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zurück zum Anfang des Märchenbuchs für Liebende

Für den Freitag

Liebe Zweisamkeit!

Im heutigen Märchen handelt es sich wieder um die Geschichte einer kleinen Liebe. Damit meine ich nicht etwa eine leidenschaftslose, unechte, böse oder auch nur kurze Liebe, sondern eine Liebe, die endet. Im Gegensatz zur großen Liebe, die einmal kommt und ein Leben dauert oder länger. Auch im Mittwochmärchen war ja die Liebe zwischen Prinz und Prinzessin zu klein. Sonst wäre nie die Woge erstarrt. Und dass Bären aufs Meer  s c h w i m m e n  können, halte ich für ausgeschlossen.

Ich finde, es ist nicht leicht und doch ungemein wichtig, das Maß einer Liebe erkennen zu können. Nicht leicht, denn diese Untersuchung muss jenseits der Worte und des guten Willens vorgenommen werden; und wichtig: Nun, ich glaube, die Summe aller kleinen Lieben wiegt nie die große Liebe auf. Es gilt also die tiefsten Gefühle zu prüfen, die Träume und – Märchen. Hier erwächst den Märchen, die wir unter Liebenden erzählen, eine neue, wichtige Aufgabe. Sie können Prüfstein einer Liebe werden, ähnlich dem Kristall im Märchen am Montag.

Wenn die Märchen, die wir erzählen, oft tragisch enden, so unbeschwert sie angefangen haben mögen – die große Liebe beginnt ja oft stockend und spröde, wie uns ein Schutzengel am Sonntag berichten wird -, wenn die Märchen kampflos plätschernd abrollen, wenn sich nur krampfhaft überhaupt ein Faden spinnen oder ein Schluss finden lässt oder gar, wenn es überhaupt nicht gelingen will, Märchen zu erzählen und ihnen zuzuhören, – dann, glaube ich, muss man die Tatsachen einer Liebe zu erforschen versuchen, muss gegebenenfalls viel getan werden, sie zu vergrößern. Natürlich lässt sich solche Anschauung nicht verallgemeinern. Manche märchenreiche Liebe mag klein sein, manche märchenlose groß.

Jedenfalls: Manchmal, – oft bleibt die Liebe klein, wie in den heutigen Märchenbriefen, ist aber trotzdem eine Liebe. Wollt ihr heute abwechselnd lesen? Die männlich-prinzlichen Briefe haben ungerade Ziffern, die weiblichen gerade. Ihr werdet vielleicht das obligate “Es war einmal” vermissen. Es ist keineswegs vergessen, sondern steht als Wasserzeichen auf dem Märchenpapier des Prinzen, auf dem ersten Brief also. So.

Halt, Du Schnösel! Siehst Du denn nicht, dass die Freundin schlecht sitzt?! Na? Na, nun opfere mal eines von den drei Kissen, die Du Dir hinter den Rücken gestopft hast. Sie hat doch bloß das kleine wabblige. So. Na also.

So, nun sollt Ihr endlich erfahren,

I

Hochverehrte Frau Mutter!

Ich bin gut angekommen im Erdenland und hoffe, dass ich mich in der kleinen Universitätsstadt bald heimisch fühlen werde. Das Semester beginnt erst in einigen Tagen.

Ich bitte um Vergebung, wenn ich Sie jetzt mit meinen Unterhosen belästige, aber ich kann sie beim besten Willen nicht finden. Dabei haben Sie sonst an alles gedacht, sogar an die Pulswärmer für den Leibkobold. Der Haushofmeister ist schon ganz verzweifelt vom vielen Suchen. Das Wort “Unterhosen” versetzt seine Mundwinkel in eine so kummervolle Lage, dass ich jedes Mal die Augen schließen muss.

Was man hier zu kaufen bekommt, ist in der Farbe vollkommen unstandesgemäß und überdies viel zu grob für meine prinzlichen Beine. Ich bräuchte zunächst lange und für den Sommer dann kurze.

Ich verbleibe ansonsten mit demutvollen Grüßen

Ihr prinzlicher Sohn.

II

Hochzuverehrende, prinzliche Hoheit!

Darf ich Sie freundlichst darauf hinweisen, dass ich nicht Dero Frau Mutter bin und somit auch nicht wissen kann, was mit Dero Unterhosen sich zugetragen hat. Ich nehme an, dass meine im besten Sinne gutbürgerlichen Eltern mit Recht entrüstet wären, w e n n  ich es wüsste.

Darf ich Sie demnach höflichst bitten, Briefe an Dero Frau Mutter, noch dazu, wenn sie so prosaischen und zugleich dringlichen Inhalts sind, nicht an mich zu senden. Es dürfte Ihrem Leibkobold ein Leichtes sein, den Märchenbriefkasten ausfindig zu machen, dessen Existenz wir Erdenkinder nur ahnen. Er soll einem unkontrollierbaren Gerücht zufolge von märchenblauer Farbe sein. In den gewöhnlichen gelben Briefkasten gesteckt, werden Märchenbriefe jedenfalls an die unrichtige Adresse befördert, wie die Erfahrung im vorliegenden Falle lehrt. Dass Dero Brief gerade an meine Adresse geriet, möchte ich für einen unerklärlichen Märchenzufall halten.

Ich freue mich allerdings sehr, diesem Zufall zum Opfer gefallen zu sein, verdanke ich ihm doch den Besitz eines richtigen Märchenbriefes von einem richtigen Märchenprinzen. Viele geheimnisvolle Gedanken wandern seit gestern in Dero wunderumwitterte und ach so unbekannte Heimat.

Nun grüßt hochachtungsvoll

ein Erdenmädchen.

III

Sehr verehrtes Erdenmädchen!

Nach sachgemäßer Zusammenschimpferei meines Haushofmeisters (der mit den kummervollen Mundwinkeln) beeile ich mich, auf diesem Wege um Entschuldigung zu bitten, weil ich Ihre gutbürgerlichen Ohren mit meinen Unterhosen belästigt habe. Natürlich bildlich gesprochen. Oder besser: brieflich, und insofern dann allerdings Ihre Augen, das sie meine Zeilen  l a s e n  und nicht hörten… Jedenfalls: belästigt.

Darf ich Ihnen frei gestehen, dass mir Ihre Handschrift außerordentlich gut gefällt? Das ist natürlich kein Grund zu der höflichen Frage: Könnten wir uns nicht kennen lernen? Nicht eigentlich um Ihr Mitleid zu erregen, teile ich Ihnen mit, dass ich ein Märchenprinz und in dieser Stadt (noch) ohne Anhang bin. Wie lange noch?

Ich bin mehr oder weniger einsam und wäre froh, wenn Sie diese Einsamkeit mit mir teilten, denn sie erwüchse dadurch zwangsläufig zur Zweisamkeit!

Wie heißen Sie? Wann und wo treffen wir einander?

Voll Ergebenheit

Ihr hoffender Prinz

IV

Sehr verehrter, hoffender Prinz!

Sie sollten Ihren Haushofmeister nicht zusammenschimpfen, auch nicht sachgemäß. Seine Mundwinkel neigen ohnedies zum Kummer. Das lässt auf eine leidgeprüfte Seele schließen, und ebensolche soll man zart behandeln. Verzeihen Sie einer Bürgerlichen diese Einmischung in Dero Domenstikenangelegenheiten.

Verzeihen Sie auch die Frage: Woher wissen Sie, dass neben meinen Eltern auch meine Ohren gutbürgerlich sind? Männliche, besonders lange Unterhosen – zumal in Briefen – sind überdies so unpikant, dass ich ihre Erwähnung nicht einmal vor einer fünfzehnjährigen Enkelin verbieten würde.

Bevor ich einer Bekanntschaft mit Ihnen näher treten kann, muss ich Ihren Namen wissen. Auch bitte ich Sie um eine ehrenwörtliche Versicherung, dass Sie sich nicht in Luft auflösen, wenn ich Ihnen je lästig fallen sollte. In letzterem Falle wollen wir uns aussprechen! Von meiner Freundin Isolde weiß ich nämlich, dass Märchenprinzen kleinen Bürgermädchen gerne schön tun, aber die Betreffenden nach einer gewissen Zeit auf märchenhafte Weise sitzen lassen. Isolde bekam den Abschied und einen Strauß wunderschöner, immerduftender Rosen. Aber sie weint in all dem Duft.

Ich kann nicht verschweigen, dass mir Ihre Handschrift auch sehr gut gefällt und dass ich stolz wäre, einen Märchenprinzen kennen zu lernen. Aber Sie müssen verstehen, wenn ich die einem Bürgermädchen geziemenden Einwände vorgebracht habe.

Wenn ich mit meinen Worten Hoheits Ohr verletzte, bitte ich das mit dem fast himmelweiten Unterschied entschuldigen zu sollen, der uns von Geburt her trennt, denn ich bin nur – mit allerbesten Grüßen –

ein schlichtes Mädchen.

V

Verehrtes, schlichtes Mädchen!

Gestatten Sie, dass ich mich zunächst vorstelle: Ich bin Märchenprinz Bonifazius von Suppe. Ich sehe aber nicht so aus.

Ich fürchte sehr, wir werden einander nie kennen lernen, denn das gewünschte Ehrenwort, wonach ich Ihnen treu bleiben müsste, was wohl einem Eheversprechen gleichkäme, kann ich Ihnen zu meinem größten Bedauern aus vielerlei Gründen nicht geben. Wir Märchenländischen sind gewissen Gesetzen unterworfen, denen auch ich mich beugen muss.

Ich bedauere unendlich, dadurch um den Genuss zu kommen, ein schlichtes Bürgermädchen mit amourösem Vorleben kennen zu lernen, für dessen Qualität immerhin eine fünfzehnjährige Enkelin spricht! Vielleicht jedoch könnten Sie meine großmütterliche Freundin werden?

Haben Sie Dank für das Kompliment über meine Handschrift. Mein Sekretär hat sich sehr gereut.

Es ist traurig, dass ich ewig bleiben muss Ihr unbekannter

Prinz Bonifazius von Suppe.

P.S. Ich möchte nur noch kurz richtig stellen, dass der Haushofmeister mich zusammengeschimpft hat (bei aufreizend erhobenem Mundwinkel), nicht umgekehrt.

VI

Hochverehrter Prinz!

Es ist sehr traurig, was Sie schreiben. So traurig, dass ich Sie kennen lernen möchte. So paradox es klingt: weil Sie mir das Ehrenwort n i c h t  geben (das lässt nämlich auf große Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit schließen), will ich es wagen. Wenn ich meine Ehre dabei verliere, – wer weiß, wie viele Märchen ich gewinne…?

Kommen Sie morgen zu mir, zum Maskenball. Kommen Sie als Spanier und erobern sie die spanische Senorita, als die ich kostümiert sein werde.

Die natürliche Voraussetzung für eine Enkelin in Form eines Kindes, ist noch ungeboren. Ich sprach vom Eventualfall. Bedingt durch mein Alter werde ich auch auf das Glück verzichten müssen, Ihre großmütterliche Freundin zu werden; es sei denn, Sie hätten noch die Milchzähne. Aber selbst dann… Vielleicht aber muss ich auf ein anderes Glück verzichten…

Auf morgen, Prinz, freut sich Schnubilienmaus Brocken.

P.S. Ich sehe aber auch gar nicht so aus.

VII

Liebe spanische Maus!

Ich muss Ihnen eine Freude nehmen: Ich habe Sie erkannt. Sie haben am rechten Unterkiefer außen einen Leberfleck. Stimmt’s?

Ich gebe zu, dass ich zunächst einen Schreck bekam, als ich mich plötzlich unter zwanzig anderen Spaniern etwa sechzehn Senoritas gegenübersah. Ich machte gute Mienen zum Schabernack und tanzte der Reihen nach mit allen Spanierinnen. Nachdem ich alle mit Mausi angesprochen hatte, worauf sie alle ohne Ausnahme zärtlicher wurden, und als keine auch nur andeutungsweise auf die nur uns bekannten Themen wie Unterhosen oder Enkelin eingegangen war, wollte ich schon verzweifeln. Aber: Glück muss nicht nur der Mensch haben, sondern zuweilen auch Märchenprinzen.

Mein Leibkobold holte mir die Flasche “Mascowex”, die ich zufällig aus dem Märchenland mitgebracht hatte. Dieses märchengesetzlich geschützte und patentierte “Mascowex” hatte die gewünschte Wirkung: Alle Masken schwanden. Ich tanzte schon einmal mit allen Spanierinnen, und die ganz besonders liebenswerte und bezaubernde, die da unter dem vermeintlichen Schutz der Maske das laute Lachen kaum verbeißen konnte, als ich die nur uns vertrauten Themen anschnitt, – das warst Du, Schnubilienmaus. Du bist sehr schön.

Ich komme jetzt zu Dir! Dieser Brief soll Dich warnen!! Du blamierst Dich, wenn Du die Komödie weiter spielst. Gleich wird es klingeln. Das ist schon

Dein Bonifazius.

VIII

Oh Prinz!

Was soll denn das? Vor wenigen Augenblicken haben Sie mich verlassen, und schon sitze ich da und schreibe an Sie, weil die Gedanken sich überstürzen und nach irgendeinem Ausdruck verlangen. Wahrscheinlich lauter unbestimmbares Zeug. Und dann werde ich nachher meinen Schwur, jeden Brief, den ich schreibe, auch tatsächlich abzusenden, brechen: Sie werden diesen Brief nie zu Gesicht bekommen. Vielleicht zerreiße ich ihn auch. Oder lieber gleich?

Nein, er soll doch eine Erinnerung sein. Ich werde ihn an mich adressieren. Das ist aber auch…

Jetzt habe ich das bereits Geschriebene noch einmal durchgelesen, und mir vorgestellt, wie Dein Gesicht nach der Lektüre dieses Ergusses wohl aussähe.

Ja, Prinz, Du hättest recht: Ich bin aus dem Gleis. Wie eine Lokomotive, die verwundert und auch ein wenig sehnsüchtig neben den altgewohnten Gleisen schnauft. Und Du hast mich da herausgehoben. Ja, Du, der Du jetzt ahnungslos vor irgendeinem Schaufenster in der Stadt stehst. Soll ich Dir kaufen, was Dich in der Auslage so interessiert? Ich möchte Dir so gerne etwas schenken.

Prinz, eben habe ich aber einen Schreck bekommen. Am Ende bist Du ein als Märchenprinz verkleideter böser Zauberer, der unsichtbar jetzt hinter mir steht und liest, was ich für Zeug schreibe, und lacht, weil ich in seine Falle gegangen bin? Nein, nicht wahr, Du bist keine Schnubilienmausfalle?

Oh, warum habe ich nicht Isoldens Rat befolgt und bin Dir aus dem Weg gegangen? Nun bin ich Dir verfallen (doch eine Falle?), und eines Tages wirst Du mir immerduftende Rosen schenken, und ich werde weinen…

Wenige Stunden meines Lebens war ich erst mit Dir zusammen, vier harmlose Briefe habe ich von Dir,- und mir ist schon, als wäre ich die Mutter Deiner Kinder und lebte zwanzig Jahre ungetrübtes Glück an Deiner Seite. Werden wir Zebra-Kinder haben, halb Märchen, halb hier?

Das sollte ein Scherz sein! Hast Du es gemerkt? Ach so, Du wirst ja diesen Brief nie bekommen. Oder doch? Dabei schlägt mein Backfischherz so ernst. Ist das falsch?

Ich weiß nichts mehr. Nur dass ich Dich

IX

Lieber, um Mitleid flehender Schnubs!

Leider kann ich heute nicht kommen, denn ich bin krank. Mich drückt es. Nicht der Schuh und nicht der Bauch, sondern das Gewissen. Mich können also weder Erden- noch Märchenärzte heilen und schon gar nicht deren fragwürdige Medizin. Du kannst mich heilen. Und deshalb will ich jetzt zur Sache kommen.

Ich habe Dich gestern bestohlen. Nein, lass die Hand vom Telefon: die Polizei brauchst Du deshalb nicht zu behelligen. Ich habe Dich um ein Stück Papier bestohlen, dessen Wert höchstens dem eines halben Brötchens gleichkommt. Willst Du Dich von einem schnauzbärtigen Polizisten auslachen lassen?  Nun: Im Hinblick auf die Tatsache, dass dieser Brief mal ein Ende haben muss, will ich Dir nunmehr gestehen, dass ich Dir den Brief gestohlen habe, den Du mir nach unserem gestrigen Beisammensein geschrieben hast, und der seitdem in Deiner Schreibtischschublade ruhte.

Soll ich mich verteidigen? Ich habe gestanden und bereue.

Ich habe Dir etwas sehr Wertvolles gestohlen. So paradox es vom Diebesstandpunkt aus klingen mag: hätte ich den hohen Wert des Gegenstandes gekannt,- ich hätte ihn nicht gestohlen. Aber ich bin ja auch kein Dieb. Ich bin ein Tempelstürmer. Ich bin in den Tempel eingedrungen, in den nur Deine Hand mich hätte geleiten dürfen. Wie ein kleiner Junge, das inkarnierte schlechte Gewissen, wie weiland Euer Adam, stehe ich da und frage Dich: Willst Du verzeihend meine Hand nehmen – und mich in dem Tempel begrüßen? Denn verlassen werde ich das Erstürmte nicht so schnell ohne Gewaltanwendung.

Dein Brief ist so schön! Ich habe ihn nach dem ersten Lesen nicht etwa beschämt, weil ich Dein Herz so bloßgestellt sah, weggelegt, sondern habe ihn wieder und wieder gelesen. Wenn ich nachts aufwachte, machte ich Licht und las ihn. Zwischen drittem und viertem Marmeladebrötchen beim Frühstück musste ich ihn lesen. Einige Straßenbenützer (Radfahrer, Müllkutscher und andere) riefen mir Worte nach, die sehr im Gegensatz zum Inhalt Deines Briefes standen, den ich auf der Straße las. Und im Kolleg habe ich ihn auswendig gelernt.

Dein Brief ist so gut und mein Gewissen so schlecht… Gib mir Gelegenheit zu beweisen, dass er den Brief reumütig auswendig kann, ihm

Deinem Boni.

X

Mein Boni, Lieber, Liebes!

Ich gebe Dir Gelegenheit. Ich mag nicht, dass Dir etwas gedrückt wird. Komm zu mir. Ich hatte Dir schon verziehen, als Du gestern unter der Laterne drüben den Brief lasest. Ich musste zwar ans klopfende Herz fassen, als ich Dich da so viel von meinem klopfenden Herzen in der Hand halten sah. Aber es war geschehen und ich denke ja immer: was geschehen ist, ist gut.

Du musst prinzipiell mit allen Heimlichkeiten vorsichtig sein bis zur Laterne. Bis dahin schaue ich Dir jedes Mal nach, wenn Du von mir gehst,- dann verschwindest Du im Dunkel, und ich kann Dir mit den Augen nicht mehr folgen. Also, wenn Du mich mal betrügen willst, oder wenn Du mein kleiner Sohn im noch rauchunzulässigen Alter wärest:- betrüge mich hinter der Laterne, Du müsstest hinter der Laterne rauchen, im Dunkel…

Aber nun komm, liebe Suppe, zu

Deinem Brocken.

XI

 

XIII XIV
Bleibe bitte immer: meine liebe Schnubilienmaus!Glaubst Du wirklich, dass ich Dir nach einem so wortreichen Krach etwas besonders Schönes schreiben kann? Küssen möchte ich Dich, wie Du da wenige Meter von mir entfernt an mich schreibst.Aber eines könnte ich Dir vielleicht bei dieser Gelegenheit noch sagen. Wir wollen das nächste Mal, kurz bevor unsere Stimmlage das gewöhnliche Maß überschreitet, bremsen und den Rest für später aufheben. Ich bin überzeugt, dass man sich über diesen Rest später in der gewöhnlichen Stimmlage viel leichter verständigen kann.Ich werde dir also beim nächsten Mal nicht gereizt klarzumachen versuchen, dass es genau so gekommen ist, weil Du (folgt Dein Vergehen), und Du wirst mich bei anderer Gelegenheit nicht fragen, wie oft Du mir noch sagen sollst, dass ich (folgt meine Vergehen). Diese elefantenhaften Vergehen verwandeln sich nämlich innerhalb weniger Minuten in Mücken, die dann höchstens noch einige lustige Worte wert sind.Das ist nun nichts besonders Schönes, was ich Dir da gesagt habe, nur ein guter Rat für uns vonDeinem Bo-Su(was nicht Bohnensuppe heißen soll.) Mein letzten Ende ja doch über alles Geliebter!Nun wollen wir sehen, ob dieses Mittel hilft, ob wir einander, nachdem manches harte Wort die harten Köpfe traf, Schönes in die Herzen schreibeleuchten können.Wir wollen in Zukunft offener miteinander sein, Boni.Wir wollen alles, was uns bewegt, frei aussprechen.     V o r  dem gegenseitigen Quälen. Dann haben wir mehr Kraft und auch Zeit für die gegenseitigen Liebesgeständnisse. Wenn Du mich küsst, oder wenn ich in Deinen Augen die Sehnsucht lese, mein Leberfleckchen zu streicheln, da weiß ich ganz genau, was Du meinst.Aber wenn Du mich mal nicht küsst, und jegliches Leberfleckchen unbeachtet lässt, dann möchte ich gern hinter Deine Stirn schauen. Und dann möchte ich Dir helfen. Also sag mit immer alles: was Dich beglückt und was Dich bedrückt.Besonders schön ist das ja nicht, was mir da eingefallen ist. Sieh darin meinetwegen Belehrungen, aber keinesfalls Vorwürfe!Die mach ich Dir nicht, denn ich mag Dich.

Und es liebt Dich

Deine Schnu-Br

(was der Name einer schnurrenden Katze sein könnte.)

XV

Du Meine!

Ich glaube, das war ein blödsinniger, weil undurchführbarer Einfall von mir. Ich weiß tatsächlich nicht, was ich Dir vor lauter Glück schreiben soll.

Schmeckt der Federhalter? Märchenhartgummi!

Im Wald war es so schön. Ich kann nicht sagen, wie schön. Wenn ich kein Prinz wäre, in dessen Heimat dieses Wort ohne Gewicht ist, würde ich sagen: “märchenhaft” schön. Aber so…

kann ich nur sagen: mach Schluss und komm in die Arme eines

Schnubsanbeters.

XVI

Mein Du!

Das wird nichts! Aus dem Glück heraus kann man solche Gemeinschaftsbriefe nicht schreiben.

Du sollst doch nicht herüberschielen! Wirst Du wegschauen. Ich schreiben das, wohl gemerkt,- sage es nicht, sonst schaust du am Ende wirklich weg. Prinz, Du musst Deiner Augen gerecht werden.

Ich lasse mich doch nicht tyrannisieren. Ich mache jetzt Schluss, stehe auf und fange etwas anderes an!

Zur Kenntnis an Bonifaz von Suppe von

Schnubs von Schnubsonien.

XVII

Hochzuverehrende Schnubs von Schnubsonien!

Sehr geliebte Schnubilienmaus!

Mein Fratz!

Wie siehst Du aus, wenn Du diesen Brief erhältst?  Liegst Du in der Badewanne? In mir siehst Du ganz frisch und jung und lebendig und so so so schön aus.

Gestern ging ich zur Uni. Der Dekan der märchenwissenschaftlichen Fakultät war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Ein Teil seiner Anerkennung gilt natürlich Dir (das habe ich ihm allerdings nicht gesagt), denn allein in meinem Studentenstübchen hätte ich mit viel weniger Lust und Liebe gearbeitet. Er meinte, ich solle den Titel in ‘Instruktive methodische Untersuchungen über den Wahrheitsgehalt der in Erdenländern kursierenden Märchen, unter besonderer Berücksichtigung der darin enthaltenen märchenläufigen Sitten und Gebräuche’ umändern. Ich finde diesen Titel ein wenig konventionell und akademisch. Er schlug mir übrigens auch vor, die Arbeit, so wie sie ist, bereits als Dissertation für den Dr. mär. vorzuschlagen.

Das will ich aber nicht. Und Du weißt warum? Weil ich dann nicht weiter studieren bräuchte und … verstehst Du? Ich möchte doch zumindest noch ein Semester bei Euch, bei Dir sein. Ich habe nämlich Sehnsucht nach Dir.

Ich möchte noch immer wieder mit Dir durch den Wald gehen wie damals. “Damals” schreibe ich, dabei ist es noch gar nicht lange her. Und mir scheint es schon so weit zurückzuliegen, dass ich beinahe zweifle, ob ich Deinen Mund im Dunklen noch auf Anhieb finden würde. Warum war es eigentlich im Wald so schön?

Zum Wochenende findet hier ein großes Parkfest mit Feenbeleuchtung und Elfenreigen statt. Alle heiratsfähigen Töchter aus den besten Häusern der weiteren Umgebung sind eingeladen. Meine Eltern rechnen mit einer Verlobung; sie wollen mich im dunklen Park beim kompromittierenden Schmusen mit einer solchen Tochter erwischen, und dann soll ich als Ehrenmann nicht mehr zurück können. Aber ich werde an Dich denken und anstatt schmusen husten, ihnen nämlich was!

Kannst Du Dir so ein Fest vorstellen? Die schönsten Farben werden einfach in die Luft gemalt und leuchten die ganze Nacht hindurch, hier wechselnd, dort stetig. Ein Rauschen wird durch die Bäume gehen, und bald darauf werden die Elfen mit ganz feinen, goldenen Haaren in Blumenkleidern auf Seerosen tanzen. Und kannst Du Dir vorstellen, dass gegen Morgen als größte Überraschung die Sterne plötzlich nicht mehr kunterbunt am Himmel stehen werden, sonder wohl geordnet und sich immer neu formierend zu immer schöneren Bildern? Dazu Sphärenmusik. Diese Überraschung kostet meinen Vater viel Geld.

Oh, ich wünschte, ein schlichtes Erdenmädchen könnte diese Wunder mit mir sehen. Ich sage “Wunder”. Merkst Du, wie geläufig mir die Erdenterminologie geworden ist, mir, dem doch das Beschriebene durchaus wunderlos ist?

Doch davon und anderes(!) mündlich(!). Auf Wiedersehen, Du Meines, Dein

Märchenprinz.

XVIII

Sehr geehrter Herr Märchenprinz!

Nun ist auch Britte, die Tochter eines Nachbarn, in der Lage, in der Isolde und ich einst waren: Sie ist mit einem Märchenprinz befreundet.

Sie bietet auch mir die Gelegenheit, nunmehr unseren ehemaligen Briefwechsel zu beenden, indem ich Ihren letzten Brief gewissenhaft beantworte.

Ich sah sehr glücklich aus, als ich ihn erhielt und hatte ein rosa Band im Haar. Tut es weh, wenn ich daran erinnere? Ich lag nicht in der Badewanne, sondern Dir noch im Herzen. Die Stellen aufzuzählen, wo überall ich ihn gelesen habe, würde zu viel Raum beanspruchen. – Oh ja, ich verstand schon, warum Du nicht gleich Dr. mär. werden wolltest! Du wolltest  z u m i n d e s t  noch ein Semester bei uns, – bei mir sein. Nun hast Du wohl doch schon promoviert. Ich gratuliere nachträglich! – Ich weiß auch nicht, warum unser Waldspaziergang so schön war. Vielleicht, weil… Ich weiß nicht. – Ich kann mir ein solches Fest vorstellen. Du warst es, der des öfteren von meiner reichhaltigen Phantasieschublade sprach. Der kunterbunte Sternenhimmel ist mir ganz lieb. Ich glaube, in geometrischen Formen wäre er mir zu märchenhaft. Ich bin skeptisch gegenüber allem Märchenhaften geworden.

Vielen Dank noch für die wunderschönen Rosen. Sie duften noch immer, aber die Tränen darauf sind lange getrocknet.

Nun sei gegrüßt von

Schnubilienmaus Müller.

P.S. Mein Mann versucht vergeblich hinter das Geheimnis des ewigen Duftes zu kommen. Er will unsere Tochter Herta deswegen Botanik studieren lassen. Aber ich finde, das hieße doch, etwas zu viel Aufhebens von der Sache machen.

 

 

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