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zurück zum Anfang des Märchenbuchs für Liebende

Für den Mittwoch

Liebe Hälften eines eigentlich Unteilbaren!

“Erzähl mir was.” Ich nehme mit einiger Sicherheit an, dass auch Ihr diese Worte kennt. Jede Geliebte spricht sie wohl zuweilen aus, und jeder Geliebte muss sich wohl zuweilen mehr oder weniger erfreut bequemen, diese Forderung durch Erzählung irgendeines Phantasieproduktes zu erfüllen. Einige Märchen im vorliegenden Buch sind auf diesem Wege entstanden.

Da diese Forderung nicht immer leicht zu erfüllen ist kam mir der Gedanke, ob wir da nicht einander von Mann zu Mann, so von Geliebtem zu Geliebtem helfen könnten, indem wir die Märchen oder was wir sonst erzählen, auszutauschen. Man könnte doch dem vorliegenden Buch den erweiterten Titel “Märchenbuch für Liebende I” geben und es eine Reihe gleichgearteter Bücher mit fortlaufenden römischen Ziffern eröffnen lassen. Wenn wir vier – deine Geliebte, meine Geliebte, du und ich – in einem öffentlichen Verkehrsmittel oder sonst wo beisammensitzen, verstehen wir einander doch ohne Worte schneller und besser als manche Leute, die das gleiche Abzeichen im Knopfloch tragen. Wenn also  k e i n  Wort schon genügt, dass wir einander als Gleichgesinnte erkennen, dann müssten wir uns doch mit Märchen und Geschichten bedingungslos glatt verständigen können.

Die lieben Frauen mögen mir diesen Vorschlag verzeihen. Er stellt nur einen kleinen Schutz gegen ihre zuweilen gar zu bedenkenlos ausgesprochene Forderung dar, und eine große Hilfe für den vielleicht einmal müde und abgespannt nach Hause kommenden Mann. Wir Männer andererseits dürfen es uns allerdings nicht zu leicht machen. Wir müssen uns verpflichten, die Reihe der Märchenbücher für Liebende mit römisch soundsoviel fortzusetzen. Wer nur liest und nicht schreibt, wird als Märchenschmarotzer gebrandmarkt.

Wir brauchen keine Angst zu haben, dass es zu viel Geschriebenes wird. Es wird und wurde so grauenhaft viel geschrieben, – und eine Band der Liebe scheint mir wichtiger als zwanzig Bände Lexikon von A bis Z, weil das Liebesbuch vor A beginnt und weit über Z hinausführt.

Das heutige Märchen ist ein wenig traurig. Das gibt es ja auch, obgleich … Doch davon übermorgen. Übermorgen auch einiges Aufklärende über den heute nur kurz erwähnten Autor Bonifaz von Suppe. Vielleicht legt die liebe Frau heute ihren Kopf in seinen Schoß und er hält das Buch so, dass Ihr einander anschauen könnt.

So und nun zu

PRINZESSIN, PRINZ UND BÄR

 

 

 

Es war einmal eine Prinzessin. Die liebte es mit angezogenen Beinen irgendwo zu sitzen, auch wenn es sich um einen nicht eigentlich zum Sitzen geeigneten oder vorgesehenen Platz handelte. Sie schlang dann meistens die Arme um die Beine, legte den Kopf schief auf die Knie und freute sich, die Welt aus dieser Perspektive mit ihren blauen, blauen Augen zu betrachten, zuweilen zu beurteilen. Gewiss: eine etwas ungewöhnliche Perspektive, aber schon ihre Mutter fand, dass in diese Welt viel zu viele Augenpaar viel zu gerade hineinschauen.

Der gesamte Hofstaat vom königlichen Unkrautzupfer (er rupfte das Unkraut zwischen den Katzenköpfen im Schlosshof) bis zum königlichen Tortenbeschreiber (er schrieb bei hohen Anlässen die Glückwünsche auf die Festtorten) hatte die Hockstellung der Prinzessin als die ihr gemäße respektieren gelernt. Und so nimmt es nicht wunder, wenn sich zuweilen auch ein Ministerpräsident zu ihr herablässt. Er liebt die Augen der Prinzessin und ihre Gedanken und die Art, wie sie diese Gaben zu gebrauchen weiß. Ein wenig liebt er auch sie wohl auch selbst, trotz einiger grauer Haare und kinderloser Witwenschaft.

Fremde Besucher pflegte der Zeremoniemeister auf dem Wege in die Gemächer der Prinzessin freundlich aber bestimmt mit den einstudierten Wirte aufzuklären: “Sie werden aller Voraussicht nach eine junge Dame in hockender Stellung vorfinden. Bemühen Sie sich zu ihr hinunter in die gleiche Stellung. Es wäre unziemlich, wenn die Prinzessin zu ihnen aufblicken müsste. Außerdem hockt es sich erfahrungsgemäß ganz gut, vorausgesetzt, dass Sie kein Rheuma haben. Hier befindet sich eine kleine Nische zum Hinhockenüben. Nicht? Dann bitte hier!”

Die Prinzessin erreichte das heiratsfähige Alter. Sie fand immer mehr Gefallen an sich, an der Welt und am Leben. Jeden Morgen im taufrischen Gras des Schlossparks öffnete sie die Arme der Welt weit entgegen, stand auf Zehenspitzen, um all der webenden Dinge teilhaftig zu werden, die sie nur irgend erreichen konnte.

Die Freier? Oh, die Freier hatten es schwer bei ihr. Sie war sehr stolz; das tat ohne viel Worte schon die hockende Stellung kund. Die ersten Freier wurden noch mit einigen freundlichen nichtssagenden Worten von der Zwecklosigkeit ihres Werbens unterrichtet. Später bürgerte – oder vielmehr: prinzesste es sich ein, dass ihnen nur ein liebes aber vollkommen unbeteiligtes Lächeln geschenkt wurde. Dann stand die Prinzessin gewöhnlich auf, wandte den Kopf so mit einem Ruck um, dass das lange helle Haar in einer weichen Welle nachfloss,- und ging langsam mit großen Schritten in den Wald.

Der Wald blieb Wald, wie immer man ihn betrachtete, während die Freier aus der Hockperspektive nur allzuoft zu komisch stolzierenden Gecken wurden. Die Prinzessin liebte besonders den Bärenwald. Er hatte seinen Namen von den vielen Bärenspuren, die man dort fand. Jeden Morgen entdeckte die Prinzessin in dem Wald frische, aber noch nie hatte sie in dem Wald eine leibhaftige Bärenseele gesehen. Es war wohl ein rechter Märchenwald.

Dort saß die Prinzessin oft und sehnte sich nach einem Freier. Denn sie wies die vielen, die kamen, ja nicht ab, weil sie nicht wollte – oh nein! –  sondern weil sie alle nicht anders als mit Täubchengurren und Hähnchenkrähen werben konnten. Wenn doch einer mal geschwiegen oder sich zu ihr gehockt hätte… Immer taten sie furchtbar verliebt, sprachen sie gedrechselte Worte  und überreichten dann kniend die Liste, auf der – wie es üblich war – die Bedienten, die ihr nach erfolgter Heirat zur Verfügung stehen würden, nach Zahl und Arbeitsgebiet aufgeführt waren. Und die phantasielose Verliebtheit dieser Listen wurde dann meistens ausschlaggebend für die Abweisung der Freier. Ein königlicher Fensteraufmacher wurde ihr versprochen, wo sie doch die Fenster doch mit größtem Vergnügen jeden Morgen selbst öffnete, oder eine königliche Dauerwellerin für die Haare, die sich doch bei ihrem Gang von selbst zu den schönsten und vergänglichsten Wellen formten.

Der erste Freier, bei dem sie aufhorchte, war ein junger Kerl, der seine Werbung so uninteressiert herunterleierte, dass unschwer der väterliche Befehl dahinter spürbar wurde. Er musste schon aus diesem Grunde abgewiesen werden. Und er schien froh darüber. Schnell gab er seinem Pferd die Sporen, um wahrscheinlich einer Bürgerstochter in die Arme zu fliegen, die er liebte ohne väterliche Erlaubnis, und die ihn liebte – ohne väterliche Erlaubnis.

Doch langsamer als sonst ging die Prinzessin an diesem Tag in den Wald. Sie fühlte sich einsam und wollte fast die anspruchslosen Männer und die verliebten Bürgerstöchter beneiden. Zu ihrem traurigen Gemüt schien die helle Sonne, sangen unzählige Vögel, wehte ein leiser Wind, der die Bäume wispern und sich wiegen ließ; die Laubschatten spielten in den wachsenden Gräsern, über die so viele Käfer schwer beschäftigt krochen. Und noch viel Unsichtbares webte durch den Wald. Die Prinzessin hockte sich nieder.

“Es ist so viel,” dachte sie, “und ich bin nur ich selbst.” Sie legte den Kopf auf die Knie, schloss die Augen und gab sich ganz dem Überwundensein von der Vielfalt der Dinge hin. Es war beseligend, bedrückend zugleich.

Das Knacken eines Kniegelenks ließ sie erschrocken aufblicken. Sie sah in die Augen eines Prinzen. Nach einer winzigen Hingabe in diese Augen wandte sie sich stolz ab.

“Nicht doch!” sagte er.

Oh, diese Stimme bezauberte ihren Kopf, dass sie ihn langsam den prinzlichen Augen wieder zuwandte. “Ja!” dachte es eindringlich in ihr. Ihr Mund lächelte, ihr Körper entspannte sich. “Ja, ja, überall ja!” dachte es jubelnd in ihr.

Da tappte ein Bär daher. Aber der Bär machte absolut keinen bösen oder aggressiven Eindruck. Er blieb stehen, schaute das Paar aufmerksam an, senkte den Kopf, hob ihn wieder und drehte sich dann weg. Er blieb jedoch in ihrer Nähe, herumschnüffelnd und tappend.

“Er sieht wie ein Wächter aus!” stellte der Prinz schließlich fest.

“Ich habe noch nie einen Bären hier gesehen!” sagte der Prinz.

“Ich auch nicht, nur immer Bärenspuren.” bestätigte die Prinzessin. “Schau, zieht er nicht Kreise um uns?” fragte sie und schaute den Bären auf seinen bedächtigen Gängen zu.

“Fast scheint es so. Ob er hier ist, weil wir hier sind?”

Der Bär war weiter getappt, ziemlich eindeutig jedoch um sie herum. Manchmal hatte er Seitenblicke auf das Paar geworfen und in seinen Augen konnte man etwas Bestätigendes lesen. Schließlich setzte er sich nieder und begann zu kauen. Dabei beobachtete er die beiden wie ein gutbürgerlicher Zuschauer im Theater.

Es war jedoch aus seiner Miene nicht zu erkennen, ob er einer Komödie oder dem Beginn einer Tragödie zuschaute.

Die beiden vergaßen ihn, wie ein Liebespaar auf der Bühne oft die bürgerlichen Zuschauer vergisst. Die Prinzessin schaute den Prinzen wieder voll an. Er lächelte. Da löste sie ihre berühmte Stellung. Sie legte die Beine angewinkelt zur Seite und stützte sich auf den rechten Arm. Sie sah sehr anmutig aus, ungewöhnt gelöst. Er, der bisher vor ihr gehockt hatte, setzte sich neben sie auf den warmen Waldboden. Noch immer ruhten die Augen ineinander. Dann aber, als es keine Gliedmaßen mehr zu bewegen gab, senkten sich beide Augenpaare und Boden.

“Ich glaube,” sagte er “wir sollten den Bären gar nicht beachten. Wir haben doch anderes zu beachten.

“Ich glaube aber, dass er dann böse wird,” sagte die Prinzessin. Das Gesprächsthema saß da, kaute und schaute, undurchdringlich.

“Man hat mir viel von deinem Stolz erzählt!” beginnt er wieder. “Ich habe immer gehofft, dir einmal zu begegnen. Und nun…”

Was soll sie darauf antworten? Sie hat doch schon die stolze, unnahbare Hockestellung aufgegeben, er konnte sie doch jetzt in seine Arme nehmen und küssen!

Er blickte weiter zu Boden und fuhr fort: “Ich hatte mir auch ganz genau festgelegt, wie ich deinen Stolz zunichte machen würde. Die Worte, – ganz genau. Ich wollte – ”

Da trat ein kleiner Gnom in ihre Augen und sie sprach: “Ihr wollt doch jetzt nicht etwa von Liebe – Wie?”

“Warum sagst du denn mit deinem Mund da Dinge, die du mit deinem Herzen gar nicht meinst?”

Der kleine Gnom in ihren Augen bäumte sich auf. “Ich sage… Ich sage Dinge…”

Sein Gesicht näherte sich dem ihren.

“Ich…” sagte sie noch einmal.

Und dann küssten sie. Sie legte die eine Hand um seinen Hals und denn die andere. Dann schlossen sich seine Augen um ihren liebenswerten Leib. Und so ist denn die ersehnte und gefürchtete Umarmung zustande gekommen. Sie schließen die Augen. Das Interesse des Bären an den Königskindern hat mit Beginn der Zärtlichkeiten offensichtlich zugenommen. Er steht auf und geht zu den seligen beiden. Die hören keinen Vogel mehr singen und sehen keinen Bär kommen- Meister Betz betrachtet sie einen Augenblick etwas von oben herab, dann tippt er dem Prinzen auf die Schulter, dreht sich um und geht weg mit der Miene eines Oberlehrers, der einen Musterschüler jovial-vorwurfsvoll auf einen Flüchtigkeitsfehler aufmerksam gemacht hat.

Der Prinz hat den Kopf gehoben und völlig verständnislos über die Störung den Bären traumverloren angeschaut.

“Warum verlässt du mich denn?“ fragt die Prinzessin. “Und warum kratzt du dir den Kopf?”

In der Tat kratzte sich der Prinz höchst unprinzlich den Kopf.

“Weil der Bär auf meine Schulter getippt hat, mitten beim Küssen.”

“Er schein sehr wenig Verständnis zu haben.” sagte die Prinzessin. “Wer weiß, wie es in seiner Familie ausschaut! Ach, ich bin so froh!” seufzte sie dann mit offenen Armen und Augen.

“Worüber denn?”

“Dass du kein Bär bist. Komm.” Und sie zog ihn zu sich herab, bis Mund auf Mund lagen und Herz in Herz.

“Ich kann dir nur erzählen, dass ich dich sehr lieb habe. Ja, mehr als das: dass ich dich liebe.”

Prinzessinnen reagieren auf ein solches Geständnis genau wie Bürgermädchen: sie schließen die Augen, atmen aus, und auf dem Mund liegt plötzlich ihre ganze Seele ausgebreitet. Der Prinz küsste Mund und Seele.

Und der Bär schüttelt den Kopf wie ein Mensch, dem etwas nicht passt. Dann geht er brummend zu den beiden. Die Prinzessin merkt aber nicht einmal, wie ein kapitaler Mistkäfer ihr Bein hinaufkriecht, um wie viel weniger hört sie den Bären brummen. Aber der Prinz hört es. Zunächst lässt er sich gar nicht stören. Aber als dann das Brummen ununterbrochen forttönt, da richtet er sich plötzlich auf und fährt den Bären an: “Was fällt dir eigentlich ein, uns hier dauernd zu stören! Kümmere dich doch um deine Bärenangelegenheiten. Du bist doch wohl der letzte, der hier ein Recht hat, die Anstandsdame zu spielen!”

Der Bär scheint gar nicht beleidigt, eher einsichtig. Er dreht sich um, und es sieht fast so aus, als zucke er die Schultern, wie einer, der eingesehen hat, dass zumindest Hopfen, wenn nicht auch Malz verloren sind.

“Komm, Prinzessin!” sagt der Prinz und steht auf. “Wir trennen uns jetzt, und morgen sehen wir uns wieder. Da wird uns hoffentlich kein Bär stören. Ich bringe auch die Liste mit von den Bedienten.”

Auch sie steht auf. “Bis morgen früh also?”

“Ja. Bis morgen früh denken wir aneinander. Dann sehen wir einander wieder und dann freie ich um dich.”

“Prinz, Prinz! Das hast du doch nicht mehr nötig!”

Er ruft sie zur Ordnung: “Prinzessin! Wir müssen den Formen genügen. Bedenke, dass wir ein Königspaar werden wollen und die Liebesanarchie bei Hofe die schwersten Folgen für das Land haben könnte.”

“Hier im Wald” sagt die Prinzessin “wollen wir ein Leibespaar sein. Am Hofe dann…” Zwei Arme um seinen Hals, ein Kopf an seiner Schulter.

Der Bär schaut ruhig zu und scheint sich sein Teil zu denken.

Ein langer Kuss. Zwei Hände, die sich langsam auseinander lösen, noch einmal innehalten, als sich nurmehr die Spitzen der Mittelfinger berühren. Und dann Trennung.

Keine Trennung. Denn ein unsichtbarer Faden verbindet Mittelfinger mit Mittelfinger, wird länger, je weiter die Liebenden sich voneinander fortbewegen, macht kleine Wellenbewegungen, wenn Prinz und Prinzessin nach jeweils ein paar Schritten sich umdrehen und winken.

In einer dritten Richtung verlässt der Bär den Schauplatz wie ein Kriminalinspektor, der von seinen Ermittlungen noch nichts verraten darf, weil das den Beobachteten Vorschub leisten könnte.

Als am Abend dieses für die Königskinder so ereignisreichen, bärenvollen Tages die Sonne sank, ging der Prinz in den Schlosshof, um Holz zu hacken. Es war eine Lieblingsbeschäftigung von ihm. Sein Vater hielt zwar nicht viel davon, aber er war tolerant genug, ihn bei seinem Glauben zu lassen, dass er beim Holzhacken mehr lerne als beim Studium des Bonifazius Suppe und anderer Autoren. Der Prinz hackte an diesem Abend wenig Holz. Ab und zu zeigte er ein besonders warmes Interesse für seinen Mittelfinger, den er sogar öfters küsste. Dann betrachtete er sinnend den Sonnenuntergang. Dann wieder hob er den Kopf und lächelte… Es gab ja so viel zu lächeln! Nur, wenn ich der Bär in den Sinn kam, hackte er mehr wütend als geschickt drauflos, weshalb ihm denn auch einige Stubbenstücke hartnäckig widerstanden.

Auch beim königlichen Abendessen war manches anders als gewöhnlich. Der Vater fragte, ob er sich in den Mittelfinger gehackt habe und schloss daran Bemerkungen über das Holzhacken im allgemeinen. Die Mutter bat ihn sanft, die Sauce auf das Fleisch zu gießen, nicht auf den Pudding. Mit kaum unterdrückten Lachen teilte die Schwester des Prinzen die Meinung über die unvergleichliche Schönheit des Sonnenuntergangs. Und ausgerechnet die komische Gouvernante wollte wissen, ob man ihretwegen lächele, ob sie nachlässig gekleidet oder sonst wie komisch sei.

Der Prinz gab etwas zerfahrene und wenig zusammenhängende Antworten. Mit Ausnahme der Gouvernante lächelte die ganze Hoftafel. Sogar der aufwartende Diener konnte sich ein auffälliges Zucken der Mundwinkel nicht verbeißen, als er den Geschändeten Pudding gegen einen unbegossenen auswechselte. Der Prinz hat mit zunehmender Rückgratversteifung von einem Lächeln zum anderen geblickt. Er fühlt sich ausgelacht und will gerade den Diener anfahren, als ihm einfällt, dass er vielleicht nur ausgelächelt wird und dass es wohl zweckmäßig ist, in den Lächelchor einzustimmen.

Da kann die nervös gewordene Gouvernante es nicht mehr aushalten. “Nun lächeln die prinzliche Hoheit höchstpersönlich auch noch! Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mir irgendeine Verfehlung habe zuschulden kommen lassen. Aber… Wahrhaftig, ich wäre untröstlich!”

“Machen Sie sich keine Gedanken, Frau Gouvernante.” sagt die Königin. “Es liegt ein Lächeln in der Luft, das muss nun mal gelächelt werden. Ich möchte nur den verehrten, ach so weise sich bedünkenden Lächlern zu bedenken geben, dass man mit Vorliebe dann spöttisch lächelt, wenn man allzu neidisch ist.”

“Ich danke auch, Frau Mutter.” sagte der Prinz und küsste ihre Hand. Das Lächeln, mit dem sie diesen Dank quittiert, ist vorbildlich schön.

Noch einige Überraschungen gab es am Abend dieses Tages für den Prinzen. Sein Zimmer war offensichtlich verändert: ganz fremd wirkte es auf ihn. Ein paar Gedichte, die er auf seinem Schreibtisch liegen sah und durchlas, kamen ihm seltsam fern und unbekannt vor, obgleich er sie am Morgen zu letzten Mal gelesen hatte. Nachdem er ein paar Takte auf seinem Flügel gespielt hatte, schaute er in den Flügel, fand aber keine Veränderung, auch am Pedal nicht. Dann begann er wieder, und sein Ton klang wieder so süß, dass das Gesinde sich unter seinem Zimmer sammelte und lauschte und lächelte…

Es ist ungeheuerlich, aber es muss gesagt werden: Der Prinz nuckelte in dieser Nacht; wie ein kleines Kind saugte er am Mittelfinger seiner rechten Hand als gälte es Honig daraus zu gewinnen. Und er glaubte zu erwachen durch einen leisen Druck auf diesen Finger. Schnell schrieb er die versprochene Liste und verließ das Schloss.

Das Schloss selbst schien zu lächeln an diesem Morgen, aus allen Fenstern strahlte es, sogar aus den Schießscharten. Die Menschen konnten sich dem Zauber des lächelnden Schlosses natürlich nicht entziehen. Die fegende Magd lächelte, der diensttuende Stallbursche lächelte, und selbst der königliche Fallbrückenwächter, ein sonst furchtbar brummender Patron lächelte, als der den Prinzen die Brücke zum Bärenwald passieren ließ. Als letzter lächelte ihm der so hochgelehrte Astronom von seinem hohen Turme nach.

Doch all dies Gelächle ist nichts gegen das Lächeln, mit dem ihm nun dieses entzückende Stück Leben, Liebe und Welt im Walde entgegentritt. Der Faden wird kürzer und kürzer. Die Spitzen der Mittelfinger berühren einander, die Hände ineinander, die Herzen, die Atem und Mund auf Mund…

Doch dann ruft diesmal sie ihn zur Ordnung: “Prinz, wir wollen der Form genügen.”

Der Prinz kniet und überreicht ihr die Liste. Die Prinzessin hockt sich zu ihm und beginnt zu lesen:

” ‘Liste für das auserwählte Herz, enthaltend alle Diener, so einer prinzesslichen Hoheit zur Verfügung stehen werden in einem künftigen Glück.’ So schön hat noch keiner angefangen. Dafür sollst du einen Kuss haben.”

Dann liest sie weiter: ” ‘Zunächst ein prinzlicher Gemahl.'”

“Für die Liebe!” kommentiert er.

“‘Dann ein königlicher Vater.'”

“Für die Kinder!” sagt er dazu.

“‘Dann ein immerwährender tief empfundener Dank!'”

“Für alles, was du schenken wirst.” sagt er.

“‘Dann ein’ – was? – ‘königlicher Hockteppichwirker.’ Oh Prinz, das ist das Schönste. Dafür verdienst du einen weiteren Kuss!”

Dann wiederholt sie jubelnd: “Ein Hochteppichwirker!”

“Aus Smyrna!” ergänzt er.

“Smyrna? Wo ist Smyrna?” fragt sie.

“Da, wo man nicht an uns glaubt.”

“Wie kann man nicht an uns glauben?” fragt die Prinzessin ein wenig entrüstet und fährt dann guten Glaubens fort: “Nun, dem Hockteppichwirker aus Smyrna werden wir es beweisen.”

“Nun lies das Ende, bitte!” sagt er.

“‘Zuletzt ein königliches Heer von Helfern, so groß als es die künftige Holdheit zu ihrem Wohl braucht.'”

“Hast du etwas bemerkt, Prinzessin?” fragt der Prinz.

“Ja,” sagt die Prinzessin, “das ist die schönste Liste, die mir je ein Freier vorgelegt hat. Und deswegen – aber nicht nur deswegen – will ich sie auch akzeptieren. Ich will dich also nehmen, Prinz – Also… ”

In ihrem Kopf schwirrt es durcheinander. Bei den früheren Freiern hatte es ihr immer um die verloren gehende Freiheit leid getan. “Und jetzt” sagt sie “will ich nichts anderes als… Ach, ich kann es nicht in Worten sagen.”

Darum sagt sie ihm mit einer Umarmung, dass sie ihm nicht nur die Freiheit, sondern Alles, Alles, was sie besitzt, schenken will. alles Vertrauen, alle Liebe und Treue und wenn es mehr gäbe, dann auch das noch, uneingeschränkt. Und…

Fast gewaltsam muss er sich von ihr lösen. “Prinzessin,” sagt er atemlos und stammelnd, “deine Liebe ist so schön, ich komme mir so unwert dieser großen Empfindung vor. Ich bin betäubt, kann es nicht fassen…”

Er steht auf. Der Wald ist wie früher, sein Blick beruhigt sich in ihm. Er lächelt, und nachdem er verschiedene Äste auf ihren Wegen vom Stamm bis in den blauen Himmel hinein verfolgt hat, fällt sein Blick wieder auf die Prinzessin, die noch vor ihm hockt und ihn anschaut. Er nimmt ihren Kopf in beide Hände, hebt sie zu sich empor und küsst sie zart und flüchtig. Dann bietet er ihr den Arm. Sie steht auf und geht mit durch den Wald davon.

“Ich meinte vorhin eigentlich,” begann er nach einer Weile, „ob du nicht bemerkt hast, dass der Bär gar nicht erschienen ist.”

“Wohin gehen wir eigentlich jetzt?” fragte sie darauf.

“Und die Liste,” sagte er dann “die habe ich heute früh nur so hingeschrieben. Hoffentlich ist sie dir vollständig genug!?”

“Bei mir zu Hause,” sagt sie “haben es alle gemerkt, obgleich ich kein Wort gesagt habe.”

Dieser etwas unzusammenhängende Dialog spann sich weiter, ohne irgendwie folgerichtiger zu werden. Sie waren unaufmerksam dem Wortsinn gegenüber. Umso aufmerksamer lauschten sie den zartesten Schwingungen in der Stimme des anderen.

Und dann kamen sie zum Meer. Ein Boot stand bereit, groß genug für die beiden, aber viel zu klein, so schien es, für das große Meer. Die Prinzessin konnte eine aufsteigende Angst beim Anblick des Wassers nicht dämmen. Er aber ging mit einem sehr erwartungsvollen Lächeln darauf zu.

Sie hielt ihn fest. “Du, ich habe Angst!” Sie klammerte sich an ihn. Er blieb stehen.

“Ich haben so große Angst,” wiederholte sie “dass wir auf dem Meer nicht mehr zueinander finden werden. Schau, wie groß es ist. Du wirst mich verlassen! Oder…”

“Liebling!” umarmt er sie. “Wie kann ich dich verlassen, wenn wir erst auf dem Meer sind? Da wird doch nichts sein außer dir! Ich möchte dich auf die Arme nehmen und laufen, weil mir der Weg zum Boot zu lang ist.”

Er tut es und läuft.

Ganz nah ihrem Auge ist sein froh lächelndes Gesicht; und sie denkt, dass es gewiss Unrecht ist, ängstlich zu sein, dass die Angst eine Kluft aufreißt, in der sie sich verlieren könnten…

Da verlangsamt sich sein Schritt. Er bleibt stehen und setzt sie fast unsanft nieder. “Du hast recht. Man kann Angst haben!” sagt er und schaut aufs Meer. “Das Boot ist sehr klein. Wenn ein Sturm kommt…?”

“Prinz,” sagt sie geheimnisvoll “dann kommt der Sturm. Wenn wir ihn nicht aushalten, dann waren wir es nicht wert, dann gehen wir miteinander unter. Das kann auch sehr schön sein.”

“Ich weiß es nicht!” Und nach einer kleinen Pause sagt er fast rau: “Komm!”

“Nicht so barsch!” bittet sie. “Und nicht so unlächelnd. Schließlich handelt es sich um eine kleine Kahnfahrt. Seit Urzeiten eine ausgesprochene Belustigung und ein Sonntagsvergnügen.”

“Und ein Wagnis!” sagt er und besteigt das Boot.

“Man nimmt dem Wagnis nicht das Gewicht, wenn man es belächelt.” sagt sie und setzt sich ans Steuer.

Sie stoßen ab. Er rudert mit kräftigen Zügen, aber bald merkt er, dass das Boot sich ohne sein Rudern fortbewegt, und das Steuer nimmt Kurs vom Land weg, ohne dass die Prinzessin es zu bedienen braucht. Die untätigen Hände finden zueinander, vier Hände, ganz fest.

“Und Aug in Aug.” bittet er.

De Augen senken sich ineinander, vier Augen, unschätzbarer Reichtum der Liebe, ganz fest; und in fast regelmäßigen Abständen lächeln die Liebenden und werden wieder ernst, lächeln… Augen und Hände ziehen sie an seine Seite. Als sie den Platz wechselt, schwankt das Boot leicht.

“Siehst du,” sagt der Prinz “wie die Sonnenstrahlen im Meer glitzern?”

Leise hob eine Welle das Boot. Der Wind begann in den Haaren zu spielen. “Prinz, jetzt kommt der Sturm. In all die Helligkeit um uns. Es wird schön werden. Ich freue mich darauf und bin glücklich.”

Sein Atem streift den ihren und ihr schönes Antlitz. “Und wir sind ganz allein in diesem Sturm. Wir werden aneinander uns festhalten müssen.”

Genug geredet, denn eine Welle fasst das Boot so, dass sie in seine Arme sinkt. Der Wind beginnt mutwillig Woge auf Woge gegen das Boot zu blasen. Und jede Woge ist den beiden lieb. Sie hängen fester aneinander. Was der Wind in den Haaren zerrauft, versuchen liebkosende Hände vergeblich wieder zu glätten.

“Wie warm der Wind ist, wie begünstigend.” kann er noch feststellen, trotz weniger Atem.

Ihr Kopf sinkt an seine Brust. “Wie warm, ja. Wie schön, wie gut, wie gütig…” sagt sie. Dann wirft sie den Kopf in den Nacken und mit jenem lächelnden Ernst, mit dem nur Frauen zu sprechen vermögen, sagt sie: “Wie herrliche schön…”

Eine große Woge strebt auf das Boot zu. Die Prinzessin bemerkt sie und in der Angst, den Geliebten zu verlieren, reißt sie ihn auf den schwankenden Boden. Dort scheint es still. Allein und kein Entrinnen mehr…

Die Woge hebt das Boot. Ganz kurz vor dem Brechen erstarrt sie plötzlich. Wenige Tropfen sind ihr schon vorausgeeilt, sie hängen wie Perlen in der Luft. Auch der Sturm ist erstarrt, nichts rührt sich, kein Laut.

Das Paar ist aufgeschreckt. Sie glauben, gestrandet zu sein. Mit Traumesaugen sehen sie sich auf dem Kamm einer kristallenen Woge. Sie fühlt sich an wie Glas, stellt der Prinz fest.

Sie wissen kein Wort zu sagen, schauen auf das Meer und wieder einander an.

Über den Wellenkamm, aus weiter Ferne schnell größer werdend, nähert sich ihnen ein schwarzer Punkt. Da findet der Prinz die Sprache wieder:

“Schau, was da kommt! Ein Punkt – Arme, Beine ein Kopf…”

“Der Bär!” schreit sie.

Sie sitzen auf dem Bootsrand. Die Herzen schlagen laut und langsam in der Brust, als arbeiteten sie mit letzter Kraft. Der Atem fällt schwer. Die Augen sind voller Entsetzen.

Der Bär kommt, nimmt den Prinzen auf die starken Arme, dreht sich um und geht über den kristallenen Wogenkamm zurück. Seine gleichmäßigen, ziemlich schnellen Schritte hallen seltsam durch die gläserne Stille. Der Prinz wehrt sich mit Händen und Füßen, aber es sieht aus, als ob ein dreijähriges Kind auf den Vater einschlägt. Er gibt es auf und versucht nur noch, den Kopf immer wieder so zu wenden, dass er die Prinzessin noch sehen kann. Er winkt und wirft Kusshände.

“Ich kommen wieder!” brüllt er.

“Nein!” haucht sie und winkt und wirft Kusshände.

Kaum kann sie den Prinzen noch erkennen; eine Bärenkontur, dann ein Punkt, der schließlich in den Horizont hinein verschwindet.

Dann schmilzt die Kristallwoge und geleitet wie seufzend Boot und Prinzessin an Land.

Die Prinzessin und der Prinz sind nicht daran gestorben. Auch der Bär lebt noch und ist der Meinung, richtig gehandelt zu haben.

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