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zurück zum Anfang des Märchenbuchs für Liebende

Für den Dienstag

Mein liebes Liebespaar!
Die im heutigen Märchen vorkommende Mozart-Sonate hat in Köchels Verzeichnis die Nummer 330. Zum besseren Verständnis eines bestimmten Vergleiches im heutigen Märchen wird anheim gestellt, zwei Kekse bereitzuhalten.
Um auf die Anrede zurückzukommen: Ich erlaube mir die intimere Form in der Hoffnung, dass wir einander über das Medium des gestrigen Märchens schon etwas näher kommen; und vielleicht erweist sich, dass Märchen für Liebende dazu geeigneter sind, als manche internationale Institution.
Ihr könntet natürlich sagen: “Was soll uns das? Kristall und Prinz und Leuchtermacher? Die schaffen kein Medium, das uns einander nähert. Das ist ein Irrweg, der zu gar nichts führt. Ich bin doch kein kleines Kind, das sich mit Märchen abspeisen lässt!”.
Nein? Sind wir nicht den Kindern sehr verwandt? Offene Augen, offene Herzen, recht naiv und zuweilen ein wenig unlogisch, manchmal dagegen überraschend geistvoll (eine Analogie zum Kindermund!); ich glaube, wir sind der Kindheit näher als der üblichen Erwachsenheit.
Ich gebe zu: Es ist notwendig, – ja ich möchte fordern, dass wir alle erwachsen werden. Aber bloß zum Erwachsenen erwachsen scheint mir so fade und müßig wie Tünche übertünchen. Nur wenn aus Kindern Liebende wachsen, ist, scheint mir, viel Gewähr geboten, dass wir in keinem Lebensalter den Sinn für Märchen verlieren.
Sagen wir also nicht, wie der Händler zum gestrigen Prinzen oder wie der Mann auf der Börse: “Das sind ja Märchen!” sondern sagen wir die gleichen Worte so erstaunt, wie sie Daniele sagen würde, Daniele aus dem

MÄRCHEN  IN  DER  MÜLLERSTRASSE

Es war einmal… Ja, es war einmal so viel und alles auf einmal.
Also, es war einmal ein Märchen im Stadttheater und ein Pärchen in der Müllerstraße. Dieses Pärchen spielte jeden Nachmittag vor vielen Kindern das Märchen in der Müllerstraße.
Und es waren einmal zwei Namen: Gabriel und Daniele. Diese Namen trugen zwei Kinder. Die konnten in dem Lebensalter, da dieses Märchen sich zutrug, in keiner Weise dem idealistischen Klang ihrer Namen gerecht werden. Eltern und Bekannte brachten es einfach nicht über sich, die Kinder anders als Dani und Gabs zu rufen. Man kann zu einer Feldmaus nicht Tiger sagen, auch wenn sie auf diesen Namen getauft ist.
Was soll man machen, wenn man Daniele heißt und im Alter von acht Jahren klein, rundlich, stubsnäsig und sommersprossig ist? Danieles Haare waren strohblond und fast strohdick, so dass die Zöpfe mit den roten Zopfhaltern weniger nach unten hingen, als zur Seite weg standen. Eine mütterliche, sehr geschäftige, liebenswürdige, jedoch in keiner Weise danielenhafte Seele steckte in ihr.
Auch Gabriel hatte in den neun Jahren, die er schon auf der Erde weilte, noch nie Spuren von Ähnlichkeit mir einem Erzengel zuwege gebracht. Er war hager und hatte stets ungekämmte Haare, die von Tag zu Tag röter wurden und schienen. Seine abstehenden Ohren wirbelten unverhältnismäßig viel Luft durcheinander, wenn er mit vorgeschobenen Kopf, die Arme angewinkelt, zu irgendeinem Geraufe raste. Er verabscheute eine gemäßigte Gangart, und hatte eine ausgesprochene Vorliebe für Händel jeglicher Art. Raufte er nicht, so waren seine stets schmutzigen Hände nebst anderen Jungenutensilien in den Hosentaschen vergraben, und die flinken kleinen Augen unter der niedrigen Stirn suchten unablässig Raufvorwände.
An einem friedlichen Winternachmittag fanden sie stattdessen Daniele Schulze (er hieß Gabriel Niedergesäß). Es begann eine Liebe. Und obwohl man sich unter Gabriel und Daniele ein anderes Paar vorzustellen geneigt ist, kann man sich andererseits kein harmonischer abgestimmtes Paar vorstellen, als Dani und Gabs.
Eines Tages lud er sie ins Theater ein. Zwar noch nicht in die für junge Liebesleute obligate ‘Kabale und (was wichtiger ist) Liebe’, aber in dem ihrem Alter entsprechenden Märchen im Stadttheater ging es schließlich auch um Kabale und Liebe. Daniele war furchtbar aufgeregt und freute sich über alle Maßen. Er hingegen spielte den großen Herrn, – so groß man ihn eben mit neun Jahren zu spielen vermag. Er protzte mit den Freikarten (im zweiten Rang!), fand die Musik langweilig, die Vorstellung durchschnittlich, machte Daniele auf seine Schwester, das sechste Gänseblümchen von links im Blumenblatt aufmerksam (daher die Freikarten) und fand vieles nicht zum Lachen, was Daniele und die meisten Kinder königlich amüsierte. Lediglich an der Rauferei im zweiten Akt zeigt er sich interessiert, und erklärte sie Daniele fachmännisch-sportlich und recht umständlich.
Daniele hingegen fand es zu und zu schön. Sie lachte, weinte, sang und schrie vor Aufregung und lebte alles mit, was ihr auf der Bühne vorgelebt wurde. Besonders der Prinz (noch im tiefsten sozialen Elend untadelig in hellblauer Seide) und die Prinzessin (im rosa Reifrock, immer standesgemäß selbst als fleißige Schweinemagd) haben es ihr angetan. Wie Die einander lieben …

Auf dem Nachhauseweg wurde Gabriels großes Herrentum durch einige Fragen der kindlichen Daniele auf eine harte Probe gestellt. Dass dem Zauberer der Arm nicht wirklich abgerissen wurde, das wusste er ganz bestimmt. Auch über die Zusammensetzung des Pferdes und wieso es sprach, konnte er einigermaßen erschöpfende Auskunft geben. Aber wie das mit der Liebe des Prinzen und der Prinzessin “in Wirklichkeit” war …? Zu seinem Glück waren sie an Danieles Haustür angelangt und er konnte sich schnell verabschieden, ohne die brenzlige Frage beantworten zu müssen.
Als er abends seine Schwester nach eventuelen Zusammenhängen zwi-schen dieser Märchen- und Wirklichkeitsliebe fragte, bekam er unter beständigem ganz ungänseverblümtem Kichern die Auskunft, dass sie in wilder Ehe in der Müllerstraße wohnen und dass wilde Ehe was – nun, was
Wildes und mehr oder weniger Böses ist.
Bei Daniele wurden an diesem Abend die Rollen vertauscht: Daniele erzählte das obligate Abendmärchen, und die Mutter hörte dieser temperamentvollen Mischung aus Märchen, Wirklichkeit, Theater und Phantasie aufmerksam zu.
Auf Grund der Verschiedenartigkeit des am Vorabend Gesprochenen kam es denn auch am nächsten Morgen zu einem kleinen Zusammenstoß. Gabriel hatte selbstsicher seine Hände in den Hosentaschen vergraben und suchte geschickt in Danieles Nähe, seine Weisheit von der wilden Ehe an die Dame zu bringen. Daniele kam denn auch bald daher und plapperte drauflos:
“Du, es war so schön gestern! Prinz und Prinzessin waren sogar noch an meinem Bett, um mir eine gute Nacht zu wünschen und – ”
Er unterbrach langsam und überlegen: “Wie sollte denn das wohl sein, wo die doch – ”
Aber so einfach macht es ihm Daniele nicht; sie plappert unbekümmert weiter: “Und dann heute früh, da huschte plötzlich was am Fenster vorbei. Ob das wohl die Prinzessin war?”
“Wie sollte denn das wohl sein?!” sagte Gabriel nun mit etwas erhobener Stimme und tippte nicht eben gabriellike mit seinem schwärzesten Finger auf die braunste ihrer Stirnsommersprosse. “Wo die doch Menschen sind, wie du und ich und alle Erwachsenen und in der Müllerstraße wohnen.”
“Da wohnen die?” fragte Daniele mehr überrascht als enttäuscht. “Au fein! Da gehe ich hin! Die besuche ich!”
“Aber in wilder, in ganz wilder Ehe wohnen die da!”
“Ist das schlimm?” fragte Daniele.
“Na ganz schlimm!” triumphierte er. “Meine Schwester hat es gesagt, und die muss es doch wissen, weil sie doch ein Gänseblümchen ist. So eine wilde Ehe, das ist nichts mit Märchen und so… Das ist böse!”
“Ach, du bist böse!”
“Und du bist doof!” sagte Gabriel. “Ich bin doch nicht böse, weil die in wilder Ehe leben!”
Danieles Seele war erregt wie nie zuvor. Alle Märchen standen auf dem Spiel, Grenzen drohten sich zu verschieben, geliebte Länder zu versinken. Sie wollte unbedingt der Sache auf den Grund gehen und fragte daher gleich beim Mittagessen ihre Eltern, ob sie wohl Prinz und Prinzessin mal besuchen dürfte.
“Prinz und Prinzessin?”
“Ja, die aus dem Märchen im Theater. Die leben in wilder Ehe in der Müllerstraße.”
Pause. Räuspern. Überlegen, Blicke, verlegenes Weiteressen…
“Was ist denn, Mutti?” fragt Daniele. “Darf ich?”
Schließlich beginnt der Vater: “Hm… also hör mal, Dani. Hm… Das geht nicht! Da kannst du nicht hingehen, weil…”
“Weil in der Müllerstraße – ” hilft die Mutter weiter, “weil die doch ziemlich weit weg ist und – weil da so viele böse Menschen wohnen. Vielleicht sind Prinz und Prinzessin auch böse.”
“Nein, das glaube ich nicht!” sagt Daniele.
“Das kannst du gar nicht wissen!” sagt der Vater altklug und ein wenig hintergründig. “Jedenfalls möchten wir auf keinen Fall, dass du da hingehst, nicht?”
Daniele stand vor einer schweren Entscheidung: Entweder gingen ihr alle Märchen verloren und der Zweifel hielt Einzug in ihre junge Seele, oder sie wurde ungehorsam. Sie ging spielen am Nachmittag. Fast unmerklich näherte sie sich dabei der Müllerstraße, und die Märchen wurden ihr schließlich so wertvoll, dass sie einen Herren nach dem Prinzen und der Prinzessin fragte, und wo die wohnen.
“Nun, wahrscheinlich im Märchenland, bestenfalls im Theater, mein Kleines.”
“Aber nein, die wohnen in der Müllerstraße in wilder Ehe!” sagte Daniele ein wenig ungehalten, weil sie von den Erwachsenen eine gescheitere Antwort erwartet hatte, und ging weiter.
“So.” sagte der Herr und schaute ihr etwas verdutzt nach. Daniele fragte eine sehr dicke Portiersfrau. Die lachte zuerst furchtbar, dann hörte sie plötzlich auf und sagte: “Ach so!” und ihre Augen wurden so klein und böse, wie es zu ihrer Leibesfülle eigentlich gar nicht passen wollte. Dann sagte sie bissig:
“Ja, die wohnen hier. Die leben zusammen, als wie wenn sie verheiratet sein täten. So. Die willst du besuchen? Na, das ist aber nichts für so kleine Kinder, wer hat dich denn hergeschickt? Die sind eine lebende Schande! Ich möchte wissen, wann der Lehmann die mal kündigt und an die frische Luft setzt. Hinterhaus, dritter Stock rechts.” sagte sie plötzlich sachlich und wandte sich ab. Daniele ging ins Hinterhaus. Ihr junges Herz und ihr an Tätigkeit noch nicht sonderlich gewöhntes Gehirn arbeiteten fieberhaft. Wer sie hergeschickt hat? Zum Glück hatte die Dicke die Antwort gar nicht erst abgewartet. Nach kurzem Zögern klingelte Daniele im dritten Stock rechts.
Die Prinzessin öffnete. Sie trug ein keineswegs märchenhaftes Kleid und war nicht ganz so hübsch wie auf der Bühne. Daniele stammelte unzusammenhängende Worte und Silben, und erst als die Prinzessin lächelte und beinah genauso schön wie auf der Bühne aussah, brachte
sie heraus, dass sie Prinz und Prinzessin besuchen wollte.
“Na, dann komm mal rein.”
Auch den Prinzen fand Daniele weder so schön wie auf der Bühne, noch unterschied sich sein Anzug wesentlich von denen ihres Vaters. Aber wenn er lächelte, dann kam sofort ein wenig Märchen ins Zimmer. Auch das Zimmer war weder wild noch irgendwie böse, sondern fein und gemütlich. Daniele wurde aufgefordert Platz zu nehmen, nahm aber nur eine schmale Stuhlkante.
Da saßen sie nun, Prinzessin, Prinz und Daniele, schauten einander an, lächelten verlegen und schauten wieder weg und sagten kein Wort, denn sie waren alle ein wenig befangen. Schließlich brach Daniele das Schwiegen:
“Ihr sprecht aber wenig. Gestern im Theater habt ihr doch so viel gesagt!”
“Ja”, antwortete der Prinz, “da wissen wir auch, was wir sagen müssen, aber… Wie heißt du denn?”
“Daniele. Ich wollte euch mal besuchen. Gabriel hat gesagt – ”
“Wer ist denn Gabriel?”
“Mein Freund. Der hat seine Schwester gefragt, die tanzt im Blumenballett mit, und die hat gesagt, dass ihr hier wohnt und…” Daniele brach ab.
“Und?” fragte der Prinz.
“Und… Die hat auch was Böses gesagt.”
“So? Von uns? Was denn?”
“Dass ihr – in wilder Ehe lebt.”
Die Prinzessin schaut erschrocken belustigt den Prinzen an, der stutzt einen Moment, begreift dann aber sofort, was Daniele zu ihnen geführt hat, wie viel guten Kinderglauben es hier zu retten gilt.
Er lächelt zur Prinzessin hinüber und sagt:
“Ja, das stimmt auch. Aber warum haben sie denn gesagt, dass das böse sei? Findest du das böse?”
“Nein, gar nicht, gar nicht! Gabriel ist böse. Das habe ich ihm auch gleich gesagt. Ich finde es auch gar nicht wild hier. Warum heißt das denn wilde Ehe?”
“Das will ich dir gerne sagen.” antwortet der Prinz. “Du kennst doch Pflanzen: – Bäume, Blumen, Kräuter. Und du weißt auch, dass es große Gärten gibt, die ein Gärtner pflegt; dort wachsen viele Pflanzen, wo und wie der Gärtner es will. Und im Walde und auf den Wiesen und im Gebirge, da wachsen die Pflanzen ohne Gärtner, zum Beispiel Walderdbeeren oder Himbeeren. Und solche Himbeeren im Walde, die nennt man wilde Himbeeren. Die sind doch aber deswegen nicht böse, nicht? Siehst du, so gibt es eben auch die Garten-Ehen und die wilden Ehen. Verstehst du das?”
Zögernd antwortet Daniele: “Ja…” Und nach dieser Pause fragt sie: “Da ist also eure Liebe wild gewachsen?”
“Ja.” sagt die Prinzessin und lächelt.
“Warum lachst du?” fragt Daniele. “War es lustig?”
“Auch manchmal lustig!”
“Dann erzählt mir doch die Geschichte.” bittet Daniele.
Der Prinz sagt: “Das ist keine Geschichte, Daniele, das ist Wirklichkeit.”
“Dann erzählt mir die Wirklichkeit. Bitte bitte!”
Prinz und Prinzessin schauen einander wiederum fragend an, schließlich sagt er:
“Ja, was meinst du, Prinzessin, sollen wir es Daniele erzählen?”
“Bitte bitte!”
“Kann man es überhaupt der Daniele erzählen?” überlegt die Prinzessin. “Dann musst du es tun. Ich kann das nicht für so kleine Kinder erzählen.”
“Kann man es auch Erwachsenen erzählen?” will Daniele wissen.
“Nein” sagt der Prinz. “Man kann es nur Kindern wie Daniele erzählen oder gar nicht. Also pass auf: Es war einmal – ”
“Aber so fangen doch Märchen an.” unterbricht Daniele.
“Ja,” sagt der Prinz “diese Wirklichkeit ist so ein Stück Märchen, dass ich gar nicht anders anfangen kann. Also:
“Es war einmal eine Märchenschule. Eigentlich, das weißt du doch, sind Schulen dazu da, damit die Menschenkinder richtig lernen, was sie vorher gespielt haben. In dieser Märchenschule war alles verdreht. Große Leute gingen da hin und sie lernten dort spielen. Das ist lustig, nicht? Und lauter ganz besondere Erwachsene waren es. Nur Prinzen und Prinzessinnen. Man lernt dort die Kunst Theater zu spielen. Und mit der Kunst dürfen sich nur Königskinder befassen. Bevor man also die Schule besuchen darf, wird man geprüft, ob man auch ein Königskind ist.
“Diese Prüfung kostet Geld und das bezahlt man an einem Schalter, so wie sie auf der Post sind. Und in der Reihe der Leute, die da als Königskinder geprüft werden sollten, standen da eines Tages auch ein Prinz und eine Prinzessin, die einander oft anschauten, und die es schön fanden einander anzuschauen.”
“Und dieser Prinz und die Prinzessin seid ihr!” freute sich die strohblonde, sommersprossige Daniele.
“Ja.” sagte der Prinz. Und als wir so standen, nichts sagten und viel dachten, und das Herz ein wenig klopfte, da kam ein Zauberer, den sahen wir nicht, und wir sahen auch nicht das Band, das er an unseren Herzen in der Brust festmachte. Der Zauberer verband uns miteinander, ohne dass wir es wussten. Er ist der wichtigste Zauberer, den es gibt, und er heißt: Liebe.
“Dann kam die Prüfung. Die war sehr aufregend. Das kannst du dir vorstellen: Es ist ja schließlich keine Kleinigkeit, zu erfahren, ob man ein Königskind ist oder nicht. Der Zufall führte den Prinzen und die Prinzessin immer wieder zusammen. Im Warteraum, beim Essen, sie kamen hintereinander dran, und schließlich standen sie auch nebeneinander, als ihnen feierlich erklärt wurde, dass sie beide geprüfte Königkinder seien und nun die Schule besuchen dürften.
“Du musst das richtig verstehen, Daniele: Die Königskinder dort waren nicht etwa alle reich. Ich selbst war ein armer Prinz, und meine Eltern konnten das Schulgeld nicht bezahlen, – das musste ich mir selbst verdienen.
“Ja – und dann geschah eigentlich sehr wenig, und wir hätten und nie träumen lassen, dass wir der Daniele eines Tages ein Märchen, das Märchen unserer Liebe erzählen würden.”
“Nein…” sagte die Prinzessin leise.
Nach einer Pause sagte Daniele: “Erzähl weiter!”
“Nun, der Zauberer Liebe trieb sein Wesen fort, und eines Tages merkten wir erschrocken, dass wir – einander lieben.”
“Ist das was Schlimmes?” fragte Daniele. “Weil der Prinz das so langsam sagt?”
“Nein, das ist etwas sehr Schönes, aber du bist noch ein Kind.” sagte die Prinzessin.
“Oh, ich liebe auch viele Menschen!” beteuerte Daniele.
“Eben. Eines Tages wirst du aber nur Einen lieben; den, mit dessen Herz der Zauberer Liebe dein Herz verbunden hat.”
“Und was mache ich dann mit den anderen?” fragte Daniele.
“Die anderen,” antwortete der Prinz, “wirst du mit dem Einen gemeinsam lieben. Du wirst deine ganz volle Menschenliebe in zwei Hälften teilen. Pass auf.” Der Prinz erläuterte das Folgende mit Hilfe zweier Kekse, die jeweils eine Menschenliebe darstellen sollten. “Die eine Hälfte liebt nur den Einen, und die andere Hälfte all die Anderen. Und bei deinem Liebsten wird es genauso sein. Und wenn man dann seine und deine Hälfte, die ihr beide für die anderen habt, zusammentut, dann ist es wieder eine volle ganze Menschenliebe, die ihr Anderen gemeinsam schenkt. Hast du das verstanden?”
“Ein bisschen.” sagte Daniele etwas zögernd und biss in den angebotenen Keks. “Danke.”
“Nun kommt die Oper.” sagte die Prinzessin, als der Prinz sie fragend anblickte.
“Ach ja richtig!” sagte er. “Die Oper. Weißt du, es gibt doch sehr viele Königskinder. Und da gibt es auch einen Prinzen, der heißt Mozart, der hat wunderschöne Musik aufgeschrieben. Und die singen die Menschen in den Theatern auf der ganzen Welt, und das Orchester spielt dazu. Und in so einem Theater trafen wir eines Tages wieder zufällig, das heißt natürlich: mit Hilfe des Zauberers Liebe zusammen. Und da kam so viel Schönheit zusammen: die Melodien, das Gesicht der Prinzessin im matten Widerschein des Bühnenlichtes und der große Zauber der schönen Liebe, dass der Prinz weinen musste.”
“Tat ihm etwas weh?” fragte Daniele.
“Tja,” sagte der Prinz lächelnd “vielleicht tat ihm das Zuviel an Schönheit ein bisschen weh. Er kam ja aus einer armen Welt, wo Liebe und Schönheit selten waren. Ich weiß es nicht genau. Die Prinzessin war sehr erstaunt. Als die Königskinder ausgesungen hatten, da gingen wir in ein dunkelbraunes Zimmer, die Wände und die Decken waren aus Holz, und darin stand ein Flügel. Zu dem ging der Prinz und spielte eine Melodie vom Königskind Mozart.”


Der Prinz ging zum Klavier und spielte jenes Andante cantabile aus einer der C-Dur Sonaten von Mozart, das mit den drei C beginnt und mit der himmlischen Dur-Variante des mittleren Moll-Themas endet.

“Siehst, du,” sagte die Prinzessin, “das spielte er damals, Und das hat so viel Ähnlichkeit mit uns, dass wir ganz still wurden.” Nach einer Pause fährt sie fort: “Eines Tages lud ich den Prinzen zu mir ein und musste etwas Schlimmes erleben. Meine Eltern, die ich sehr lieb hatte, die taten etwas, was ich nicht erwartet hätte: sie mochten den Prinzen nicht, weil er arm war. Nachdem sie uns das auch ziemlich deutlich gesagt hatten, gingen sie an jenem Sonntag – ich werde den Tag nie vergessen – weg. Und weißt du wohin? In die Oper, zum Königskind Mozart, wo wir auch schon gewesen waren. Und sie hatten es doch eigentlich gar nicht verdient.
“Wie Rauch im Wind zergingen die Worte, als der Prinz dann unser Andante cantabile – so heißt die Musik, die der Prinz da spielt – zum Klingen brachte. Ja, es war unser Andante geworden, unser erster gemeinsamer Besitz.
“Meine Eltern verboten mir, mit dem Prinzen zusammen zu sein. Sie wussten einen Mann, der sollte mich heiraten, wenn er sein Examen gemacht hatte. Der war reich. Auf die Märchenschule hatte man mich mehr zum Zeitvertreib geschickt. Aber mir war es sehr ernst auf der Schule. So eine Schule kann man nicht zum Zeitvertreib besuchen.
“Der Prinz zog sich nun ein wenig in sich zurück. Aber wir konnten einander nicht mehr aus dem Wege gehen.

Es gab so viel zu besprechen, und wir durften doch nicht. Da wurden wir oft ganz traurig, besonders der Prinz, der einmal sogar sagte, dass er nicht mehr an den Frühling glaubte.”
“Oh!” bedauerte Daniele den Prinzen.
“Ja,” sagte die Prinzessin “denk mal, so schlimm war das. Aber es ist wohl so, dass die große Liebe auch die großen Hindernisse braucht, um lebendig zu werden. Denn unsere Liebe wurde lebendiger mit jedem Tag, und neben den großen Hindernissen gab es die schönen Stunden, die so ganz und gar wie im Märchen sind.
“Eines Tages waren wir in einem Märchenschloss im Gebirge. Das Mondlicht verzauberte es. Prinz und Prinzessin saßen in einer großen Halle. Keine Lampe brannte, durch die weiten Fenster strömte das Mondlicht, und ab und zu flackerte der gelbe Widerschein des Feuers im Kamin über die Gesichter. Der Prinz saß am Flügel und spielte. Und die Musik, die erklang, verwandelte sich in lauter kristallreine Liebe. Die Nöte mussten den Noten weichen. Hör nur, jetzt spielt der Prinz den schönen Schluss unseres Andante.”
Der Prinz beendete sein Spiel.
Die Prinzessin fragte ihn: “Weißt du noch, was wir damals sprachen, Prinz? Ich sagte, dass – ”
“Zunächst einmal,” unterbrach sie der Prinz “küssten wir uns zum ersten Mal, Prinzessin. Und so ein erster Kuss, Daniele… Wie sollen wir dir das erklären?”
“Man schließt die Augen,” sagte die Prinzessin “und man sieht viel mehr als zuvor mit offenen Augen. Es ist ganz still, und man hört Engelsmusik…”
“Das verstehe ich nicht!” sagte Daniele ehrlich.

“Ja,” sagte der Prinz und schüttelte lächelnd den Kopf “wir verstehen es auch nicht so ganz. Aber es ist, es geschieht, und wird auch dir eines Tages geschehen. Ja, wir sagten damals:” – “es ist, als ob alle Vergangenheit schlafen gegangen wäre.” beginnt die Prinzessin.
“Die Zeit schläft, nur der Sternenhimmel ist wach.” sagt er.

“Wenn es keinen Sternenhimmel gäbe, wo blieben die Liebenden dann?” fragt die Prinzessin.
“Wenn es keine Liebenden gäbe,- wo bliebe der Sternenhimmel dann? Deine Augen sind aus Märchenglas. Zu jeder Stunde muss ich durch sie hindurchschauen können in eine Zauberwelt voller Farben, Glanz und Wunder.”
“Was halt ich da in meinen Armen…?” überlegt die Prinzessin. “Meine Welt, den Spiegel meiner Welt. Dass meine Arme eine Welt umfassen können…”
Mit einer ganz veränderten Stimme sagt der Prinz dann: “Da kamen ins Schloss viele lärmende Königskinder. Sie machten helles Licht und begannen in der Halle zu tanzen. Die schönen Stunden im Märchenschloss waren vorüber.
“Leider, denn nun wurde alles noch viel schwerer als vorher. Sicher hat dein Vater schon manchmal zu dir gesagt: ‘Daniele, lass mich in Ruhe, ich muss arbeiten!'”
“Ja.” sagt Daniele.
“Siehst du,” fährt der Prinz fort, aber wir konnten doch nicht zu unserer Liebe sagen: ‘Sei ruhig, Liebe, wir müssen arbeiten!'”
“Müsst ihr denn heute nicht Märchen spielen?” fällt es plötzlich Daniele ein.

“Nein,” sagt der Prinz, “heute ist Märchen zu Hause nur für Daniele. Ja, wie geht es denn nun weiter…? Ach ja, nun kommt – eine Fee.”
“Eine gute oder eine böse?” will Daniele wissen.
“Weder eine gute noch eine böse.” antwortet der Prinz. “Sie kam in die Märchenschule und nach wenigen Blicken begann sie den Prinzen zu lieben. Sie schimpfte ihn aus. Sie sagte ihm, dass er mit der Arbeit nicht weiterkommen würde, weil ihm die richtige Liebe fehle. ‘Königskinder ohne Liebe schaffen nichts!’ Und der Prinz konnte nichts erwidern; er fühlte, dass sie eigentlich Recht hatte, und dass es doch eine vertrackte Geschichte war mit der Prinzessin und ihren lieblosen Eltern. Und wie er so dachte, kam die Fee auf ihn zu und – wollte ihn küssen…”
“Warum?” wollte Daniele wissen.
“Ja…” sagt der Prinz verlegen. “Ich weiß auch nicht…”
“Das musst du doch wissen!” sagt Daniele. “Du bist doch der Prinz.”
Mit feinem Lächeln antwortete die Prinzessin für den verlegenen Prinzen: “Wohl weil sie ihn ausgeschimpft hatte und ihn doch eigentlich liebte.”
“Wohl deshalb.” sagt der Prinz. “Ja. Jedenfalls trat in dem Moment die Prinzessin ins Zimmer, und die Fee verschwand. Es war nicht schön, wie wir so einander gegenüber standen. Es war uns wohl so ähnlich zumute wie Dir, als Gabriel Böses von uns erzählte. Der Prinz musste an die Worte der Fee denken, und die Prinzessin merkte erschrocken, dass es Feen gab, die ihr den Prinzen rauben könnten. Und sie zog ihn fort in einen finsteren Wald und er ließ sich ziehen.”
Daniele kichert.
“Ist das so komisch?” fragt der Prinz etwas irritiert.
“Ja, ein bisschen.” sagt Daniele etwas kleinlaut.
“Da wurde es mit einem Mal hell in dem Wald, und sie waren im Zimmer der Prinzessin. Deren Eltern kamen nach Hause und schimpften die Tochter furchtbar aus, denn sie hatten ihr doch streng verboten, sich mit dem armen Prinzen abzugeben. Der Prinz ging schnell und ohne Abschied. Die Prinzessin aber ließ ihn so nicht fort. Sie folgte ihm. Stumm gingen sie durch die Straßen. Ohne Verabredung führte der Weg sie in ihr dunkelbraunes Zimmer. Der Prinz setzte sich in Hut und Mantel an den Flügel und verwischte mit den Tönen unseres Andante alles Hässliche, durch das wir hätten hindurchgehen müssen, aber auch alle Hoffnung, denn er spielte einen traurigen Schluss, nicht den lieblichen vom Königskind Mozart.”
“Dann ging er,” spinnt die Prinzessin den Faden weiter “und ich wusste, dass er nicht wiederkommen würde.”
“Das hast du aber nicht richtig gewusst,” sagt Daniele “denn nun sitzt ihr hier zusammen und gestern habt ihr ein Märchen gespielt.”
“Sie hat es nicht richtig gewusst, Daniele.” sagt der Prinz. “Du hast Recht. Für lange Zeit verreiste ich in eine fremde Stadt. Aber der Zauberer Liebe ließ uns nicht los… Wir schrieben einander Briefe. Aber was sollten wir schreiben, da wir einander lieben wollten und sollten.
“So fuhr ich eines Tages voll Sehnsucht wieder zurück, um meine Prinzessin einfach zu entführen. Aber als ich dann in unserer Stadt war, da fehlte mir der Mut. ‘Was würden die Eltern wohl sagen und sie selbst, wenn ich einfach käme, um sie zu holen?’ dachte ich mir.”
“Oh, sie hätte sich ganz furchtbar gefreut!” sagt die Prinzessin. “Aber es ging auch ohne seinen Mut. Mit unserem Andante nämlich. Das spielte er eines Abends am offenen Fenster. Ein Jahr war vergangen, seit dem Tag im Märchenschloss. Ich ging an seiner Wohnung vorüber, – zufällig und doch in Gedanken an meinen Prinzen und sicher begleitet vom Zauberer der Liebe. Ich hörte ihn spielen, und da bekam ich solche Angst, dass er wieder einen traurigen Schluss spielen könnte, dass ich zu seiner Tür rannte und ganz doll klingelte, noch bevor er zum Schluss kam. Er öffnete und ich sank in seine Arme. Wolltest du eigentlich den traurigen Schluss spielen, Prinz?”
“Ich weiß nicht!” sagte der Prinz. “Dass du in meinen Armen lagst, war der schönste Schluss!”
Die Augen der Prinzessin leuchten, als sie weiter erzählt: “Wir wurden glücklich in dieser Stunde… Der Zauberer Liebe schlug seinen weiten Mantel um uns, und wir fühlten uns geborgen. Wir wünschen dir, dass auch du es erleben magst, Daniele.”
Nach einer Pause sagte der Prinz: “Ja, nun… Es ist nichts mehr zu erzählen. Wir beendeten die Märchenschule und kamen beide hierher, um Märchen für euch und die großen Kinder zu spielen.”
“Und deine Eltern, Prinzessin?” fragt Daniele.
“Die konnten sich nur freuen über so viel Liebe. Vielleicht ist ihnen auch eines Nachts der Zauberer Liebe erschienen.”
Wieder eine Weile Schweigen. Dann sagt der Prinz:
“Weißt du auch, Daniele, dass der Zauberer Liebe dir sehr dankbar sein muss?”
“Mir? Wieso?” fragt Daniele.
“Weil ich nun weiß,” antwortet der Prinz “nachdem wir dir dieses Märchen erzählt haben, wie schön unsere Wirklichkeit ist, und deswegen werde ich nun die Prinzessin heiraten und aus der wilden Ehe eine Gartenehe machen.”
“Au ja, tut das!” freut sich Daniele.
Die Prinzessin schaut den Prinzen an, ein Lächeln steigt ihr ins Gesicht und leise, noch etwas ungläubig sagt sie: “Prinz…!?”
“Ja,” sagt der “das hat Daniele erreicht. Die doch ein Kind ist und nur zugehört hat.”
Wie zu Beginn des Besuches sitzen sie schweigend da und blicken einander an, en wenig befangen wieder. Hatte man vorher das erste Wort nicht gefunden, so fand man jetzt das letzte schwer. Das Wesentliche war gesagt und getan: Danieles Märchenwelt war nicht nur gerettet, sondern bereichert. Sie konnte nun größer werden und immer darauf warten, dass eines Tages der Zauberer Liebe seinen Dank abstatten würde.
“Ja…” sagt sie schließlich und verabschiedet sich ohne viel Feierlichkeit.
Es war schon dunkel geworden. Sie rannte nach Hause, wo es natürlich viel Schimpfe gab. Der Vater war aufgebracht und beleidigt, als er erfuhr, dass sie ungehorsam gewesen war, wie sie wahrheitsgetreu berichtete. Die Mutter gab ihm Recht, obgleich sie in Danis Augen einen Zauber wahrnahm, der sie milder stimmte. Sie weigerte sich natürlich, das obligate Abendmärchen zu erzählen. Und so beginnt wieder Daniele zu erzählen, die Rollen vertauschend wie am Abend vorher. Das Märchen von der wilden Ehe der Königskinder, vom Zauberer Liebe, der ihr dankbar sein muss, von Mozart und den bösen Eltern und all den anderen aufregenden Dingen. Sie erzählt so schön, dass die Mutter den Vater ruft, zum Zuhören und zur schießlichen Versöhnung.
Ähnlich unvorhergesehen verläuft das Zusammentreffen zwischen Gabriel und Daniele an nächsten Morgen. Sein freches, überhebliches Grinsen schmilzt zusehends in dem Glanz, mit dem sie erzählt. Er lässt sich gefangen nehmen vom Märchen in der Müllerstraße und wird fast böse mit sich selbst, weil er plötzlich merkt, dass er sich richtigen Kinderkram vollkommen widerspruchslos mit angehört hat, – aber es ist zu schöner Kinderkram. Seine Einwände werden nach und nach ganz sachliche Fragen, die Daniele alle zu beantworten weiß. Ganz verstummt und bewegt ist er, als Daniele, genau so bewegt, ihm leise sagt, dass nun der Zauberer Liebe ihr dankbar sein muss, und dass es einmal sehr schön würde für sie und ihn, – also den Mann dann…
Sie stehen schweigend im Rinnstein und schauen über Laubenkolonien in die weite Welt. Der überlegene hagere Gabriel neben der stubsnasigen, lieblichen Daniele. Und es ist zu vermuten, dass sie in der weiten Welt, wenn auch noch viele Jahre entfernt einen Mantelzipfel des Zauberers Liebe wahrnehmen.
Und wenn dieser Blick über die Laubenkolonien nicht stirbt, dann steht zu erwarten, dass eines Tages der Zauberer Liebe seinen weiten Mantel um die großen Kinder schlagen wird; sie werden sich geborgen fühlen.

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