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Peters Klappentext hierzu

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Sie: DIE FÜNFTE SZENE spielt in der Asiatischen Sause und in der Wüste Mampane und an vielen anderen Schauplätzen in immer schnellerem Wechsel
Überschrift:
SO IST ES – UND ANDERS
Er: So ist es.
Sie: Und anders.
Er: Kali durchschwamm den Ganges, brauchte dazu 17.000 Jahre, drehte sich einmal um sich selbst und stieg als Jahwe ans östliche Ufer. Die Nacht brach sehr plötzlich herein, wie in den Tropen üblich. Und Alles war anders, als beim pompösen protokollgesicherten Empfang, – keine Tiger, keine Elefanten, die Papageien schliefen in den Zweigen der Tamarisken. Jahwe erkannte in der dichten Finsternis undeutlich eine Dschungelmauer. So hatte er die Asiatische Sause noch nie wahrgenommen. Quälend die Entscheidung, in welcher Richtung er an der Mauer entlanggehen sollte: War eher rechts ein Tor im Dschungel zu vermuten oder links? Jahwe traf keine Entscheidung und ging nach der einen Seite, knöcheltief in einem grau-braunen Schlamm watend, den ein violetter, zart leuchtender Schleier überzog. Knietief watete Jahwe im Schlamm, die Mauer wurde dichter, der Schlamm kroch höher, reichte ihm an die Brust, den Hals, schließlich über den Scheitel hinaus. Er hob beide Hände in die freie Luft und tastete nach einem Tor in der Dschungelmauer. Lange mühte er sich so weiter. Wir fragen nicht, wie Jahwe dabei atmete, er ersticke jedenfalls nicht.
Endlich, als auch die hocherhobenen Hände schon fast im Schlamm versanken, ertastete er ein Holztor, an das er kräftig schlug. Die Schläge hallten durch die Nacht, aller Schlamm verschwand sekundenschnell ins Nichts, eine Fackel über dem Tor entzündete sich und spendete Willkommenssegen. Die schwarze Eichenholztür spiegelte die knisternde Flamme.
Sie: ‚Kling’ machte das Glöckchen, das Kali am rechten Zeh trug, ‚kling’ bei jedem zweiten Schritt, ‚kling’ hinter der Tür näherkommend, ‚kling’.
Er: Für einen Augenblick war es Jahwe wohl zumute. Kali öffnete die Tür. Der da Einlass begehrt, ist sie, die ihm Einlass gewährt.
Der erste und einzige Reim in dieser Komödie, seis drum. Kali begrüßte Jahwe, den sie nicht sah:
Sie: >Mein herzinniglich geliebter Mann. Ich wollte Sie auch gerade besuchen. Treten Sie ein, herzlich willkommen.<
Er: Sie schloss die Augen, drehte sich um und trat als Jahwe durch die Tür, aber da war er nach schneller Drehung schon wieder sie und schimpfte beachtlich zornig:
Sie: >Sie triefen vor Schlamm und versauen mir den ganzen Fußboden. Ihr Vorliebe für Lehm ist bekannt. Aber doch nicht in meinem Entrée. Dieser Teppich war sehr teuer.< Sie rief laut: >Vischneo!< Und zu Jahwe, den sie nicht sah, gleichwohl sah sie, wie immer weiter Lehm von der Stelle tropfte, wo Jahwe nicht stand, – zu ihm sagte >Gehen Sie noch einmal raus vor die Türe!<
Er Sie schloss die Augen, drehte sich um, ging als Jahwe vor die Tür und fragte: >Wer ist Vischneo?< Augenschließen, Umdrehen.
Sie: >Mein Duschelefant. Er wird sie gründlich säubern.<
Er: Und schon hatte Jahwe die erste Dusche weg. Vischneo war klein und eifrig, er spritzte Jahwe mit seinem Rüssel sauber von allen Schlammresten. Dann wackelte er unter kleinen Trompetenstößen davon.
Jahwe trat wieder durch die Ebenholztür: >Sie wollten mich also auch gerade besuchen?<
Sie: >Ja, so wenige Jahre nach dem letzten Staatsbsuch -<
Er: >Über 100.000 Jahre immerhin…<
Sie: >Und so viele vor dem nächsten.<
Er: >1,6 Millionen Jahre ungefähr… Es wäre mir in der Mampane lieber gewesen, als dieser unverhoffte Ausflug in den Schlamm.<
Sie: >Es ist besser hier.<
Er: >Ich hätte freilich die Duschen des Vischneo nicht kennengelernt. Und die plötzlich über der schwarzen Tür aufflackernde Fackel tat meinem Herzen wohl. Man versäumt doch viel bei den pompösen Gottesstaatsbesuchen.<
Sie: Für Kali war es klar: >Hier ist es besser. Hier werden niemals Drachen getötet.<
Er: Jahwe fragte skeptisch: >Wirklich nie?<
Sie: >Und wenn es doch einmal vorkommt, dann sind die Mörder keine Helden, sondern Henker.<
Er: >Sie spielen auf meinen Erzengel Michael an. Ich würde mich gerne setzen. Die Schlammtour war strapaziös.<
Er drehte sich um und war Kali und beeilte sich zu sagen:
Sie: >Ich versäume alle Gastgeberpflichten. Verzeih mir, Jahwe. Hier, mach es dir bequem auf diesem Haufen Blätter.<
Er: Jahwe setzte sich: >O, es sitzt sich sehr schön. Und wie es duftet!<
Sie: >Sie werden es Sofa nennen und Potpourri. Warum bist du gekommen?<
Er: >Es wühlt etwas in meinem Bauch, das will raus.<
Sie: >Das klingt nach Weiberart.<
Er: >Nein, es will oben raus.<
Sie: >Magenverstimmung. Saft einer Zitrone mit kochendem Wasser ohne Zucker.<
Er: >Nein, nein! Keine Krankheit, im Gegenteil: eine lustige Lust. Wenn wir sie in den Gong schweißen könnten.<
Sie: >Was nennst du Gong?<
Er: >Die Kupfer-Scheibe im Jade-Hain.<
Sie: >Sie steht hier in der Palasthöhle. Ich arbeite viel an ihr.<
Er: Jahwe schaute sich um: da hing die Scheibe zwischen den Jade-Obelisken. Jahwe erkannte in der dämmrigen Dunkelheit eine Wölbung im Kupfer am oberen Rand: >Was ist das für ein schöner Anfang da oben?<
Sie: Kali freute sich: >Wie schön, dass du fragst. Sie werden es Stirn nennen. Es ist nichts anderes als dein Geistkasten.<
Er: Jahwe war sehr erstaunt: >Mein Geistkasten? Luzifer berichtete, du habest ihn, den es noch gar nicht gab, zerschellen lassen am Nanga Parbat.<
Sie: >Dein Spionageflieger fliegt zu hoch. Ich hatte eine Attrappe aus Balserholz in den Monsun geworfen. Ich wusste gar nicht, dass sie am Himalaya zerschellt ist.<
Er: Jahwe wollte wissen: >Was sitzt unter dem Geistkasten da?<
Sie: >Wie schön, dass du fragst! Zwei Augen, Nase mit zwei Löchern, Mund, Kinn.<
Kali hatte einen Schlegel aus Dschungelpflanzenfasern in der Hand und schlug auf den Gong, von außen, von innen, sanft, härter, streichelnd, liebkosend, ganz leise, lauter, auch heftig fordernd. So entstanden unter weichen und härteren Tönen des Kupfers Augen, Nase, Mund und ein Kinn.
Er: Jahwe aber jammerte: >Ich will nicht noch ein Tier, nicht noch ein Tier, nicht noch eins…<
Sie: Kali warb sehr begütigend: >Das ist doch kein Tier, Jahwe, das wird Adam oder die Allmutter!<
Er: Aber Jahwe fühlte sich beengt: >Hör auf mit deiner Allmutter! Sie wäre so riesig, dass du sie nie zur Welt bringen könntest! Sie fräße den Kosmos auf. Der ganze Kosmos verschwände in ihrem Schoß. Aus diesem Gong wird nicht die Allmutter! So ist es!< endete Jahwe heftig.
Sie: Kali wurde auch aggressiv: >Und anders, Jahwe, und anders!<
Er: >Wärest du nicht ich, ich würde dich fressen!<
Sie: >Fressen im Konjunktiv ist schlimmer als Fasten!<
Er: >Was?<
Sie: >Fressen im Konjunktiv ist schlimmer als Fasten.<
Er: >Nie treffen meine Waffen dein Herz.<
Sie: >O doch, Jahwe. Ich begrabe die riesige Allmutter, bevor sie geboren ist. Sie verstopft den Schoß. Aus dem Gong wird die Krone. Wir nennen ihn Mensch, ja? Sag ja, Jahwe!<
Er: Aber so schnell konnte sich Jahwe nicht von seinem Zorn trennen: >Der Kopf eines Affen mit hoher Stirn und einem Nasenzinken.<
Sie: Aber Kali hatte ganz andere Vorstellungen: >Es wird feine Damen-Nasen geben, Jahwe, sehr feine, und aller Menschen Nasen werden nicht ein Leben lang am Boden rumschnüffeln. Aufrecht halten sie sie in den Wind, und kein Affenfell, sondern süßbetörende Haut und Flaum bei den Weibchen, – kannst du dir vorstellen, was das ist: Flaum…? Haare auf dem Kopf und anderswo, und nur bei den Männchen Haare auch im Gesicht. Wir nennen es Antlitz, ja? Sag ja, Jahwe!<
Er: >Ja,< sagte Jahwe.
Sie: >Wärest du nicht ich, ich würde dich küssen, Mund auf Mund.<
Er: Jahwe verschwand. Er wanderte über die Gletscher des Südpols und hatte noch immer schwer damit zu kämpfen, dass sein Geistkasten ein Tier krönen sollte. Eisiger Wund umtoste ihn. Und der Wind fragte:
Sie: >Was wird er für ein Fell haben, dass ich es ihm zausen kann.<
Er: >Gar kein Fell, so ist anzunehmen…<
Sie: >Gefieder also, das hat der Wind noch lieber!<
Er: >Auch kein Gefieder, mehr so – Flaum und nackte Haut und ab und zu Haare…<
Sie: Der Wind war ein wenig enttäuscht: >Das ist nicht eben viel Zausematerial.<
Er: Aber Gott hatte Trost für den Wind: >Du wirst sie kühlen. Sie werden, wenn sie bei gnadenloser Hitze arbeiten, feucht auf den Häuten, Schweiß… Wen du sie dann umwehst, wird es ihnen wohlig kühl.<
Sie: >Das klingt gut,< sagte der Wind.
Er: Da sagten die Wolken zum Wind: >Aber vergiss nie, uns zu schieben.<
Sie: Da sagte der Wind zu den Wolken: >Mein Leben lang werde ich euch treu schieben, aber zwischendurch werde ich doch Adam kühlen dürfen.<
Er: Da sagte die Wolken zum Wind: >Das darfst du, zwischendurch, ja.<
Jahwe drehte sich um, da war Kali:
Sie: >Bravo, Jahwe, bravo, ich sehe, du schließt Freundschaft mit dem Tier, das lachen soll. Ich sage dir: es wird das schönste Tier unter deiner Sonne und unter meinem Mond.<
Er: >Meine Sonne…< sagte Jahwe. >Wie wärs mit dem Meer, das sie Mediterraneum nennen werden?<
Augenblicklich promenierten sie auf halber Höhe über der Stadt, die es noch nicht gab. Amalfi sollte sie heißen. Genauer gesagt: Beide promenierten natürlich nicht, sondern jeweils der Eine nicht mit dem Anderen. Jahwe fing an zu sprechen:
>Drachentöter Erzengel Michael wäre also ein Henker?<
Sie: >Kein Held jedenfalls in der Asiatischen Sause .<
Er: >Das denken zu müssen, tut mir sehr weh. Ich weiß von keinem anderen Umgang mit dem Bösen, als es zu töten.<
Sie: >Und ich weiß von keinem bösen Drachen, dem immer neue Köpfe nachwachsen. Jahwe, das Böse ist doch kein Etwas, kein Ding, kein Geschöpf, kein Drache, sondern das Nichts, das Nichts in den Pausen der Liebe. Nie wird eine Lanze das Nichts treffen.<
Er: Jetzt war, wie man sich denken kann, Luzifer nicht mehr weit. Er umflog das Paar in den amalfitanischen Gefilden, das kein Paar war.
Sie: Kali fuhr fort: >Freilich: das Gute will Kraft und immerzu Geld, da sind Pausen willkommen. Besuchen wir die, die jenseits leben werden, auch wenn sie keine Verbrecher sind, die Ausgeschlossenen, die Parias.<
Er: >Das sind auch Henker und Huren. Der falsche Tod und die falsche Liebe. Da weiß ich einen Ort.<
Kali und Jahwe versetzten sich an die große Mündung des Rio de la Plata im südlichen Südamerika. Luzifer machte sich mit gewaltigen Flügelschlägen auf den weiten Weg von Amalfi nach Argentinien. Derweil fand Kali:
Sie: >Hier ist aber gute Luft!<
Er: >So werden sie die Stadt nennen: Buenos Aires. Hier wird in fernen Urzeiten etwas Wunderbares geboren: der Tango. Hier werden die Zuhälter, wenn sie nichts anderes zu tun haben, tanzen, miteinander oder mit den Huren, wenn die nichts anderes zu tun haben.<
Er summt Tango-Rhythmen.
Sie spricht dazu:
Kali wiegte sich in Tangoschritten: >Das haben sie uns voraus, denn ich bin du und du bist ich, da tanzt es sich nicht.<
Er: >Und das haben die Huren den Henkern voraus, denn nie wäre auf dem Schaffott der Tango zur Welt gekommen. Aus den Backöfen der Bordelle holten sie das kleine Wundebrot Tango, dass es ihre Sehnsucht sättige. So nah, o Kali, so nah beieinander werden sie wohnen, die Elenden und das Wunder.<
Sie: >Und alle Verbrechen gleich um die Ecke.<
Er: >Ich muss in meine Wüste zurück.<
Sie: Kali wurde ärgerlich: >Du kannst dich nicht einfach aus dem Gespräch stehlen. Ich klau dir deine Wüste mit dem unsäglichen Namen.<
Er: >Mampane heißt sie, merk dirs endlich! Dorthin muss ich zurück.<
Sie: >Und ich in meine Sause!<
Er: Buenos Aires, welchen Namen es noch nicht gab, fiel in die Leere zurück und dämmerte dem Tango entgegen, der in Äonen den Ruhm der Stadt in alle Welt tragen sollte.
Sie: Wie einer ihrer Tiger umwanderte Kali den Gong zwischen den Jade-Obelisken und murmelte: >Er hat mir meine Allmutter beerdigt, ich will seinem Geistkasten nicht huldigen. Warum muss er da oben thronen? Warum nicht als Glöckchen an den Zehen bimmeln? Kling-kling-kling-kling. O Jahwe…<
Er: Jahwe schob sich durch den Sand der Wüste Mampane und murmelte: >Es wird Mord und Totschlag geben. Sie hängt an den Gong einen Zappelphilipp, den geliebten Affen ähnlich…<
Sie: Der kleine Engel Weiß-auch-keinen-Rat landete in der Wüste Mampane, etwas außer Atem, denn er kam aus weiter Ferne angeflogen. Ein Engel, der früher Hilf-mir-mal hieß, hat ja seine Helfensfähigkeit nicht verloren. Er sah die Notwendigkeit seiner Hilfe voraus, hielt sich aber zunächst im Hintergrund.
Er: Auch Luzifer landete neben dem Herrn und klagte:
Sie: >Mitten über dem Südatlantik musste ich umdrehen, weil es dem Herrn beliebte, in die Wüste heimzukehren. Herrgott, lass die Schöpfung ungekrönt!<
Er: >Nichts dergleichen! Du wirst knien und dich vor ihr neigen!<
Sie: >Nichts dergleichen! Ich flehe dich an! In den Schlamm, in den Schleim, in den Matsch mit all deinen Träumen!<
Er: Gott verwahrte sich entschieden: >Was maßest du dir an, Erzengel Luzifer?! Michael, was versprichst du den Menschen?<
Erzengel Michael landete mit weit ausgespannten Flügeln in vollendet eleganter Kurve und rief:
Sie: >Sicherheit beim Stürzen!<
Er: Luzifer konterte:
Sie: >Hoho!, als ob meine Flügel schwächer wären! Damit befördere ich sie in den Matsch, in den sie gehören!<
Er: Gott verlor alle Lässigkeit: >Es steht in meiner Macht, Erzengel Luzifer, deine Flügel zu brechen und ins Feuer der Vulkane zu werfen!<
Luzifer sah plötzlich aus wie ein kleiner eiserner Ganove, sprach aber mit engelischer Zunge voller Honig:
Sie: >Ich werde sie in meine Arme verführen, als hätte ich Flügel, sie werden sich in Sicherheit wiegen. Dann trete ich vor den Abgrund und öffne die Arme und lasse sie stürzen.<
Er: Jahwe schloss die Augen, drehte sich um. Da war Kali und sagte:
Sie: >Höre, Jahwe, was tun mit dem Bösen im Rücken der Liebe? Vierzig Jahre oder 130 Jahre nach Erfindung des Menschen wird Kain den Abel erschlagen.<
Er: Sie schloss die Augen, drehte sich um und Jahwe erwiderte unter Schmerzen: >Ich habe einen Sohn in meinem Geheimfach, wenn die Not am größten, bringe ich ihn zur Welt.<
Sie: >Nein!< rief Kali entsetzt: >Kein solches Opfer!, keinen Mord am Gottessohn. Der Preis ist zu hoch!<
Er: Da konnte Jahwe nur >Ja< antworten und sein Haupt senkend verhüllen.
Sie: Sehr leise und mit unerhörter Leichtigkeit sagte Kali: >Dein Sohn, wenn er denn geopfert werden muss, wird am Vorabend seines Martyriums tanzen, großer Jahwe.<
Er: Verhüllten gesenkten Hauptes wagte Gott ein paar wenige Tanzschritte auf dem Wüstenboden und sagte: >Und die Menschen werden singen ‚Jesus, meine Freude!’ Und die Elenden -, nur wer genau hinhört, wird ihr Krächzen verstehen: ‚Jesus, meine Krücke…’ So ist es.<
Sie: >Und anders… Wollen wir es lassen, Jahwe, wollen wir den Gong ins Feuer werfen?<
Er: Dies war der Augenblick des kleinen Engels. Er rief so laut er konnte – er konnte nicht sehr laut:
Sie: >Nein! Wir müssen doch die Liebe an die Welt nageln!<
Er: Kali schaute ihn sehr liebevoll an und sagte zärtlich:
Sie: >Gute, segensreiche Engel hast du in deiner Heerschar.<
Er: Aber Jahwe blieb hilflos: >Er löst doch das Problem Kain und Abel nicht. Kain, der Bauer, braucht keine überflüssigen Dinge. Sein Ackerwerkzeug taugt auch zum Mord. Sie werden schlagen und erschlagen, scheiden, foltern, töten, schänden und schinden…<
Sie: >Abel, der Hirte, aber wird viel brauchen, zunächst einmal Müskelchen. Hier, -< Kali zeigte auf die untere Partie des Gongs, auf die Stellen rechts und links vom Mund: >- hier fehlt etwas.<
Er: Jahwe kreiste um die Welt und sammelte Freuden ein, fast zehntausend Jahre war er unterwegs und fand sehr viel zur Erheiterung von Abels Herz: eine Flöte auf den Höhen des Popocatepetl, die fraglose Liebe, einfach so: die fraglose Liebe, Stöße von Cartoons, den kleinen Mann namens Charlie, die rote Nase des Namensbruders Charlie Rivel, Wortgeklingel, Wortgetümmel, Wortkaskaden, so viele lächerliche Missverständnisse oder Banalitäten wie einen neuen Pullover von Missoni, die Himmel über den Landschaften des Malers Watteau, das Stolpern des Butlers über den Tigerkopf, komisch ist der Mann, der seine Brille sucht, dabei hat er sie auf der Nase, komisch ist aber auch der ach so kurzsichtige Mann, der seine Brille nur finden könnte, wenn er sie aufhätte, und all die Vergeblichkeiten und all die Pointen, die keine waren und gerade deshalb lachen machten, zärtlich lachen machten… All das und noch viel mehr sammelte Jahwe allüberall.
So vollbepackt machte er eines Nachts im Jahre 4.009.157 Station im Südlichen Apfelgarten. Der Wurm murmelte im Schlaf:
Sie: >Da hat ers erfunden, dann hat ers vergessen, und jetzt muss er staun-<
Er: Aber Gott nahm ihm die Sprache und gab sie den kleinen altklugen Kindern. Und die Sprache der Apfelseele gab er den jungen Frauen. Wurm und Apfel im Südlichen Apfelgarten hatten hinkünftig keine Worte mehr. Dieses Verstummen tat Jahwen so weh, dass ihm beinah all die gesammelten Freuden für Abel ins Nichts stürzten. Mit äußerster Mühe hielt er sie fest und stand in der Asiatischen Sause vor Kali, die er nicht sah. Er überschüttet das Blättersofa mit seiner Fülle, schließt die Augen und dreht sich um.
Sie: Kali sah sich das an und sagt: >Wir nennen es Lachen, ja?< Leise fügte sie hinzu: >Und Lächeln, ja? Sag ja, Jahwe<
Er: >Ja.<
Sie: >Ich habe siebzehn kleine Muskeln übrig, die setzen wir hier ein.< Sie zeigte auf die Stelle rechts vom Mund.
Er: Jahwe zeigte auf die Stelle links vom Mund: >Und hier. Nichts Schiefes.<
Sie: Kali fuhr mit dem Schlegel auf Pflanzenfasern darüber. Aber die kleinen Muskeln hielten nicht im Gong, sie waren zu leicht und fielen immer wieder raus.
Er: >Wir müssen sie einschweißen,< sagte Jahwe.
Sie: >Aber wer kann das?< fragte Kali.
Er: Jahwe erklärte: >Weißt du nicht, dass die Flügelspitzen mancher Engel Muskeln schweißen können? Aber in diesem äußerst heiklen Fall muss es ein sehr sehr kleiner Engel sein.< Und er rief: >Es gibt einen Engel namens Hilf-mir-mal! Wo ist er?< Leise sagte er zu Kali: >Der ist wirklich außerordentlich klein.< Dann rief er wieder: >Wo ist der Engel mit Namen Hilf-mir-mal?< Keine Antwort. Jahwe brüllte: >Engel Hilf-mir-mal, wo bist du?<
Sie: Niemand weiß, warum es Luzifer war, der über die Sause flog und rief: >Er heißt seit langem Weiß-auch-keinen-Rat!<
Er: Jahwe besann sich: >Ach ja! So rufe ich: Hilf mir, Engel mit Namen Weiß-auch-keinen-Rat.<
Sie: Der Engel war sogleich zur Stelle, er schien noch kleiner zu sein als vor seinem Namenswechsel. Er fragte sachlich: >Was will der Herr vom Engel, der auch keinen Rat weiß?<
Er: Jahwe zeigte und erklärte: >Diese siebzehn Muskeln sind klein und sehr leicht. Schweiße sie in dieses – wie wollten wir das nennen, Kali?<
Sie: >Antlitz.<
Er: >Schweiße sie in dieses Antlitz.<
Es war keine leichte Prozedur. Der Engel musste sehr elegant balancieren, um die kleinen Muskeln mit seinen Flügelspitzen in die Mundpartie zu schweißen.
Zwischendurch stöhnte er und jammerte:
Sie: >Müssen es denn wirklich siebzehn Stück solche Müskelchen sein?<
Er: >Ja,< sagte Jahwe, >Menschenlächeln wird eine sehr komplizierte Angelegenheit.<
Sie: >Das kann man wohl sagen,< maulte der kleine Engel, >ist es jetzt schon…<
Er: Aber es gelang nach einigen Jahrtausenden. Und Jahwe sagte:
>Nun ist der Engel Weiß-auch-keinen-Rat eine Historie in der Geschichte des Himmels, denn dich taufe ich mit einer Handvoll Gangeswasser zurück auf den Namen Hilf-mir-mal. Sei bedankt und flieg davon.<
Langsam flog der kleine Engel davon, eine Duftwolke des Glücks über die Sause versprühend.
Sie: Kali sagte: >So ist es.<
Er: Jahwe sagte: >Und anders.<
Sie: Kali nahm den Schlegel, holte weit, weit aus und schlug ein auf den Gong, dass es ganz wunderlich und gewaltig durch den Kosmos hallte.
Er: Für einen Augenblick hielt die Welt allen Atem an. Für einen Augenblick konnte Kali ihren Jahwe erkennen. Und Jahwe erkannte für einen Augenblick Kali und sah, wie schön sie ist. 

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