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Zurück zu Kinderfernsehen

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Schauspieler sind Menschen, die rechtzeitig ein Stück Kindheit in die Tasche gesteckt haben und ein Leben lang davon zehren. (Max Reinhardt – aus dem Zitatenpudding)

Der Grundstein für Peter Podehls schon fast lebenslanges Wirken für das Kinderfernsehen war sicherlich der kleine Muck, ein wundervoller Ausstattungsfilm, in voller Narrenfreiheit gedreht, wo Peter sich so richtig austoben konnte. Staudte war ein ausgezeichneter Regisseur und Peters Lehrmeister. Narrenfreiheit: Da gibt es eine Szene, in der in lauter Verwirrung ein Orientteppich aufgelöst wird wie ein Strickpullover. Den Einwand, Orientteppiche seien doch nicht gestrickt, tat Staudte beiseite; das mache nichts, der Gag sei großartig. Und so lacht denn heute noch Groß und Klein, wenn der Orientteppich abgeribbelt wird.

Dann kam die Sache mit Pankow, wo Peter mit dem Drehbuch für das Tapfere Schneiderlein hinbeordert und zusammengestaucht wurde. Nie wieder Narrenfreiheit – nein – das Volk muss erzogen werden! Das tapfere Schneiderlein ist Wilhelm Piek, der Mann aus dem Volke, der nun nicht mehr die Königstochter heiratet, sondern deren Zofe. Aber dann trotzdem König wird.

Peter, der ja solches Theater nur zu gut kannte, kam nach Hause und bat Charlotte, die Koffer zu packen. Das wird nichts, hier.

Wir zogen nach München, kleines Haus, großer Garten, überhaupt kein Geld. In München wohnt auch Stefan Moses, seinerzeit Theaterfotograf in Weimar, von wo aus er gleich in den Westen gegangen war: „Peter, hör mal, ich habe eine 16mm-Kamera gekauft. Schreib mal was, wir drehen das dann.“ Und Peter schrieb: “Ein Vermögen zu verjubeln.“ Hauptdarsteller? Asso, der pechschwarze Schäferhund unserer Nachbarn, unser gutmütiger Spielgefährte, den Thomas versorgen soll, solange Herrchen und Frauchen im Urlaub sind. Das tut er auch, hat er ja schon öfters mal echt getan. Dann kommen Frauchen und Herrchen wieder zurück und geben ihm 2 Mark Belohnung. Thomas nimmt also Asso mit auf die Suche, wie er dieses Vermögen verjubeln kann. Sie traben durch München, stöbern, schnüffeln, finden nichts richtiges und doch zuletzt eine Bude: „Riesenbockwurst 1 Mark.“ Thomas verschlingt die eine, Asso bekommt die andere. Kameramann war Stefan Moses.(Ob das wahr ist, weiß  ich nicht, ich hab’s jedenfalls so in Erinnerung.)

Nun war das Problem, dass der Film ja geschnitten werden musste. Peter lieh sich beim Bayrischen Rundfunk ein handbetriebenes Moviskop, das ich heute noch besitze. Ehm. Auch die Lampe funktioniert noch. Ich wurde seine Assistentin und wir schnitten, kratzten, leimten, brachten alle Filmschnipsel durcheinander, ordneten sie wieder. Das göttlich Schöne an der Sache war Asso, der sich mit einem Hechtsprung in höchste Höhen die Riesenbockwurst schnappte und verschlang und – rückwärts – wieder hochsprang und die Riesenbockwurst wieder gebar. Sprung, Wurst rein, runter, Sprung, Wurst raus, runter. Unzählige Male. Auch in Zeitlupe.

Um diesen Film zu verkaufen, klapperte Peter also die einzelnen Fernsehsender ab und obs nun dieser war oder einer danach, in Köln gab es eine Frau Schmidts-Bunse, die interessiert war. Und so lief die Vermögensverjubelei im Fernsehen. Wir hatten aber gar keinen Fernsehapparat, gingen also zu den Nachbarn.

Möbius Walzel

kommentarlos (naja, ganz kommentarlos auch nicht: Dieter Möbius, der Kameramann Rainer Walzl und Charlotte

Das war der Anstoß zu einer ganzen Reihe von Filmen, immer wir, auch mit den Nachbarskindern, den Asso-Besitzern, Marianne und Georg, alle auf der Straße: „Ferien im Zoo“, Thomas geht in den Ferien im Zoo arbeiten und versorgt die Tiere. Der Münchner Tierpark Hellabrunn war um die Ecke, daher kam die Idee, widersinnigerweise wurde der Film in Wuppertal gedreht. „Die Kindersinfonie“, die Thomas im Schulorchester dirigiert, aber vorher gehen wir beide, Thomas und Claudia, auf Spurensuche und gelangen ins Kloster Melk und bis an die ungarische Grenze. Mit dem Moped. Um herauszufinden, ob der Komponist nun Mozart war, oder Haydn.

„Eine Stadt zieht den Wintermantel an“, da lief ich durch München und sah zu, wie z.B. der Wittelsbacher Brunnen mit Holzbrettern verschalt wurde.  „Die Triole auf den zwei Achteln.“ Da spielt Thomas Klavier in einem Mietshaus. Am Sonntag morgen. Die Puppenmutti näht einen Knopf ans Puppenkleid. Eine sehr unternehmungslustige Dame bügelt ein himmelblaues Seidenkleid, denn am Abend will sie toll ausgehen. Und ein total verschlafener Mann geht gähnend ins Bad. Puppenmutti war ich, die unternehmungslustige Dame Charlotte, der Verschlafene Peter, im Schlafanzug, was er sein Leben lang niemals getragen hat.

Die Triole

Thomas spielt also, und dann kommt die Stelle mit der Triole auf den zwei Achteln, und das geht natürlich schief, er bringt Finger, Tasten, Töne und Rhythmus völlig durcheinander und kommt überhaupt nicht mehr raus. Die Puppenmutti sticht sich in den Finger, Blut rinnt, die unternehmungslustige Dame hat am Telefon geantwortet und das Bügeleisen auf dem Kleid stehen gelassen, O weh!, der Verschlafene dreht die Dusche auf, die ihm eiskaltes Wasser ins Gesicht spritzt. Ich weiß nicht, wer sonst noch mitgemacht hat. Jedenfalls übt Thomas verbissen die Triole rechts, und die zwei Achtel links, und endlich schafft er es. Die Puppenmutti hat einen großen Verband um den zerstochenen Finger gewickelt, die unternehmungslustige Dame setzt eine fesche Rose auf die verbrannte Stelle, der – nun nicht mehr – verschlafene Mann trocknet sich ab. Thomas spielt das ganze Stück noch einmal, an der schicksalsschweren Stelle halten alle kurz den Atem an, aber er spielt‘s mit Nonchalance. Der Sonntag ist gerettet.

Viele dieser Geschichten entstanden bei Tisch, wir machten alle mit, Ideen kamen, fanden wir toll, verwarfen sie wieder, alles mit viel Gelächter. Ausgangspunkt war meist irgendein möglichst schräger Titel, um den dann die Geschichte gesponnen wurde. (Eine Liste mit solchen Titeln stelle ich gerade zusammen. Kommt bald.) Einmal fuhren wir zu Ostern mit einem Käfer samt Bettzeug nach Italien, La Mortola in Ligurien. Und auf der für Thomas und mich auf dem Hintersitz sehr engen langen Reise (das Bettzeug für 4 Personen lagerte zwischen uns beiden) erfanden wir die sonderbarsten Streiche von Jakopp und Elisabett.

Ich wurde auf  Kindergeburtstage eingeladen, und organisierte selbst welche. Der große Schlager auf jedem Geburtstag war wie folgt: Man bekam einen Bleistift und ein Stück Papier, auf das man einen Namen schrieb, dann faltete man das Papier so, dass der Name nicht mehr lesbar war und schob es dem rechten Nachbarn zu und bekam natürlich selbst eins vom linken. Man schrieb nun ein „Tun-Wort“, also ein Verb, faltete das Papier weiter und gabs wieder nach rechts weiter. Danach kam das „Wie“ derjenige das tat und zuletzt „Wo“. Dann wickelte man das Papier wieder auf und las den Satz, der so entstanden war, laut vor. Riesengelächter war die Folge. Ich erinnere mich heute noch an: „Georg rennt mondsüchtig im Strohhalm“.

Diese Szene wurde natürlich in der „Geschichte eines Bleistifts“ verbraten. Was der Bleistift vorher und nachher noch für Abenteuer erlebte, weiß ich nicht mehr. Aber die Mutter schüttelt nach dem lebhaften Kindergeburtstag die Tischdecke aus dem Fenster und der Bleistift fliegt direkt  in die Hand eines verrückten Dichters, der justament in diesem Moment unter dem Fenster langkommt. Auch die  Szene des fliegenden Bleistifts habe ich immer wieder hin und her gedreht. Der verrückt tänzelnde Dichter war Werner Uschkurat. Im Film dichtete er folgendermaßen:

Ein Molekül
Ging im Gewühl
Auf und ab.
Indes ein Atom
Vom Element Brom
Lichtzeichen gab.

 

 

 

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