die Trafikantin schaute mich einen Augenlick mit großen Augen an. Dann drehte sie sich langsam zu ihrem bunt und wohlgeordnet gefüllten Regal und ließ ihren Blick über die vielen Sorten gleiten. Endlich kam sie auf eine ihr wunderbar eindeutig dünkende Frage: „Mit Filter oder ohne?“ – „Ja,“ sagte ich zögernd, „ich weiß auch nicht. Ich kenne den Geschmack des – ich weiß es nicht.“
Die Bewegungen der Trafikantin wurden immer langsamer. Hilflos stand sie vor ihrer Ware. Sie hob den Arm zu einem gelben Stapel, aber die Hand blieb in der Luft stehen wie gelähmt. Da ließ sich keine Brücke schlagen von der Anonymität dieses Rauchers zur Anonymität einer der unzähligen Päckchen.
„Es sollen gute sein,“ sagte ich noch, in der Hoffnung, damit Hilfe zu leisten. Dieser Hinweis machte die Hand der Trafikantin jedoch wieder wandern, aber wiederum ziellos. Schließlich sagte sie fast schon weinerlich: „Es gibt aber auch von den guten viele Sorten.“ Sie war aus der Bahn geworfen, in ihrer Boutique wäre ihr nie dergleichen passiert. Plötzlich griff sie schnell mit beiden Händen einige Schachteln und legte sie mir zur Auswahl vor.
Ich musste lächeln und kaufte die farbenprächtigste Packung, die ich dem armen Mann unbemerkt in die offene Tasche fallen ließ. Sein gestammelter Dank erreichte mich erst, als ich schon fast hinter den Efeuwänden eines Vorgartens verschwunden war.
Ich hatte das Wort fremd in den letzten Stunden so oft schwelgerisch gedacht, dass ich mich dabei ertappte, beim Kellner ein Glas fremdes Bier zu bestellen. Er schaute mich verdutzt an, und ich beeilte mich zu versichern, dass mir vielmehr an hellem Bier gelegen sei.
In meinem Zimmer fand ich das Fenster geöffnet und meinen Schlafanzug sorgfältig über das aufgeschlagene Bett gebreitet. Ich stopfte ihn unter die Decke am Fußende und holte aus meinem Koffer das Nachthemd. Ich trage nie Schlafanzüge, aber auf Reisen geniere ich mich immer vor den Zimmermädchen. Deshalb zerdrücke ich den Schlafanzug nachtsüber, während ich das Nachthemd tagsüber im verschlossenen Koffer verwahre. Eine rechte Schrulle, ich weiß, die mein Gewissen jedoch nicht im Geringsten belastet.
Ich wusch mein No-iron-Hemd, hing es tropfnass auf und ging ins Bett. Ich las nicht. Ich pflege im Urlaub prinzipiell nur Bücher zu lesen, die ich unterwegs gekauft habe. Und zu einem solchen Erwerb geistiger Nahrung war ich bis dahin noch nicht gekommen. Im Schein der Nachttischlampe genoss ich das Ende meines ersten Ferientages. Es war noch nicht spät, und ich musste nicht befürchten, übermüdet in Schlaf zu sinken. Nachdem ich schließlich das Licht gelöscht hatte, wiegte mich die fremde Nacht bald in tiefen Schlaf.
Um vier Uhr morgens wachte ich auf. Ich fühlte mich frisch und ausgeschlafen und konnte mich an keinen Traum erinnern. Der Blick auf die Uhr machte mich für eine Sekunde unmutig: Ich sah mich vier Stunden ereignisloser Leere gegenüber, die ich, nur auf mich selbst angewiesen, nicht anders als dösend und dämmernd hinbringen zu können glaubte. Aber dann besann ich mich: Unmut stand dieser vielversprechenden Sommertagsmorgendämmerung nicht an. Vier Stunden? Nun gut – vielleicht ein Spaziergang mit fremden Bäckerbuben und Zeitungsfrauen. Am Ende konnte ich auch mit einem früheren Zug als dem vorgesehenen weiterfahren.
Ich stand auf und machte mich gemächlich fertig. Neben dem Fenster war eine kleine Glastür, die auf einen winzigen Balkon führte, ungeeignet für jeden Aufenthalt genaugenommen, sieht man davon ab, dass gewisse Hotelgäste vielleicht gelegentlich um vier Uhr früh der Dämmerung ihre Aufwartung machen wollen. Während ich meine Krawatte knüpfte, betrat ich den kleinen Auslug.
Es war die Stunde zwischen Tau und Tag. Die Sonne mochte kurz unter dem Horizont stehen. Ein Firnis von hellem Grau lag über allen Dingen und leuchtete schattenlos in jeden Häuserwinkel hinein. Die Leere der Straße hatte etwas Unwirkliches, fast Gespenstisches, was nächtliche Straßen in der Heimeligkeit brennender Laternen und erleuchteter Schaufenster eigentlich nie haben. Kein Mensch in der ganzen Stadt schien wach zu sein. Nur die Vögel sangen.
Kein Mensch. Aber vom Bahnhof her kam ein Engel die Straße entlang und vom Seeufer her ein Teufel.
Mir stockte der Atem. Das Herz schlug bis in die Kehle hinein. Natürlich schloss ich sofort die Augen, um die widerstreitenden Halluzinationen zu verjagen. Aber den wiedergeöffneten Augen stellten sie sich nur deutlicher, näher dar.
Ich höre die Schritte des Teufels. Er hinkt wie es in den Büchern steht. Er ist das Konstrukt eines menschenähnlichen Körpers, dem die höllische Herkunft alle Anmut einer Gliederpuppe genommen hat. Ein Stahlgerüst, bandagiert, eingewickelt in schwarzes Pech oder Dachpappe. Es lässt sich nicht ausmachen, was etwa Kleidung oder Haut an ihm ist. Die unberhaarte Schädelplatte sieht aus wie harter Kunststoff. Die beiden Hörner sind seltsamerweise das Kreatürlichste an ihm. Er geht in stürmischem Takt, knirschend in allen Gelenken, den Oberkörper weit vorgestreckt, den Kopf starr zurückgezogen. Ich gewahre nicht die geringste Spur irgendeiner Komik an ihm.
Dagegen des Engels Kreatürlichkeit in dem tastend prüfenden Gang liegt. Um ihn ist die weltfremde Schönheit des Seraphim mit den sechs Flügeln. Mit zweien deckt er sein Angesicht, mit zweien die Füße. Zweihe wehen einmal leise auf, als er ein Rasenstück überquert.
Auch der laute Passant geht über den Grünstreifen. Sein stampfender Schritt hinterlässt verbranntes schwarzes Gras, eine Vogelleiche, gnadenlosen Tod ohne Schrecksekunde, in der das Opfer etwa zu den Pforten des Himmels hätte auffahren können.
Ohne voneinander Kenntnis zu nehmen, gehen sie fast gleichzeitig ins Hotel. In das Hotel, auf dessen einem kleinen Balkon ich mich weit vorbeugen musste, um sie durch die Eingangstür verschwinden zu sehen.
Ich trat schnell ins Zimmer. Das Herz schlug langsamer, aber noch dröhnender als zuvor. Das Hirn kochte wie eine brodelnde Suppe. Ich erinnerte mich mit halbwegs klarer Schlüssigkeit, dass die Hotelreklame von dreißig Betten sprach und das Haus nach Angaben des Portiers vollbelegt war. Dreißig Seelen also.
Jemand klopft an meine Tür.
Ich bin ein gewarnter Adam und glaube nicht an die modische These, wonach die Hölle ein amüsanter Ort sei, an dem sichs leben lässt. Aber wer darf schweigen, wenn ein Engel an seine Tür klopft?
Es klopfte noch einmal.
Ein früher Besuch begehrte Einlass. Ich seufzte auf. Plötzlich ergriff mich eine unsägliche Begierde, etwas zu lesen, irgend etwas. Katzen lecken zuweilen in Augenblicken höchster Erregung ihre Pfoten. ‚If in doubt, wash!‘ sagen die Briten dazu. Es schoss mir durch den Kopf, dass in Hotelzimmern gelegentlich eine Bibel auf dem Nachttisch liegt. Hier war nichts. Ich stand im Zimmer, festgenagelt, instinktlos, unwissend. Ich konnte nicht rausgehen, jedes Türöffnen wäre wie eine Antwort auf das Klopfen erschienen. Ich erwog Möglichkeit um Möglichkeit, aber ich kam zu keinem Ende.
Seitdem sind viele Jahre vergangen. Oder Jahrzehnte. Ich habe mich nicht vom Fleck gerührt und kein Wort gesprochen, Pulsfrequenz normalisiert. Nur ganz selten streift der Lärm der Welt wie ein Blätterrascheln im Herbst mein Ohr. Und in Abständen von einigen Monaten klopft es.

 

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