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EINE LEHRTE IHN GANZ, WAS LIEBE SEI…

Hölderlin in der Schule der Diotima

Charlotte und Peter Podehl auf Spurensuche

Teil 2

 

Peter:

Die Trennung kam von außen, unverhofft und äußerst schmerzhaft, einem Mord sicher sehr ähnlich. 26. Oktober 1798, Auftritt Ehemann Gontard, Nachfahr königlicher französischer Kaufleute, der es für weit unter seiner Würde hielt, eifersüchtig zu sein auf einen Bedienten. Der folgende Bericht stamm aus späterer Zeit, von einem Verwandten des Hauses Gontard verfasst und deshalb gewiss parteilich und mit leiser Vorsicht auf absolute Glaubwürdigkeit zu verstehen – dennoch: sicher nicht völlig anders hat es sich angespielt:

Charlotte:

Hölderlins Äußere war höchst einnehmend und hatte sonderbarerweise eine große Ähnlichkeit mit Susettes Bruder, was ihm um so leichter deren Vertrauen gewann.

Aber auch der neuen Haushälterin, einem hübschen, einer guten Familie angehörenden Mädchen, waren Hölderlins Vorzüge nicht unbemerkt geblieben. Sie mochte im Stillen den Plan entworfen haben, sich durch ihn möglicherweise zur künftigen Frau Magister erheben zu lassen, und richtete ihr Benehmen danach ein, diesem Ziele näher zu rücken. Davon ahnte jedoch der nur seiner Herrin ergebene junge Mann nichts, dessen ganzes Bestreben allein dahin ging, durch treue Pflichterfüllung das Vertrauen zu verdienen, mit dem Frau Susette ihm umso bereitwilliger entgegenkam, da ihr selbst ein gebildeter, lehrreicher  Umgang dringendes Bedürfnis war.

Herr Jacob Friedrich Gontard wusste es und hatte kein Arg dabei, dass Hölderlin seiner Frau Bücher brachte und ihr öfters das Beste der neuesten Erscheinungen vorlas. Er war gewohnt, jeden Abend im Club seine Partie zu spielen, und war zufrieden, seine Frau bis zu seiner Heimkehr angenehm unterhalten zu wissen.

Nicht so die Hausdame.

Peter:

Aperçu meiner Charlotte: Hölderlin war an der Dame des Hauses interessiert, und weniger an der Hausdame.

Charlotte:

Sie wusste es so einzurichten, dass sie dem Herrn Jacob Friedrich selbst die Tür öffnen musste, wenn er am Abend heimkehrte, und wenn er dann diese stereotype Frage: „Ist meine Frau zu Hause?“ an sie richtete, so wusste sie ihrer sich häufig wiederholenden Antwort: „Herr Hölderlin liest ihr vor“ nach und nach eine Betonung zu geben –

Peter:

Man muss sich das wie ein kleines Drama vorstellen: Erster Abend, sagen wir mal, Montag, fragt der Herr des Hauses: „Ist meine Frau zu Hause?“

Charlotte, sehr sachlich:

Herr Hölderlin liest ihr vor.

Peter:

Dienstag: – „Ist meine Frau zu Hause?“

Charlotte, leise anzüglich:

Herr Hölderlin liest ihr vor.

Peter:

Mittwoch: -„Ist meine Frau zu Hause?“

Charlotte, entschieden anzüglicher:

Herr Hölderlin liest ihr vor.

Peter:

Donnerstag und so weiter jedesmal dasselbe: „Ist meine Frau zu Hause?“

Charlotte, sehr anzüglich:

Herr Hölderlin liest ihr vor – nach und nach eine Betonung zu gegen, die endlich in einem Moment übler Geschäftslaune wie ein zündender Funke wirkte.

Mit dem nicht sowohl Eifersucht, als vielmehr beleidigten Stolz verratenden Ausrufe: „Sitzt denn der Mensch beständig bei meiner Frau!“ stürzte er in das Zimmer und auf Hölderlin zu. Ein jäher Zorn übermannte den jungen, sich schuldlos wissenden Dichter, und es würde zur ärgerlichsten Scene gekommen sein, hätte nicht ein Blick auf die erschrockene Herrin ihm seine ganze Fassung wiedergegeben. Rasch verließ er das Zimmer, packte seinen Koffer und kehrte noch in derselben Nach einem Hause und damit Verhältnissen den Rücken, die ihn umso höher beglückt hatten, je reiner er sich derselben bewusst sein konnte.

Peter:

Ein weiterer Satz ist irgendwo anders dokumentiert, ob ihn Gontard nun wirklich an jenem Abend sagte, ist nicht sicher: „Ne trouvez-vous pas, ma chère, que depuis quelche temps vous etes un peu familière avec les domestiques?“

Charlotte:

Finden Sie nicht, meine Liebe, dass Sie seit einger Zeit ein wenig zu vertraut sind mit den Domestiken?

Peter:

In Gegenwart des Domestiken Hölderlin ausgesprochen, war das eine Ohrfeige für Susette. Oder gar – Totschlag? … Wir werden sehen. Der ohnehin zum Jähzorn neigende Hölderlin war nur durch einen flehentlichen Blick seiner Geliebten zu besänftigen. Er ging – für immer, verließ noch mitten in der Nacht mit Sack und Pack das Haus.

Er hat nicht einmal seinen Vierteljahreslohn abgeholt, der drei Tage später fällig war.  Was der Herr Bankier Gontard dabei Abfälliges dachte, kann man sich vorstellen; fälliges  Geld holt man ab, wie auch immer. Den Stolz des Dichters vermochte er auf keinem Konto zu verbuchen.

Hölderlins Zögling Henry, inzwischen elf Jahre alt, ist entsetzt und schreibt ihm diesen überaus rührenden Brief:

Charlotte:

Lieber Hölder!

Ich halte es fast nicht aus, dass du fort bist. Ich war heute bei Herrn Hegel, dieser sagte, Du hättest es schon lange im Sinn gehabt, als ich wieder zurück ging begegnete ich Herrn Hänisch, welcher den Tag Deiner Abreise zu uns kam, und ein Buch suchte. Er fand es, ich war grade bei der Mutter, er fragte die Jette, wo Du wärest, die Jette sagte, Du wärest fort gegangen, er wolle eben auch zu Herrn Hegel gehen, und nach Dir fragen, er begleitete mich, und fragte, warum du fort gegangen wärst, und sagte, es schmerzte ihn recht sehr. Der Vater fragte bei Tische, wo Du wärst, ich sagte, Du seist fort gegangen und Du ließest Dich ihm noch empfehlen. Die Mutter ist gesund, und lässt dich noch vielmals grüßen, und Du möchtest doch recht oft an uns denken. Sie hat mein Bett in die Balkonstube stellen lassen und will alles, was Du uns gelernt hast, wieder mit uns durchgehen. Komm bald wieder bei uns, mein lieber Holder; bei wem sollen wir denn sonst lernen. Hier schick ich Dir noch Tabak. Und der Herr Hegel schickt dir hier das sechste Stück Posselts Annalen. Lebe wohl, lieber Hölder. Ich bin Dein Henri.

Peter:

Wenig später untersagt Gontard seinem Sohn jeglichen Umgang mit dem geflohenen, oder sollte man sagen: verjagten Lehrer.

Wir haben unsere Spurensuche mit zwei Zitaten aus Briefen von Susette an Hölderlin begonnen. 17 solcher Briefe Susettes sind erhalten. Sie gehören zu den schönsten Liebesbriefen in deutscher Sprache, alle geschrieben nach dieser gewaltsamen Trennung. Veröffentlicht wurden sie erst 1921, das ist mehr als 120 Jahre nach der Niederschrift.

Charlotte:

So lieben wie ich Dich, wird Dich nichts mehr, so lieben wie Du mich, wirst Du nicht mehr, (verzeih mir diesen eigennützigen Wunsch), aber verstocke Dein Herz nicht, tue ihm keine Gewalt an, was ich nicht haben kann, darf ich nicht neidisch vernichten wollen.

Peter:

Nach heutiger Flapsigkeit würde vielleicht mancher sagen: Die Frau klammert. Aber vielleicht sollte man sagen: Hier stellt eine wunderbare Frau den höchsten Anspruch an die Treue eines Mannes. Und wir werden sehen, dass Hölderlin diesem Anspruch gerecht geworden ist bis an sein Lebensende. Aber zunächst: Wie nun weiter? Eine Weile lebt Hölderlin in Homburg vor der Höhe, in der Nähe seines Freundes Isaac von Sinclair. Aber auch noch in einiger Nähe zu Susette in Frankfurt. Dort sehen sie einander, meistens donnerstags wandert Hölderlin hinüber, ins Konzert oder ins Theater, in dem dann auch Susette sitzt. Wie nahe sie einander noch gelegentlich kommen, lässt sich aus den vorliegenden Dokumenten nur schwer ermitteln. Homburg vor der Höhe, das heißt: vor, unterhalb des Feldberges im Taunus.  Dieser Feldberg, den Susette von ihrem Fenster in Frankfurt sehen kann, wird für sie zu einer Barriere, einem Hoffnungssignal: er möge den Geliebten aufhalten,  hindern, sich weiter weg zu begeben. Nach zwei Jahren teilt er ihr mit, dass er nach Stuttgart übersiedeln will. Da fragt sie in großer Liebesangst:

Charlotte:

Weiter gehst du doch nicht von mir? — Nie ganz? — Dahin kömmst Du immer wieder! Und auch wieder zu mir?

Peter:

Hölderlin konnte diesen Wunsch der Liebenden nicht erfüllen. Es folgen die Jahre der Unruhe, des Wanderns: Schweiz, Bordeaux, zum Leide Susettes immer weiter weg von Frankfurt, nach weit jenseits des Feldberges.

Viele Reisen oder doch lange Teile derselben macht Hölderlin zu Fuß. Nicht etwa, weil er das Geld für die Postkutsche nicht hätte. Einer seiner wenigen Sprachwitze steht in einem Brief an die Mutter.

Charlotte:

Ich habe mir denn doch einiges Geld zusammengehofmeistert.

Peter:

Mit Hölderlins Wandern hatte es eine andere Bewandtnis: Er dichtete im Gehen. Die meisten Schritte wurden ins Versmaß gebunden. Oder umgekehrt: das Vermaß in die Schritte gebunden.

Charlotte:

Die Sprache, die schreitet so tönenend…

Peter hat mit den Händen Schritte dazu markiert:

Die Sprache schreitet… Deshalb liebte er zeitlebens das Gehen so von Herzen wie das Dichten. Irgendwann, vor dem Aufbruch zu einer längeren Fußreise, schreibt er an die Mutter:

Charlotte:

Meinen Dornenstock habe ich vermutlich in Nürtingen. Sollte er sich finden, so bitt‘ ich gehorsamst, mir ihn zu schicken, weil er mir ein unentbehrliches Meuble ist.

Peter:

Der Wanderstock als Möbel, das ist deutlich genug. Der 18jährige Hölderlin wanderte 18 Stunden von Tübingen nach Heilbronn, um für wenige Stunden seine Geliebte Louise Nast zu besuchen, und 18 Stunden wieder zurück ins Tübinger Stift. Der erwachsene Hölderlin konnte acht Stunden am Stück wandern, also 40 bis 50 Kilometer, und das Tag für Tag.

Ein introvertierter Stubenhocker war dieser Dichter nie. Auch der angeblich wahnsinnig gewordene Poet hohen Alters im Tübinger Turm geht noch manchen Tag vier oder fünf Stunden, dazu steht er meist morgens um halb fünf Uhr auf. Aber der Alte geht nicht mehr weit. Warum nicht? Das hatte ausgenommen finanzielle Gründe. Vom König von Württemberg erhielt er seiner attestierten Gesiteskrankheit wegen ein jährliches sogenanntes Gratial, eine Zuwendung – denken Sie an das italienische ‚Grazie‘ für Danke oder an unser Reklamewort ‚gratis‘ – ein Gratial von 150 Gulden, eine nicht unbeachtliche Summe für –

Charlotte:

– den armen und unglücklichen Stipendiaten bis zu dessen Herstellung gnädigst verwilligt.

Peter:

Hätte er weitere Wanderungen unternommen, wäre er womöglich gesundgeschrieben worden, und das Gratial des Königs wäre den Neckar hinuntergeflossen.

Verzeihen Sie, liebe Zuhörer, dass wir da beim Plaudern über des Dichters Wanderpoetik oder sein Poesiewandern unversehens in den Tübinger Turm geraten sind. Was ist denn das für ein Turm? Des kranken Hölderlins Wohnstatt von 1807 bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843, 36 lange Jahre. Der Turm assoziiert keinesfalls Gefängnis, er steht nicht allein, ist ein Anbau am Hause des Schreinermeisters Zimmer.

Dieser Mann ist für den kranken Dichter – über die Frage, wie krank sein Geist wirklich war, werden wir gleich zu reden haben – das große Glück im großen lebensbeendenden Unglück. Hölderlin war sehr gut aufgehoben in Zimmers Haus. Der Handwerksmeister kümmerte sich rührend um ihn, später tat es die Tochter Lotte Zimmer, die ganz gewiss ein schöner stiller Eros an den Dichter band.

Charlotte:

Heilige Jungfer Loddl nannte er sie.

Peter:

Sie blieb unverheiratet und schrieb am Morgen nach Hölderlins Tod an dessen Bruder die seltsam anrührenden Worte:

Charlotte:

Ich nehme mir die Ehre, Ihnen die sehr traurige Botschaft zu erteilen von dem sanften Hinscheiden Ihres Geliebten Herrn Bruders. Die Bestürzung ist nun so groß, dass mirs übers weinen hinaus ist.

Peter:

Am Rande vermerkt: Wie viel Kultur des Wortes, des Ausdrucks bei der Tochter eines Schreinermeisters.

Viele Studenten, die im Laufe der vielen Jahre bei den Zimmers logierten, waren für Hölderlin gute Gesellschaft. Zimmer selbst berichtet:

Charlotte:

Hölderlin ist oft recht lustig, wenn einer meiner Hausherren einen Walzer spielt, so fängt er gleich zu tanzen an, auch witzig ist er oft noch, besonders ruhig war er auch dieses Frühjahr, jetzt kommt wieder seine goldene Zeit, wo er schon früh morgens um halb fünf aufstehen und spazieren gehen kann, für ihn ein wahrer Festgenuss.

Peter:

Wie krank war Hölderlins Geist? Bei der Beantwortung dieser Frage geraten wir geradewegs in eine Kriminalkomödie. Wir zitieren zunächst Hölderlins Waschfrau:

Charlotte:

Es blieben Hern Bübeletecarius
Mir zu zahlen vor die Wasch
9 hemter das Stück 1 bazen
1 west 1 bazen
5 bar Strempf das Stück 2 Kreuzer
Summa 17 bazen und 2 Kreuzer

Peter:

Hölderlins Waschfrau ist deshalb so wichtig, weil der Dichter einen sehr merkwürdigen Text auf die Rückseite dieser Wäscherechnung geschrieben hat:

Tende Strömfeld Simonetta
Teufen Amyklä Aveiro am Flusse Fouga
Die Familie Alencastro
Den Namen davon Amalasunta Antegon
Anathem Ardinghellus Sorbonne
Zölestin und Innozenzius haben die Rede
Unterbrochen und sie genannt
Den Pflanzengarten der Französischen Bischöfe –
Aloisia Sigea differenzia vitä urbanä et rusticä
Thermodon ein Fluss in Kappadozien
Valtelino Schönberg Skotus Schönberg Teneriffa
Sulaco Venafro Gegend des Olymp
Weissbrunn in Niederungarn
Samora Djakka Bakko Imperiali.
Genua Larissa in Syrien

Peter:

Irgendwelche Zweifel an Hölderlins Geisteskrankheit? Die hatte jedenfalls Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein nicht. Er rezensierte im Spiegel Nummer 4, Jahrgang 1979 ein dickes Buch des französischen Germanisten Pierre Bertaux, eines Hölderlin–Spezialisten, der weitreichende Zweifel an der echten Geisteskrankheit des Friedrich H. anmeldete. Viel von dem hier ausgebreiteten Material verdanke ich diesem Buch, das ein einzige Liebeserklärung an Hölderlin ist. Bertaux – übrigens ein enger Freund von Golo Mann – war zunächst sehr betroffen über diesen Text auf der Rückseite der Wäscherechnung, den Augstein ihm da um die Ohren haute. Aber dann erwachte der Detektiv in ihm. Eines Nachts stand er auf und griff sich einen Band eines alten Lexikon, das er besaß. Es war ihm nämlich aufgefallen, dass viele Wörter in diesem angeblichen Wortsalat mit dem gleichen Buchstaben anfangen:

Charlotte:

Amyklä, Aveiro am Flusse Fouga
Die Familie Alencastro…
Amalasuntha Antegon Anthem Ardinghellus

Peter:

Alle diese Wörter fand Bertaux bei seiner nächtlichen Lexikon-Lektüre. Wenig später stelle die Forschung fest, dass sie alle auch im damaligen deutschen Brockhaus standen – wörtlich! Er hieß damals nicht Brockhaus, sondern Allgemeines Lexikon, das stand in zwei Auflagen in der Hofbibliothek Homburg, deren Bibliothekar Hölderlin war. Er hatte also auf die Rückseite der Rechnung keineswegs ein Gedicht geschrieben, sondern Exzerpte aus dem Lexikon. Rudolf Augstein war ein fairer Verlierer und druckte Bertaux‘ Richtigstellung im Spiegel Nummer 8, Jahrgang 1979 ab.

Nichtsdestotrotz holt Professor Doktor Uwe Henrik Peters, Ordinarius für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Köln, Direktor der Universitätsnervenklinik, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie den ominösen Text drei Jahre nach der Richtigstellung im Spiegel, die ihm offenbar entgangen ist, wieder vor und schreibt in seinem 1982 erschienenen Buch HÖLDERLIN, WIDER DIE THESE VOM EDLEN SIMULANTEN nach einem Hinweis auf konfuse Texte anderer Geisteskranker:

Charlotte:

Auch von Hölderlin ist ‚Wortsalat‘ übermittelt. Man kann bei diesem Text nicht behaupten, dass man es mit einem verständlichen Stück Umgangssprache zu tun hat. Der Text hat keine grammatikalische Struktur, jedenfalls nur in kleinen Unterabschnitten.

Peter:

Diagnose des Professors: Schizophasie, zu deutsch: Sprachverwirrung. Im Klartext: Hölderlin macht beim Blättern im Lexikon Notizen auf der Rückseite einer Wäscherechnung. Der Psychiatrieprofessor hält diese Notizen für ein Gedicht und erklärt den Dichter für schizophasisch. So landet er 180 Jahre später ein zweites Mal mit posthum diagnostizierter Schizophasie in der geschlossenen Anstalt, bloß weil der Herr Professor nicht ausreichend und sorgfältig genug recherchiert hat.

Wir sollten vielleicht nicht hochmütig sein: Wer den Spiegel nur gelegentlich im Wartezimmer beim Arzt liest, hätte nach Augsteins Bericht nicht anders geurteilt. Nur, wer den Spiegel auch vier Wochen später gelesen hätte, wüsste die Wahrheit.

Der leibhaftige Hölderlin war 1806 in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden. Und es war die Hölle. Länger als ein halbes Jahr saß er in der Autenriethschen Klinik, Keimzelle der späteren Tübinger Universitätskliniken.

Man unterstellte damals, dass Onanie Geisteskrankheit hervorrufe oder einfach die Böswilligkeit des Patienten. Hölderlin war wohl der erste und einzige Patient, der als Geisteskranker in der erst kurz zuvor eröffneten Klinik behandelt wurde. Wir können uns diese Behandlung gar nicht schrecklich genug vorstellen: Isolation in einem engen, gefängnisartigen Raum ohne Möbel, Zwangsjacke, die Autenriethsche Maske, ein Horror-Lederungetüm, das den Kranken am Schreien hindern sollte, Medikationen höchst fragwürdiger Art mit sehr starken, der Tiermedizin entlehnten Mitteln. In dieser Hölle wurde Hölderlin, der gewiss in einem sehr desolaten Zustand eingeliefert worden war, endgültig krank gemacht, genauer gesagt: in den Zustand versetzt, der ihn für den Rest seines Lebens untauglich machte für die – in Anführungszeichen – normale Welt.

Hölderlin ist 36 Jahre alt. Drei Jahre vorher entsteht ein sehr schönes Gedicht: weite Liebe zum Herbst, Ahnung der Schmerzen, die der Winter bereiten wird:

Charlotte:

HÄLFTE DES LEBENS

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Peter:

Sind die kalten, sprachlosen Mauern Prophetie, Hinweis auf die Wände in der Isolation der Autenriethschen Klinik?

Die Einlieferung in diese Klinik ist ein Drama eigener Art, eine Kriminaltragödie. Hölderlin zog am Ende seines Wanderlebens, nach seinen Aufenthalten in der Schweiz, in Bordeaux, in Stuttgart und immer wieder bei der Mutter in Nürtigen, ein zweites Mal nach Homburg, wieder veranlasst durch seinen Freund Isaac von Sinclairs. Sinclair verschaffte ihm die Stelle eines Hofbibliothekars beim Landgrafen am hessisch-homburgschen Hofe.  (Sie erinnern sich, welchen Gebrauch er dabei von Allgemeinen Lexikon machte.)

Sinclair war im übrigen in eine ernsthafte Revolte gegen den württembergischen König verwickelt, und wurde eines Tages verhaftet. Da Hölderlin von der Revolte wusste und damit rechnen musste, dass man seinen Namen irgendwo aktenkundig und – wie es heute so schön heißt – erkennungsdienstlich erfasst hatte, schwebte er in dauernder Angst, ebenfalls wegen Hochverrats verhaftet und in der Festung Hohen Asperg eingekerkert zu werden, wie es seinem Dichterkollegen Daniel Schubart 11 Jahre lang widerfuhr.

Am Abend des 11. September 1806 schreibt die Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg, die den Dichter versehentlich Holtering nennt:

Charlotte:

Man hat heute früh den armen Holtering abtransportiert, um ihn seinen Eltern zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen. Holtering schrie, dass Häscher ihn entführen wollten, wehrte sich mit aller Kraft und zerkratzte diesem Mann mit seinen enorm langen Fingernägeln, dass er über und über blutig war.

Peter:

Da sind die wieder, die langen Fingernägel.

Charlotte:

Ihm stand vor Augen, wie im Vorjahr Sinclair nach Württemberg in die Haft abgeführt wurde. Dazu schrie er immer wieder: „Ich will kein Jakobiner sein! Fort mit allen Jakobinern!“

Peter:

Mit diesen Ausrufen wollte er sich  von jedem Verdacht, ein Staatsverschwörer zu sein, reinwaschen. Und noch etwas hat vermutlich seinen großen Zorn ausgelöst: er wurde mitten aus schwerer Übersetzungsarbeit an den Tragödien des Sophokles gerissen und musste sämtliche Papiere in Homburg zurücklassen, sicher ahnend, dass er sie nie wieder sehen würde. Wie es denn auch geschah. Solche Ohnmacht darf wohl solche Aggressivität ausgelöst haben.

Der Brief der Landgräfin wurde erst 1945 gefunden. Bis dahin galt andere, eine sehr viel mildere Schilderung von Hölderlins Verbringung in die Klinik. In einer frühen Biografie heißt es:

Charlotte:

Der Kranke wurde im Herbst 1806 von seinem Freund Isaac von Sinclair, unter dem Vorwande, dass er zu Tübingen einen Büchereinkauf zu machen habe, dorthin gebracht, und ließ sich den Aufenthalt in jener Heilanstalt geduldig vorschreiben.

Peter:

Welch liebenswürdige Schönung und Schonung. Solche Halbwahrheiten gibt es viele in der Biografie Hölderlins. Die Kriminaltragödie der Verbringung nach Tübingen hat noch ein Satyrspiel: Hölderlin wurde schon vorher ärztlicherseits Geisteskrankheit attestiert, um ihn vor der Verhaftung und einem hochnotpeinlichen Hochverratsprozess zu schützen! Den Auszug aus dem Gutachten des Dr. Müller darf man getrost als wohlmeinende Fälschung ansehen, um den armen Magister Hölderlin zu retten:

Charlotte:

Hochfürstliche, preiswürdige Regierung! Den mir gegebenen Auftrag, den Magister Hölderlin betreffend, kann ich nur einseitig befolgen. Denn ich war und bin nicht sein Arzt, und alles, was ich davon sagen kann, ist das: – Dass besagter Magister Hölderlin im Jahre 1799 schon, als er sich hier aufhielte, stark an Hypochondrie litte, die aber keinem Mittel wiche. Von der Zeit hörte ich nichts mehr von ihm bis im vergangenen Sommer, wo er wieder hierherkam, und mir gesagt wurde: „Hölderlin ist wieder hier, allein wahnsinnig.“ Seiner alten Hypochondrie eingedenk, wollte ich mich von der Wirklichkeit derselben überzeugen und suchte ihn zu sprechen. Wie erschrak ich aber, als ich den armen Menschen so zerrüttet fande, kein vernünftiges Wort war mit ihm zu sprechen, und er ohnausgesetzt in der heftigsten Bewegung. Meine Besuche wiederholte ich einigemale, fande den Kranken aber jedesmal schlimmer und seine Reden unverständlicher. Homburg vor der Höhe, den 9. April 1805.

Peter:

Das gefälschte, oder jedenfalls übertrieben abgefasste Gutachten hatte die gewünschte Wirkung: Die Fahndung nach dem des Hochverrats verdächtigen Dichter Friedrich Hölderlin wurde eingestellt.

Das erinnert an den amerikanischen Dichter unserer Tage, Ezra Pound, der im Zweiten Weltkrieg in Italien lebte und Mussolini großartig fand und dementsprechend gehässige und laute antiamerikanische Propaganda im italienischen Radio machte. Nach dem Sieg wurde er in den USA wegen Hochverrats angeklagt und entging nur deshalb der Todesstrafe, weil er 14 Jahre in einer geschlossenen New Yorker Anstalt verbrachte, wie ernsthaft geisteskrank er war oder nicht – sei dahingestellt.

Hölderlin konnte sehr jähzornig werden. Von der Heimkehr aus Bordeaux ins Elternhaus berichtet ein früher Biograf:

Charlotte:

In Nürtingen bei der Mutter angelangt, jagte Hölderlin sie und sämtliche Bewohner in der Raserei aus dem Hause.

Peter:

Ein anderer Biograf schreibt, dass Hölderlin –

Charlotte:

– im Zustand entschiedenen Wahnsinns im mütterlichen Hause erschien, dessen Bewohner er in seiner Rasserei alle vor die Tür hinausjagte.

Peter:

Da hat man wieder eine der halben Wahrheiten, wie sie bis zum heutigen Tag in schönen, meist pastellfarbenen Taschenbüchern (des Insel-Verlags) verbreitet werden. Nach den meisten Darstellungen liegt mit dem Rausschmiss der Familie ein deutliches frühes Zeichen von Hölderlins Wahnsinn vor. Aber er hat sie alle, vor allem die Mutter, nicht grundlos, und schon gar nicht, weil er wahnsinnig war, aus dem Haus gejagt, sondern weil er aufs tiefste verletzt und empört war durch eine Tatsache, die sein Neffe und Patenkind Fritz Breunlin erst fünfzig Jahre nach dem Vorfall notierte:

Charlotte:

Hölderlins Familie wusste von der Hölderlinschen Liebschaft in Frankfurt nichts; erst als die Mutter den von ihm von Frankreich vorausgeschickten Koffer öffnete, fand sie in einem geheimen Behälter desselben diese Briefschaften.

Peter:

Das sind die wunderbaren Liebesbriefe der Susette Gontard, die die Mutter da im Geheimfach erschnüffelt hat. Jetzt wird ihr klar, warum ihr Sohn kein Pfarrerstöchterchen heiraten und nicht selber Pfarrer werden wollte. Wir erinnern uns an ihr Gelübde als Braut, wie werde, wenn sie einen Jungen zur Welt bringt, dafür sorgen, dass er Geistlicher wird. Und nun stattdessen diese Liebschaft in Frankfurt!

Und diese Liebschaft, diese geliebte Susette Gontard ist tot, gestorben im Sommer 1802 an gebrochenem Herzen, wie die Diotima in Hölderlins Roman HYPERION es in einem ihrer Briefe an den Geliebten voraussagt:

Charlotte:

So ists mit deinem Mädchen geworden, Hyperion frage nicht, wie? Erkläre diesen Tod dir nicht! Wer solch ein Schicksal zu ergründen denkt, der flucht am Ende sich und allem, und doch hat keine Seele schuld daran.

Peter:

Dennoch: Hölderlin hat sich ein Leben lang schuldig gefühlt am Tode der Geliebten. Gewiss nicht im geringsten in einem juristischen Sinn. Was die Medizin betrifft: Susette kränkelte den Winter über an Schwindsucht und starb, weil sie sich an den Röteln ihrer Kinder angesteckt hatte. Heute würde man wohl von geschwächtem Abwehr- oder Immunsystem sprechen. Die Todesursache “Gebrochenes Herz” bleibt dennoch aufrecht. Sie schrieb schon früh, als sie noch Briefe wechselten und sie sich der unwiederbringlichen Vergangenheit erinnerte:

Charlotte:

Wenn dann so viel süßes himmlisches Gefühl wieder vor meinen Sinn kam, ward ich nachher so voll Sehnsucht, und ich meinte dann, wenn du nur da wärest, würde ich wohl wieder gesund sein … Ich fühlte es lebhaft, dass ohne dich mein Leben hinwelkt und langsam stirbt…

Peter:

Die biografischen Daten und Dokumente aus diesem Lebensabschnitt Hölderlins – Rückkehr aus Bordeaux, Susettes schwere Erkrankung, Heimkehr nach Nürtingen – fließen so spärlich, dass Pierre Bertaux die kühne Vermutung äußert, Hölderlin kann Susette auf dem Sterbebett ein letztes Mal gesehen und umarmt haben. Es gibt jedenfalls keine Dokumente, die deutlich dagegen sprächen.

Dann kommt er nach Hause und die enttäuschte Mutterseele hält ihrem 31jährigen Bübele die in einem Geheimfach des Koffers verwahrten und von ihr ans Licht gezerrten Liebesbriefe vor. Muss einer wahnsinnig sein, der in einer solchen Situation die ganze Sippschaft aus dem Hase jagt? Jähzornig von Natur, ja, gemütskrank ja, liebeskrank, ja, – aber doch nicht geisteskrank.

Aber die Mutter war nicht einsichtig, sondern blieb dabei: Sein Dichten war ihr seit jeher höchst suspekt erschienen. Sie hielt solche Arbeit für die Ursache, dass ihr Hölderle nun wahnsinnig geworden war. Sie selber veranlasste dann später den Abtransport aus Homburg und die Einlieferung in die Autenriethsche Klinik in Tübingen. – Wie ist Hölderlin eigentlich aus dieser Hölle wieder herausgekommen? Wir wissen, dass er für den Rest des Lebens beim Schreinermeister Zimmer landete. Der selbst berichtet darüber, viele Jahre später, rückblickend:

Charlotte:

Im Clinicum wurde es aber mit ihm noch schlimmer. Damals habe ich seinen HYPERION mit der Frau Hofbuchbinder Bliefers gelesen, welcher mir ungemein wohl gefiel. Ich besuchte Hölderlin im Clinicum, wo ich als Schreiner zu tun hatte und bedauerte ihn sehr, dass ein so schöner, herrlicher Geist zugrundegehen soll. Da im Clinicum mit Hölderlin nichts weiter zu machen war, so machte der Kanzler Autenrieth mir den Vorschlag, Hölderlin in mein Haus aufzunehmen, er wüsste kein passenderes Lokal, zumal er wohl kaum mehr als drei Jahre noch zu leben hat. Hölderlin war und ist noch ein großer Naturfreund und kann in seinem Zimmer das ganze Neckartal samt dem Steinacher Tal übersehen. Ich willigte ein und nahm ihn auf, jetzt ist es 30 Jahre, dass er bei mir ist.

Peter:

Ein drittes Mal sei von Hölderlins langen Fingernägeln die Rede. Aus der Zeit im Tübinger Turm berichtet ein Besucher:

Unanständigkeiten und Zynismus waren nie an ihm zu bemerken, er zeigte vielmehr überall das feinste Gefühl für Schicklichkeit und Anstand, nur zum Fingernägelschneiden muss man ihn wie ein eigensinniges Kind zwingen.

Peter:

Und wenn er ebenso eigensinnig darauf bestand, eine sehr lange Wanderung anzutreten, dann half nur List:

Charlotte:

Einmal kam es ihm plötzlich in den Sinn, nach Frankfurt zu gehen. Man nahm ihm nun die Stiefel weg, und das erzürnte den Herrn Bibliothekar dergestalt, dass er fünf Tage im Bette blieb.

Peter:

Hölderlin schottete sich gegen die Welt ab. Er ließ nicht mehr ohne weiteres mit sich reden. Er verbarg sich hinter dem Schirm der Geisteskrankheit und leistete Erinnerungsarbeit ohnegleichen, an der er niemanden teilnehmen ließ. Auch nicht späte Leser – vielleicht mit einer Ausnahme, auf die wir am Ende zurückkommen.  Wer mit ihm reden wollte, musste damit rechnen, dass er sich in Loddls Zimmer ans Klavier setzte und improvisierte. Noch am Tage seines Todes hat er am Nachmittag Klavier gespielt.

Es gibt auch ein Zeugnis von seinem gallebitteren, bissigen Witz. Ein gewisser Johann Georg Fischer berichtet:

Charlotte:

Sodann erinnerte ich ihn an seine Diotima. „Ach,“ sprach er, „reden Sie mir nicht von Diotima, das war ein Wesen! Und wissen Sie: dreizehn Söhne hat sie mir geboren, der eine ist Kaiser von Russland, der andere König von Spanien, der dritte Sultan und der vierte Papst und so weiter…“

Peter:

Zugang zu Diotima für alle Außenstehenden nur über solch grobe Ironie; Ironie als sicherer Schutzmantel.

Seine Handschrift blieb unverändert schön und regelmäßig bis an die Todesgrenze. Nur in den wenigen Briefen an die Mutter wirkt sie deutlich  deformiert: Er schreibt offensichtlich nur, weil Zimmer ihn dazu veranlasst hat.

Die Forschung spricht – und wir sind eigedenkt der erwähnten Halbwahrheiten – spricht von der zärtlich liebenden Mutter. Woher weiß man das? Es ist nur ein einziger Brief an den Sohn erhalten. Sie hat kaum jemals etwas von ihm gelesen und blieb überzeugt, dass das Dichten ihn krank gemacht hat, und er bei Erfüllung ihres Gelübdes ein bessere Leben gehabt hätte.

Die Reise von Nürtigen nach Tübingen zum Sohn im Turmzimmer hat sie in 21 Jahren bis zu ihrem Tode nicht ein einziges Mal unternommen. Es waren 28 Kilometer. Sie hätte an einem Tag hin- und herfahren können, auch in damaliger Zeit mit der Kutsche.

Berttina von Arnim, die aufmerksame, literaturbeflissene, romantische, zuweilen ihre Mitmenschen, aber ansonsten so herzenskluge Bettina hat Hölderlin nicht gekannt, aber mit großer Anteilnahme sein Werk gelesen und den schönen Satz ausgerufen:

Charlotte:

So wahr!, er muss die Sprache geküsst haben!

Peter:

Sie hat eine Woche lang intensiv mit dem Freund Isaac von Sinclair gesprochen und die Summe gezogen:

Charlotte:
Ja, wer mit Gräbern sich vermählt, der kann leicht wahnsinnig werden mit den Menschen.

Peter:

Wir sollten Bettina von Arnim zustimmen: Hölderlin hat im Turm eine Ehe im Geiste geführt mit der toten Susette, die im Roman Diotima hieß. Nach Lage der Dinge eine platonische Ehe, ein halbes Leben lang – halb in einem doppeldeutigen Sinne: desgleichen halb, weil ein Lebender mit einer Toten vermählt ist und Trauerarbeit leistet; und warum sollte man unerwähnt lassen, dass es auch eine Ehe ist ohne Widerrede und Widerspruch, stummer, verstummter Partner, unwiederruflich, unwiederbringlich – in dem Wort der ersterbende oder erstorbene Ruf -, ganz realistisch: keine Konflikte, kein Krach, Ärger, Verstimmung, auch keine Sexualität mehr, keine Kinder, keine Familie, worüber im HYPERION sinniert wird.

Der Roman lag immer aufgeschlagen auf dem Tisch des Zimmers im Turm. Wer auf dem Flur vorbeiging, hörte Hölderlin seitenlang daraus zitieren. Sätze vielleicht, wie diesen hier, dieses Bekenntnis in einem Brief des Hyperion:

Charlotte:

Mit mir ists aus; verleidet ist mir meine eigene Seele, weil ich ihrs vorwerfen muss, dass Diotima tot ist, und die Gedanken meiner Jugend, die ich groß geachtet, gelten mir nichts mehr. Haben sie doch meine Diotima mir vergiftet. Ich baue meinem Herzen ein Grab, damit es ruhen möge..

Peter:

Ein anderer Satz des Ich-Erzählers Hyperion lautet:

Charlotte:

Die Seeligen, wo Diotima nun ist, sprechen nicht viel. In meiner Nacht, in der Tiefe der Trauernden ist auch die Rede vom Ende.

Peter:

Oder als er aus dem letzten Brief der Diotima an Hyperion:

Charlotte:

Wenn ich auch zur Pflanze würde, wäre denn der Schaden groß? Ich werde sein. Wie sollte ich scheiden aus dem Bunde, der die Wesen alle verknüpft. Im Bunde der Natur ist Treue kein Traum. Wir trennen uns nur, um inniger einig zu sein, göttlicher friedlich zu sein mit allem, mit uns. Wir sterben, um zu leben.

Beständigkeit haben die Sterne gewählt. Wir stellen im Wechsel das Vollendete dar.

Peter:

Nun sind wir alle ein bisschen müde geworden, ein wenig angestrengt, Sie vom Zuhören, wir vom Wortbewegen. Dennoch muten wir uns ein letztes, recht langes Gedicht zu, das Hölderlin schrieb, als er schon 17 Jahre als der als wahnsinnig bezeichnete Dichter im Turm in Tübingen lebte.

Diese Gedicht wirkt an vielen Stellen sicher rätselhaft, auch unerwartet impressionistisch und modern. Hölderlin war mental gestört, ja, aber er war bei Troste. „Immer verschlossener Mensch mit finsterer Miene“, lässt er Diotima von sich selber sagen, und „In meinen Armen lebte der Jüngling auf“.

Auch über dieses Gedicht kursieren Halbwahrheiten. Es endet im Original unvollendet mit einem Komma, die Herausgeber setzen stattdessen gerne drei Punkte. Ein Nachfahr hat es gar betitelt und darüber geschrieben AN DIOTIMA. Offenbar hat er es nur sehr flüchtig gelesen, denn es ist gar nicht an sie gerichtet, sondern an ihn, an Hyperion oder an Friedrich Hölderlin. Der Dichter spricht mit der Stimme der Diotimas aus dem Jenseits zu ihm, zu sich, dem Einsamen im Turm, der von sich sagt:

Charlotte:

Ich lebe nicht mehr gerne…

Peter:

Hier das Gedicht, ohne Titel und ohne Ende:

Charlotte:

Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind,
Ich dir noch kennbar bin, die Vergangenheit,
O du Teilhaber meiner Leiden!
Einiges Gute bezeichnen dir kann,
So sage, wie erwartet die Freundin dich?
In jenen Gärten, da nach entsetzlicher
Und dunkler Zeit wir uns gefunden?
Hier an den Strömen der heilgen Urwelt.
Das muss ich sagen, einiges Gutes war
In deinen Blicken, als in den Fernen du
Dich einmal fröhlich umgesehen,
Immer verschlossener Mensch, mit finstrem
Aussehn. Wie flossen Stunden dahin, wie still
War meine Seele über der Wahrheit, dass
Ich so getrennt gewesen wäre?
Ja! ich gestand es, ich war die deine.
Wahrhaftig! wie du alles Bekannte mir
In mein Gedächtnis bringen und schreiben willst,
Mit Briefen, so ergeht es mir auch,
Dass ich Vergangenes alles sage.
Wars Frühling? war es Sommer? die Nachtigall
Mit süßem Liede lebte mit Vögeln, die
Nicht ferne waren im Gebüsche
Und mit Gerüchen umgaben Bäum’ uns.
Die klaren Gänge, niedres Gesträuch und Sand,
Auf dem wir traten, machten erfreulicher
Und lieblicher die Hyazinthe
Oder die Tulpe, Viole, Nelke.
Um Wänd und Mauern grünte der Efeu, grünt’
Ein selig Dunkel hoher Alleen. Oft
Des Abends, Morgens waren dort wir,
Redeten manches und sahn uns froh an.
In meinen Armen lebte der Jüngling auf,
Der, noch verlassen, aus den Gefilden kam,
Die er mir wies, mit einer Schwermut,
Aber die Namen der seltnen Orte
Und alles Schöne hatt’ er behalten, das
An seligen Gestaden, auch mir sehr wert,
Im heimatlichen Lande blühet
Oder verborgen, aus hoher Aussicht,
Allwo das Meer auch einer beschauen kann,
Doch keiner sein will. Nehme vorlieb, und denk
An die, die noch vergnügt ist, darum,
Weil der entzückende Tag uns anschien,
Der mit Geständnis oder der Hände Druck
Anhub, der uns vereinet. Ach! wehe mir!
Es waren schöne Tage. Aber
Traurige Dämmerung folgte nachher.
Du seiest so allein in der schönen Welt,
Behauptest du mir immer, Geliebter! das
Weißt aber du nicht,

Peter:

Lassen Sie uns enden mit dem Satz, mit dem wir angefangen habe, den der schwäbische Hauslehrer in Berlin über Hölderlin notierte und der unserer Spurensuche als Motto diente:

Charlotte:

Eine lehrte ihn ganz, was Liebe sei…

 

Hölderlin Teil 1

Peter Podehls Klappentext hierzu

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