Feed on
Posts
Comments

zurück zum Anfang des Märchenbuchs für Liebende

Für den Donnerstag

Das heutige Märchen ist ein wenig anders als die vorhergehenden. Es bedarf keiner größeren Vorrede als dieser Feststellung

Es geht um die

Es schenkte ihnen die Liebe, da sie aufeinander trafen, die schönsten Träume ins Herz. Erwachend sprachen sie davon, eng umschlungen. Die Träume zogen durch die Landschaften der Welt: Felder, Berge, durch lodernde und glimmende Feuer, auf Meeresgründen dahin, durch stille und stürmende Lüfte. Sie endeten stets in ihrer Liebe; sie war der Punkt und die Weite, Hafen und Schiff.

Er kam daher – ein reiner Tor, voll Glück und ohne Härte. Die Welt – unergründlich – hatte seine Torheit unangetastet belassen. Angründe füllten und ebneten sich, gelangte er in ihre Nähe, Gefahren versiegten. Seine Müdigkeit gewann er aus beständigem Wandern und Schauen.

Sie kam daher aus vielen Dunkelheiten. Mit lichter Natur in sie hineingeboren, war Kampf ihr notwendiges Element geworden. Es blieben ihr nur wenige Erfahrungen erspart, am wenigsten die bitteren. Aus der Unergründlichkeit und Weite ewigen Eises kommend, musste sie sich immer wieder die schmale Lebensrinne aufbrechen, um in eine ihrer lichten Natur gemäße warme Welt zu gelangen. Sie glich einer Mühle. Was immer ihr widerfuhr wurde Korn; sie zerbrach die Hülle und erkannte den Wert.

Das Räderwerk dieser Mühle hatte kaum je stillgestanden. Sie wusste um das Leid, das Unermahlenes ihr antun konnte. Darum gab es Zeiten, wo die Mühlsteine ohne Nahrung, ohne Korn sich drehten. Das knirschte schmerzhaft. Doch sie ertrug eher diesen Schmerz, als die Angst, es könnte Unerkanntes ihr wieder Leid antun.

Und dann kam die Stunde, da sie der unablässigen Drehung Halt gebot. Durch die erwartungsvolle Stille der ruhenden Steine bewegte sie ihre Hand, geschlossen um ein unerbrochenes Korn, das sie ganz tief in sich versenkte und so der erbarmungslosen Steineshärte entzog.

Liebe, erkennende Liebe war notwendig, dieses Korn zu versenken, in Obhut zu nehmen, bis es aus sich brechen würde. Liebe erkannte, dass dieses Korn erschöpfend mehr braucht, als die kurze Drehung der Steine. Und nicht aus Torheit hatte er sich in gerade diese Mühle senken lassen, sondern aus Liebe. Schon vielen Händen, die ihn hatten ergreifen wollen, war er entglitten. In dieser Mühle ahnte er seine tiefste Versenkung.

Das stille Korn in ihrer Tiefe schützte sie vor Widerfährnissen und so verharrten die Mühlensteine in ihrer Ruhe. Und in die Stille fielen Träume wie Tropfen vom Baum nach rauschendem Regen. Es vergingen Nächte und Tage, es kamen Morgen und Abende. Da ergriff sie eine Woge. Sie aber wollte sich nicht ergreifen lassen und wehrte sich. Und weil die Woge nicht ohne Sturm geboren werden kann, umgaben ihn die bewegten Lüfte. Auch er wehrte sich. Aber Woge und Sturm sprachen zu ihnen, denn viel mehr Dinge können sprechen, als die Menschen gemeinhin glauben wollen. Und da man die Ohren nicht schließen kann, hörten sie:

“Das Träumen muss enden. Der Traum ist Plan, das Leben ist wirklich. Beginnt zu handeln, denn im Traum wird mit euch gehandelt. Die Traumesängste weichen: Das Leben ist notwendend und angstlos. So schön ein Traum Beginn und Anruf sein mag, so ungleich schöner ist Leben: Vollenden. Zu opfern gilt es. Wenn ihr erwacht und lebt, werdet ihr erkennen, dass es nur ein leichthin Lassen war um zu gewinnen.

Waren bis dahin die Tage von den Freuden der vergangenen Träume erfüllt, so füllten sich nunmehr die Träume zunehmend mit dem erwachenden Leben. Einmal wurden die Mühlsteine beredt und sprachen zu ihm:

“Wir können nicht mehr, wir wollen nicht mehr. Das Drehen schafft Qualen. Die Ruhe ist Schein, wenn du nicht wirst. Werde du, auf dass die Ruhe nie wieder ende. Wenn du nicht wirst, kommt keine Liebe. Wir werden eine Alltäglichkeit ermahlen; doch das ist nichts, denn du bist es nicht.”

Nun könnte er liegen bleiben, offenen Auges weiter träumen und warten; auf das Geräusch der sich wieder reibenden Steine, auf die Alltäglichkeit, mit der es sich auch leben lässt. Und sie könnte ihn wieder der Welt anheim geben und mit müder Bewegung den Anstoß zur Fortdrehung der Steine geben.

Aber so unterschiedenen Geistes und gegensätzlicher Natur sie auch sind, – sie lieben.

Und es erwachen zwei kleine Menschen vor einem großen Tor. Es ist mit vielen Eisen beschlagen, mit Schlössern versehen, deren Schlüssellöcher die kleinen Menschen in großer Höhe kaum erkennen können. Sie stehen auf und kommen sich vor wie Zwerge. Sie lächeln etwas zaghaft. Es kostet Mut, dieses Tor anzuschauen. Sie fassen sich bei der Hand des anderen und stehen lange schweigend davor.

Mancher Gedanke wandert zurück zu den schönen Träumen…

Es beginnt das Wachstum der Liebe, nur denen möglich, die beisammen sind. Es gilt die hohen Schlösser zu erreichen, durch die Schlüssellöcher zu schauen, aufzuschließen.

Das neue Wachstum der Liebenden schmerzt. Es ist nicht mehr ein Wachstum aus der Natur allein, wie bei Kindern, sondern hier muss der Wachsende mitbauen an jenen Knochen des neuen Gerüsts, er muss die Muskeln des neuen Organismus selbst spannen und jedem Nerv das notwenige Bett geben. Und wenn man nicht einander helfen könnte, wenn man nicht beisammen wäre, – die Schmerzen wären tödlich und den Bau unausführbar.

Es kam ein breiter Strom zwischen die Liebenden und trennte sie. Sie gingen an seinen beiden Ufern der Quelle entgegen.

Ihr Ufer dehnt sich in flacher Ebene dahin. Kahl und kalt für ihre Augen, die keine Grenzen in der Endlichkeit wahrzunehmen vermochten. An der haltlosen Linie des Horizonts strandete der Verstand.

Das Ufer, an dem er ging, war von üppiger Natur: große Bäume, Hecken und Büsche, einige Lichtungen von satten Weiden, Blumen, Schilfränder am Wasser. Er hatte keine Freude daran: die Grenzen waren zu nah, die Waldeswand bedrängte ihn. Sein Blick verfing sich in Ästen, blieb daran hängen und gab sich grübelnder Betrachtung hin.

Doch kaum verhielt er dabei den Schritt, so rief sie ihn. Kaum liefen ihre Blicke ruhelos den Horizont entlang, so klang seine Stimme an ihr Ohr. Kein Ausruhen war ihnen gegönnt. Oft war es schwer sich zu verständigen. Die Breite des Flusses und sein Rauschen verschlang manches Wort, und so kamen die liebevollen Sätze oft entstellt an. Ängstlich-verwundert versuchten sie dann, den Unsinn zu enträtseln, den die Liebe am anderen Ufer gesprochen hatte.

Da sah er, wie sie sich im Kreise drehte, hörte, wie sie schrie. Es war ihr die Ebene zu viel geworden. Er sprang in den Strom und schwamm zu ihr. Und mit dem Schwimmen, mit jedem Stoß, den er tat, wurde des Stromes Breite geringer. Bald hatte er die Geliebte erreicht, die ihn trocknete, umarmte und küsste.

Er befand sich wohl an ihrem Ufer. Die Ebene bot seinen Augen Raum, den sie füllen wollten. Und aus seinen Worten erkannte sie, dass das Ufer der Bäume und Blumen ihr Paradies sei. Es verlangte sie nach ihrem Paradiese. Er geleitete sie hinüber. Wieder wurde der Fluss schmaler. Notwendigerweise, schmerzlicher Abschied nach kurzer Rast auf ihrem Ufer, und er schwamm wieder zurück. Er erreichte das andere Ufer nicht, sondern schwamm direkt in die Flussquelle hinein.

Unter dem Sternenhimmel ruhten sie, unter Quelle des überwundenen Flusses, eng umschlungen.

So war der Tag gekommen, da die Grenzen fielen. Ihre Woge trug sie so hoch hinauf, dass sie keine Grenze mehr sah, nur überwindbare Fernen noch. Damit wich die Angst vor irgendwelcher Macht irdischer Art aus ihr. Und ihm blies der Sturm den Geist des Unteilbaren und Unmessbaren ein. Nichts war mehr außer ihnen und nichts unmöglich.

Als die Grenzen gefallen waren, sprach zu ihnen der Wandel:

“Die Bewegung ist das Unbegrenzte. Ruhet nie, gehet immer. Wer steht, hat einen Standpunkt, deren es unzählige gibt. Wer vom Standpunkt aus den Wandel zu erkennen versucht, wird bitter und traurig. Nur wer im Wandel sich mitbewegt, hat Hoffnung auf Gnade und Erkenntnis. Des Stehenden Macht ist Gewicht nach unten. Des Wandelnden Kraft treibt in liebende Sterne mitten hinein.”

Da fühlten sie sich in den Lauf der Gestirne einbezogen, fanden sich überall wieder, sahen in unzählige Spiegel. Sie sprachen zueinander wie Sonne und Mond:

“Du meine Sonne,” sprach sie “fülle mich mit deinem Licht. Ergib dich mir. Vertrau dich mir, geh ferner, komm näher. So grenzenlos dein Licht zu unserer Erde jagt, so grenzenlos sollen durch mich unserer Erde Wasser strömen. Was wärst du mir ohne Erde? Blendender, segnender Planet. So aber bist du meine Liebe.”

“Du mein lieber Mond! Was wäre meine Bahn, hätte sie nicht immer neue Stellungen zu dir? Ein Leben kann kaum erschöpfen, was meine Strahlen an dir zu erhellen und zu entzünden vermögen. Ich war in mir und kannte die Grenzen des Feuers. Nun ist ein jeder Fluss auf unserer Erde von deiner Art und liebend berücken ihn meine Strahlen.”

Da die Grenzen gefallen waren, kamen sie ins Gleichgewicht des Unwägbaren, ins Maß des Ungemessenen. Eine Welt, dem Unliebenden zugangslos und unverständlich wie dem großen Sieb die feine Substanz. In dieser Welt der Liebe wird alles Vorstellbare, was man wagt und hofft, Möglichkeit! Sie spottet jedoch der Beschreibung, denn alle Beschreibung ist einsam. Das Leben in Liebe aber ist gemeinsam und äußerungslos.

Sie erkannten, wie sie im Wachsen einander unentbehrlich geworden waren. Ihre Fehler tropften nicht in ein Gefäß am Boden,- die Hand der Liebe fing sie auf und glich sie aus. Die Größe der Liebe füllte den Mangel des Anderen. So wuchsen sie ineinander, wie Hände sich falten.

Da bemerkten sie eines Tages, dass die Schlüssellöcher jenes Tores, dessen Größe sie am Tag des Erwachens so viel Mut gekostet hatte, schon bald in der Nähe ihres Knies lagen. Er überstieg das Tor und griff zurück, hob sie auf seine Arme und zeigte ihr von der neuen Welt. Zeigte ihr die Farbe reifer Kastanien, eine Brennnessel unter unzähligen, die Bescheidenheit einer Knospe, bereit zu den Forderungen des liebenden Frühlings, das Tier, das sein Junges füttert, ließ sie da Grunzen einer Sau hören und den Nachtigallenschlag. Dann sagte er:

“Werde du wie die Natur, liebe so sichtbar, forme so klar und hastlos den Inhalt, der dir zuströmt. Erschaffe Anfang auf Anfang, vertraue auf das Ende des gut Begonnenen.”

Leise dreht er sie im Kreise, und sie wiegt darin so leicht. Sie hebt die guten Hände, schließt die Augen und sagt:

“Werde du so wie der Geist. Liebe du so unsichtbar, sei tausendmal ungebundener, nur mir verbunden. Vertraue auf da gut Begonnene und vollende. Halte und trage, was ich nie zu halten und tragen vermag: mich, Deine Geliebte.”

Sturm und Woge sind lange gesunken. Mühlstein ruht auf Mühlstein: Es füllt die Frucht des einstmals versenkten Kornes die ganze Mühle aus. Ihre Flügel drehen sich im sanften Wind und treiben den Geist, der in ihr erwachsen ist.

 

… für den Freitag – Wie Märchenbriefe gewechselt werden

Leave a Reply