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zurück zum Anfang des Märchenbuchs für Liebende

Für den Sonnabend

Liebes Liebespaar!

Hoffentlich werft Ihr mir nun nicht vor, dass ich fast die ganze Woche von Prinzen erzählt habe und mit naiven Märchenfarben gemalt habe, und dass ich auf die uns alle so bewegende Frage “was tun?” die Antwort schuldig blieb. Ich habe nämlich geantwortet. Ich habe auf meine Art gesagt: “Lieben! Was sonst?”

Gestern kam der Bär ziemlich aufgeregt zu mir. Er hatte durch irgendeine Indiskretion vom Mittwochmärchen Kenntnis erhalten. Er gab zu, den Prinzen aus dem Boot genommen zu haben, das sei seine Bärennatur gewesen, gegen die er nichts tun könne. Man müsse jedoch gerecht sein und bedenken, dass er doch auch sehr viel Gutes stiften könne.

Im Laufe der Unterhaltung kam er auf seine Zukunftspläne zu sprechen. Und die gefielen mir so gut, dass ich mich entschloss, um sie herum das Sonnabendmärchen zu schreiben. Das wird sich also in dieser bärenbeeinflussten Zukunft zutragen. Der Anfang machte mir allerdings Schwierigkeiten. Ich konnte doch nicht schreiben: “Es war einmal in Zukunft…” Nun, Ihr werdet sehen, mit welcher kleinen Wendung ich die Lösung dieses kleinen Problems versucht habe. Für den Fortgang benutze ich einfach das Präsens, als geschähe dieses Zukunftsmärchen in unserer Gegenwart.

Es ist ein trostreiches Märchen: Kein Liebespaar soll den Mut sinken lassen, wenn es vom Bären bedrängt wird, denn

DER BÄR KANN AUCH GUT SEIN

Es wäre einmal schön, wenn die Außenminister im heute geläufigen Sinne überflüssig würden, weil es zwar verschiedene Sprachen und Gebräuche, auch etwa Nationalspeisen gibt, ansonsten aber die Grenzen offen sind, weil Frieden herrscht und weder  Nach- noch Vor-, noch Zwischenkrieg. Dann würde das Außenministerium all die Geschäfte behandeln, die außerhalb des Menschen liegen. Und Innenminister für Herzensangelegenheiten. Das wäre einmal schön.

Der Minister des Herzens sorgt für die Verbreitung von Liebe und Güte im Lande. Dafür kann nämlich sehr viel getan werden. Er fördert die guten Ideen, die liebevollen Taten. Er hat viel Einfluss auf das Erziehungswesen, beschäftigt sich zuweilen mit der Kunst, zuweilen mit der Tätigkeit der Ärzte und nicht zuletzt behütet er den Ton an Schaltern und bei Behörden. Seine Großabteilung jedoch heißt ‘Ehe und Familie’, als den sichtbarsten gesellschaftlichen Einrichtungen, die auf Liebe und Güte gegründet sind und davon leben.

Über de Ministern herrscht das Königspaar Raimund und Juliane. Des Königs Haare beginnen schon grau zu werden, und ihre Haut ist nicht mehr faltenlos, wie die eines jungen Mädchens, denn die Wahl, aus der sie als größtliebendes Paar des Landes, als Königin und König hervorgingen, liegt weit zurück. Die Erinnerung an die Krönungsfeierlichkeiten verblasst schon langsam.

Was nicht verblasst, sind die Worte, mit denen sie damals ihre Regierung antragen, denn es waren Worte, denen die Taten im Geiste dieser Worte stets folgten. So hatte das Volk seine Wahl nie bereuen müssen.

Wochenlang hatte der Wahlkampf gedauert. In unzähligen Versammlungen, auf Plakaten und in Broschüren hatten die Königspaarkandidaten gelobt, die schönste und beste Ehe des Landes führen zu wollen.  Das Volk hatte Raimund und Juliane gewählt, weil aus ihren Worten neben großer Liebe – oder besser: in große Liebe gebettet, auch Weisheit und Erfahrung, guter Wille und kluger Glaube sprachen. Das Volk wollte auf dem Thron kein nur verliebtes Taubenpaar, sondern ein Ehepaar, das von der hohen Warte der Liebe in eine reale Welt hineinschaute und –handelte.

Und die größten Liebenden erwiesen sich auch wirklich als die fleißigsten und besten Landeseltern. In einem kleinen Schloss – eher eine große Wohnung zu nennen – haben sie ein gemeinsames Arbeitszimmer. An ihren beiden Schreibtischen regiert die Liebe. Das hat zu etwas merkwürdig anmutenden Arbeitsmethoden geführt.

Kommt etwa ein Schreiben, in dem es sich um Rasierseife handelt, so schreibt der König darauf: “Zuständigkeitshalber der Königin weitergereicht.” Umgekehrt geschieht es, wenn es sich etwa um Hausfrauenangelegenheiten handelt.

Ja, tatsächlich: Er ist für Nähgarn, sie für Zigarren zuständig. Das kommt, weil die Königin mit des Königs Gehirn fühlt, und er mit ihrem Herzen denkt. Das ist eine vollkommen unkompliziert sich einstellende Erfahrung, wenn man mit Liebe regiert. Die Frau weiß um den Genuss einer glatt rasierten Männerwange; und er weiß, wie schlecht das Essen schmeckt, wenn etwa die Produktion von Kochtöpfen Schwierigkeiten macht. –

Es hat sich erwiesen, dass man über Dinge, die einem nicht so persönlich direkt nahe gehen, viel gerechter, sachlicher und unvoreingenommener urteilen kann. Ein großer Lohnstreit, in dem sich einige Männer wegen recht persönlicher Machtansprüche krämerhaft und biertischpolitisch herumzankten, und bei dem der König ziemlich hilflos zuschaute, wurde von der Königin mit gesundem Menschenverstand auf eine sachliche Basis zurückgeführt und schließlich geschlichtet.  Als sich dagegen einmal einige gänsige Blaustrümpfe nach ihrer Meinung aktiv, in Wirklichkeit dumm und stümpernd in die Politik einmischen wollten, und die Königin, ein wenig befangen, fast ihre Partei ergriff, da war es der König, der diesen Unsinn in die Schranken ungefährlicher Kaffeekränzchen zurückwies.

So arbeiten, leben und lieben Mann und Frau unter der Regierung von Raimund und Juliane miteinander und füreinander.

Der Bär ist auf dem Weg zu Raimund und Juliane.

Sie haben nämlich beide den Tag über schwer gearbeitet. Aber anstatt ruhen zu können, müssen sie gerade heute Gastgeber eines großen Festes sein. Nerven haben sie auch und so kommt es beim Umkleiden zu einem winzigkleinen Streit, wie er eben auch in der glücklichsten Ehe zuweilen aufkommt. Normalerweise nimmt davon das Glück einer Ehe gar keine Notiz. Lächerlich, kaum ein Streit zu nennen, nach wenigen Minuten vergessen. Ein kleiner Ärger noch in Raimund, als ihn die Königin, die Klinke schon in der Hand noch einmal anblitzt, um dann mit strahlendem, wenn auch zunächst noch etwas aufgesetztem Lächeln den Festsaal zu betreten.

Das hätte sie vielleicht nicht tun sollen, denn eine fast schöne Frau tritt kurz darauf mit einer Frage über ein Bittgesuch zum König. Sie lächelt, knixt, schlägt die Augen auf und nieder und spricht mit großen, roten Lippen unterwürfige, belanglose Worte. Der König, seiner Liebe zu Juliane in diesem Augenblick, – verzeihlicherweise oder nicht nach dem Vorgefallenen – nicht ganz so eingedenk, wie notwendig wäre, lässt sich gefangen nehmen von der Art und Weise dieser Frau, über die er bei vollem Verstand und  voller Liebe seine klare, wenig ins Gewicht fallende Meinung gehabt hätte. Es geschieht nichts und doch, bei der Bedeutung, die die Liebe bei diesen Landeseltern hat, sehr viel.

Nach dem Fest sind sie natürlich so müde, dass es zu einer notwendigen, entscheidenden Auseinandersetzung nicht kommt. Sie erwachen unerlöst, und es ist unausbleiblich, dass die fast schöne Frau mit aller Unerlöstheit noch einmal erwähnt wird.

“Wir wollen nicht mehr darüber sprechen!” sagt die Königin schließlich in einem Ton, als sei noch sehr viel darüber zu sagen.

Nachdem Raimund die etwas müßige Feststellung gemacht hat, dass die fast schöne Frau so viel Worte gar nicht wert sei, müssen sie an die Arbeit gehen. Es tut der Arbeit gar nicht gut, dass sie sich nicht ausgesprochen und geklärt haben. Sie schaffen nichts, und Juliane ist fast froh, als die Köchin sie holt, weil etwas angebrannt ist.

Gerade in diesem Augenblick kommt die fast schöne Frau zur Audienz. Obgleich ihr Anliegen die Königin angeht, fertigt der König sie ab. Sie überreicht lächelnd das Bittgesuch und sagt niedergeschlagenen Auges, dass es nur einer königlichen Befürwortung bedarf, um im Innenministerium günstig entschieden zu werden. Der König will die Frau schnell loswerden. Er schaut weder sie noch das Schriftstück an, schreibt auf das letztere: “Dem Innenministerium mit der Bitte um rascheste Erledigung” und verabschiedet die fast schöne Frau mit konventionell trostreichen Worten.

Das Schriftstück macht den Innenminister, der durch das ungewöhnlich späte Eintreffen der Königspost und wegen der ihm amtsgemäß nicht verborgen gebliebenen Festsaalaffaire vom Vorabend ohnehin schon etwas nervös ist, sehr stutzig. In dem Bittgesuch handelt es sich um eine Angelegenheit (Verzwergung eines Faschisten), die die Königin zu behandeln hat. Ordnungsgemäß, wenn auch ziemlich aufgeregt wird das Schriftstück dem Königshaus “Mit der Bitte um Abzeichnung durch die Königin” zurückgereicht.

Die Königin erhält das Schreiben, liest die Randbemerkung des Gemahls, stutzt, überlegt, spekuliert, ist aufgeregt, fühlt sich über- und hintergangen und kommt zu keinem Schluss. Schließlich wirft sie es in den Papierkorb, nicht etwa, weil es sein Inhalt sachlich erfordert – auch sie hat ihn gar nicht zur Kenntnis genommen -, sondern weil es von der fast schönen Frau stammt. Das empört den König. Er holt es wieder hervor und fügt der Unsachlichkeit seiner Gemahlin die eigene hinzu.  Wiederum ohne es zu lesen schreibt er drauf: “Dem Innenministerium ohne Abzeichnung mit der Bitte um ausnahmsweise Erledigung ohne Abzeichnung der Königin.”

In dieser Minute tut das Herz fast jedes Untertanen einen Schlag mehr.

Aber der Bär ist ja auf dem Wege.

Auch im Innenministerium kann man natürlich einige Herzschläge mehr zählen, als das Gesuch mit er neuen Randbemerkung des Königs eintrifft. Der Innenminister lässt es zunächst dem beeidigten Graphologen vorlegen, der es mit “hochgradige, jedoch unseriöse Verwirrung des königlichen Randbemerkungenverfassers” zurückschickt. Nach einigem Kampf entschließt sich der Innenminister, seiner Großabteilung einen Einbruch in die Ehe seiner Vorgesetzten zu melden: “Mit der Bitte um weitere Veranlassung. Graphologisches Gutachten anbei.” Der Inhalt des Schreibens ist weiterhin vollkommen uninteressant, umso mehr werden die Randbemerkungen studiert, Großabteilung, Innenministerium, ja das ganze Volk werden immer aufgeregter.

Denn der Fluss des Landes, dessen breites Bett die Hauptstadt durchzieht, und mit dessen Wasser die Mühlen des Fortschritts, des Rechts und des Bestandes und viele Untermühlen betrieben werden, droht zu versiegen. Und es scheint keinesfalls abwegig, das Versiegen des Flusses mit dem Einbruch in die Ehe der Landeseltern in Verbindung zu bringen.

Wohl fließt dieser Fluss nie regelmäßig, und eine weit verzweigte, komplizierte Organisation, die viele Menschen beschäftigt, sorgt dafür, dass immer so viel Wasser da ist, als verlangt wird. Schon manchmal ist die komplizierte Organisation bemängelt worden, aber noch fand sich keine Möglichkeit, sie vorteilhafter zu ersetzen oder auch nur zu vereinfachen. Sie ist jetzt in fieberhafter Tätigkeit, die jedoch nutzlos ist, denn der Fluss führt von Tag zu Tag weniger Wasser, und alle Tätigkeit kann nicht hindern, dass die Reserven langsam zur Neige gehen.

Die Nachrichten über das Versiegen des Flusses erregen Raimund und Juliane. Sie entscheiden oft überstürzt, werden mehr als einmal am Tage um läppische Kompetenzfragen heftig zu einander, ohne Zeit zur Versöhnung zu finden oder sich zu nehmen. Es ist eine traurige Wahrheit, dass der König manchmal an die fast schöne Frau denkt, wenn alles verquer geht und die Unglücksnachrichten sich häufen. Das Volk spürt die Unruhe im kleinen Schloss, denn es wird ja nicht nur von der Tinte des Herrscherhauses regiert, sondern viel mehr von dessen Liebe.

Wenn er Bär nicht auf dem Wege wäre…

Endlich wird der allerhöchste Gerichtshof einberufen. Und nach langer, schwerwiegender Verhandlung, in der der König selbst um die volle notwendige Strafe bittet, werden das Herrscherpaar und die fast schöne Frau in die Höhle vor der Stadt verbannt. Ein Fall, der noch nie dagewesen ist. Sehr schwer wird es den Richtern, dieses Urteil dem König und seiner Königin zu verkünden.

Es zeigt sich leider bald, dass das vollzogene Urteil keineswegs zur Besserung der Zustände im Lande führt. Das Volk bleibt unruhig, unausgefüllt, wie das Flussbett. Die regierenden Kreise sind ratlos. Nach wenigen Tagen schon wird die Wahl eines neuen Königspaares oder die Aufhebung der Verbannung erwogen. Es ist eine unglückliche Zeit.

Das trifft der Bär auf seinem Weg zur Stadt auf einen Zwerg, der gestikulierend herumläuft und verzweifelte Anstrengungen macht, um im Fluss zu baden. Bei näherem zusehen bemerkt der Bär, dass er zu den wilden Gestikulationen auch den Mund noch so gewichtig bewegt, als verkünde er höchst Bedeutsames; doch auch sein Organ ist zwergenhaft und der Bär versteht kein Wort. Der Fluss zeigt eine ausgesprochene Abneigung gegen das Bad des Zwerges. Sobald auch nur die kinderkleine Zehe das Wasser berührt, zuckt er zurück wie ein empfindlicher Nerv. Und je mehr der Zwerg listig, wütend oder ruhig nachdringt, umso mehr verengt sich der Fluss bis zu einem kleinen Rinnsal, in dem selbst Zwerge nicht baden können.

Der Bär tippt dem Zwerg auf die Schulter. Der dreht sich um und bekommt zunächst einen furchtbaren Schreck vor der riesigen, vor ihm aufragenden Bräune seines Gegenübers. Als er jedoch nach einigen abtastenden Blicken einen Bären erkennt, fängt er wieder an zu reden und wilde Gestikulationen auszuführen. Erst deutet er auf den Fluss, dann weist er nach hinten, in die Richtung der Stadt schließlich ballt er das Fäustchen und hebt es gegen den Himmel, von dem er als Zwerg ja verhältnismäßig weit entfernt ist. Dann beginnen die Gestikulationen von neuem in etwa der gleichen Reihenfolge.

Schließlich hebt der Bär den Zwerg in sein Ohr. Der überzeugt sich nach kurzer Verdutzung durch einige waghalsige Klettereien, dass er sich im Hörorgan des Bären befindet und beginnt seine Rede nochmals, ohne auf die Gestikulationen zu verzichten. Manchmal stößt er dabei an Hörorganteile des Bären und entschuldigt sich, doch der Bär spürt das gar nicht.

“Der Fluss!” sagt der Zwerg. “Wenn ich in dem bade, dann wird alles gut, dann werde ich wieder groß, und Die können was erleben. Aber der weicht immer zurück, als wollte er mich nicht. Haben mich verzwergt, weil sie meinten, ich sein ein Faschist. Verzwergung ist das übliche Urteil in der Stadt gegen faschistische Umtriebe. Aber Irrtum! Ich werde es ihnen beweisen, sobald ich im Fluss war. Da leben überhaupt lauter inkarnierte Irrtümer in der Stadt. Sie meinen wunder wie weise zu sein, in Wirklichkeit lieben sie nur. Lächerlich, kann jeder. Oh, entschuldigen Sie, ich hoffe, ich habe Ihrem Hörkanal nicht wirklich wehgetan. Dabei muss ich Ihnen so dankbar sein, dass Sie mir Ihr Ohr leihen, dass ich darin sogar stehen und erzählen kann.

“Was wollte ich sagen? Ach ja, meine Frau. Schön, wissen Sie, aber sie liebt mich nicht. Wollte nie das, was ich wollte. Natürlich wollte ich viel, aber das ist doch Menschenart, viel zu wollen. Mein Hauptanliegen war, die Welt dadurch in Ordnung zu bringen, dass ich die Meere mit den Bergen füllte, damit es endlich mal glatt wird auf unserem Planeten. Ist doch auch notwendig, nicht? Sehr vernünftiger Plan, nicht? Und von meiner Frau nicht die geringste Unterstützung in diesem Punkt. Man hätte doch probieren können! Es wird überhaupt viel zu wenig probiert in dieser Stadt, immer überlegt und aus Liebe gehandelt. Ist ja sehr schön, aber … Und gar kein Verständnis bei meiner Frau. Mal lächelt sie, mal hört sie nicht zu, mal schimpft sie. Oh Verzeihung, Ihr oberster Ohrmuschelgang rechts.

“Na also! Wieso bin ich ein Faschist? Wenn meine Frau… Das ist doch Unsinn! Bloß weil ich mal, weil meine Frau mich geärgert hatte, von Gewaltanwendung gesprochen hatte, bin ich doch kein Faschist!  Und da verzwergen sie mich. Bin doch nur arm, weil meine Frau mich geärgert hat! Zweimal war ich im Entfaschistisierungsunterricht. Da können die Verzwergten hingehen, und wenn sie richtige Faschisten waren, dann wachsen sie an dem Unterricht und werden wieder Menschen. Aber ich habe da nichts verloren.”

Der Bär nimmt den kleinen Mann aus dem Ohr und wirft ihn in hohem Bogen in den Fluss. In normaler Größe, den Schlips sich richtend kommt er wieder heraus.

“Na also.” sagt er. “Was nun? Hat mächtig wehgetan, das Aufprallen auf dem Wasser. Aber um wieder Mensch zu werden, nimmt man ja vieles in Kauf.”

Der Bär nimmt ihn an der Hand, und sie wandern in die Stadt. Dort ist man sehr glücklich, denn seit kurzer Zeit schwillt der Fluss wieder an. Untergangsstimmung und Ratlosigkeit verschwinden zusehends.

Da begegnen die beiden dem Richter, der den Mann seinerzeit auf Grund des Gesetzes verzwergt hat. Sie erkennen einander wieder und der Richter wird argwöhnisch, denn er weiß, dass der Mann nicht im Unterricht ordnungsgemäß gewachsen und entfaschtifiziert ist. Er beginnt zu fragen. Der Bär beachtet ihn gar nicht, bleibt nicht einmal stehen, und der ehemalige Zwerg, der an seiner Seite wie ein Sohn oder Schuljunge daher geht, antwortet so gut er kann. Aber dem Richter scheinen die Antworten wenig glaubwürdig.

“Sie wollen mir wohl einen Bären aufbinden!?” sagt er, beeilt sich aber hinzuzufügen: “Natürlich bildlich gesprochen.”

Bär und Mann ignorieren ihn.

“Da könnte ja jeder mit einem Bär daherkommen!” ruft der Richter schließlich hinter ihnen her.

Da dreht der Bär sich um und schaut den Richter an, unangenehm, abwartend, herausfordernd und ruhig zugleich. Selbst wenn er sprechen könnt, würde man wohl nur ein leises “Na!” vernehmen.

Der Richter entflieht auf diesen Blick hin ins Amt.

Bär und Mann gehen weiter. Der Bär hat etwas sehr Zielstrebiges in Gang und Gebaren. Sie kommen zur Verbannungshöhle. Dort tritt ihnen die Wache entgegen. Der Bär gebietet dem Mann zu warten, dann bückt er sich, als hätte er ein Feuerzeug verloren, und zieht an den Beinen der Wache, wie man etwa Register beim Orgelspielen zieht. Die Wächter fallen um, und der Bär geht in die Höhle.

Darin sitzen auf der einen Seite Raimund und Juliane. Sie halten einander die Hände. Die Gesichter sind eingefallen, die Augen traurig. Auf der anderen Seite der Höhle sitzt die fast schöne Frau. Sie wird unter dem Blick des Bären, der stetig auf ihr ruht, unruhig. Schließlich beginnt sie zu sprechen:

“Kann man denn mit Ihnen überhaupt sprechen? Sie verstehen mich doch sicher gar nicht. Aber das war furchtbar. Nicht ein Wort habe ich gesprochen, seit ich hier bin. Ja, furchtbar,- vielleicht aber auch ganz heilsam. Ich war ja so verlassen, nicht? Ich wollte meinen Mann wiederhaben. Da bin ich zum König gegangen. Es war gar nichts. Trotzdem musste ich in die Höhle. Die Königsleute haben nur miteinander gesprochen; schön,- aber nicht für mich. Ich habe mich bemüht, nicht hinzuhören, aber das war in der engen Höhle nicht immer möglich. So habe ich auch manches Traurige gehört. Ach, mein Mann… Der hat in drei Jahren nicht so viel Wertvolles gesagt, wie Raimund in drei Minuten. Ich verstehe auch nicht,- ich bin doch fast schön, aber der König… Und mein Mann war bloß immer wild und energiegeladen, wollte die Meere mit den Bergen füllen! Das ist doch nichts für eine Frau. Das können Sie sich doch denken, nicht? Ach so, entschuldigen Sie, ich rede mit Ihnen wie mit einem Menschen. Aber vielleicht ist eine Bärenehe unter solchen Voraussetzungen auch nicht möglich.”

Der Bär hört ruhig zu und scheint zu überlegen. Da beginnt die Frau nochmals:

“Ich würde es mit meinem Mann wieder versuchen, obgleich ich wenig Hoffnung habe. Irgendwie muss ich aber doch wieder raus aus der Höhle.”

Da nimmt der Bär sie an der Hand und führt sie zu ihrem Mann. Aus geringer Entfernung beobachtet er das Wiedersehen der Eheleute. Einen kurzen Augenblick freuen sie sich sehr. Die Augen strahlen und die Hände fliegen ineinander.  Dann lassen sie die Hände sinken, als hätte sie im Auge des anderen Argwohn und Zweifel entdeckt, etwas Misstrauen. Sie gehen zur Stadt. Der Bär folgt ihnen und belauscht, was sie einander nach so langer Trennung zu sagen haben.

“Was hast du denn hier gemacht?” fragt er.

“Ich war verbannt. Ich überreichte dem König ein Bittgesuch, dass sie dich entzwergen sollten und -”

“Mich?” sagt der Mann. “Ich brauche kein Bittgesuch.! Ich mache alles allein. Du sollst wegen mir nichts unternehmen! Mich erst fragen!”

“Aber ich war doch so einsam!” sagt sie. “Und ich konnte dich doch nicht fragen.”

“Wie soll es denn nun weiter gehen?” fragt er.

“Das weiß ich nicht. Vielleicht… Oder sollten wir uns scheiden lassen? Eine schwierige Frage.”

“Du,” sagt er plötzlich mit leuchtenden Augen “ich habe einen großartigen Plan. Nicht mal verrückt. Ein großes Flussregulierungswerk. Dann würde das Flusswasser immer regelmäßig fließen.”

Da dreht sich der Bär mit zufriedenem Gesicht um und lässt das Paar allein. Er geht zu den verbannten Landeseltern zurück. Die Wachen treten scheu beiseite – einige reiben sich das Kreuz – und lassen ihn ungehindert in die Höhle. Dort setzt er sich auf einen Stein, dem Königspaar gegenüber.

“Tja…” scheint er auffordernd zu sagen.

“Bär!” sagt der König. “Wir sehen uns wie Bettler und Bettlerin, nicht? Wir waren – es ist gar nicht so lange her – König und Königin. Wir führten die beste Ehe, wir liebten die schönste Liebe, und wir sündigten die größte Sünde.”

“Wir gingen” fährt die Königin fort “dem grausamsten Verbrecher ins Netz, Zufall mit Namen, und der dankte uns mit bösen Verwicklungen, Gram und Not. Nun sind wir Bettler geworden und unsere Lieben vermag nichts, als sich selbst zu gehören. Betteln und finden kein Gehör.”

Es ist ein Frühlingsmittag und viele Menschen aus der Stadt, die vom Erscheinen der Bären gehört oder sein Kommen geahnt haben, sind zur Höhle gewandert. Sie tragen Krüge und Flusswasser mit Blumen und auf den Gesichtern steht lächelnde Erwartung.

Ihnen gegenüber erscheint nun im Höhlentor das Königspaar, so lächelnd wie nie zuvor. Hinter ihnen steht der Bär, legt ihnen die Tatzen auf die Schultern und schiebt sie sanft vor. Mit zögernden Schritten gehen sie stadteinwärts unter die Menschen, die eine Gasse bilden, ganz still sind, die Krüge zeigen und Blumen reichend dem Königspaar folgen. Es ist wohl der stillste Triumphzug, den die Welt je gesehen hat.

Dem Richter hat die Sache mit dem remenschten Zwerg keine Ruhe gelassen. Er ist beim Innenminister persönlich vorstellig geworden, da dieser ja als Minister für Herz und Ethos faschistische Angelegenheiten zu bearbeiten hat. Es wird ein neuerlicher Prozess anberaumt. In diesem Prozess kann der Entzwergte allerdings dann ganz klar beweisen, dass es sich um keine faschistische Angelegenheit handelt, denn eine einzige unbedachte Bemerkung über die Nützlichkeit von Gewaltanwendung kann nicht zur Verzwergung hinreichen. Er wird in letzter Instanz freigesprochen.

Der Ordnung halber wird jedoch dem Ehescheidungshof anheimgestellt, den Fall weiter zu verfolgen.

Kaum ist also der Mann zu Hause, fällt wieder eine Vorladung in den Briefkasten. Das Ehepaar geht zum Termin, ohne sich einig zu sein, ob sie sich scheiden lassen wollen oder nicht. So wird es eine langwierige Verhandlung, in der kein Ende abzusehen ist. Alle stöhnen und fangen an, sich zu langweilen.

Da öffnet sich die Tür, und der Bär betritt den Verhandlungssaal. Er geht ruhig zum Verhandlungstisch vor, nimmt die Akten, zerreißt sie sorgfältig und lässt die Schnipsel mit nonchalanter Geste zu Boden fallen. Dann tritt er zwischen die Eheleute, legt die Arme um ihre Schultern, schaut die Frau freundlich an – die beiden zeigen auch kein Zeichen von Furcht unter der Bärentatze auf ihren Schultern – und schiebt sie schließlich aus dem Saal. Ohne eine Blick auf di erstaunte Umwelt führt er sie in ihre Wohnung.

Die erstaunte Umwelt hat viel zu reden. Einige bezichtigen den Bären anarchistischer Grundsätze, die Recht und Ordnung auf den Kopf stellen.

Die meisten jedoch sind sehr gespannt, was weiter passieren wird.

Es passiert gar nichts Überraschendes. Der Bär hat sich im Schaukelstuhl des Ehepaares häuslich niedergelassen. Er schaukelt gern, scheint zufrieden und ist in allen Lebensäußerungen liebenswürdig und zuvorkommend. Zuweilen steht er auf und bringt mit einer winzigen Geste Ordnung in die Ehe, die er offenbar als ihm anvertraut betrachtet. Will die fast schöne Frau zum Beispiel ein böses Wort sagen,- das sieht der Bär voraus und schon hat sie seine schwere Bärentatze vor dem Mund. Knüpft er an das Umrühren der Suppe, grundlos verärgert, dass er es tun muss, wissenschaftliche Erwägungen, die sie nicht versteht, worauf er hitzig wird,- dann schiebt sich der Bär dazwischen, nimmt den Kochlöffel und rührt seelenvoll in der Suppe. Ja, einmal hat er sogar sehr behutsam die Mundwinkel beider Ehepartner so in die Höhe gezogen, dass sie darüber in Lachen ausbrechen mussten. Ins Wirtshaus kommt der Mann gar nicht mehr, denn regelmäßig spürt er kurz vor dem Entwischen eine unerbittliche Bärenkralle am Kragen, die ihn zum Dableiben zwingt. Der schaukelnde Bär wirkt ausgesprochen beruhigend auf das Ehepaar.

Und nicht nur das. Eines Abends holt der Bär ein Reißbrett hinter dem Ofen hervor, sucht sich mit seinen groben Tatzen Reißzwecken zusammen und bemüht sich redlich, aber ohne Erfolg, einen großen Bogen weißes Papier auf dem Reißbrett zu befestigen. Der Mann schaut ihm zunächst erstaunt zu und hilft schließlich. Bis zum Schlafengehen geschieht dann nichts weiter. Aber am nächsten Morgen ist der Bär verschwunden. Auf dem weißen Blatt steht mit ungelenken Buchstaben “Flussregulierungswerk”. Und der Mann stürzt sich in die Arbeit…

Nach wenigen Tagen kommt der Bär wieder. Als er den Mann sehr emsig bei der Arbeit findet, und die fast schöne Frau singend an der Nähmaschine, geht er wieder mit zufriedenem Brummen. Diese Besuche wiederholen sich jeweils nach immer größer werdenden Zeitabschnitten. Die Eheleute sind immer sehr freundlich zu ihrem Bären; der Mann erklärt ihm den raschen Fortgang seiner Planungsarbeiten für das Flussregulierungswerk, und die fast schöne Frau ist immer bereit, den Bären ein bisschen zu schaukeln. Aber der Bär hat selten viel Zeit, denn er ist inzwischen ein viel beschäftigter Bär geworden.

Er ist im Ehescheidungshof ständiger Beisitzer. Wenn ein Fall besonders verwickelt ist, die Eheleute einander offenbar lieben, aber nicht herausfinden aus dem eigenen und fremden Gefühl,- dann hebt er die Hand. Man erteilt ihm dann die Tat, nicht das Wort; denn deren sind dass gewöhnlich schon genug gewechselt worden. Er zerreißt die Akten, nimmt das Paar bei den Schultern, geht mit ihnen in die Wohnung und macht es sich auf einer Couch oder einem Sofa bequem. Besonders angenehm sind ihm Schaukelstühle.

Er ist ein Segen für das Land geworden. Durch königliches Dekret ist er zum Justizbeamten ernannt worden, und man rechnet mit einer außerordentlichen juristischen Karriere. Eines Tages geht der König in den Wald und holt ihm eine Bärin. Seitdem glauben einige Untertanen zuweilen ein Lächeln um seine Schnauze spielen zu sehen. Aber das mag eine Täuschung sein.

Tatsächlich aber wird es sprichwörtlich, bei einer besonders verfahrenen Sache zu sagen: “Da finde sich ein Bär heraus.”

Als die Bauten am Flussregulierungswerk in vollem Gange sind, steht ein schöner, großer Bärenzwinger im Hof des Innenministeriums. Bärenkinder spielen darin, und werden von den Eltern ernst und bedachtsam insbesondere durch beispielhaftes Eheleben auf ihre künftige Tätigkeit als Justizbeamte vorbereitet.

Und wenn die Menschheit bis dahin nicht ausgestorben sein sollte, dann wird sie noch in jenen Tagen leben, wo aus gejagten Bären ordentliche Justizbeamte geworden sind.

 

 

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