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Peters Klappentext hierzu

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Sie: DIE ERSTE SZENE
spielt beim später so benannten San Bernardino
Er: Überschrift:
ZWEI ERZENGEL, EINLEITEND
Sie: Erzengel Gabriel stand am Morgen dieses buntstrahlenden Herbsttages auf einer Buckelwiese in den Alpen und schaute nach Süden. Vor ihm ein schön gegliedertes Tal, das einmal Val Mesolcina heißen und in Grigione, im italienischsprachigen Graubünden liegen würde.
Er: Von der im Dunst versinkenden Talmündung kam etwas angeflogen. Lange bevor Gabriel es genau erkennen konnte, wusste er, wer es war: Kollege Michael. Michael wollte zu ihm, aber das Geradeausfliegen war seine Sache nicht, nie. Wie er liebkosend einen Bergrücken hinaufflog, völlig unerwartet zur anderen Talseite wechselte, um einen Wasserfall zu begrüßen -
Sie: >Guten Morgen, Fall!<
Er: Wie er die Kronen der vier mächtigen Eichen betupfte, wie er so tat, als wolle er über Gabriel weit hinausfliegen auf die Höhe des nahen Bernardino-Gipfels und dann mit einem jähen Flügelschlag in verwegen-eleganter Kurve so direkt vor ihm landete, dass die Zehen des Einen die Zehen des Anderen berührten – so flog nur Michael. Die beiden Erzengel liebten es, ganz nahe voreinander zu stehen und ganz leise miteinander zu sprechen, die Atem vermengend, bewegungslos – fast bewegungslos: es gibt keine Engelsflügel, die jemals in Bewegungslosigkeit fielen.
So leise begann Michael:
Sie: >Ich wünsche dir einen Guten Morgen.<
Er: >Guten Morgen. Wo ist der Herr?<
Sie: >Im Südlichen Apfelgarten.<
Er: >Noch immer?<
Sie: >Und noch lange.<
Er: >Was tut er?<
Sie: >Er tanzt.<
Er: >Was ist das?<
Sie: >Tanzen ist neu.<
Er: >Ich würde nicht fragen, was es ist, wenn Tanzen nicht neu wäre.<
Sie: >Der Alte freut sich.<
Er: >Tanzt er deshalb?<
Sie: >Ja.<
Er: >Aber was ist das: Tanzen?<
Sie: >Das ist Tanzen: -<
Sie markiert stark rhythmisch
>Und eins – und zwei – und rück – und vor – und seit – und drei – und eins – und sprung- und zwei – und Dreh – und eins – und zwei…<
Er liest dazu:
Michael löste seine Zehen von denen Gabriels, einige Male rückwärts hüpfend, dann seitwärts, er knickte die Knie ein, hob die Arme, sprang hoch, spreizte die Beine und schlug die Hacken wieder zusammen und drehte sich plötzlich um sich selbst.
Schließlich fragte Gabriel: >Warum zählst du dabei?<
Sie: >Das tut der Herr auch. Es gehöre dazu, geht seine Rede.<
Er: Michael kreiste mit seinem rechten Fuß über den Zehen seines linken Fußes.
Sie: >Ich tanze viel weniger vollkommen als der Herr. Er hat keine Flügel. Da tanzt es sich leichter. Eins rum – zwei rum – drei rum… Auch ist die Buckelwiese dem Tanzen nicht dienlich. Tanzböden müssten glatt sein.<
Er: >Glatt ist der Südliche Apfelgarten aber auch nicht.<
Sie: >Nein. Aber unseren Herrgott schert das nicht.<
Er: >Tanzen hat etwas von der Art, wie du fliegst.<
Michael blieb stehen.
Sie: >Ja, das ist Tanzen. Und viel mehr als das ist Tanzen.<
Er: >Und warum tanzt der Herr?<
Sie: >Aus Freude.<
Er: >Das sagtest du schon. Bloß so? Oder hat er einen Grund zur Freude?<
Sie: >Ja, er erfindet was.<
Er: >Den Tanz?<
Sie: >Nein, ein Geschöpf.<
Er: Gabriel fand, dass es hinlänglich genug Geschöpfe gab und fragte Spuren grämlich: >Noch eins?<
Sie: >Ja, die Krone.<
Er: >Wir müssen den nächsten Gottesstaatsbesuch in der Asiatischen Sause vorbereiten. Nur noch 100.000 Jahre Zeit.<
Sie: >Schon wieder Gottesstaatsbesuch? Wir waren doch erst vorgestern bei der Göttin Kali in der Asiatischen Sause.<
Er: >Du irrst dich ein bisschen, lieber Michael, es ist über 1,2 Millionen Jahre her.<
Sie: >Wie die Zeit vergeht…!<
Er: >Die 60-Millionen-Jahr-Feier zum Gedenken an das Aussterben der Dinosaurier hat allein 20 Millenien gedauert.<
Sie: >Gibt es für den Staatsbesuch schon eine Tagesordnung?<
Er: >Ich weiß nur einen Tagesordnungspunkt: Flussregulierungen.<
Sie: >Seit zig Millionen Jahren Flussregulierungen. Das muss ihnen doch mal zum Halse raushängen!<
Er: >Hoffentlich wird es ihnen bald langweilig. Die Erfindung der Krone, von der du erzählt hast, wäre ein viel interessanterer Tagesordnungspunkt.<
Sie: >Also: Wenn das schon in 100.000 Jahren stattfindet, müssen wir mit den Vorbereitungen beginnen. Wir treffen uns auf den Inseln unter dem Wind. Ich fliege über den Dschungel.<
Er: >Und ich über die Wüste.<
Sie hoben ab und verließen das langgezogene Alpental in Grigione. Erzengel Gabriel flog fast gradlinig unter Ausnutzung aller aerodynamischen Geschenke. Erzengel Michael kurvte wie immer in weiten Schwüngen über die Berggipfel und zuweilen in hahnebüchenem Tiefflug über das Meer zum Dschungel. Sonderbarerweise landeten sie fast gleichzeitig auf den Inseln unter dem Wind und begannen mit den Vorbereitungsarbeiten für den Götterstaatsbesuch in etwa 100.000 Jahren.
Er: Das schöne Tal blieb engelleer zurück bis zum Ende der Komödie. 

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