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Zitatenpudding

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Wir zitieren was wir lieben. Einzelne Sätze, kleine Abschnitte, Prosa, Lyrik, Aphorismen, Briefstellen… Was uns, den Eltern von Claudia – Schauspielerin, Schriftsteller, Regisseur -, was uns im Laufe zweier langer Leben ans Herz gewachsen ist – unter anderem. Eine schöne Redewendung im Deutschen: es ist uns etwas ans Herz gewachsen. Vielleicht gibt es sie ja auch im Italienischen?
Charlotte, lass uns anfangen: -

 

Schauspieler sind Menschen, die rechtzeitig ein Stück Kindheit in ihre Tasche gesteckt haben, um ein Leben lang davon zu zehren.

 

Ich möchte nach den Zitaten nicht gleich die Namen der Verfasser verraten. Ihr habe eine Liste, auf der alle Autorennamen stehen, viele davon sind weltberühmt, viele sicher ganz unbekannt – zumal in Italien. Bei wem steht das erste Zitat? Charlotte, sagst dus noch einmal?: 

 

Schauspieler sind Menschen, die rechtzeitig ein Stück Kindheit in ihre Tasche gesteckt haben, um ein Leben lang davon zu zehren.

 

Er war Österreicher und hat die deutsche Theaterwelt dieses Jahrhunderts bewegt wie kein anderer. Wien, Berlin – Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Weil er Jude war, hat Hitler ihm das wichtigste Instrument seines Berufes geraubt: die deutsche Sprache. Er konnte in Hollywood und New York nie mehr so erfolgreich sein wie in Berlin. Er heißt eigentlich Max Goldmann – er nannte sich:

Max Reinhardt.

***

Das nächste Zitat ist noch eine kleine Prosa: – 

 

In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, –

 

Da, wo Deutsch gesprochen wird, kennt fast jedes Kind diese Zeile. Jedes Kind? Ja, es ist der Anfang eines Märchens am Anfang des berühmtesten deutschen Märchenbuches, eine Sammlung alter und uralter Volksmärchen. Ein Brüderpaar hat sie am Anfang des vorigen Jahrhunderts gesammelt, so wie es vor ihnen Straparola und Basile in Italien getan haben. Wie heißen die deutschen Brüder? Sie heißen sehr deutsch: 

Jacob und Wilhelm Grimm

***

Es geht weiter mit den ersten gereimten Versen im Zitatenpudding – Charlotte: -

 

Habe mich mit Liebesreden
Festgelogen an dein Herz,
Und verstrickt in eignen Fäden
Wird zum Ernste mir mein Scherz.
Wenn du dich, mit vollem Rechte,
Scherzend nun von mir entfernst,
Nah’n sich mir die Höllenmächte
Und ich schieß mich tot, im Ernst.

 

Auch er ein deutscher Emigrant. Nicht vor Hitler musste er fliehen, und nicht als Jude, sondern vor den politischen Verhältnissen in Deutschland im vorigen Jahrhundert. Paris wird nach langen Wanderjahren 1831 seine zweite Heimat. Er schreibt viele Reisebilder, auch über die Bäder im italienischen Lucca und die Stadt Lucca. Hitler-Deutschland hat ihn als Dichter eines sehr volkstümlichen Liedes von der Loreley am Rhein – “Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…” – totgeschwiegen. “Denk ich an Deutschland in der Nacht,” so hat er in Paris gereimt – “dann bin ich um den Schlaf gebracht.” Anrie Ähn hieß er in der Pariser Emigration. In deutsche Aussprache:

Heinrich Heine.

***

Ein Franzose, in Algerien geboren, schrieb:

 

Jemanden lieben, heißt einwilligen, mit ihm alt zu werden.

 

Er war Nobelpreisträger, Romanautor, Stückeschreiber, hoch empfindlicher Moralist. Er starb 1960 bei einem Autounfall. Er hat sich sehr intensiv mit dem Mythos des Sisyphos befasst. Er hieß

Albert Camus.

***

Wir werden politisch:

 

“Bleibe auf deinem Posten und hilf durch deinen Zuruf. Und wenn man dir die Kehle zudrückt, bleibe auf deinem Posten und hilf durch dein Schweigen.”

 

Es hat sich auch nicht viel geändert, in zweitausend Jahren. So alt ist dieser Ausspruch. Von einem, der in Cordoba, in Spanien, geboren wurde und – in Rom starb. Schaut auf eure Liste, da ist er leicht zu finden:

Lucius Annaeus Seneca, der Jüngere.

***

Zurück nach Deutschland. Da schreibt einer in einem Brief:

 

“Er macht seine Existenz wohltätig kund, aber nur wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben. Mir ist er dadurch verhasst, ob ich gleich seinen Geist von ganzem Herzen liebe und groß von ihm denke. Ich betrachte ihn als eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen.”

 

Wer schreibt denn sowas? Und von wem ist denn da die Rede? Schwerlich kann man einem Manne ein Kind machen.
Es handelt sich um die beiden größten und berühmtesten Klassiker Deutschlands. Der den Brief schrieb, war der Jüngere. Und er hatte zu Anfang seine Schwierigkeiten, an den älteren, hochberühmten Goethe ranzukommen. später verband sie die klassische Dichterfreundschaft. Ihr beider Denkmal steht vor dem Nationaltheater in Weimar. Jawohl:

Friedrich Schiller.

***

Und weiter geht es, Charlotte: – 

 

Gehen Sie einmal in die großen Städte, und es wird Ihnen anders zumute werden. Halten Sie einmal einen Umgang an der Seite eines Arztes von ausgedehnter Praxis, und er wird Ihnen Geschichten zuflüstern, dass Sie über das Elend erschrecken und über die Gebrechen erstaunen, von denen die menschliche Natur heimgesucht wird und an denen die Gesellschaft leidet.

 

Das ist freilich nicht ganz leicht herauszufinden. Man könnte es in der Moderne ansiedeln, aber es ist klassisch. Charlotte, sagst du es bitte noch einmal:

 

Gehen Sie einmal in die großen Städte, und es wird Ihnen anders zumute werden. Halten Sie einmal einen Umgang an der Seite eines Arztes von ausgedehnter Praxis, und er wird Ihnen Geschichten zuflüstern, dass Sie über das Elend erschrecken und über die Gebrechen erstaunen, von denen die menschliche Natur heimgesucht wird und an denen die Gesellschaft leidet.

 

Die Notiz steht in keinem Werk, sondern ist aufgezeichnetes Gespräch. Von einem, der Gespräche außerordentlich liebte. Im höheren Alter hatte er wen bei sich, der alle Gespräche aufschrieb. Er hieß Eckermann, und führte seine Gespräche mit:

Johann Wolfgang Goethe.

***

Nun ein Gedicht, das Charlotte seit Jahrzehnten auswendig kann und nie verlernt hat:

 

HÄLFTE DES LEBENS

Mit gelben Birnen hänget
Und voll der wilden Rosen
Das Land in den See:
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilig nüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter wird, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

 

Bei diesen Versen steht die Randbemerkung: “Gedicht aus der Zeit des Irrsinns.” Der Dichter lebte fast 40 Jahre in geistiger Umnachtung, im Wahnsinn, bei einem Tischlerehepaar in Tübingen. In dem Wort ‘Wahnsinn’ ersetzte er einen Buchstaben durch einen anderen und es entstand das Wort ‘Wahrsinn’, was freilich nie in den deutschen Wortschatz einging. Sein Name leitet sich von Holunder her – wie mag der auf Italienisch heißen? Holunder? -:

Friedrich Hölderlin

***

Eine kleine Prosa aus Frankreich:

 

Stehe früh auf und du wirst vom geheimnisvollen Fest der Nacht noch ein paar Krümchen finden.

 

Ich will nur zugeben: dies hätte auch ein anderer schreiben können. Es ist nicht leicht zuzuordnen, einem erzkatholischen Dramatiker, Konvertit übrigens, von Beruf französischer Diplomat, erst spät kam der Ruhm des Dichters, sein bekanntestes Werk ist das Riesendrama DER SEIDENE SCHUH. Sein Name:

Paul Claudel

***

Er sagte also – Charlotte, bitte noch einmal:

Stehe früh auf und du wirst vom geheimnisvollen Fest der Nacht noch ein paar Krümchen finden.

Und ein Deutscher sagte:

 

Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen?

 

Von ihm gibt es kein Drama, keinen Roman, keine Gedichte. Nur Aphorismen, die er in die von ihm so genannten “Sudelbücher” schrieb. Er war außerordentlicher Professor der Experimentalphysik in Göttingen, lebte von 1742 bis 1799, eine recht deutsche Persönlichkeit mit Namen:

Georg Christoph Lichtenberg

***

Von Göttingen starten wir in den Kosmos:

 

Seufzend drehte sich die Erde auf ihrer Bahn; der Schatten der Nacht schlich allmählich das Mittelmeer entlang, und Asien glitt ins Dunkel. Die große Klippe, die einst Gibraltar hieße, behielt noch lange einen rötlichen Schein, indes drüben die Berge des Atlas tiefblaue Schründe in ihren Flanken zeigten. Von Griechenland war die Glorie und von Ägypten die Weisheit gewichen, aber mit dem Herannahen der Nacht schienen sie ihre verlorenen Ehren wiederzugewinnen, und das Land, das bald das Heilige genannt werden sollte, ließ in der Dunkelheit ihre wundervolle Bürde reifen.

 

Wer einen europäischen Autor vermutet irrt. Ein Amerikaner hat das geschrieben, der viel in der Welt herumgereist ist, 1920/21 war er an der American Academy in Rom. Das Zitat steht am Anfang einer sehr schönen Geschichte mit dem Titel DIE FRAU AUS ANDROS. Der Name des Autors ist

Thornton Wilder

***

Es geht weiter, Charlotte: -

Ihr geht mit der Welt um, als hättet ihr eine zweite im Keller.

Ich weiß nicht, wer das geschrieben hat. Sie auch nicht. Ein Graffitto auf deutschen Hauswänden, sicher von den Grünen erfunden und verbreitet. Der Autor hat Witz und große Ernsthaftigkeit. Er ist

Anonym

***

Eine kleine Zeile aus einem riesigen dreibändigen Romanwerk:

 

Komm, lass uns eine Stunde des Schlafens machen!

 

Das sagt eine Dame von Stand und einigem Alter zu ihrem schönen jungen Diener. Im alten Ägypten. Nochmal, Charlotte, bitte:

 

Komm, lass uns eine Stunde des Schlafens machen!

 

Und der junge Mann sagt Nein, und stürzt abermals in die Grube. Der wohl größte deutsche Romanautor dieses Jahrhunderts hat das geschrieben, Nobelpreisträger, Emigrant in der Schweiz, später in Kalifornien. Titel des Romans ist JOSEPH UND SEINE BRÜDER. Der Nachname des Autors ist das Antonym von Frau:

Thomas Mann

***

Wir lassen nach dem Romanautor den wohl bekanntesten deutschen Lyriker dieses Jahrhunderts zu Worte kommen:

 

DER PANTHER

Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe,
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf – . Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

 

In Prag ist er geboren als Bürger der k.u.k. Monarchie Österreich. In Prag, so sagte man, würde ein besonders gutes Deutsche gesprochen. Franz Kafka war und blieb ja auch ein deutscher aus Prag. Unser Lyriker ist viel durch Europa gezogen, er starb 1926 in der Schweiz. Auf Schloss Duino bei Triest schrieb er die berühmten Duineser Elegien. Sein zweiter Name ist nach katholischem Brauch Maria:

Reiner Maria Rilke

***

Ein Stück Prosa von einem Schweizerdeutschen:

 

Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.

 

Ein zeitgenössischer Autor, 1991 gestorben, Pfarrerssohn. Ein höchst streitbarer kritischer Christ. Später ist er zum Atheismus konvertiert.  Seit dem war er – für mein Empfinden – nicht mehr so gut. Der wuchtige Satz – Charlotte, sagst du ihn noch einmal, bitte? -

 

Gott ließ uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.

 

– stammt aus dem Jahre 1962 und beendet eine Erzählung mit dem Titel DER TUNNEL. Der Autor ist besonders als Stückeschreiber hervorgetreten; sein Name:

Friedrich Dürrenmatt.

***

Noch einmal kurze Prosa:

 

Wo du hingehst, da will auch ich hingehen;…

 

In Deutschland würden die meisten rufen: Berthold Brecht, DREIGROSCHENOPER. Aber Berthold Brecht hat hier zitiert aus einem uralten Buch: dem Buch Ruth, Kapitel 1, Vers 16 im

Alten Testament.

***

Eine Wochenzeitschrift fragte in den 20er Jahren einige prominente Leute, was sie denn im vergangenen Jahr gelesen hätten. Ein Hochberühmter antwortete:

 

Sie werden lachen: In diesem Jahr war es die Bibel.

 

Dabei war er als Atheist verschrieen, als Marxist, als Kommunist, Theatermacher und Schreiber. Ein berühmtes Stück heißt LEBEN DES GALILEI. Genau der, der aus der Bibel zitierte in seiner höchst profanen DREIGROSCHENOPER, er hieß

Berthold Brecht.

***

Und noch eine Zeile aus Deutschland:

 

Ein Kind ist eine sichtbar gewordene Liebe.

 

Er selbst hatte keine Kinder, starb, noch nicht 30 Jahre alt, 1801. Ziemlich sicher ist er kaum bekannt in Italien, dabei legte er sich ein lateinisches Pseudonym bei: Novalis, ein Bauernname, einer der Neuland beackert; so nannte sich

Freiherr Friedrich von Hardenberg.

***

Und noch eine kurze Prosa:

 

Wir lieben es, aus der Höhe berührt zu werden, – vom Regen, vom Schnee…

 

Das klingt sehr europäisch, aber der Satz stammt von einem Zeitgenossen aus den USA; der Autor ist im Kirchenvorstand und im Kirchenchor seiner Heimatgemeinde. Er schreibt radikal offen über sexuelle Dinge. Aber er schreibt eben auch

 

Wir lieben es, aus der Höhe berührt zu werden, – vom Regen, vom Schnee…

 

Steht in dem Roman DAS GOTTESPROGRAMM von 

John Updike.

***

Eine längere Prosa aus dem alten Berlin:

 

Der noch zurückzulegende Weg war nicht weit, aber auch nicht sehr nah: die ganze Friedrichstraße hinunter bis ans Oranienburger Tor, und dann rechts in die spitzwinklig einmündende Oranienburger Straße hinein, wo die junge Dame in einem ziemlich hübschen, dem großen Posthof gegenüber gelegenen Haus wohnte. Da wir beide plauderhaft und etwas übermütig waren, so war an Verlegenheit nicht zu denken, und diese Verlegenheit kam auch kaum, als sich mir imLaufe des Gesprächs mit einem Male die Betrachtung aufdrängte: “Ja, nun ist es wohl eigentlich das beste, dich zu verloben.” Es war wenige Schritte vor der Weidendammer Brücke, dass mir dieser glücklichste Gedanke meines Lebens kam, als ich die Brücke wieder um ebenso viele Schritte hinter mir hatte, war ich denn auch verlobt. Weil sich die dabei gesprochenen Worte von manchen früher gesprochenen nicht sehr wesentlich unterschieden, so nahm ich plötzlich, von einer kleinen Angst erfasst, zum Abschiede noch einmal die Hand des Fräuleins und sagte mit einer mir sonst fremden Herzlichkeit: “Wir sind aber nun wirklich verlobt.”

 

Sie blieben verlobt, sie heirateten und hatten viele Kinder, und erst sein Tod, 1898, hat sie getrennt. Er war ein Autor, der erst nach seinem 60. Geburtstag mit einer Reihe von Romanen berühmt wurde. Er liebte Berlin und die sandige Mark Brandenburg, und er hieß:

Theodor Fontane

***

Als nächstes ein Stück Moral von der guten Art:

 

Die Wahrheit ist dem Menschen zuzumuten.

 

Eine Frau hat das geschrieben, 1926 geboren, 1973 gestorben in Rom. Sie rauchte leidenschaftlich, viel, auch im Bett. So starb sie im Feuer, das sie selbst entfacht hatte. Mit Max Frisch war sie wenige Jahre verheiratet, lebte mit ihm in Rom, sie hieß

Ingeborg Bachmann.

***

Bleiben wir bei den Moralisten:

 

Es gibt nicht Gutes,
außer man tut es.

 

Er wurde berühmt als Autor von Kinderbüchern: EMIL UND DIE DETEKTIVE, DAS DOPPELTE LOTTCHEN. Er war Lyriker, schrieb Drehbücher, liebte ein langes Leben lang seine Mutter in Dresden, und hieß

Erich Kästner.

***

Es folgt ein Zitat, das uns in den Jahren nach 1945 sehr bewegt hat:

 

Das sind die wahren Gedanken, die Gedanken der Schiffbrüchigen. Alles Andere ist Rhetorik, Maske, inwendige Heuchelei. Wer sich nicht in Wahrheit verloren fühlt, verliert sich ohne Gnade, das heißt, er stößt niemals auf die eigentliche Wirklichkeit, er findet niemals sich selbst.

 

Kein leichter Text. Vielleicht sollten wir ihn wiederholen, Charlotte?, – 

 

Das sind die wahren Gedanken, die Gedanken der Schiffbrüchigen. Alles Andere ist Rhetorik, Maske, inwendige Heuchelei. Wer sich nicht in Wahrheit verloren fühlt, verliert sich ohne Gnade, das heißt, er stößt niemals auf die eigentliche Wirklichkeit, er findet niemals sich selbst.

 

Ein Spanier hat das geschrieben, er starb 1955 in Madrid. Er war Philosoph und Essayist. Sein wohl berühmtestes Buch: DER AUFSTAND DER MASSEN. Sein Name:

José Ortega y Gasset.

***

Es folgt ein schöner, bitterer Aphorismus:

 

Optimist: Ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind.

 

Kaum anzunehmen, dass der Autor in Italien bekannt ist. In München kennt ihn jeder. Die Texte dieses Münchner Originalgenies in fremde Sprachen zu übersetzen, dürfte kaum möglich sein. Ein urkomischer, dabei sehr hintergründiger Volksschauspieler. Sein Zeitgenosse Kurt Tucholsky erinnerte sich daran, dass es Linkshänder gibt, und nannte ihn einen Linksdenker. Er heißt:

Karl Valentin.

***

Ein Humorist anderer Art: 

 

Mein Herz sitzt auf der Treppe und harrt.

 

Harrt, – h-a-r-r-t, nicht das Antonym zu weich, sondern das Verbum harren, heutzutage ein wenig altmodisch im Sinne von hoffen, warten, benutzt. Der da auf der Treppe saß, lebte zwischen zwei Kriegen, von 1871 bis 1914, gestorben im Alto Adige, in Meran. Dichter sehr vieler, sehr komischer Gedichte – die zu übersetzen ebenfalls schwer sein dürfte. Er trug den schönen Namen:

Christian Morgenstern.

***

Ein weiteres Gedicht gegenwärtiger Literatur:

 

ZUFLUCHT HINTER DER ZUFLUCHT:

Hier tritt ungebeten nur der Wind durchs Tor
Hier
ruft nur Gott an.
Unzählige Leitungen lässt er legen
vom Himmel zur Erde.

Was machst du, fragt Gott.
Herr, sage ich, es
regnet, was
soll man tun?
Und seine Antwort wächst
grün durch alle Fenster.

 

Kaum anzunehmen, dass der Autor in Italien bekannt ist. Die untergegangene DDR hat sein Schicksal geprägt, er war ein unerschrockener Oppositioneller in einem Staat, der keine Opposition kannte oder auch nur duldete. 1991 hat er gesagt, die Lektüre seiner Stasi-Akte habe ihn um Jahre gealtert. Sein Name:

Reiner Kunze.

***

Es folgt das kürzeste Zitat:

 

Auf die Stille haben wir gesetzt.

 

Schwer herauszufinden, nicht wahr? Allein schon diese Formulierung: auf etwas setzen. Gibt es eine ähnliche Floskel im Italienischen? Der Verfasser hat den Satz nicht aufgeschrieben, sondern gesagt. Bei der Generalprobe zu seinem Stück DAS LETZTE BAND, das er am Schiller-Theater in Berlin selbst inszenierte. Er war gebürtiger Ire, lebte in Paris, was Nobelpreisträger. Der Titel seines Stücks WARTEN AUF GODOT  ist eine Art Kult-Satz geworden. Jawohl:

Samuel Becket.

***

Auch nicht einfach, den Verfasser — nein: die Verfasserin des folgenden autobiografischen Zitates zu erraten – dabei ist sie weltberühmt!: – 

 

Als ich ihn das letzte Mal besuchte, sagte mein Vater zu mir: “Du, Kind, eine solche Mutter, wie du sie gehabt hast!” Wie gut, dass er eine solche Freude am Erzählen hatte, denn sonst wüsste ich nicht, wie es damals vor langer Zeit mit Samuel August von Sevedstorp und Hanna in Hult gewesen ist.
Ich erinnere mich ihrer, als sie beide schon die Achtzig überschritten hatten und das Leben um sie herum still geworden war, wie er ihre Hände hielt und so zärtlich sagte: “Meine kleine Inniggeliebte, hier sitzen wir nun, du und ich, und haben es schön.”

 

Es sollte mich wundern, wenn Sie nicht alle die Titelfigur ihres berühmtesten Kinderbuches kennen: PIPP LANGSTRUMPF. Jawohl, die Autorin erinnert sich an ihre Eltern: -

Astrid Lindgren.

***

Und nun sind Hexameter angesagt: Ein Mann, ein Flüchtling hat bei einem König Unterschlupf gefunden: – 

 

Dessen Tochter hemmt den Klagenden, bitter Betrübten
Immer kost sie ihn mit weichen, schmeichelnden Worten,
Dass er betört der Heimat vergäße, aber er
sehnt sich nur, den Rauch von Ithaka steigen zu sehen.

 

Mit dem Namen der Insel Ithaka ist eigentlich alles verraten. Sieben Städte streiten sich um den Ruhm, der Geburtsort des Dichters zu sein. Der urälteste Grieche heißt

Homer.

***

Zurück zu deutscher Lyrik der Romantik:

 

MONDNACHT

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
von ihm nur träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschen leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

 

Ein Adeliger hat das geschrieben, ein Freiherr, von Beruf Präsidialrat, Beamter also, Soldat war er auch, Schlesier, Preuße, Katholik. Er war nie in Italien, aber in seiner berühmtesten Novelle hat er Italien überschwänglich beschrieben: AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS. Er hat einen sehr deutschen Namen:

Joseph, Freiherr von Eichendorff.

***

Es folgt Kurzes, sehr prägnantes, sehr Witziges:

 

Unterbrechen Sie mich nicht!, ich schweige!

 

Nein, den Namen – es wäre der größte Zufalle, wenn ihn jemand kennte. (Man beachte diesen sehr ungebräuchlichen Konjunktiv: kennte.) Russe war er, Dadaist, Verfolgter des Stalin-Regimes:

Vladimir Kazakov.

***

Es folgt der Anfang eines sehr, sehr umfangreiche Romanwerkes der Weltliteratur, aus Frankreich: -

 

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, dass ich keine Zeit mehr hatte zu denken: ‘Jetzt schläfst du ein.’

 

Der Ort, dem er in seinem langen Roman den Namen Combray gab, heißt heutzutage zu seinen Ehren auch Combray. Das Gesamtopus heißt AUF DEN SPUREN DER VERLORENEN ZEIT, der zitierte Satz steht am Anfang des ersten Romans, französisch: AU COTÈ DU CHEZ SWAN. Der Autor heißt

Marcel Proust.

***

 

Kurze, inhaltsschwere Prosa, südamerikanisch, aber sehr europaorientiert:

 

Glaubst du, der Sündenfall sei etwas anderes, als nicht zu wissen, dass wir im Paradiese sind?

 

Ich glaube, das müssen wir ein weiteres Mal hören. Charlotte: -

 

Glaubst du, der Sündenfall sei etwas anderes, als nicht zu wissen, dass wir im Paradiese sind?

 

Und vielleicht am besten auch ein drittes Mal:

 

Glaubst du, der Sündenfall sei etwas anderes, als nicht zu wissen, dass wir im Paradiese sind?

 

Der Autor sagte: “Ich sterbe nicht, bevor ich nicht den Nobelpreis für Literatur bekommen habe.” Er wurde sehr alt, starb 1986 – ohne den Preis. Der wohl gebildetste Literat unserer Tage. Bibliotheksdirektor in Buenos Aires. Das blieb er auch, als er schon fast erblindet war. Umberto Eco hat ihm in IL NOME DELLA ROSA ein Denkmal gesetzt. Dort heißt er: Jorge von Burgos, in Wirklichkeit hieß er:

Jorge Luis Borges.

***

Es folgt ein irre langes Gedicht. Wir zitieren den Anfang, dann macht Charlotte Daram-daram-daram-daram, und dann zitiert sie die letzte Zeile:

 

In unseres Lebensweges Mitte
Fand ich mit in einem dunklen Wald,
Weil ich den rechten Weg verloren hatte.
Daram-daram-daram-daram …
Die Liebe, die die Sonne bewegt, und die anderen Sterne.

 

Nein, es kann in Italien nicht schwer sein, den Dichter zu benennen. Oder verfremdet ihn das Deutsche zu sehr? Dann wage ich mich mal ans Italienische – hoffentlich blamiere ich mich nicht zu sehr:

 

Nel mezzo del camin di nostra vita
Mi trovai per una selva oscura
Che la dritta via era smarrita.
Daram-daram-daram-daram …
L’amor che muove il sole e l’altre stelle.

 

Jawohl:

Dante Alighieri.

***

Zum folgenden Zitat muss ich die Vorgeschichte erzählen: Ein Dichter ist bei seinem Freund zu Gast. Der Vater des Freundes hat sich zum Nachmittagsschlaf hingelegt. Der Dichter muss die Wohnung verlassen und dazu das Zimmer durchqueren, in dem der Vater schläft. Der Vater schreckt auf, der Dichter besänftigt ihn:

 

Denken Sie, ich wäre ein Traum!…

 

Kaum jemand, der den Namen des Autors nicht kennt. Prager Jude, deutsch schreibend, erst lange nach seinem Tod weltberühmt geworden. Jung gestorben an Kehlkopfkrebs, sein Name:

Franz Kafka.

***

Auch der Autor des folgenden Zitats starb jung, dennoch sagte er:

 

In meiner Seele habe ich noch kein einziges weißes Haar.

 

Russland, ein ekstatischer Dichter der großen Revolution, er beging Selbstmord, gewiss auch aus politischen Gründen; er hieß

 

Vladimir Vladimirowitsch Majakowski.

***

Zurück nach Deutschland, zur Klassik, zu einem Kunstmärchen: -

 

Der König fragte: “Wo kommst du her?” – “Aus den Klüften,” versetzte die Schlange, “in denen das Gold wohnt.” – “Was ist herrlicher als Gold?” fragte der König. – “Das Licht,” antwortete die Schlange. – “Und was ist erquicklicher als Licht?” fragte jener. – “Das Gespräch”, antwortete die Schlage.

 

Er ist schon einmal vorgekommen in unserem Zitatenpudding. Er liebte das Gespräch. Er gilt als der größte und sein Name dürfte allen geläufig sein:

Johann Wolfgang Goethe.

***

Ein bitter-kluger Lyriker schrieb den folgenden Aphorismus:

 

Der Mensch, die Krone der Schöpfung – das Schwein.

 

Arzt war er von Beruf, zuerst hat er diesem Adolf Hitler gehuldigt, später lag er in schwerem Kampf mit ihm, in Berlin lebte und starb er 1956; er hieß:

 Gottfried Benn.

***

Und nun kommen noch die beiden Zitatenpuddingkocher (man beachte das typische deutsche Dreifach-Kompositum: Zitaten-pudding-kocher) zu Worte. Zuerst Peter Podehl mit seinem Aphorismus:

 

Jeder macht die Fehler, die er braucht.

 

Sodann beschließt Charlotte mit ihrer zarten Huldigung an Johann Sebastian Bach unsere Zitatenlese:

 

Heute hat die Musik vor der Tür eines Engels gestanden und um Einlass gebeten; und die Tür ist ein wenig aufgegangen, und die Musik ist eingetreten.

 

***

©

Aus gegebenem Anlass sagte Charlotte

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