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Politik und Märchen

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2006 hielt Peter Podehl vor den Studenten der politischen Wissenschaften an der altehrwürdigen  römischen Universität “La Sapienza” einen kleinen Vortrag über den kleinen Muck mit dem Titel “Politik und Märchen”. Die Studenten konnten erstaunlich gut Deutsch, verstanden sehr gut (Politikwissenschaften ist ja das auf den diplomatischen Dienst vorbereitende Studium) und stellten schöne und pertinente Fragen. Auch der Film selbst wurde danach gezeigt.

 

Politik und Märchen

von

Peter Podehl

Wie kam man 1946 von Westberlin nach Weimar, das lag in der damals noch sogenannten “Ostzone” Deutschlands, spätere DDR? Mit der Eisenbahn. Ja, es gab ja noch keine Mauer, die Grenzen waren erstaunlich offen, auch für Spione auf beiden Seiten. Ich selbst bin ohne größere Schwierigkeiten im Frühjahr 1946 von Wien nach Berlin gelangt. Nein, nicht mit dem Personenzug, sondern im Güterwagen. Ich wohnte ursprünglich in Westberlin.

Und nun also stieg ich in Berlin in den Zug und fuhr nach Weimar, in die berühmte Goethe-Stadt, nicht zu vergessen: auch Schiller-Stadt. Ich war Schauspieler und hatte in Weimar mein erstes Engagement, am Deutschen Nationaltheater. Und irgendwann bekam ich einen Personalausweis und irgendwann war ich dann plötzlich ungefragt Bürger der DDR geworden. Es gab Kollegen aus Westberlin, die waren etwas schlauer und vorsichtiger und behielten ihre Westausweise. Ich nicht. Ich muss das so erklären: Es kümmerte mich wenig, 1946 gab es noch einige Freizügigkeit in Ostdeutschland und auch in ganz Europa. Nur wer einigermaßen klug war, sah Entwicklungen voraus, die in den Kalten Krieg mündeten. So klug war ich nicht.

Es wurden vier wunderbare Jahre in Weimar, so verrückt das klingen mag. Ja, es gab nicht genug zu essen, der Schwarzmarkt blühte, man bekam nur mit Mühe eine Wohnung, das tägliche Leben war anstrengend. Aber wir spielten herrliches Theater. Ich entwickelte mich zum Komiker. Ich lernte meine Frau kennen, die auch Schauspielerin war, diese Dame neben mir kam 1948 in Jena zur Welt. Jena liegt kleine 30 Kilometer von Weimar weg. Zwei Stücke von mir, “Kommen und Gehen” und “Familientheater”, wurden am Deutschen Nationaltheater Weimar uraufgeführt. Beim zweiten geriet ich zum ersten Mal mit der Politik in kleine Konflikte: Ich schrieb wohl zu sehr im bürgerlichen Stil, nicht fortschrittlich genug, oder, wie das damals kursierende Propagandawort hieß: ich schrieb nicht im Sinne des Sozialistischen Realismus. So nannte sich die mehr oder weniger offizielle Kunstrichtung, vorgegeben – ja befohlen! – von Moskau. Das ist, um das einmal zu bekennen, ein schrecklicher Realismus. Ich denke, es ist wunderbar, dass er ausgestorben ist.

Die schöne Zeit in Weimar endete, der Intendant, der Boss des Theaters hatte wohl aus irgendwelchen Kassen Gelder entnommen, die ihm nicht zustanden. Aber: er fiel die Treppe rauf, er wurde Chefdramaturg bei der DEFA. Das war die Deutsche Film Aktiengesellschaft, DEFA. Wieso die sowjetischen Behörden 1945 eine urkapitalistische Aktiengesellschaft gründeten, weiß ich bis heute nicht. Dort entstanden einige sehr gute Filme und sehr viel sozialistischer Realismus, Summa Mist, schlechte Propagandafilme. Der erste Film hieß DIE MÖRDER SIND UNTER UNS, das war die Geburtsstunde des späteren Weltstars Hildegard Knef. Und die Geburtsstunde des späteren höchst berühmten Regisseurs Wolfgang Staudte. Mit der Nennung seines Namens nähern wir uns unserem Thema, er hat auch DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK inszeniert.

Wolfgang Staudte hat für die DEFA einige hervorragende Filme gedreht, am besten gefällt mir seine Verfilmung des Romans von Heinrich Mann, wohlgemerkt, nicht Thomas Mann, sondern seinem jüngeren Bruder Heinrich: DER UNTERTAN. Eine bitterböse, zynische Satire auf das Deutsche Kaiserreich, ein Welterfolg mit dem phänomenal guten Hauptdarsteller Werner Peters.

Die Frage, was denn Wolfgang Staudte als nächstes machen soll, wurde aktuell. Bertolt Brechts MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER stand auf dem Programm der DEFA. Es müssen sehr unerquickliche Vor-Arbeiten gewesen sein. Brecht hielt erstmal nichts vom Film überhaupt, von Staudte war er wohl auch nicht begeistert. Brecht wollte seine Theaterinszenierung verfilmen, Staudte wollte natürlich Film mit seinen ganzen Freiheiten machen, Freiheiten der Schauplätze, der Besetzung. Sie kamen nicht zusammen. Hinzu kam politischer Druck: Nicht bei allen Politgrößen war Brecht unumschränkt anerkannt, besonders die MUTTER COURAGE galt als pazifistisch und – schreckliches deutsches Neuwort!: – versöhnlerisch.

Das war meine Stunde! Wir waren von Weimar nach Potsdam-Babelsberg gezogen, wo das riesige DEFA-Gelände war, auf dem ehemals die berühmte UFA ihr Zentrum hatte. Ich hatte über den ehemaligen Intendanten des Weimarer Theaters einen Vertrag mit der DEFA als Autor bekommen. Das war ein sehr lockerer Vertrag: der Autor bekam ein monatliches Salär, das ihm abgezogen wurde, wenn er größere Honorare für seine Schreibarbeiten bekam. So konnte er seine Miete bezahlen und die Kartoffeln. Eine kluge Einrichtung, Erfindung meines Vaters, der bei der Vorgängerin der DEFA, bei der UFA Chefdramaturg war. So kam ich spät in den Genuss seiner Erfindung.

Ich profitierte von dem Streit um die MUTTER COURAGE. Man verschob die Produktion dieses Films und wollte erstmal ein gutes Drehbuch erarbeiten und bot Wolfgang Staudte an, vorher noch einen großen Märchenfilm zu inszenieren. DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK, ein Stoff des deutschen romantischen Dichters Wilhelm Hauff, was man im Deutschen ein Kunstmärchen nennt, im Gegensatz zu den Volksmärchen der Brüder Grimm. Und Staudte sagte zu, was wohl die DEFA-Oberen einigermaßen verwundert hat. Der bei weitem erfolgreichste Film der DEFA, ihr Welterfolg war eigentlich ein Lückenbüßer, entstanden, weil Brecht und Staudte nicht übereinkamen.

Ich war fleißig bei den Vorarbeiten. Das Märchen ist die Geschichte eines Ausgestoßenen, Nicht-Anerkannten. Muck hat einen Buckel und wird deshalb auf der Straße immer gehänselt, also: ausgelacht und geärgert. Er ist zunächst ein Kind, dem die Mutter gestorben ist und dem dann auch der Vater ganz plötzlich stirbt, eine Kinderwaise also.

Es gibt ein paar ganz simple Regeln, die der Filmautor immer bedenken muss, wenn er einen literarischen Stoff bearbeitet. Wenn im Original etwa steht: „Der Mann überlegte lange, und viele Ideen gingen ihm durch den Kopf…“ Dann muss es dafür einen optischen oder verbalen Ausdruck geben, denn ein Mann, der lange überlegt und dem Ideen durch den Kopf gehen, – das ist nicht Film, sondern Literatur, das ist Prosa. Ich arbeitete mit einem Dramaturgen zusammen, den ich von Weimar her gut kannte. Wir erfanden eine Rahmenhandlung, in der der alte Muck sein Leben, seine Biografie erzählt. Und wir erfanden eine umfangreiche Geschichte dazu, die bei Wilhelm Hauff nicht vorkommt, weil wir Angst hatten, dass der Film sonst  nicht lang genug werden könnte. Es ist die Geschichte mit der Kriegserklärung, die wir uns ja nachher ansehen wollen.

Und eines Tages im Herbst 1952 meine erste Begegnung mit Wolfgang Staudte. Ich war mal gerade dreißig Jahre alt, hatte keinerlei Drehbuchschreibeerfahrungen, und geriet als Mitautor an diesen damals doch weltberühmten Regisseur. Er wohnte in Westberlin und liebäugelte mit den Ideen des Sozialismus. Die Zusammenarbeit  ging sehr gut, um es vorweg klar und deutlich zu sagen. Was er an Erfahrungen einbrachte, konnte ich mit einiger Poesie und Naivität ergänzen. Wolfgang Staudte diktierte ein Drehbuch, eins, das er später verfilmen konnte, er dachte und diktierte radikal optisch, mit den Augen einer Kamera. Die DEFA-Mitarbeiterin, die das Diktierte stenografierte, war vermutlich mit der Stasi verbandelt, eine Vermutung, die uns allerdings nie bestätigt wurde. Staudte wusste schon ziemlich genau, wo die Kamera fahren oder schwenken sollte und wo geschnitten werden musste. Alles, was ich im späteren Berufsleben als Regisseur an Fachwissen beherrschte, habe ich bei ihm gelernt. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich offiziell sein Regieassistent war. Auch da war ich ja noch sehr unerfahren, aber ein Mann wie Staudte hatte bei so einem Riesenfilm drei Assistenten. Die anderen passten so genau auf, wie ich das als Anfänger gar nicht gekonnt hätte. Staudte hatte auch gesagt: „Ich brauche Jemanden, mit dem ich reden kann.“ Das reduzierte meine Verantwortung. Ich habe dann später noch zwei Mal als Regieassistent gearbeitet. Beide Male war ich sehr schlecht. Keine guten Erinnerungen.

Die Besetzung der Hauptrolle war ein sehr großes Problem. Ich war der Meinng, dass das kein Kind spielen kann, das fordere einfach eine zu schwere schauspielerische Leistung von einem Kind. Staudte sagte: „Kinder können sehr viel.“ Aber wir suchten unter kleinwüchsigen und sehr jungen Schauspielern. Es war ziemlich deprimierend: keiner brachte die notwendige kindliche Naivität mit. Wir machten riesige Mengen von Probeaufnahmen. Auch mit meiner Frau, die nicht sehr groß war. Als sie die Aufnahmen machte, wusste sie, dass sie für die Rolle nicht in Frage kam. Aber sie hatte nicht ohne Hintergedanken ihren Sohn Thomas aus ihrer ersten Ehe, meinen Stiefsohn, zu den Aufnahmen mitgenommen. Und irgendwann setzte sie ihm den Turban auf den Kopf. Ich weiß nicht mehr, wer zuerst auf ihn aufmerksam wurde. Aber Thomas machte Probeaufnahmen und bekam die Rolle und war sehr sehr gut, wurde auf seine Weise weltberühmt. Auf einem Festival in Schwerin fragte ihn, den nunmehr bärtigen 60-jährigen, eine Frau: „Sie sind der Kleine Muck?“ Thomas bejahte, und sie folgerte: „Sie sind unsterblich!“ Der Film war der Lieblingsfilm von Ho Tschi Min, er läuft immer noch und immer wieder, im Fernsehen, auf Festivals, in Schulen.

Der Film hatte am 23. Dezember 1953 Premiere in Ostberlin. Er lief in der ganzen Welt, aber nur sehr selten in Westdeutschland. Der unglückselige Kalte Krieg verhinderte das. Deshalb erlebte er nach der Wende in Westdeutschland sowas wie eine Renaissance.

Der Kleine Muck hat bei einer leise irren Katzenmutter mitten in der Wüste ein Paar wundertätiger Pantoffel gefunden: Wenn man die Hacken hochzieht, rennen die Pantoffel mit einem davon. Macht man die Hacken wieder runter, geht man ganz normal durch die Welt. Mit Hilfe dieser Pantoffel ist er der Oberleibläufer des mächtigen Sultans geworden.

Dieser Sultan hat eines Tages die Sklaven in seinem Bad gezählt: es waren nur 34, unmöglich, findet er, ob er sich denn alleine abtrocknen solle. Woran liegts? Kein Geld, murmeln seine Ratgeber. Man beschließt, dem Sultan des Nachbarlandes den Krieg zu erklären, um mit dessen Reichtum die eigenen Kassen zu füllen. Oberleibläufer Muck wird mit der Übergabe der Kriegserklärung beauftragt, rennt los und trifft auf den ehemaligen Oberleibläufer Murad… So, genug vorerzählt. Bitte, sehen Sie selbst:

* * *

Bei der Entstehung des Drehbuches und des Films, die Sommerarbeit des Jahres 1953, Thomas war elf Jahre alt, waren die Einflüsse der Politik verhältnismäßig geringfügig.

Nein, ich muss da doch etwas erzählen. Alle Dekorationen, auch die Außenbauten standen auf dem DEFA-Gelände in Potsdam-Babelsberg: Wüsten, Städte, Flussufer, Dörfer. Wir drehten unseren Orient im Sand der Mark Brandenburg. Der Ton war original, ein Mann mit Mikro nahm die Sprache auf. Eines Tages kam ein dauerndes Rasseln von der Straße. Staudte wurde einen Augenblick nervös: „Sorgt verdammt nochmal dafür, dass da nicht dauernd Traktoren die Straße langfahren!“ Es waren keine Traktoren, sondern sowjetrussische Panzerkolonnen auf der Fahrt nach Berlin. Es war der 17. Juni 1953. Kleine Nachhilfe in Geschichte: Der 17. Juni war der Tag, an dem die Arbeiter in Berlin und der DDR einen Aufstand riskierten, der dem DDR-Regime gefährlich zu werden drohte. Natürlich behaupteten die Parteibonzen, die Anstifter kämen aus dem bösen Westen, der ja mitten in Berlin wirklich nicht weit lag. Aber die Protestierer waren Steinewerfer und brüllten im Chor ihre antiöstlichen Parolen. Sie waren so schlecht organisiert, vor allem waren sie unbewaffnet, dass die Russen sehr schnell mit ihnen fertig wurden und den Aufstand niederschlugen. Es gab einige Tote, nicht sehr viele. Die Partei änderte etwas an ihrer Taktik, sie wurde liberaler, aber nicht wirklich liberal.

Unser Film DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK wurde sehr schnell ein Riesenerfolg. Erst in der DDR, aber schon sehr schnell auch in der ganzen Welt. Als ich mal einem Regisseur als der Autor des Films vorgestellt wurde, sagte er: „Sie haben einen Welterfolg geschrieben.“ Naja, fand ich sehr schön, sowas gesagt zu bekommen.

Auf den Wogen dieses Erfolges wurde ich gefragt, was ich denn als nächstes schreiben wolle. Ich sagte, ich hätte keinerlei exakte Pläne. Da schlug man mir vor, das Märchen vom TAPFEREN SCHNEIDERLEIN zu schreiben. Wer hat es nicht im Kopf? Ich glaube, das gibt es auch im Italienischen. Das Schneiderlein erschlägt mit einer Fliegenklatsche sieben Fliegen und stickt auf seinen Gürtel: ‚Sieben auf einen Streich.‘ Die Leute, die das lesen, sollen denken, er habe sieben Ritter auf einen Schlag umgebracht, dabei waren es doch nur Fliegen. Aber das muss man den Leuten ja nicht sagen.

Ich fand das einen guten Vorschlag und machte mich an die Vorarbeiten: Exposé, Szenarium. Bevor es ans Drehbuchschreiben ging, wurden der Dramaturg und ich zu einem Treffen nach Pankow bestellt. Wir waren gewarnt: Pankow, ein Ortsteil von Berlin, war Partei, nicht Film oder gar Filmästhetik. Aber wir waren guten Mutes. Und ich tappte prompt in die Falle, als ich gefragt wurde: „Warum stickt denn das tapfere Schneiderlein ‚Sieben auf einen Streich‘ auf seinen Gürtel?“ Ich überlegte nicht lange und antwortete, dass sei eine sehr liebenswürdige Hochstapelei. Ich löste damit einen Aufschrei der Entrüstung aus: „Nein! Niemals! Niemals ist der Mann aus dem Volke, der König wird, auch nur im geringsten ein Hochstapler! Da muss eine ganz andere Lösung her.“ Und dann kam der Knüller: Wilhelm Pieck war damals der Präsident der Deutschen Demokratischen Republik, ein ehemaliger Tischler. Warum nicht ein ehemaliger Tischler? Aber mir wurde mit auf den Weg zurück an den  Schreibtisch gegeben: „Das tapfere Schneiderlein, das ist Wilhelm Pieck.“

In meiner Seele machte es Klick. Ich fuhr nach Hause nach Babelsberg und sagte zu meiner Frau: „Charlotte, pack die Koffer, das wird nichts mehr hier. Hier gedeih ich nicht.“  Wir zogen unter sehr glücklichen Umständen mit Möbeln und Hausrat – es war eine Tauwetterperiode in der DDR, einige Monate später wäre das gar nicht mehr möglich gewesen – nach München.

Der Film wurde gedreht, unter der Regie ebendes Dramaturgen, den ich von Weimar her kannte und mit dem ich den Stoff entwickelt hatte. Ich sags jetzt mal so klipp und klar: Ein schrecklicher Film! Im Märchen heiratet das Schneiderlein die Prinzessin, im Film deren Zofe, weil das ein Mädchen aus dem Volke war.

Nein: So viel Politik darf beim Märchen nicht sein.

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