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Deutsch lernen wie die kleinen Kinder

von Peter Podehl

Ein Vortrag an der Dolmetscher- und Übersetzer-Universität Rom

1) P.P.:

Hallo, Leute, von A bis Z, von 1 bis 100, von Norden bis Süden, von Osten bis Westen, – da bin ich wieder: – euer guter alter – Spencer!

2) Zuspielung aus EINSAMKEIT – GEMEINSAMKEIT, 0,48 – 0,54

Spencer: Hallo, Leute, von A bis Z, von 1 bis 100, von Norden bis Süden, von Osten bis Westen, – da bin ich wieder: – euer guter alter – Spencer!

3) P.P.:

So hat dieser Spencer über 230 mal sein Publikum begrüßt. Wer ist denn „dieser“ Spencer? Im Herbst 1979 klingelte bei mir in München das Telefon, ein Anruf aus Hamburg von Angelika Paetow. Ich kannte sie eher flüchtig: eine Redakteurin des NDR, Norddeutscher Rundfunk. Ihr sei, klagte sie, ein Regisseur abhanden gekommen, einer, der ihr sagte: ‚Ich kann jetzt nicht gleich kommen. Ich schicke erstmal meinen Assistenten.‘ Angelika Paetow sagte eindeutig: ‚Wir haben keinen Vertrag mit Ihrem Assistenten, sondern mit Ihnen. Und wenn Sie nicht kommen können, dann suchen wir einen anderen Regisseur‘. Das tat sie mit dem Anruf bei mir: Es gehe um die zu beginnende Sendereihe HALLO SPENCER für Kinder im Vorschulalter, in Nachbarschaft der SESAMESTREET, aber unabhängig davon, rein deutsch, die Puppenspieler seien schon da. Die hatte der erste Regisseur übrigens mit sehr glücklicher Hand ausgesucht, Drehbücher seien auch da, es fehle der Regisseur. Ich wollte nicht, war müde und abgespannt von einem großen Spielfilm, den ich den Sommer über gedreht hatte. Da sagte meine Frau, ich wisse doch, dass Herr Meier, der Besitzer des Hauses, in dem wir zur Miete wohnten, das Haus verkaufen wolle, und wenn wir es kaufen möchten, und das wollten wir ganz dringend, denn es ist ein sehr schönes Haus, dann bräuchten wir eine Menge Geld. ‚Also,‘ sagte sie weiter, ‘du kannst so ein Arbeitsangebot nicht einfach ablehnen.‘ Also – sagte ich in Hamburg zu. Es wurden über zwölf Jahre Arbeit, jedes Jahr schrieb ich im Winter und Frühjahr etwa dreizehn Drehbücher und im Sommer verbrachte ich 10 oder 11 heiße Wochen als Regisseur im Studio Hamburg. Und wenn ich eine Summe ziehen soll, dann waren es wunderbare Jahre. Und das Haus konnten wir auch kaufen.

Spencer, gespielt von Achim Hall, ist der Boss, der Chef, der Capo, der Bürgermeister, der Spielmacher. Der Anfangsspruch mit ‚Hallo Leute, von A bis Z‘ und so weiter, ist nicht von mir, den hat mein Assistent erfunden. HALLO SPENCER war eine sehr erfolgreiche Sendereihe im Norddeutschen Rundfunk in Hamburg, einer der neun Regionalsender der ARD, ARD ist die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands, in jedem Bundesland gibt es eine. Das ist ganz anders organisiert als in Italien, wo Alles viel zentraler organisiert ist. Unsere Zielgruppe – wie gesagt – die Kinder im Vorschulalter. Aber es stellte sich heraus, dass wir sehr viele Fans bei den Erwachsenen hatten; wir wissen von Männergruppen, die sich am Freitagabend zusammentaten, um SPENCER zu sehen. Seit etwa 14 Jahren wird die Serie nicht mehr produziert. Aber sie läuft immer noch und ist immer noch sehr erfolgreich. Eine Kultsendung ist das geworden, Kult von Kultus, nicht von Kultur. Man muss sie in den Programmzeitschriften ein bisschen suchen, oft läuft sie am Samstagmorgen um 6 Uhr 30. Zu früh für die Eltern der Fans, die gerne ausschlafen möchten. Nicht zu früh für die Fans, die die Eltern bei SPENCER in kindgerechter Gesellschaft wissen. Was ist denn das für ein Wort?: kindgerecht, das soll heißen: Jugendfrei, Kinder kommen nicht in Gefahr, wenn sie die Sendung ohne Eltern anschauen. Ein Kompositum, wie es so viele im Deutschen gibt, aus Jugend und gerecht, das heißt in diesem Falle richtig oder passend oder adäquat.

Alle Figuren der Hallo-Spencer-Serie leben in einem Dorf, in einem Runddorf. Spencer hat einen Assistenten, der heißt Elvis, der hat einen blauen Kopp und wurde gespielt von Wilhelm Helmrich, der ein unglückliches Aids-Opfer wurde; später übernahm Matthias Hirth die Puppe. Und jetzt gleich zeigen wir einen langen Ausschnitt, da brechen die Beiden auf; sie wollen den Straßen im Dorf einen Namen geben und den Behausungen eine Hausnummer. Spencer hat dafür ein Stück Kreide in der Hand und Elvis eine Liste und einen Kugelschreiber. Für Sie, liebe Zuhörer und Zuschauer, eine wunderbare Gelegenheit, das Dorf und die Dorfbewohner alle kennenzulernen. Lexi, der sehr klug ist, aber manchmal auch ein Besserwisser, Besserwisser ist ein abwertendes Wort für Leute, die mit ihrem Wissen etwas angeben, – Lexi, gespielt von Lorenz Claussen, wird wissenschaftlicher Beirat. Weil er sehr viel Schreibmaschine schreibt, heißt seine Straße, die direkt neben Spencers Studio liegt, nun Klappergasse. Es folgt Nepomuk in seinem Schloss, gespielt von Horst Lateika, am Schlossplatz, der es gar nicht leiden kann, wenn Lexi plötzlich ‚Sie‘ zu ihm sagt. Sodann der stets hilfreiche Kasi, Puppenspieler Herbert Langemann, übrigens der einzige professionelle Puppenspieler; alle anderen waren Schauspieler, die das Puppenspielen erst ganz schnell lernen mussten, was erstaunlich gut gelang, – Kasi in seinem Baumhaus, das er Casa Maroni nennen möchte. Der Krater, die Heimstatt des Jungdrachen Poldi, gespielt von Frieder Wollweber. Der Krater ist eine sehr lange Front, deren Länge die Hausnummern 1 bis 6 rechtfertigt, seine Straße soll heißen Krater-Promenade, was Poldi ungemein freut. Er kann sich gar nicht genug tun, Lexi abzuknutschen. Knutschen, ein Slang-Ausdruck für Küssen. Das sagen wir jetzt einmal alle zusammen: Knut-schen. Sodann das Hausboot, in dem die Zwillinge wohnen, die viel und gerne zanken.  Heißt am Ende Zwillingsarche. Die Spielerinnen der Zwillinge haben oft gewechselt. Einigermaßen konstant war viele Jahre lang Eva Behrmann als Lisa. Ja, die heißen Mona und Lisa. Die Mona, die entschieden frechere,  spielten hintereinander Petra Zieser, Karimeh Vakilzadeh, sie war Perserin von Geburt, Sabine Steincke. Nächster Schauplatz die Kreuzung, die wird übergangen, unbebauter Baugrund. Dann aber: der Eisenbahnwagen, in dem Lulu, das war die Puppenspielerin Maria Ilic, und Elvis wohnen, genannt Traum-Express. Diesen Namen möchte Lexi brutal mit Farbe überstreichen und Rostkutsche hinmalen. Lulu verteidigt ihren geliebten Traum-Wagen und will Lexi, sollte er wirklich ans Übermalen gehen, den Farbeimer über den neunmalklugen Kopf stülpen. Wir fangen so richtig am Anfang an mit dem Serientitel, der vor jeder Folge lief.

4) ZUSPIELUNG aus TRAUMEXPRESS von Anfang mit Serientitel  bis etwa 9,10

5) P.P.:

Ich war nie Deutschlehrer und wollte auch nie einer sein. Aber wenn ich Texte für Kinder schrieb, dann achtete ich doch sehr auf gutes Deutsch. Und wenn es nicht in Ordnung war, dann sollte es korrigiert werden.

Der Jungdrache Poldi ist der jüngste in der Dorfgemeinschaft. Er geht in die Jungdrachenschule und verwechselt permanent den Dativ Dir mit dem Akkusativ Dich. Keine Angst!: Ich kehre jetzt nicht den Grammatikpauker raus, Was ist denn ein Pauker? Schülerslang für Lehrer, etwas veraltet. Keine Angst also, ich will jetzt nicht über Personalpronomen referieren. Und ich unterstelle, dass auch Sie als italienische Dolmetscherstudenten zuweilen ihre liebe Not mit Mir und Mich haben. Hören Sie zu, wie der arme Jungdrache Poldi von einer Sprachfalle in die nächste tappt. Tappen, ziemlich eindeutig ein lautmalendes Wort: Tapp-tapp-tapp. Vorher muss ich noch eine kleine Drohung dieses Poldi erläutern: Er sagt immer wieder einen Satz, mit dem er seine Dorfgenossen erschrecken will: ‚Hua, ich bins, Poldi, der schönste Jungdrache der Welt, und ich will dir fressen!‘ Wie muss das Personalpronomen richtig heißen? Richtig: Ich will dich fressen. Er tut es natürlich nie, aber er droht damit und immer mit dem falschen ‚dich‘. Und einmal hat er Angst, wieder falsches Deutsch zu sprechen, da weicht er in die Kindersprache aus und sagt ‚Da mach ich Happa-happa mit dich.‘  Und zeigt auf seine Zunge. Wieder falsch, müsste Happa-happa mit dir heißen.

Da tauchen auch gleich noch die drei Quietschbeus auf, Karl-Otto, Karl-Gustav und Karl-Heinz, gespielt von Benjamin Meuter, Klaus Naeve und Petra Zieser, die Quietschbeus, die natürlich den berühmten und mittlerweile uralten Beachboys nachempfunden sind.  Sie werden später den Zeugnis-Song singen. Und der gelbe Lexi taucht auch wieder auf, der Alleswisser. Er ist bereit, dem armen Poldi einen Förderkurs in Sachen Personalpronomen zu verpassen. Förderkurs? Kurs für Kursus und Fördern. Weiteres Beispiel für ein deutsches Kompositum: Förderkurs, ein Wort, zusammengeschrieben. Über deutsche Komposita und was sie alles können, darüber reden wir noch. Nochwas, aber dann gucken wir gleich: Wenn man ein schlechtes Zeugnis in der Tasche hat, dann lenken die Kinder gerne ab und sagen: ‚Schönes Wetter heute‘ und ‚Hauptsache, wir sind alle gesund.‘  Bekannt bekannt? So: Jetzt kucken wir erstmal.

6) DIR ODER DICH? von nach Spencers Anfangsspruch bis 5,10

 

7) P.P.

Ich wollte nicht der Kinderunterhalter des deutschen Fernsehens werden. Ich war es aber fast mein ganzes Berufsleben lang. Ich hatte natürlich den Ehrgeiz, auch die Erwachsenen zu unterhalten, aber das klappte nur sehr selten, allerdings: ich sagte ja schon, dass die Serie auch viele erwachsene Fans hatte. Es soll aber bitte nicht so scheinen, als sei ich unzufrieden mit meinem vergangenen  Berufsleben. Nein, eher stolz. Es waren gute Jahrzehnte! Den kleinen Zeitgenossen Spaß gebracht zu haben, ist eine ehrenvolle Befriedigung. Und es war ein eher leiser, aber sehr lang anhaltender Erfolg. Herz, was willst du mehr? Sagt man so im Deutschen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren künftige Dolmetscher: Heißt es im Deutschen der Teil oder das Teil? Die Zwillinge sind da verschiedener Meinung: Viel Sturm im Dorf. Bei den Zwillingen ist die Wäsche von der Leine gerutscht und liegt auf dem Dachfenster vom Hausboot. Lisa klettert aufs Dach und will die Sache reparieren. Mona findet einen Holzstecken, den Lisa da oben braucht. Lisa sagt: ‚Gib mir den Teil rauf!‘ Aber Mona sagt: ‚Es heißt das Teil!‘ Und gibt ihn der Schwester nicht, bevor die nicht ‚das Teil‘ gesagt hat. Das aber will die ebenso verbiesterte Lisa nicht sagen. Könnte man Eskalation nennen.

8) ZUSPIELUNG aus WÖRTERKLAU 5,00 bis 5,27

 

9) P.P.:

Also, ganz schön gemein, wie die Mona da unten darauf besteht, dass ihre Schwester oben auf dem Dach im tosenden Sturm das Teil sagt, vorher will sie ihr den Stecken nicht geben. Das Wort Tosen ist vielleicht nicht so landläufig bekannt? Hat mit Sturm und Lärm zu tun. Ja, so gemein können Schwestern untereinander sein, so zickige Miezen. Zickig hängt mit Ziege zusammen, und Miezen nennen die Jungs gerne die Mädchen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige Schwestern unter Ihnen ähnliche Erfahrungen mit ihren Schwestern gemacht haben. Das Ganze mündet in ein schreckliches Schreikonzert:

10) ZUSPIELUNG aus WÖRTERKLAU 5,45 bis 6,14

 

11) P.P.:

Die Lösung weiß – na wer? – Lexi natürlich. Vorher stellt Elvis seine stereotype Frage an Spencer: ‚Was gedenkst du zu tun?‘ Eine etwas ungewöhnliche deutsche Formulierung. Als ich vor einigen Jahren Verbindung aufnahm mit der sehr rührigen Fangruppe – Rührige Fangruppe? Rührig ist ein selten benutztes deutsches Wort mit der Bedeutung emsig. Emsig? Kommt auch nicht sehr oft vor im Deutschen, also ist es nicht so gut, rührig mit emsig zu erklären. Es gibt eine deutsche Spencer-Fangruppe, nennt sich Spencer-Community, ist im Internet. Und die sind sehr umtriebig und eifrig. Rührig, emsig, umtriebig, eifrig, alles seltene deutsche Wörter mit ähnlicher Bedeutung. Die Fangruppe ist sehr lebendig und kreativ und weiß eine Menge. Als ich im Internet Verbindung mit ihr aufnahm vor einigen Jahren, stand da auf ihrer Website immer der Satz: „Was gedenkst du zu tun?“ Und ich habe lange gebraucht, bis mir klar wurde, dass das ein Satz war, den ich Elvis immer wieder in den Mund legte, wenn er das Gefühl hatte, dass Spencer Handlungsbedarf hatte. Und Spencer antwortet jetzt gleich mit einem Wort, das die Feministinnen gar nicht gern hören: dämlich. Hergeleitet von Dame, als ob Damen dumm und blöde seien. Sind sie doch nicht. Die Sprache ist da sehr männerfreundlich, denn herrlich leitet sich her von Herr. Nein, die Herren sind nicht herrlich, die Damen nicht dämlich.

Lexi erklärt jetzt also gleich, ob es der Teil heißt oder das Teil. Er scheut sich nicht, seine Lateinkenntnisse auszubreiten und von genus und genera zu sprechen. Aber Genuss ist ja im Deutschen etwa ganz anderes. Was denn? Ein gutes Gelato kann ein Genuss sein, oder die Amore. Und wir lernen auch gleich noch, dass es für das Adjektiv Richtig keine Steigerung gibt, einen Komparativ ‚richtiger‘ gibt es nicht. Nun aber los:

12) ZUSPIELUNG aus WÖRTERKLAU 22,00 bis 24,49

13) P.P.:

Spencer gibt, wenn er seinen Anfangssatz losgelassen hat, immer einige Informationen über das, was in der Folge passiert. Haben wir ja schon gesehen. Eine Folge nannten wir – wieso wir?, wenn ich doch der Autor war? Ja, da war doch noch die Redakteurin Angelika Paetow, die mich anrief, wie ich am Anfang erzählt hatte, mit der das Alles besprochen und beschlossen wurde. Wir trafen uns einmal im Jahr zwei Tage zum brainstorming; da wurden die Grundlagen gelegt für die 13 Folgen des kommenden Jahres, die ich dann im Winter und Frühjahr schrieb, damit sie im Sommer produziert werden konnten. 13 Folgen entsprechen einem Format, das vom Fernsehen für Serien vorgegeben ist. 4 x 13 ist 52, das sind die 52 Wochen eines Jahres, 13 Folgen also für ein Vierteljahr. Dieser Angelika Paetow verdanken wir auch die wunderbaren DVDs, von denen wir hier unsere Ausschnitte vorspielen können. Die Quitschbeus singen und rocken und poppen für euch von den Himmelsrichtungen. Sie spielen im folgenden ziemlich langen Ausschnitt eine beachtliche Rolle: Norden, Süden, Osten, Westen.  Also: eine Folge nannten wir EINSAMKEIT – GEMEINSAMKEIT. Mal sehn, wie die losgeht:

14) ZUSPIELUNG aus EINSAMKEIT – GEMEINSAMKEIT von Anfang nach dem Spencer-Spruch bis 4,20

15) P.P.

Leute, da ist eine Gruppe kaputtgegangen. Aber – sagt Spencer – wir sind doch nicht auf die Quietschbeus angewiesen. Wir haben doch noch andere Grüpplein, die Zwillinge zum Beispiel. Los geht’s:

16) ZUSPIELUNG aus EINSAMKEIT – GEMEINSAMKEIT von 4, 49 bis 9,32

 

17) P:P:.

Schon wieder ein Grüppchen kaputtgegangen. Ladies and Gentlemen, was ist ein Einwohnermeldeamt? Ein typisch deutsches Kompositum: Eins der schönsten und längsten: Donaudampfschiffartsgesellschaftskapitänswitwenpensionskasse. Das ist im Deutschen ein Wort, zusammengeschrieben; es benutzt wohl kein Deutscher, aber es wäre völlig korrektes Deutsch: Es gibt keine Substantivbeschränkung bei deutschen Komposita. Einwohner müssen sich auf einem Amt melden, also ganz logisch für uns Deutsche: Einwohnermeldeamt. Die meisten anderen Sprachen müssen sowas irgendwie auflösen, in Einzelsubstantiva mit Genitivkonstruktionen verwandeln. Das sind auch deutsche Komposita: Einzelsubstantiva und Genitivkonstruktionen. Also, Elvis muss in seinem Einwohnermeldeamt tätig werden, denn aus den drei Quietschbeus sind zwei Quietschbeus geworden, weil Karl-Gustav nicht wusste, dass Osten links ist. Und aus den Zwillingen sind Illinge geworden – äh, das Wort gibt’s ja gar nicht, also zwei Einzelpersonen, von denen eine eine Klingel sein soll, aber nicht sein will.

 

18) ZUSPIELUNG EINSAMKEIT – GEMEINSAMKEIT von kurz nach 9,33 bis 10,00

 

19) P.P.:

So. Große Frage: Müssen wir denn hier immer nur über mich als Sprachaufpasser fürs Deutsche sprechen? Nein, müssen wir nicht. Wir können doch auch mal über Puppenpoesie sprechen, ja, über die Poesie dieser Puppen.  Erlaubt die Chefin, Signora Professoressa Mathilde de Pasquale, bestimmt. Auf der Kreuzung treffen die beiden Weggelaufenen zusammen, der Quietschbeu Karl-Gustav und der Zwilling Lisa. Eine Szene, die ich sehr liebe, Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit empfohlen:

20) ZUSPIELUNG aus EINSAMKEIT – GEMEINSAMKEIT von 11,30 bis 16,20

 

21) P.P.:

SAGT MAN DOCH SO hieß eine Folge, in der Poldi viele Redensarten ganz ernst und wörtlich genommen hat. Zum Beispiel: ‚Das passt wie die Faust aufs Auge‘, woraufhin er in eine Prügelei mit Nepomuk gerät. Oder ‚Geh da hin, wo der Pfeffer wächst’. Oder, ‚Wo die Füchse einander Gute Nacht sagen‘, ‚Mal den Teufel nicht an die Wand‘, ‚Jetzt ist der Groschen gefallen‘ und so weiter.  Lexi kann das natürlich Alles erklären. Und dann kommt eine wunderbare Pointe, wenn Poldi seinen Drohspruch restlos entschärft und ironisiert:

22) Zuspielung aus: SAGT MAN DOCH SO – 20,56 bis 26,16

 

23) P.P.:

Ach, wäre das schön, wenn der iranische Ministerpräsident seine Verwünschungen gegen Israel von wegen Ausradieren, wenn alle Welt mal wieder entsetzt ist, mit dem heiteren Zusatz ausspräche ‚Sagt man doch so.‘ Es ist ja nicht so gemeint: Wir radieren ja Israel nicht wirklich aus. Auf Poldi bezogen: Ich fresse dir nicht wirklich, Pardon: dich nicht wirklich.

Unterscheiden wir bitte zwischen Oper und Opa. Opa ist ganz einfach Großvater, auf italienisch Nonno. Oper findet im Theater statt, da wird gesungen, großes Orchester mit Maestro im Frack, prunkvolle Ausstattung, herrliche Stimmen, viel Applaus! Nennt mir doch bitte ein paar Operntitel. Ja… Ja… Mozart, bitte! Jawohl, flauto magico, zu deutsch: die Zauberflöte. Die will Spencer mit seiner Dorftruppe aufführen. Und damit hat er sich als Regisseur natürlich wahnsinnig viel Arbeit aufgeladen, er hält es für ausgeschlossen, dass das überhaupt zu schaffen ist. Wir schauen ihm bei den Proben zu. Und Poldi verwechselt Oper und Opa und meint, sie wollten einen Großvater spielen. Und wenn da ein Prinz drin vorkommt – ‚Wehe, wenn ich den nicht spiele!‘  Aber die große Tenorpartie singt der Quietschboy Karl-Heinz. Und Spencer singt auch. Hört euch das an:

24) ZUSPIELUNG aus WIR PROBEN DIE ZAUBERFLÖTE, 0,47 – 3,40

25) P.P.:

Ihr kennt ja nun die chaotische Dorftruppe schon ziemlich genau und könnt euch vorstellen, dass das mit der Besetzung der Königin der Nacht mit Elvis noch große Schwierigkeiten machen wird. Denn die singt ja die weltberühmten hohen Koloraturen: Ha-ha-ha-ha-haha…  Das kann doch Elvis nicht. Nun singt Spencer Galaktika herbei, das ist die gute Fee vom fernen Stern Andromeda, puppengespielt – Wort von mir soeben erfunden: puppengespielt – von Maria Ilic, sie ist immer die große Hilfe in der Not. Wer sie braucht, muss sie ansingen und zwar mit einem Reim. Was ist denn ein Reim? Herz auf Schmerz, Triebe auf Liebe, das müssen die Lyriker wissen. Galaktika landet in einem großen Kristall irgendwo in der Wüste, ist aber dann sogleich im Dorf:

26) ZUSPIELUNG aus WIR PROBEN DIE ZAUBERFLÖTE, 8,50 – 10,50

27) P.P.:

Perfekte Koloraturen, Alles paletti. Denkste. Denkste ist deutscher Slang und heißt so viel wie Pustekuchen. Nein, so kann ich das ja nicht erklären. Pustekuchen und Denkste ist easy German und heißt so viel wie: Das hast du dir gedacht, denkste, aber das ist gar nicht so! Und ‚easy German‘ habe ich eben erfunden. Die Besetzung der Königin der Nacht mit der guten Fee Galaktika vom fernen Stern Andromeda geht doch noch schief. Schiefgehen heißt: das läuft falsch. Denn die gute Fee Galaktika soll ja die durch und durch böse Königin der Nacht spielen und singen, und das erlauben ihr die andromedanischen Gesetze nicht. Und von denen ist sie abhängig. Als Galaktika den Text liest und singen soll, den uns ja Elvis schon vorgesungen hat – ‚Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen…‘ -, da weigert sie sich entsetzt, die Rolle zu spielen. Sie ist eben durch und durch moralisch und niemals kocht in ihrem Herzen die Rache der Hölle. Sie entschwindet so, wie sie gekommen ist. Der resignierte Spencer kann ihr nur noch ‚Guten Flug‘ wünschen.

28) ZUSPIELUNG aus WIR PROBEN DIE ZAUBERFLÖTE 23,43 – 26,43

 

29) P.P.:

Naja, Guten Flug, und alles Gute für Elvis als Königin der Nacht! Das war ja nun eine sehr schlechte Nachricht für den Regisseur Spencer. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Poldi wird seine Rolle als Papageno akzeptieren. Lexi ist unermüdlich bereit, ihm die Rolle und den Text zu erklären. Poldi ist ein Fresssack, nach der neuen deutschen Rechtschreibung ein Wort mit drei s. Fresssack nennen wir Leute, die viel mampfen. Mampfen? Ja, Leute, die nicht essen, sondern fressen, sempre grande appetito. Und er lernt den für ihn wunderbaren Satz: ‚Der Herr Sarastro führt eine gute Küche‘.

30) ZUSPIELUNG aus WIR PROBEN DIE ZAUBERFLÖTE 17,00 – 20,34

31) P.P.:

Kasi will immer hilfreich sein. Und er ist es ja auch sehr oft. Aber oft fühlt er sich auch schlecht behandelt. Da hat er den Satz mit den zwei Fehlern: ‚Ich hilfe allen, aber mir helft keiner.‘ Es müsste wie heißen? Ich weiß es, wissen Sie es auch? Ich helfe allen, aber mir hilft keiner. Das Verbum Helfen ist ein ziemlich ekelhaftes unregelmäßiges deutsches Verbum: Helfen – half – geholfen. Dazu noch du hilfst, er, sie, es hilft, also die  Vokale a, e, i, o, nein kein u, hulfen gibt es nicht. Als Kasi die arme Mona so verlassen im Hausboot trifft, möchte er ihr gerne helfen und die Zwillingsschwester ersetzen, aber Mona sagt:

32) ZUSPIELUNG aus EINSAMKEIT – GEMEINSAMKEIT 24,00 – 24,12

 

33) P.P.:

Was wir da insgesamt produziert haben, das war keine Kunst. Picasso ist Kunst. Oder Puccini. Was wir gemacht haben, könnte man – Vorsicht, Kompositum!: – Kunstgewerbe nennen. Ein Wort, das im Deutschen oft etwas abfällig benutzt wird. Wort abfällig? Nicht so sehr geläufig. Abfällig ist schlecht machend, abwertend. Eigentlich sehr zu Unrecht. Es ist ein gutes Wort, stammt aus den Zwanziger Jahren und sollte heißen: schöne  Bestecke, schöne Stehlampen, schöne Gebrauchsgegenstände, aber eben keine reine Kunst, sondern Kunsthandwerk, Kunstgewerbe eben.

Wir fahren fort mit unserem Kunstgewerbe und fragen: Hat der Puppenspieler des Spencer eigentlich drei Arme? Naja, vorne bewegt er zwei Hände und im Kopf muss ja auch eine Hand stecken, die das Maul bewegt, noch ein schönes deutsches Kompositum: Klappmaulpuppe. Nein, Achim Hall, der den Spencer spielte, hatte nur zwei Arme. Hier ein Foto: Vor ihm stand Benni, voller Name Benjamin Meuter, und bewegte seine Hände, hier hält er einen Koffer. Achim Hall hatte seine rechte Hand in der Puppe, und in der vierten Hand hielt er den Zettel mit dem Text, den er ablas. Als Regisseur wollte ich zwar immer, dass die Puppenspieler ihre Texte auswendig können und kennen, aber das war zu viel verlangt; es ging auch ganz gut mit dem Ablesen. Die Puppenspieler waren da sehr erfindungsreich, hängten sich die Texte an die verrücktesten Stellen in der Dekoration oder hielten sie eben in der Hand.

So, liebe Zuhörer und Zuschauer, wir kommen langsam zum Ende. Es stellt sich heraus, dass Lexi noch nie mit der Eisenbahn gefahren ist. Sie erinnern sich vielleicht, wie er in der ersten Zuspielung den Eisenbahnwagen sehr abfällig eine Rostkutsche genannt hat und das von Lulu so geliebte Wort Traumexpress (nebenbei: ein Kompositum) übermalen wollte. Die Dorfbewohner beschließen, Lexi zu einer Fahrt im Traumexpresss einzuladen, eine Fahrt nach Rom! Sie sagen sich: Wenn der Kerl noch nie Eisenbahn gefahren ist, dann können wir ihm doch alles mögliche vorspielen, dann merkt er doch gar nicht, dass er gar nicht fährt. Das geht eine Weile sehr gut, man weiß nicht so ganz genau, ob Lexi sich wirklich täuschen lässt oder ob er das Ganze sehr genau durchschaut und mitspielt. Ein Kochtopf dient als Tunnel, das Colosseum kann man nicht besuchen, es hat heute -Kompositum! – Ruhetag. Das ist ein Ausdruck von früher, da hatten alle Restaurants wöchentlich einen  Ruhetag, waren an diesem Tag geschlossen. Ja, und die Via Appia antìca liegt irgendwo weit weg, also gleich zurückfahren, die Ansage versucht sich auf Italienisch: ‚Leuti. Zurückbleibi, Bitti!‘ Und dann steigt Poldi ein und Lexi  erklärt ihm:  „Signore, ella è gentilmente pregato di lasciare il treno, poiché nelle vetture delle FFSS il trasporto die cannibali non è permesso.” Ich darf hier erwähnen, dass ich, als ich diese Stelle schrieb, meine Frau Tochter angerufen habe, um mir das richtig ins Italienische übersetzen zu lassen, vor allem wunderte ich mich natürlich über den Plural FFSS.

Und damit, hochverehrtes Auditorium, geht unser schönes Beisammensein zu Ende. Ich danke sehr für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Anteilnahme. Traumexpress ab!

33) ZUSPIELUNG  aus TRAUMEXPRESS, 26,oo bis Ende, 29,34

 

Basta!

 

One Response to “Deutsch lernen wie die kleinen Kinder”

  1. […] Über Hallo Spencer Wilhelm Helmrich auf peterpodehl.com […]

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