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Peters Klappentext hierzu

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Sie: DIE ZWEITE SZENE spielt im Südlichen Apfelgarten
Er: Überschrift:
DIE ELEFANTEN KOMMEN
Sie: Es ist Abend geworden, etwas Wärme des klaren Herbsttages strahlt noch durch den Garten. Gott tanzt nicht mehr, sondern unterhält sich mit dem Wurm in einem Apfel.
Er: >Die Sterne da oben – ich möchte Ordnung machen. Ist denn das so schwer zu begreifen?<
Sie: Der Wurm hing aus einem Apfel und blinzelte zum Himmel:
Der Wurm spricht mit der zart knautschigen Stimme eines altklugen Kindes:
>Ich erkenne so gut wie gar nichts am Nachthimmel. Du hast meine Augen nicht zum Sternegucken gemacht – das weißt du ganz genau. Die Sterne sind wohl ein wüster Haufen?<
Er: >Ein wüster Haufen? Da oben zischen lauter wüste Haufen herum, ohne die geringste Choreographie. Sehr helle Sterne, weniger helle Sterne – <
Sie: der Apfel hat die Stimme einer jungen Frau:
>Dunkle Sterne,< sagte der Apfel.
Er: >Die sieht man doch nicht,< sagte der Herr, >die schwarzen Löcher. Hören, ja, sie knattern. Das ganze Universum rauscht auf Wellenlänge 7,3 Zentimeter. Aber Rauschen und Knattern ist wüst und wild und unordentlich, da ist keine Musik drin. Alles ins asymetrische Chaos gestürzt und entzieht sich ohne Unterlass meiner Übersicht…<
Sie: Der Wurm wollte wissen: >Kannst du mir mal verraten, warum du getanzt hast, wenn du so unglücklich bist?<
Er: >Hoffnung macht Tanzen macht Hoffnung. Der hoffende Schöpfer plant die Krone der Schöpfung, den Abschluss nach oben. Ich taufe ihn erstmal auf den Namen Geistkasten. Er soll ablesbare Zeichen setzen, Ordnungen schaffen, Symetrie, vom Atom aufwärts bis zu den Sternenhaufen.<
Sie: Der Apfel sagte: >Ich hoffe doch sehr – auch wenn ich nicht tanze – dass sie gerne Apfelkerne essen wird.<
Er: >Wer sie?<
Sie: >Na, die Krone! Der Wurm frisst nämlich keine.<
Er: >Keine was?<
Sie: >Apfelkerne. Dabei sind sie so süß, so süß… Aber der Wurm verschmäht sie.<
Er: Der Wurm wandte ein:
Sie: >Was heißt denn hier ‚verschmäht sie‘? Meine Fresswerkzeuge sind nicht geschaffen, Apfelkerne zu knacken. Das weiß der liebe Gott ganz genau. Ich habe auch keine Ahnung, was das sein soll: süß…?<
Er: Gott ärgerte sich gelinde: >Auch so eine Unordentlichkeit: Da ist etwas süß, aber der Fresser-Wurm hat die falschen Zähne!<
Sie: Der Apfel folgerte: >Also soll die Krone ein Kernbeißer werden. Ich freue mich auf ihre Zähne. Sie werden einen Abdruck in mein Fleisch graben.<
Er: Gott fühlte und sagte: >Aber das tut doch weh!<
Sie: Der Apfel fragte verwundert: >Was ist das: Tutdochweh?<
Er: >Schmerz.<
Sie: >Was ist Schmerz?< fragte der Apfel.
>Tue ich dir weh?< fragte der Wurm.
Er: >Höre, Apfel,< sagte der liebe Gott, >du bist eine runde Sache. Ein jegliches Gebiss quetscht dich zu Mus und zerstört die Apfelkugel. Wie kannst du dir das wünschen?<
Sie: Der Apfel räsonnierte: >Könnte es sein, lieber Gott, dass du nichts weißt von der Lust gefressen zu werden und durch die ganze Verdauung zu rutschen?<
Er: >Hm…< machte der liebe Gott.
Sie: >Wenn du schon Hm machst…< sagte der Wurm.
Er: Der Morgen dämmerte, als eine recht große Herde Elefanten in den Südlichen Apfelgarten trabte, in dem das Gespräch nun ein abruptes Ende fand.
Sie: Das Elefantenfrühstück war ein einziges Fest der Geräusche: Sie und Er, in-, an-, durch-, über- einander, Einzelnes wiederholend: >Rupf – Pflück – Knack – Biss – Schmatz – Knautsch – Stöhn – Furz – Rausch – Prust – Zisch – Trompet – Pruuuust – Seufz – Wedel – Rumpel – Rülps…<
Er: Die Sinfonie zauberte die tief wurzelnde Liebe zwischen Baum, Ast, Frucht, Rüssel, Gebiss, Rachen, Magen, Darm zutage. Deutlich neigten sich manche Zweige den Lüsten der Elefantenkinder entgegen. Die allermeisten Zweige waren von ihren Lasten befreit, als die Elefantenherde zur nächsten Wasserstelle weitertrabte. Gottvater hatte sich schmal gemacht und bedauerte nur, seine Gesprächspartner verloren zu haben. Da meldete sich der Wurm vom Erdboden:
Sie: >Es ist der reine Zufall, dass ich am Leben geblieben bin. Zuletzt wollte ich noch die Elefantenhufe zählen, die mich verschonten, aber da ich zuerst vor lauter Aufregung nicht zählen konnte, fand ich, dass das Zählen zuletzt eigentlich keinen Sinn mehr macht.<
Er: Gott wollte wissen: >Wurm, verstehst du, warum der Apfel so scharf darauf war, dass ich Geschöpfe erfinde, die Äpfel fressen?<
Sie: >Nein,< sagte der Wurm, >versteh ich nicht. Es waren sehr viele Elefanten-Geschöpfe.<
Er: Da ließ sich die Stimme des Apfels vernehmen:
Sie: >Ich denke in anderen Dimensionen.<
Er: Wurm und Gott schauten sehr verwundert herum. Gott rief: >Apfel, wo bist du? Dass du verschont bist!?<
Sie: Aber die Apfelstimme sagte: >Ich schwimme im Magen einer Elefantenkuh und lasse es mir wohl ergehen.<
Er: >Aber wieso hören wir dich hier?<
Sie: >Weil die Apfelseele in den Zweigen bleibt. Das hast du selber so eingerichtet. Was soll denn nächstes Jahr wachsen? Wovon sollen die Elefanten nächstes Jahr sattwerden? Da brauchts die Seele.<
Er: Und Gott fand: >Ich habe einen so gigantischen Kramladen – ich kann mir unmöglich Alles merken,<
Sie: Der Wurm räsonnierte liebevoll: >Da hat ers erfunden, dann hat ers vergessen, und jetzt muss er staunen.<
Er: >Apfelseele, was soll das?< mahnte Gott. >Da jammerst du rum, dass der Geistkasten ja ein Apfelesser werden soll, weil es zu wenige davon gibt. Dabei kommt jedes Jahr eine riesige Elefantenherde und frisst fast den ganzen Südlichen Apfelgarten ratzeputzekahl!?<
Sie: >Du lässt zweierlei außer Acht, lieber Gott, ->
Er: - sagte die Seele in den Zweigen:
Sie: >- erstens: Die Geschmacksnerven der Elefanten wissen die Süße der Apfelkerne nicht zu schätzen. Die gehen im Verdauungsbrei unter. Ich plädiere also weiter für die Kernbeißer im Geistkasten, für feine Esswerkzeuge, die die innere Süße meiner Kerne zum vollen Genuss auf die Zunge fließen lassen. Zweitens: Durch den Nördlichen Apfelgarten trabt nie eine solche Herde, weil es im Norden keine Elefanten gibt. Dort fallen die reifen Äpfel ins Gras und faulen.<
Er: >Woher weißt du das?<
Sie: >Seelen wissen das. Der Norden braucht Apfelesser und Kernbeißer.<
Er: Da sprach der Herr: >Aber ich liebe den Geruch dieser Apfelwiesen im Herbst.<
Sie: Aber der Apfel argumentierte: >Ist das eine Art? Frühlingsblüte, Sommerreife und dann ein Herbst ohne Ernte. Auf den Wiesen liegen und faulen, nur weils dem Herrn angenehm in die Nüstern weht?<
Er: Aber Gott wiegelte ab: >Doch nicht wirklich deshalb, Apfel. Du argumentierst falsch. Der Geistkasten wird für Apfelesser im Norden sorgen.<
Sie: >Und wie lange soll das dauern, bis der fertig ist?<
Er: >So zehn, zwölf Millionen Jahre wird das schon noch dauern.<
Sie: Die Apfelseele war enttäuscht: >Ooooah – so lange – Verschwender!…<
Er: >Wie sähe die Welt aus, wenn der Schöpfer ein Geizhals wäre!<
Sie: Da sagte der Wurm: >Äpfel im Gras sind wiederum uns Würmern sehr willkommen.<
Er: Der Herr wurde etwas ungehalten: >Lasst mich in Ruhe! Es wächst mir aus den Händen über den Kopf! Ich will zum Ordnungmachen meinen Geistkasten. Ein Würfel mit Ecken und Kanten, federleicht, durch den der Verstand und nur der Verstand schießt und sprießt und knackt und fackelt, – das ist der Geistkasten.<
Sie: Die Apfelseele mahnte vorsichtig an: >Kein winziges bisschen Gefühl?<
Er: >Nichts dergleichen kommt mir in den Kasten. Gefühle verbeulen nur seine Geraden und rechten Winkel.<
Sie: Der Wurm wollte wissen: >Und du brauchst viele solche – solche Ordnungshüter?<
Er: >Bei der Unordnung – sehr viele.<
Sie: >Sie werden uns armen Würmern alle Äpfel wegfressen.<
Er: >Essen!, die Geistkästen fressen nicht, sie essen.<
Sie: >Weg ist weg,< maulte der Wurm, >und wir verhungern!…<
Er: >Ihr verhungert nicht,< konterte der Herr entschieden, >denn der Geigenkasten isst nicht -<
Sie: >Was ist denn nun wieder ein Geigenkasten?<
Er: >Das kommt später. Ich meine: der Geistkasten isst nicht und frisst nicht und hat niemals Hunger und macht keinen Schiet.<
Sie: >Aber Schiet ist Dünger!< muckte der Wurm auf.
Er: >Dafür gibts Elefanten, die können das besser.<
Sie: Die Apfelstimme äußerte Verwunderung: >Aber eben hast du doch noch gesagt, dass sie nicht fressen, sondern essen?! Lieber Gott, du bist und bleibst ein Chaot…<
Er: Gott verwahrte sich: >Als Apfelseele scheinst du schwerhörig geworden zu sein! Wie kannst du mich einen Chaoten schimpfen, da ich endlich Ordnung zu machen gedenke.<
Sie: Die Apfelseele lachte: >Keiner ist chaotischer als einer, der endlich Ordnung machen will. Aber rege dich nicht auf. Ich liebe meinen chaotischen Schöpfer!<
Er: Der Wurm überlegte:
Sie: >Kein bisschen Verdauung, wo doch sogar ich -<
Er: >Was? Du? Wurm? Sogar…<
Sie: >Ich habe einen Verdauungsapparat und einen Blutkreislauf und sogar ein bisschen Hirn. Du hast mir ein Strickleiternervensystem verpasst, – das weißt du ganz genau!<
Er: >Oh,< sagte Gott, >der Geistkasten besteht nur aus Nerven. Das macht ja seine Erfindung so überaus kompliziert. Aber wenn er erst einmal da ist… Die Sterne sind wüste Haufen, die Wölfe schlagen die Lämmer, im Norden faulen die Äpfel…<
Sie: >Oh, lieber Gott,< frohlockte der Wurm, >du herrlicher Verschwender!<
Er: >Schluss damit! Wisst ihr, was der Geistkasten mit den Äpfeln macht?<
Sie: >Das würde mich interessieren,< sagte die Apfelseele.
Er: Und Gott erklärte visionär: >Ein Apfel wie der andere. Die genau gleiche Anzahl Moleküle im Kern, im Gehäuse, im Fleisch, in der Schale, unterschiedslose Kugelrundung – nein!: eckig, viereckige würfelförmige Äpfel, weiß oder schwarz, samt minutiös abgezählter Anzahl von Pigmenten.<
Sie: >Igitt, was ist denn das für eine Zukunft?! Als eckiger Apfel werde ich nicht einmal mehr ‚Igitt‘ sagen können.<
Er: >Die Sterne auf einer Kette vom allerhellsten bis zum allerschwärzesten. Schluss!<
Sie: Der Wurm sinnierte: >Ich möchte mal wissen, was es da zu tanzen gibt, wenn man einen Geistkasten erfindet, der alle Sterne ordentlich aufreiht.<
Er: >Du siehst sie doch gar nicht!<
Sie: >Trotzdem ist mir das nicht egal. Die Sterne und ich – wir – also…<
Er: >Wenn du wüsstest, wie egal mir das ist!<
Sie: >Und dann?< fragte die Stimme aus den Zweigen.
Er: >Was dann?<
Sie: >Wenn alle Äpfel viereckig und weiß oder schwarz in Reih und Glied hängen und Niemand mehr den schönsten wählen kann – was dann?<
Er: >Den Zeitalter zudrehen,< sagte der Schöpfer kategorisch abschließend.
Sie: >Mein Gott, was ist denn das für ein Deutsch?< regte sich der Wurm auf: >Den Zeitalter zudrehen.<
Er: >Ich meine Zeitschalter, der gewaltigste Schalter im ganzen Kosmos. Die Zeit anhalten in dem Augenblick, wo die Wolfszähne den Hinterlauf des Lammes schnappen wollen. Der Schmerzensschrei des Lämmchens entfällt. Stop, Schluss, Aus!<
Sie: >Und dann?< fragte die Apfelstimme.
Er: >Wenn die Zeit nicht mehr fließt, ist die Frage ‚Und dann?‘ gestorben, mausetot.<
Sie: >Wirklich alles kein Grund zum Tanzen,< stoßseufzte der Wurm.
Er: >Ihr werdet es erleben.<
Sie: Der Wurm meinte maulend: >Ich glaube nicht, dass es noch irgendwas zu erleben gibt, wenn dein Zeitkasten den Geist anhält.<
Er: >Umgekehrt!< stellte Gott richtig: >Der Geistkasten hält die Zeit an.<
Sie: >Das ist doch in dem Augenblick völlig wurscht,< grummelte der Wurm.
Er: >Hättet ihr mein Alter,< sagte der Vater, >euch wäre nicht bange um das Ende. Viereinhalb Millionen Jahre allein der Planet Erde. Jedes zu 420 Tagen.<
Sie: Die Apfelstimme stellte richtig: >Inzwischen hat das Erdenjahr weniger als 366 Tage.<
Er: >Im Grunde war das Gespräch mit euch unerquicklich,< stellte Gott fest. >Um über den Geistkasten zu palavern, – das – da habt ihr zu viel Fleisch.<
Sie: >Hoho,< fistelte der Wurm, <ich und zu viel Fleisch – hähä…<
Er: >Das hat nichts mit deiner Größe zu tun,< sagte Gott.
Sie: Und der Wurm sagte mephistophelisch: >Und in deinem Hinterkopf hast du natürlich schon ganz andere Ideen als diese gewürfelten Äpfel.<
Er: >Das stimmt, ja,< seufzte Gott, >ganz andere…<
Sie: >Was gibt’s es da zu seufzen?< fragte der Wurm.
Er: >Hm,< machte Gott nachdenklich.
Sie:  >Wenn du schon ‚Hm‘ machst, -< sagte der Wurm. >Weg ist er.<
>Wer?< fragte die Stimme.
>Gott,< sagte der Wurm, >macht ‚Hm‘ und verschwindet, lautlos, lässt uns in der Gottesferne übrig.<
>Das macht er unnachahmlich,< sagte die Apfelstimme liebevoll.
>Ein bisschen was muss er uns ja voraushaben,< sagte der Wurm.
>Du weißt, dass er uns eine Menge voraushat,< sagte die Stimme in den Zweigen.
>Ja, weiß ich,< knurrte der Wurm.

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