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Charlotte:

Lieben belebt!

Peter:

Zwei Worte, ein Goethe, Weimar, den 28. August 1830, des Dichters 81. Geburtstag, auf ein Blättchen notiert, 10×14 Zentimeter – das ist ungefähr Postkartengröße –, umrändert mit einer Eichenlaubbordüre. Empfänger unbekannt. Was hindert uns zu glauben, dass wir die Empfänger seien, wir, die späten Nachgeborenen.

Charlotte wiederholt:

Lieben belebt!

Peter:

Ein thüringischer Beamter des Bergbauwesens, der Rentamtmann Mahr, erinnert sich an eine Begegnung mit dem alten Goethe:

Am 26. August 1831 gegen Abend traf Goethe im Gasthofe zum Löwen hier in Ilmenau ein. Er hatte seine Ankunft mir gleich melden und ihn zu besuchen bitten lassen. Nach mehreren Erkundigungen, ob nicht wieder etwas in geognostischer Beziehung –

Geognosie ist ein heute nicht mehr gebräuchliches Wort für Geologie, Ilmenau war ein Bergbaustädtchen –

… in geognostischer Beziehung Merkwürdiges vorgekommen sei, fragte er dann: ob man wohl bequem zu Wagen auf den Gickelhahn fahren könne; er wünsche das auf dem Gickelhahn, ihm aus früherer Zeit sehr merkwürdige Jagdhäuschen zu sehen, und dass ich ihn auf dieser Fahrt begleiten möge. Also fuhren wir beim heitersten Wetter auf der Landstraße über Gabelbach. Ganz bequem waren wir so auf den höchsten Punkt des Gickelhahns angelangt, als er ausstieg und fragte: >Das kleine Waldhaus muss hier in der Nähe sein. Ich kann zu Fuß dorthin gehen, und die Chaise soll hier so lange warten, bis wir zurückkommen.< Wirklich schritt er durch auf der Kuppe des Berges ziemlich hoch stehende Heidelbeersträucher hindurch bis zu dem wohlbekannten zweistöckigen Jagdhaus. Eine steile Treppe führt in den oberen Teil desselben; ich erbot mich ihn zu führen, er aber lehnte es mit jugendlicher Munterkeit ab, mit den Worten: >Glauben Sie ja nicht, dass ich die Treppen nicht steigen könnte; das geht mir noch recht sehr gut. < Beim Eintritt in das obere Zimmer sagte er: >Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube acht Tage im Sommer gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben. Wohl möchte ich diesen Vers nochmals sehen, und wenn der Tag darunter vermerkt ist, so haben Sie die Güte, mir solchen aufzuzeichnen.< Sogleich führte ich ihn an das südliche Fenster der Stube, an welchen links mit Bleistift geschrieben steht:

Charlotte:

Über alle Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein
Schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Den 7. September 1780

Peter:

Goethe überlas diese wenigen Verse und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in sanftem, wehmütigem Ton: > Ja, warte nur, balde ruhest du auch! <, schwieg seine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düsteren Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: >Nun wollen wir wieder gehen.<

Fragte später jemand den Rentamtmann Mahr, ob denn Goethe freundlich gewesen sei, als sie so durch den Wald gingen, schaute er den Fragenden an und antwortete nach kurzem Schweigen:

Charlotte:

Er war die Liebe selbst.

Peter:

Da haben wir unser Thema. Goethe war die Liebe selbst, sein Leben lang. Liebe zu den Frauen, den Kindern, den Freunden, den Zeitgenossen, zur Welt, zu uns, den späten Lesern. Liebe als Last und Lust, als Kampf und Frieden, als Weltzerstörerin als Welterhalterin.

Meine Damen und Herren, vergessen sie den Goethe, den Sie vielleicht von der Schule her noch in Erinnerung haben. Ich will nicht respektlos sein, aber ich will versuchen, Goethe zu überführen, ein Mensch gewesen zu sein. Ganz sicher keiner wie du und ich, denn er war des Wortes mächtiger als wir alle. Aber eben doch auch einer, den der Betrug anwandelte und der Verrat und die Lüge und die Illusion, einer, der – so die meisten modernen Goethe-Forscher – inzestuöse Neigungen hatte zu seiner Schwester Cornelia und homosexuelle zu seinem Herzog Karl-August, einer, der seinem Sohn ein lausig schlechter Vater war, der das Sterbezimmer seiner geliebten Frau Christiane nicht betrat und nicht zu ihrer Beerdigung ging, der seiner geliebten Frau von Stein – ‚geliebten‘ kleingeschrieben, seine Geliebte als Substantiv und groß geschrieben ist sie wohl nie gewesen – ihr schwor er, nie zu heiraten, welchen Schwur er bekanntlich brach, – ich finde, dass dergleichen ihn doch unseren Seelen näher bringt. Oder sind wir hier eine Versammlung von Tugendholden, die ganz reinen Herzens sind? Doch wohl nicht. Ich jedenfalls nicht.

Lauschen wir dem Liebenden, der am Morgen des 25. März 1776 an Charlotte von Stein schreibt, in einem Posthaus, in dem er zehn Jahre vorher schon einmal als angehender Student übernachtet hatte:

Charlotte:

Ein wunderbares Dämmerlicht schwebt über allem. Ich habe viel gefroren und was das beste ist, auch viel geschlafen. Jetzt schläfst du auch! Vielleicht wachst du einen Augenblick auf und denkst an mich. Ich bin ruhig, denke an dich, und von dir aus an alles, was ich lieb habe. – wie anders! Lieber Gott, wie anders! Als da ich vor zehn Jahren als kleiner eingewickelter seltsamer Knabe in eben das Posthaus trat…

Peter:

Vielleicht darf ich hier noch einfügen: Es darf gelacht werden bei meinem Goethe.

Der „kleine eingewickelte seltsame Knabe“ war auf dem Weg von Frankfurt nach Leipzig, zum vom Vater verordneten Jura-Studium. Er hat dort nicht viel Jura studiert. Um es gleich vorweg zu nehmen: Goethe war von 1771 bis 1775 in Frankfurt Rechtsanwalt. Man titulierte ihn als Doktor, aber er hat seinen Doktor nie gemacht; er ist an der Universität von Straßburg nur Litentiat der Rechte geworden. In Leipzig im ersten Semester gibt er zum Ärger seines Vaters viel zu viel Geld aus und verliebt sich in Anette, Kellnerin, des Gastwirts Tochter. Schon eine erste große Liebe des Knaben in Frankfurt war Kellnerin, Gretchen mit Namen. Ein weitere Kellnerin in Rom wird folgen. Anette in Leipzig küsste und umarmte er, ohne jedoch alles zu wagen. Von ihr träumt er wüstes Zeug und schreibt am Morgen darauf aufgewühlt an seinen Freund Behrisch:

Charlotte:

Noch so eine Nacht wie diese, Behrisch, und ich komme für alle meine Sünden nicht in die Hölle. Erst konnte ich nicht schlafen, wälzte mich im Bette, sprang auf, raste… Darnach hübsche Träume. Die gewöhnlichen Mienen, die Winke an der Tür, die Küsse im Vorbeifliegen … und dann auf einmal, Ft! Da hatte sie mich in den Sack gesteckt, einen Menschen wie mich, das ist unerhört! Ich philosophierte im Sacke. Darnach schien mirs, als wenn ich weg wäre, weg von ihr, aber nicht aus dem Sacke, ich wünschte mich in Freiheit und wachte auf. Der verfluchte Sack lag mir im Kopfe.

Peter:

Dieser Traum löste in Goethe eine regelrechte kleine Psychose aus. Die Metapher vom In-den-Sack-gesteckt-Werden hat sicher eine kräftige sexuelle Komponente: wir brauchen nur Schoß statt Sack zu sagen, und schon sind wir zum Embryo redegiert. Und nichts fürchten die einigermaßen sensiblen Jünglinge mehr, als dies: die Bindung, die Selbstaufgabe, die Ehe, da schwingen alle Kastrationsängste mit, Goethe machte da keine Ausnahme. Und dies für sehr lange Zeit, vermutlich für Jahrzehnte.

Ob es stimmt oder nicht, und ob wirs glauben wollen oder nicht: Viele Anzeichen sprechen dafür, dass Goethe erst als Endneununddreißiger den Weg ins Bett einer Frau fand, als er nach Italien gezogen war. In Rom also, und wieder wars eine Kellnerin, die dritte. Pikanterweise hieß die vermutlich erste Geliebte des Autors des FAUST – Faustina. Erst sehr viel spät fand sie Einlass in die Goethe-Biografien; die römische Kellnerin wurde in den Zeiten des anbetenden Klassiker-Kults konsequent totgeschwiegen. Springen wir doch einfach von der Leipziger Kellnerin Anette zur römischen Kellnerin Faustina. Frage: wie verabredet man sich mit ihr unter den Augen und Ohren des Oheims? Die Antwort stehe in der V. Römischen Elegie und noch woanders: In einem viel späteren Gespräch, das der aus Rom zurückgekehrte Architekt Karl Wilhelm von Zvahn mit dem greisen Goethe führte. Der Alte fragte:

Charlotte:

Kennen Sie auch die Osteria della Campana?

Peter:

Die Weinschenke zur Glocke? Gewiss. Wir deutschen Künstler haben noch im vorigen Jahr Ihren Geburtstag dort gefeiert.

Charlotte:

Ist der Farlerner Wein immer noch so gut?

Peter:

Vortrefflich!

Charlotte:

Und was liefert die Küche?

Peter:

Ah, man erhält Stuffato, eine Art Schmorbraten, Maccaroni und ein Gebackenes, das sie Fritti nennen.

Charlotte:

Es ist noch alles wie zu meiner Zeit!

Peter:

– sagte Goethe und schmunzelte behaglich. Dann fuhr er fort: –

Charlotte:

In dieser Osteria traf ich die Römerin, die mich zu den Elegien begeisterte. In Begleitung ihres Oheims kam sie hierher, und unter den Augen des guten Mannes verabredeten wir unsere Zusammenkünfte, indem wir die Finger in den verschütteten Wein tauchten und die Stunde auf den Tisch schrieben.

Peter:

Goethe schrieb mit Tinte oder Bleistift, mit seiner römischen Geliebten verabredete er seine Schäferstündchen mit Wein auf der Tischplatte einer Kneipe.

Verzeihen Sie, Damen und Herren, bitte verzeihen Sie, dass wir hier so wüst in Goethes Leben herumspringen. Aber wir wollen hier ja keinen chronologischen Abriss seiner Biografie vermitteln, – dies sind recht willkürlich ausgewählte Fragmente aus einer immerdar liebenden Existenz. Über zehn Jahre hat er es mit der strengen Frau von Stein – aber sie war nicht nur streng – ausgehalten, die ihm nichts gewährte, keinen Kuss, keine Umarmung, keine Streicheleinheiten, von Kanapee oder Bett ganz zu schweigen. Wir werden darauf zurückkommen. In Rom ist nun endlich die große Freiheit ausgebrochen.

Charlotte:

Uns ergötzen die Freuden des ächten nacketen Amors
Und des schaukelnden Betts lieblicher knarrender Ton.

Peter:

Diese Verse erschienen nicht zu Lebzeiten Goethes. Diese Erste Römische Elegie in dieser Fassung galt als anstößig und ging erst nach des Dichters Tod in Druck. Lange hat man den Olympier abgeschottet gegen sich selbst, alles Obszöne oder Frivole – und es gibt eine ganze Menge davon – wurde durch züchtige Bindestrichlein ersetzt und erst Jahrzehnte später gedruckt, zum Teil erst im vorigen Jahrhundert.

So, jetzt reißen wir uns aber am Riemen und geben der Chronologie die Ehre. Die Geburt am 28. August 1749, mittags zwischen elf und zwölf Uhr, wie sie Bettina von Arnim nach den Schilderungen von Goethes Mutter festgehalten und an Goethe übermittelt hat:

Charlotte:

… wenn ich dir erzähle, dass das Wochenbett Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugewürfelte Vorhänge hatte. Sie war damals achtzehn Jahre al und ein Jahr verheiratet … Drei Tage bedachtest Du dich, eh Du ans Weltlicht kamst, und machtest Deiner Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, dass Dich die Not aus dem eingeborenen Wohnort trieb, und durch die Misshandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und bäheten Dir die Herzgrube –

Peter:

Das Wort Fleischarden fand ich in keinem Wörterbuch. Ich nehme an, es handelt sich um eine ausgehöhlte Holzschale. Das Wort Bähen fand ich im grimmschen Wörterbuch. Es heißt wärmen und trocknen.

Charlotte:

– legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Großmutter stand hinter dem Bett; als Du dann die Augen aufschlugst, rief sie hervor: „Rätin! Er lebt!“

Peter:

Und er wurde der größte Dichter deutscher Zunge, wobei wir uns immer bewusst bleiben wollen, dass dieser Superlativ >der größte< etwas willkürlich ist. Wie wird man Dichter? Auch darüber weiß Bettina höchst anschaulich und vergnüglich aus Frankfurt von Goethes Mutter zu berichten:

Charlotte:

Denn einmal –

Peter:

– sagte Frau Aja, also Goethes Mutter, –

Charlotte:

– konnte ich nicht ermüden zu erzählen, so wie er nicht ermüdete zuzuhören. Kein Mensch war so eifrig auf die Stunde des Erzählen. Da saß ich, und da verschlang er mich bald mit seinen großen schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader an der Stirn schwoll, und wie er die Träne verbiss. Wenn ich nun halt machte und die Katastrophe auf den nächsten Abend verschob, konnt ich sicher sein, dass er bis dahin alles zurecht gerückt hatte.

Der Großmutter, die im Hinterhaus wohnte, und deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, wie es mit der Erzählung wohl doch werde, und von dieser erfuhr ich, wie ich seinen Wünschen gemäß weiter im Text kommen sollte. Es war ein geheimes diplomatisches Treiben zwischen uns, das keiner dem anderen verriet. Und so begrüßte der Wolfgang mit glühenden Augen das Ausmalen seiner kühn angelegten Pläne und bedachte sie endlich mit enthusiastischem Beifall.

Peter:

Soweit Bettine von Arnim, über die wir später noch ein wenig plaudern wollen.

Goethe ist also der Erstgeborene, 28. August 1749, Cornelia die zweite, 12. Dezember 1750. Es folgen noch fünf Geschwister, die zwischen fünf Tagen und zwei Jahren leben, der Bruder, der noch am ältesten wird, stirbt siebenjährig.

Die Kindersterblichkeit ist in der Goethe-Zeit noch immer sehr hoch. Frau von Stein hatte sieben Kinder, vier Töchter starben, drei Söhne überlebten. Goethe hatte mit seiner Geliebten und späteren Frau Christiane fünf Kinder, nur der älteste, August, überlebte. Die anderen starben jeweils wenige Tage nach der Geburt. Wir sehen heute im Kindestod die Ausnahme, für die Menschen der Goethe-Zeit war es die Ausnahme, ja, das Wunder, wenn ein Kind am Leben blieb. Die Kinderheilkunde war höchstlich unterentwickelt.

Goethe und seine anderthalb Jahre jüngere Schwester liebten einander sehr heftig und leidenschaftlich. Sie sahen fünf Geschwister sterben und hatten bei aller Trauer sicher auch ihre Überlegenheitsgefühle allein durchs Überleben. Inzest? Ich mag diese schnellen Worte nicht. Geschwisterliebe, ja, mit leisen oder auch deutlichen inzestuösen Beimengungen. Als Goethe in Leipzig mehr träumte und dichtete als Jura studierte, gehen die Briefe zwischen den Geschwistern hin und her. Viele übrigens in tadellosem Französisch oder Englisch. Auf Deutsch lässt sich da ein recht arroganter junger Mann vernehmen:

Charlotte:

Aus Eissler, Band I:

Sei stolz darauf Schwester, dass ich dir ein Stück Zeit schenke, die ich so notwendig brauche. Neige dich für diese Ehre, die ich dir antue, tief, noch tiefer, ich sehe gern, wenn du artig bist, noch ein wenig. Genug!

Peter:

Und ein pingeliger, pedantischer Schulmeister ist er auch gewesen:

Charlotte:

Wirst du nun dieses alles nach meiner Vorschrift getan haben, wenn ich nach Hause komme, so garantiere ich, du sollst in einem kleinen Jahr das vernünftigste, artigste, angenehmste, liebenswürdigste Mädchen, nicht nur in Frankfurt, sondern im ganzen Reich sein.

Peter:

Der Bruder flunkert und weckt falsche Hoffnungen! Cornelia war weder liebenswürdig noch angenehm, auch nicht hübsch, von einer Reichs-Miss Germany weit entfernt. Stellen Sie sich vor: Goethe verdonnerte sie, in ihren Briefen stets genug Platz zu lassen, damit er seine Korrekturen an ihrem Schriftsatz anbringen konnte. Ekelhafter, despotischer großer Bruder, wie er im Buche steht. Sie war rasend eifersüchtig auf diese Leipziger Kellnerin Annette. Goethe seinerseits spielte mit Selbstmordgedanken, aus Eifersucht, als Cornelia heiratete. Er hatte sich immer in seinen spätpubertären Hoffnungen ausgemalt, sie werde Äbtissin oder die Vorsteherin in einer edlen Gemeinde, aber heiraten – entsetzlich! Da ist der WERTHER entstanden. Die Kulisse bietet allerdings Wetzlar mit Charlotte Buff und ihrem Verlobten Kestner, aber man vergisst leicht, dass der WERTHER gar nicht unmittelbar nach Goethes Abreise aus Wetzlar entstanden ist, sondern fast zwei Jahre später, Cornelias Verlobung war der Anlass.

Sie trieb den Bruder an, den GÖTZ zu schreiben, und sie hintertrieb mit bösartigen Argumenten seine Liebesgeschichten.

Zum Beispiel mit Lilli Schönemann, schön, geistreich, kultiviert, eine vorzügliche Partie für diesen jungen Goethe. Aber Cornelia stänkerte, so dass Goethe in größte Zweifel über seine Liebe geriet. Er dichtete. Ob das folgende Gedicht im Traum entstanden ist, weiß ich nicht. Aber es ist erwiesen, dass Goethe einige Gedichte wirklich geträumt hat, die er dann am Morgen aufschreiben konnte. Dies hier heißt: –

Charlotte:

NEUE LIEBE NEUES LEBEN

Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was drängt dich so sehr?
Welch ein fremdes, neues Leben!
Ich kenne dich nicht mehr.
Weg ist alles, was du liebtest,
Weg worum du dich betrübtest,
Weg dein Fleiß und deine Ruh –
Ach, wie kamst du nur dazu?

Fesselt dich die Jugendblüte,
Diese liebliche Gestalt,
Dieser Blick voll Treu und Güte
Mit unendlicher Gewalt?
Will ich rasch mich ihr entziehen,
Mich ermannen, ihr entfliehen,
Führet mich im Augenblick,
Ach mein Weg zu ihr zurück?

Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreißen lässt,
Hält das liebe, lose Mädchen
Mich so wider Willen fest;
Muss in ihrem Zuckerkreise
Leben nun auf ihre Weise
Die Verändrung, ach, wie groß!
Liebe! Liebe! Lass mich los!

Peter:

Auch von Lili Schönemann wollte er nicht in den Sack gesteckt werden, die er im Januar 1775 kennenlernt, mit der er sich zur Ostermesse 1775 verlobt, von der er sich zur Herbstmesse 1775 trennt. Auf Betreiben Cornelias. Wie hat er das verkraftet? Durch Arbeit, durch Dichten.

 

Charlotte:

O, wenn ich jetzt nicht Dramas schriebe, – ich ginge zugrund!

Peter:

Cornelia litt entsetzlich unter der Trennung, als sie ins Badische heiratete, und wurde psychisch krank. Als der Bruder sie einmal besuchte, verschwanden alle Symptome für kurze Zeit schlagartig. Dabei war ihr Mann, Johann Georg Schlosser, Beamter und Schriftsteller, Goethes Freund, ein prima Kerl, aber sie empfand die Eheschließung als Akt der Untreue gegen den Bruder. Als dieser Bruder zwei Jahre später auf ihre Briefe nach Weimar nicht antwortete, als ihr klar wurde, wie sehr der Bruder an diese Freifrau von Stein genistelt war – ein Ausdruck Goethes: an eine Frau genistelt sein – starb Cornelia nach ihrem zweiten Kindbett im Juni 1777. Goethe hat ein Leben lang unter ihrem Tod gelitten und sein Brief-Schweigen als schwere Schuld empfunden. Viele Jahre lang hatte er regelmäßig im Dezember Depressionen, dem Geburtsmonat der Schwester.

Im Juni starb sie, da war er schon fast zwei Jahre in Weimar. Wann kam er an? Anfang November 1775, um wenige Wochen verspätet. Er war vom Herzog von Weimar eingeladen worden und sollte in Frankfurt abgeholt werden. Aber das klappte irgendwie nicht. Goethe hatte sich schon von allen Freunden und Mädchen verabschiedet, aber er fuhr nicht weg. Eine etwas peinliche Situation, er ging gar nicht mehr aus dem Hause und nutzte die Zeit zum Schreiben von Dramas. Und der republikanische Vater schimpfte auf die Unzuverlässigkeit der adeligen und höchsten Herren. Schließlich machte sich Goethe auf eigene Kappe südwärts auf die Reise, Italien im Kopf. Aber in Heidelberg erwischt ihn des Herzogs Abgesandter und bringt ihn nach Weimar. Ein kurzer Besuch war geplant. Er blieb für den Rest seines Lebens, fast 60 Jahre lang. Schicksalsjahr 1775. Schicksal – was für ein mächtiges Wort. Der Dichter hat auf eben dieser Reise Richtung Italien, die in Weimar endete, eine viel bescheidenere und umso bezauberndere Formulierung gefunden:

Charlotte:

Das liebe Ding, das den Plan zu meiner Reise gemacht hat, das liebe unsichtbare Ding, das mich leitet und schult.

Peter:

Der hochberühmte Verfasser des WERTHER erreicht also Weimar Anfang November. Der Dichter Christoph Martin Wieland schreibt Am 10. November an einen Freund:

Charlotte:

Dienstag, den 7. des Monats, morgens um 5 Uhr ist Goethe in Weimar eingelangt. O bester Bruder, was soll ich dir sagen? Wie ganz der Mensch beim ersten Anblick nach meinem Herzen war! Wie verliebt ich in ihn wurde, da ich am nämlichen Tag an der Seite des herrlichen Jünglings –

Peter:

Der Jüngling ist 27 Jahre alt! –

Charlotte:

– zu Tische saß! Seit dem heutige Morgen ist meine Seele so voll von Goethe, wie ein Tautropfen von der Morgensonne.

Peter:

Der große Dichter wurde aber keineswegs von allen geliebt. Die Gegenstimme zu Wieland ist der Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß, der an seine Frau schreibt:

Charlotte:

Es geht schrecklich zu. Der Herzog läuft mit Goethen wie ein wilder Pursche auf den Dörfern herum; er besäuft sich und genießt brüderlich einerlei Mädchen mit ihm.

Peter:

Das stimmt ganz einfach nicht. Goethe hatte auch hier den größten Bammel, von einem Weibe in den Sack gesteckt zu werden, desgleichen allen Bammel vor Geschlechtskrankheiten. Der Herzog, ja, der ging trotz standesgemäßer Ehe den Miseln nicht aus dem Weg. Miseln, so nannten sie die Mädchen, denen der Herzog so manches Kind anhängte, für das er später pflichtschuldigst sorgte mit einer Anstellung im Forstdienst oder in der unteren Beamtenhierarchie. Er ist auch an andere Damen geraten und hat im Leben manche Syphilis auskurieren müssen.

Dieser Herzog Karl-August von Sachsen-Weimar war Goethes Arbeitgeber, offiziell rangierte der sieben Jahre ältere Goethe als Erzieher. Der Herzog war also sein Schüler, aber eben auch sein Herr. Sie schlossen Freundschaft, die ein Leben lang hielt. Homosexualität? Wieder so ein schnelles Wort. Ja, wieso nicht? Nein, es gab da wohl doch keinerlei ernsthafte Annäherung. Goethe nannte seinen Herren >Serenissimus<, später gar >Jupiter<. Der Herzog revanchierte sich in hohem Alter noch mit einem coolen >Na, altes Kamel?!<

Goethe war in Weimar zunächst ein bürgerlicher Außenseiter, voller Einfälle, Launen, Witzigkeiten. Er stört das Leben bei Hofe, die Etikette, das Protokoll, auf die das kleine Herzogtum größten Wert legte, er führt das Schlittschuhlaufen ein und das Ostereiersuchen. Er schockiert ganz Gotha, als er zu den dortigen Prinzensöhnen sagt:

Charlotte:

Na, ihr Semmelköpfe!

Peter:

Auf Weisung der jungen Herzogin darf der Bürgerliche nicht an der Hoftafel speisen, muss gegebenenfalls an einem separaten Tisch essen.

Charlotte:

Kröten und Basilisken –

Peter:

– nennt er die Hofleute. Man schwankt lange Zeit in seiner Beurteilung. Wenn es irgendwo auf dem Flur poltert, dann ruft man in den Salon:

Charlotte:

Das ist entweder der Teufel oder Goethe!

Peter:

Beides, sagen die, die diesem Originalgenie am wenigsten wohlwollen. Goethe hat sich aus dem höfischen Welt immer mal wieder verdrückt. Der Herzog liebte den Krieg und die Jagd, Goethe hasste beides. Er ging auf den Gickelhahn und schrieb ein Gedicht an die Wand, das hochberühmt werden sollte. Er verließ eine laute Jagdgesellschaft und ritt im Winter über den Harz – damals ein ziemlich verwegenes Abenteuer. In Wernigerode besucht er inkognito einen jungen Mann, der ihm in einem Briefe seinen ganze Weltschmerz mitgeteilt hatte, seine Unfähigkeit, Seelenfrieden zu finden. In bewegenden Zeilen fragt Goethe:

Charlotte:

Aber abseits, wer ists?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad.
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.
Ach, wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift wird?
Der sich Menschenhass
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eigenen Wert
In ungenügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste!

 

Peter:

Welch eine Liebe, wie viel Religion, die zur Dichtung wird. Das waren drei Verse aus der HARZREISE IM WINTER. Zurück in Weimar hatte Goethe wieder seinen Dienst beim Herzog. Wenn die beiden ungestört sein wollten, gingen sie zu Charlotte.

Charlotte von Stein, Hofdame, Ehefrau des Oberstallmeisters Josia von Stein, dem sie sieben Schwangerschaften verdankte, die sie allesamt pflichtschuldigst absolvierte. Sie ist sieben Jahre älter als Goethe, und hat, als sie zusammentreffen, mit dem Thema Liebe, Leidenschaft, Sexualität, Sinnlichkeit abgeschlossen – wenn sie jemals überhaupt damit begonnen hatte.

Im Frühling des Schicksalsjahres 1775 schon hat Goethe in Straßburg ihre Silhouette betrachtet und spekuliert:

Charlotte:

Es wäre ein herrliches Schauspiel zu sehen, wie die Welt sich in dieser Seele spiegelt. Sie sieht die Welt, wie sie ist, und doch durch das Medium der Liebe. So ist auch Sanftheit der allgemeine Eindruck.

Peter:

Es wird sich herausstellen, ob sie gar so sanft war. Wir schalten eine ziemlich grauslich enthüllende Anekdote aus ihrem späteren Leben dazwischen: ihr Ehemann war im Alter ernstlich behindert und von ihrer Pflege abhängig, die sie pflichtschuldig gewährte. Als sie aber mal ein dumpfes Geräusch auf der Treppe hinter sich hörte, wohl wissend, dass ihr Mann gefallen war, wandte sie sich nicht um, sondern zeigte rückwärts, während sie dem Diener zurief:

Charlotte:

Heb er dort mal auf.

Peter:

Zurück wieder ins Schicksalsjahr 1775, in dem Goethe und Frau von Stein einander im Spätherbst von Angesicht zu Angesicht kennenlernen. Die gebildete Charlotte hat natürlich den WERTHER gelesen – mit dessen Selbstmordphilosophie sie sicher nicht ganz einverstanden war. Sie wusste also, wer da in Weimar ankam. Über zehn Jahre wird diese auf ihre Weise höchst intensive Bindung Goethes Leben bestimmen und verändern, eine schöne, reine, sehr rätselhafte Liebesgeschichte zwischen dem Dichter des Sturm und Drang und der Freifrau von Stein. Nach wenigen Wochen schreibt sie an den gemeinsamen Freund Zimmermann, hin- und hergerissen zwischen Neigung und Angewidertsein über die wilden Purschen, den Herzog, und Goethe in seinem Gefolge:

Charlotte:

Gewiss sind das seine Neigungen nicht, aber eine Weile muss er es so treiben, um den Herzog zu gewinnen und dann Gutes zu stiften, so denk ich davon.

Er verteidigt sich mit wunderbaren Gründen, mir bliebs, als hätt er Unrecht. Er war sehr gut gegen mich, nannte mich im Vertrauen seines Herzens Du, das verwies ich ihm mit dem sanftesten Ton der Welt, sichs nicht anzugewöhnen. Da springt er wild auf vom Kanapee, sagt, ich muss fort, läuft ein paar mal auf und ab, um seinen Stock zu suchen, findt ihn nicht, rennt so zur Tür hinaus, ohne Abschied, ohne Gute Nacht.

Sehen Sie, lieber Zimmermann, so wars heute mit unserem Freund. Schon einige Male habe ich bitteren Verdruss um ihn gehabt. Das weiß er nicht, und solls nicht wissen.

Ich fühls, Goethe und ich werden niemals Freunde.

Auch seine Art mit unserem Geschlecht umzugehen, gefällt mir nicht. Er ist eigentlich, was man kokett nett. Es ist nicht Achtung genug in seinem Umgang.

Peter:

Vier Wochen später jubelt sie:

Charlotte:

Mit geht’s mit Goethen wunderbar, nach acht Tagen, wie er mich so heftig verlassen hat, kommt er mit einem Übermaß an Liebe wieder. Ich hab zu mancherlei Betrachtungen durch Goethe Anlass genommen; je mehr ein Mensch fassen kann, so deucht mir, desto eher fehlt er den ruhigen Weg, gewiss hatten die gefallenen Engel mehr Verstand wie die übrigen.

Peter:

Natürlich nährten sie jeglichen Klatsch im Residenzstädtchen und immer wieder mal verbot sie ihm ihre Gegenwart. Einmal rannte er trotzdem in ihr Haus, nur um ihr Zimmer zu sehen, war aber ebenso schnell wieder weg, wie ein gehorsamer Junge, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Dennoch: nicht viel später fängt er an zu klagen, dass sie wie von Stein sei. Frigide? Noch einmal so ein schnelles Wort. Damit verpasst man Charlotte ein Etikett, das sie nur sehr unzulänglich charakterisiert. Stolz ist sie, puritanisch, protestantisch, sittenstreng, hochmoralisch, adelig. Alles setzt sie dran, den bürgerlichen Goethe zu erziehen, und da leistet sie viel, sehr viel. Er rätselt über diese Bindung in dem Gedicht WARUM GABST DU UNS DIE TIEFEN BLICKE? Die wesentlichen vier Zeilen daraus:

Charlotte:

Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau.

Peter:

Dazu stelle ich mir immer einen Kommentar aus Berlin vor: Na watdenn nu?

Die Goethe-Forscher sind sich ziemlich einig: Goethe und Frau von Stein hatten nichts miteinander. Meine Frau Charlotte hat das seinerzeit bündig zusammengefasst:

Charlotte:

Die Freifrau kriegte ihr Korsett nicht auf.

Peter:

Dennoch lebte sie in Zweifeln, ob nicht selbst das, was sie an liebevoller Freundschaft gewährte, – ob nicht das schon zu weit ging. Auf der Rückseite eines Briefes von ihm schrieb sie die etwas holprigen Verse:

Charlotte:

Obs Unrecht ist, was ich empfinde –
Und ob ich büßen muss die mir so liebe Sünde
Will mein Gewissen mir nicht sagen;
Vernicht‘ es Himmel du! Wenn michs je könnt anklagen.

Peter:

Auf einem noch viel späteren Brief hat Charlotte noch einmal was vermerkt. Jetzt springen wir wieder mit der Zeit um, blättern zum Schlusskapitel dieser großen Liebesgeschichte. Darin stehen hauptsächlich gegenseitige Vorwürfe. Goethe ist aus Italien zurück. Er hat sich Christiane Vulpius zum Bettschatz genommen, die Charlotte gänzlich grundlos und ganz böse „eine gemeine Hure“ nennt. Sie sagt:

Charlotte:

Goethe ist sinnlich geworden.

Peter:

Man sieht geradezu die angeekelt herabgezogenen Mundwinkel der Freifrau. Wir sagen: Na und? Und: Na endlich! Goethe hat ihr zwar noch aus Italien Kaffee geschickt, nichtsdestoweniger schreibt er ihr nicht viel später, als in den Briefen keine Rede mehr von idealer Liebe sein kann, sie möge das Kaffeetrinken aufgeben, vom Kaffe verschonte Nerven könnten zur Verbesserung ihres Verhältnisses beitragen. Lassen wir Charlotte von Stein noch einmal mit der Randbemerkung zu diesem sie sicher kränkenden Brief zu Worte kommen. Zu Worte? Es ist ein einziger Buchstabe:

Charlotte:

Oh!!!

Peter:

Drei Ausrufezeichen.

Sprung zurück in die Anfangs- und Glanzzeit dieser Bindung: Goethe hat Charlotte von Stein in den Jahren von 1775 bis 1786, bis zu seiner spektakulären Abreise nach Italien fast täglich gesehen und ihr annähernd zweitausend Briefe geschrieben, zweitausend – in zehn Jahren, das sind rund 200 Briefe pro Jahr, das Jahr hat 365 Tage, – lange Briefe, von auswärts mit der Post befördert, kleine Billets, von vertrauenswürdigen Boten durch Weimar getragen. Charlotte hat ihre Briefe zurückgefordert und vernichtet. Als die Briefe 1848 erschienen – der Verfasser war seit 18 Jahren tot, die Empfängerin seit 22 Jahren – war alle Welt doch höchst erstaunt über das Ausmaß dieser Liebe und ihrer Bekundungen. Ich kann – Pardon! – Goethes FAUST nicht so übermäßig lieben, – der größere Goethe ist für mich der Schreiber dieser Briefe. Ein paar Fetzen daraus:

Am 22. Juli 1776 sitzt er und da und schreibt:

Charlotte:

Die Liebe gibt mir alles, und wo die nicht ist, dresch ich Stroh.

Peter:

Im fernen Zürich schreibt er am 30. November 1779 im einsamen Hotelzimmer:

Charlotte:

Könnt ich euch malen, wie leer die Welt ist, man würde sich aneinander klammern und nicht voneinander lassen.

Peter:

Das Verhältnis zum Ehemann Stein war sehr gut. Gelegentlich hat er Goethes Post an sie befördert. Wusste er ihn zu Hause, ließ er ihn grüßen. So am 17. Mai 1781:

Charlotte:

Adieu, grüßen Sie Steinen und was mir gut ist.

Adieu, süße Unterhaltung meines innersten Herzens. Auf das Siegel drücke ich einen Kuss und bin dein für ewig.

Peter:

Am 15. Mai 1783 bekennt er:

Charlotte:

Wer dich gefunden hat, weiß, warum er auf der Welt ist.

Peter:

Am 28. Mai 1783 bittet, ja fleht er:

Charlotte:

Liebe mich, denn das ist der Grund, worauf mein ganzes Schicksal gestickt ist.

Peter:

Und dann der folgende Aufschrei vom 27. August 1782. Charlotte von Stein ist auf ihrem Landgut in Groß-Kochberg. Goethe erwacht am Morgen, und es wird ihm klar, dass der heutige Tag ohne Verabredung mit der Geliebten, ohne Begegnung von Angesicht zu Angesicht durchzustehen ist. Er schreit auf und schreibt:

Charlotte:

Liebe Lotte, komm zurück! Ich weiß bald nicht mehr, warum ich aufstehe!

Peter:

Auch wenn diese Liebe aller körperlichen Intimität entbehrte und den Weg ins Bett nie fand – es ist eine Liebe mit allem Auf und Ab, Krisen, Streits, Nöten und Nötigungen, Distanzierungen, Versöhnungen. In einer mehr masochistischen Phase schreibt Goethe am 12. Dezember 1778:

Charlotte:

Zwar wollt ich heute wieder durchs Entbehren erfahren, wie lieb ich Sie habe. Ich denke doch aber, ists besser, Linsensuppe mit Ihnen aus Pastetenschalen zu essen, also komm ich um 12 Uhr.

Peter:

Das Sie und Du spielt eine große Rolle in dieser Liebesgeschichte. Offiziell und vor anderen gibt es nur das Sie. Im Geheimen aber kann Goethe das Du nicht unterdrücken. Sie gewährt es ihm nach einigem Zögern und schreibt selber Du. Am 23. März 1781 sitzt er da und schreibt:

Charlotte:

Sagen kann ich nicht, und darfs nicht begreifen, was Deine Liebe für ein Umkehrens in meinem Innern wirkt. Wer lernt aus in der Liebe. Adieu. Gott erhalte dich.

Peter:

Am selben Tag etwas später, in einem weiteren Brief fällt er selber ins Sie zurück.

Charlotte:

Zu Mittag schick ich Ihnen ein Stück Wildbretbraten, den ich gerne mit Ihnen verzehrt hätte. Adieu.

Peter:

Wir verstehen heutzutage diese Skrupel nicht und sind schnell zum Du bereit. Aber die damaligen Standesunterscheide erlaubten dergleichen Verwilderung der Sitten nicht. Am 12. Dezember 1781 schreibt sie wieder unerwarteterweise Sie und Ihnen. Goethe ist empört!:

Charlotte:

Wie hoffte ich auf deinen Brief, ich mach ihn auf, und die I h n e n !, er mag nun erst liegen, ich muss  d i c h  erst aus diesen  I h n e n  wieder übersetzen. Indes die andere Seite trocknet – die Tinte – , hab ich deinen Brief durchkorrigiert und alle  I h n e n  weggestrichen. Nun wird es erst ein Brief. Verzeih, dass ich die Kleinigkeit zu etwas mache. […] Lass zum letzten Mal sein und verzeih.

Peter:

Charlotte gehorchte und schrieb wieder Du. Sie mit Du ansprechen zu dürfen, das war für den bürgerlichen Goethe – der übrigens seine Eltern zeitlebens gesiezt hat – das war auch ein Sieg über den Ehemann und die ganze höfische Aristokratie.

Die Liebe konnte nicht ewig halten, so sehr sich Charlotte von Stein auch auch darum bemühte, den Idealfall über Jahrzehnte zu exerzieren. Goethe nannte diese Liebe denn auch einmal „die anhaltende Resignation“. Er sehnte sich nach Kindern und also auch nach deren Zeugung. Zuweilen übernachtete Charlottes jüngster Sohn Fritz bei ihm. So auch in der Silvesternacht 1778 auf 1779. Fritz ist acht Jahre alt. Der falsche Vater schreibt an die Mutter:

Charlotte:

Fritz hat mich vor vieren geweckt und das neue Jahr herbeigegäckelt.

Peter:

Und Mitte Januar schreibt er:

Charlotte:

Dank lieber Engel für Frizzen. Der Umgang mit Kindern macht mich jung und froh.

Ich habe Sie in Frizzen aufs herzlichste umarmt.

Peter:

Und eine Weile hat der zwölfjährige Fritz regelrecht bei Goethe gewohnt und ist mit ihm auf Reisen gegangen.

Charlotte:

Meine Liebste, ich habe mich auf der Reise immer mit dir unterhalten und dir in deinem Knaben Gutes und Liebes erzeigt. Ich habe ihn gewärmt und weich gelegt, mich an ihm ergötzt und seiner Bildung nachgedacht.

Peter:

Hier ganz besonders scheint mir das Wort Homosexualität ein viel zu schnelles und falsches Wort. Goethe ist ganz gewiss kein solcher Verführer. Bleiben wir dabei und reden wir weiterhin von Liebe!

1782 wird Goethe in den Adelsstand erhoben. Seitdem erschien auch Herzogin Louise gelegentlich an seiner Tafel. Damit ist ein Wunschtraum in Erfüllung gegangen, genauer: Goethe hatte als Jüngling die Vorstellung, das illegitime Kind eines Aristokraten zu sein. Randbemerkung: Auch Rainer Maria Rilke träumte zeitlebens davon, von adeliger Geburt zu sein. Goethe ist nun zum Wirklichen Geheimen Rat ernannt worden und hat seine vielen Amtsgeschäfte sehr ernst genommen. Er wurde schließlich der Finanzminister des Herzogtums, Finanzminister mit allen Rechten und Pflichten und Verantwortlichkeiten. Es stand nicht gut um die Finanzen des Landes. Er schafft viel, wenn auch weniger als er wollte.

Weitere Geschäfte, außer dem Finanzministerium: Rund 500 Sitzungen des Geheimen Rates, rund 23.000 Akten durchgearbeitet und erledigt. Nur die Sache mit den Ruhlaer Rauchhühnern kam nicht voran. Kennen Sie nicht? Hören Sie, womit sich unser großer Goethe rumschlagen musste: Ruhlaer Rauchhühner, das war eine Naturalsteuer in Form von Hühnern aus dem Städtchen Ruhla und ihre Bewertung in Geld. Es ging um lächerliche Beträge: 3 Taler, 23 Groschen und 10 Pfennige; das dazugehörige Aktenbündel schwoll auf 200 Seiten an, – 200 Seiten.

Goethen unterstehen die Bergwerks- und Kriegskommission, er erarbeitet Vorschriften zur Brandversicherung und Feuerverhütung – Abschaffung der Strohdächer, er greift bei Löscharbeiten kräftig zu, er ist verantwortlich für Wege- und Wasserbau. Schwer zu ertragen ist es, dass das Todesurteil gegen eine Kindsmörderin auch die Unterschrift des Geheimrats von Goethe trägt. Er hat Wetterberichte geschrieben und Rekruten ausgehoben. Er nennt es –

Charlotte:

– ein unangenehmes, verhasstes und schamvolles Geschäft.

Peter:

Er hat dabei auf dem Tisch das Manuskript seines Schauspiels IPHIGENIE, an dem er augenblicksweise arbeitet. Und dabei wird ihm doch klar, dass er mit seinem dichterischen Pfunde zu wenig gewuchert hat. Von einer solche Rekrutenaushebung im thüringischen Buttstädt schreibt er am 8. März 1779 an seinen Herzog:

Charlotte:

Indes die Purschen gemessen und besichtigt werden, will ich Ihnen ein paar Worte schreiben. Übrigens lasse ich mir von Allerlei erzählen, und alsdenn steig ich in meine alte Burg der Poesie und koche an meinem Töchtergen, –

Peter:

Das Töchtergen heißt Iphigenie, die erste, die Prosafassung des Dramas, die Versfassung entsteht erst in Rom.

Charlotte:

– Bei dieser Gelegenheit sehe ich doch auch, dass ich diese gute Gabe der Himmlischen ein wenig zu kavalier behandle –

Peter:

… „kavalier“ kleingeschrieben als Eigenschaftswort habe ich vergebens in allen Wörterbüchern gesucht. Es soll wohl heißen, dass er mit seiner dichterischen Begabung zu ritterlich, zu höflich umgeht, da sie doch vom Autor alle Leidenschaft und Konzentration einfordert.

Charlotte:

– diese gute Gabe der Himmlischen zu kavalier behandle und ich habe wirklich Zeit, wieder häuslicher mit meinem Talent zu werden, wenn ich noch etwas hervorbringen will-

Peter:

Goethe hat die herzogliche Armee von 571 Mann reduziert auf 323 Mann, alles mit vollem Einsatz, so dass er im Tagebuch stöhnt:

Charlotte:

Es weiß kein Mensch, was ich tue und mit wie vielen Feinden ich kämpfe, um das Wenige hervorzubringen. Bei meinem Streben und Streiten und Bemühen bitte ich euch nicht zu lachen – zuschauende Götter.

Peter:

An anderer Stelle spricht er etwas derber vom „Scheißigen“ der Weimarer Verhältnisse. Goethe schafft es als Finanzminister den Höflingen ein beachtliches Privileg zu streichen: sie können nicht mehr damit rechnen, bei Hofe verköstigt zu werden, die täglichen Mahlzeiten bei Hofe einzunehmen. Das spart Geld aus der mager gefüllten Staatsschatulle. Nun speist auch Oberstallmeister von Stein viel öfter bei Charlotten und beschneidet so die Zeit, die Goethe mit ihr allein zubringen könnte.

Ist da vielleicht ein bisschen Absicht dabei? Ein ganz kleines Bisschen? Die Freundschaft und Liebe der beiden franst aus, leiert über weite Strecken in Routinen, Goethe will wieder dichten. Charlotte hat unendlich viel für ihn getan, seine Muse war sie nicht! Die literarische Produktion hat in den ersten zehn Weimarer Jahren gelitten. Charlotte hat ihn nicht in den Sack gesteckt, aber fest ins Geschirr genommen. Das ist wohl abgearbeitet.

Zauberwort – Zauberort: Italien.

 

Hier gehts weiter: Goethe wie er nie im Schulbuch stand – Teil 2

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