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Teil 2 

Peters Klappentext

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Guten Abend, lieber Gott, wie geht es deiner Frau?

Wir haben schon lange nichts mehr von ihr gehört!

Teil 1

 

 

Nehmen wir einmal an, diese Veranstaltung fände nicht an diesem Januar-Abend in Bayrischzell statt. Heben wir den kleinen Saal mit allen Leuten und allen Büchern in die Luft und pusten wir ihn weit zurück in die Vergangenheit, ganz weit, noch weiter. Fünftausend Jahre, siebentausend, elftausend, fünfzehntausend, sechzehn-, siebzehn-, achtzehntausend Jahre, auf ein paar tausend Jahre mehr oder weniger kommt es gar nicht an, bis wir im Pliozän landen. Mein Vortrag im Pliozän hätte einen anderen Titel: „Guten Abend, liebe Göttin, wie geht es deinem Mann, von dem wir noch so gut wie gar nichts gehört haben?“

 

Verehrte Anwesende, liebe Damen und Herren! Da sind Sie also meinem Titel in die Falle gegangen und werden vielleicht fragen, wie er denn entstanden sei. Sehr plötzlich, sehr spontan im Alten Peter, also in der Kirche meines Namenspatrons in München, wo so überaus viele Heiligenfiguren mit Büchern zu betrachten sind, manche halten sie nur in Händen, manche lesen. Sogar eine wunderschöne, silbergetriebene Madonna liest in einem Buch, als ihr der ebenfalls silberne Engel die Heilsbotschaft verkündet. Sie ist in der Advents- und Weihnachtszeit im Altarraum zu bewundern, in der übrigen Zeit in irgendwelchen Nischen in den Seitenaltären.

 

Beim Nachdenken über die tiefe Vergangenheit fiel mir der Titel ein. Beschäftigt war ich mit dem, was hier heute zur Sprache kommt, im Zusammenhang mit einem Text, von dem ich am Ende noch ein wenig erzählen will.

 

Ich habe soeben versucht, uns in die Frühgeschichte der Menschheit zu katapultieren, in eine oder die Epoche des Matriarchats. Darüber will ich einiges erzählen, über Religion und Biologie und Sprache und das Alte Testament, über den gewaltigen, revolutionären Umbruch zur patriarchalen, männerdominanten Gesellschaft, ziemlich sicher einhergehend mit der Erfindung der Schrift. Ich halte eine beschämende Zitatenrevue parat über die Sumpfblüten der männlichen Frauenfeindlichkeit. Über den Mann als Vater und Diener möchte ich ein paar Worte verlieren und nicht zuletzt und immer wieder über die Liebe.

 

Viele Rätsel, viele Geheimnisse, verpackt als harte Nüsse, die zu knacken ich mir nicht im geringsten anmaßen kann. Ich bin auf keinem der Gebiete, über die ich sprechen werde, ein Fachmann. Keine gesicherten Erkenntnisse also, jede Menge Irrtümer und Missverständnisse vorbehalten. An einigen Stellen werde ich auf meine Wissenslücken gesondert hinweisen. Hier plaudert mit umfassender Halbbildung der Dilettant und Banause. Das italienische Wort dilettare heißt ergötzen und amüsieren – der tierische Ernst bleibt also draußen vor der Tür-, das griechische Wort banausos heißt Handwerker. Seine Abwertung verdankt es ziemlich sicher intellektueller Anmaßung und hochmütigem Spott. Denken Sie an die Rüpelszenen im SOMMERNACHTSTRAUM.

 

Die Erde existiert seit ungefähr 4,5 Milliarden Jahren. Wer kann sich unter 4,5 Milliarden etwas vorstellen? 4500 Millionen Jahre? Ich nicht, Sie wahrscheinlich auch nicht. Aber kluge Köpfe haben da eine sehr praktikable Eselsbrücke gebaut. Projizieren wir die viereinhalb Milliarden Jahre seit  Erdenanfang auf ein Kalenderjahr, wie wir es alle kennen und womit wir keine Vorstellungsschwierigkeiten haben; in dieser Verkleinerung, genauer gesagt: zeitlichen Verkürzung entsteht die Erde um 0 Uhr am 1. Januar, und der Punkt, an dem wir heute leben, wäre 24 Uhr am 31. Dezember. In solcher Relation entspricht jede Sekunde 143 Jahren, jeder Tag ist relativ 12,33 Millionen Jahre lang. Und es entsteht folgendes Bild: Allererste  Spuren des Lebens im Meer nicht vor Mitte April. Bis dahin nur Steinernes von Fels bis Mineral und Sand, Wasser, keine Luft zum  Atmen, sehr viel Rätselhaftes. Primitive höhere Tiere erst ab ungefähr 1. November. Ab Ende November erste Landpflanzen. Am 26. Dezember, am zweiten Weihnachtsfeiertag sterben die Dinosaurier aus. Und der Mensch, auf den wir alle warten, realiter irgendwo, irgendwie zwischen 3 und 5 Millionen Jahre alt, erscheint – halten Sie den Atem an – am 31. Dezember, also Silvester zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags. Hallo, nett, dass Sie gekommen sind! Die uns einigermaßen bekannte Historie beginnt etwa 30 Sekunden vor Mitternacht, und 14 Sekunden vor Mitternacht ist Weihnachten, Maria bringt in einem Stall in Bethlehem Jesus Christus zur Welt.

14 Sekunden – sind seitdem in unserer verkürzten Erdgeschichtsprojektion vergangen.

 

Viele Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass am Anfang der Menschheitsgeschichte – also Silvester zwischen 5 und 6 Uhr – das Matriarchat stand und dass das Patriarchat nicht viel älter ist als eine halbe Minute. So, genug Eselsbrücke.

 

Matriarchat also, Herrschaft der Frau. Und schon bin ich der Sprache in die Falle gegangen. Frauen können eigentlich nicht herr-schen, es müsste frau-schen heißen. Oder, meine Damen – dam-schen – auch nicht besser. Ich weiß mich in dieser Sprachfalle übrigens in höchst rühmenswerter Gesellschaft. Bei Immanuel Kant las ich neulich zufällig: „Die Frau will herrschen, der Mann beherrscht sein…“ Wenn ich mit so einem Vortrag herumtoure und tingele, bekomme ich immer wieder Hinweise, für die ich sehr dankbar bin. Hier der Hinwies, dass das Wort “herrschen” keineswegs nur männlich besetzt ist. Das stimmt etymologisch, Herr ist ursprünglich der Vornehmere, derjenige, der Abhängige oder Vasallen unter sich hat, oder – historisch präziser – der von ihm abhängige Menschen in Leibeigenschaft besitzt. Das waren natürlich auch Herrscherinnen. Obwohl in diesem Sinne möglich, sagt heute aber niemand Herr Kaiserin Maria Theresia oder Herr Königin Elisabeth, ebenso klingt Fraugott statt Herrgott doch eher befremdlich. Ein Brief an Herrn Peter Podehl ist heutzutage eindeutig an mich gerichtet. In diesem Sinne entsteht die heute etwas paradox klingende Herrschaft der Frau, die sich auch im Duden-Wörterbuch zur Herkunft des Wortes Matriarchat findet: lateinisch mater gleich Mutter, Genitiv matris und griechisch archè gleich Herrschaft. Dieses griechische Wort archè bedeutet auch Anfang. Am Anfang also die Mutter, das weibliche Prinzip. Weibliche Matriarchatsforscherinnen werden nicht müde zu behaupten, die Mütter hätten die Macht ausgeübt, aber nicht die Herrschaft, die letztere sei eine Erfindung des späteren Patriarchats. Eine etwas spitzfindige Unterscheidung, so will mir scheinen. Ich wüsste nicht, wie Macht und Herrschaft sich letztendlich trennen ließen; es kommt doch immer nur darauf an, ob sie mit Weisheit und Liebe ausgeübt werden.

 

Hier wies mich ein Zuhörer darauf hin, dass da schon Trennungen zwischen Herrschaft und Macht definierbar wären: Mag im Patriarchat der Mann der Herrscher sein, die Frau kann dennoch viel Macht ausüben.  Man denke an die traditionelle jiddische Momme, unter deren Macht so mancher jiddische Sohn zeitlebens zu leiden hat.

 

Und aus einem Land, von dem wir es am wenigsten vermuten, kommt uns Nachricht von der Macht der Frauen: aus Persien, dem heutigen Iran. Freilich nicht aus den Städten und ihren Slums. Dort ist Gewalt gegen Frauen Alltag wie eh und je. Aber: Erika Friedl, gebürtige Wienerin, in den USA lebende und lehrende Anthropologin und Soziologin, hat samt Familie rund zwanzig Jahre mit etlichen Unterbrechungen in einem iranischen Dorf verbracht. Kein Strom, kein fließendes Wasser, kein Arzt. Aber in das Schema: ‘arme Frauenopfer und autoritäre Männertäter’ läßt sich die Sozietät des Dorfes nicht pressen. Unbestritten herrschen die Männer nach außen hin. Aber innerhalb der Dorfgesellschaft gibt es keine Heirat, keine Erbschaftsregelung, keine Friedensstiftung nach heftigem Streit ohne die Macht der Frauen. Und -: Sie lachen viel und können sehr ausgelassen sein. Eine Frau erzählt eine Geschichte und sagt am Ende ihrer breit angelegten Ereignisschilderung: „Meine Geschichte ist so wunderschön, – wirf eine Handvoll Rosenblätter darüber!…“

 

Matriarchatsforschung ist heikel aus mancherlei Gründen. Die Schrift war noch nicht erfunden. Die Mütter, die Frauen waren zunächst weniger an schriftlichen Fixierungen interessiert. Alles wurde mündlich weitergegeben, vererbt, erzählt und sicher auch geplaudert und geplauscht. Die Forscher sind hauptsächlich auf die Funde der Archäologie angewiesen, die Höhlenzeichnungen, die Göttinnenbilder und –statuen, Kultgegenstände, Haus-  und Stadtgrundrisse. Sie müssen die stummen Materialien zum Reden bringen, und die reden nun einmal nicht eindeutig, ihre Verschwiegenheit birgt Geheimnisse; Mutmaßungen und Spekulationen sind Tür und Tor geöffnet. Leicht zu verstehen, dass feministische Forscherinnen anders mutmaßen als die sehr männlich orientierten Kollegen.

 

Damit bin ich bei einem anderen Grund für das Heikle der Matriarchatsforschung: Ideologie und Weltanschauung. Ich will nur gleich gestehen, dass ich Ideologien überhaupt nicht leiden kann, feministische Ideologien bilden da bei all meiner Liebe zum weiblichen Geschlecht keine Ausnahme. Ich hasse die schrecklichen Vereinfacher, die horriblen simplificateurs. Nichts ist einfach! Es gibt so viele Weltanschauungen, wie es Menschen gibt, die die Welt anschauen. Derzeit ein paar Milliarden. Einigkeit, Abkürzung auf Kosten von Kompliziertheit und Vielschichtigkeit ist mir immer suspekt. Wie einfach erscheint zum Beispiel der Mensch, solange wir ihn nur von außen betrachten: Zwei Arme, zwei Augen, zwei Nasenlöcher, zwei große Zehen und so weiter, und wie herrlich symmetrisch auch ganz innen das Skelett. Aber dazwischen ?: – Wir brauchen uns nur ans Herz zu fassen, um zu erfahren, wie kompliziert wir innen aussehen. Links das Herz, die Milz, mittig die Blase, rechts Blinddarm und Galle. Rechte und linke Gehirnhälfte von höchst unterschiedlicher Art und Funktion. Nichts ist einfach!

 

Im Matriarchat gaben die Frauen den Ton an. Allen sichtbar waren sie diejenigen, die Leben zur Welt brachten. Welch eine schöne Redewendung in der deutschen Sprache: Zur Welt bringen. Die Frauen setzten dem Tod etwas entgegen, besiegten ihn mit jeweils neuem Leben. Ihre Leibeshöhle wurde gleichgesetzt mit der Mutter Erde, – Säen, Wachsen, Blühen, Fruchttragen.

 

Zum Thema Mutter Erde eine mehr persönliche Anmerkung: Blättere ich in dem hinreißend schönen Fotobuch DER HEIMAT-PLANET vom Verlag 2001, rammelvoll mit Fotos von unserer Erde, aus dem Weltraum aufgenommen, dann meine ich lauter Frauenbildnisse von geradezu erotischer Schönheit und Faszination anzuschauen. Ja, ich bin richtig verliebt, als Mann verliebt in unsere Frau Mutter Erde. Meine Frau hatte da noch Probleme: Sie wusste nicht so recht, ob die Sache eine Eifersucht wert ist. (Dies natürlich ein kleiner Scherz von mir.) Zur Bestätigung las ich beim großen Aphoristiker Lichtenberg: „Unsere  Erde ist vielleicht ein Weibchen.“ Und noch ein Zitat, aus John Updikes Roman DAS GOTTESPROGRAMM, das zunächst sehr willkürlich gewählt zu sein scheint. Der Roman ist in Ich-Form geschrieben, der Theologieprofessor Roger Lambert berichtet von seiner Frau: „Sie drehte sich auf klackenden Absätzen um und schwirrte durch den Flur davon, bot mir jene Hinteransicht, die selbst die zierlichste Frau großmächtig wirken lässt, ein Stück der Erde.“ Und einige Stockwerke tiefer – aber warum bewerte ich das? Ich sage also lieber: ein paar Zimmer oder ein paar Schubläden weiter steht die Aussage des amerikanischen Musik-Kritikers Nik Cohn, die Rock-Sängerin Tina Turner habe einen „kosmischen – Pardon! – Arsch“.

 

Wie gesagt: Es gibt wenig Sicherheiten bei der Erforschung der frühen Menschheit. Aber dass am Anfang die Frauen das Sagen hatten, ist wohl unumstößlich richtig. Das Sagen – der Paläolinguist, also der Sprachforscher, der in der frühesten Frühzeit der Menschheit herumstochert, meint, Sprache sei entstanden beim Austausch von Lauten und Lallen zwischen Kleinkind und Mutter. Mütter von heute werden solche Urerfahrung bestätigen können. Ich muss etwas genauer sagen: So argumentiert der feministisch orientierte Paläolinguist.

Der maskulinistisch – um dieses Wort endlich zu erfinden -, der maskulinistisch orientierte Paläolinguist sieht, oder besser, hört die Sprache unter Männern auf der Jagd entstehen. Worauf der feministische Widersacher meint, die Jäger der Urzeit hätten beim Anpirschen auf das Wild genauso wenig gesprochen, wie es heutige Jäger tun. Sprache verjagt die Beute – damals wie heute.

 

Frauen erfanden die ersten Werkzeuge zur Zerkleinerung der Nahrung für das Baby. Frauen flochten die ersten Windschirme, bauten später die ersten Hütten, noch später die ersten Häuser, alles Zeichen für Höhle, Schutz, Geborgenheit, Schoß.

 

Und die Männer? Drei Fragezeichen. Zunächst eine kleine Anleihe bei Erich Fromm. Ein Schauspieler in Ingolstadt wies mich darauf hin, als ich dort mal inszenierte. Ich habe die Stelle im Werk von Erich Fromm nicht gefunden, muss allerdings sagen, dass ich sie auch nie systematisch gesucht habe. Sinngemäß also: Das Mädchen wird aus dem Schoß der Mutter geboren, es wird meistenfalls im späteren Leben selbst Frau und Mutter, ein selbstverständliches, fragloses Kontinuum. Ganz anders der Junge, der ein Leben lang nicht so recht weiß, wie ihm da geschehen ist: Aus dem Mutterleib geboren, selbst aber von ganz anderer Art und Bauweise, irritiert, mit Fragen über Geburt, Liebe und Tod konfrontiert, die ihm nie richtig beantwortet werden könnten, wobei die Frage offen bleibt, wie sie überhaupt einem Manne richtig beantwortet werden könnte. Die Dimension der Weitergabe von Leben ist ihm versperrt. Ein Leben lang wollen die Männer in den Schoß zurück, bezeichnenderweise können sie nicht nieder-kommen. Viele haben größte Schwierigkeiten, die Pubertät je hinter sich zu lassen und erwachsen zu werden.

 

Was tun sie? Sie gründen Männerbünde, überall auf der Welt, in Afrika und Neu-Guinea, bei den Indianern; in England eröffnen sie Clubs, zu denen Frauen keinen Zutritt haben; in Deutschland sind es die Schützenbruderschaften, die Männergesangsvereine (bloß keine gemischten Chöre!), Freimaurer, Freimaurer übrigens mit einigen Ausnahmen: in einigen Logen versammeln sich Brüder und Schwestern, aber Studentencorps, schlagende Verbindungen (völlig undenkbar, dass Frauen jemals schlagende Verbindungen gegründet hätten!), schließlich SA und SS, alle frauenexklusiv! Wer zur Karnevalszeit durch Köln spaziert, liest – als Nicht-Kölner mit einiger Überraschung – auf manchen Plakaten: ‚Prunksitzung mit Damen’, und kann daraus schließen, dass normalerweise Damen von Prunksitzungen ausgeschlossen sind. Gänzlich unvorstellbar ein Plakat mit dem Text ‚Prunksitzung mit Herren’.

 

Eine feministische aber auch sonst hochgebildete Ethnologieprofessorin, Gisela Völger, die eine Ausstellung mit der Überschrift MÄNNERBÜNDE – MÄNNERBANDE ausgerichtet hat, sagt lapidar: ‚Männerbünde sind Ersatzmütter’.

 

Ich muss mir hier ein wenig Selbstlob spenden: Mir sind solche Männerbünde immer äußerst suspekt geblieben. Ich bin nicht einmal gerne in den früheren FD-Zügen gefahren, weil die nur Erster-Klasse-Wagen führten in denen fast ausschließlich Männer saßen. Als ich meiner Regieassistentin Milena Kosakowa aus Prag erzählte, wie allergisch ablehnend ich auf reine Männeransammlungen reagiere, sagte sie: „Ach, Här Podäl, Versammlungen mit lauter Frauän – das is auch nix!“ Das war Milenas Beitrag zur Gleichberechtigung.

 

Zurück zur Frühgeschichte und zu einem Faktum von größtem Gewicht: Die frühe Menschheit wusste nichts über den Beitrag, den der Mann zum Entstehen menschlichen Lebens leistet. Der Mann als Samenträger und –spender war unbekannt. Wie weit er zu welchem Zeitpunkt und wo erahnt wurde, sei dahingestellt. Es gab also keine Väter, geschweige denn Großväter. Kaum vorstellbar. Das heißt: Es gab natürlich Väter und Großväter, aber sie wurden nicht als solche erkannt und schon gar nicht anerkannt. Was sie zu tun hatten, ihre sexuelle Funktion beschränkte sich nach damaliger Vorstellung auf das Öffnen der Frau. Geschwängert fühlte sie sich dann von einem toten Ahnen, von Geistern oder Göttinnen, die für den Fortbestand der Menschheit sorgten. Leicht vorzustellen, dass der Mann der Vorzeit noch dümmer aus der Wäsche kuckte, als Erich Fromm das skizziert hat.

 

Und ebenso leicht vorzustellen, dass Gott eine Frau war und ihre Mittler waren Priesterinnen. In solcher Gynäkokratie – Gynäkokratie? – ein anderes Wort für Matriarchat – herrschte oder frauschte Polyandrie – Polyandrie? – ein anderes Wort für Vielmännerei. Ehe oder Familie gab es ja nicht. Der Bruder der Frau spielte, weil er ja bei der Geburt als solcher erkannt werden konnte, eine sehr große Rolle im Leben der Gemeinschaft. Mancher der Söhne stieg auf. Die Priesterin-Mutter nahm ihn zum Geliebten – wahrscheinlich. Über das Inzest-Tabu und den Ödipuskomplex in der Urzeit streiten sich die Gelehrten. Die solchermaßen ausgezeichneten Söhne konnten Priester und Könige werden, sterbliche Statthalter von unsterblicher Mutters Gnaden. Er starb keines natürlichen Todes, sondern wurde geopfert. Ja, er stirbt den Opfertod. Ich frage jetzt dazwischen, ob Menschenopfer eine Religion nicht mit einem denn doch sehr kritischen Akzent belasten. Ich frage das weniger als betroffener Mann, sondern als Mensch und denke an den geplanten Opfertod Iphigeniens in radikal anderer, späterer Zeit. Es mag gut sein, dass ich den archaisch-magischen Riten des Matriarchats  mit solch realistischer Kritik am Opfertod des Mannes nicht gerecht werde. Dennoch: Die Notwendigkeit des Mannesopfers in Urzeiten will mir so wenig einleuchten wie der männlich bewirkte Tod eines Rebellen oder eines Rebellenfreundes gestern oder heute in irgendeiner Vorstadt von Kabul; von den aktuellen Männer-Entsetzlichkeiten in den übrigen Krisenherden überall auf der Welt und gleich um die Ecke in Gaza, erlauben Sie mir, hier zu schweigen.

 

Ich springe zur Biologie und bitte Sie mitzuspringen. Kleinstlebewesen wie Bakterien vermehren sich durch Teilung. Aus einer Zelle werden zwei, aus zweien vier und so weiter in die Unendlichkeit. Kein Tod, solange sie Nahrung finden. Eine eindeutige Form von möglicher Unsterblichkeit. Warum können solche Geschöpfe wie die Menschen sich nicht auch durch Teilung fortpflanzen? Das Wesen des Bakteriums ist seine Unveränderlichkeit über alle Generationen. In Grönland und Südafrika haben Forscher Bakterienstämme gefunden, deren Alter sie auf 3,5 Milliarden Jahre schätzen; seit 3,5 Milliarden Jahren durch Teilung fortgepflanzt, aber praktisch unverändert. Durch Teilung sich fortpflanzende Menschen wären also absolut gleich bis in alle Ewigkeit. Und sie würden keine Geschlechtsunterschiede kennen. Da kann ich nur sagen: Nein, danke. Ich bin für Veränderung und Liebe und weiß, dass ich damit auch für den Tod sein muss.

 

Ich sitze in der U-Bahn meiner Enkeltochter Lavinia gegenüber, und plötzlich sehe ich da in dem schönen Kindergesicht meine Mutter, ihre Züge scheinen und schimmern durch, eine wunderbare Überblendung von Urenkel und Urgroßmutter. Soviel Unsterblichkeit würde mir genügen: Unsere Reproduktionsfähigkeit in Kindern und Enkeln; da bin ich dann sehr lässlich ketzerisch unbekümmert um Jenseits und Auferstehung und Ewigkeit…

 

Meine Herren der Schöpfung!, von der modernen und modernsten Biologie müssen wir uns erst einmal sagen lassen, dass wir das sekundäre Geschlecht sind. Im Anfang ist der Schoß der Frau.

Im Anfang ist jedes menschliche Individuum primär weiblich. Sehr abgekürzt und pauschal gesagt: Die Frau ist, der Mann wird. Bis zur siebenten Woche etwa ist das Embryo geschlechtsneutral, die Grundstruktur des Gehirns ist weiblich. Erst dann wird durch eine Hormon-, genauer: Testosteronschwemme das männliche Gehirn bestimmt und ausgebildet.

 

Die für den Dilettanten und Banausen niederschmetternd komplizierte Lehre von den Chromosomen möchte ich hier nur streifen; ich verstehe sie selbst nicht. Nur so viel: Die Frau bleibt mit ihren beiden sogenannten X-Chromosomen bei dem ihren. Das eine Geschlechtschromosom des Mannes ist auch ein weibliches X-Chromosom, das andere heißt beim Manne Y-Chromosom, ihm verdankt er seine ganze Männlichkeit, es ist viel winziger als das X-Geschlechtschromosom der Frau.

 

Da wir gerade bei Größenunterschieden sind: Das weibliche Ei ist 85.000 mal größer als das männliche Spermium, in Worten: fünfundachtzigtausend mal größer. Nach meinen Berechnungen sind das zehn Zentimeter an den Hängen des 8500 Meter hohen Mount Everest: zehn Zentimeter Spermium gegen das riesige Himalaja-Ei. Hoffentlich stimmt diese Vergleichsrechnung – ich bin auch als Mathematiker nicht so doll. Aber: Das Ei in seiner verhältnismäßigen Größe ist ein inhaltsschwerer Brocken, es   i s t  , es ruht und bedarf des sehr energiereichen beweglichen Spermiums, um seine austragende, fruchtbringende Funktion zu erfüllen.

 

Wie steht es mit der Rolle des Ehemannes und Vaters in Biologie und Natur? Um es vorwegzunehmen: Tausend Antworten. Die Natur bietet Beispiele für alles. Der Löwe mit seiner stattlichen Mähne ist der schlimmste Pascha, den man sich nur vorstellen kann. Die Löwinnen des Harems tragen die Kinder aus und ziehen sie auf. Sie sind zumeist die Aktiven beim Jagen, aber wehe!, sie beißen als erste ins frisch geschlagene Antilopenfleisch. Sie warten, bis der Herr Löwe die besten Brocken verspeist hat. Am anderen Ende der Skala finden wir etliche Spinnenweibchen, die ihre Männchen nach der Begattung schlankweg und seelenruhig auffressen. Dazwischen lauter Beispiele für alles, zum Beispiel für Polygamie, – also ein Männchen, ein Pascha und viele Weibchen -, oder Monogamie, die auf Partnertreue basierende Paarbeziehung. 80% aller Singvögel leben dauermonogam, desgleichen Springaffen und Gibbons. Das Vogelmännchen ist am Nestbau kräftig beteiligt, ebenso an der Aufzucht der Brut.

 

Sehr gerührt hat mich Folgendes: Die monogam lebenden Paare mancher Vogel- und Affenarten entwickeln jeweils individuelle Verhaltensrituale, die nur ihnen eigen sind: Duette werden gerufen und gesungen, die nur vom eigenen Partner verstanden werden; die Duette der Gibbonaffen haben einen auch für menschliche Ohren verzaubernden Klang. Bei Kranichen, bei manchen Tauchervögeln und Albatrossen kommen komplizierte tänzerische Bewegungsfolgen hinzu, auf die nur ein einziger, der eheliche Partner reagiert. Nicht viel anders als bei Menschenliebespaaren, die sich inmitten einer Menge im Café oder sonstwo in seliger Verliebtheit durch Gesten und Worte austauschen können, von denen die Umwelt nichts versteht. Die Wüstenasseln, von denen Sie vermutlich hier zum ersten Male hören, eine Krebsart, führen ein höchst effizientes und differenziertes Familienleben. Strenge Arbeitsteilung für Eltern (auch sie leben monogam) und Kinder; jeder weiß, ob er die Höhle zu putzen hat oder den Eingang zu bewachen oder Nahrung herbeizuschaffen.

 

Kleine Information am Rande: Über diese Krebse forschte K.E. Linsenmaier und veröffentlichte 1979 seine Untersuchungen zur ‚Soziobiologie der Wüstenassel Hemilepistus reaumuri und anderer Isopodenarten’. Habe ich nicht gelesen, aber ich muss sagen, es hat mein Herz bewegt, von dergleichen biologischen Fakten zu erfahren.

 

Inzwischen weiß man, dass Zwitter in der Natur weitverbreitet sind, man erforscht die Homosexualität der höheren Säugetiere und die Prostitution bei bestimmten Affenhorden. Sie sehen: Die Worte ‚natürlich’ oder gar ‚normal’ sind äußerst schwammig und können getrost gestrichen werden, wenn sie menschliches Verhalten ernsthaft begründen sollen. Nichts ist einfach, alles ist natürlich, und was denn normal sei, darüber können wir noch tausend Jahre streiten.

 

Sie haben sicher gemerkt, dass ich mit einiger Liebe bei den monogam lebenden Tieren verweilte, als könnten sie in irgendeinem moralischen Sinne Beispiele für uns Menschen sein. Aber das können sie nicht. Mein Sohn, Arzt, Epidemiologe und Verhaltensmediziner, gab mir ein Buch, betitelt DIE AFFEN von Volker Sommer und sagte: „Lies von Seite 112 bis Seite 159.“ Ich las. Und ich weiß nun: Monogamie in der Tierwelt ist biologisch sinnvoll und sonst gar nichts. Eurozentrische Moral hat da nichts zu suchen! Die eurozentrische Moral der Monogamie gilt auch nur für ganze 16% aller menschlichen Gesellschaftsformen auf der Erde. Bei 0,5% gibt es Vielmännerei, und die restlichen rund 83% sind polygam und praktizieren – ich zitiere – „gemäßigte, milde Vielweiberei“, was immer das sein mag: gemäßigte, milde Vielweiberei. Dem entsprechen auch Körpergewicht und Größe des Menschen, die bei Mann und Frau unterschiedlich sind. Dagegen sind bei monogam lebenden Affen Männchen und Weibchen gleich schwer und gleich groß.

 

Allerdings steht in dem Affenbuch noch etwas Merkwürdiges: Zwei Affenarten, die Pageh-Stumpfnasenaffen auf den Mentawei-Inseln – sie sind dem indonesischen Sumatra westlich vorgelagert –, sowie die Brazzameerkatzen Afrikas sind im Lauf einer verhältnismäßig kurzen Zeit, in der man sie beobachtet hat, monogam geworden. Der Grund liegt in der Tatsache, dass diese Affenarten vermehrt gejagt werden, und dagegen können sie sich als monogame Kleinfamilie viel besser schützen als in großen Horden. Sie springen also aus Selbsterhaltungstrieb über die biologischen Fakten hinweg.

 

Nun frage ich mich, ob der Mensch, der ja auch ein in der riesigen Arena der Lebewesen einmalig reich ausgestattetes Seelen- und Geist- und Liebeswesen ist, einzigartig in der Freiheit seiner Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten, – ob für ihn die Monogamie nur eine eurozentrische Moralspinnerei ist oder vielleicht mehr? Es geht um die Kinder. Es ist eine gesicherte Erkenntnis der Verhaltensbiologie, dass im gesamten Tier- und Menschenreich diejenigen Geschöpfe die größten Hirne entwickeln und am intelligentesten und gebildetesten sind – ich meine gebildet jetzt nicht im rein akademischen Sinne -, deren Kindheit am längsten dauert, die die meiste Zeit zum Spielen haben. Ja, zum Spielen! Und da sind wir Menschen ja auch rein biologisch Weltmeister, gefolgt von den klugen Elefanten: 15, 16, 17, 18 lange Jahre Aufzucht. Und – glauben Sie einem praktizierenden Großvater und Urgroßvater mit fünf Enkelkindern und vier Urenkeln: Es hört nicht auf, so sehr sich die Formen der Liebe wandeln, die Gegenseitigkeiten zunehmen, manche Abhängigkeiten sich umdrehen mögen. Nur beim Menschen können Großeltern eine so bedeutende Erzieherrolle spielen. Von den Elefantengroßmüttern weiß man allerdings inzwischen, dass auch sie Enkel erziehen.

 

Es ist eine traurige Binsenwahrheit, dass Kinder aus zerrütteten Ehen am stärksten verhaltensgeschädigt sind. Aber auch Alleinerziehende müssen da manche Defizite ausgleichen. Eine emanzipierte alleinerziehende Mutter erkannte eines Tages mit gelindem Schrecken, wie schwer es ihr fiel, ihrem Sohn, als er in die Pubertät kam, klarzumachen, was das eigentlich ist, was er da werden soll: Ein Mann. In der DDR lebte die alleinerziehende Mutter verhältnismäßig komfortabel und ungeschoren: Kinderhort, Kindergarten für das Kind waren garantiert, ebenso Arbeit für die Mutter. Beides ist dann plötzlich rar geworden. Die arbeitslose Mutter muss die meiste Zeit allein mit dem Kind auskommen. Als Ergebnis ein Wort, das mich zunächst sehr befremdet hat: Langeweile. Bei genauerem Hindenken sehr verständlich. Tagaus, tagein, nachtaus, nachtein ist der Partner das Kind; Gesprächspartner, was es so, je nach Alter zu sprechen hat, Liebespartner, Kommunikationspartner… Mit solchen Hinweisen will ich nicht etwa behaupten, es sei das Alleinerziehen grundsätzlich abzulehnen. Das sowieso so rare Glück kann sich leicht auch in solchen Nischen finden.

 

Unterstellen Sie mir bitte nicht, dass ich keine Ahnung hätte, welche Grade von Zerrüttung es in Ehen gibt und dass manche Scheidung lebensrettend sein kann. Nein, ich spreche von den Leichtfertigkeiten der Wegwerf-Ehen und insofern gewiss auch von Moral. So spießbürgerlich-süßsauer sie sich oft genug gebärden mag, – sie sollte nicht gekippt werden. Sie ist auch ein großartiges Kulturgebäude. Zwei Sätze zum Abschluss des Themas: „Irgendwo sitzt immer ein Dritter und heult.“ Und Albert Camus sagt: „Einen Menschen lieben, heißt einwilligen, mit ihm alt zu werden“.

Camus – es sei nur angemerkt – hat selber nicht nach diesem Satz gelebt oder leben können. Solche Sätze sind Sätze der Sehnsucht und des Erstrebens; sie bleiben bemerkenswert und wertvoll, auch wenn der Verfasser sich schwächer zeigt als seine Postulate.

 

Ich springe zum Alten Testament und bitte Sie mitzuspringen. Vorausgeschickt sei ein kleines persönliches Bekenntnis: Hier spricht ein Glaubender, der sich die Einrichtung der Welt nicht ohne Schöpfergott   u n d   Schöpfergöttin vorstellen kann. Große Einschränkung: Ein Dogmenknecht spricht hier nicht. Strenggläubigen Bibelfundamentalisten muss ich deshalb jetzt vielleicht ein wenig wehtun. Vieles wird in Frage gestellt, was vor noch gar nicht langer Zeit unumstößlich schien. Und was für manchen auch heute noch unumstößlich ist. Das ewige Dilemma zwischen dem Glauben und der Kritik an ihm ist in allen Zeiten der Aufklärung durchzustehen. Ich achte die Strenggläubigen. Gott helfe uns.

 

Ich fange an – Ja, womit fange ich an? Damit, dass die Urform des Alten Testamentes möglicherweise von einer Frau geschrieben wurde. Das behauptet jedenfalls Professor Harold Bloom, Religionswissenschaftler an der Yale-Universität in den USA. Dieses Ur-Alte Testament schildert einen viel ausgelasseneren und kindlicheren Gott als wir ihn von Moses kennen. Ich frage dazwischen: vielleicht einen spielenden Gott? Einstein sagte noch: „Gott würfelt nicht.“ Dagegen sagt sein Kollege aus unseren Tagen, der Brite Stephen Hawking, ein phänomenaler Wissenschaftler, dabei ein schwerstbehindertes, rollstuhlfahrendes, fast sprechunfähiges Menschenbündel, bahnbrechender Vordenker der theoretischen Physik und Kosmologie: „Alles deutet darauf hin, dass Gott ein eingefleischter Spieler ist.“ Dazu passt des amerikanischen Professors Behauptung vom ausgelassenen und kindlichen Gott, der so viel ironischer und poetischer geschildert werde. In diesem Ur-Alten Testament nimmt die Erschaffung der Eva sechsmal so viel Raum ein wie die des Adam. Familiäre Beziehungen werden viel höher bewertet als politische Hierarchien. Als ich das meiner Frau erzählte, meinte sie, sicher sei ich die Frau gewesen, die das vor rund 3000 Jahren geschrieben hat. Welch eine Liebeserklärung…!

 

Nach meinem Dafürhalten ist eine solche Bemerkung weiblicher Humor in reinster Form. Theodor Fontane hielt viel vom weiblichen Humor der Unlogik – so nannte er ihn -, den er bei seiner Frau vortrefflich ausgebildet fand, wie er in folgender Anekdote schildert: Das schon ältere Ehepaar fuhr ins schlesische Gebirge in die Sommerfrische. Im Städtchen Hirschberg aß man zu Mittag. Und als man oben am Urlaubsziel in Kirche Weng angekommen war, vermisste der Dichter seinen warmen Überzieher. Er hatte zwar noch einen leichten Paletot bei sich, aber den wärmeren Mantel offenbar in Hirschberg vergessen. Der Wirt sagte, er fahre morgen sowieso hinunter nach Hirschberg und werde den Mantel mitbringen. Und der Kutscher Friedrich fahre auch, einer werde ihn also im Wirtshaus holen. Am Abend geht das Ehepaar den beiden entgegen. Als erstes kommt Kutscher Friedrich und macht eine bedauernde Handbewegung. Frau Fontane sagt: „Er ist also weg.“ Theodor beruhigt sie, es werde ja noch der Wirt kommen und den Mantel gewiss mitbringen. Aber auch der Wirt macht, als er den Hügel heraufgefahren kommt, eine bedauernde Handbewegung. Da bricht Frau Fontane in den Schmerzensruf aus: „So sind sie also alle beide weg!“

 

Und wenn die Schauspielerin Silja Lesny unseren Gartenweg in Harlaching entlang ging und mit deutlicher Handbewegung sagte, ab morgen sei sie wieder da drüben am Athener Platz zum Haushüten, und ich sagte ihr, der Athener Platz sei aber entgegengesetzterweise da drüben, und sie dann sagte, das sei doch völlig egal, dann sollte ich Mann dieser Frau rechtgeben: Es ist völlig egal. Ja, es hat sogar poetischen Reiz, den Athener Platz da zu vermuten, wo er gar nicht ist. Zurück zum Alten Testament!

 

Der Titel meines Vortrages ist übrigens gar nicht so ketzerisch, wie er auf den ersten Blick erscheinen mag. In apokryphen Büchern, die also nicht in den uns bekannten Text aufgenommen wurden, wird Sophia, die Weisheit, ausdrücklich als Gottes Ehefrau bezeichnet. Und der Geist, das, was wir den Heiligen Geist nennen, ist im Hebräischen weiblich: die Ruach. Und das bedeutet mehr als irgendein Derdiedas. Der Geist war weiblich, war Frau! Im Griechischen war pneuma sächlich, im Lateinischen ist dann spiritus männlich. Unser deutsches Wort Geist ist uralt und hat ja eine sehr große Bedeutungsfülle, denken Sie an Geisteskrankheit, Weingeist oder Geist im Sinne von Gespenst. Als Heiliger Geist sollte es „die Geist“ heißen. Die Frage nach Gottes Ehefrau stellt sich aber bald noch sehr viel ketzerischer.

 

Moses führte die Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft. In diesem Ägypten regierte ein Matriarchat mit oberster Göttin. In der neuen Region, jenseits des Roten Meeres – wir würden heute wohl von der  Golfregion sprechen – waren die Israeliten umstellt von Völkern und Stämmen, die fast alle Göttinnen huldigten. Moses musste sie aus Gründen der politischen Abgrenzung hassen, worauf ich im Augenblick nicht näher eingehen kann, weil ich mich nicht genügend kundig gemacht habe. Er konnte nur den Mann-Gott zulassen, der Ersterschaffene konnte nur der Mann Adam sein. Bei der Erschaffung der Eva stoße ich in der Schöpfungsgeschichte auf einige Unsicherheiten, um nicht etwas ketzerischer zu sagen: Verdoppelungen und Widersprüche. Im ersten Kapitel der Genesis heißt es: Gott schuf sie, einen Mann und ein Weib. Übrigens ist das eine simplifizierende und verschleiernde Übersetzung. Der hebräische Text heißt – hoffentlich spreche ich das jetzt richtig aus, mein Hebräisch beschränkt sich auf Wörter wie Tohuwabohu und Amen, also -: zakhar  ûbeqêbhâh. Das  sind ganz eindeutig anatomische, um nicht zu sagen: zoologische Begriffe, und sie bezeichnen die Geschlechtsmerkmale bei Tieren und Menschen. Man müsste übersetzen: „Gott schuf sie einen Durchstechenden und eine Durchlochte.“ Zahmere Übersetzer haben sich mit Männchen und Weibchen begnügt.

 

Im zweiten Kapitel der Genesis erst kommt die Geschichte vom Erdenkloß, den der Herr beseelt, und elf Verse später eine der schönsten Zeilen der Bibel: „… es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Erst weitere vier Verse später, in denen von anderen Dingen die Rede ist, baut der Herr aus Adams Rippe die Männin. Mit dieser Lutherischen „Männin“ habe ich mein Lebtag gehadert. Mit gleicher Berechtigung könnten die Feministinnen uns Männer Frauer nennen.

 

Der Paläolinguist und Urgeschichtsforscher Richard Fester entwirft an dieser Stelle des Alten Testaments eine geradezu alles umwerfende These. Das mit der Rippe, sagt er, stimme überhaupt nicht. Evas Geschichte wird aus der sumerischen Mythenwelt übernommen, daher wohl auch die Unklarheiten in der Genesis, – Eva ist die Stammmutter von allem, sie gebar den Gott Jahwe, mit dem sie Adam zeugte, und dieser Sohn wurde dann auch noch ihr Mann. Wou! Wie kommt der Herr Fester dann darauf? Das sumerische Wort TI, sagt er, bedeute sowohl Rippe als auch Zeugen, also das Tätigkeitswort zeugen. Man könnte etwas schnoddrig sagen: ein Übersetzungsfehler also. Wir erinnern uns an die Biologie, für die die Leibeshöhle der Frau so gut wie unumstößlich am Anfang aller Entwicklung steht.

 

Oder hat Moses etwa falsch abgeschrieben? Was soll denn nun auch noch diese Frage bedeuten? Neueste Forschungen stellen einen überaus engen Zusammenhang her zwischen dem sumerischen Gilgamesch-Epos und dem hebräischen Alten Testament. Bei den Sumerern spielt die Astronomie eine sehr gewichtige Rolle – wohlgemerkt: hier nicht die Astrologie, sondern die Astronomie. Sie sei jedoch, so sagt man, Moses nicht geläufig gewesen, weshalb er sie übergangen habe. Natürlich taucht die Frage auf, in welchen Bezügen sumerische und hebräische Urgeschichte stehen. Jedenfalls ist die sumerische älter als die jüdische. Aber ich kann die Frage mangels Kenntnissen jetzt und hier nicht beantworten.

 

Paul Hengge, eigentlich Autor von Belletristik und Theatermann, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel ES STEHT IN DER BIBEL. Er durchforstet die uralten Texte in der Originalsprache und weist darauf hin, wie überaus schwer es ist, das Althebräische in heutige lebende Sprachen zu übersetzen. Auch er zweifelt an der Herkunft der Eva aus einer Rippe des Adam. Es wurden im Althebräischen nur die Konsonanten aufgeschrieben, und die Frage, welche Vokale zwischen die Konsonanten gehören, ist oft genug ein einziges Rätselraten. Verschiedene Vokale geben sehr verschiedenen Sinn. Aber auch dies: Gott heißt Jahweh, aber  das a und das e stehen gar nicht da, sondern nur J-hw-h. Hengge schreibt: „Auch dass das Wort einmal weibliche Bedeutung gehabt hat, ist nach den Kriterien der Sprachwissenschaft nicht auszuschließen. Der Konsonant h am Ende eines Wortes kann auch die wichtige Funktion haben, die weibliche Form eines hebräischen Wortes anzuzeigen.“  Aber Vorsicht! Hengge fügt gleich hinzu: „Die weibliche Deutung würde zwar der modernistischen Forderung feministischer Theologinnen nahekommen, sie wäre aber ebenso willkürlich und opportunistisch, wie es dereinst die Festlegung auf eine männliche Bedeutung in der patriarchalisch orientierten Auslegungstradition gewesen ist.“

 

An dieser Auslegungstradition stieß sich heftigst die Theologin und Seelsorgerin Jutta Voss aus Stuttgart. Sie selbst bezeichnet sich nicht als Theologin, sondern benutzt die weibliche Form des Griechischen Wortes: Sie nennt sich Thealogin. „Die Kirche,“ sagt sie, „hat weibliche Werte vernichtet und zeigt bis heute keine Einsicht in ihre Schuld.“ In ihr selbst sei Platz für einen Gott und eine gleichberechtigte Göttin. Und sie spricht die wunderschöne Folgerung aus: „Die Seele braucht Eltern.“ Und meint: Nicht nur einen Vater. All dies steht in ihrem Buch DAS SCHWARZMOND-TABU, Untertitel: DIE KULTURELLE BEDEUTUNG DES WEIBLICHEN ZYKLUS.

 

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Peters Klappentext zu diesem Vortrag

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