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zurück zum Anfang des Märchenbuchs für Liebende

Für den Montag

Sehr geehrte Liebende!

Zunächst und zu allererst: Dieses Buch ist nicht von mir, sondern von meiner Geliebten und mir. Ich konnte dieses Märchen nur aufschreiben, weil ich einem Liebespaar angehöre. Ich bin also der Ihre. Ich hoffe, dass dieses Bekenntnis Ihr Vertrauen erweckt: Wir sind unter uns.

Ich finde, dass für uns Liebende entschieden zu wenig getan wird in dieser verkriesten, mehr oder weniger bewirtschafteten und durcheinanderen Welt. Man vernachlässigt uns überall. Selbst unsere legitimsten Abgeordneten im weiten Rund der Schreiber und Sprecher: die Dichter, die von der Liebe singen, sind kleinlaut und kleingläubig geworden.

Ich griff deshalb zur Selbsthilfe und schrieb die folgenden Märchen nieder, mit denen ich nun eine Woche lang jeden Abend zu Ihnen kommen möchte. Wenn es Ihnen recht ist.

Denn wir Liebenden müssen verbunden sein in unserer zusammenhaltlosen Welt und einander helfen. Wir sind die einzigen, die noch Märchen lesen, und die sollten wir austauschen. Dieser Aufgabe dienend, habe ich die folgenden Märchen uns gewidmet, – nicht Ihnen, denn ich bin – wie gesagt – der Ihre.

Für uns Liebende hat die Zeit der Katastrophen den sicheren Beweis erbracht, dass der Kern der Liebe wohl unzerstörbar ist, aber auch den beunruhigenden Beweis, dass die notwendige Hülle um diesen Kern herum leiden kann. Zur Festigung der Hülle, als Medizin sozusagen, aus dem Gefühl, dass wir Liebenden selbst die behandelnden Ärzte unserer angegriffenen Substanz sein müssen, mögen diese Märchen gelesen werden.

Setzen Sie sich bitte nebeneinander auf ein gemütliches Sofa unter das warme Licht einer Stehlampe oder auf eine harte Holzbank in einem schlecht erleuchteten Wartesaal oder sonst wohin, jedenfalls: nebeneinander. Ich würde vorschlagen, dass der Herr liest, dass er die Dame aber wegen der Zeichnungen hineinschauen lässt. So, können wir anfangen?

Also, das erste Märchen handelt davon, wie einer auszog

DAS

GUTE

UND

SCHÖNE

ZU

SUCHEN

 

Es war einmal ein sehr regnerischer Tag in einem Märchenfrühling. Leuchtend hob sich das satte Grün vom bedeckten Himmel ab, sangen die Vögel ihre Lieder, als gälte es heute dem Grün ebenso zu huldigen wie gestern und morgen dem Gold der Sonne. An diesem Tag wurde der Prinz zu seinem Vater gebeten.

Er trug ein himmelblaues Gewand mit weißen Borten und einem dunkelblauen breiten Gürtel, dazu Schuhe aus rosa Seid, die mit dunklem Braun vielfältig verziert waren. Auf dem schwarzen Haar saß eine turbanähnlich weiße Mütze mit einem kleinen Aquamarin. So gekleidet begab sich der Prinz zu seinem Vater.

Im Vorzimmer wartete er einige Minuten, denn der Vater verhandelte gerade mit einer Arbeitervertretung über die Errichtung eines Erholungsheimes für Arbeiterfrauen. Schließlich wurde der Prinz vorgelassen. Der König saß auf seinem Thron, vor dem, zum Zeichen, dass Regieren eine Arbeit ist, ein großer Schreibtisch stand.

“Hochverehrter Vater! Ihr habt mich rufen lassen.”

“Liebwerter Sohn. Du bist nunmehr in das Alter gekommen, wie du die Welt kennen lernen musst, damit du dir Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrung aneignen kannst, die du zum Königsein brauchst. Ich wollte dich eigentlich schon vor ein paar Jahren fortschicken, aber deine Mutter fand damals, du wärst noch viel zu jung. Nun aber zieh hinaus, geh in die Welt und lerne von den Menschen, den Dingen und vom Leben. Du hast sehr kluge Lehrer gehabt, Berühmtheiten. Aber eben weil sie so gelehrt und berühmt waren, kann ihre Lehre nur Stückwerk geblieben sein. Als König musst du Wissenschaft  u n d  Leben von Grund auf kennen. Die Wissenschaft liegt nun in dir, das Leben vor dir. Suche das Gute, sieh wie es wirkt in Natur und Menschen, wie es schafft und wandelt. Meide das Böse, sieh, wie es vernichtet und begräbt. All meine väterliche Liebe begleitet dich. Nun geh zu deiner Mutter. Sie wird dir auch noch etwas sagen wollen. Hast du noch einen Wunsch, liebwertester Sohn?”

“Hochgeschätzter Vater! Keinen, als dass meine Kräfte nicht versagen mögen, bis ich ein so weiser König werde wie du!”

“Falsch, mein Prinz! Du musst weiser werden, sonst steht die Welt still!”

Der Prinz ging zu seiner Mutter, die er mit Näharbeiten beschäftigt fand. Sie trug ein dunkelgelbes Kleid, blau und rot gemustert und mit ebenso großem Geschmack gefertigt, wie ihn das Gewand des Prinzen schon hatte erkennen lassen.

“Oh, Prinz!” begann sie. “Ich lasse dich sehr ungern ziehen. Ich finde, du bist noch viel zu jung. Aber Mütter fühlen wohl immer so. Noch wenn ich meine Enkel wiegen werde, wirst du mir viel zu klein zum Großsein vorkommen. Staunend werde ich dein erstes Gesetz lesen, und es wird mich viel Mühe kosten, zu begreifen, dass es von meinem kleinen Prinzen ist. Ja aber… Wie denkst du denn über die Welt, die da vor dir liegt?”

“Ich denke eigentlich gar nichts.” erwiderte der Prinz. “Ich ziehe ohne Vorurteile hinaus. Die Augen und Ohren offen und froh über alles, was mir begegnen wird.”

“Siehst du, wie viel zu jung du bist!” sagte die Königin besorgt. “Weißt du nichts von Gefahren?”

“Sie sind zum Überwinden da!” sagte der Prinz.

In der Ecke des Zimmers saß ein kleines verkrüppeltes Mädchen. Durch ihr Gebrechen von zu alter Seele, war sie, die als Gespielin des Prinzen einstmals in Schloss gekommen war, mehr und mehr zur Schwester und Gefährtin der Königin geworden. Sie hatte überaus geschickte Hände, die immer tätig waren. Wenn sie sprach, war es, als lese sie die Worte von einem Buch in ihrem Innern ab; meist arbeitete sie weiter und sah den Angesprochenen kaum an.

“Er hat recht, Königin!” sagte sie jetzt und leimte bedächtig an einer Puppenstube für eines der königlichen Waisenkinder weiter. “Bedenke, dass kein Mensch auf der weiten Welt so voll liebender und gut gemeinter Vorurteile ist wie die Mutter eines Sohnes. Sie wünscht ihn doch lieber in ihren Leib zurück als in die Welt hinaus, das Schöne zu suchen.”

“Ja, Kätzin, du hast Recht!” sagte die Königin. “Ich will dir, Prinz, deshalb auch sagen, was wichtig ist für deinen Weg und nicht immer an das denken, was mich beschäftigt.” Sie hob den Kopf und blickte, die Dinge offensichtlich überlegend, aus dem Fenster. Dann begann sie: “Vor allen Dingen, zieh dich warm genug an und nimm Taschentücher mit, für den Fall, dass du einmal einen Schnupfen bekommen solltest. Ach ja, dich mit einem Schnupfen in der Welt zu wissen…” seufzte sie. Tja, – und was sonst noch…?”

“Der Stein, Königin!” sagte die Kätzin.

“Ja, richtig! Das Wichtigste vergesse ich! Die Königin holte aus einem sehr tief und abseits liegenden Fach ihres vielfächrigen und weit verzweigten Nähtischchens einen Edelstein hervor; er sah aus wie ein Mondstein, trübe und geheimnisvoll.

“Dies ist kein Mondstein.” sagte sie. “Den gebe ich dir mit. Er wird klar und schön wie der lauterste Kristall. Wenn du in der Nähe deiner Frau bist. Du kannst also nie an schlechte Frauenzimmer geraten, wenn du immer diesen Stein zu Rate ziehst. Bitte, vergiss ihn nie! Auch wenn du einmal in sehr verlockende Augen blickst oder in sehr begehrenden Armen liegst. Überhaupt die Frauen…” sagte die Königin wiederum seufzend.

“Sie werden mir sehr viel Freude machen, glaube ich!” sagte der Prinz ein wenig verschämt, aber ehrlich neugierig.

“Glaubst du?” fragte die Königin. “Als du geboren wurdest, sagten die Magier und Sterndeuter, dass eine Fee deine Frau würde. Ich würde ja lieber eine ordentliche Prinzessin als Schwiegertochter in meine Arme schließen, aber wenn die Sterne es gesagt haben… Du kannst mir also ruhig auch eine Fee ins Haus bringen. Nun geh also, Prinz. Suche das Schöne und bewahre es, wenn und wo immer du es findest. Du brauchst es, wenn du glücklich werden willst.”

“Der Vater hat gesagt, ich soll vor allen Dingen das Gute suchen, damit ich König werden kann. Nun sprichst du vom Schönen…?”

“Das Große, Prinz!” sagte die Kätzin. “Die große Schönheit und die große Güte.”

“Das musst du alles suchen, liebenswerter Sohn.” sagte die Königin. “Das Böse brauchst du nicht zu suchen. Das findet sich von selbst und muss gemieden werden.”

So beginnt der Prinz in der Welt zu wandern. Viel gute Lehren und männliche Grundsätze im Kopf, Taschentücher in der rechten, den Kristall in der linken Hosentasche. Er denkt nicht nach über Dinge, die abseits liegen, nicht über den Sinn, der in der Scheckigkeit eines Katzenfells liegen mag, noch über die Armen, die am Wegesrand um milde Gaben betteln. Er streichelt die Katzen und gibt den Bittenden. Er sieht und hört die Dinge, und sein Gedächtnis ist gut.

Ein strahlender Frühlingstag hat eine Wiese sehr bunt gemacht und den Prinzen sehr müde. So legt er sich ins Gras, um zu schlafen.

In einer Baumkrone, unweit der Stelle, wo der Prinz eingeschlafen ist, webt eine Fee – weich, zerfließend, gestaltlos – an unsichtbaren, geheimnisvollen Schleiern, vom Duft der gelben Rose umgeben, die sie in sich trägt. Beim Knüpfen einer Masche am äußersten Rande des Schleiers erkennt sie den schlafenden Prinzen: das himmelblaue Gewand im Wiesengrün, die rosa mit Braun verzierten Schuhe, vom Blumenbunt fast verdeckt. Und sie gelangt zu ihm auf Feenweise: weich, zerfließend, gestaltlos, den Schleier hinter sich, die Rose in sich.

Da träumt der Prinz von einer gelben Rose, die von einem Baum durch die Luft zu ihm schwebt, der auf einer Frühlingswiese schwebt. Nun fällt die Rose auf sein Herz…

Tatsächlich hat sich die Rose aus der Fee gelöst und ist so auf den Prinzen gefallen, dass ein Dorn ihn ins Herz getroffen hat, und er erschrocken aufgewacht ist.

Die Welt scheint verändert; nur der Duft… Ein Duft wie von einer gelben Rose. Des Prinzen Hand tastet sich zum Herzen, wo er einen Dornenstich zu spüren meint. Aber die gelbe Traumrose blüht nicht auf dem himmelblauen Gewand. Nur der Duft …

Am Abend tanz er mit einem Mädchen. Sie ist ein wenig größer als er und kann so schön lachen und redet so dummes Zeug. Und der Prinz überlegt angestrengt, ob schönes Lachen wichtiger ist oder kluges Zeug. Sie ist sehr tanzwütig und lässt ihn nicht aus den Armen. Er kommt nicht dazu, den Kristall zu befragen.

“Wo beziehen Sie eigentlich das herrliche Rosenparfüm?” Sie schnuppert wie ein schönnasiges Kaninchen in der Luft.

“Ich bin nicht parfümiert!” antwortet der Prinz.

Das Mädchen verzieht den Mund und schmollt. Erst als der Prinz sich bereit erklärt, seinen gesamten Besitz offen vor ihr auszubreiten, lacht sie wieder so schön wie vorher. Der Prinz kramt also Taschentücher und Kristall hervor.

“Oh, wie schön!” ruft das Mädchen beim Anblick des trüben Kristalls. “Oh, wenn er durchsichtig wäre!”.

Erstaunt fragt der Prinz: “Wieso wollen Sie, dass er durchsichtig wäre?”

“Dann wäre er sicher noch schöner. Aber nein, mir genügt er auch so.”

“Mir nicht!” sagt der Prinz und verlässt ziemlich brüsk und traurig zugleich Tanzboden und Mädchen.

Bei einem fahrenden Buchhändler ersteht er ein Buch ‘Der Rosenjüngling’. Ganz nahe beim Buchwagen sitzt er auf einem Stein und liest. Es ist eines jener Bücher, die man sich nur antiquarisch bei fahrenden Buchhändlern erstehen kann: Man kann sich nicht vorstellen, dass sie jemals neu waren. Dunkle Andeutungen und geheimnisvolle Theorien wechseln ab mit mehr wissenschaftlichen Kapiteln, und zum Beschluss wird noch eine mehr edle als schöne Geschichte erzählt. Es gibt Rosenjünglinge, so heißt es in dem Buch, die von einer Fee mit einer gelben Rose beschenkt werden. Die Rose bleibt unsichtbar, ihr Duft aber strömt unaufhörlich. Bedacht mit einer solchen Rose, fühlt der Jüngling in sich die Verpflichtung, so gut zu leben, wie gelbe Ros und Duft schön sind. Der Prinz ist begeistert und allerbesten Willens.

Seine Begeisterung wird jedoch ein wenig gedämpft, als er lange wandern muss, ehe sich ihm die erste Gelegenheit bietet, Gutes zu tun. Ja, es kostet bei allem guten Willen Mühe und Einsatz, die Gelegenheit überhaupt aufzufinden. Und oft bleibt nichts als bittere Enttäuschung, wenn es einzusehen gilt, dass auch die Kräfte eines Prinzen nicht ausreichen, um wirklich zu helfen. Im weiteren Verlauf seiner Güte spendenden Wanderung stimmt es den Prinzen nachdenklich, dass seine Hilfe immer wieder vergolten wird, dass die Kette des Guten ebenso wenig abreißt, die die des Bösen, wenn sie auch vielleicht dem lauen Auge unsichtbar bleibt. Und wieder sollte sich diese Wahrheit bestätigen, als er das Mädchen an der Friedhofsmauer lehnen sah.

Die Gleichaltrigen gingen tanzen und kümmerten sich kaum um sie. Der Prinz hatte das Gefühl, er würde ihr gut tun, wenn er mit ihr spräche. So unterbrach er seinen Gang zum Waldsee und richtet ein paar freundliche Worte an sie. Misstrauisch und spröde waren zunächst die Entgegnungen, aber nach wenigen Worten schien ein Damm zu brechen, und eine sehr angeregte Unterhaltung begann. Stundenlang standen sie an der kalkweißen Mauer in der prallen Sonne, – das Mädchen nahm kaum die Hände hinter dem Rücken hervor; sie sprachen von Sternen und Farben, Gedichten und Menschen. Die Sonne stand schon tief, als sie mit einem Händedruck auseinander gingen.

Wenig später erfährt der Prinz, dass ein Waldbrand ausgebrochen ist, in dessen Zentrum etwa der Waldsee liegt. Der Prinz hätte den See noch vor Ausbruch des Brandes erreicht, wenn er nicht so lange mit dem Mädchen an der Friedhofsmauer über Sterne, Farben und was sonst zum Leben gehört, gesprochen hätte. Er stünde jetzt rettungslos inmitten der Flammen…

Obgleich anzunehmen war, dass die gepriesene Schönheit des Waldsees durch das Feuer sehr beeinträchtigt sein würde, wollte der Prinz, nachdem das Feuer in der Nacht zum Erliegen gebracht worden war, ihn dennoch sehen. Er bereute diesen Entschluss bald. Es war ein hässlicher Weg. Die Gedanken wurden trübe inmitten der schwarzen Baumgerippe; die verbrannte Luft reizte die Kehle und biss in die Augen. Kein Vogel sang, kein Mensch begegnete ihm. Plötzlich lag der Waldsee tief smaragdgrün in der Mulde vor ihm. Mitten drin, auf schwankenden Pfählen ruhend, der Rest eines abgebrannten Landungssteges aus Holz.

Darauf saß ein Knabe, ganz still. Er starrte unverwandt auf ein Kaninchen, das von Zeit zu Zeit mit einem kleinen Sprung seinen Platz wechselte. Neben dem Jüngling lag ein Einkaufsnetz mit einigen wenigen grün schimmernden Blättern.

Plötzlich bewegt sich der Knabe. Aus einer Hosentasche holt er ein Taschenmesser, klappt es auf und hält es in der rechten Hand. Mit der linken versucht er, das Kaninchen bei den Löffeln zu packen, offensichtlich, um es zu töten. Aber das Kaninchen weicht ihm so behände aus, dass er es nicht zu greifen bekommt. Der Junge zögert, überlegt; irre, vom Hunger getrieben, jagen die Gedanken durch den Kopf. Dann legt er das Messer auf den Boden und öffnet das Netz. Mit einem Blatt versucht er, das Kaninchen zu locken. Es kommt auch sofort zutraulich angesprungen, butzt mit dem Kopf an des Knaben Knie und isst von dem ihm dargebotenen Blatt. Der Knabe greift schnell nach dem Messer, hebt es, – und er lässt es nach einer kleinen Weile wieder sinken. Das Kaninchen verfolgt kauend und ohne Argwohn jede Bewegung des Jungen. Der klappt nun das Messer zu, steckt es ein und beginnt, mit dem Kaninchen die wenigen Blätter zuteilen.

Mit einem lauten Ruf rennt nun der Prinz den Berg hinunter zum See, fertigt aus verkohlten Stämmen und Ästen ein halbwegs sicheres Floß und rettet damit Knaben und Tier. Er geleitet sie durch den Wald nach Hause. Der Junge ist der Bruder des Mädchens an der Friedhofsmauer.

Das himmelblaue Gewand hat etwas gelitten und die rosa Schuhe haben auch einige schwarze Verzierungen, vom Ruß. Die überglückliche Mutter des Geretteten lässt den Prinzen nicht ziehen, ohne die Sachen gereinigt zu haben. Sie gibt ihm die groben Kleider eines Arbeiterjungen, die der Prinz, etwas verwundert an sich herabblickend, mit den eigenen vertauscht. Dann setzt sie ihn auf die Andeutung einer Veranda, den Sonnen- und Luftfang einer kleinen Arbeiterwohnung, und schickt ihm die Tochter zur Unterhaltung.

“Warum haben Sie mich eigentlich gestern angesprochen?” fragt sie plötzlich mitten im Gespräch.

“Ich will ehrlich sein: Sie taten mir leid! Sie standen so verlassen an der Mauer”.

“Und heute? Tue ich Ihnen heute noch leid?”

Er erwidert: “Nach wenigen Worten habe ich gestern schon erkannt, wie unbegründet mein Mitleid war.”

“Und nun?” fragte sie zögernd. “Wurde das Mitleid ersetzt, oder ist die Stelle leer geblieben?”

“Wieso?” sagt der Prinz ausweichend und irritiert.

“Nichts. Ich habe eigentlich doch mit jemandem so gesprochen.”

Und er: “Waren Sie denn nie verliebt?”

Erschrocken hebt sie den Kopf. “Sie fragen sehr unvermittelt.”

“Verzeihen Sie! Antworten Sie bitte nicht!”

Sie schweigen. Der Prinz versucht, sich über seine Gefühle zu dem Mädchen klar zu werden. Eigentlich hat er gar keine wirkliche Beziehung zu ihr, aber er möchte sie küssen. Dabei hat er das Empfinden, als ob das Gespräch an der Friedhofsmauer fortsetzungslos hätte bleiben sollen.

Da erscheint die Mutter mit dem trüben Kristall in der Hand. “Hier, das fand ich in Ihren Sachen. Und eine Menge Taschentücher, die wasche ich gleich mit,” sagt sie und geht gleich wieder.

“Oh, zeigen Sie den Kristall!” ruft das Mädchen. “Wie schön, wie er die Farben bricht.” Sie lacht. “Ich glaube, ich habe nie einen so klaren Kristall gesehen.”

“So?” sagt der Prinz. “Ja…” Er schaut auf den Kristall, der trübe bleibt in seiner Hand, mit seinen Augen.

Der Familienvater kommt aus der Fabrik, und man setzt sich zum Essen. Der Vater spricht viel während der Mahlzeit, kaum allerdings von der Rettung des Sohnes.

“Ja, da leben wir nun im Märchenland und sind trotzdem nicht wirklich glücklich. Manchmal zweifle ich, ob ein Arbeiter überhaupt wirklich glücklich werden kann.”

Der Prinz will etwas sagen.

“Ich weiß, was Sie sagen wollen!” sagt der Familienvater. “Natürlich, Sie haben Recht. Wir haben einen guten König und gute Gesetze. Das finde ich auch. Es ist ja gewiss auch sehr schwierig und es wird das Märchenmöglichste getan und doch…”

Wieder will der Prinz etwas sagen.

Wieder lässt der Mann ihn nicht zu Worte kommen: “Ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber glauben Sie denn wirklich, dass zum Beispiel so ein Erholungsheim gleich alle Nöte auffrisst? Wissen Sie, dass auf ein königliches Waisenkind, dem es gut geht, zwanzig gewöhnliche Waisenkinder kommen, die der Willkür ihrer Erzieher ausgeliefert sind? Das wissen Die natürlich nicht, die zufrieden in der Abendzeitung lesen, dass wieder ein Erholungsheim eröffnet wurde, für dessen Errichtung sie gespendet haben. Ich will gar nicht anklagen und schimpfen. Es ist alles – wie gesagt – sehr schwierig. Die Not bleibt und die ewig ums Geld kreisenden Gedanken.”

Noch einmal macht der Prinz den Versuch, etwas einzuwenden.

“Ich weiß, was Sie sagen wollen. Alles, was Sie nämlich sagen können, sind Worte. Wir brauchen Taten. Das ist es, was ich glaube. Nicht wahr? Und jetzt muss ich noch in eine Versammlung. Wiedersehen!”. Er legt die Gabel auf den leeren Teller erhebt sich und geht.

“Sie müssen nicht böse sein!” sagt die Mutter lächelnd. “Aber wir haben es wirklich nicht leicht.”

Der Prinz kann keine rechte Ruhe finden, als er später in dem harten Arbeiterbett liegt. Nicht wegen der Härte, sondern wegen des Mädchens. Immer wieder schaut er auf den Stein; er schüttelt ihn, drückt daran herum, bearbeitet ihn wie eine kaputte Uhr. Aber der Stein bleibt unverändert trübe. Schließlich löscht der Prinz das Licht und schaut in die Dunkelheit. Ab und zu hört er einen Tropfen aus den auf der Veranda hängenden prinzlichen Kleidern fallen. Er beschließt, am nächsten Morgen einsam weiterzuwandern, das Gute und Schöne zu suchen.

Er lernt und wird geschickter mit jedem Tag. Er hilft einem Schmied, ein widerspenstiges Pferd beschlagen. Er hilft einer Frau, die plötzlich in die Wehen kommt, bei der Geburt eines Mädchens und wird so Zeuge dieses größten sichtbaren Mysteriums. Wie selbstverständlich kommt er gerade immer dahin, wo man die Hilfe braucht, die er zu spenden vermag. Und wenn sie nur einem Kind gilt, dem er mit einem Fingerzeig aus der Not der Schularbeiten hilft oder beim Schuhzubinden. Manchmal gehen ihm noch die Reden des Arbeiters durch den Kopf. Oft ist er einsam. Und oft wird der Kristall befragt, aber immer bleibt er trübe.

“Haben Sie nichts zu verkaufen?” fragt ihn einmal ein Mann, als er eben den trüben Kristall wieder in die Tasche stecken will.

“Wieso?”

“Weil Sie es dann verkaufen könnten. Ich brauche Geld. Ich bin kein Bettler! Das Tägliche habe ich, aber meine Frau hat morgen Geburtstag und ich habe kein Geld übrig, um ihr ein Geschenk zu kaufen.”

Des Mannes sonderbar offene Art rührt den Prinzen. Er holt unschlüssig den Kristall aus der Tasche, dreht ihn zwischen den Fingern.

“Mir ist mit ganz wenig gedient. Meine Frau ist bescheiden.” sagt der Mann eifrig. “Da drüben wohnt ein Händler, der so etwas kauft.”

Da bekommt die Fee einen Schreck. Ihr weiches, zerfließendes Wesen hat nämlich im Laufe der Wanderung des Prinzen immer mehr Gestalt angenommen. Mit jedem Schlag auf des widerspenstigen Pferdes Huf wuchs ihr ein Fingernagel, bei der Geburt des Kindes formte sich ihr Schoß. Noch ist sie unsichtbar. Aber so weit hat sie schon Empfindungen, dass sie Angst bekommen kann, als der Prinz den Kristall unschlüssig zwischen den Fingern dreht. Und zum ersten Mal kriecht die Angst über ihre junge Seele, als der Prinz dem Mann in den kleinen Kramladen folgt.

Der Händler nimmt den Kristall in die Hand, betrachtet ihn aufmerksam und gibt ihn dann mitleidig lächelnd und Kopf schüttelnd zurück. Auf des Prinzen etwas gereizte Erklärung über die Wundertätigkeit des Kristalls sagt er nur geringschätzig:

“Märchen!”

Dann deutet er auf den Aquamarin an der Mütze des Prinzen, und bald werden sie handelseinig. Der Geburtstag der unbekannten, bescheidenen Frau verspricht sehr froh zu werden.

Die Fee atmet erleichtert auf, denn sie hat schon eine Lunge, und geleitet nun den Prinzen zum Leuchtermacher.

Der Weg zum Leuchtermacher ist zunächst bitter. Der Prinz muss durch viel Armut und Elend, viel trostlose Ausweglosigkeit gehen. Er sieht Krankheiten, die aus Hunger entstanden sind, und die der Hunger nicht heilen wird. Er sieht Ehen sich lösen, weil der Mann und die Frau alle Kräfte der Arbeit zuwenden müssen und keine Kräfte mehr für einander übrig haben. Er sieht, dass der Alltag für viele Menschen nur Kampf ist, nichts anderes. Er hilft, wo er kann, aber mit jedem Schrei, den er endet, hört er viele neue. Er sieht die Bosheit in den Menschen und kann nicht erkennen: Macht das Elend sie böse oder macht die Bosheit sie elend?

Er findet keinen Freund, keinen Gefährten. Und der Kristall bleibt trübe. Der Prinz wird trauriger mit jeder guten Tat, die er vollbringt. Und manchmal beginnt er zu zweifeln an der Kette des Guten. Ihm ist, als tropften seine Tränen auf heißes Gebirge von härtestem Stein.

Nach einem grauen Tag verlässt er eine trostlose Fabrikstadt durch die Rosenjünglingsstraße. Ein Regenbogen biegt sich in ferner Schönheit über sanfte, bewaldete Hügel. Ein unwiderstehliches Verlangen, von diesen Farben auf seinem himmelblauen Gewand zu spüren, lenkt des Prinzen Schritt zu den Hügeln, die matter werden in der Dämmerung des verblassenden Tages, mit der Wärme ihrer letzten Strahlen sendet die Sonne den Prinzen in seine Lichtnacht. Sie sinkt in der Gewissheit, dass ihre erste Wärme am kommenden Morgen den lichtnachtdurchwachten Prinzen strahlend empfangen wird. Der Prinz betritt den Wald. Der Boden duftet von dem Regen, der des Bogens Anlass war.

Zuerst sah der Prinz nur ein einziges Glühwürmchen, zu dem er allerdings sofort eine merkwürdig vertrauliche Beziehung fühlte, wie sie sonst zwischen Prinzen und Glühwürmchen nicht üblich war. Dann wurden es immer mehr, und alle schienen ihm verwandt. Alle Sterne, die es nur irgendwie mit den Gesetzen ihrer Laufbahn vereinen konnten, leuchteten dem Prinzen in dieser Nacht. Und der Mond schien eigens aufzusteigen, damit der Prinz den Wurzeln aus dem Weg gehen könnte. Weiter entfernt, zu beiden Seiten des Weges, den der Prinz mit allem Licht gewiesen wurde, zogen kleine Wesen, lustige Lampionträger ihre Bahn und sangen Lieder vom Rosenjüngling. Ab und zu brannte ein Lagerfeuer am Wegesrand, das eifrige unsichtbare Geister zu schüren schienen. Am fernen Himmel leuchtete in regelmäßigen Abständen ein weicher Blitz auf von zarter, sattgelber Farbe; langsam und wohltuend zog er wie richtungweisend immer wieder seine Bahn. Und die gelbe Rose duftete wie nie zuvor.

Der Blitz wurde deutlicher, als das erste Grau die nachtschwarzen Blätter wieder grün zu färben begann. Die Sonne schickte sich an, den Prinzen aus seiner Lichtnacht zu holen. Die Lagerfeuer verglommen, das Lied der kleinen Wesen wurde leiser und leiser und ihre Lampions verloschen. Das Licht der Sterne und die Glühwürmchen erkannte man nicht mehr gegen den sich erhellenden Himmel. Der Prinz fand sich auf einen Weg geleitet, der von sich wiegenden Sonnenblumen begrenzt war. Angefüllt von den Lichterlebnissen der Nacht sah er die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne auf das weiße Haus fallen, dessen Schild besagte, dass hier der Leuchtermacher wohne.

In seiner Werkstatt hieß ihn der Leuchtermacher herzlich willkommen. Die Werkstatt zeigte eine bewundernswerte Klarheit und Ordnung. Der Prinz ging umher und besah mit Freude Geräte und Werkzeuge, begonnene und fertige Leuchter, Zeichnungen und Kerzen.

“Rosenjüngling!” sagte der Leuchtermacher und sah dem Umherwandernden nach. “Sieh dir alles an. Liebe ist Voraussetzung. Liebe zu den Dingen, mit denen wir schaffen. Ich liebe diesen Holzklotz und dieses Messer, weil ich beide in die Hand nehmen werde, um einen Leuchter zu fertigen. Ich liebe den Kreis dieser Drehscheibe, diesen Schleifstein.”

“Aber was soll ich lieben?” fragte der Prinz. “Ich bin ein Prinz und soll ein König werden!”

“Meine Freude ist sehr groß, dass auch einmal ein Prinz zum Rosenjüngling gemacht wurde und den Weg zu mir gefunden hat. Oh, es ist hochbedeutsam. Du machst mich glücklich. Einem Königologiestudenten wollte ich meine Werkstatt schon lange einmal zeigen; meine Lehren warten auf dich.”

Der Prinz blieb, liebend umsorgt, dankbar für jedes Wort des Leuchtermachers. Sein neuer Lehrer sprach immer nebenbei, ähnlich wie die Kätzin. Bei der Arbeit, beim Obstpflücken oder wenn sie ein Gewitter betrachteten. Er war bescheiden und wies den Prinzen immer darauf hin, dass er nun sprechen und den Rosenjüngling belehren könne, dass man zum Rosenmann aber, deren echte es so wenige in der Welt gibt, selbst werden müsse durch handeln.

Einmal machte der Leuchtermacher mit starken Schlägen einen groben Klotz seinem Formwillen gefügig. “Siehst du, Prinz, das ist wie Kindererziehen. Hier, die wunderschönen Linien dieser Maserung, die müssen bleiben. Aber das Astloch hier, das muss nach hinten oder unten oder ganz weg. So müssen wir das Schöne und Gute, das jedes Kind mitbringt, immer anregen und freilegen und die Fehler an die rechte Stelle bringen. Wo sie am wenigsten Schaden anrichten können. Ja, wenn man ein Leuchtermacher ist, dann liebt man es, in Gleichnissen zu sprechen.”

Als der Prinz einen besonders schönen Leuchter bewundern durfte, äußerte er den Wunsch, den er schon lange getragen hatte: Er wollte auch einen Leuchter machen. Da fiel mit einem leisen Laut ein Herz in die Fee. Der Leuchtermacher aber war bedenklich.

“Du bist ein Prinz. Da sollst du keine Leuchter machen. Auch ist das Leuchtermachen ein geheimnisvolles Gewerbe. Bevor ich an die Arbeit gehe, muss ich erst das Licht für einen neuen Leuchter haben. Darauf kommt es an, soll es ein schöner und gewachsener Leuchter werden. Und das Licht gibt mir immer erst meine Frau. Ohne meine Frau bin ich ein rechter Nichtsnutz, wie du siehst. Wer sollte dir wohl ein Licht geben?”

Der Prinz musste an die Einsamkeit auf seinen Wanderungen denken. “Das ist eine schwerwiegende Frage.” sagte er. “Von meiner Frau weiß ich nichts. Aber meine Hände verlangen Arbeit. Du hast gesagt, wir müssten unser Handwerkszeug lieben. Du hast leicht reden in dieser Werkstatt. Was aber ist das Handwerkszeug eines Königs?”

“Auf diese frage, Prinz,” antwortete der Leuchtermacher, “habe ich mit zunehmender Bangigkeit seit einiger Zeit gewartet. Du weißt, dass ich froh war, dass auch einmal ein Prinz Rosenjüngling geworden war, dass ein Rosenmann König werden sollte. Und am Ende deiner Lehrzeit muss ich dir die entscheidende letzte Antwort schuldig bleiben. Einen Leuchtermacher-Rosenjüngling konnte ich nach Beendigung der Lehrzeit mit ruhigem Gewissen ziehen lassen, auch für einen Gärtner- oder Lehrer-Rosenjüngling wusste ich immer die letzte Antwort. Aber ein prinzlicher Rosenjüngling…? Du hast in mein Glück ein wenig Unordnung gebracht.”

“Und ich hätte dir doch nichts als Dank bringen sollen,” sagte der Prinz, “denn du hast meinem Leben Ordnung gebracht. Aber wir werden wohl alle etwas unglücklich, wenn uns plötzlich das Unbekannte gegenüber steht.”

“Deshalb bin ich nicht unglücklich. Dagegen gibt es nur eine Hilfe: das Unbekannte zum Bekannten machen. Solche Arbeit, solche Tätigkeit ist schon wieder Glück. Nicht mehr das ruhende, belehrende, sondern das strahlende, zu erlernende Glück.”

Lehrer und Schüler sind aus dem Haus getreten. Langsam gehen sie den Sonnenblumenweg hinunter. Es wird Abend.

“Nein, ich bin unglücklich,” fährt der Leuchtermacher fort, “weil ich die letzte Antwort nicht weiß. Du musst ein Licht finden. Aber der Prinzenleuchter, der braucht wohl – ein Feenlicht. Das ist es … Und darüber kann ich dir nichts sagen. Vielleicht schwebt die Lösung in unserer Nähe, zu hoch vielleicht, als dass wir sie greifen könnten. Eines muss ich dir noch sagen: Nimm nicht die alten Wanderungen durch das Volk wieder auf. Die nützen dir nicht mehr. Du weißt um Leid und Elend des Volkes. Zu wenden bist du nun ausersehen, daran teilzunehmen nicht mehr. Suche andere Wege. Mit wehem Herzen muss ich dir gestehen, dass ich die Richtung nicht weiß, die du einschlagen musst, da dieser Weg mit den Sonnenblumen nun endet.”

Sie blieben stehen. Der Prinz holte den Kristall aus der Tasche. Es ist schon dunkel geworden.

“Da.” sagt der Leuchtermacher achselzuckend. “Ja, vielleicht hilft dir der Kristall!”.

“Nein. Er hat mit einer Fee zu tun. Ich meine: mit meiner Frau.”

“Eben.”

Der Leuchtermacher kaut auf einem Sonnenblumenkern herum. “Die Ahnung einer Antwort, Prinz, auf die Gefahr, dass sie dich weder glücklich noch weiser macht: Ich kann mir nur denken, dass du Alles lieben musst: die Menschen, die Dinge, das Zepter, die Gesetze, das Recht, – eben Alles.”

“Kann ein Mensch das?” fragt der Prinz ungläubig.

Der Leuchtermacher zuckt mit den Achseln. “Vielleicht kann es ein prinzlicher Mensch … Vielleicht braucht er eine Fee dazu… So, wie es war, kann es wohl nicht weiter gehen, – dass du dir einfach eine Prinzessin zur Frau nimmst und regierst, wie es die Vorfahren getan haben. Nein, so geht es wohl nicht weiter… Etwas Neues … Oh Prinz, dein Besuch hat sehr viel bewegt in mir. Ich werde wieder ruhig werden, aber nie wird das Bedauern weichen, dass ich dich unbeantwortet habe ziehen lassen müssen. Leb wohl.”

“Wir wollen nicht traurig auseinander gehen.” sagt der Prinz. Er hebt den Kristall hoch und lächelt.

“In diesem Kristall ist deine und meine Ruhe beschlossen.”

Da verschwindet von des Prinzen flacher Hand der Kristall und entschwebt um eine Sonnenblume herum in den Wald. Ohne Abschied vom Leuchtermacher verfolgt der Prinz auf das höchste beunruhigt den Kristall. Erst nach vielen vergeblichen Versuchen gelingt es ihm, ihn wieder einzufangen. Schnell steckt er ihn in die rechte Tasche und überlegt fieberhaft, wer hier die Hand im Spiel haben könnte. Da fühlt er mit einigem Schreck den Kristall in seiner linken Tasche. Schnell holt er ihn heraus und presst die Finger darum. Gleich darauf wird er gekitzelt; er lässt den Stein fallen und muss zusehen, wie er von unsichtbarer Hand aufgehoben und wieder zwischen den Bäumen vor ihm herumgetragen wird. Er bemerkt bei der wilden Jagd, und auch infolge der Dunkelheit nicht, dass der Stein so klar geworden ist, wie der lauterste Kristall. Er muss hetzen und jagen, er fällt über Wurzeln, stößt an Bäume, ritzt sich an Ästen und Dornen; er ist erschöpft und verzweifelt.

Die Fee spielt ihr erstes Spiel mit dem Geliebten. Sie verspielt den letzten Rest Kobold, der noch in ihr steckt. Sie ist zwar noch unsichtbar, aber während der Lehrzeit des Prinzen beim Leuchtermacher zu voller Gestalt erwachsen.

Und der Prinz lässt sich jagen wie ein verliebter Tor, bis er gegen Morgen, keines Gedankens mehr fähig, todmüde auf eine Wiese sinkt und sofort einschläft.

Zuerst träumt er sehr verworrenes Zeug. Aber dann erscheint eine Fee und die Wirrnisse beginnen sich zu lichten. Sie tritt zu ihm, der er im Traum wiederum auf einer Wiese schläft, löst seine krampfhaft um einen lauteren Kristall gespannten Finger und streichelt sein Herz, bis eine gelbe Rose auf seinem himmelblauen Gewand erwächst. Von deren Duft erwacht der Prinz. In der kühlen Morgenluft steht seine Fee, hält in der rechten Hand den strahlenden Kristall und schaut ihn an. Ihr Gewand leuchtet sanft, in all den Regenbogenfarben, in die auch der Kristall die Morgensonnenstrahlen bricht. Der Prinz senkt den Blick auf die gelbe Rose, die an seinem Herzen erblüht ist, und hebt ihn lächelnd wieder zu ihr. Da kniet sie sich zu ihm mit feenhaft liebenden Augen. Auch er kniet, und sie umarmen und küssen einander. Prinz und Fee – Märchenkönigspaar…

“Ich habe dich schon gekitzelt,” flüstert sie ihm ins Ohr. “Aber ich will es ohne deine Erlaubnis nie wieder tun.”

Und sie sind noch nicht gestorben. Sie leben heute noch und alle Märchengläubigen sind ihnen untertan.

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