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Goethe wie er nie im Schulbuch stand – Teil 1

 

Peter:

Goethes Reise nach Italien, also. Vom Herzog erbittet und erhält er einen langen Urlaub. Sonst weiß niemand etwas, auch Charlotte von Stein wird verraten und ist dementsprechend verletzt, ahnt wohl auch den Anfang vom Ende. Am 3. September verlässt Goethe in aller Heimlichkeit Karlsbad, wo auch Charlotte und der Herzog kurten. Er übernachtet nur in Regensburg und Mittenwald, am 9. ist er schon auf dem Brenner. Wer von Ihnen kennt diese Station nicht?

Charlotte:

Am 9. Abends fuhr ich vom Brenner weg. Der Postillon schlief ein, und die Pferde liefen den schnellsten Trab bergunter. Der Mond ging auf und beleuchtete ungeheure Gegenstände. So leid es mir tat, diese interessanten Gegenden mit der entsetzlichen Schnelle und bei Nacht wie der Schuhu zu durchreisen; so freute michs doch, dass wie ein Wind hinter mir herblies und mich meinen Wünschen zujagte.

Mit Tagesanbruch erblickte ich die ersten Rebhügel, eine Frau mit Birnen und Pfirsichen begegnete mir, und endlich erblickte ich bei hohem Sonnenschein das Tal, worin Bozen liegt.

Es ist mir, als wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun von einer Grönlandfahrt, von einem Walfischfang zurückkäme.

Peter:

Goethe blieb übrigens in Rom nicht unbeachtet. Wir bringen diese Reise immer nur mit Sehnsucht, Kunst, Dichtung und Faustina in Verbindung. Für das kaiserliche Wien war der Weimarische Minister ein – wie man heute sagen würde – Sicherheitsrisiko. Der österreichische Gesandte am Heiligen Stuhl berichtet am 3. März 1878 an seine Regierung:

 

Herr Goethe hat sich mehrere Monate hier aufgehalten. Er trachtete unbekannt zu bleiben, und änderte deswegen seinen Namen in jenen Müller, unter welcher Aufschrift auch seine Briefe an ihn gekommen.

Er wohnte hier bei dem deutschen Maler Tischbein und mit ebendiesem ist er nach Neapel gereist.

Ich habe meinem Sekretär, auf dessen Rechtschaffenheit ich mich verlassen kann, aufgetragen, dass er bei seiner Zurückkunft, die wahrscheinlich bald erfolgen dürfte, mit jenem Tischbein sich in einen näheren Umgang setzen soll, um hierdurch imstande zu sein, mit Sicherheit ein wachsames Auge auf seine Aufführungen und alfällige geheime Absichten tragen zu können. (Zitatende)

Peter:

Alles war Goethe in Rom, aber ganz gewiss kein Spion! Die große Freiheit ist ausgebrochen. Malerfreund Tischbein, Malerfreundin Kaufmann, die erste Geliebte Faustina, Verfassung der Iphigenie, Egmont… Den letzteren schickt er an Frau von Stein. Sie nörgelt am Klärchen herum, dem Mädchen aus dem Volke, das sich so unerschrocken dem großen Egmont hingibt. Frau von Stein rümpft die Nase. Aber Goethe – nein, natürlich erfährt Frau von Stein keine Silbe von Faustina! Aber er fragt nach Nuancen und Zwischentönen, er trifft die ganze schwierige erotische Situation in einem Ton, in dem er früher nie an Frau von Stein geschrieben hätte.

Charlotte:

Was du von Klärchen sagst, verstehe ich nicht ganz. Ich sehe wohl, dass dir eine Nuance zwischen der Dirne und der Göttin zu fehlen scheint.

Peter:

Aber auf Frau von Stein erwartet noch eine viel größere Not: Christiane Vulpius, gleichsam Goethes Klärchen. Er ist aus Italien zurück und glaubt in seiner Männer-Naivität, es könne die Freundschaft mit Charlotte von Stein wie eh und je fortbestehen – als habe er nicht so lange jenseits der Alpen gelebt – und geliebt. Charlotte empfängt ihn mit einem Neuerwerb, einer Pudeldame namens Lilli – Goethe hat zeitlebens Hunde gehasst, Charlotte wusste das.

Wenig später überreicht ihm, dem Minister und Hofbeamten, die 23jährige Chtistiane Vulpius eine Bittschrift ihres Bruders. Kriegte, bildlich gesprochen, Charlotte ihr Korsett nicht auf, – Christiane hatte keines an. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass der Minister die Demoiselle gleich am ersten Abend verführte und zu seiner Geliebten machte. Die Bindung endete 28 Jahre später mit Christianes Tod. Goethe dichtete:

Charlotte:

GEFUNDEN

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehen,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grub mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ichs
Am hübschen Haus.

Und pflanzt‘ es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Peter:

Nach solcher Liebeserklärung stellt sich die Frage nach irgendeiner Unebenbürtigkeit, wie sie jahrzehntelang von den Weimarer Klatschmäulern bekrittelt wurde, nicht mehr. Das Gedicht entstand bezeichnenderweise nicht in der Frühzeit der Beziehung, sondern gleichsam zur Silberhochzeit, nach 25 Jahren teils wilder, teils legaler Ehe, 1813.

Sommer 1788. Weimar hat seinen Skandal. Die Klatschmäuler geifern: Goethe treibts mit seiner Haushälterin. Dabei sind Christianes Vorfahren eigentlich viel stattlicher anzuschauen als die Goethes: Advokaten, Minister, Geistliche. Nur Christianes Vater kam durch eine Finanzmisere etwas vom Weg ab, was die Familie in Armut stürzte. Bei Goethes übrigens teilweise thüringischen Vorfahren hingegen finden sich manche Bauern und Tagelöhner.

Und im Dezember des Jahres 1789 kommt ein Sohn zur Welt, ein illegitimer, unehelicher. Ein Verstoß gegen die Gesetze des Landes, allen Ernstes ein Straftatbestand!, aber den Minister behelligt man damit nicht. Er denkt noch lange nicht an eine Legalisierung.

Der Herzog tat sich da leichter. Seine Frau war ein Sensibelchen, und wahrscheinlich eine Hochzeitsnachtgeschädigte. Ansonsten ein ganz prima Person. Ihr Mann umwarb die Schauspielerin Caroline Jagemann, aber sie erhörte ihn erst, als die Herzogin ihre förmliche Einwilligung zu dieser Liäson gab, was sie nach der traurigen Hochzeitsnacht wohl ganz gerne tat. Später schenkte der Herzog seiner Maitresse das Rittergut Heygendorf und den Adelsnamen von Heygendorf und ein schönes Haus in der Stadt und drei Kinder, die von Heygendorf hießen und erbberechtigt waren.

Goethe nahm sich da kein Beispiel. Er betonte zwar:

Charlotte:

Ich bin verheiratet, nur nicht mit Zeremonie.

Peter:

Also heißt der Sohn, als man ihm eine Reisepass ausstellen muss, August Vulpius. Er wurde unter den Spielgenossen viel geschmäht, denn Goethes Sohn zu sein und nicht seinen Namen zu tragen, das ist doch was für Spottmäuler! Auch Christiane bleibt 18 Jahre lang die Demoiselle Vulpius. Wenn Goethe auf seinen vielen reisen etwas zugestoßen wäre, – sie hätte nicht den geringsten Versorgungsanspruch geltend machen können und wäre nach damaligem Brauch im Armenhaus gelandet. Johann Sebastian Bachs Witwe war übrigens eine sogenannte Almosengängerin.

Oder hätte Christiane als Gärtnerin ihr Geld verdient? Sie hat viele Jahre lang so reichlich Kohl, Spargel und Artischocken geerntet, dass sie vom Überschuss Gemüse verkaufen kann, um die Haushaltskasse des Ministers aufzubessern. Klingt befremdlich, oder? – ist aber wahr. Nur Frau von Stein bekam den Spargel aus alter Anhänglichkeit umsonst, rübergeschickt vom Sohn August, den die alternde Charlotte gerne sah, wenn sie auch behauptete, sie könne im Knaben sehr wohl –

Charlotte:

– die vornehmere Natur des Vaters von der gemeineren der Mutter unterscheiden.

Peter:

Wozu sich selbst eine Freifrau von Stein hinreißen lässt. Aber sie hatte da kräftige Unterstützung. Charlotte Schiller, des Dichters Gattin, eine geborene von Lengefeldt, nach des Gatten Adelung Charlotte von Schiller, lästerte gern und viel über die Demoiselle Vulpius und beeinflusste ihren Mann dementsprechend:

Der Dichter Friedrich von Schiller hat Christiane miserable behandelt. 1794 war er zwei Wochen zu Gast in Goethes Haus in Weimar. Vorsorglich hatte er erklärt, er gedenke nicht, sich an irgendeine Hausordnung oder geregelte Mahlzeiten zu halten, das sei ihm im Hinblick auf seine Krankheit zu lästig. Christiane schluckts und umsorgt ihn diskret und fehlerfrei. Als Schiller wieder in Jena war und an Goethe schrieb, fand er nicht ein einziges Wort des Dankes für Christiane, ja er ließ sie nicht einmal grüßen.

Christianes großer Mut hat sie schließlich zur Geheimrätin und Frau von Goethe gemacht. Als nach der für die Deutschen verlorenen Schlacht von Jena am 14. Oktober 1806 die Franzosen plündernd ins Goethische Haus fielen und Goethe in seinem Schlafzimmer hart bedrängt wird, wirft sich Christiane todesmutig dazwischen, rettet ihren Liebsten, drückt den besoffenen Marodeuren ein paar silberne Leuchter in die Arme und jagt sie zum Teufel. Fünf Tage später, Sonntag den 19. Oktober werden Goethe und Christiane nach 18jähriger Illegitimität getraut, der 17jährige Sohn ist Trauzeuge. Die Trauung findet in der Sakristei von St. Jakob statt. Warum nicht in der Kirche vor dem Altar? Die Antwort ist für Lästermäuler beschämend genug: Weil der Kirchenraum voll war mit verwundeten Soldaten, er diente als Lazarett.

Heute steht in der Bild-Zeitung die Balken-Überschrift…. Na, hören Sie selbst, was in der Zeitung von Goethes eigenem Verleger Cotta für eine zynische Notiz erschien, die nicht nur Charlotte noch einmal desavouriert, sondern auch die gefallenen Soldaten:

Charlotte:

Goethe ließ sich unter dem Kanonendonner der Schlacht mit seiner vieljährigen Haushälterin Demoiselle Vulpius trauen, und so zog sie allein einen Treffer, während viel tausend Nieten fielen.

Peter:

Nun ist sie also mit allem Segen kirchlich und standesamtlich beglaubigt Frau Geheimrätin von Goethe. Tor und Tür stehen ihr offen. Was gibt es zu erleben? Goethe hat es bedichtet:

Charlotte:

DIE LUSTIGEN VON WEIMAR

Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht’s nach Jena fort:
Denn das ist bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!
Samstag ists, worauf wir zielen,
Sonntag rutscht man auf das Land;
Zwäzen, Burgau, Schneidemühlen
Sind uns alle wohlbekannt.

Montag reizt uns die Bühne;
Dienstag schleicht dann auch herbei,
Doch er bringt zu stiller Sühne
Ein Rapuschen frank und frei.

Peter:

Rapuschen ist ein Kartenspielchen, frank und frei.

Charlotte:

Mittwoch fehlt es nicht an Rührung,
Denn es gibt ein gutes Stück;
Donnerstag lenkt die Verführung
Uns nach Belveder‘ zurück.

Und es schlingt ununterbrochen
Immer sich der Freudenkreis
Durch die zweiundfünfzig Wochen,
Wenn mans recht zu führen weiß.
Spiel und Tanz, Gespräch und Theater,
Sie erfrischen unser Blut;
Lasst den Wienern ihren Prater,
Weimar, Jena, das ist gut.

Peter:

Ach, Frau von Goethe wurde keineswegs sofort und selbstverständlich in die besseren Kreise der Weimarer Gesellschaft aufgenommen, so wie sie Goethe in diesem typischen Gelegenheitsversen für den Hof besang. Ausnahmen gab es freilich. Schon einen Tag nach der Trauung besuchen Christiane und Ehemann Goethe Frau Johanna Schopenhauer. Ein Ereignis! Johanna schreibt an ihren Philosophen-Sohn Arthur:

Charlotte:

Ich empfing sie, als ob ich nicht wüsste, wer sie vorher gewesen wäre, ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr wohl eine Tasse Tee geben.

Peter:

Es gab nicht nur böse Klatschmäuler in Weimar: Nach Christianes Tod schrieb eine Frau von Recke an Johanna Schopenhauer:

Charlotte:

Wodurch die Verstorbene sich mir empfohlen hat, ist, dass ich sie nie von anderen Böses sprechen hörte.

Peter:

Und genau das hat Goethe an Christiane so geliebt: dass sie reinen Herzens was und sichs nicht anfechten ließ; nie hat sie ihm Vorwürfe gemacht, dass er mit der Eheschließung so lange gewartet hat. Eine Emanzipierte, die auf ihre Rechte pochte, war sie nicht. Und er liebte ihre Liebe. Viele Namen gaben sie den Stunden der Liebe: Schlampampersstündchen, Schlender- oder Hätschelstündchen, des Dichters Liebesorgan hieß Herr von Schönfuß. So zu lesen in manchen Briefen des Paares. Daraus zitieren wir eine schöne Stelle von Christianes Hand, am 22. Mai 1798 geschrieben – das ist fast genau zehn Jahre nach der ersten Begegnung:

Charlotte:

Nun, mein allerbester, süperber, geliebter Schatz, muss mich ein bisschen mit dir unterhalten, sonst will es gar nicht gehen. Erstens muss ich dir sagen, dass ich dich ganz höllisch lieb habe und heute sehr hasig bin –

Peter:

– Hasig? Christiane war zärtlichkeitsbedürftig, sehnte sich nach einem Schlampamesstündchen.

Charlotte:

– zweitens, dass ich am Montag meine Wäsche aufgeschoben habe, wegen des üblen Wetters, und erst heute nacht gewaschen wird, und ich sehe zu meinem Vergnügen, dass das Wetterglas steiget. Heute bin ich auf dem Jahrmarkt gewesen und habe mir Seife gekauft. Nun hoffe ich aber auch, dass mein Allersuperbster ein Laubtälerchen an mich wenden wird, weil ich so ein großer Schatz bin. Für heute Abend leb wohl, morgen ein Mehres.

Peter:

Zärtlichkeit war also noch nach 10 Jahren angesagt. War Charlotte von Stein ganz sicher ein Kulturwesen – Christiane unterschrieb viele ihrer Briefe mit: –

Charlotte:

– Dein kleines Naturwesen.

Peter:

Und da entblödet sich ein Nachfahr wie der ansonsten große und verehrte Thomas Mann nicht, Christiane 1948, hundertfünfzig Jahre später, „un bel pezzo di carne“ zu nennen, ein schönes Stück Fleisch. Mensch, Tommi!, was waren denn deine jungen Kellner für Fleischstückchen?! Nein, unmissverständlich ging es um mehr als Fleisch. Freund Knebels Frau schreibt:

Charlotte:

Goethe hat uns oft gesagt, dass, wenn er mit einer Sache im Geist beschäftigt wäre, sich die Ideen bei ihm stark drängten, er dann manchmal zu weit käme und sich selbst nicht zurechtfinden könne, wie er dann zu ihr ginge, ihr einfach die Sache vorlege und oft erstaunen müsste, wie sie mit ihrem einfachen natürlichen Scharfblicke immer gleich das Richtige herauszufinden wisse und er ihr in dieser Beziehung schon manches verdanke.

Peter:

Trotz allem: Goethe ließ seine Frau viel allein. Wollte er konzentriert arbeiten, – das konnte er im Hause am Frauenplatz nicht, da wich er nach Jena aus, oft wochenlang, zuweilen monatelang. Er reiste mit einer eigenen Kutsche, versteht sich. Versteht sich das so selbstverständlich? Bis zu seinem 50. Lebensjahr hatte Goethe keinen eigenen Wagen, sonder benutzte öffentliche Verkehrsmittel: die Postkutschen. Um 1800 kaufte er sich dann endlich eine eigene Kutsche, die Pferde dazu schenkte ihm der Herzog. Und schon animiert ihn das Fahrhäuschen zu einem bezaubernden Gedicht über die Relativitätstheorie, über die Relativität aller Bewegung. Da er Einstein noch nicht kennen konnte, fühlte er sich als –

Charlotte:

DER NEUE KOPERNIKUS

Artges Häschen hab ich klein,
Und, darin versteckt
Bin ich vor der Sonne Schein
Gar bequem bedeckt.

Dann gibt es ein Schalterlein,
Federchen und Lädchen,
Finde mich sowohl allein
Als mit hübschen Mädchen.

Denn, o Wunder! Mir zur Lust
Regen sich die Wälder,
Näher kommen meiner Brust
Die entfernten Felder.

Und so tanzen auch vorbei
Die bewachsnen Berge;
Fehlet nur das Lustgeschrei
Aufgeregter Zwerge.

Doch so gänzlich still und stumm
Rennt es mir vorüber,
Meistens grad und oft auch krumm,
Und so ists mir lieber.

Wenn ichs recht betrachten will
Und es ernst gewahre,
Steht vielleicht das alles still –
Und ich selber fahre.

Peter:

Legte sich Christiane ins Wochenbett, floh Goethe meist, wiederum meist nach Jena,. Psychoanalytiker meinen, er floh, weil er das Privileg der Frauen, Kinder zur Welt zu bringen, nicht ertragen wollte, Nun ja -: Psychoanalytiker… Vielleicht floh er auch vor den Wehen und Schmerzen der Frau, und allen sonstigen Aufregungen eines solchen Wochenbetts, von dem wir wissen, wie nahe es damals neben der Totenbahre stand.

Fragen wir nach der treue der Liebes- und Eheleute: Es gibt keine Anzeichen für ernsthafte Untreue Goethes oder Christianes. Aber es gibt Äugelchen, von Christiane Äuglichen geschrieben. Denken Sie an das Wort „liebäugeln“. Wir würden wohl heute von „flirten“ sprechen. Kommen wir zurück auf Bettine von Arnim, geborene Brentano, – Goethen unentbehrlich geworden durch die Vermittlung vieler Fakten aus seiner Kindheit, die ihr Goethes Mutter in Frankfurt erzählt hatte, und die er in seiner Autobiographie AUS MEINEM LEBEN – DICHTUNG UND WAHRHEIT in reichem Maße verarbeitet. Erlauben Sie mir, bei dieser Bettine etwas länger und detaillierter zu verweilen.

Sie war so ein Äuglichen, dem Christiane einiges Misstrauen entgegenbrachte. Bettine hat sich recht ungeniert auf Goethes Schoß gesetzt, sie haben Umarmungen und Küsse getauscht. Sie dutzt ihn, Ehefrau Christiane siezt ihren Mann, der sie wiederum duzte. Wenn Bettine 1835 GOETHES BRIEFWECHSEL MIT EINEM KINDE veröffentlicht, dann steckt im Titel eine gelinde Frechheit, denn das Kind war 22 Jahre alt, als sie 1807 zum ersten Mal begegneten. Sie liebte Goethe heiß und innig, mit allem Feuer ihres romantischen Gemüts. Aber im gesamten Briefwechsel kommen Name und Person Christianes nicht ein einziges Mal vor. 1810 schreibt Christiane an den Ehemann nach Karlsbad, wo er nun schon vier Monate zur Kur weilt, vier Monate !:

Charlotte:

Ist denn die Bettine in Karlsbad angekommen und die Frau von Eybenberg? Und hier sagt man, die Sylvie und Gottern gingen auch hin. Was willst du denn mit all den Äuglichen anfangen? Das wird zu viel!

Peter:

Ein Jahr später, 1811, kommt die frischvermählte Bettine, nun mehr Frau von Arnim mit ihrem Mann nach Weimar und gibt sich sehr vertraut mit ihrem nach wie vor Schwarm Goethe, beachtet Christiane kaum, kehrt wohl auch die intellektuelle Großstädterin hervor, was ihr teuer zu stehen kam: sie ging der Freundschaft mit Goethe verlustig, dem die intensive junge Dame wohl schon vorher ein wenig lästig geworden war.

Christiane und das Ehepaar von Arnim gingen in eine Ausstellung mit Bildern von Kunscht-Meyer, Johann Heinrich Meyer aus Zürich, daher der Name Kunscht-Meyer, seit mehr als 20 Jahre Goethen freundschaftlich verbunden als Ratgeber in allen Fragender bildenden Kunst. Allerdings: sehr fortschrittlich war dieses Gespann nicht! Ein Genie wie Kaspar David Friedrich lehnten die Kunst-Epigonen ab! Dementsprechend mittelmäßig waren die biederen Bilder, die Christiane und die Arnims betrachteten

Bettine sah die Gelegenheit, Christiane ihre ganze Überlegenheit spüren zu lassen. Sie mäkelte und kritisierte herum, vom rein künstlerischen Standpunkt gewiss zu recht. Aber Christiane ging die Galle hoch, denn Kunscht-Meyer war ein Mann, der ihr ritterlich und höflich begegnete, und davon gab es nicht viele in Weimar. Ob er ein großer Künstler war, interessierte sie nicht.

Es gibt keinen authentischen Augenzeugenbericht über das, was in der Kunstausstellung passierte. Dafür gibt es Berichte der Klatschmäuler haufenweise:

Charlotte:

Sie wahnsinnige Blutwurst!

Peter:

– soll Bettine gesagt habe, Marie von Kügelgen schreibt aus Dresden:

Charlotte:

Bettine hat ganz Weimar erzählt, es wäre eine Blutwurst toll geworden und hätte sie gebissen. Und wirklich soll die Goethe keinem Ding so ähnlich sehen als einer Blutwurst.

Peter:

Christiane soll, so geht das Gerücht, dem verhassten Äuglichen mit einer Maulschelle die Brille von der Nase geschlagen und dann noch drauf rumgetrampelt. Dann ist sie unter lautstarkem Schimpfen abgerauscht, und der herbeieilende Ehemann Achim von Arnim fand seine Frau –

Charlotte:

– bleich und zitternd zwischen einer Menge von Unbekannten.

Peter:

Und er befindet: –

Charlotte:

Goethe ist durch diese Frau von allen rechtlichen Menschen in Weimar abgeschnitten.

Peter:

Goethe steht eindeutig und uneingeschränkt zu seiner Frau, er verbiete den Arnims sein Haus, denen nichts anderes übrigbleibt, als Weimar zu verlassen. Auch als ein Jahr später die Arnims zufällig oder nicht so ganz zufällig erscheinen, schreibt er an seine Christiane:

Charlotte:

Von Arnims nehme ich nicht die mindeste Notiz, ich bin sehr froh, dass ich die Tollmäuler los bin.

Peter:

Kleine Ehrenrettung für das Kind Bettine: Sie war ganz sicher eine bedeutende Person, geistreich, kreativ, gemütvoll, witzig, hochgebildet. Sie sagt von sich den schönen Satz:

Charlotte:

Meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin.

Peter:

Auch Christiane hatte durchaus ihre Äuglichen, wenn sie zur Kur nach Bad Lauchstädt fuhr, heute nennt man das wohl Kurschatten. Goethe mahnt sie deswegen:

Charlotte:

Mit den Äuglichen geht es, merk ich, ein wenig stark, nimm dich nur in acht, dass keine Augen daraus werden.

Peter:

Christiane starb schwer und einsam, 1816. Goethe hat auch bei dieser höchstpersönlichen Not eine solche Abscheu vor Krankheit und Tod, dass er sich mit einem fiebrigen Katarrh ins Bett legte und sie allein ließ. Einige Chronisten wollen ihn noch im Sterbezimmer gesehen habe, aber das dürfte Legende sein.

Wir nehmen Abschied von Christiane mit einem Stück aus einem Brief, den sie – wie alle ihre Briefe (es sei denn, sie diktierte) – in haarsträubendem Thüringischer Dialekt-Orthographie schrieb. Sie hatte mit ihrem Sohn Goethe ein Stück nach Jena begleitet und schildert ihre Stimmung nach dem Abschied in dem kleinen Ort Kötschau oberhalb von Jena. Erschrecken Sie nicht, meine Charlotte ist aus ebendiesem Jena gebürtig.

Charlotte:

Wie du in Käuschau von uns wech warst, gin wie naus und sahm auf dem berch dein Kuss fahren da figen wir alle bey eile am zu Heulen und sachten beyde es wäre uns so wunderlich.

Peter:

Wissen Sie, weshalb Goethe mit Vorliebe seine Texte diktierte? Weil er zeitlebens mit der deutschen Rechtschreibung auf Kriegsfuß stand. Zwar war er etwas besser als Christiane, aber beim Diktieren konnte man doch alle Verantwortung für orthographische Fehler auf den Schreiber abwälzen. Es gab ja noch keinen Duden. Und noch etwas am Rande: das deutsche Wort Dichten geht ethymologisch nicht auf irgendein romantisches Ver-dichten zurück, sondern schlichtweg auf Diktieren.

Goethe war auch einige Jahre Direktor des Hoftheaters, ein recht despotischer übrigens. Seine Schauspieler hatten aufs Wort zu gehorchen, sonst – also Geldbußen konnte er ihnen schwerlich anknöpfen, denn sie verdienten miserabel wenig. Deswegen wanderten sie bei Unbotmäßigkeiten für eine oder mehrere Nächte ins Gefängnis. Aber auch das Publikum hatte zu gehorchen. Als eine schlechte Tragödie die Leute nicht weinen sondern lachen machte, stand er in seiner Loge auf und brüllte mit Donnerstimme:

Charlotte:

Man lache nicht!

Peter:

Das soll Christiane kommentiert haben mit den Worten:

Charlotte:

Und keiner hat gepiepst.

Peter:

Goethe trank sehr gerne Wein, Christiane auch, und Sohn August bekam auch sehr früh Wein zu trinken, es wurde sein Verderben. Man hielt Wein in der damaligen Zeit für eine durchaus seriöse Medizin. Eine schöne Anekdote, die sich 1818 in Karlsbad zutrug, bekam der Schauspieler Eduard Genast von Goethes Hausarzt Wilhelm Rehbein erzählt. Er hat sie in Dialogform wie ein Minidrama aufgezeichnet:

Der treue Diener Goethes, Karl, erhält am 27. August früh den Befehl, zwei Flaschen Rotwein nebst zwei Gläsern heraufzubringen und in den gegenüberliegenden Fenstern aufzustellen. Nachdem dies geschehen, beginnt Goethe seinen Rundgang im Zimmer, wobei er in abgemessenen Zwischenräumen an einem Fenster stehen bleibt, dann am anderen, um jedesmal ein Glas zu leeren. Nach einer Weile tritt Doktor Rehbein, der ihn nach Karlsbad begleitet hat, ein. Goethe empfängt ihn missmutig.

Charlotte:

Ihr seid mir ein schöner Freund! Was für einen Tag haben wir heute, und welches Datum?

Peter:

Den siebenundzwanzigsten August, Exzellenz!

Charlotte:

Nein, es ist der achtundzwanzigste und mein Geburtstag.

Peter:

Ach was, den vergesse ich nie; wir haben den siebenundzwanzigsten.

Charlotte:

Es ist nicht wahr! Wir haben den achtundzwanzigsten.

Peter: (determiniert)

Den siebenundzwanzigsten.

(Goethe klingelt, Karl tritt ein.)

Charlotte:

Was für ein Datum haben wir heute?

Peter:

Den siebenundzwanzigsten, Exzellenz.

Charlotte:

Dass dich – den Kalender her!

Peter:

(Karl bringt den Kalender.)

Goethe (nach langer Pause):

Charlotte:

Donnerwetter! Dann habe ich mich ja umsonst besoffen.

Peter:

Goethe hat als Vater keine sehr gute Figur gemacht. Er bestellte bei seiner Mutter in Frankfurt Spielsachen für Weihnachten 1793, der Sohn August ist vier Jahre alt. Unter anderem soll es auch eine Spielzeugguillotine sein. (Dabei hasste der Vater die französische Revolution!) Da kommt der Hätschelhans aber bei seiner Mutter schlecht an:

Charlotte:

Lieber Sohn! Alles, was ich Dir zu Gefallen tun kann, geschieht gern und macht mir selber Freude – aber eine solche infame Mordmaschine zu kaufen – das tue ich um keinen Preis. Wäre ich Obrigkeit, die Verteidiger hätten ans Halseisen gemusst – und die Maschinen hätte ich auch durch den Schinder öffentlich verbrennen lassen – was! Die Jugend mit so etwas Abscheulichem spielen zu lassen – ihnen Mord und Blutvergießen als einen Zeitvertreib in die Hände zu geben – nein, da wird nichts draus.

Peter:

Goethe hat seinen Sohn August radikal ausgenutzt, ja geplündert. Alles, was dem Vater lästig war, musste er erledigen. Oder zum Beispiel: Als August im Zuge allgemeiner patriotischer Begeisterung in den Freiheits-Kriegen gegen Napoleon Soldat werden wollte, konnte der Vater diesen Einsatz nicht verhindern. Aber er sorgte dafür, dass er auf einem Druckposten in Weimar blieb, was unter den Helden-Soldaten der Altersgenossen natürlich wieder allen Spott heraufbeschwor.

August starb vermutlich an den Folgen einer Alkoholvergiftung in Rom. Er liegt auf dem dortigen protestantischen Friedhof bei der Cestius-Pyramide begraben. Die Italiener nennen ihn nicht protestantischen Friedhof, sondern cimitero acatolico, den nicht-katholischen Friedhof. Auf dem Grabstein ist nicht einmal der Vorname vermerkt:

Charlotte:

Goethe Filius Patri antevertans obiit anno Quadraginta. Das heißt: Goethes Sohn, seinem Vater vorangehend, starb in seinem vierzigsten Lebensjahr.

Peter:

Der heutige Abend wird alt, liebe Zuhörer, der damalige Goethe auch. Er spricht am 27. Januar 1824 mit Eckermann über das Glück in seinem Leben und ist doch einigermaßen skeptisch:

Charlotte:

Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte. Mein eigentliches Glück war mein poetisches Sinnen und Schaffen.

Peter:

Goethe reiste auch in seinem achten Lebensjahrzehnt noch ins Karlsbad, wie man zu sagen pflegte, oder nach Marienbad. Ein wenig machte er Kur, ja, aber die Brunnenpromenade diente doch vorzüglich einer großen internationalen Gesellschaft zu mannigfaltiger Kommunikation.

1821 wurde Goethe bei einem solche Aufenthalt mit der Familie von Levetzow bekannt – verwitwete Mutter mit drei Töchtern. 1822 sahen sie einander wieder. 1823 finden wir Goethe an seinem 74. Geburtstag in höchster Not: Er hat zum ersten Mal in seinem Leben einen Heiratsantrag gemacht, hat um die Hand der 18jährigen Ulrike von Levetzow angehalten. Fast vierzig Jahre früher ist er bereits einmal an einem 3. September aus Karlsbad geflohen, nach Italien, nun am 5. September 1823 flieht er ein letztes Mal, diesmal nicht vor irgendwelchen Ansprüchen einer Frau, sondern vor einem blutjungen Mädchen, das sich eine Ehe mit ihm nicht ausmalen kann. Goethes Brautwerber, der Herzog persönlich, hat einen Korb bekommen.

Auf dem Weg nach Hause entsteht in der Reisekutsche die Marienbader Elegie: Zu höchster dichterischer Form gesteigerte Schilderung eines eigentlich un-be-schreib-lichen, schrecklichen Abschieds. Goethe zitiert am Anfang seinen Tasso als Motto:

Charlotte:

Und wenn ein Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.

Peter:

– und endet in der Gewissheit, dass die Götter ihn zugrunderichten. Wenig später wird Goethe schwer krank, Diagnose: Krampfhusten. Heilung bringt zur Verblüffung aller Ärzte Freund Zelter, Komponist aus Berlin, ansonsten Bauunternehmer. Sehr anschaulich beschreibt er in seinem Tagebuch Diagnose und Therapie:

Peter:

Mein Geschäft in Erfurt war in zwei halben Tagen abgemacht. Nun wasche mich, putze mich, freue mich, nehme Extrapost, komme nach Weimar, fahre vor. Stadelmann – der Diener – kommt und hängt das Haupt und zuckt die Schultern. Ich frage – keine Antwort. Wo ist Ottilie? – Nach Dessau. – Wo ist Ulrike von Pogwisch? – Im Bette. – Der Kammerrat kommt – das ist der Sohn: Vater ist – nicht wohl; krank, sehr krank. – Er ist tot! – Nein, nicht tot, aber sehr krank. Ich trete näher, und Marmorbilder stehen und sehen mich an. So stieg ich auf. Die bequemen Stufen scheinen sich zurückzuziehen. Was werde ich finden? Einen, der aussieht, als hätte er Liebe mit aller Qual der Jugend im Leibe. Nun, wenn das ist, er soll davonkommen! Nein, er soll sie behalten, er soll glühen wie Austernkalk; aber Schmerzen soll er haben. Kein Mittel soll helfen; die Pein allein soll Stärkung und Mittel sein. – Und so geschah’s. Von einem Götterkinde, frisch und schön, war das liebende Herz entbunden. Es war schwer hergegangen, doch die göttliche Frucht war da, und lebt, und wird leben und ihres Geistes Namen über die Zonen und Äonen hinaustragen und wird genennet werden: Liebe, ewige allmächtige Liebe.

Peter:

Zelter war offensichtlich ein ausgezeichneter Homöopath und Psychosomatiker. Er hat den Krankheitserreger in der Seele erkannt und das Leiden mit dem Leiden kuriert: Wieder und wieder hat er dem Kranken dessen eigene Marienbader Elegie vorgelesen, bis Goethe schließlich sagte:

Charlotte:

Du liest gut, alter Herr.

Peter:

– und gesund wurde.

Ulrike von Levetzow starb ein Jahr vor der Jahrhundertwende, 1899, in einem Stift. Sie wäre 67 Jahre lang Goethes Witwe gewesen. Eine Freundin des Hauses Levetzow berichtet über ein Gespräch, das sie mit Ulrike führte, als diese eine alte Dame war:

Charlotte:

Ich wusste, dass das hübsche und wohlhabende Fräulein von Levetzow viel umworben war, und sprach ihr einmal meine Verwunderung aus, dass sie nicht geheiratet habe. >Ich bin von Goethe geliebt worden<, erwiderte sie mit einem stolzen und wehmütigen Lächeln. Und dann führte sie weiter aus, dass das Neinsagen ihr damals einen schweren Kampf gekostet habe, aber die Furcht vor dem Altersunterschied und dem Zusammenleben mit der Schwiegertochter sei doch stärker gewesen als alle Schwärmerei. Wenn sich ihr später ein Mann huldigend näherte, so vermisste sie etwas bei ihm. Alle ließen sie kühl. Sie wies einen Freier nach dem anderen ab. >Ich hätte mich zu sehr mit ihnen gelangweilt.<, sagte sie.

Peter:

Sollten Sie gelegentlich an der Rasanz der Gegenwart Anstoß nehmen, zum Beispiel am vergleichsweise noch harmlosen ICE, an den teilweise geradezu irre anmutenden Kommunikationsmöglichkeiten über Computer und Internet, oder auch an den vollkommen abstrusen Tausendstel Sekunden im sportlichen Wettkampf – sollten Sie gelegentlich die gute alte Zeit herbeiwünschen – hören Sie, was Goethe dazu, vor rund 150 Jahren an den Freund Zelter zu schreiben hatte:

Charlotte:

Junge Leute werden viel zu früh angeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellpost, Dampfschiffe und alle möglichen Facilitäten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.

Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für leichtfassende, praktische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Höchsten begabt sind. Lass uns so viel wie möglich an der Gesinnung halten, in der wir herkamen, wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die sobald nicht wiederkehrt. Und so allem Guten und Echten empfohlen! Treu beharrlich Goethe.

Peter:

Ich denke wir sollten nicht enden ohne einen sehr tröstlichen Goethe. Er hat die Natur geliebt und verehrt hat. Er hat mir ihr gesprochen. Als er ein Gestein fand, das er lange gesucht hatte, sagte er:

Charlotte:

Da bist du ja!

Peter:

Ein Gestein namens Goethit hat er zwar nicht selbst gefunden, aber es zeugt von seiner Wertschätzung unter den Mineralogen, dass einer von ihnen einem Rubinglimmer den Namen Goethit gab. Lassen Sie sich bezaubern von diesen Worten des 78Jährigen, die er zu Eckermann sagte:

Charlotte:

Fast den ganzen Tag bin ich dann im Freien und halte Zwiesprache mit den Ranken der Weinrebe, die mir gute Gedanken sagen und wovon ich euch die wunderlichsten Dinge mitteilen könnte.

Peter:

Desgleichen äußerte er auf dem wunderschönen Schloss Dornburg, nördlich von Jena, hoch über der Saale. Dort spricht er auch wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag mit dem Mond:

Charlotte:

DEM AUFGEHENDEN VOLLMONDE

Dornburg, 25. August 1828

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt Dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, dass ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! Hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.

Peter:

Gab es eigentlich eine Versöhnung mit Frau von Stein? Zunächst nichts dergleichen. Nach der ominösen Kaffeeschelte von 1789 gingen weder Briefe noch Brieflein zwischen ihnen hin und her. Sieben Jahre absolutes Schweigen. Dann, ab 1789, gab es doch gelegentlich dies oder das mitzuteilen. Sie sind schließlich beide bei Hofe. Sie nennt ihn Geheimrat, das Du ist verbannt, das ist obligatorisch. Charlottes letzte Liebestat, eigenartig genug: Sie ordnet testamentarisch an, dass ihr Leichenzug nicht an seinem Hause am Frauenplan vorbeiführen möge, da sie doch seine Abscheu kennt vor allem, was mit dem Tode zusammenhängt. Es war vergebliche Liebesmüh: Das Protokoll achtete diese Bitte der Verstorbenen nicht, der Zug führte unter Goethes Fenstern vorüber.

Ich ende mit dem Gruß des greisen Goethe an die 83jährige Frau von Stein, den er vier Wochen vor ihrem Tod schrieb. Ein letztes Mal zum Zeichen: Er war die Liebe selbst:

Charlotte:

Beiliegendes Gedicht, meine Teuerste sollte eigentlich schließen:

‚Neigung aber und Liebe unmittelbar nachbarlich angeschlossener Lebender, durch so viele Zeiten sich erhalten zu sehen, ist das Allerhöchste, was dem Menschen gewährt sein kann.‘

So für und für. Goethe.

 

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Goethe wie er nie im Schulbuch stand – Teil 1

 

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